Gedankenraum
DenkerVita·7. Oktober 2026

Robin Celikates — DenkerVita

Robin Celikates, Sohn eines türkischen Gastarbeiters und Kritischer Theoretiker an der FU Berlin, liest zivilen Ungehorsam als Demokratisierung von unten, nicht als Störung der Ordnung.

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Künstler: Jacob Lawrence — flache deckende Tempera, kantige Figuren, warmes Braun, tiefes Blau, Ocker, nach seiner Migration Series (1940/41).

Warum: Lawrence hat die Wanderung der Schwarzen Amerikaner aus dem Süden in sechzig Tafeln erzählt, ohne Pathos, mit Arbeit, Zügen, Fabriken. Celikates' Leben beginnt in einer solchen Erzählung: der Vater am Band bei Mercedes, nachts im Taxi, dann das erste türkische Restaurant am Bodensee, und in der Ecke ein Junge über einem Buch, während an ihm die Teller vorbeigetragen werden.

Prompt: Wide panoramic banner in the style of Jacob Lawrence's Migration Series: flat opaque tempera, bold simplified shapes, limited palette of warm browns, deep blue, black, ochre and a touch of red, matte surface, rhythmic angular figures. Left: a long factory assembly line with workers bent over car bodies under hanging lamps. Middle: a night street with a yellow taxi under a crescent moon, a tired driver at the wheel. Right: a small family restaurant by a calm lake with a few sailboats and distant mountains, warm light in the window, a boy at a corner table bent over an open book while plates are carried past him. Narrative panel, dignified, no realistic faces, no text, no letters, no signature, no monogram.

Biographischer Snapshot

Wer spricht?

Robin Celikates (1977, Konstanz) — Sozialphilosoph und einer der profiliertesten Theoretiker des zivilen Ungehorsams im deutschsprachigen Raum. Sohn eines türkischen Gastarbeiters der ersten Stunde und einer deutschen Buchhalterin; Studium in Göttingen, Potsdam und Berlin, Fulbright-Jahr an der New School in New York (2001/02), Promotion 2008 in Bremen bei Stefan Gosepath und Christoph Menke. Neun Jahre Professor für Politische und Sozialphilosophie in Amsterdam, seit 2019 Professor für Sozialphilosophie und Anthropologie an der FU Berlin, stellvertretender Direktor des Center for Humanities and Social Change. Wichtigste Werke: Kritik als soziale Praxis (2009; engl. Critique as Social Practice, 2018) · Sozialphilosophie. Eine Einführung (mit Rahel Jaeggi, 2017) · Aufsätze zur Neufassung des zivilen Ungehorsams („Rethinking Civil Disobedience as a Practice of Contestation“, 2016). Kernkonzepte: Kritik als Praxis der Betroffenen · ziviler Ungehorsam als Demokratisierung · Spannung von Legalität und Legitimität · Faschisierung als Prozess · realistische Hoffnung.

Biografie

Das erste türkische Restaurant in Konstanz, in den Siebzigern, gehörte seinen Eltern. Der Vater war Anfang der Sechziger als einer der ersten Gastarbeiter aus der Türkei gekommen, zuerst in den österreichischen Bergbau, dann zu Mercedes nach Stuttgart; tagsüber bei Mercedes, nachts im Taxi, bis das Geld für eine Kneipe reichte. Dort lernte er die Mutter kennen, eine deutsche Buchhalterin. Robin Celikates wurde 1977 am Bodensee geboren, wuchs dort mit einem jüngeren Bruder auf, „ein guter Schüler, vielleicht auch ein Streber“, wie er bei Jung & Naiv sagt. Politisch wurde er in den Jahren von Mölln und Solingen: Als die Republikaner in Konstanz einen Parteitag abhielten, versuchte er mit anderen, ihn zu blockieren.

Er studierte ab 1998 Philosophie und Politikwissenschaft, zuerst ein Jahr in Göttingen (wo er auch Jura „probierte“), dann in Berlin und Potsdam, wo er 2003 den Magister machte. Dazwischen lag ein Fulbright-Jahr an der New School for Social Research in New York. Am Morgen des 11. September 2001 saß er in einem Seminar an der Columbia University; draußen heulten die Sirenen, der Professor las weiter, im Aufzug hingen danach die ersten Zettel mit dem Aufruf zur Blutspende. Er schlug sich durch das abgeriegelte Manhattan zur New School durch, um nach Hause schreiben zu können.

Danach der lange Weg durch die deutsche Wissenschaft, den er heute als Schule der Anpassung beschreibt: Doktorand am Max-Weber-Kolleg in Erfurt, Lehre in Jena, Mitarbeiter in Gießen und Bremen, 2008 Promotion an der Universität Bremen über Gesellschaftskritik als soziale Praxis, betreut von Stefan Gosepath und Christoph Menke; 2009/10 Mitarbeiter in Frankfurt, seit 2009 assoziiert mit dem Institut für Sozialforschung, dem Stammhaus der Frankfurter Schule (dewiki).

2010 ging er an die Universiteit van Amsterdam, als Associate Professor für Politische und Sozialphilosophie, ab 2012 auch Vize-Direktor der Amsterdam School for Cultural Analysis. Dort leitete er das mehrjährige Forschungsprojekt Transformations of Civil Disobedience: Democratization, Globalization, Digitalization, und dort erlebte er, als Lehrender, die Besetzung von Universitätsgebäuden 2015, nach seinen Worten die größte Studierendenbewegung der Niederlande seit 1968. Aus Amsterdam stammt auch die Szene, die er Tilo Jung als Kern seines Hoffnungsbegriffs erzählt: Auf einer Konferenz zu Flucht und Migration wollten altgediente niederländische Aktivisten hinwerfen, und junge Geflüchtete standen auf und sagten, das erlaubten sie ihnen nicht. Sie selbst hätten keine Wahl.

2019 folgte er dem Ruf an die Freie Universität Berlin, auf die Professur für Praktische Philosophie mit den Schwerpunkten Sozialphilosophie und Anthropologie (FU Berlin). Er ist stellvertretender Direktor des Center for Humanities and Social Change, beteiligt am Berliner Verbundprojekt Transforming Solidarities und hat mit Rahel Jaeggi das Center for Social Critique in Berlin aufgebaut. Gastaufenthalte führten ihn 2016 an die Columbia University und 2017 nach Paris-Nanterre. Als öffentliche Stimme meldet er sich zu Klimaprotesten, zur Polizeigewalt gegen Proteste und zur Lage der Hochschulen; im Oktober 2026 saß er dreieinhalb Stunden bei Jung & Naiv und sprach über AfD, Faschisierung und die Krise des Systems.

Bücher & Publikationen

TitelJahrBeschreibung
Kritik als soziale Praxis. Gesellschaftliche Selbstverständigung und kritische Theorie2009Die überarbeitete Dissertation (Campus). Kritik ist kein Privileg von Theoretikern, die das „falsche Bewusstsein“ der anderen durchschauen; sie steckt schon in der Praxis der Betroffenen. Die Theorie soll deren Fähigkeit zur Reflexion stärken, nicht ersetzen.
Critique as Social Practice. Critical Theory and Social Self-Understanding2018Englische Übersetzung (Rowman & Littlefield, Reihe Essex Studies in Contemporary Critical Theory), mit der das Buch international rezipiert wurde.
Sozialphilosophie. Eine Einführung2017Mit Rahel Jaeggi (C.H. Beck Wissen). Kompakte Einführung: Was ist eine soziale Pathologie, wie kritisiert man Lebensformen, Arbeit, Anerkennung, Entfremdung?
Einführung in die Politische Philosophie2013Mit Stefan Gosepath (Reclam, Grundkurs Philosophie Bd. 6). Lehrbuch zu Staat, Gerechtigkeit, Demokratie und Herrschaft.
Philosophie der Moral. Texte von der Antike bis zur Gegenwart2009Hrsg. mit Stefan Gosepath (Suhrkamp). Quellenband zur Moralphilosophie.
Transformations of Democracy. Crisis, Protest and Legitimation2015Hrsg. mit Regina Kreide und Tilo Wesche (Rowman & Littlefield). Darin sein Beitrag zu digitalen Öffentlichkeiten als neuem Strukturwandel.
The Irregularization of Migration in Contemporary Europe. Detention, Deportation, Drowning2015Hrsg. mit Joost de Bloois und Yolande Jansen (Rowman & Littlefield). Wie Europa Migration erst „irregulär“ macht: Haft, Abschiebung, Tod im Mittelmeer.
„Rethinking Civil Disobedience as a Practice of Contestation – Beyond the Liberal Paradigm“2016Aufsatz in Constellations 23 (1), S. 37–45. Kern seiner Theorie: ziviler Ungehorsam jenseits des liberalen Modells von Rawls, als Praxis demokratischer Anfechtung.
„Democratizing Civil Disobedience“2016Aufsatz in Philosophy & Social Criticism 42 (10), S. 982–994. Ungehorsam als Motor der Demokratisierung, nicht bloß als Gewissensappell an die Mehrheit.
Die Räumung von Protestcamps an Universitäten ebnet den Weg zum Autoritarismus2024Essay in Jacobin (16.05.2024) mit Teresa Koloma Beck und Kai Koddenbrock, nach der Räumung des Protestcamps an der FU Berlin.

Empfehlenswerte Videos & Vorträge

Kernthesen

  1. Kritik gehört nicht den Kritikern. Die ältere Kritische Theorie unterstellte den Menschen oft ein falsches Bewusstsein, das nur der Theoretiker durchschaut. Celikates dreht das um: Gewöhnliche Menschen kritisieren ständig, die Theorie hat ihre reflexiven Fähigkeiten zu stärken und die Bedingungen zu untersuchen, die diese Fähigkeiten systematisch blockieren („Pathologien zweiter Ordnung“).
  2. Ziviler Ungehorsam ist Demokratisierung, kein Notbehelf. Gegen das liberale Modell (Rawls: gewaltfrei, öffentlich, Strafe akzeptierend, Appell an den Gerechtigkeitssinn der Mehrheit) versteht er Ungehorsam als Praxis der Anfechtung, mit der Ausgeschlossene sich Gehör verschaffen. Der demokratische Rechtsstaat lebt von der Spannung zwischen Legalität und Legitimität: Einfaches Recht kann Unrecht sein und muss anfechtbar bleiben.
  3. „Gewaltfrei“ ist kein unschuldiger Begriff. Wer Zivilität streng mit Gewaltlosigkeit gleichsetzt, schneidet die Frage ab, was Gewalt überhaupt ist; nach deutscher Rechtsprechung kann schon die friedliche Sitzblockade als gewaltsame Nötigung gelten. Zugleich bindet er Ungehorsam an Rechtfertigung: eine belegbare Diagnose des Unrechts, ein demokratisches Ziel, angemessene Mittel. Der Sturm aufs Kapitol scheitert an der ersten Bedingung.
  4. Nicht Faschismus messen, Faschisierung erkennen. Statt den Endzustand mit dem Nationalsozialismus abzugleichen, fragt er nach Dynamiken: Gesellschaftliche Krisen werden auf markierte Minderheiten abgewälzt, die so ermöglichte Entrechtung und Grausamkeit entwickelt eine Eigendynamik und greift auf die ganze Gesellschaft über. Diese Dynamik sieht er nicht nur in der AfD, sondern auch in der Mitte am Werk.
  5. Hoffnung ist eine Pflicht, keine Stimmung. Für viele Menschen ist Hoffnungslosigkeit existenziell keine Option. Hoffnung muss realistisch sein, damit sie nicht zur Ideologie wird, und sie wächst aus Widerstand und solidarischer Selbstorganisation, nicht aus Prognosen.

Politische Einordnung

Celikates steht in der linken, radikaldemokratischen Linie der Kritischen Theorie und macht daraus kein Geheimnis: Er versteht seine Philosophie als Parteinahme für Bewegungen von unten, von der Klimabewegung über Geflüchteten-Initiativen bis zu den Palästina-solidarischen Protesten. Im Januar 2021 gehörte er zu den Erstunterzeichnern der Kampagne #ZeroCovid (dewiki). Nach der polizeilichen Räumung des Protestcamps an der FU Berlin im Mai 2024 verteidigte er mit Teresa Koloma Beck und Kai Koddenbrock in Jacobin das Recht der Studierenden auf friedlichen Protest: Nicht die Camps seien der Skandal, sondern die mediale und politische Kampagne gegen sie (Jacobin, 16.05.2024). Bei Jung & Naiv beschreibt er die Berliner Lage als Einschränkung von Versammlungsfreiheit und Hochschulautonomie und kritisiert, dass Slogans wie „From the River to the Sea“ pauschal als antisemitisch registriert werden.

Hier beginnt der Streit, und er ist ernst zu nehmen. Der offene Brief Berliner Lehrender zur FU-Räumung, den Celikates öffentlich verteidigte, wurde von Bundesbildungsministerin Bettina Stark-Watzinger als Verharmlosung von Gewalt und Antisemitismus angegriffen; jüdische Stimmen und Medien wie die Jüdische Allgemeine reagierten mit Empörung (Jüdische Allgemeine). Der Einwand der Kritiker lautet: Wer die Einordnung israelbezogener Parolen als antisemitisch grundsätzlich bestreitet, unterschätzt, wie sich jüdische Studierende auf diesem Campus fühlen und wie Antisemitismus sich in Israel-Kritik kleiden kann. 2021 unterschrieb Celikates zudem den offenen Brief gegen die Philosophin Kathleen Stock, die FAZ sprach von einer „orchestrierten Verleumdung“ (FAZ, 18.03.2021); ein Vorwurf, der schwer wiegt bei jemandem, der die Universität als Ort freier Willensbildung verteidigt. Zugleich verdient festgehalten zu werden, dass er Ungehorsam nicht als Freibrief versteht: Er verlangt Evidenz für das Unrecht, ein demokratisches Ziel und die Bereitschaft, sich zu rechtfertigen, und er grenzt den zivilen Ungehorsam ausdrücklich von Kriminalität, Terror und Putschversuchen ab.

Verbindungen zu anderen Denkern

Cortex-Notes

Im Bestand

Robin CelikatesFaschisierung, Hoffnung und die…Susan NeimanDenkerVitaEva von RedeckerDenkerVitaJohn RawlsDenkerVitaJürgen HabermasDenkerVitaDamir SkenderovicDenkerVitaTilo WescheDenkerVitaTheodor W. AdornoDenkerVita

acht gedachte Verweise

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