Gedankenraum
DenkerVita·9. Oktober 2026

Lars Wienand — DenkerVita

Lars Wienand deckte 2022 die russische Kampagne „Doppelgänger“ auf und liest seither mit, wie Moskau fälscht, auch die Fakes über ihn selbst, samt erfundenem Bruder.

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René Magritte — Ein Mann im grauen Mantel steht von hinten an einem Fenster über grünen Mittelgebirgshügeln und hält eine große Lupe hoch. Draußen ist heller Tag, in der Lupe liegt dasselbe Dorf bei Nacht, mit Laterne und erleuchteten Fenstern. Auf dem Sims stehen ein alter Holzstempel, ein Stapel leerer Blätter und eine Kaffeetasse. Magrittes klare, trockene Malerei mit dem leisen Witz des Doppelbilds malt Wienands Motto „Auf den zweiten Blick sieht manches anders aus“. Sie zeigt den Menschen und nicht das Thema: einen geduldigen Hinseher mit Westerwälder Hügeln vor dem Fenster und dem Stempel, den er auf jede gezeigte Fälschung drückt.

Prompt: Painting in the manner of René Magritte, wide panoramic banner, clear flat oil paint, smooth matte surfaces, calm bright daylight. A man in a plain dark grey coat, seen strictly from behind, stands at an open window in a bare pale room and holds up a large round magnifying glass. Outside lie soft rolling green hills of a wooded upland under a pale blue sky with small white clouds, a winding country road, a village with a small church. Inside the lens the very same hills appear at night: dark blue sky, a single lit street lamp, glowing windows in the village — the same view, seen a second time, quietly different. On the windowsill rest a worn wooden rubber stamp, a neat stack of blank papers and a mug. Lucid, still, gently humorous. No text, no letters, no logos, no signature, no photorealism, no face visible.

Biographischer Snapshot

Wer spricht?

Lars Wienand ist Leitender Redakteur Recherche bei t-online und gehört dort zum Investigativ-Team. Er kommt aus dem Westerwald, war bei der Koblenzer Rhein-Zeitung 2009 der erste Social-Media-Redakteur am Newsdesk einer deutschen Regionalzeitung, später Mitglied der Redaktionsleitung, danach Leiter Social Media bei einer großen Mediengruppe. Im Frühjahr 2022 stieß er auf gefälschte Nachrichtenseiten und Tausende Fake-Profile: Die Kampagne, die man heute „Doppelgänger“ nennt, wurde zuerst bei t-online beschrieben. Seither verfolgt er die Moskauer Desinformation in ihren Spielarten (Doppelgänger, Matrjoschka, Storm-1516) und im Mai 2026 als Erster in einem Leak aus der Agentur, die sie betreibt. Die Trolle haben sich revanchiert: Sie bauen ihn in ihre Fälschungen ein.

Biografie

Wienand stellt sich mit einem Satz vor, den man von einem Rechercheur selten hört: „Mein Name ist Lars Wienand, und ich weiß, dass ich sehr vieles nicht weiß.“ Sein Motto auf der t-online-Autorenseite lautet „Auf den zweiten Blick sieht manches anders aus.“ (t-online-Profil). Er studierte an der Universität Mainz (so die strukturierten Autorendaten von t-online) und hat sich nie ganz von seiner Herkunft gelöst: Er ärgere sich, schreibt er, wie geringschätzig in der „Berliner Blase“ zum Teil über das Leben auf dem Land gesprochen werde, und vom Westerwald aus sei es nicht weit ins Frankfurter Waldstadion, wo er eine Dauerkarte für die Eintracht hat.

Sein Weg in den Journalismus führte über die Regionalzeitung, und zwar früh über deren digitale Ränder. Seit 2009 war er bei der Rhein-Zeitung in Koblenz der deutschlandweit erste Social-Media-Redakteur am Newsdesk einer Regionalzeitung und später Mitglied der Redaktionsleitung (OSK-Blog-Interview). Danach leitete er den Bereich Social Media bei einer großen Mediengruppe (t-online-Profil). Diese Jahre prägen bis heute seine Methode: Ein Großteil seiner Recherchen, sagt er, spiele sich im Netz ab, wo er immer wieder erlebe, „wie viele Menschen mit viel Wissen in sozialen Netzwerken unterwegs sind und gerne helfen“.

Bei t-online ist er Leitender Redakteur Recherche. Er prüft unter Zeitdruck die Echtheit von Bildern und Behauptungen und bekommt daneben Zeit, „viele Steine umzudrehen“. In der Redaktion gilt er nach eigener Aussage als der Kollege, der Texte mit 20.000 Zeichen schreibt und „verliebt in manche Informationen“ ist (Datenspuren-Vortrag, 0:12). Seine Themen reichen über Russland hinaus: Rechtsextremismus, das Portal Nius und Julian Reichelt, Björn Höcke, Neonazi-Netzwerke, deutsche „Wahlbeobachter“ bei russischen Wahlen (Artikelliste auf t-online).

Der Wendepunkt 2022. Im Mai oder Juni 2022 fielen ihm auf Facebook Videos auf, die in den Kommentarspalten großer Medien gepostet wurden und deren Marken kopierten, darunter auch die von t-online. Leser fragten ihn, was t-online da mache. Dahinter steckten Tausende Profile mit computergenerierten Fotos, allein sieben „Odettas“, die laut Profil alle bei Netflix arbeiteten. Wienand wollte das Phänomen „die Netflix-Frauen“ taufen; durchgesetzt hat sich „Doppelgänger“, nach den geklonten Nachrichtenseiten auf Tippfehler-Domains (Vortrag, 3:14–4:46). Am 29. August 2022 erschien bei t-online die Recherche „Prorussische Kampagne: Das steckt hinter den Fake-Artikeln“ (mit Stefan Steurenthaler und Sophie Loelke). Meta, das er vorab kontaktiert hatte, war nach seiner Schilderung irritiert, weil der Konzern eigentlich erst später berichten wollte; im Threat Report vom 27. September 2022 bestätigte Meta die Kampagne und führte sie auf zwei russische Firmen zurück (Vortrag, 4:46). Spätere Recherchen belegten, dass die Moskauer Social Design Agency (SDA) dahinter steht, die seit Mitte 2023 unter EU-Sanktionen steht (t-online, 22.05.2026).

Tuchfühlung. Wienand recherchiert mitunter dicht an den Akteuren. Im April 2024 berichtete t-online, er habe erstmals zwei Männer ausfindig gemacht, die für das Netzwerk arbeiten (t-online-Podcast, 20.04.2024). Einen von ihnen, Wadim C., erlebte er live: Der wollte den bayerischen Jugendforscher Simon Schnetzer für ein Video über die angeblich chancenlose deutsche Jugend und die Kasaner „Games of the Future“ gewinnen. Wienand saß bei dem Videoanruf dabei, stellte sich vor und Wadim C. legte auf (Vortrag, 1:42 und 12:28).

Das Leak 2026. Im Mai 2026 wertete t-online, als erstes Medium, einen zweiten, kleineren Datensatz aus der SDA aus (73 Dateien, vor allem Screenshots interner Chats). Wienand und Jonas Mueller-Töwe beschrieben darin Aktionen unter falscher Flagge, darunter mutmaßlich die Bauschaum-Sabotage an Hunderten Autos vor der Bundestagswahl 2025 mit gefälschten „Sei grüner!“-Aufklebern, und den Aufbau eines russischen Wikipedia-Klons, der Sprachmodelle wie ChatGPT mit Desinformation füttern soll. Der Desinformationsforscher Thomas Rid hielt das Leak für „sehr plausibel“ (t-online, 22.05.2026). Im Vortrag zeigte er außerdem Projektberichte aus dem Leak, in denen sich die Agentur für Schweineköpfe vor Pariser Moscheen und Skelette am Reichstag feiert (Vortrag, 20:11).

Zielscheibe. Wer die Trolle beobachtet, wird von ihnen bearbeitet. Wienand schreibt, er bekomme „ab und an auch hässliche Post“, und manchen gefalle nicht, wie viel Zeit er der Desinformation widme (t-online-Profil). Auf den Datenspuren 2026 zeigte er, wie er selbst in den Fakes auftaucht: in einem Video, in dem er angeblich berichtet, die CDU wolle die Wahl in Sachsen-Anhalt verschieben; mit einem Foto aus seinem Instagram-Account in einem Fake, der ihm einen ermordeten älteren Bruder „Günther“ andichtet und Friedrich Merz eine Verwicklung in den Mord. In seinem Namen gingen außerdem Mails von einer fremden Gmail-Adresse an Bellingcat und Correctiv, in denen „er“ um Informationen bat (Vortrag, 31:47–35:43). Sein Kommentar: „Damit grüßen mich die Russentrolle eigentlich zurück.“

Öffentliche Arbeit, Kanäle & Engagement

Wienand hat keine Bücher veröffentlicht. Sein Werk sind Recherchen bei t-online, viele davon lang, quellennah und mit „Fake“-Stempeln auf jedem gezeigten Screenshot.

RechercheDatumWorum es geht
Prorussische Kampagne: Das steckt hinter den Fake-Artikeln29.08.2022Die erste Beschreibung der später „Doppelgänger“ genannten Kampagne: gefälschte Seiten von t-online, Spiegel, Bild, verbreitet über Fake-Profile (mit S. Steurenthaler, S. Loelke)
Olympia-Attentat in München von Fake-Accounts zur Angstmache genutzt22.11.2023Doppelgänger verlässt das Netz: gefälschte Graffitis und Videos rund um München
Fake News aus Russland: Putins Propaganda-Strategie aufgedeckt (Podcast)20.04.2024Wienand erklärt, wie er zwei Männer des Netzwerks ausfindig machte
Bundestagswahl: Desinformation aus Russland, plumpe Fakes auf Social Media21.02.2025Was kurz vor der Wahl 2025 an russischen Fälschungen kursierte
Russische Fakeseiten fälschen Werbung für AfD und DDR-Museum27.03.2025Doppelgänger-Seiten mit erfundener Reklame (mit S. Steurenthaler)
Geheime Dokumente: Russland weitet verdeckte Operationen aus22.05.2026Das SDA-Leak: falsche Flaggen, Bauschaum-Sabotage, Wikipedia-Klon für KI-Training (mit J. Mueller-Töwe)
Propaganda-Leak: Diese deutschen Politiker gelten Moskau als Komplizen22.05.2026Was die SDA-Chats über Maximilian Krah und Dieter Dehm sagen (mit J. Mueller-Töwe, A. Leister)

Kanäle

Empfehlenswerte Videos & Vorträge

Kernthesen

  1. Die Desinformation läuft ununterbrochen. Dass der Verfassungsschutz Russland „erneut im Visier“ sieht, nennt Wienand „eigentlich Schwachsinn, weil das permanent läuft“; inzwischen sei auch das Wochenende nicht mehr ruhig (Vortrag, 10:08).
  2. Vieles verpufft, der Auftrag lebt trotzdem. Ein Fake-Beitrag mit 282 Zitierungen und 468 Aufrufen hat niemanden erreicht, eine Petition hatte einen Unterzeichner. Die Agentur braucht aber Arbeitsnachweise: Jeder Bericht über ihre Fakes, auch ein entlarvender, kann im nächsten Projektbericht als Erfolg stehen (Vortrag, 13:13 und 34:58).
  3. Wer berichtet, muss das Fake brechen. Gezeigte Fälschungen bekommen einen großen „Fake“-Stempel, weil sonst im Unterbewusstsein etwas hängen bleibt; ehrenrührige Vorwürfe werden nur verklausuliert wiedergegeben. Die Richtigstellung erreicht die Leute seltener als das Original (Vortrag, 24:06 und 40:21).
  4. Aus dem Netz wird Straße. Das Leak zeigt eine Agentur, die neben Fake-Seiten auch Schweineköpfe vor Moscheen, Skelette am Reichstag und Bauschaum in Auspuffen bestellt, jeweils mit falscher Fährte zu Rechtsextremen oder Grünen (t-online, 22.05.2026).
  5. Das eigene Monitoring hat einen blinden Fleck. Er beobachtet vor allem X, weil das dort am besten geht; die meisten Menschen begegnen solchen Inhalten aber eher über YouTube- und TikTok-Empfehlungen, die er kaum überblickt. Hier sieht er die Wissenschaft gefragt (Vortrag, 37:16).

Politische Einordnung

Wienand arbeitet als Rechercheur, nicht als Kommentator; eine Parteinähe ist nicht belegt. Seine Themen ballen sich allerdings dort, wo russische Einflussnahme, Rechtsextremismus und die rechte Medienszene sich berühren (AfD- und BSW-Kontakte nach Moskau, Nius, Höcke). Das macht ihn für diese Milieus zum Gegner, und für die Moskauer Trolle zum Material. Seine Befunde zu Doppelgänger und zur SDA decken sich mit dem, was Meta, die EU-Sanktionsbehörden und Forscher wie Thomas Rid unabhängig festgestellt haben. Zu seiner Arbeitsweise gehört, dass er offen sagt, was er nicht weiß: ob eine Frau im Fake-Video echt oder KI-generiert ist, ob YouTube solche Inhalte gezielt an unbeschriebene Nutzer ausspielt.

Verbindungen zu anderen Denkern

Cortex-Notes

Im Bestand

Lars WienandПривет, Russentrolle! Auf…Renée DiRestaDenkerVitaThomas LaschykDenkerVitaKatharina NocunDenkerVitaIngrid BrodnigDenkerVitaMark ReicherDenkerVitaTorsten HeinrichDenkerVita

sieben gedachte Verweise

verlinktdieselbe Quelle, nie verlinkt
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