Wer spricht?

Gilda Sahebi (1984 in Teheran, Iran) — Journalistin, Autorin, Podcasterin. Deutsch-iranisch, lebt in Berlin.

In eine politisch aktive iranische Familie geboren. Ihr Vater kämpfte 1979 gegen das theokratische Regime, wurde verhaftet und floh vor drohender Hinrichtung nach Deutschland. Ihr 14-jähriger Onkel wurde von den Revolutionswächtern eingesperrt und gefoltert. Mit drei Jahren konnte Sahebi mit ihrer Mutter nach Deutschland ausreisen. Studium: Humanmedizin und Politikwissenschaft (Heidelberg, München, Istanbul, Warschau). Volontariat beim Bayerischen Rundfunk. Freie Journalistin für ARD, Spiegel, taz, WDR. Co-Host des Politik-Podcasts Gilda con Arne (mit Arne Semsrott). Autorin/Redakteurin beim Neo Magazin Royale (ZDF, Jan Böhmermann). Educator beim Institute for Strategic Dialogue (ISD) Berlin. Vorstandsmitglied ProQuote Medien (seit Feb. 2022).

Wichtigste Werke: Unser Schwert ist Liebe (2023), Wie wir uns Rassismus beibringen (2024), Verbinden statt spalten (2025) Kernkonzepte: Feministische Revolte, struktureller Rassismus, Polarisierung als Herrschaftsinstrument, Macht und Erzählung

Biografie

Gilda Sahebi wird 1984 in Teheran geboren — in eine Familie, die den Preis für politischen Widerstand kennt. Ihr Vater kämpft gegen das islamische Regime für einen demokratischen Iran. Er wird verhaftet und flieht nach Deutschland, als Gilda ein Jahr alt ist. Ihr Onkel — damals erst 14 Jahre alt — wird von den Revolutionswächtern eingesperrt und gefoltert, weil er Flugblätter einer kommunistischen Jugendgruppe verteilt hat. Auch ihr Großvater sitzt im Gefängnis. Es dauert zwei weitere Jahre, bis Gilda mit ihrer Mutter ausreisen kann.

Diese Familiengeschichte ist kein biographisches Detail — sie ist der Grundton ihres gesamten Werks. Wer erlebt hat, wie ein Regime eine Familie zerreißt, analysiert autoritäre Muster später nicht nur intellektuell, sondern mit einer Dringlichkeit, die aus Erfahrung kommt.

Sahebi studiert in Heidelberg, München, Istanbul und Warschau — gleich zwei Fächer: Humanmedizin und Politikwissenschaft. Sie schließt beide ab. Die Kombination ist ungewöhnlich und erklärt ihren analytischen Stil: medizinische Präzision in der Diagnose gesellschaftlicher Pathologien.

Nach dem Studium absolviert sie ein Volontariat beim Bayerischen Rundfunk, arbeitet dann als Autorin und Redakteurin für das Neo Magazin Royale (ZDF) im Team von Jan Böhmermann. Gleichzeitig engagiert sie sich als Projektleiterin der Europarat-Kampagne No Hate Speech Movement bei den Neuen deutschen Medienmachern.

2009 bis 2014 ist sie SPD-Mitglied — tritt nach etwa fünf Jahren aus. Heute arbeitet sie als freie Journalistin für ARD, Spiegel, taz und WDR, moderiert gemeinsam mit Arne Semsrott den wöchentlichen Politik-Podcast Gilda con Arne und ist als Educator für das Institute for Strategic Dialogue (ISD) in Berlin tätig. Seit Februar 2022 sitzt sie im Vorstand von ProQuote Medien.

Der Wendepunkt zur öffentlichen Figur: 2022, als der Aufstand im Iran nach dem Tod von Jina Mahsa Amini ausbricht. Sahebi wird zur zentralen deutschsprachigen Stimme für die Proteste — in Talkshows (Markus Lanz, phoenix, Hart aber fair), in Zeitungen, auf Social Media. Das Medium Magazin wählt sie zur Journalistin des Jahres 2022 (Kategorie Politik). Focus listet sie unter den 100 Frauen des Jahres 2022.

Bücher & Publikationen

Empfehlenswerte Videos & Vorträge

Kernthesen

  1. Rassismus ist strukturell, nicht individuell: Rassistisches Denken wird durch politische und gesellschaftliche Strukturen geformt und ist allgegenwärtig — nicht nur ein Problem extrem rechter Gruppierungen. Die Wurzeln reichen vom Deutschen Kaiserreich bis in die heutigen Debatten.

  2. Die iranische Revolution ist feministisch: Die Proteste ab 2022 sind keine klassische politische Revolution, sondern eine feministische Revolte gegen patriarchale Herrschaft. “Frau, Leben, Freiheit” ist nicht nur ein Slogan, sondern ein Gesellschaftsentwurf.

  3. Polarisierung ist ein Herrschaftsinstrument: Die Spaltung der Gesellschaft in “wir gegen die” geschieht nicht zufällig, sondern wird aktiv von Machtakteuren betrieben. Polarisierung dient dazu, demokratische Aushandlungsprozesse zu untergraben.

  4. Erzählungen schlagen Fakten: Wer die Erzählung kontrolliert, kontrolliert die politische Realität. Autoritäre Systeme funktionieren nicht primär über Gewalt, sondern über die Durchsetzung bestimmter Narrative.

  5. Verbinden als politische Praxis: Die Antwort auf Polarisierung ist nicht “die Mitte finden”, sondern aktives Verbinden — das Erkennen gemeinsamer Interessen jenseits der konstruierten Spaltungslinien.

Politische Einordnung

Sahebi ist links-liberal mit feministischem Schwerpunkt — klar positioniert gegen autoritäre Strukturen, ob im Iran oder in Europa. Sie kritisiert die AfD und den Rechtsruck ebenso wie die Unfähigkeit linker und liberaler Kräfte, wirksame Gegennarrative zu entwickeln.

Ihre Haltung ist dabei analytisch, nicht agitatorisch: Sie fragt nicht “Wer sind die Bösen?”, sondern “Wie funktionieren die Mechanismen?” — Hate Speech als System, Rassismus als erlerntes Muster, Polarisierung als Strategie. Die Doppelqualifikation in Medizin und Politikwissenschaft zeigt sich: Sie diagnostiziert gesellschaftliche Pathologien mit dem Blick einer Ärztin, die weiß, dass man die Krankheit verstehen muss, bevor man behandeln kann.

Kurze SPD-Mitgliedschaft (2009–2014), heute parteilos. Ihre Arbeit ist explizit pro-demokratisch — sie verteidigt demokratische Institutionen, indem sie deren Schwächen benennt.

Verbindungen zu anderen Denkern

Wird von Montaigne befüllt.

Gedankenwelten-Notes