GedankenraumRoberto Simanowski — DenkerVita
Roberto Simanowski begleitet die digitale Revolution seit dem frühen Netz. In „Sprachmaschinen“ beschreibt er, wie wir der KI mit dem Schreiben auch das Denken überlassen.
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Tarsila do Amaral — brasilianische Moderne, weiche runde Formen. Ein Mann zwischen Buch und Bildschirm, Berlin und Rio: Die Seiten eines Buches lösen sich als Band aus Pixeln und ziehen zum Fernsehturm und zum Zuckerhut.
Prompt: A wide Brazilian modernist painting in the style of Tarsila do Amaral, 1200x500 banner, flat smooth rounded forms, soft opaque oil with matte finish. A single stylized faceless reader with a tall rounded body sits at a simple wooden table in the middle, an open book in his large hands. The pages of the book lift off and turn into a long ribbon of tiny pale-blue squares like pixels that floats up and splits in two directions: to the left over a cool northern city of grey-blue cubic buildings with a slender television tower, to the right over a warm tropical bay with a rounded green sugarloaf mountain, palm trees and a pink sky. A small brass typewriter rests on the table beside a cactus. Palette of soft pink, ochre, sage green, sky blue and terracotta, gentle curves, calm and thoughtful mood, no realistic faces, no text, no letters, no signature, no photorealism.
Biographischer Snapshot
Roberto Simanowski (1963, Cottbus) — Literatur- und Medienwissenschaftler, Professuren an der Brown University, in Basel und an der City University of Hong Kong, seit 2020 Distinguished Fellow am Exzellenzcluster „Temporal Communities“ der Freien Universität Berlin. Gründer des Online-Journals dichtung-digital (1999–2014). Lebt als Publizist in Berlin und Rio de Janeiro.
Wichtigste Werke: Data Love (2014), Facebook-Gesellschaft (2016), Todesalgorithmus (2020, Tractatus-Preis), Sprachmaschinen. Eine Philosophie der künstlichen Intelligenz (2025, Shortlist Deutscher Sachbuchpreis 2026) Kernkonzepte: der vierfache Souveränitätsverlust, kognitive Schulden, Werteexport der KI, Hegels Herr und Knecht als Bild für den KI-Diener
Biografie
Jena und das Abenteuer um 1800: Simanowski wird 1963 in Cottbus geboren und studiert Germanistik und Geschichte an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. 1996 wird er dort als Stipendiat der Studienstiftung promoviert, mit einer Arbeit über Unterhaltungsliteratur: Die Verwaltung des Abenteuers. Massenkultur um 1800 am Beispiel Christian August Vulpius. Schon hier interessiert ihn, wie Medien und Märkte das Lesen formen.
Das frühe Netz (1998–2010): Als Feodor-Lynen-Stipendiat der Humboldt-Stiftung geht er 1998 an die Harvard University, mit dem Projekt „Cyberspace und Literatur“. 1999 gründet er dichtung-digital, ein Journal für Kunst und Kultur digitaler Medien, das er bis 2014 herausgibt. Es folgen die University of Washington in Seattle, eine Gastprofessur am Jenaer Institut für Medienwissenschaft und von 2003 bis 2010 die Brown University in Providence, wo er deutsche Literatur und Kultur sowie digitale Ästhetik lehrt. Interfictions. Vom Schreiben im Netz (2002) und Digital Art and Meaning (2011) gehören zu den frühen deutschsprachigen Theoriebüchern über digitale Literatur.
Basel, Hongkong, Rio (2010–2020): Von 2010 bis 2013 ist er Professor für Medienwissenschaft in Basel, von 2014 bis 2017 an der City University of Hong Kong, danach Gastprofessor in Rio de Janeiro, Basel und an der Vanderbilt University. In dieser Zeit wendet er sich von der Kunst der digitalen Medien zur Gesellschaft, die sie hervorbringen: Data Love (2014), Facebook-Gesellschaft (2016), Stumme Medien (2018). Für Todesalgorithmus. Das Dilemma der künstlichen Intelligenz erhält er 2020 den Tractatus-Preis für philosophische Essayistik des Philosophicum Lech; die englische Fassung The Death Algorithm bekommt 2019 einen CHOICE Award.
Sprachmaschinen (seit 2025): Seit 2020 ist er Fellow am Berliner Exzellenzcluster „Temporal Communities“. Im Oktober 2025 erscheint bei C. H. Beck Sprachmaschinen. Eine Philosophie der künstlichen Intelligenz. Das Buch steht 2026 auf der Shortlist des Deutschen Sachbuchpreises (gewonnen hat Konstantin Richter) und der Shortlist „Wissensbuch des Jahres“, es wird in die ZEIT-Edition „Wendepunkte“ aufgenommen und erreicht die siebte Auflage. Den Prolog ließ Simanowski von ChatGPT schreiben, im Ton des 1975 gestorbenen Rolf Dieter Brinkmann; als er das Ergebnis sah, ahnte er: „Wir sind längst verloren.“ Im August 2026 spricht er darüber mit Simon Roloff auf der Utopie-Konferenz der Leuphana Universität Lüneburg.
Bücher & Publikationen
| Titel | Jahr | Beschreibung |
|---|---|---|
| Sprachmaschinen. Eine Philosophie der künstlichen Intelligenz | 2025 | Was geben wir aus der Hand, wenn KI für uns liest und schreibt? Vom Souveränitätsverlust der Gattung bis zu den „kognitiven Schulden“ des Einzelnen; das längste Kapitel gilt dem Werteexport der Sprachmodelle. C. H. Beck, Shortlist Deutscher Sachbuchpreis 2026. |
| Das Verschwinden von Raum und Zeit im Prozess ihrer Digitalisierung | 2023 | Essay über die Frage, was aus Raum und Zeit wird, wenn sie digital werden. Passagen. |
| Das Virus und das Digitale | 2021 | Die Pandemie als Beschleuniger der Digitalisierung. Passagen. |
| Digitale Revolution und Bildung. Für eine zukunftsfähige Medienkompetenz | 2021 | Was Schulen und Hochschulen über digitale Medien lehren müssten. Beltz. |
| Todesalgorithmus. Das Dilemma der künstlichen Intelligenz | 2020 | Wer soll sterben, wenn ein autonomes Auto entscheiden muss? Die moralischen Programmierentscheidungen hinter der KI. Tractatus-Preis 2020. Passagen. |
| Sozialmaschine Facebook. Dialog über das politisch Unverbindliche | 2019 | Mit Ramón Reichert, ein Streitgespräch. Matthes & Seitz. |
| Stumme Medien. Vom Verschwinden der Computer in Bildung und Gesellschaft | 2018 | Wie die Computer unsichtbar werden und warum Bildung sie dann umso mehr zum Thema machen muss. Matthes & Seitz. |
| Abfall. Das alternative ABC der neuen Medien | 2017 | Ein Glossar der digitalen Kultur von ihren Rändern her. Matthes & Seitz. |
| Facebook-Gesellschaft | 2016 | Was das soziale Netzwerk aus Selbstdarstellung, Erinnerung und Öffentlichkeit macht. Matthes & Seitz. |
| Data Love | 2014 | Die Liebe der Gesellschaft zu den Daten und ihr Preis. Matthes & Seitz, englisch bei Columbia University Press. |
| Interfictions. Vom Schreiben im Netz | 2002 | Frühe Theorie der Netzliteratur. edition suhrkamp. |
| Die Verwaltung des Abenteuers. Massenkultur um 1800 am Beispiel Christian August Vulpius | 1998 | Die Dissertation über den Unterhaltungsschriftsteller Vulpius. Vandenhoeck & Ruprecht. |
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Empfehlenswerte Videos & Vorträge
- Roberto Simanowski & Simon Roloff: Wenn Maschinen sprechen — Utopie-Konferenz 2026, Leuphana Universität Lüneburg (1 Std. 24 Min.). Der vierfache Souveränitätsverlust, der Werteexport der Sprachmodelle, Hegels Herr und Knecht.
- Wokes ChatGPT? Zum Werteexport der KI — Stiftung Demokratie Saarland, Juli 2025 (1 Std. 38 Min.). Das Kernkapitel von Sprachmaschinen als Vortrag: Welche Werte die KI in die Welt trägt und wer sie bestimmt.
- Talk Tech Book #01 mit Roberto Simanowski — Vera Linß, Mai 2026 (41 Min.). „Die KI hat ein Identitätsproblem.“
- Nominiert für den Deutschen Sachbuchpreis 2026 – Das Blaue Sofa — Bertelsmann, Juni 2026 (12 Min.). Die Kurzfassung des Buchs.
- Tractatus-Preisrede 2020 — Passagen Verlag, Oktober 2020 (32 Min.). Die Dankesrede für Todesalgorithmus.
Kernthesen
- Der vierfache Souveränitätsverlust. Sprachmaschinen zählt vier Ebenen, auf denen wir Macht an die KI abgeben: als Gattung, wenn wir Entitäten Entscheidungen übertragen, die klüger werden sollen als wir; geopolitisch, weil Europa von amerikanischen Modellen abhängt, die man ihm abdrehen kann wie einen Gashahn; epistemisch-kulturell, weil die Modelle bestimmte Weltanschauungen in alle Welt exportieren; und als Einzelne, wenn wir uns das Lesen, Schreiben und Denken abnehmen lassen.
- Kognitive Schulden. Was die Maschine für uns tut, verlernen wir. Mit KI schreiben, Röntgenbilder lesen oder Flugzeuge landen wir besser, ohne sie schlechter als vorher. Simanowski greift auf McLuhans Doppelgesicht der Medien zurück: Jede Ausweitung des Menschen ist zugleich eine Amputation.
- Herr und Knecht. Mit Hegel deutet er die KI als Diener, an den der Herr die Arbeit an den Dingen abgibt. Der Knecht lernt dabei die Welt kennen und erfährt Anerkennung für das Gelungene, der Herr verliert beides. Wenn nichts mehr selbst gemacht ist, fragt Simanowski, woher kommt dann die Anerkennung? Für die Kopfarbeit gebe es noch kein Fitnessstudio.
- Schreiben ist Denken. Mit Susan Sontags Satz „Ich schreibe, um herauszufinden, was ich denke“ verteidigt er den Aufsatz in der Schule: Es geht nicht um den Text, den die Maschine schneller schreibt, sondern um den Weg dahin. Wer ihn auslagert, verliert das Unterwegssein im Denken.
- Der Werteexport. Sprachmodelle haben einen „amerikanischen Akzent“, den niemand hört, der die Quelle nicht mehr selbst liest: Eine frühe Studie zeigte, wie GPT-3 Merkels Willkommensrede von 2015 ins Gegenteil zusammenfasste. Zugleich gerät die KI in den Kulturkampf, als „woke“ verschrien, obwohl sie in ihren Geschichten oft konservativ erzählt. Aus dem globalen Süden kommt der Vorwurf des „Epistemizids“. Die Frage, mit welchen Werten man die KI ausstattet, führt zurück an das „Tafelsilber der Aufklärung“: ob es universelle Menschenrechte gibt.
- Kein Technikfeind. Simanowski nutzt die KI selbst, etwa um sich Gegenargumente zur eigenen Position nennen zu lassen, statt auf den klugen Freund zu warten. Es gehe darum, für sich das richtige Maß zu finden. Sein „Wir sind verloren“ hat einen Nebensatz: „es sei denn, wir können uns vor uns selber schützen“.
Politische Einordnung
Simanowski ist Kulturkritiker der Technik, kein Parteipolitiker. Seine politische Forderung ist die digitale Souveränität Europas: Abhängigkeit von amerikanischen KI-Konzernen hält er für eine Verwundbarkeit, die schon heute ausgenutzt werde. Im Kulturkampf um eine „woke“ KI stellt er sich auf keine Seite, er beschreibt beide als Symptom einer ungelösten Frage nach universellen Werten. Den Einwand aus dem globalen Süden gegen den westlichen Werteexport nimmt er ernst, ohne den Universalismus der Aufklärung aufzugeben.
Verbindungen zu anderen Denkern
→ Georg Wilhelm Friedrich Hegel
Die Dialektik von Herr und Knecht aus der Phänomenologie des Geistes ist Simanowskis Schlüsselbild für den Menschen, der sich von der KI bedienen lässt: Die Macht des Herrn ist eine negative Macht, weil ihm die Dinge nichts mehr sind.
→ Catrin Misselhorn
Simanowskis Todesalgorithmus fragt, wer stirbt, wenn ein autonomes Auto entscheiden muss. Misselhorn antwortet als Maschinenethikerin mit einer harten Linie: Keine Maschine soll über Leben und Tod entscheiden. Er beschreibt das Dilemma, sie zieht die Grenze.
→ Yuval Noah Harari
Beide setzen bei der Sprache an. Harari warnt, dass mit der KI erstmals etwas Nichtmenschliches Geschichten erzählt; Simanowski fragt, welche Werte diese Geschichten in die Welt tragen und was es mit uns macht, wenn wir sie nicht mehr selbst schreiben.
→ Francesca Bria
Simanowskis geopolitischer Souveränitätsverlust ist Brias Ausgangspunkt. Er beschreibt die Abhängigkeit Europas von US-Konzernen als Risiko, sie arbeitet mit EuroStack an einer eigenen europäischen Infrastruktur.
Cortex-Notes
- Roberto Simanowski — Sprachmaschinen und der vierfache Souveränitätsverlust — das Gespräch mit Simon Roloff, Utopie-Konferenz Leuphana 2026
Im Bestand
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