GedankenraumPhilipp Felsch — DenkerVita
Philipp Felsch erzählt Theorie als Geschichte: wie Gedanken in Taschenbüchern, Archiven und Bungalows lebten, vom Merve-Verlag über Nietzsches Rettung bis zu Habermas.
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David Hockney — flache, helle Acrylfarben, Innenräume voller Sonne. Felsch erzählt die Geschichte der Theorie als Geschichte von Dingen: Taschenbücher des Merve-Verlags, Archivkästen in Weimar, Wohnzimmer in West-Berlin. Das Banner malt dieses Zimmer, Stapel bunter Bändchen, die Schreibmaschine, den Plattenspieler, im Fenster das Archiv, und auf dem Fensterbrett ein paar Bücher, die gleich losfliegen.
Prompt: Painting in the style of David Hockney, flat bright acrylic colours, wide horizontal banner. A sunny West Berlin apartment interior in the 1970s: shelves and floor stacked with small colourful paperback books in uniform pastel covers, some open, some piled into towers; a rattan chair, a record player, a typewriter on a desk; through the big window an archive building with tall shelves of grey document boxes, and a mountain landscape on a postcard pinned to the wall. A few paperbacks lie on the windowsill as if about to fly out like birds. Cheerful, curious, intellectual atmosphere. No legible text on the books, no people.
Biographischer Snapshot
Philipp Felsch (*1972, Göttingen) ist Professor für Kulturgeschichte an der Humboldt-Universität zu Berlin. Er kommt aus der Wissenschaftsgeschichte und schreibt heute die Geschichte der Theorie selbst: wann sie zur Lebensform wurde, in welchen Büchern sie reiste und wie sie wieder verblasste.
Am Deutschen Hygiene-Museum Dresden moderiert er seit Jahren die Reihe Theorien zur Praxis – Philosophische Gespräche, in der er mit jeweils einem Gast eine Denkerin oder eine Denkfigur an der Gegenwart prüft.
Wichtigste Bücher: Der lange Sommer der Theorie (2015), Wie Nietzsche aus der Kälte kam (2022), Der Philosoph. Habermas und wir (2024) Kernbegriffe: Theorie als Gattung, Ideenreportage, Taschenbuch-Kultur, BRD Noir, Bonner Republik
Biografie
Felsch wird 1972 in Göttingen geboren und studiert Geschichte und Philosophie in Freiburg, Köln, Bologna und Berlin. Seine ersten Forschungsjahre gehören der Wissenschaftsgeschichte: 2002 bis 2005 ist er Stipendiat am Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte in Berlin, 2005 bis 2007 am Internationalen Forschungszentrum Kulturwissenschaften in Wien. 2006 promoviert er an der Universität Zürich über physiologische Alpenreisen im 19. Jahrhundert, über Forscher also, die im Gebirge die Ermüdung des menschlichen Körpers vermaßen. Im selben Winter kuratiert er in der Innsbrucker Hofburg die Ausstellung Berge, eine unverständliche Leidenschaft.
Von 2006 bis 2011 arbeitet er an der Professur für Wissenschaftsforschung der ETH Zürich und im Nationalen Forschungsschwerpunkt Bildkritik eikones. Daraus entsteht 2010 ein Buch über den Gothaer Kartografen August Petermann, der das eisfreie Polarmeer so lange theoretisch begründete, bis Expeditionen danach suchten.
2011 wird er Juniorprofessor für Geschichte der Humanwissenschaften am Institut für Kulturwissenschaft der Humboldt-Universität. Zugleich verschiebt sich sein Gegenstand von den Bergen und Polen zu den Büchern: Der Aufsatz Merves Lachen (2008) ist der Keim für Der lange Sommer der Theorie (2015), mit dem er ein breites Publikum erreicht. Bis Februar 2018 ist er außerdem Redakteur beim Philosophie Magazin. 2018 übernimmt er an der Humboldt-Universität die Professur für Kulturgeschichte als Nachfolger von Thomas Macho; im Arendt-Gespräch vom 27. März 2018 wird er als Juniorprofessor vorgestellt, der „ab nächster Woche“ den Lehrstuhl antritt.
Für seine Essayistik erhält er 2015 den Förderpreis zum Ernst-Robert-Curtius-Preis und 2017 den Förderpreis des Hugo-Ball-Preises. 2017 tritt er in Irene von Albertis Film Der lange Sommer der Theorie als Gesprächspartner auf. Seine Bücher über die Theorie und über Nietzsche sind bei Polity auf Englisch erschienen; im Herbst 2024 stellte er das Nietzsche-Buch am Center for European Studies in Harvard vor.
Bücher & Publikationen
| Titel | Jahr | Beschreibung |
|---|---|---|
| Laborlandschaften. Physiologische Alpenreisen im 19. Jahrhundert | 2007 | Dissertation (Wallstein). Das Hochgebirge als Labor: Physiologen, die am Berg die Grenzen von Atmung, Arbeit und Ermüdung vermessen. |
| Wie August Petermann den Nordpol erfand | 2010 | Ein Schreibtischgelehrter in Gotha entwirft ein offenes Polarmeer und schickt Expeditionen hinter einer Hypothese her. Wissenschaftsgeschichte als Geschichte einer produktiven Fiktion. |
| Der lange Sommer der Theorie. Geschichte einer Revolte 1960–1990 | 2015 | Am Beispiel des West-Berliner Merve-Verlags und seines Gründers Peter Gente: wie Theorie nach 1968 zur Lebensform wurde, vom Marxismus über Poststrukturalismus bis zur Systemtheorie, und wie sie in den Achtzigern in Kunstbetrieb und Universität aufging. Englisch 2021 als The Summer of Theory. |
| BRD Noir | 2016 | Gesprächsband mit dem Schriftsteller Frank Witzel (Matthes & Seitz). Die alte Bundesrepublik nicht als fade Idylle, sondern als abgründige Landschaft gesehen. |
| Wie Nietzsche aus der Kälte kam. Geschichte einer Rettung | 2022 | Die beiden italienischen Antifaschisten Giorgio Colli und Mazzino Montinari erarbeiten ab den 1960er Jahren aus den Weimarer Handschriften eine kritische Nietzsche-Ausgabe, mitten in der DDR, die Nietzsche verschmähte. Englisch 2024 als How Nietzsche Came in From the Cold. |
| Der Philosoph. Habermas und wir | 2024 | Essayistisches Porträt von Jürgen Habermas und der Bundesrepublik, der er ihr Gesicht gab. Rahmen sind zwei Besuche in Starnberg; im Zentrum steht der öffentliche Intellektuelle, weniger das theoretische Werk. Englisch als The Philosopher. |
Herausgeberschaft: Berge, eine unverständliche Leidenschaft (Ausstellungsbuch, mit Beat Gugger und Gabriele Rath, Folio 2008) · The Laboratory of Nature – Science in the Mountains (mit Charlotte Bigg und David Aubin, Science in Context 22/3, 2009).
Aufsätze (Auswahl): Merves Lachen (Zeitschrift für Ideengeschichte, 2008) · Der arktische Konjunktiv (Osteuropa, 2011) · Theoriedesign nach dem Deutschen Herbst (Merkur, 2014).
Empfehlenswerte Videos & Vorträge
Aus der Reihe „Theorien zur Praxis – Philosophische Gespräche“ am Deutschen Hygiene-Museum Dresden (Felsch moderiert):
- Hannah Arendt und der Ursprung totalitärer Herrschaft — mit der Literaturwissenschaftlerin Eva Geulen, 27.03.2018. Arendts Begriffe von Pluralität, Natalität und Öffentlichkeit, ihr Totalitarismusbuch und die Banalität des Bösen; Anlass war die Ausstellung Rassismus. Die Erfindung von Menschenrassen.
- Die Theorie(n) der Neuen Rechten — mit dem Ideenhistoriker Danilo Scholz (EHESS Paris), 2019. Wie die Neue Rechte seit den Sechzigern um kulturelle Hegemonie ringt und Gramsci von rechts liest.
- Was war der Liberalismus – und was könnte er sein? — mit Albrecht Koschorke (Konstanz), 18.03.2025. Die liberale Demokratie unter Druck von Autokraten und von ihren neuen Verächtern in den USA.
- Traumatisierte Gegenwart? Zur Geschichte, Theorie und Konjunktur einer Diagnose — mit dem Traumaforscher Andreas Maercker (Zürich), 16.09.2025. Wie ein klinischer Begriff zur Zeitdiagnose wurde.
Über seine eigenen Bücher:
- Kaube im Gespräch: Philipp Felsch und „Der Philosoph. Habermas und wir“ — Evangelische Akademie Frankfurt, November 2024, mit FAZ-Herausgeber Jürgen Kaube.
- Wie Nietzsche aus der Kälte kam — im Gespräch mit Katrin Wenzel (2022). Colli, Montinari und die Nietzsche-Handschriften in der DDR.
- DER LANGE SOMMER DER THEORIE – Interview mit Philipp Felsch — Filmgalerie 451, 2017, zum Film von Irene von Alberti.
- Critical Theory After Habermas — englisch, im Podcast Emancipations mit Daniel Tutt, Februar 2026. Habermas zwischen Frankfurter Schule, 1968 und der Wende zur Kommunikationstheorie.
Kernthesen
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Theorie war eine historische Gattung, keine zeitlose Disziplin. Zwischen 1960 und 1990 war „Theorie“ für eine Generation mehr als Philosophie: ein Lesestoff, eine Haltung, ein Versprechen. Sie entstand im Marxismus der Achtundsechziger und wanderte über Kritische Theorie und Poststrukturalismus in Kunstbetrieb und Universität, wo sie ihre Sprengkraft verlor. Wer sie verstehen will, muss sie historisieren wie jede andere Mode des Denkens.
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Das Medium trägt den Gedanken. Die edition suhrkamp und die schmalen Merve-Bändchen haben die Theorie nicht nur verbreitet, sie haben sie möglich gemacht: billig, griffig, in der Jackentasche. Felsch nennt sein Verfahren im Anschluss an Foucault „Ideenreportage“, in Abgrenzung zur klassischen Ideengeschichte. Es interessiert ihn, wo und wie Ideen gelesen, verlegt und gelebt wurden.
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Auch Texte müssen gerettet werden. In der Nietzsche-Geschichte ist Philologie ein politischer Akt: Zwei italienische Antifaschisten befreien Nietzsche aus der Vereinnahmung durch den Nationalsozialismus, indem sie ihn genau lesen, Handschrift für Handschrift, ausgerechnet im Archiv eines Staates, der ihn ablehnt.
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Habermas ist der Philosoph der Bonner Republik. Felsch liest ihn weniger über das Werk, das er selbst „entmutigend unzugänglich“ nennt, als über seine Interventionen: Habermas als Katalysator westdeutscher Stimmungen, vom Heidegger-Angriff über den Streit mit der Studentenbewegung bis zur Erinnerungskultur. Die offene Frage des Buches ist, ob diese intellektuelle Autorität mit der „Zeitenwende“ endet oder neue Brisanz gewinnt.
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Die alte Bundesrepublik war unheimlicher, als ihre Nostalgie zugibt. Mit Frank Witzel prägt er den Begriff „BRD Noir“: ein Blick auf die Bonner Jahre, der nicht das Fade, sondern das Abgründige sucht, als Gegenstück zur verklärenden Ostalgie.
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Theorie gehört an die Gegenwart gehalten. Die Dresdner Reihe, die er moderiert, folgt dieser Haltung: Arendt zur Rassismus-Ausstellung des Museums, die Neue Rechte, der Liberalismus nach Trump, die Konjunktur des Traumas. Seine Rolle ist dabei die des genauen Fragenden, der Begriffe aus ihrer Entstehung erklärt.
Politische Einordnung
Felsch ist Historiker der Theorie, kein Parteigänger einer ihrer Schulen. Er schreibt über die linke Theoriekultur nach 1968 mit Sympathie und Abstand zugleich; sie ist für ihn Gegenstand, nicht Bekenntnis. Kritik nahm er auf: Als der Germanist Arnd Wedemeyer bemängelte, dass Der lange Sommer der Theorie Frauen wie Heidi Paris, Luce Irigaray oder Hélène Cixous und den Feminismus kaum vorkommen lässt, gab Felsch ihm recht und nannte das eine Schwäche des Buches. Die Neue Rechte behandelt er analytisch, als Ideengeschichte einer Gegenbewegung, nicht als bloßes Feindbild. Am Habermas-Buch schieden sich die Rezensenten: Die Süddeutsche lobte die Lesbarkeit, andere fanden es zu leicht oder zu zahm.
Verbindungen zu anderen Denkern
- Eva Geulen — Gesprächspartnerin des Dresdner Arendt-Abends und Kollegin an der Humboldt-Universität; beide teilen die Leidenschaft für Theoriegeschichte, Geulen von der Literatur her, Felsch von der Wissenschaftsgeschichte.
- Hannah Arendt — Im Dresdner Gespräch drängt Felsch auf die Zumutungen: Ist der Wunsch nach Ruhm nicht narzisstisch, ist Arendt nicht eine politische Romantikerin? (→ Philipp Felsch und Eva Geulen — Arendt und die Ursprünge totaler Herrschaft)
- Jürgen Habermas — Gegenstand seines jüngsten Buchs Der Philosoph. Habermas und wir (2024); Felsch erzählt ihn als Denker der Bundesrepublik, der die Öffentlichkeit zur Wahrheitsinstanz machte.
- Martin Heidegger — Im Arendt-Gespräch stellt Felsch Heideggers Hammer gegen Arendts Tisch: Welt vom Einzelnen her oder Welt, die nur gemeinsam entsteht.
Cortex-Notes
Im Bestand
fünf gedachte Verweise