Gedankenraum
DenkerVita·10. Oktober 2026

Susan Neiman — DenkerVita

Wer das Böse nicht mehr beim Namen nennt, überlässt die stärkste Sprache den Skrupellosen: Susan Neiman holt die Moral für die Linke zurück, von Kant bis Trump.

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R. B. Kitaj — Kitaj war ein amerikanischer Jude, der in Europa malte, und er nannte sich einen Diasporisten: ein Leben, aus mehreren Orten zusammengesetzt, nebeneinander gestellt wie Bildtafeln. Bei Neiman sind es drei. Rote Erde unter den Kiefern Georgias, wo sie im segregierten Süden aufwuchs, ein grauer Berliner Hinterhof mit gelber S-Bahn, wo sie seit 1982 mit Unterbrechungen lebt, und die hölzernen Wassertürme New Yorks im violetten Abend. Davor sitzt eine Frau mit dunklen Locken, von hinten gesehen, an einem Tisch voller offener Bücher, mit Leuchter und Kaffeetasse. Kitajs satte, flache Farben passen zu ihr, weil sie scharf denkt und dabei warm bleibt.

Prompt: Wide panoramic banner in the style of R. B. Kitaj, oil and pastel on canvas, saturated flat colour fields, fragmented collage-like composition, drawn contour lines, intellectual and warm. A woman with short dark curly hair seen from behind, sitting at a long table covered with open books and a lamp, looking out across three stitched-together worlds: on the left a red-clay road under Georgia pines with a separate water fountain and a bus in hot Southern light; in the middle a Berlin courtyard with grey tenements and a yellow S-Bahn; on the right a Manhattan rooftop with wooden water towers under a violet evening sky. A small brass Hanukkah lamp on the table, a coffee cup, scattered pages. Palette of cadmium red, ochre, cobalt, violet and lemon yellow. No faces visible, no text, no lettering, no signature.

Biographischer Snapshot

Wer spricht?

Susan Neiman (27. März 1955, Atlanta, Georgia) — Moralphilosophin mit amerikanischem, israelischem und deutschem Pass. Promoviert 1986 in Harvard bei John Rawls und Stanley Cavell, Professorin in Yale (1989–1996) und Tel Aviv (1996–2000), von 2000 bis Ende Juni 2026 Direktorin des Einstein Forums in Potsdam; Nachfolger ist der Philosoph Carlos Fraenkel. Mitglied der Grundwertekommission der SPD, August-Bebel-Preis 2021. Lebt seit 1982 mit Unterbrechungen in Berlin, inzwischen wieder viel in New York.

Wichtigste Werke: Das Böse denken (2002), Moralische Klarheit (2008), Von den Deutschen lernen (2019), Links ≠ woke (2023), Nennen wir es böse (2026) Kernkonzepte: das Böse als Prüfstein der Philosophie, moralische Klarheit, Universalismus, Kants Kluft zwischen Sein und Sollen, Erinnerungskultur

Biografie

Atlanta in den Sechzigern: ein Süden, in dem Schwarze Kinder nicht in dieselben Schulen gehen und nicht in denselben Seen schwimmen dürfen wie weiße. Susan Neiman wächst dort in einer jüdischen Familie auf und singt mit den anderen „We shall overcome“. Später schreibt sie, wer das damals sang, habe sich vorgestellt, die Wirklichkeit zu überwinden und eine Welt zu schaffen, die es noch nicht gab. Mit vierzehn verlässt sie die Schule, lebt in Kommunen, geht gegen den Vietnamkrieg auf die Straße. Sartre und Simone de Beauvoir bringen sie zur Philosophie. Den Abschluss holt sie neben Gelegenheitsjobs nach.

In Harvard wird sie Assistentin von John Rawls und promoviert bei ihm und Stanley Cavell über Kant. 1982 geht sie mit einem Stipendium an die Freie Universität nach West-Berlin, eine junge Jüdin aus Georgia in der Stadt, von der aus der Mord an den europäischen Juden organisiert worden war. Aus diesen Jahren entsteht Slow Fire (1992), ein Erinnerungsbuch über das jüdische Leben im Berlin der Achtziger. Sie bleibt bis 1988, kurz bevor die Mauer fällt.

Es folgen sieben Jahre Yale, dann fünf Jahre Tel Aviv. Israel wird zu einer zweiten Heimat, sie nimmt die Staatsbürgerschaft an und betont bis heute, dass sie als israelische Staatsbürgerin spricht, wenn sie Israel kritisiert. 2000 holt man sie nach Potsdam an die Spitze des Einstein Forums, einer kleinen, vom Land Brandenburg getragenen Denkstätte. Sie macht daraus über ein Vierteljahrhundert einen Ort, an dem Philosophie öffentlich verhandelt wird, zuletzt auch mit Tagungen über Israel und Palästina, etwa mit Bashir Bashir und Amos Goldberg. 2016 wird sie Deutsche.

2002 erscheint Evil in Modern Thought (deutsch Das Böse denken, 2004), für viele bis heute ihr Hauptwerk: eine Geschichte der Philosophie, erzählt vom Erdbeben in Lissabon 1755 bis Auschwitz, entlang der Frage, wie Menschen mit einer Welt umgehen, die nicht so ist, wie sie sein sollte. Danach schreibt sie zunehmend für ein breites Publikum, über moralische Klarheit, das Erwachsenwerden, die deutsche Vergangenheitsaufarbeitung und die Linke.

Ende Juni 2026 verabschiedet das Einstein Forum sie nach 26 Jahren; seit dem 1. Juli leitet es der Philosoph Carlos Fraenkel (zuvor McGill, Montreal). Neiman zieht nach New York, wo im selben Herbst ihr neues Buch Call It Evil erscheint. Die Wohnung in Neukölln behält sie vorerst: Es komme darauf an, „was 28 in den USA passiert“. Auf der Frankfurter Buchmesse im Oktober 2026 erzählt sie, sie habe bei der Berliner Wahl im September zum ersten Mal die Linke gewählt; zuvor hatte sie SPD gewählt.

Bücher & Publikationen

TitelJahrBeschreibung
Slow Fire. Jewish Notes from Berlin1992Erinnerungen an die Berliner Jahre 1982–1988: wie es ist, als Jüdin in der Stadt der Täter zu leben, die schweigt
The Unity of Reason. Rereading Kant1994Die Dissertation: Kants Vernunft als regulierendes Prinzip, das Ziele setzt, statt Wissen zu liefern
Das Böse denken. Eine andere Geschichte der Philosophie2002 / dt. 2004Hauptwerk: Philosophiegeschichte als Antwort auf das Böse, von Lissabon („die Menschheit verlor den Glauben an die Welt“) bis Auschwitz („den Glauben an sich selbst“)
Fremde sehen anders. Zur Lage der Bundesrepublik2005Essays über Deutschland aus dem Blick der Zugezogenen
Moralische Klarheit. Leitfaden für erwachsene Idealisten2008 / dt. 2010Die säkulare Linke hat die Sprache von Gut und Böse den Konservativen überlassen; Neiman will sie mit Kant und Rousseau zurückholen
Warum erwachsen werden?2014 / dt. 2015Mündigkeit als lebenslange Aufgabe gegen eine Konsumkultur, die Menschen klein und bequem hält
Widerstand der Vernunft. Ein Manifest in postfaktischen Zeiten2017Streitschrift nach Trumps erster Wahl: Vernunft als Haltung, die sich mit der Welt nicht abfindet
Von den Deutschen lernen. Wie Gesellschaften mit dem Bösen in ihrer Geschichte umgehen können2019 / dt. 2020Was die USA beim Umgang mit Sklaverei und Rassismus von der deutschen Vergangenheitsaufarbeitung lernen könnten; Neiman hat einige Urteile später selbst revidiert
Historiker streiten. Gewalt und Holocaust – die Debatte2022Mit Michael Wildt herausgegeben: Sammelband zum Streit um die Singularität des Holocaust und den Vergleich mit kolonialer Gewalt, mit Beiträgen u.a. von Dirk Moses und Eva Menasse
Links ≠ woke2023Universalismus statt Stammesdenken, Gerechtigkeit statt bloßer Macht, Glaube an Fortschritt: Was die Linke ausmachte, sieht Neiman in woker Theorie preisgegeben
Nennen wir es böse. Die Politik unserer Zeit verstehen2026Hanser Berlin, übersetzt von Michaela Grabinger (Original: Call It Evil. Understanding the Trump Era, Norton 2026). Ein Buch über die Ideen, die Trump möglich gemacht haben: Eigennutz als Menschenbild, Moral als Naivität

Empfehlenswerte Videos & Vorträge

Kernthesen

  1. Das Böse ist der eigentliche Antrieb der Philosophie. Die Frage, warum unschuldige Menschen leiden, hat das moderne Denken stärker geformt als die Frage, was wir wissen können. Seit Lissabon trennen wir das Übel der Natur vom Bösen der Menschen; seit Auschwitz wissen wir, dass es ohne böse Absicht entstehen kann, „wie ein Pilz an der Oberfläche“, wie Arendt schrieb. Gerade darin liegt Hoffnung: Was aus kleinen Ursachen wächst, lässt sich aufhalten.

  2. Wer die moralische Sprache scheut, überlässt sie den Skrupellosen. Die Rechte hat keine Hemmung, mit Moral zu operieren; viele Linke dagegen halten „moralisch“ für ein Schimpfwort und „Gutmensch“ für eine Beleidigung. Damit, sagt Neiman, legen sie die stärkste Waffe der Sprache aus der Hand. Inspirieren lässt sich niemand mit „mehr Netto vom Brutto“, wohl aber mit dem Versprechen einer gerechteren Gesellschaft. Gerechtigkeit ist für sie der Moralbegriff schlechthin, das Gegenteil des Bösen.

  3. Wir schwimmen in einer Ideologie, die wir für gesunden Menschenverstand halten. Drei Verkürzungen haben sie geformt: ein halbierter Adam Smith (alles geschieht aus Eigennutz), ein verbogener Darwin in der Evolutionspsychologie (so ist der Mensch seit 200.000 Jahren) und Foucault (alles ist Macht). Am Ende steht der Satz, Moral sei etwas für Idioten, die nicht merken, dass sie reingelegt werden. Trump ist in dieser Lesart die logische Konsequenz dieser Ideen, kein Ausrutscher.

  4. Links heißt universalistisch. Die Linke stand immer für das Allgemeine gegen den Stamm, für den Unterschied zwischen Recht und Macht und für den Glauben, dass Fortschritt möglich ist. Wer Menschen auf Herkunft, Hautfarbe oder Opferstatus festlegt, denkt in den Kategorien seiner Gegner.

  5. Erinnerung ist Arbeit, und sie kann kippen. 2019 lobte Neiman die deutsche Vergangenheitsaufarbeitung als Vorbild für die USA. Seit dem BDS-Beschluss des Bundestags und erst recht seit dem 7. Oktober 2023 sieht sie dieselbe Erinnerungskultur in einen „verordneten Philosemitismus“ umschlagen, der Kritik an Israels Regierung mit Antisemitismus gleichsetzt und andere Minderheiten im Namen des Schutzes von Juden ausgrenzt.

Politische Einordnung

Neiman ist eine Linke der Aufklärung, eine Kantianerin in der Nähe der Sozialdemokratie: Wahlkampfhelferin für Obama, über den sie heute enttäuscht spricht, Mitglied der SPD-Grundwertekommission, August-Bebel-Preisträgerin. 2026 hat sie in Berlin dennoch die Linke gewählt, weil diese als einzige deutsche Partei „den Mut hatte, dieses Tabu ein bisschen zu brechen“, gemeint ist die Haltung zu Gaza. Gesine Schwan, die sie trotzdem in der Kommission halten will, hat sie es selbst gesagt. Ihre Hoffnung für die Linke heißt derzeit Zohran Mamdani, der in New York über Bezahlbarkeit als Frage der Gerechtigkeit spricht.

Am meisten Streit hat ihre Haltung zu Israel ausgelöst. Neiman gehörte 2020 zu den Köpfen der Initiative GG 5.3 Weltoffenheit, in der Leiterinnen und Leiter großer Kulturinstitutionen den BDS-Beschluss des Bundestags von 2019 kritisierten, weil er Gesinnungsprüfungen im Kulturbetrieb begünstige. Sie spricht von einem „philosemitischen McCarthyismus“, nennt den Krieg in Gaza einen Genozid (eine Einordnung, die eine UN-Untersuchungskommission 2025 teilt und die Israel wie die Bundesregierung zurückweisen) und hält die IHRA-Arbeitsdefinition für ein Instrument, Israelkritik zu delegitimieren. Antisemitismusbeauftragte und Programme hält sie für weitgehend wirkungslos, solange Juden als einzige Minderheit herausgehoben und andere als Gefahr markiert werden.

Es gibt gewichtige Gegenstimmen. Der Historiker Ernst Piper hielt ihr im Freitag (Januar 2024) entgegen, Deutschlands Problem sei kein Philosemitismus, sondern ein israelfeindlicher Antisemitismus; ihre Rede vom deutschen „Katechismus“ bediene selbst ein bekanntes Muster. Neiman wies das in derselben Zeitung als rufschädigend zurück. Anna Staroselski, damals Präsidentin der Jüdischen Studierendenunion, warf ihr in der Jüdischen Allgemeinen (August 2023) eine „Täter-Opfer-Umkehr“ vor, weil Neiman im Fall Fabian Wolff, eines Autors, der sich fälschlich als Jude ausgegeben hatte, das schlechte Gewissen der Deutschen zum eigentlichen Problem erklärte. Der Grundeinwand aus jüdischen Organisationen lautet: Wer israelbezogenen Antisemitismus kleinredet, der seit dem 7. Oktober 2023 messbar gestiegen ist, spricht vielen Jüdinnen und Juden in Deutschland ihre Erfahrung ab. In der Berliner Koalitionsdebatte 2026 steht der Zentralrat der Juden auf der Gegenseite zu Neiman und hält das Antisemitismus-Papier von Linken, Grünen und SPD für unzureichend. Auch Ulrike Winkelmann hält im taz Talk dagegen: Kritik an Israels Regierung sei inzwischen Allgemeingut, und es brauche weiter Institutionen gegen Antisemitismus. Neiman antwortet: „Soll ich für Antisemitismus sein? Ich bin eine Jüdin.“ Man brauche vielleicht bessere.

Auch Links ≠ woke fand neben viel Zustimmung (Fintan O'Toole) scharfe Kritik: Neiman definiere „woke“ nie sauber und rede an denen vorbei, die sie kritisiere (Marianna Lieder, Gregor Dotzauer, Samuel Clowes Huneke). Und die New York Times lobte Call It Evil als mitreißende Streitschrift, vermisste aber eine Antwort auf die Frage, warum die einen beim Unerhörten erschrecken und die anderen gleichgültig bleiben.

Verbindungen zu anderen Denkern

Cortex-Notes

Im Bestand

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zehn gedachte Verweise

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