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Gedankenraum
Denker·10. Oktober 2026·1:56 h·92 Belegstellen

Philipp Felsch und Eva Geulen — Arendt und die Ursprünge totaler Herrschaft

Ein Tisch, an dem alle sitzen und jeder anderes sieht: Arendts Begriff des Politischen, und was geschieht, wenn Masse, Ideologie und Terror ihn zerstören. Dresden 2018.

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Giorgio de Chirico — die Pittura metafisica: leere Piazzen, lange Arkaden, Schatten am Nachmittag, Gliederpuppen statt Menschen. Kein Maler hat die verlorene gemeinsame Welt so genau gemalt, einen Platz, der für Versammlung gebaut ist und auf dem niemand mehr zusammenkommt. Links sitzen die Figuren um Arendts Tisch, jede von einer anderen Seite; nach rechts löst sich die Runde auf, Stühle stehen verstreut und umgekippt, eine Figur steht allein im Licht, und oben fährt der Zug, der bei de Chirico immer abfährt.

Prompt: Metaphysical painting in the style of Giorgio de Chirico, wide horizontal banner. An empty Italian piazza with long arcades and deep late-afternoon shadows. In the centre stands a long wooden table with many simple chairs around it; on the near side several chairs are occupied by faceless mannequin figures turned toward each other, each seen from a different angle, as if in conversation. Toward the right the arrangement dissolves: chairs stand apart, scattered and turned away, the table seems to recede into a vast deserted square, one mannequin stands alone in the long shadow of a tower, with a distant steam train crossing the horizon. Green-blue sky, ochre and terracotta buildings, strong raking light, eerie stillness. No text, no flags, no symbols.

Worum es geht

Ein Tisch, an dem alle sitzen und jeder etwas anderes sieht: So beschreibt Hannah Arendt die Welt, in der Politik möglich ist. Im März 2018 sprechen der Kulturhistoriker Philipp Felsch und die Literaturwissenschaftlerin Eva Geulen im Deutschen Hygiene-Museum Dresden zwei Stunden über diesen Tisch und darüber, wie man ihn zerstört. Totale Herrschaft beginnt für Arendt dort, wo Menschen keine gemeinsame Welt mehr haben: in der Masse, im Gesetz der Natur oder Geschichte, im Terror, am Ende in der totalen Verlassenheit. Das Gespräch fand in einer Stadt statt, in der gerade jeden Samstag gegen Geflüchtete marschiert wurde, und die Fragen aus dem Saal machen daraus einen Abend über die Gegenwart.

Anlass — Hannah Arendt wird 120 (14. Oktober)

Am 14. Oktober 1906 wurde Hannah Arendt in Linden bei Hannover geboren. The Origins of Totalitarianism, das Buch, um das sich dieses Gespräch dreht, erschien 1951, im selben Jahr, in dem Arendt nach achtzehn Jahren Staatenlosigkeit Amerikanerin wurde. Es wird 2026 fünfundsiebzig. Geschrieben hat sie es aus der Erfahrung, die sie später das „Recht, Rechte zu haben“ nannte: Wer aus jeder politischen Gemeinschaft herausfällt, dem helfen keine Menschenrechte. Zum Geburtstag zwei Notes: diese, die ihr Hauptwerk auseinanderlegt, und Hannah Arendt — Zur Person (im Gespräch mit Günter Gaus, 1964), in der sie selbst spricht.

Quelle: Philosophisches Gespräch: Hannah Arendt und der Ursprung totalitärer Herrschaft — Deutsches Hygiene-Museum Dresden, Reihe Theorien zur Praxis – Philosophische Gespräche, Veranstaltung vom 27.03.2018, 115 Min. (Upload 03.04.2018) · Zitate nach den automatisch erzeugten Untertiteln, behutsam geglättet

Wer spricht?

Eva Geulen (1962, Bergneustadt) — Literaturwissenschaftlerin, seit 2015 Direktorin des Leibniz-Zentrums für Literatur- und Kulturforschung (ZfL) Berlin und Professorin an der Humboldt-Universität. Sie liest Theorie als Geschichte: Goethes Morphologie, Agamben, „das Ende der Kunst“. Zu Arendt kam sie über Giorgio Agamben und gab mit Kai Kauffmann und Georg Mein den Band Hannah Arendt und Giorgio Agamben heraus; heute ist sie Mitherausgeberin der Kritischen Gesamtausgabe von Arendts Werken. Im Gespräch ist sie die, die antwortet.

→ DenkerVita Eva Geulen

Philipp Felsch (1972, Göttingen) — Kultur- und Wissenschaftshistoriker an der Humboldt-Universität, Autor von Der lange Sommer der Theorie (2015), Wie Nietzsche aus der Kälte kam (2022) und Der Philosoph. Habermas und wir (2024). Er moderiert die Dresdner Reihe seit ihrem Beginn; an diesem Abend fragt er, spitzt zu und widerspricht.

→ DenkerVita Philipp Felsch

Die, um die es geht: Hannah Arendt (1906–1975) → DenkerVita Hannah Arendt


Warum gerade jetzt?

0:54 Die Moderatorin des Museums beginnt mit einer Zahl: Binnen kurzem hätten dreitausend Menschen die Ankündigung auf Facebook angeklickt, das habe die Reihe noch nie erlebt. Warum zieht Arendt so viele an? Das Haus hat einen eigenen Grund: Im Mai 2018 eröffnet die Ausstellung Rassismus. Die Erfindung von Menschenrassen, und Arendts Analyse der Rassenideologie und ihrer politischen Verwendung war dafür einschlägig. 2:26 Und die Stadt hat einen: Am 8. März, knapp drei Wochen vorher, hatten Durs Grünbein und Uwe Tellkamp im Kulturpalast gestritten, nach den Worten der Moderatorin eröffnet mit einem Arendt-Satz, „Der Sinn von Politik ist Freiheit“, und der Nachhall war noch nicht verklungen.

11:45 Eva Geulen gibt eine erste Antwort, nachdem sie das Leben in wenigen Minuten erzählt hat, von Königsberg über Heidegger, Jaspers und die Flucht über die Pyrenäen bis New York. Man könne Arendts Leben auch anhand der Kontroversen erzählen, die sie ausgelöst hat. Das Faszinierende an ihr sei ein Mut zum Urteil „bis zur Rücksichtslosigkeit“, eine Frau, die ihre Stellung bezog und verteidigte und sich stets unerwartet und unkonventionell verhielt.

12:30 Zum Eichmann-Buch, über das der Abend ausdrücklich nicht sprechen will, sagt Felsch doch zwei Sätze, und es werden drei Punkte. Arendt hielt den Prozess in Jerusalem juristisch für problematisch, weil es für Verbrechen gegen die Menschheit kein angemessenes Gericht gab und ein Nationalstaat dafür der falsche Ort war; sie war früh für eine binationale Lösung in Palästina. Sie nannte Eichmann einen „Hanswurst“ statt der dämonischen Figur, die man erwartet hatte. Und was sie über die Judenräte schrieb, lasen viele als Schuldzuweisung an die Opfer. 14:00 Noch kürzlich sei ein Text von Hans Blumenberg erschienen, der sagt, sie hätte das zu diesem Zeitpunkt nicht sagen dürfen, selbst wenn es stimmte. Auf diese Kontroverse antwortete sie mit dem Essay Wahrheit und Politik.

Politik mit von der Philosophie ungetrübten Augen

15:36 Die Veranstalter spielen den Anfang des Gaus-Interviews ein, in dem Arendt protestiert, sie sei keine Philosophin, sie wolle „Politik sehen mit, gewissermaßen, von der Philosophie ungetrübten Augen“ (→ Hannah Arendt — Zur Person (im Gespräch mit Günter Gaus, 1964)). 20:13 Felsch nennt das typisch: Arendt denke gern in Gegensatzpaaren, hier die vita contemplativa der Philosophen, dort die vita activa, deren höchste Form das politische Handeln ist.

Geulen erzählt, wie Arendt diesen Gegensatz herleitet. 20:59 Die Philosophie sei aus einem politischen Konflikt geboren, dem zwischen Sokrates und der Stadt Athen, der für Sokrates tödlich endete. 21:44 Aus diesem Konflikt kommt die Bevorzugung des Nachdenkens vor dem Handeln, und sie zieht sich von Platon durch das Christentum: die Abkehr von dieser Welt zugunsten einer anderen.

„Damit hat sie gleichzeitig gezeigt, dass Begriffe nicht einfach konstruiert sind, sondern aus bestimmten Erfahrungen heraus entstehen, und auf diese Erfahrung kommt es an.“ — Eva Geulen 22:31

Hören — 22:31

Das ist der methodische Kern, den man aus diesem Abend mitnehmen kann. Arendt liest einen Begriff wie einen Fundort: Was musste geschehen sein, damit jemand so denkt? Felsch fügt hinzu, eigentlich müsse man Marx' elfte Feuerbachthese zitieren, es komme darauf an, die Welt zu verändern. 23:17 Die Philosophie in der platonischen Tradition betreffe den Menschen im Singular, das Handeln die Menschen im Plural.

Der Tisch

24:03 Was heißt Pluralität? Geulen: Politik braucht eine Öffentlichkeit, in der andere anwesend sind. Es gibt kein politisches Handeln, wenn nicht die Vielen da sind, wenn es keine Mitwelt gibt und keinen Raum, in dem man sich begegnen und miteinander sprechen kann. 24:50 Die üblichen Begriffe von Politik setzen beim Einzelnen an: der Mensch als politisches Lebewesen, Politik als Verhältnis von Herrschern und Beherrschten, Politik als Machtkampf. Bei Arendt geschieht Politik nur im Zwischen, im „Bezugsgewebe“, in das man durch die Geburt eintritt und aus dem man mit dem Tod wieder austritt, das aber das eigene Auf- und Abtreten überdauert. 25:37 Darum kann Politik nicht überall entstehen. Sie braucht, was Arendt eine Welt nennt.

Dann kommt das Bild, das Arendt selbst in der Vita activa gebraucht. Wenn viele um einen Tisch sitzen, sehen alle denselben Tisch, jeder aus einer anderen Perspektive. Der Tisch versammelt sie und trennt sie zugleich. 26:23 Im Gespräch wird der Unterschied zum Tisch der Erkenntnistheoretiker deutlich, die gern Bertrand Russells Tisch bemühen: Wir schauen den Tisch nicht an und verständigen uns augenzwinkernd darüber, dass es derselbe ist. Wir sitzen um ihn herum und reden.

„Wir können uns nur versammeln und als Gleiche begegnen, wenn wir nicht nur davon ausgehen, dass wir viele sind, sondern dass jeder anders ist. Diese Pluralität heißt auch absolute Verschiedenheit, und die soll und kann nicht aufgelöst werden.“ — Eva Geulen 26:23

Im Gespräch — 26:23

27:54 Felsch setzt Heideggers Hammer dagegen, das Zeug, an dem bei Heidegger Welt aufgeht, und fragt, ob man den Unterschied so fassen könne: Heideggers Welt entstehe vom Einzelnen aus, Arendts Welt immer gemeinsam. Geulen ist vorsichtiger. Heidegger habe die Öffentlichkeit massiv abgewertet, das habe Arendt ihm nie verziehen und ihn den „letzten Romantiker“ genannt. Aber das Mitsein steht schon in Sein und Zeit. Der Unterschied liege im Verfahren: Heidegger holt aus der Tradition vergessene Wortbedeutungen hervor, Arendt sucht die historische Erfahrung hinter den Begriffen, und zwar immer aus der Gegenwart heraus. 30:57 Statt „Hammer und Tisch“ würde sie lieber sagen: „die Hütte in Todtnauberg und Riverside Drive in Manhattan.“

Eigene Einschätzung

Das Tischbild ist das Gegenmittel gegen zwei Versuchungen, die heute beide laut sind. Die eine will, dass alle dasselbe sehen, und nennt jede abweichende Perspektive Verrat. Die andere sagt, jeder habe seine eigene Wahrheit, und dann gibt es keinen Tisch mehr, nur noch Leute, die in getrennten Räumen sitzen. Arendt verlangt beides zugleich: denselben Gegenstand und die verschiedenen Blicke darauf. Das ist anspruchsvoller als Konsens und anspruchsvoller als Relativismus, und es beschreibt ziemlich genau, was die Gedankenwelten mit ihren Panoramen versuchen.

Das Licht der Öffentlichkeit

32:30 Felsch stellt die kritische Frage: Arendt lege viel Wert auf Ruhm, auf den Wunsch nach irdischer Unsterblichkeit, auf das Bedürfnis, ins Licht der Öffentlichkeit zu treten. 33:16 Ist das nicht furchtbar narzisstisch? Geulen nennt das genau das Vorurteil, mit dem sich alle auseinandersetzen müssen, die öffentlich auftreten. 34:03 Arendt habe Betriebsamkeit verachtet. Wenn in ihren Beispielen gesprochen wurde, kamen Entscheidungen heraus, Verfassungen; das Wichtigste sei ihr die Gesetzgebung, ohne die der öffentliche Raum nicht eingeräumt werden kann. 34:48 Ruhm und Unsterblichkeit hängen an der Welt: Sie war vor uns da und soll für andere noch da sein. Reden ist kein Selbstzweck, es steht im Dienst einer Welt.

35:33 Und das Auftreten selbst sei ein „ungeheures Wagnis“, weil man sich als Person zeigt, ob man will oder nicht, selbst wenn man lügt oder Show macht. 36:18 Der Hersteller, der homo faber, ist Herr seines Werks; wer öffentlich spricht und handelt, hat keine Kontrolle über das, was damit geschieht, und kann es nicht zurücknehmen. Das Licht der Öffentlichkeit zu suchen heißt darum nicht, bei „Deutschland sucht den Superstar“ mitzumachen. Felsch hält dagegen, vom Fernsehen würde heute niemand glauben, dass es die Menschen in ihrer Wahrheit zeigt. 37:06 Geulen: Bis zu einem gewissen Grad habe Arendt das gesehen, nach den Pentagon Papers schrieb sie über das Lügengewebe um den Vietnamkrieg, über Spin-Doctors und Imagepflege als Verfallsform.

Weitergedacht

Arendt verlangt, dass man sich in der Öffentlichkeit als Person zeigt, mit allem Risiko. Heute zeigt sich jeder ständig öffentlich, und die Plattformen belohnen die Show. Ist das die Erfüllung von Arendts Öffentlichkeit oder ihr Gegenteil? Woran erkennt man den Unterschied zwischen einem Auftritt, der ein Wagnis ist, und einem, der nur Reichweite sucht?

Macht ist nicht Herrschaft

39:21 Felsch nennt eine zweite Zumutung. Seit Max Weber denken wir Politik als Herrschaft. Bei Arendt ist es umgekehrt: Herrschaft findet im Haus statt, im Privaten, und wird erst zum Problem, wenn das Häusliche, etwa die Ökonomie, die Sphäre der Freiheit besetzt. 40:51 Geulen setzt einen Begriff daneben, der sie selbst immer wieder überrascht: Kaum jemand habe so zuversichtlich über Macht gesprochen wie Arendt.

„Macht ist überhaupt nichts von Haus aus Negatives und hat auch mit Herrschaft erst mal nichts zu tun, sondern das, was zwischen Menschen entsteht, wenn sie ‚act in concert‘, wenn sie gemeinsam handeln. Und je mehr Macht geteilt wird, desto größer wird die Macht.“ — Eva Geulen 40:51

Hören — 40:51

Das Beispiel ist die Gewaltenteilung, von Montesquieu bis zur amerikanischen Verfassung. 42:23 Felsch bemerkt, schon der Titel des Hauptwerks trage das Wort Herrschaft: In der totalen Herrschaft hat die Herrschaft die Politik ersetzt.

43:09 Dann der Vergleich mit Carl Schmitt, dem anderen großen Theoretiker des Politischen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts: dissoziativer gegen assoziativen Begriff? Geulen überrascht mit einem Fund. 44:39 In einem offenen Brief an den französischen Schriftsteller Jules Romains, der sich beklagte, er habe die Juden doch unterstützt und werde jetzt angefeindet, schreibt Arendt sinngemäß, in der Politik gebe es nur Freunde und Feinde. (Geulen nennt im Gespräch Romain Rolland und die späten Vierzigerjahre; gemeint ist Arendts erste Aufbau-Kolumne vom Oktober 1941.) Das klinge nach Schmitt. 45:26 Der Unterschied liege bei der Souveränität. Schmitt: Souverän ist, wer über den Ausnahmezustand entscheidet. Für Arendt ist die Souveränität das eigentliche Feindbild: Wo sie in der Politik behauptet wird, „ist alles schon verloren“. 46:11 Die Französische Revolution suchte einen obersten Gesetzgeber, eine absolute Quelle; die Amerikaner wichen dem aus und schrieben eine Bill of Rights statt absoluter Menschenrechte. Felsch ergänzt Rousseaus volonté générale, den einen Willen, in dem das Volk mit einer Stimme spricht: Für Arendt der Anfang der Katastrophe.

Eigene Einschätzung

Wer heute „das Volk“ gegen „die da oben“ ruft, beansprucht genau diese eine Stimme, die Arendt fürchtete. Ihr Gegenmittel ist unbequem: Macht wächst, wenn man sie teilt, und schrumpft, wenn einer sie allein beansprucht. Daraus folgt eine Prüffrage für jede politische Bewegung, auch für die, mit der man sympathisiert: Will sie die Macht teilen oder an sich ziehen? Bürgerräte, Gewaltenteilung, Föderalismus bestehen diese Prüfung, ein Wille des Volkes, den einer verkörpert, nicht.

Die totale Herrschaft: Masse, Ideologie, Terror

50:46 Jetzt geht es um das Buch. Arendt ist berühmt geworden für die Totalitarismustheorie, die Nationalsozialismus und Stalinismus vergleicht. 51:32 Totale Herrschaft ist für sie das Ergebnis der Zerstörung des Politischen, das Endprodukt eines langen Prozesses, die Herrschaft von Ideologie und Terror.

52:17 Die Masse. Die Bedingung, ohne die nichts geht, ist die Massengesellschaft: Die Klassengesellschaft des 19. Jahrhunderts mit ihren Interessengruppen, Parteien, Milieus zerfällt zu einer amorphen Masse. 53:02 Geulen verbindet das mit dem Nationalstaat, der nach dem Ersten Weltkrieg zusammenbrach: Es entsteht eine „Ortlosigkeit der individuellen Subjekte“, die sie anfällig macht. Die Dreyfus-Affäre war die Generalprobe für den Mob. 53:47 Aber Mob, Wirtschaftskrise, Entwurzelung allein machen noch keinen Totalitarismus. (Die Forschung zum Aufstieg der NSDAP hat die Massen-These inzwischen eingeschränkt, → Faktencheck.)

54:35 Die Ideologie. Rassisches Denken gab es im 18. und 19. Jahrhundert, Judenhass immer, Weltanschauungen aller Art, Lebensreform eingeschlossen. Dass ausgerechnet Rassismus und Antisemitismus zur tragenden Energie des Nationalsozialismus wurden, ist damit nicht erklärt. 55:21 Ideologie wird eine Weltanschauung, so Geulen, in dem Augenblick, in dem positives Recht umgangen und zur Legitimation auf ein Gesetz der Natur oder der Geschichte verwiesen wird, das befiehlt, was zu tun sei. Die Täter verstehen sich als Vollstrecker eines Rassenkampfs, den das Gesetz ohnehin fordert. Eine solche Ideologie greift auf die Zukunft aus, ist gegen jede Erfahrung immunisiert und beantwortet logisch alle Fragen der Welt.

56:52 Felsch zieht die Unterscheidung, auf die Arendt besteht: Totalitarismus ist keine Tyrannis. In der Tyrannis herrscht nach antiker Lehre Gesetzlosigkeit. Im Totalitarismus herrschen Gesetze, aber keine positiven mehr, sondern Gesetze der Natur wie das Rassengesetz oder der Geschichte wie in der marxistischen Geschichtsphilosophie. 57:37 Allen gemeinsam ist, dass sie nicht beschreiben, was ist, sondern sagen, was sein wird. 58:23 Geulen: Der Rassismus sei für Arendt im Grunde Geschichtsphilosophie, angewandt auf die Natur, ein Idealzustand in der Zukunft, der den ganzen Erdball umfasst. 59:08 Arendt zitiert dazu Kipling: Das große Spiel ist erst vorbei, wenn alle tot sind. Darum spricht sie von der „Fabrikation der Leichen“.

„Strukturen werden im Grunde in Prozesse verwandelt.“ — Philipp Felsch 59:56

Im Gespräch — 59:56

60:44 Das Absurde, sagt Geulen, sei, dass der Nationalsozialismus bereit war, sich im Dienst der Ideologie selbst abzuschaffen. Es geht nicht um Nutzen und nicht um Machtakkumulation, „der ganze Utilitarismus ist außen vor.“

61:31 Ist dann Hegel schuld, mit seiner Geschichte als notwendigem Prozess? Geulen widerspricht entschieden. Hegel war Philosoph, kein Politiker. Er ist eines der Elemente, die erst in der „totalitären Kristallisation“ plötzlich zusammenschießen. 62:17 Niemals würde Arendt sagen, die Tradition von Hegel bis Nietzsche trage Verantwortung oder sei Stichwortgeber gewesen. 63:02 Bei Marx schwankt sie: Die Vita activa begann als Projekt über „totalitäre Elemente im Marxismus“, weil die Elemente des Buchs (Imperialismus, Rassismus, Antisemitismus) für Russland nicht passten. 63:49 Am Ende rechnet Arendt Marx zur Tradition, zu der wir nach der Erfahrung des Totalitarismus keinen Zugang mehr haben.

64:36 Der Terror. Zur Ideologie muss der Terror kommen, der ihre Möglichkeiten erst freisetzt. Er führt die Atomisierung der Massengesellschaft bis zum Endpunkt, 65:21 in die „totale Verlassenheit“. Geulen: Das ist eine Verlassenheit, in der jede Möglichkeit zu handeln genommen ist. Arendt spricht von „lebenden Leichnamen“. 66:08 Selbst in der Tyrannis kann man noch gehen oder mit anderen etwas tun; unter totalem Terror nicht mehr. In der Despotie herrscht Totenstille, im Totalitarismus ständiger Lärm und Betriebsamkeit. 66:54 Der größte Feind des totalitären Systems ist der Stillstand. Felsch verweist auf die Historiker, die das später „kumulative Radikalisierung“ genannt haben: Die Bewegung muss laufen, auch wenn sie das eigene Regime ruiniert.

Eigene Einschätzung

Die stärkste Einsicht dieses Teils ist unscheinbar: Ideologie spricht nicht über das, was ist, sondern über das, was sein wird. Darum kann man sie mit Fakten so schwer erreichen. Wer weiß, wohin die Geschichte will, für den ist jede Tatsache, die nicht passt, entweder Lüge oder Übergang. Das gilt für Rassenlehre und Geschichtsphilosophie, und es gilt in kleinerem Maßstab für jede Bewegung, die ihre Gegenwart als Durchgang zu einem Endzustand begreift. Arendts Gegenmittel ist der Tisch: Erfahrung, die man an der Erfahrung anderer prüfen kann. Wo der fehlt, hat die Logik der Idee freie Bahn.

Was an diesem Abend fehlt: Arendts Afrika

Angekündigt war das Gespräch für die Rassismus-Ausstellung, doch der Teil des Buchs, der für Rassismus zentral ist, kommt kaum vor: das Imperialismus-Kapitel „Rasse und Bürokratie“ über die Buren in Südafrika, Cecil Rhodes, Lord Cromer, die Panbewegungen. Gerade dort liegt der wunde Punkt des Werks. Arendt beschreibt die Afrikaner, an Joseph Conrads Herz der Finsternis angelehnt, als „Wilde“ ohne Welt und Geschichte. Sie erklärt den Rassismus als Erfindung der Europäer und übernimmt zugleich deren Blick. Seit Robert Bernasconi (1996) und Kathryn Gines (Hannah Arendt and the Negro Question, 2014) ist das breit diskutiert; Patricia Owens zeigt, wie der Theorie-Kanon diese Seite überging (doi:10.1177/0305829817695880), Michiel Bot liest die „Wilden“ im Menschenrechtskapitel gegen den Strich (doi:10.35715/scr1002.111). Achille Mbembe baut seine Nekropolitik auf Arendts These, dass die Techniken totaler Herrschaft in den Kolonien erprobt wurden, und schreibt zugleich gegen ihr Afrika-Bild an (→ Achille Mbembe — The Earthly Community). Beides gehört zum Buch: der Blick, der den Bumerang des Kolonialismus erkannte, und der Blick, der die Kolonisierten nicht sah.

Weitergedacht

Arendt unterscheidet Tyrannis und Totalitarismus scharf: Der Tyrann will Macht und lässt dafür eine Wüste, in der man sich noch bewegen kann. Die totale Herrschaft will die Bewegung um ihrer selbst willen. Ist diese Unterscheidung heute noch brauchbar, wo die meisten Autokratien keine Ideologie mehr brauchen, nur noch Macht und Geld? Oder liegt die größere Gefahr gerade in der Rückkehr eines „Gesetzes der Geschichte“?

Gemeinsinn, Echokammer, Weltlosigkeit

67:40 Felsch fragt, ob man mit Arendt die Krise der Demokratie von 2018 mit den Zwanzigerjahren vergleichen dürfe, wie es gerade oft geschieht. 68:26 Geulen meidet das große Wort Krise und nennt zwei Kontexte, in denen Arendt hilft. Der erste sind die Flüchtlinge und die Frage, was sie mit den Menschenrechten zu tun haben. 69:12 Der zweite ist die wachsende Anziehung populistischer Positionen in vielen europäischen Staaten. Das Kapitel Ideologie und Terror zeige, welche Bedingungen herrschen müssen, damit man sich nicht mehr auf das verlässt, was Arendt mit einer altertümlichen Formel den „gesunden Menschenverstand“ nennt. Im Englischen sieht man, was gemeint ist: common sense, der gemeinsame Sinn. 69:57 Wird er ausgehebelt, entsteht Zugänglichkeit für Indoktrination, und heute gebe es dafür mediale Voraussetzungen, Echokammern, die die eigene Position immer nur bestätigen.

72:16 Wichtig ist ihr eine Abgrenzung: Gemeinsinn setzt keine Homogenität voraus. Die westdeutsche Nachkriegshomogenität gebe es nicht mehr, und das sei gut so, auch wenn es Reibung erzeuge. 73:48 Politikverdrossenheit heute habe vielleicht die Form, dass man sich in verlässlich konsensuale Gemeinschaften zurückzieht, auf Facebook oder anderswo, und sich gegenseitig bestätigt: „eine Form von fataler Weltlosigkeit“. 74:36

„Die gemeinsame Welt, die sich in der politischen Sphäre konstituiert, ist keinesfalls die Welt derer, die sowieso der gleichen Meinung sind.“ — Eva Geulen 74:36

Im Gespräch — 74:36

Die Filterblase, das Schlagwort von 2018, sei genau eine Situation, in der die gemeinsame Welt zerfällt und Realitätsverlust eintritt: Wenn Menschen mit ganz verschiedenen Interessen nicht mehr an diesem Tisch zusammenfinden, hat das Politische ausgespielt.

75:22 Felsch hält dagegen: Ist Arendt nicht eine politische Romantikerin, mit ihrer idealen Polis und einem „Gesetz der kleinen Zahl“, für das jede moderne Repräsentation schon Verfall ist? 76:55 Geulen widerspricht scharf. Wer die politische Romantik analysiert habe, sei Carl Schmitt gewesen, und kaum jemand habe sie so gehasst wie Arendt, ebenso die Intellektuellen, denen zu allem etwas einfällt, statt Politik zu machen. Arendts Vorbild sei weniger die Polis als Rom: 77:41 ein großes Gebilde, das auf Bündnis statt Unterwerfung setzte, keine Religion aufzwang und lange dauerte. Nach 1945 schlug Arendt eine binationale Lösung für Palästina und eine Föderation der Mittelmeerländer vor. 79:11 Und die Amerikaner gelangen ihr, weil sie sich vom Souveränitätsmodell verabschiedeten.

80:42 Arendt verstand ihre jüdische Identität immer politisch, die Juden waren im Nationalstaat das nichtnationale Element, ihr Testfall dafür, ob Verschiedenheit lebbar ist. 81:30 Die Judenfrage könne nicht in einem Land gelöst werden, sagte sie, und ein Staat, den England imperial gründe, schaffe ein neues Staatenlosenproblem, das der palästinensischen Araber. 82:15 Den Text Wir Flüchtlinge (1943) nennt Geulen den Urtext des ganzen Werks. Und sie setzt eine Grenze: Arendts politische Identität als Jüdin sei unvereinbar mit dem, was heute als kulturelle Identität verhandelt und „pseudopolitisiert“ werde.

Eigene Einschätzung

Die Filterblasen-Diagnose von 2018 klingt acht Jahre später fast bescheiden. Damals ging es um Echokammern; heute gibt es Plattformen, deren Besitzer selbst Politik machen, und Sprachmodelle, die jedem eine eigene Welt erklären können. Arendts Kategorie trägt dabei erstaunlich gut, weil sie beim Tisch ansetzt statt beim Medium: Entscheidend ist, ob Menschen noch einen gemeinsamen Gegenstand haben, über den sie streiten können. Wie viel Information sie haben, ist zweitrangig. Geulens Abgrenzung von der Homogenität ist dabei das Wichtigste. Gemeinsinn heißt nicht, dass alle einverstanden sind; es heißt, dass sie über dasselbe uneins sind.


Publikumsfragen

Felsch öffnet nach einem zweiten Einspieler aus dem Gaus-Gespräch (das „Wagnis der Öffentlichkeit“, → Hannah Arendt — Zur Person (im Gespräch mit Günter Gaus, 1964)) die Runde. Es wird spät, „wir gehen da immerhin schon auf Mitternacht zu“. Es antwortet fast immer Geulen.

Israel heute: Wäre ein vielfältiger Staat möglich? 87:02 — Die binationale Lösung, die Arendt in der Frühphase wollte, sei heute keine Option mehr, die Lage eine andere. 88:33 Geblieben sei ihr Modell nicht-nationalstaatlicher Zusammenschlüsse, überschaubar, keine Weltrepublik. Ob das im Nahen Osten eine Chance hat, sehe sie im Augenblick nicht.

Arendt und 1989 — und die soziale Frage. 89:18 Ein Besucher hatte in der Sächsischen Zeitung gelesen, es gehe um Arendt und die Revolution von 1989. 90:51 Geulen: Runde Tische, spontane Revolution, ihr Aufsatz über Rosa Luxemburg, das alles hätte Arendt gefallen. Aber sie hätte bemängelt, dass am Ende keine neue Verfassung geschrieben wurde. Sie war eine „enthusiastische Verfassungsgründerin“, und so gesehen hätte sie 1990 als verkorkst betrachtet. Zum Vorwurf, Arendt habe die soziale Frage ignoriert: 92:25 Es gebe Stellen in Über die Revolution, etwa die, dass eine Politik, die auf Mitleid basiert, keine Politik sei, die so klingen. Dass ihr ökonomische Ungleichheit gleichgültig war, sei aber falsch. 93:11 In Wir Flüchtlinge schreibt sie gegen Schillers „Das Leben ist der Güter höchstes nicht“ an; es gebe etwas darüber hinaus, die politische Sphäre.

Ein Samstag in Dresden. 93:56 Ein Mann erzählt, wie er beim Einkaufen in eine Demonstration geriet, „Abschieben! Abschieben! Wer Deutschland nicht liebt, soll Deutschland verlassen“, zur besten Einkaufszeit durch die Innenstadt, und wie wenige Dresdner sich dagegenstellten. 95:30 Was hätte Arendt geraten: Gegendemonstration oder etwas anderes? Felsch verweist auf die Debatte um das Buch Mit Rechten reden: ausschließen, totschweigen oder ins Gespräch gehen? 96:15 Arendt hätte für die Gesprächsbereitschaft optiert und zugleich mit Schärfe gesagt, dass viele dieser Positionen nicht dem entsprechen, was sie unter Politik versteht. Geulen ergänzt das Entscheidende: 97:46

„Um miteinander wirklich gut zu streiten, muss es etwas Unbestrittenes geben, zum Beispiel den Raum, in dem man sich befindet, und dafür muss auf verschiedene Weise gesorgt sein. Denn sonst ist es kein Gespräch, sondern ein Schlagabtausch, und auch kein Wagnis.“ — Eva Geulen

Hören — 97:46

Souveränität und Weimar. 99:24 Souveränität, die in Schach gehalten wird, hatte Vorteile, etwa der Nationalstaat im europäischen Bündnisgefüge des 19. Jahrhunderts. 100:11 Das Problem beginnt mit einer absoluten Instanz über den Gesetzen, Schmitts Ausnahmezustand, das Recht, die Verfassung in toto zu suspendieren. Auch absolute Menschenrechte zeigten ihre Leere, als nach dem Ersten Weltkrieg die ersten Staatenlosen keinen Kontext mehr hatten. 100:57 Arendts Gegenposition: Alles ist von Menschen gemacht, die Dinge, die Öffentlichkeit, die Welt.

Tyrannis oder Totalitarismus? 101:43 Ein Zuhörer meint, der Totalitarismus habe Ziele über den Selbsterhalt hinaus. Geulen: genau umgekehrt. Die Tyrannis will Machterhalt und lässt eine Wüste, in der man sich relativ frei bewegen kann. 102:29 Der Totalitarismus will nur die Bewegung am Laufen halten, sein Gesetz ist das Töten, ohne Zweck, außer der Herrenrasse auf dem ganzen Globus.

Und die Türkei? 103:14 Was in der Türkei und anderen Ländern geschehe, sei ein Wiedererstarken des Nationalstaats unter anderen Bedingungen. 104:00 Mit Arendt könne man klar sagen: Das sind diktatorische, keine totalitären Erscheinungen.

Hätte Arendt die Judenräte weglassen sollen? 106:20 Ein Zuhörer verteidigt sie: Sie hätte fälschen müssen, um es wegzulassen, „sie hätte sich ins Herz stechen müssen“. 107:54 Felsch stimmt zu, man könne aber fragen, ob es zu allen Zeiten opportun war, so zu reden, wie Blumenberg es tat. 108:41 Und der Ton: trocken, sarkastisch, kaum Pathos. Gerade der Ton habe ihre jüdischen Freunde in Israel, Deutschland und Amerika verletzt. Er sage nicht, sie hätte es nicht tun sollen, aber man könne fragen, ob der Ton der rechte war.

Little Rock. 109:30 Eine Zuhörerin fragt nach Arendts umstrittenem Text über die Aufhebung der Rassentrennung an Schulen: Wenn das Gesellschaftliche eine Mischform aus Politischem und Privatem ist, warum darf das politische Ziel dann nicht auf die Gesellschaft übergreifen? 110:16 Geulen hat den Text noch einmal gelesen. Arendt sei nicht gegen die Aufhebung gewesen. Sie versetzte sich einmal in die Mutter des schwarzen Kindes und einmal in die Mutter eines weißen Kindes. 111:01 Ihr erstes Argument: Man darf an Kindern, die noch nicht selbst entscheiden können, keinen politischen Konflikt durchexerzieren. Ihr zweites: Statt die Integration unter Militärschutz durchzusetzen, hätte man die Gesetze der Südstaaten angreifen müssen, die Ehen zwischen Schwarzen und Weißen unter Strafe stellten, unvereinbar mit der Verfassung. 112:32 Diskriminierung im Gesellschaftlichen sei ihr als Jüdin vertraut, und sie habe sie nicht für das Schlimmste gehalten, solange Hotels, Busse und Schulen als öffentliche Dienste allen offenstehen. 113:17 Dann „der unglaubliche Satz“: Eine Gesellschaft ohne Diskriminierung wäre keine Gesellschaft, sie würde kollabieren zu einem Einheitsbrei. Darüber solle man nachdenken, wenn man sich überlegt, wie Verschiedene politisch zusammenleben und einander Rechte einräumen, 114:03 „nicht weil sie gleich sind, sondern weil sie verschieden sind.“

Weitergedacht

Geulen verteidigt den Little-Rock-Text klug, aber sie verteidigt ihn. Die Kritik daran stammt nicht nur von Gegnern: Ralph Ellison warf Arendt vor, die Würde und den Mut der schwarzen Eltern nicht verstanden zu haben, die ihre Kinder bewusst in dieses Opfer schickten; Arendt räumte das später ein. Wo endet die Unterscheidung von politisch, gesellschaftlich und privat, wenn die Diskriminierung im „Gesellschaftlichen“ einem ganzen Teil der Bevölkerung die gemeinsame Welt verweigert?


Faktencheck

Geprüft wurden werkgeschichtliche und historische Angaben. Lesarten der beiden Sprechenden sind kein Gegenstand; wo die Forschung weiter ist, steht es dabei.

Vereinfacht — Erscheinungsdaten des Hauptwerks

Geulen nennt 1948 für die englische und 1951 für die deutsche Ausgabe. Richtig: The Origins of Totalitarianism erschien 1951 in New York, Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft 1955, von Arendt selbst übertragen und überarbeitet. Das Schlusskapitel Ideologie und Terror, auf das sich beide stützen, stand noch nicht in der Ausgabe von 1951; es erschien 1953 als Aufsatz und kam 1955 in die deutsche, 1958 in die erweiterte englische Fassung. Auch die Promotion war 1928, nicht 1924. Quelle: The Origins of Totalitarianism (Wikipedia) · Love and Saint Augustine (Wikipedia)

Bestätigt — Eichmann-Kontroverse, Blumenberg, „Wahrheit und Politik“

Arendt zweifelte an der Zuständigkeit des Gerichts, zeichnete Eichmann als banal statt dämonisch und schrieb über die Judenräte. Blumenbergs Nachlasstext erschien 2015 in Rigorismus der Wahrheit; Wahrheit und Politik (1967) war Arendts Antwort auf die Kontroverse. Die Verknüpfung „deshalb kein Prozess im Nationalstaat, deshalb binationale Lösung“ ist Geulens Lesart, kein Argument Arendts. Quelle: Eichmann in Jerusalem (Wikipedia) · Blumenberg, Rigorismus der Wahrheit (Perlentaucher)

Bestätigt — Von „Totalitarian Elements of Marxism“ zur

Vita activa Am Anfang der Vita activa stand ein Guggenheim-Projekt von 1952 über totalitäre Elemente im Marxismus, angestoßen von der Lücke in Origins, wo die Vorgeschichte des Bolschewismus kaum ausgearbeitet ist. Das Marx-Buch wurde nie fertig. Quelle: HannahArendt.net — Arendt und Marx

Bestätigt — Totalitarismus ist keine Tyrannis

Die Darstellung gibt Arendts Text treu wieder: gesetzlose Tyrannis gegen ein „Gesetz“ der Natur oder Geschichte, permanente Bewegung, Terror als Wesen; dazu Kiplings „the Great Game is finished when everyone is dead“ aus Kim. Felschs Parallele, Hans Mommsens „kumulative Radikalisierung“, ist die spätere historiografische Entsprechung. Quelle: The Origins of Totalitarianism (Wikipedia)

Einordnung — Die Masse als Voraussetzung

Arendt nennt den Zerfall der Klassengesellschaft in eine vereinzelte Masse die Bedingung totaler Herrschaft. Für den Aufstieg der NSDAP spricht die Forschung eher dagegen: Die Partei wuchs gerade dort schneller, wo das Vereinsleben dicht war. Sheri Berman zeigt das für die Weimarer Zivilgesellschaft (World Politics 1997, doi:10.1353/wp.1997.0008); Satyanath, Voigtländer und Voth belegen es mit Daten aus 229 Städten (Journal of Political Economy 2017, Einzelstudie, doi:10.1086/690949); die Methode ist umstritten (Guinnane & Hoffman 2022, Preprint, doi:10.2139/ssrn.4286968). Arendts Vereinzelung beschreibt eher den vollendeten Terror als den Weg zur Macht.

Einordnung — Nationalsozialismus und Stalinismus „über einen Kamm“

Arendt räumte selbst ein, dass ihre Stalin-Analyse dünner belegt war; im Vorwort von 1966 nannte sie die Sowjetunion nach Stalin nicht mehr totalitär. Die Forschung nach Öffnung der Archive vergleicht heute strukturell und betont die Unterschiede (Kershaw/Lewin, Stalinism and Nazism, 1997). Geulens Hinweis, die Elemente passten auf den Nationalsozialismus und nicht auf Russland, trifft genau diesen Punkt.

Vereinfacht — Arendt und Palästina

Richtig ist, was Geulen im Gespräch zweimal sagt: Arendt war gegen einen jüdischen Nationalstaat und für eine binationale Lösung, später für eine Föderation der Mittelmeerländer (nahe bei Judah L. Magnes und dem Ichud). In der Fragerunde spricht sie dann von der „Zwei-Staaten-Lösung, die sie damals favorisiert hat“, ein Versprecher; Arendt lehnte die Teilung von 1947/48 ab. Quelle: Judith Butler, „I merely belong to them“ (LRB)

Vereinfacht — Little Rock als „hoch differenzierte Position“

Der Aufbau von Reflections on Little Rock (1959) ist korrekt wiedergegeben. Arendt nannte die Mischehe-Verbote den schlimmsten Verstoß gegen die Verfassung, nicht ein „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“, wie Geulen sagt. Und es fehlt die wichtigste Gegenstimme: Ralph Ellison warf ihr vor, das Opfer zu verkennen, mit dem schwarze Eltern ihre Kinder in diese Prüfung schickten; Arendt gab ihm in einem Brief recht. Ihre Position hat sich also bewegt. Quelle: Little Rock, Ellison und Danielle Allen (On Education)

Bestätigt — Podium und Anlass

Felsch erhielt 2017 den Hugo-Ball-Förderpreis, schrieb Der lange Sommer der Theorie (2015) und mit Frank Witzel BRD Noir (2016) und trat die Nachfolge Thomas Machos an. Geulen gab mit Kai Kauffmann und Georg Mein den Band zu Arendt und Agamben heraus. Die Grünbein-Tellkamp-Debatte fand am 8. März 2018 im Kulturpalast statt; ob Grünbein sie mit dem Arendt-Satz eröffnete, ließ sich nicht prüfen. Quelle: Tellkamp-Interview (Berliner Zeitung)


Weiterführende Quellen

Aus der Video-Beschreibung:

  • Veranstaltung anlässlich der Sonderausstellung Rassismus. Die Erfindung von Menschenrassen (Deutsches Hygiene-Museum Dresden, ab Mai 2018)
  • Hannah Arendt: Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft (engl. The Origins of Totalitarianism, 1951; dt. 1955)

Im Gespräch genannt:

  • Hannah Arendt: Vita activa oder Vom tätigen Leben (1958) — das Tischbild, die Unterscheidung von Arbeiten, Herstellen, Handeln
  • Hannah Arendt: Über die Revolution (1963) — Macht als gemeinsames Handeln, amerikanische gegen französische Revolution
  • Hannah Arendt: Wir Flüchtlinge (1943)
  • Hannah Arendt: Wahrheit und Politik (1967) und Die Lüge in der Politik (1971, zu den Pentagon Papers)
  • Hannah Arendt: Reflections on Little Rock (1959)
  • Hannah Arendt: Rosa Luxemburg (in Menschen in finsteren Zeiten)
  • Hans Blumenberg: Rigorismus der Wahrheit. „Moses der Ägypter“ und weitere Texte zu Freud und Arendt (2015)
  • Eva Geulen, Kai Kauffmann, Georg Mein (Hg.): Hannah Arendt und Giorgio Agamben. Parallelen, Perspektiven, Kontroversen (2008)
  • Elisabeth Young-Bruehl: Hannah Arendt. Leben, Werk und Zeit — die Biografie, auf die sich Geulen stützt
  • Per Leo, Maximilian Steinbeis, Daniel-Pascal Zorn: Mit Rechten reden (2017)
  • Carl Schmitt: Der Begriff des Politischen (1932)
  • Margarethe von Trotta: Hannah Arendt (Spielfilm, 2012)
  • Hannah Arendt: offener Brief an Jules Romains, Aufbau, Oktober 1941 (Arendts Aufbau-Kolumnen, literaturkritik.de)

Zur Einordnung (Faktencheck):


Verbindungen

→ Hannah Arendt — Zur Person (im Gespräch mit Günter Gaus, 1964)

Die Schwester-Note zum Geburtstag: Arendt selbst im Gespräch mit Günter Gaus, aus dem das Dresdner Podium zweimal einspielt. Was Felsch und Geulen als Begriff entfalten, das Wagnis der Öffentlichkeit, die Verlassenheit, die Tatsachenwahrheit, erzählt sie dort aus ihrem Leben.

→ Hannah Arendt — Die Banalität des Bösen

Dort steht Elemente und Ursprünge in drei Stichworten, hier das Buch selbst. Und hier beginnt die „Herrschaft des Niemand“, die Bürokratie als Herrschaftsform, schon im Imperialismus-Teil, in der Kolonialverwaltung, lange vor Eichmann.

→ Hannah Arendt — Denken ohne Geländer

Pluralität und Amor mundi sind die Gegenbegriffe zu Verlassenheit und Weltlosigkeit, die Felsch und Geulen als Endpunkt des Terrors beschreiben. Der Weg vom „radikal Bösen“ der Totalitarismusstudie zur „Banalität“ von 1963 beginnt in diesem Buch.

→ Achille Mbembe — The Earthly Community

Die fruchtbarste Reibung. Mbembes Nekropolitik baut auf Arendts These, dass die Techniken totaler Herrschaft in den Kolonien erprobt wurden und nach Europa zurückkehrten. Zugleich ist sein Satz vom Rassismus als Erfindung, die Afrika zur Projektionsfläche macht, der Maßstab, an dem Arendts Afrika-Bild in denselben Kapiteln scheitert.

→ Robin Celikates — Faschisierung, Hoffnung und die Krise des Systems (Jung & Naiv 855)

Celikates beschreibt, wie Gewalt an der Grenze nach innen wandert. Arendt beschrieb diesen Weg an den Staatenlosen der Zwischenkriegszeit, die als Erste aus dem Recht fielen und der Polizei überlassen wurden. Und „Faschisierung als Prozess“ steht neben ihrem Bild der totalitären Bewegung, die nie zur Ruhe kommen darf.

→ Eva von Redecker — Über den neuen Faschismus (Jung & Naiv 811)

Redecker trennt ausdrücklich „mit Arendt“ Faschismus und Totalitarismus. Hier steht, worauf diese Unterscheidung beruht: Bewegung statt Staat, ein Gesetz der Natur oder Geschichte statt positiven Rechts, Terror als Wesen.

→ Christoph Safferling — Nürnberg und die Ohnmacht des Völkerrechts (Jung & Naiv 826)

Arendts Paradox der Menschenrechte ist die Urform von Safferlings Frage: Rechte, die jedem Menschen zukommen sollen, greifen gerade bei denen nicht, die keinen Staat mehr haben. Nürnberg war die juristische Antwort auf die Verbrechen, die ihr Buch beschreibt. → weiter im Panorama „Was kann das Völkerrecht?“

→ Wie kann Demokratie funktionieren?

Geulens Satz, Gemeinsinn setze keine Homogenität voraus, gehört in dieses Panorama, ebenso Arendts Macht, die wächst, wenn man sie teilt. Und die Frage, wer zum Demos gehört, ist die Gegenwartsform ihres „Rechts, Rechte zu haben“.

→ Warum wählen Menschen Autoritäre?

Arendts Antwort liegt zwischen Not und Überzeugung, in der Vereinzelung: Menschen fallen aus Klassen und Bindungen und werden empfänglich für eine Ideologie, die alles erklärt. Die neuere Forschung zum Aufstieg der NSDAP (Satyanath u. a.) hält dagegen, dass gerade dichte Vereinsnetze die Partei trugen; beides gehört in das Panorama.

→ Anton Jäger — Lohnt sich politisches Engagement noch?

Jägers „Hyperpolitik“, politisiert, aber ohne Institutionen, ist Arendts Unterscheidung von Klassen und Massen in neuer Gestalt. Auch ihre Massen waren erregbar und an keine Partei, keinen Verband mehr gebunden.

→ Ibram X. Kendi — Great Replacement Theory und der Weg zur Wahlautokratie

Rasse als politische Waffe statt als vorgefundenes Vorurteil: Diese Linie zog Arendt 1951 vom Imperialismus zum Totalitarismus. Kendis Analyse der Austausch-Erzählung zeigt dasselbe Muster, eine Verschwörung, die die Welt als Ganzes erklärt und darum wie Ideologie wirkt.


Weiterdenken

Was Sokrates vielleicht gefragt hätte
  • Arendt sagt, Macht wachse, wenn man sie teilt. Stimmt das auch dort, wo Teilen langsam macht, in einer Krise, im Krieg, beim Klima? Oder ist geteilte Macht ein Luxus ruhiger Zeiten?
  • Ideologie redet über das, was sein wird, nicht über das, was ist. Welche Überzeugungen, die ich selbst teile, haben diese Form? Woran würde ich merken, dass ich anfange, Tatsachen als bloßen Übergang abzutun?
  • Geulen sagt, Gemeinsinn setze keine Homogenität voraus. Wie viel Gemeinsames braucht ein Tisch, damit die Verschiedenen überhaupt daran sitzen bleiben? Wer sorgt für das „Unbestrittene“, wenn es bestritten wird?
  • Mit Rechten reden: Arendt hätte für das Gespräch optiert. Was, wenn die andere Seite den Tisch selbst abschaffen will? Gilt das Gesprächsangebot auch dann, und wer entscheidet, wann es so weit ist?
  • Arendt hält eine Gesellschaft ohne Diskriminierung für unmöglich. Ist das eine nüchterne Beobachtung über Vorlieben und Gruppen, oder ein Freibrief, den gerade die nicht brauchen, die schon ausgeschlossen sind?

Von hier einen Faden gehen7 Stationen, rückwärts durch den Bestand

Im Bestand

Eva GeulenDenkerVitaPhilipp FelschDenkerVitaHannah ArendtZur Person (im Gespräch mit…Hannah ArendtDenkerVitaAchille MbembeThe Earthly CommunityHannah ArendtDie Banalität des BösenHannah ArendtDenken ohne GeländerRobin CelikatesFaschisierung, Hoffnung und die…Eva von RedeckerÜber den neuen Faschismus (Jung…Christoph SafferlingNürnberg und die Ohnmacht des…Anton JägerLohnt sich politisches…Ibram X. KendiGreat Replacement Theory und der…Warum wählen Menschen…Was kann das Völkerrecht?Wie kann Demokratie…Günter GausDenkerVita

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