GedankenraumLars Wienand — Привет, Russentrolle! Auf Tuchfühlung mit russischer Desinformation
Ein Reporter folgt Moskaus Fälscherwerkstatt seit 2022 und findet dabei sich selbst, samt einem ermordeten Bruder, den es nie gab. Vieles davon erreicht kaum jemanden. Gezählt wird trotzdem.
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Remedios Varo — In einem runden Turm sitzen maskierte Kopisten in Kutten an langen Pulten und schreiben Zeitungsseiten ab. Die Bahnen fliegen aus dem Fenster und werden zu einer Papierstadt mit Papiermenge. Ein Schreiber schnürt die Quittungen zum Paket für den roten Palast am Horizont, und unten in der Papierstadt untersucht ein kleiner Mann mit Lupe das Gewebe, in das er selbst eingewoben ist. Varos Werkstätten, in denen vermummte Gestalten die Welt sticken (Bordando el manto terrestre), treffen die Fälscherwerkstatt als Auftragsgeschäft genau: komisch und unheimlich zugleich, fleißig und doch ohne Publikum. Am Ende steht der Arbeitsnachweis, und der Reporter wird zur Figur im eigenen Stoff.
Prompt: Surrealist painting in the manner of Remedios Varo, wide panoramic banner. Inside a tall round tower workshop, a row of slender hooded figures with pale almond-shaped masks sit at long wooden desks, copying newspaper pages with quill pens; the pages carry only blank grey columns, no letters. The copied sheets stream out of a high window like an embroidered cloth and become a little landscape of paper towns, paper domes and tiny paper crowds below, and some sheets drift into empty air where no one stands. At a separate desk a clerk stamps a tall pile of receipts and ties them into a parcel for a distant red-walled palace on the horizon. Woven into the flowing cloth, small among the paper streets, a tiny figure of a man with a magnifying glass examines the fabric that is depicting him. Muted ochre, umber, dusty rose, pale gold, fine meticulous brushwork, oil glazes on gessoed panel, soft mysterious light. No text, no letters, no logos, no photorealism, no realistic faces.
Ein Reporter folgt Moskaus Fälscherwerkstatt seit 2022 und findet dabei sich selbst, samt einem ermordeten Bruder, den es nie gab. Lars Wienand hat die Kampagne „Doppelgänger“ als Erster beschrieben und war bei einem Leak aus der Moskauer Firma dahinter der erste Journalist, der darüber berichtete. Auf den Datenspuren in Dresden führt er durch drei Spielarten russischer Desinformation: geklonte Zeitungsseiten, Fälschungen im Dreierpack und erfundene Skandale mit Wegwerfzeitungen. Dazwischen liegen Schweineköpfe vor Pariser Moscheen und Skelette am Brandenburger Tor, die niemand gesehen hat. Der Vortrag ist komisch und beunruhigend zugleich. Er hinterlässt eine unbequeme Frage: Wenn vieles davon kaum jemanden erreicht, wofür wird es dann gemacht, und wer hilft dabei mit, ohne es zu wollen?
Quelle: Привет, Russentrolle! Auf Tuchfühlung mit russischer Desinformation — Datenspuren 2026, Dresden, 08.10.2026, 47 Minuten · media.ccc.de · Programmseite · Lizenz CC BY 4.0 — Standbilder: Lars Wienand / Datenspuren 2026, media.ccc.de
Lars Wienand ist leitender Redakteur Recherche im Investigativ-Team von t-online. Bei den Kollegen ist er nach eigener Aussage „verflucht dafür“, manchmal Texte mit 20.000 Zeichen zu schreiben. Er stammt aus dem Westerwald und hat in Mainz studiert. Ab 2009 war er bei der Koblenzer Rhein-Zeitung der erste Social-Media-Redakteur am Newsdesk einer deutschen Regionalzeitung, später leitete er Social Media bei einer großen Mediengruppe. Im Sommer 2022 stieß er auf die Kampagne, die heute „Doppelgänger“ heißt. t-online beschrieb sie am 29.08.2022 als erstes Medium. Im April 2024 machte er zwei Männer aus dem Netzwerk ausfindig, darunter den Wadim C. aus diesem Vortrag. Im Mai 2026 wertete er mit Jonas Mueller-Töwe als erster Journalist ein zweites Leak der Moskauer Social Design Agency aus. Seitdem bauen ihn die Trolle selbst in ihre Fälschungen ein. Sein Arbeitsmotto heißt: „Auf den zweiten Blick sieht manches anders aus.“
Die Netflix-Frauen
Odetta, Odetta, Odetta: Profile mit Gesichtern aus dem Rechner, alle „Works at Netflix“. Folie: Lars Wienand, Datenspuren 2026, CC BY 4.0.
2:29 — Es fing im Mai oder Juni 2022 in den Kommentarspalten an. Unter den Facebook-Beiträgen großer Medien tauchten Videos auf, die aussahen wie Beiträge von Spiegel, Bild oder t-online, mit deren Logo, deren Schrift und deren Schnitt. Nur der Inhalt war russisch gedacht. Weil Wienand im Netz sichtbar ist, schrieben ihn Leser an: Was macht ihr denn da für Videos? Er sah sich die Profile an, die sie teilten. Jedes trug ein Gesicht aus dem Rechner, und es gab Tausende davon.
„Es gab z.B. sieben Odettas, die solche Beiträge verbreitet haben. Ich habe noch nie eine Odetta getroffen.“ 4:01
Im Gespräch — 4:01
Alle arbeiteten laut Profil bei Netflix. Wienand wollte den Begriff „die Netflix-Frauen“ prägen, er setzte sich nicht durch. Durchgesetzt hat sich der Name, den die Kampagne später im Englischen bekam: Doppelgänger. Er trifft den Kern, denn geklont wurden nicht nur Videos, sondern ganze Websites. Die Macher nahmen den Quellcode einer echten Zeitungsseite, setzten einen eigenen Artikel hinein und stellten das Ganze auf eine Domain, die sich vom Original um einen Buchstaben unterschied. Daneben entstanden eigene Portale mit eigenen Namen, „Kaputte Ampel“, „Wanderfalke“, „Grüne Hummel“, jedes für ein anderes Publikum, die Hummel offenbar für das grüne.
Geklonte Medien-Websites und eigene Fake-Portale, mit Wienands Stempel. Grafik nach einer Übersicht des Auswärtigen Amts. Folie: Lars Wienand, Datenspuren 2026, CC BY 4.0.
4:46 — t-online berichtete als erstes Medium. Wienand fragte bei Meta an, und Meta war, wie er trocken bemerkt, „irritiert“, weil der Konzern eigentlich erst später darüber reden wollte. Am 27. September 2022 legte Meta dann seinen Bericht über „koordiniertes unauthentisches Verhalten“ aus China und Russland vor. Darin stand die Bestätigung und mehr, als Wienand allein gefunden hatte. In einem Nachtrag im Dezember kamen Werbeanzeigen dazu, die sich zu zwei Moskauer Firmen zurückverfolgen ließen, „die bis heute eine Rolle spielen“. Aus dem Material stammt auch ein Telegram-Kanal, über den eine Petition kursierte, die deutsche Familie müsse vor attraktiven Ukrainerinnen geschützt werden. Der Link wurde bis nach Reddit gestreut. Die archivierte Fassung der Petition zeigt einen einzigen Unterzeichner.
Dieser eine Unterzeichner zieht sich als stiller Befund durch den ganzen Abend. Wienand stellt keine These über Wirkung auf, aber seine Beispiele tun es: ein riesiger Apparat, der oft ins Leere läuft. Die Frage, warum er trotzdem weiterläuft, beantwortet er erst ganz am Ende.
Merz, ein Schweinekopf und die Triggerwarnung
7:49 — Die Kampagne wanderte bald zu X. Dort ist sie bis heute am aktivsten, „weil X in der Verfolgung am schwächsten ist“. Wienand spielt ein Video ab. Am Anfang empfängt die britische Kinderbuchautorin Jacqueline Wilson junge Leser, eine echte Aufnahme. Dann spricht sie mit ihrer eigenen, aber vom Rechner erzeugten Stimme weiter und rät allen Deutschen, das Land zu verlassen, bevor Merz sie umbringt. Neben ihr steht Cressida Cowell, ebenfalls Kinderbuchautorin. Wienand hat mit Wilsons Agentin gesprochen, dort war man entsetzt. Solche Videos gibt es nach seinen Worten hundertfach, mit immer anderen Gesichtern.
„Ich habe am Anfang überlegt, ob ich eine Triggerwarnung gebe. Ich werde in diesem Vortrag mehrfach Merz verteidigen.“ 9:22
Im Gespräch — 9:22
Der Saal lacht, und das Lachen ist ein Teil der Methode des Abends. Wienand behandelt das Material mit der Gelassenheit von jemandem, der seit vier Jahren jeden Morgen hineinschaut. Die Gelassenheit hat einen Grund. Er hält wenig davon, jede Welle als neue Bedrohung auszurufen. Als der Verfassungsschutz wenige Tage zuvor gemeldet hatte, Deutschland sei „erneut im Visier“, nennt er das „eigentlich Schwachsinn, weil das permanent läuft“.
10:54 — Die zweite Spielart heißt Matrjoschka: Echte Bilder werden mit erfundenem Inhalt neu verpackt und auf X im Bündel verbreitet, drei Videos auf einmal. Die Beispiele sind von dieser Woche. Merz trage tausend Tote in Wählerlisten ein. In Mecklenburg-Vorpommern würden massenhaft Sechzehnjährige mobilisiert. Der bundesweite Warntag habe Wähler, die nicht der CDU nahestehen, davor gewarnt, wählen zu gehen. CDU-Mitglieder hätten vierzig Postangestellte für Briefwahlbetrug angeworben. Kein einzelner dieser Sätze muss überzeugen. Sie bilden zusammen ein Grundrauschen, in dem „die Wahl ist manipuliert“ nach etwas klingt, das man schon öfter gehört hat.
Wenn die Wirkung im Grundrauschen liegt und nicht in der einzelnen Lüge, was bringt dann der Faktencheck, der immer nur die einzelne Lüge widerlegt?
Ein Interview, das niemand sah
Werbung für die „Games of the Future“ in Kasan: 282-mal zitiert, 468-mal angezeigt. Folie: Lars Wienand, Datenspuren 2026, CC BY 4.0.
1:42 — Der Vortrag beginnt mit einem Videoanruf. Ein Mann sagt „Hallo“, hört das Wort „Journalist“ und legt auf. Es ist Wadim C., laut LinkedIn Journalist, Produzent und Eventmanager, in Wienands Material ein Akteur von Doppelgänger. Wadim hatte einen Jugendforscher aus Bayern um ein Interview gebeten. Simon Schnetzer sollte erzählen, wie unglücklich die deutsche Jugend sei und wie dringend die Welt eine Alternative zu den Olympischen Spielen brauche: die „Games of the Future 2024“ in Kasan, die Russland aus dem Boden gestampft hatte, nachdem es als Nation von den Spielen in Paris ausgeschlossen worden war.
12:28 — Schnetzer war schon einmal auf einer dieser Seiten gelandet, auf „Wanderfalke“, mit dem aus dem Zusammenhang gerissenen Satz, in Deutschland gebe es keine Zukunft. Er wusste nichts davon, bis Wienand ihn anrief. Beim zweiten Gespräch saß Wienand mit im Raum in Bayern und sprang im letzten Moment ins Bild. Wadim drückte das Gespräch weg.
13:13 — Auf der Folie steht die Bilanz eines Werbe-Posts für Kasan: 282-mal zitiert, 468-mal angezeigt.
„Das ist extreme Botaktivität und hat in dem Fall niemanden erreicht.“
Im Gespräch — 13:13
An dieser Stelle sieht man den Apparat von innen. Für jeden echten Leser gibt es zwei Maschinen, die zitieren. Wer solche Seiten mit Stimmen füllen will, braucht Gesichter. Eine Watch-Seite führt Buch darüber, wer für die Fake-Portale Interviews gegeben hat. Darunter sind mehrere AfD-Politiker und Rainer Rupp, früher Spion der DDR im NATO-Hauptquartier. Ihre Sätze erscheinen dann als „deutscher Experte sagt“, auch auf geklonten Seiten großer Zeitungen.
14:48 — Die Anwerbung ist offenbar mühsam. Ein Fake-Medium aus Israel schrieb einen wildfremden israelischen Nutzer an, ob er nicht ein Interview geben wolle. Der Mann war aufmerksam genug, jemanden zu fragen, der Wienand kannte. Sie setzten einen anderen vor die Kamera, verkleidet. Der Interviewer fand das völlig in Ordnung: Wer sich in Israel kritisch über Israel äußere, müsse sich eben aus Angst verstellen. So wurde aus niemandem ein „Michael Martinow“, den es nicht gibt. Der zweite Interviewer, Raphael Machado, taucht auf einem anderen Foto neben Alexander Dugin auf, dem russischen Faschisten und Thinktank-Leiter, den man manchmal „Putins Philosophen“ nennt. Dessen Netzwerk reicht weit. Wienand erwähnt, dass Dugins Statthalter in Deutschland einmal Mitarbeiter des AfD-Abgeordneten Markus Frohnmaier war.
Die Firma
Aus den geleakten Werbeunterlagen der Social Design Agency: Gründer Ilja Gambaschidse, darüber Sofia Sacharowa aus der Präsidialverwaltung, darunter ihr Vorgesetzter Sergej Kirijenko. Folie: Lars Wienand, Datenspuren 2026, CC BY 4.0.
17:05 — Die wichtigste Seite des Netzwerks hieß zunächst „Reliable Russian News“. Dann fiel jemandem auf, dass „Russian“ im Namen keine gute Tarnung ist, und man taufte sie in „Reliable Recent News“ um. Das FBI hat die Domain beschlagnahmt. Auf einer ähnlich klingenden Adresse betreiben heute Gegen-Trolle eine Parodie, die Doppelgänger verspottet. Sie kommen offenbar an Material aus den Leaks heran und haben die Liste der Interviewpartner zusammengetragen.
17:53 — Hinter Doppelgänger steht eine Firma in Moskau, die Social Design Agency. Das weiß man so genau, weil sie geleakt wurde, samt eigener Werbeunterlagen. In einem Werbevideo tritt der Gründer Ilja Gambaschidse auf wie James Bond, mit einem Abzeichen an der Jacke. Im Saal hilft jemand mit der Übersetzung, auf dem Abzeichen steht „Russische ideologische Truppen“. Gambaschidse ist nicht die letzte Instanz. Über ihm steht Sofia Sacharowa, Abteilungsleiterin für Informations- und Kommunikationstechnologien in der russischen Präsidialverwaltung. Sie berichtet an Sergej Kirijenko, den stellvertretenden Leiter der Präsidialverwaltung. In den Chats schreibt sie, bei dieser Frage müsse „SVK“ entscheiden.
20:11 — Es gab zwei Leaks. Das erste umfasste rund dreitausend Dateien, viele davon Screenshots von Arbeitsproben, dazu Chats. Das zweite, viel kleinere kam im Mai 2026, nach Wienands Zählung 73 Dateien, „spannender, weil wir die ersten waren, die drüber berichtet haben“, und der Saal lacht über die Ehrlichkeit des Nachsatzes. Der Ordner liegt nach seinen Worten noch immer online. Darin finden sich Chats, in denen Sacharowa unter dem Decknamen „Christin Kieler“ Anweisungen gibt, und Projektberichte an den Auftraggeber.
Mit den Projektberichten bekommt der Vortrag festen Boden. Desinformation ist hier ein Auftragsgeschäft mit Abteilungen, Decknamen, Vorgesetzten und Rechenschaftspflicht. Wer Rechenschaft ablegen muss, muss etwas vorzeigen können. Was eine solche Firma vorzeigt, entscheidet darüber, was sie produziert.
Schweineköpfe, Skelette, Bauschaum
Aus der Kampagne auf der Straße: Schweinekopf, Bauschaum mit grünem Aufkleber, Skelette vor dem Brandenburger Tor. Folie: Lars Wienand, Datenspuren 2026, CC BY 4.0.
20:59 — Einer der Berichte schildert dem Auftraggeber, wie erfolgreich die Aktion vor Pariser Moscheen war: Dort waren Schweineköpfe abgelegt worden. Es gab internationale Berichterstattung, und zugeschrieben wurde die Tat französischen Rechtsextremen. Tatsächlich war eine Gruppe im Auftrag der Agentur eingereist. Dieselben Leute zogen weiter nach Berlin und stellten Skelette vor das Brandenburger Tor, zusammen mit einem Dank an Merz dafür, dass Rentner verhungern.
„Das hat kein Mensch gemerkt. Die Polizei hat morgens um sechs Uhr den Hinweis gekriegt, und die Stadtreinigung hat die weggeräumt.“ 21:44
Im Gespräch — 21:44
Aufgeflogen ist das Ganze, weil die Männer in Serbien festgenommen wurden. In den Dokumenten der Agentur fand sich außerdem ein Austausch über die Berichterstattung zu Bauschaum in Autoauspuffen in mehreren deutschen Städten. Die Bild-Zeitung hatte damals groß über Klimaschützer berichtet, die jetzt Autos angreifen. Am Tatort klebten grüne Sticker mit Habeck, damit man an die Grünen dachte. In der Fragerunde ergänzt Wienand: In Berlin wurde eine Gruppe von Serben und Kroaten mit Bauschaum angehalten, einer sagte aus, er habe den Auftrag von einem Serben aus Russland bekommen. Sie sind angeklagt, verhandelt ist noch nicht.
Bemerkenswert ist das Verhältnis von Aufwand und Echo. Die Skelette am Brandenburger Tor waren reiner Aufwand ohne jedes Echo. Die Schweineköpfe in Paris trafen dagegen voll, und in Frankreich lief die Geschichte groß. Den Unterschied machte, ob jemand die Tat gesehen und weitererzählt hat. Wo Desinformation die Straße betritt, wird die echte Presse ihr Lautsprecher, ob sie will oder nicht.
Die Richtigstellung zur Moschee-Aktion fand in Deutschland kaum statt, wer trägt die Verantwortung für eine Meldung, die stimmte, als sie erschien, und falsch wurde, als sie längst vergessen war?
Storm-1516: der Hilfssheriff und die Wegwerfzeitungen
Die „Berliner Wochenzeitung“, fünf Tage vor ihrer einzigen Meldung angelegt. Wienand zeigt Fälschungen nur mit Stempel. Folie: Lars Wienand, Datenspuren 2026, CC BY 4.0.
23:18 — Die dritte Spielart arbeitet aufwendiger. Für jede Geschichte wird eine eigene Zeitung erfunden. Die „Berliner Wochenzeitung“ meldete, in die älteste Moschee Berlins sei ein Schweinekopf in einer Palästinafahne geworfen worden, mit der Aufschrift, die Ukraine stehe zu Israel. Ziel war, Muslime gegen Ukrainer aufzubringen. Die Seite war fünf Tage vorher registriert worden. Den Namen Storm-1516 hat Microsoft der Gruppe in einem Bedrohungsbericht vom April 2024 gegeben.
24:06 — Wienand schiebt hier eine Regel seines Handwerks ein, die man leicht überhört. Wer Fälschungen zeigt, tut den Fälschern einen Gefallen, „weil im Unterbewusstsein immer noch was hängen bleibt“. Darum klebt auf jedem Screenshot, den er zeigt, ein großer Stempel: FAKE, oder eine Ente. Das Auge soll etwas anderes mitnehmen als den Text.
24:52 — Die Beispiele haben die Logik eines Fortsetzungsromans. Eine junge Frau erzählt auf YouTube, sie sei von der Berliner Antifa, arbeite in einer Grundstücksbehörde und habe dort gesehen, dass Selenskyj die Goebbels-Villa am Bogensee bei Wandlitz gekauft habe. Notarverträge hält sie gleich in die Kamera. Die Komsomolskaja Prawda, Russlands größtes Boulevardblatt, druckte die Geschichte eins zu eins. Wienand rief die Notarin an, deren Name im Vertrag stand, sie ist seit zehn Jahren im Ruhestand. Dann soll sich Baerbock in Afrika einen Gigolo gegönnt haben. Ein Mann namens Kingsley erzählte das in einem langen Video für die nigerianische Daily Post, und die Termine stimmten mit Baerbocks Reisen überein. Auf Deutsch erschien die Geschichte auf zeitgeschenen.de, einer absichtlich falsch geschriebenen Domain, in einer Sprache, der man den Übersetzungsautomaten anhört. Schließlich soll Merz in Kanada Eisbärenjunge getötet haben, berichtet von einem Inuk und vom „Toronto Journal“, das drei Tage vorher angelegt worden war.
„Ich verteidige wieder Merz. Er hat keine Eisbärbabys getötet.“ 27:13
Im Gespräch — 27:13
„Der Hilfssheriff und der Dugin-Vertraute“: John Mark Dougan und Valery Korowin am Tisch, im Selfie vorne Alina Lipp. Folie: Lars Wienand, Datenspuren 2026, CC BY 4.0.
27:58 — Weitergereicht wurde die Eisbär-Geschichte von Alina Lipp, einer Deutschen mit russischem Vater, die in Norddeutschland aufwuchs, 2022 im Donbass lebte, sich über die einrollenden Panzer freute und mit einem Telegram-Kanal von etwa 180.000 Abonnenten zur Referenz für deutsche Weiterverbreiter wurde. Sogar ihr war das offenbar etwas peinlich, sie schrieb dazu „Fake oder wirklich wahr?!“. Auf einem Foto sitzt sie neben John Mark Dougan, dem Mann, der Storm-1516 im Wesentlichen verantwortet. Dougan war Hilfssheriff in Florida, wurde entlassen und betrieb danach Seiten, auf denen er Kollegen bloßstellte und ihre Daten veröffentlichte. Das ging mit den US-Strafverfolgern nicht lange gut, er setzte sich nach Russland ab und bekam dort Asyl. Aus dem Bloßstellen hat er einen Beruf gemacht, mit einer Masse an Nachrichtenseiten, die nach Städten heißen. Seine administrative Anlaufstelle ist laut Wienand Valery Korowin, Leiter eines von Dugin gegründeten Thinktanks, der eng mit dem Militärgeheimdienst GRU verbunden ist. So schließt sich der Kreis zu Dugin.
Die erfolgreichsten Fälschungen sind die gut recherchierten, deren Termine stimmen. Ist Glaubwürdigkeit dann eine Eigenschaft der Geschichte oder eine Eigenschaft der Recherche, und was heißt das für den Journalismus, der mit denselben Mitteln arbeitet?
Tuchfühlung: Günther Wienand
Links ein angebliches Euronews-Zitat, Wienand habe alle AfD-Kritiker Verräter genannt. Rechts Merz als Hauptverdächtiger im Fall eines Bruders, den es nicht gab. Folie: Lars Wienand, Datenspuren 2026, CC BY 4.0.
30:15 — Allein könnte Wienand das nicht überblicken. Er hat Helfer. Einer schickt ihm jeden Tag über Signal die neue Matrjoschka-Sammlung. An manchen Tagen schreibt er fassungslos, heute sei nichts gekommen. Früher war am Wochenende Ruhe, inzwischen nicht mehr. Dazu kommen Konten wie Antibot4Navalny, deren Titelbild Wienand mit einem Satz von Elon Musk überblendet hat: „Where is all this pro-Russia propaganda?“ Von dort kam auch der Hinweis auf die neueste Storm-1516-Welle mit gefälschten Videos von zerstörten Stimmzetteln. Jemand filmt sich, wie er Briefwahlstimmen für die AfD vernichtet. Das taucht inzwischen bei jeder Wahl auf, gerade in mehreren Varianten für Mecklenburg-Vorpommern.
31:47 — Dann kommt die Tuchfühlung, die der Titel verspricht. Wienand findet sich selbst im Material. In einem Video erzählt er angeblich, die CDU wolle in Sachsen-Anhalt die Wahl verschieben. In einem anderen steht er auf einer Liste von Journalisten, die ein französischer Mäzen für den Krieg gegen Russland bezahle. Ein Foto aus seinem Instagram-Konto wird zum Beweisstück einer Familientragödie. Moskau meldet, sein älterer Bruder Günther sei ermordet worden, Merz sei der Hauptverdächtige, und Wienand sei deshalb verärgert über Merz.
„Also nein, Merz, ich hatte keinen älteren Bruder. Merz ist in keinen mir bekannten Mordfall verwickelt.“ 34:13
Hören — 34:13
34:13 — Danach erzählt er die Begebenheit, die den Vortrag aufschließt. Am Freitag zuvor bekam er zum ersten Mal eine Mail, in der ihn jemand bat, Videos von Wahlbetrug mit Stimmzetteln auf Echtheit zu prüfen. Er hält den Absender für einen russischen Troll und nennt zwei Gründe. Der erste: Auch ein Artikel über gefälschte Wahlbetrugsvideos lässt bei manchen ein „da war doch was mit Stimmzetteln“ zurück. Der zweite ist profaner.
„Die brauchen Arbeitsnachweise. Wenn die dokumentieren können, hier ist wieder über uns berichtet worden, ist das vielleicht auch eine Argumentationshilfe, den nächsten Auftrag zu bekommen.“ 35:43
Hören — 35:43
Damit erklärt sich, wie die Skelette, die keiner sah, und die Petition mit einem Unterzeichner zu den Projektberichten passen. Eine Agentur, die gegenüber der Präsidialverwaltung abrechnet, braucht Belege. Der beste Beleg ist der Artikel eines westlichen Journalisten, der über sie schreibt. So bekommt der Aufklärer eine heikle Doppelrolle. Seine Recherche schwächt den Apparat, und zugleich erscheint sie im Leistungsnachweis desselben Apparats. Ganz schließen lässt sich diese Schleife nicht, man kann nur die Bedingungen kennen. Im Moment erweitern die Trolle das Spiel noch: In Wienands Namen gingen Mails an Bellingcat und Correctiv, mit der Bitte um nähere Informationen, verschickt von einer Gmail-Adresse.
Publikumsfragen
Fünf Fragen aus dem Saal, moderiert von der Datenspuren-Bühnenleitung. Die Zeit reichte nicht für alle, der Rest wanderte ins Zelt im Hof.
Gehen die großen Plattformen dagegen vor, gerade YouTube? 36:31 — Ein Zuhörer erzählt, YouTube spüle ihm ohne Anmeldung schnell KI-Videos über Selenskyj in die Empfehlungen. Wienand antwortet zuerst, dass manche damit schlicht Geld verdienen: Aufreger bringen Klicks, Reichweite lässt sich anders zu Geld machen. Dann räumt er etwas ein, das man von einem Experten selten hört. Seine eigene Arbeit verzerre die Lebenswirklichkeit, weil die meisten Menschen solchen Inhalten wohl eher auf YouTube oder TikTok begegnen, sein Monitoring auf X aber viel besser funktioniere. „In Teilen haben wir durchaus, denke ich, einen blinden Fleck.“ Ob YouTube Neulingen gezielt solchen Inhalt zeigt, wisse er nicht. Er sieht die Wissenschaft in der Pflicht, die Algorithmen zu beobachten.
Wie viele Menschen erreicht ein gut funktionierender Trollpost auf X? 38:49 — Sehr unterschiedlich. Gut funktioniert Storm-1516, wenn es scheinbar mehrere Quellen gibt. Die Baerbock-Gigolo-Geschichte dürfte Millionen Aufrufe gehabt haben, allerdings meist auf Englisch und kaum in Deutschland. YouTube hat sie schnell gelöscht. In einem der Projektberichte rühmt sich die Agentur eines Stücks mit sieben Millionen Aufrufen, eine Zahl, die sie ihrem Auftraggeber meldet und die niemand nachgeprüft hat.
Berichten oder nicht berichten: Wie wägt die Redaktion ab? 39:34 — Die Frage zielt auf den heiklen Punkt des Vortrags. Wienand sagt, das Bewusstsein in seiner Redaktion dafür, dass Berichterstattung selbst das Ziel sein kann, sei insgesamt nicht sehr hoch. Ihm würden jeden Tag drei bis fünf Fälle angetragen. Er schreibt dann, wenn sich eine Welle bündelt, etwa vor einer Wahl, wenn viele Posts dasselbe behaupten und mehr Menschen erreichen könnten. Baerbocks angeblicher Gigolo war groß genug, dass t-online ihn aufgriff. Bei einer noch üblern Erfindung, einem Missbrauchsvorwurf gegen Habeck, hat die Redaktion den Vorwurf selbst „extrem verklausuliert“ und gar nicht ausgeschrieben. Ihn genau zu wiederholen, „wäre genau das, was in deren Sinne ist“.
Wie gehst du damit um, wenn du selbst betroffen bist? 41:52 — Gelassen. Menschen, die so missbraucht wurden, rät er: Mit hoher Wahrscheinlichkeit ist das Video in einer Woche gelöscht, ein paar Trolle haben es gesehen und sonst kaum jemand. Er meldet solche Inhalte, ruft aber nicht zu Meldewellen auf. Ihm falle das vielleicht leichter, weil er ohnehin in der Öffentlichkeit stehe. Wenn die eigene Marke gefälscht wird, kommt man bei Facebook schnell weiter, bei X dauert es. Die meisten Troll-Tweets laufen über alte Konten, die vermutlich mit geleakten Twitter-Zugangsdaten gekapert wurden und nach wenigen Tagen gelöscht werden.
Wurden die Aktionen unter falscher Flagge je richtiggestellt? 43:25 — Unterschiedlich. Der Bauschaum wurde breit richtiggestellt, weil es Festnahmen gab. Die Skelette hat ohnehin niemand bemerkt. Die Moscheen in Frankreich liefen dort groß, in Deutschland berichteten nur die Medien, die sich mit dem Leak befassten. Nicht jedes Portal, das damals die dpa-Meldung über Schweineköpfe vor Pariser Moscheen brachte, hat später nachgereicht, dass es eine russische Aktion war. Der Fragesteller fasst es zusammen, Wienand bestätigt: Das Original bleibt hängen, die Richtigstellung kommt nicht an.
Nachbesprechung
Zwei Fragen des Abends noch einmal aufgenommen, mit dem, was man darüber hinaus weiß.
Wer macht den Fake groß?
Wienand stellt keine These über Wirkung auf, aber seine Beispiele ergeben eine: 468 Aufrufe für Kasan, eine Petition mit einem Unterzeichner, Skelette, die nur die Stadtreinigung sah. Groß wurde, was echte Medien weitertrugen, die Schweineköpfe von Paris. Darin gibt ihm die Forschung recht. Fake-News-Seiten erreichen wenige Menschen, ihre Geschichten kennen trotzdem viele, und zwar meist aus der Berichterstattung etablierter Medien, Widerlegungen eingeschlossen (Tsfati u. a. 2020, Literaturübersicht). Amerikanische Redaktionen zitierten Tweets der Moskauer Trollfabrik arglos als Volksstimme (Lukito u. a. 2020, Inhaltsanalyse), das Gegenstück zu Wienands „deutscher Experte sagt“. Der Kontakt mit falschen Inhalten im Netz ist insgesamt gering und auf einen kleinen, stark motivierten Rand konzentriert, der trotzdem folgenreich sein kann (Budak u. a. 2024, Nature, Übersicht).
Auch die Pointe vom Arbeitsnachweis ist inzwischen fast wörtlich belegt. Eine Auswertung der geleakten SDA-Unterlagen an der Universität Lund zitiert aus Sitzungsnotizen den Satz „Western media attention is a metric of success“. Im September 2023 wies Sacharowa an, ein Register aller Erwähnungen von Doppelgänger in der Welt anzulegen und „die besten für die Berichte“ auszuwählen. Die über 350 internationalen Medienberichte über die Kampagne nennen die Autoren „eine der wahren Erfolgsgeschichten für den Kreml“ (Pamment & Tsurtsumia 2025, Bericht auf Leak-Basis; sie halten auch einen absichtlich gestreuten Leak für möglich). CeMAS fand in denselben Unterlagen, dass die Agentur ihre Wirkung gegenüber den Auftraggebern systematisch übertrieb (Frühwirth & Smirnova 2024). Redaktionen kennen das Dilemma aus anderen Feldern. Über Suizide berichten sie seit Jahrzehnten nach Regeln der Zurückhaltung. Im Netz, schreiben Donovan und boyd, muss daraus eine bewusste Entscheidung werden, was man trägt, eine „strategische Verstärkung“ (Donovan & boyd 2021). Wienands Regel, erst über eine gebündelte Welle zu schreiben, ist eine solche Entscheidung.
Zwei Einwände bleiben. Der eine trifft Wienand selbst. Zweimal an diesem Abend sagt er „wir waren die ersten“, und auch das gehört zur Ökonomie der Aufmerksamkeit, von der die Agentur lebt; die Lunder Studie zitiert seinen Erstbericht vom 29.08.2022. Er weiß das, er reflektiert es nur nicht zu Ende. Der andere Einwand trifft den stillen Befund. Er stammt von X, wo Wienand seinen eigenen blinden Fleck sieht, und nicht alles verpufft: Eine SDA-Petition zur Rundfunkfinanzierung kam nach der Lunder Studie auf 27.812 Unterschriften. Auch der Alarm hat seinen Preis. In einem präregistrierten Experiment ließen pauschale Warnungen vor Desinformation den Ruf nach harter Regulierung der Rede steigen, ausgewogene Berichte, die die belegten Grenzen der Wirkung nennen, taten das nicht (Jungherr & Rauchfleisch 2024). Wienands „erneut im Visier ist eigentlich Schwachsinn“ hat also eine Forschungsseite.
→ Weiter im Panorama: Wie schützt man sich vor dem hybriden Krieg?, mit DiResta, für die Trolle verstärken statt bekehren, und dem Heizungshammer, wo über tausend seriöse Artikel ein erfundenes Wort nachdruckten
Bleibt das Original hängen?
Wienand stempelt jede Fälschung, die er zeigt, weil „im Unterbewusstsein immer noch was hängen bleibt“. Seine Redaktion verklausuliert ehrenrührige Vorwürfe, und am Ende stimmt er dem Satz aus dem Publikum zu, das Original bleibe hängen, die Richtigstellung komme nicht an. Die Psychologie hat für den Kern einen Namen, continued influence effect: Eine widerrufene Falschinformation wirkt im Denken weiter (Lewandowsky u. a. 2012, Review). Über 32 Studien hinweg senken Korrekturen den Fehlglauben, tilgen ihn im Mittel aber nicht ganz. Sie wirken schwächer, wenn die Falschmeldung aus einer glaubwürdigen Quelle kam, wiederholt wurde oder lange unwidersprochen stand, und stärker, wenn die ursprüngliche Quelle selbst korrigiert (Walter & Tukachinsky 2020, Meta-Analyse). Das beschreibt den Pariser Fall fast genau: eine dpa-Meldung, Monate Abstand, Portale, die nie nachreichten. Bei politischen Themen und bei echten statt eigens konstruierten Falschmeldungen sinkt die Kraft von Korrekturen zusätzlich (Walter & Murphy 2018, Meta-Analyse).
Bei der Begründung für den Stempel ist die Forschung weiter als die Redaktionsregel. Die Sorge, schon das Wiederholen der Lüge in der Korrektur helfe ihr, hat sich nicht bestätigt. Widerrufe, die die Falschmeldung ausdrücklich nennen, korrigierten im Labor sogar besser (Ecker, Hogan & Lewandowsky 2017). Selbst Menschen, die eine Lüge erst durch die Korrektur kennenlernten, glaubten sie eine Woche später nicht mehr als eine Kontrollgruppe (Ecker, Lewandowsky & Chadwick 2020, drei Experimente, N = 1.718). Ein Rückschlag-Effekt ist in großen Experimenten kaum zu finden (Wood & Porter 2019). Der Stempel bleibt trotzdem gute Praxis, aus einem anderen Grund. Ein Bild lässt eine Behauptung wahrer erscheinen, auch wenn es nichts beweist (Newman u. a. 2012), und Warnhinweise im Moment des Kontakts senken den Glauben (Martel & Rand 2023, Review), ein klares „falsch“ mehr als ein weiches „umstritten“ (Clayton u. a. 2020). Das Verklausulieren beim Habeck-Fake schützt den Menschen, über den gelogen wurde, und kostet dafür etwas Korrekturkraft.
Der unbequemere Haken liegt woanders. Wer nur einen Teil der Fälschungen markiert, macht die unmarkierten glaubwürdiger (Pennycook u. a. 2020, implied truth effect). Warnungen vor Desinformation senken außerdem das Vertrauen in echte Nachrichten (van der Meer, Hameleers & Ohme 2023), und Misstrauen gegen echte Medienmarken ist genau das, worauf die gefälschten Logos zielen. „Die Richtigstellung kommt nicht an“ ist darum weniger ein Befund über das Gedächtnis als einer über die Reichweite. Falsches verbreitet sich weiter und schneller als Wahres (Vosoughi, Roy & Aral 2018), und die Leser der Pariser dpa-Meldung hat keine Korrektur je erreicht.
→ Ein Panorama zu dieser Frage gibt es noch nicht. Stimmen im Bestand: Topfvollgold (BILD korrigiert nach acht Tagen, die Korrektur geht nicht viral), der Heizungshammer (das Kampfwort ist ein Wort lang, die Richtigstellung braucht drei Absätze) und Renée DiResta, die Faktenchecks dort für wirkungslos hält, wo es um Identität geht, und auf Prebunking setzt
Faktencheck
4:46 — Wienands Artikel „Putins Troll-Armee greift Deutschland an“ erschien am 29.08.2022. EU DisinfoLab schreibt, die eigene Untersuchung sei „nach der ersten Veröffentlichung von T-Online“ angestoßen worden, und gab der Kampagne am 27.09.2022 den Namen „Doppelganger“, Beginn „mindestens Mai 2022“. Meta nennt als Auslöser „Berichte investigativer Journalisten in Deutschland“. Die beiden Moskauer Firmen Structura und Social Design Agency nannte Meta erst im Nachtrag vom 15.12.2022. Quellen: t-online, 29.08.2022 · EU DisinfoLab · Meta
17:53 — Die EU sanktionierte SDA, Structura und Gambaschidse im Juli 2023, das US-Finanzministerium am 20.03.2024, ausdrücklich „im Auftrag der russischen Präsidialverwaltung“. Am 04.09.2024 beschlagnahmte das US-Justizministerium nach FBI-Ermittlungen 32 Domains, darunter rrn.media. Die eidesstattliche Erklärung dazu nennt Sergej Kirijenko als steuernde Hand. Sacharowas Rolle bestätigt CORRECTIV aus dem Leak von 2026. Quellen: DOJ, 04.09.2024 · DOJ-Affidavit (PDF) · US-Treasury, 20.03.2024 · CORRECTIV, 04.06.2026
20:11 — Das erste Leak (rund 3.000 Dateien) ging im September 2024 an SZ, NDR und WDR. Das zweite verbreitete sich Anfang Mai 2026, CORRECTIV schreibt: „Zuerst hatte t-online darüber berichtet.“ Ein Projektbericht vom 09.09.2025 behandelt die Schweineköpfe mit „Macron“-Aufschrift vor Pariser Moscheen (je nach Quelle neun oder zehn Orte). Am 31.07.2025 standen fünf Skelette am Brandenburger Tor, weggeräumt von der Stadtreinigung. Die Täter von Paris wurden in Serbien verurteilt, laut Urteil kamen die Anweisungen aus Strukturen des russischen Geheimdienstes. Zum Bauschaum (276 Autos) heißt es im SDA-Chat „Die Deutsche Welle schreibt über uns“, angeklagt hat die Staatsanwaltschaft Ulm. Quellen: t-online, 24.05.2026 · t-online, 22.05.2026 · RFE/RL zum Leak 2024
24:06 / 28:44 — Der Name stammt aus einem Bericht des Microsoft Threat Analysis Center vom 17.04.2024. Die Washington Post belegte 2024 mit Dokumenten GRU-Zahlungen an Dougan und Treffen mit Korowin. Die USA sanktionierten Korowin und sein Center for Geopolitical Expertise, „gegründet von Alexander Dugin“, am 31.12.2024, die EU Dougan im Dezember 2025. Dougan bestreitet jede Kreml-Bindung, die Beleglage ist dicht. Den Baerbock-Fake (Domain zeitgeschenen.de, registriert am 24.07.2024) ordnet CORRECTIV Storm-1516 zu; das Gelände der „Goebbels-Villa“ gehört dem Land Berlin. Quellen: MTAC, 17.04.2024 (PDF) · US-Treasury, 31.12.2024 · CORRECTIV, 23.01.2025 · t-online zum Baerbock-Fake
34:13 — Die Mail an Wienand folgt einem dokumentierten Muster. CheckFirst und Reset.Tech zeigten im Juni 2024 („Operation Overload“), dass über 800 Organisationen angeschrieben wurden, um Faktenchecker zu binden oder einen Debunk zu provozieren, der den Fake weiterträgt. Die Fakes über Wienand selbst ließen sich unabhängig nicht auffinden, hier ist er die einzige Quelle; dass Fakes über angeblichen CDU-Wahlbetrug in Sachsen-Anhalt kursierten, bestätigt der ARD-Faktenfinder. Quellen: CheckFirst, Operation Overload (PDF) · tagesschau Faktenfinder
35:43 — Im Leak von 2026 teilen SDA-Mitarbeiter Berichte der Deutschen Welle mit dem Kommentar „schreibt über uns“. Thomas Rid geht in Foreign Affairs weiter: Die SDA habe nie Belege für Wirkung geliefert, ihr eigentliches Publikum seien russische Bürokraten, und aufgeregte westliche Berichte hätten ihr mehr geholfen als ihre eigenen Inhalte. Quelle: Thomas Rid, „The Lies Russia Tells Itself“
13:13 / 41:52 — Wienand behauptet an keiner Stelle, die Kampagnen verschöben Wahlen, er betont das Gegenteil. Die Forschung stützt die Zurückhaltung: Bei der russischen IRA auf Twitter 2016 entfielen 70 % der Kontakte auf 1 % der Nutzer, ein Effekt auf Einstellungen oder Wahlverhalten war nicht nachweisbar (Eady et al. 2023, Panelstudie, doi:10.1038/s41467-022-35576-9; ähnlich Bail et al. 2020, doi:10.1073/pnas.1906420116). Recorded Future findet bei Doppelgänger kaum echtes Engagement. Die Grenze: Eine Meta-Analyse gibt es nicht, die stärksten Studien betreffen Twitter 2016 und nicht KI-Videos auf YouTube oder TikTok 2026, und indirekte Folgen wie Vertrauensverlust sind kaum gemessen. Quellen: Recorded Future · Pamment/Tsurtsumia, Lund 2025
24:06 / 45:45 — Der Kern stimmt: Korrekturen senken einen Fehlglauben, löschen ihn aber nicht ganz (Meta-Analyse Walter & Tukachinsky 2020, 32 Studien, doi:10.1177/0093650219854600). Pauschal trägt der Satz nicht. Richtigstellungen wirken im Mittel deutlich, und die Sorge, schon das Wiederholen des Mythos in der Korrektur schade, ließ sich in Experimenten wiederholt nicht bestätigen (Ecker et al. 2020, doi:10.1186/s41235-020-00241-6). Das größere Risiko liegt darin, einem unbekannten Fake überhaupt erst Publikum zu verschaffen. Wienands Praxis ist vernünftig, nur die Begründung ist zu absolut. → mehr in der Nachbesprechung.
38:49 — Für den Baerbock-Fake fand sich keine unabhängige Reichweitenzahl, Wienand sagt selbst „dürfte“. Die sieben Millionen gibt er korrekt wieder, es ist aber eine Erfolgsmeldung der Agentur an ihren Auftraggeber; dieselben Unterlagen nennen auch 86 Millionen für einen anderen Fake. Aufrufzahlen auf X sind durch Bots aufgebläht. Zahlen aus Projektberichten sind Eigenangaben. Quelle: Rid, Foreign Affairs · Alliance4Europe
Weiterführende Quellen
Aus der Video-Beschreibung:
- Vortragsseite auf media.ccc.de — Aufzeichnung in mehreren Formaten, CC BY 4.0
- Programmseite Datenspuren 2026 — Abstract des Vortrags, Track #Zeitenwende
Weitere Quellen zum Thema:
- t-online, „Putins Troll-Armee greift Deutschland an“ (29.08.2022) — Wienands Erstbericht über Doppelgänger
- EU DisinfoLab, Doppelganger-Report (27.09.2022) — Namensgebung und technische Analyse
- CORRECTIV, Leak enthüllt Zusammenarbeit von Kreml, Geheimdienst und Firmen (04.06.2026) — unabhängige Prüfung des zweiten Leaks
- CORRECTIV, Storm-1516 und die Bundestagswahl 2025 — über 100 Fake-Portale, mit NewsGuard und Gnida
- Gnida Project zu Dougan und Korowin — Recherche-Kollektiv, das Storm-1516 verfolgt
- Recorded Future/Insikt, „Stimmen aus Moskau“ — Einflussoperationen zur Bundestagswahl
- Thomas Rid, „The Lies Russia Tells Itself“ (Foreign Affairs) — die Selbsttäuschung der SDA und die Presse als Verstärker
- Pamment/Tsurtsumia, „Beyond Operation Doppelgänger“ (Lund 2025) — Fähigkeitsanalyse der SDA aus den Leak-Dokumenten
- DW-Faktencheck: Fake-Video diskreditiert Briefwahl in Berlin — ein aktueller Storm-1516-Fall
Verbindungen
→ Wie umgehen mit Russland?
Das Panorama fragt, wie man sich vor dem hybriden Krieg schützt, und hält mit Eady fest, dass die Wirkung schwach belegt ist. Wienand liefert die Praxis dazu und eine Wendung: Wenn Bot-Posts verpuffen, wird die Aufmerksamkeit der Verteidiger selbst zum Produkt des Angreifers.
→ Amerikas Zerrspiegel
Die Spur stieß im September auf einen „dritten Absender“: Wahlbetrugsvideos mit gefälschten ARD- und FAZ-Logos. Wienand zeigt die Werkstatt dahinter, geklonte Medienmarken und Wegwerf-Domains, und erzählt, wie ihn selbst ein Fake in genau diese Landtagswahl stellt.
→ rabbit hole — Ungarn-Wahl KI-Wahlkampf
In Ungarn arbeitete Storm-1516 einer Regierung zu, und Orbán verlor trotzdem. In Deutschland arbeitet dieselbe Maschine als Fremdkörper ohne Partner im Staat. Beide Notes zusammen zeigen, wie wenig Aufwand und Ergebnis miteinander zu tun haben.
→ Renée DiResta — Invisible Rulers
DiResta beschreibt Propaganda, die Gruppen gegeneinander aufbringt, statt Menschen zu bekehren. Wienands Fälle sind deutsche Lehrbuchbeispiele: der Schweinekopf mit Palästinafahne, Bauschaum mit Grünen-Aufkleber, die Ukrainerinnen als Familienzerstörerinnen. Jeder zielt auf eine Fuge zwischen Gruppen.
→ Thomas Laschyk — Vermögenssteuer gegen Fake News
Derselbe Doppelgänger von der anderen Seite. Laschyk zeigt, wie die Kampagne Reichweite über Meta-Anzeigen kaufte, Wienand, wie sie über Bots vorgetäuscht wird und verpufft. In beiden Fällen sitzt ein Zahlmeister dahinter, der nach Kennzahlen abrechnet.
→ Katharina Nocun — KI-Content im rechten Vorfeld
Nocuns Fake-Unterstützer, die es nie gab, haben bei Wienand ein staatliches Gegenstück: eine geklonte Kinderbuchautorin, einen erfundenen „Michael Martinow“, einen echten Forscher unter falschem Vorwand. Nocun zeigt den privaten Markt, Wienand die Auftragsarbeit mit Projektbericht.
→ Staiy — News Briefwahl (28.08.2026)
Staiy nahm sich das gefälschte Schredder-Video zur Berliner Briefwahl vor. Bei Wienand erweist es sich als Serienprodukt, das zu jeder Wahl wiederkommt, und als Köder für Journalisten, die um eine Prüfung gebeten werden.
→ Gekaperte Zeichen
Bei „Operation O-KKK“ wollte ein Trollstreich Journalisten zum Entlarven verleiten. Bei der Social Design Agency ist daraus ein Geschäftsmodell geworden, in dem der Bericht über den Fake als Erfolg im Projektbericht landet.
→ Heizungshammer
Die Gegenprobe zur Moskauer Maschine. Ein heimisches Boulevardwort reichte bis ins Gesetzblatt, weil über tausend seriöse Artikel es nachdruckten. Der stärkste Verstärker sitzt nicht in Moskau, er sitzt in Redaktionen, die ungeprüft übernehmen.
→ ARTE — Hybrider Angriff
Der ARTE-Film kann den Knopf in Moskau nur behaupten, Wienands Leaks zeigen ihn für einen Ausschnitt: Chats und Projektberichte mit Anweisungen aus der Präsidialverwaltung. Dazu kommen gegensätzliche Methoden. ARTE baut am Ende selbst ein Putin-Deepfake, Wienand zeigt Fälschungen nur mit Stempel.
→ auslandsjournal — Putins Zielscheibe Europa
Das auslandsjournal beschreibt angeheuerte Wegwerf-Agenten als Eskalationsstufe. Wienand belegt die Desinformations-Variante: Bauschaum, Schweineköpfe und Skelette, jeweils so angelegt, dass die Tat einer anderen Gruppe zugeschrieben wird.
→ Wertewesten — Eiserner Besen oder bessere Argumente
Reicher unterscheidet ehrlichen Widerspruch von böswilliger Tarnung. Wienand dokumentiert die Tarnung: Fake-Portale, die deutsche Interviewpartner sammeln, manche freiwillig, manche hereingelegt. Seine Antwort liegt zwischen Besen und Argument, nämlich Recherche, die Namen nennt.
Weiterdenken
- Wenn ein Teil der Kampagnen vor allem für die Abrechnung in Moskau produziert wird, misst dann jeder Artikel darüber auch den Erfolg der Fälscher, und wie müsste Aufklärung aussehen, die in keinem Projektbericht als Beleg taugt?
- Wienand nennt den „erneut im Visier“-Ton des Verfassungsschutzes Schwachsinn, weil die Welle nie abreißt. Was ist schädlicher für eine Demokratie: eine unterschätzte Kampagne oder eine Öffentlichkeit, die hinter jedem Zweifel Moskau vermutet?
- Die Fälschungen leben von echten Logos, echten Gesichtern, echten Terminen. Wenn das Vertrauen in Medienmarken das eigentliche Angriffsziel ist, was können Medien tun, außer sich zu verteidigen?
- Der Reporter sieht die Welt durch X, die meisten Menschen sehen sie durch YouTube und TikTok. Wer beobachtet die Räume, in denen niemand mit Monitoring-Werkzeugen sitzt, und mit welchem Recht dürfte er es?
- Das Original bleibt hängen, die Richtigstellung kommt nicht an. Welche eigene Überzeugung trage ich mit mir herum, deren Richtigstellung mich nie erreicht hat?
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