Quelle: Gilda con Arne #33 — Liegenddemos und ein Jahr Schwarz-Rot (Folge vom 13.05.2026)

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Diese Zusammenfassung ersetzt nicht das Original — sie macht Lust drauf. Gilda con Arne ist einer der schärfsten deutschsprachigen Politik-Podcasts, unabhängig und spendenfinanziert. Unterstützenswert: gildakonane.de

Wer spricht?

Gilda Sahebi (1984 in Teheran) — Journalistin, Autorin, Co-Host. Studium der Humanmedizin und Politikwissenschaft. Freie Journalistin für ARD, Spiegel, taz. Autorin von Wie wir uns Rassismus beibringen (2024) und Verbinden statt spalten (2025). Schwerpunkte: struktureller Rassismus, Polarisierung als Herrschaftsinstrument, feministische Politik. → DenkerVita

Arne Semsrott (1988 in Hamburg) — Journalist, Aktivist, Projektleiter von FragDenStaat. Autor von Machtübernahme (2024). Co-Host seit September 2025. Sein neues Buch Gegenmacht: Die Zivilgesellschaft schlägt zurück erscheint am 1.6.2026. → DenkerVita

Format: Wöchentlicher Politik-Podcast als gleichberechtigtes Gespräch zwischen zwei Journalist:innen — kein Interviewer/Interviewter-Gefälle, echte gegenseitige Reaktion.


ME/CFS und die Liegenddemos — Wenn Protest aus dem Bett kommt

[▶ 5:50]

ME/CFS — myalgische Enzephalomyelitis, chronisches Fatigue-Syndrom — ist eine Krankheit, die in Deutschland schätzungsweise 1,5 Millionen Menschen betrifft (ME/CFS und Post-COVID kombiniert), davon 2023 rund 620.000 in kassenärztlichen Praxen behandelt. Vor der Pandemie waren es 250.000, danach explodierten die Zahlen, weil Long-Covid-Spätfolgen und ME/CFS große Überschneidungen zeigen. Das Hauptsymptom: nach körperlicher oder psychischer Belastung — manchmal ohne erkennbaren Auslöser — bricht die Energie vollständig zusammen. Ein sogenannter Crash. Jana Petersen beschreibt im Deutschlandfunk, wie sie nach 900 Metern zu Fuß für Tage nicht mehr die Wohnung verlassen kann:

„Ich lege auf, falle zurück aufs Bett, stopfe mir Oropax in die Ohren und schließe die Augen. Ich atme und warte darauf, dass sich mein Herzschlag wieder beruhigt. Atmen. Mehr geht nicht.”

Gilda und Arne analysieren, warum trotz dieser Verbreitung — bei Frag den Staat seien knapp zehn Prozent des dreißigköpfigen Teams betroffen — die Krankheit so wenig Aufmerksamkeit erhält: es gibt bisher keine ursächliche Therapie, kaum ausgebildete Spezialist:innen, und Betroffene sind strukturell unsichtbar, weil sie schlicht nicht rausgehen können.

Weitergedacht

Wenn 1,5 Millionen Menschen von ME/CFS betroffen sind und gleichzeitig Arbeitszeitverlängerung und Abbau des Kündigungsschutzes geplant werden — was sagt das über die implizite Körpernorm aus, auf der diese Wirtschaftspolitik basiert?

Zentrales Thema ist der Sexismus im Gesundheitssystem. ME/CFS betrifft Frauen zwei- bis dreimal häufiger als Männer — und wird entsprechend systematisch schlechter behandelt. Gilda, die selbst Medizin studiert hat, bestätigt aus eigener Erfahrung: der Standardkörper in Lehrbüchern ist der 70-Kilo-Mann, Medikamentenstudien liefen jahrzehntelang nur an Männerkörpern. Das Ergebnis: Frauenkrankheiten werden häufig als psychosomatisch abgetan, als Hysterie, als mangelnder Wille. ME/CFS-Betroffene berichten von langen Reihen von Fehldiagnosen, bevor sie zur richtigen Diagnose gelangen — wenn überhaupt.

[▶ 15:54]

Die Liegenddemos, die am internationalen ME/CFS-Awareness-Day (12. Mai) stattfanden, zeigen das Paradox des Aktivismus unter Behinderung: viele Teilnehmer:innen zahlen ihren Protest mit einem mehrtägigen Crash. Das Engagement selbst kann krank machen. Arne verweist auf den Begriff Crip Time aus den Disability Studies.


”Crip Time” — Wenn eine Gesellschaft auf eine einzige Körpernorm gebaut ist

[▶ 18:56]

Crip Time beschreibt ein fundamental anderes Verhältnis zu Zeit: mehr Wartezeit auf barrierefreie Infrastruktur, mehr Zeit für den Körper, um sich auf Aktivitäten vorzubereiten, mehr Zeit fürs Trauern. Eine Gesellschaft, die auf die Mehrheitsnorm des gesunden, mobilen, produktiven Körpers hin gebaut ist, zwingt alle anderen in permanente Mehrarbeit — und nennt das dann “normal”.

Der Kontrast zur aktuellen Regierungspolitik könnte nicht schärfer sein: Acht-Stunden-Tag abschaffen, Diskussionen über “Lifestyle-Teilzeit”, Selbstzahlung des ersten Krankheitstags, Lockerung des Kündigungsschutzes. Arne formuliert es präzise:

„All das sind natürlich Forderungen, die komplett entgegengesetzte Richtung gehen zu dem, was jetzt bei den Liegend-Demos gefordert wird, nämlich eine Gesellschaft, in der alle ihren Platz finden und leben können.”

Gilda fügt die Schmerz-These hinzu: Westliche Gesellschaften versuchen Schmerz zu verdrängen — durch Drogen, Alkohol, Glücksspiel, Social-Media-Glitzer. Das führt dazu, dass Menschen mit chronischen Erkrankungen, die Schmerz nicht wegdrücken können und ihn — wie Jana Petersens Text zeigt — als Freund “beherbergen” müssen, strukturell ausgeblendet werden. Was man nicht sehen will, existiert nicht.


Ein Jahr Schwarz-Rot: 86% Unzufriedenheit und die Frage nach dem Warum

[▶ 31:23]

Infratest dimap-Zahlen vom Mai 2026: 45% der Befragten sind gar nicht zufrieden mit der Bundesregierung, 41% weniger zufrieden. 86% Gesamtunzufriedenheit — schlechter als die Ampel. Nur 12% sind zufrieden. Arne kommentiert trocken: „Zumindest für Friedrich Merz und Kollegen. Die haben ja immer die Ampel fertig gemacht.”

Was hat Schwarz-Rot geleistet? Arne gibt einen fairen Überblick:

  • Sondervermögen — 24 Milliarden bis Ende 2025 in Infrastruktur (Brücken, Schulen, Straßen), aber umstritten ob das echte Zusatzmittel oder nur buchhalterische Verschiebung ist
  • Rente — Sicherungsniveau bis 2031 stabilisiert, 4,2% Erhöhung im Sommer, Mütterrente erhöht
  • Aktivrente — bis 2.000 Euro steuerfrei in der Rente verdienen
  • Staatliche Wohnungsbaugesellschaft — angekündigt, gut, aber alleine nicht ausreichend

Was fehlt: die strukturellen Probleme. Krankenkassenbeitrag bei 17,5%, monatlicher Pflegeeigenanteil bei 2.720 Euro. 120.000 Industriejobs verloren in 2025, 10.000 im Monat. Und bei allem, was gemacht wurde: keine Antwort auf die eigentliche Frage, warum so viele Menschen so viel Angst haben.

Weitergedacht

Wenn 86% unzufrieden sind, aber die AfD weiter zulegt, obwohl die Asylzahlen historisch niedrig sind — welche Schlüsse zieht das politische System daraus? Und welche Schlüsse zieht es nicht?

[▶ 37:40]

Zur Migrationspolitik ist Arne ungewöhnlich klar: „Der effektivste Minister in dieser Bundesregierung ist wirklich Alexander Dobrindt — und ich würde sagen, die Hälfte davon rechtswidrig.” Grenzkontrollen, die Gerichte als rechtswidrig einstufen und die trotzdem weitergemacht werden. Abschiebungen nach Afghanistan und Syrien, rechtlich höchst problematisch. Asylzahlen historisch niedrig — und trotzdem weitere Verschärfung.

„Was ja auch sehr gut zeigt, da geht es gar nicht um tatsächliche Probleme oder tatsächliche Herausforderungen, sondern es geht darum, Härte zu zeigen und letztlich autoritäre Maßnahmen durchzusetzen."


"Peter aus Köln” — Die emotionalen Wurzeln des AfD-Wählens

[▶ 42:19]

Arne empfiehlt ein 50-Minuten-Feature des Bayerischen Rundfunks: “Der Arbeiter und die AfD” von Alexander Gutsfeld und Birgit Frank. Peter aus Köln, lebenslanger Ford-Arbeiter, traumatische Kindheit, fand bei Ford Sicherheit und Halt und Anerkennung. Der Ford Fiesta wie ein Freund. Und jetzt werden Stellen abgebaut. Sein Chef hat ihn gefördert wie ein Vater, ihm Mathe beigebracht nach der Frühschicht. Das ist seine Familie. Und er hat Angst, das zu verlieren.

Peter wählt die AfD. Sein Argument: Weidel sagt, was er denkt. Die Wirklichkeit, von der er spricht — weniger am Monatsende als früher, niemand hört ihm zu — ist real. Das Feature macht deutlich: ganz viele, die dasselbe erleben, wählen nicht die AfD. Aber dass dieses Erleben existiert, ist eine Tatsache.

Gilda betont den analytischen Unterschied:

„Es ist gleichzeitig wichtig, dass man diese Geschichten versteht. Dass man versteht, was Menschen auch emotional durchmachen, was es heißt, Angst zu haben vor Verlust eines riesigen Teil des Lebens. […] Und man muss auch sehen, dass die meisten Leute, die gerade unzufrieden sind oder Angst haben, nicht die AfD wählen.”

Das politische Versagen: Eine Bundesregierung, die das weder sieht, noch anerkennt, noch adressiert.


Friedrich Merz und die sterbende Frau — Empathie als Staatskunst

[▶ 51:45]

Beim Bürgerforum sagt eine schwerkranke Frau, die bald sterben wird, dass sie sich ihre Beerdigung nicht leisten kann und es sie schmerze, dass die Regierung bei der Gesundheit spare, aber die eigenen Bezüge erhöhe. Merz’ Antwort: „Das sei eine falsche Behauptung.”

Gilda: „Nein.” Arne: „Nein.”

Die Bundestagsdiäten steigen tatsächlich am 1. Juli um 500 Euro auf 12.330 Euro — automatisch, per gesetzlicher Kopplung. SPD und Linke fordern Aussetzung, Jens Spahn will festhalten. Inhaltlich ist Merz’ Einwand also schon falsch. Aber selbst wenn er recht gehabt hätte: die Frau stirbt. Sie will gehört werden. Kein Faktencheck hilft hier.

Arnes Gegenvorschlag ist konkret: Diäten an den Leistungssatz der Grundsicherung koppeln, als 15- oder 20-faches des Grundsicherungsniveaus. „Dann hat man quasi ganz unten auf Spektrum und die Abgeordneten. Dann hat man auch eine andere Diskussion um die Grundsicherung und die Höhen davon.”

Weitergedacht

Wenn strukturelle Kritik ohne Personenabwertung das Ziel ist — wann ist eine Personenkritik unvermeidlich? Gibt es einen Punkt, ab dem das Verhalten einer Einzelperson ist die Struktur?


Sea-Watch unter Beschuss — Das Mittelmeer als vergessene Katastrophe

[▶ 58:01]

Am 11. Mai 2026 wurde die Sea-Watch 5 von einem Patrouillenboot der sogenannten libyschen Küstenwache mit scharfer Munition beschossen — erst Einzelschüsse, dann eine Salve. An Bord: 90 Gerettete und 30 Crew. Seit 2016 dokumentiert Sea-Watch mehr als 60 solcher Angriffe. Ocean Viking wurde vor einem halben Jahr beschossen. Das ist kein Einzelfall — es ist ein Muster.

[▶ 59:34]

Der Begriff “libysche Küstenwache” ist, wie Arne deutlich macht, irreführend. Libyen ist ein de-facto-gespaltenes Land. Im Osten herrscht General Haftar — ein Warlord mit russischer Unterstützung, bekannt für Folter und Menschenrechtsverletzungen. Die EU arbeitet dennoch mit verschiedenen Milizen zusammen, die als “Küstenwache” firmieren. Die Bundeswehr hat ein Mandat zur Schulung dieser Milizen — macht es bisher nicht, aber die Option steht.

„Das Ziel des Ganzen: quasi scheiß auf die Konsequenzen, aber das grundsätzliche Ziel ist, möglichst viele Menschen davon abzuhalten, über Libyen in die EU gelangen zu lassen.”

35.000 Tote im Mittelmeer seit 2014. Die Ampel hatte staatliche Förderung für Seenotretter eingeführt (bis zu 500.000 Euro). Schwarz-Rot hat sie gestrichen.

Was beide beschäftigt: die Normalisierung. Wo einst Schiffsunglücke die Titelseiten füllten, steht heute “42 Menschen” als Randzahl in der Lokalzeitung. Gilda erinnert an den Zeit-Titel “Pro und Contra: Seenotrettung — soll man es lassen?“. Ein Titel, der das Sterben von Menschen als Abwägungsfrage framed.

„Nur weil weniger Leute hinschauen, heißt das nicht, dass weniger Leute was machen.”


Faktencheck

Bestätigt — ME/CFS-Zahlen Deutschland

620.000 kassenärztlich behandelte Fälle (2023) bestätigt durch Kassenärztliche Bundesvereinigung. Die 1,5 Millionen ist die kombinierte Schätzung für ME/CFS + Post-COVID nach Modellierung der ME/CFS Research Foundation — nicht ausschließlich ME/CFS. Quelle: Deutsche Gesellschaft für ME/CFS · ReporterDesk

Bestätigt — Geschlechterverteilung ME/CFS

Frauen sind zwei- bis dreimal häufiger betroffen als Männer. Quelle: The Guardian: Long Covid fight for recognition

Vereinfacht — ca. 87% Unzufriedenheit mit Bundesregierung

Infratest dimap Mai 2026 belegt ~87% Unzufriedenheit (13% zufrieden → Umkehrschluss). Die Aufschlüsselung “45% gar nicht + 41% weniger zufrieden = 86%” im Podcast ist minimal abweichend und nicht im öffentlich zugänglichen Teil des Berichts verifizierbar. Kern stimmt: historisch schlechter Wert, schlechter als die Ampel. Quelle: ARD-Deutschlandtrend Mai 2026 — Infratest dimap

Vereinfacht — Grenzkontrollen als rechtswidrig eingestuft

Mehrere Verwaltungsgerichte (VG Berlin 2025, VG Koblenz April 2026, VGH Bayern April 2026) haben konkrete Zurückweisungen als EU-rechtswidrig eingestuft. Es gibt kein pauschales Gerichtsurteil gegen alle deutschen Grenzkontrollen. Dobrindt ficht Urteile an, Kontrollen laufen weiter. Quelle: VG Berlin 2025 · nd-aktuell

Vereinfacht — Sea-Watch 5 / libysche Küstenwache

Der Angriff selbst (11. Mai 2026, scharfe Munition, internationale Gewässer) ist bestätigt. “Libysche Küstenwache” ist jedoch irreführend: Libyen hat mehrere rivalisierende Milizen, die unter diesem Label operieren — de facto mafiöse Strukturen. Die Zuordnung des Angriffs auf eine spezifische Einheit ist unklar. Quelle: Sea-Watch EILMELDUNG · migazin

Vereinfacht — 60+ Angriffe auf Seenotretter seit 2016

Die Zahl basiert auf Sea-Watchs eigenem Monitoring (54 der 60 Fälle der libyschen Küstenwache zugeordnet). Keine unabhängige Verifikation durch UNHCR oder IOM mit exakt dieser Zahl. Plausibel, aber Eigenquelle. Quelle: Sea-Watch — 60 libysche Angriffe

Bestätigt — 35.000 Tote im Mittelmeer seit 2014

IOM-Daten bestätigen diese Größenordnung. Die genaue Zahl variiert je nach Quelle und Zählmethodik, 35.000+ ist eine konservative Schätzung. Keine unabhängige einzelne Quelle gefunden, Konsens in der Berichterstattung.

Bestätigt — Diäten steigen zum 1. Juli 2026 um 500 Euro

Die automatische Erhöhung auf 12.330 Euro ist korrekt — per gesetzlicher Kopplung. Merz’ Widerspruch beim Bürgerforum war sachlich falsch. Quelle: Tagesschau: Diäten-Erhöhung


Weiterführende Quellen

Aus den Shownotes der Episode:


Verbindungen

Gilda Sahebi - Polarisierung, Herrschaft, Spaltung

Gilda’s Kernthese — Polarisierung als Herrschaftsinstrument — steht im Hintergrund jeder Schwarz-Rot-Analyse dieser Folge: Bürgergeld-Gegner und Grundsicherungs-Empfänger sind dieselbe Gruppe, werden aber gegeneinander ausgespielt.

Gilda Sahebi - Verbinden statt spalten (Elevate 2026)

Die Forderung nach “Verbinden statt Spalten” findet in “Peter aus Köln” ihr konkretes Bild: Wer versteht, was Menschen emotional durchmachen, kann verbinden — wer nur Fakten korrigiert, verliert sie an die AfD.

MONITOR — AfD-Erfolg trotz Skandalen

Die Frage nach dem “Groschen, der gefallen ist”: Medien beginnen zu realisieren, dass Asylzahlen sinken und AfD trotzdem steigt. Beide Quellen beleuchten dieselbe Lücke zwischen politischem Versagen und Populismus-Anstieg.

Der Entscheidende Punkt — 1 Jahr Kanzler Merz

Beide Notes ziehen dieselbe Schwarz-Rot-Jahresbilanz (AfD auf 27%, Merz verfehlt Versprechen), aber die GCA-Note benennt Empathiemangel als politisches Symptom am konkreten Fall der sterbenden Frau — was Herrmanns Diagnose “Merz weiß nicht, wie man führt” um die moralische Dimension ergänzt.

taz Reingehen — ICE-Razzia Hyundai und ein Jahr Schwarz-Rot

Jakobs Ministeriums-Insider-Perspektive auf Schwarz-Rot bestätigt von innen, was Sahebi/Semsrott von außen benennen: Migrationsverschärfung als Reaktionspolitik, die die AfD nicht bremst, sondern ihr den Rahmen setzt.

Thomas Fricke — Wie die Wirtschaftskrise den Rechten nützt (Surplus)

“Peter aus Köln” ist Frickes Kontrollverlust-These als Einzelporträt: Der Stahlarbeiter, der seine Identität über Arbeit definiert, erlebt den Strukturwandel als existentielle Bedrohung — und landet bei der AfD nicht trotz, sondern wegen dieser Ohnmacht.

Philip Manow — Autoritäre Zeiten: Die Macht der Wähler

Manow erklärt strukturell, warum das Paradox dieser Note (AfD steigt trotz niedrigster Asylzahlen) kein Paradox ist: Migrationsverschärfung adressiert die falsche Variable — AfD-Wähler reagieren auf Souveränitätsverlust, nicht auf Asylzahlen.

Helen Keller — Voelkerrecht zahnloser Tiger

Sea-Watch beschossen, 35.000 Tote, EU-finanzierte libysche Milizen: Das ist Kellers These der normativen Erosion durch Duldung — das Völkerrecht versagt nicht wegen fehlender Regeln, sondern weil Staaten aktiv Verstöße finanzieren.

Heinz Bude — Gesellschaft der Angst

Das BR-Feature “Der Arbeiter und die AfD” über Peter aus Köln ist die empirische Bestätigung von Budes Dienstleistungsproletariat-Analyse (2014): Arbeit als Identitätskern, kein Solidaritätspotential nach unten — der Nährboden für Rechtspopulismus, 12 Jahre später dokumentiert.


Weiterdenken

Was Sokrates vielleicht gefragt hätte

  • Wenn Merz bei einer sterbenskranken Frau zuerst Fakten korrigiert statt Empathie zu zeigen — ist das dann ein persönliches Versagen oder eine Symptom einer Klasse, die systematisch gelernt hat, Realitäten anderer nicht wahrzunehmen?
  • Gilda und Arne fordern: strukturelle Kritik ohne Personenabwertung. Aber wenn eine Person konsequent menschliche Realitäten ignoriert — wann wird das Person zur Struktur?
  • “Crip Time” zeigt, wie eine Gesellschaft eine einzige Körpernorm als Standard setzt. Gilt dasselbe für andere Normen — emotionale Belastbarkeit, “Leistungsbereitschaft”, Mobilität? Und wer entscheidet, was als Norm gilt?
  • 35.000 Tote im Mittelmeer, und die politische Reaktion ist: Küstenwachen ausbauen, Seenotretter-Förderung streichen. Wie unterscheidet sich das strukturell von aktiver Beihilfe?
  • Arne schlägt vor, Diäten an den Grundsicherungssatz zu koppeln. Was würde sich ändern, wenn Politiker:innen auch sonst an den Bedingungen ihrer Gesetzgebung teilhaben würden?