Biographischer Snapshot

Wer ist das?

Arne Semsrott (1988, Hamburg) — Journalist, Aktivist und Projektleiter von FragDenStaat bei der Open Knowledge Foundation Deutschland (seit 2014). Bruder von Nico Semsrott (Kabarettist, ehem. EU-Abgeordneter). Studium der Politikwissenschaft in Berlin und Istanbul (2010–2015). Vorstandsmitglied bei LobbyControl (seit 2018), Beirat der österreichischen Stiftung COMÚN für Gegenrechtsschutz (seit 2024). Co-Host des Podcasts Gilda con Arne (mit Gilda Sahebi, seit September 2025). Zweifacher Otto-Brenner-Preisträger (2015, 2016). Autor von Machtübernahme — Was passiert, wenn Rechtsextremisten regieren (Droemer, 2024). Fachgebiete: Informationsfreiheit, Transparenz, Pressefreiheit, Open Data, Lobbyismus-Kontrolle, Rechtsextremismus-Prävention.

Biografie

Arne Semsrott wächst in Hamburg auf, und schon als Schüler zeigt sich, was ihn antreiben wird: der Drang, Institutionen herauszufordern. Zusammen mit seinem Bruder Nico gründet er die Gegenzeitung „Sophies Unterwelt” — ein Blatt, das der Schulleitung so unbequem wird, dass sie es verbietet. Trotzdem wird es zur zweitbesten Schülerzeitung Deutschlands gekürt. Der Spiegel listet den jungen Semsrott 2007 unter „21 unter 21” — die Karriere als institutioneller Querulant beginnt früh.

Das Studium der Politikwissenschaft führt ihn nach Berlin und Istanbul (2010–2015) — zwei Städte, die unterschiedlicher nicht sein könnten, aber beide lehren ihn dasselbe: wie fragil Transparenz in Demokratien ist und wie schnell Staaten Informationen als Machtmittel nutzen.

FragDenStaat wird ab 2014 sein Hauptprojekt — und sein Lebenswerk. Was als kleine Plattform beginnt, auf der Bürger:innen IFG-Anfragen an Behörden stellen können, baut Semsrott zur zentralen Infrastruktur für Informationsfreiheit in Deutschland aus. Tausende Anfragen, Klagen, investigative Recherchen. FragDenStaat wird zum Werkzeug, das den Staat zwingt, sich selbst zu erklären.

Parallel schreibt er von 2014 bis 2021 für netzpolitik.org — das wichtigste deutschsprachige Medium für digitale Bürgerrechte. Zwei Otto-Brenner-Preise (2015, 2016) bestätigen die Qualität seiner investigativen Arbeit.

2018 initiiert er OpenSCHUFA mit — eine Kampagne, die erstmals systematisch Licht in das Scoring-System der Schufa bringt. Tausende Menschen spenden ihre Daten, die Kampagne wird für den Grimme Online Award nominiert. Es ist klassischer Semsrott: ein intransparentes System identifizieren, es öffentlich machen, die Betroffenen mobilisieren.

2021 folgt der Freiheitsfonds — Semsrott sammelt Geld, um Menschen aus Ersatzfreiheitsstrafen wegen Schwarzfahrens freizukaufen. Eine Aktion, die gleichzeitig humanitär und politisch ist: Sie macht sichtbar, dass in Deutschland Menschen im Gefängnis sitzen, weil sie arm sind. Das Justizministerium reagiert — die Debatte über Ersatzfreiheitsstrafen gewinnt an Fahrt.

Der §353d-Fall (2023–2025) wird sein bislang mutigster juristischer Kampf. Semsrott veröffentlicht bewusst amtliche Gerichtsbeschlüsse, um die Verfassungsmäßigkeit des Paragrafen anzufechten, der genau das verbietet. Er will einen Präzedenzfall für Pressefreiheit schaffen. Das Landgericht Berlin I verurteilt ihn im Oktober 2024, der BGH bestätigt das Urteil im Juli 2025. Semsrott kündigt eine Verfassungsbeschwerde an — der Fall ist laufend und könnte die Grenzen zwischen staatlicher Geheimhaltung und journalistischer Veröffentlichungspflicht neu definieren.

Seit 2024 ist er Beirat der österreichischen Stiftung COMÚN für Gegenrechtsschutz, seit September 2025 Co-Host des Podcasts Gilda con Arne mit der Journalistin Gilda Sahebi — ein Format, das aktuelle politische Entwicklungen analysiert.

Bücher & Publikationen

  • Machtübernahme — Was passiert, wenn Rechtsextremisten regieren. Eine Anleitung zum Widerstand (Droemer, 2024) — genialokal
  • OBS-Arbeitspapiere zur Informationsfreiheit (Otto Brenner Stiftung)
  • OBS-Arbeitspapier zur Desiderius-Erasmus-Stiftung
  • Zahlreiche Artikel bei netzpolitik.org (2014–2021)

Empfehlenswerte Videos & Vorträge

Kernthesen

  1. Informationsfreiheit ist kein Luxus, sondern Grundrecht. Bürger:innen haben das Recht, zu wissen, was der Staat tut — und der Staat hat die Pflicht, es ihnen zu sagen. FragDenStaat ist das Werkzeug, das dieses Recht praktisch durchsetzbar macht.

  2. Transparenz ist die Voraussetzung für Demokratie. Wo Staaten Informationen zurückhalten, entsteht ein Machtungleichgewicht, das demokratische Kontrolle unmöglich macht. Lobbyismus, Korruption und Machtmissbrauch gedeihen im Dunkeln.

  3. Rechtsextremismus bekämpft man durch Vorbereitung, nicht durch Empörung. Machtübernahme ist kein Alarmbuch, sondern eine Anleitung: Was passiert konkret, wenn Rechtsextremisten an die Macht kommen, und was kann die Zivilgesellschaft dagegen tun?

  4. Gesetze, die Pressefreiheit einschränken, müssen aktiv herausgefordert werden. Der §353d-Fall zeigt Semsrotts Methode: nicht warten, bis ein Gesetz reformiert wird, sondern es durch strategische Rechtsverstöße vor Gericht bringen und verfassungsrechtlich prüfen lassen.

  5. Strukturelle Ungerechtigkeit sichtbar machen ist politischer Aktivismus. Ob Schufa-Scoring, Ersatzfreiheitsstrafen oder Behördengeheimnisse — Semsrott wählt Themen, bei denen Intransparenz konkret Menschen schadet, und macht sie öffentlich.

Politische Einordnung

Semsrott bewegt sich im linksliberalen, zivilgesellschaftlichen Spektrum — aber er ist kein Parteipolitiker und lässt sich schwer auf einer klassischen Links-Rechts-Achse verorten. Seine Arbeit ist weniger ideologisch als institutionell-kritisch: Er glaubt an den demokratischen Rechtsstaat, misstraut aber seinen Institutionen und will sie durch Transparenz besser machen.

Mit LobbyControl und FragDenStaat steht er in der Tradition der Watchdog-Organisationen — Institutionen, die den Staat überwachen, statt ihn zu ersetzen. Das unterscheidet ihn von radikaleren Positionen: Er will keine andere Ordnung, sondern eine, die ihre eigenen Regeln einhält.

Sein Anti-Rechtsextremismus-Engagement (Machtübernahme, Gegenrechtsschutz-Beirat) zeigt die zweite Dimension: Er sieht Transparenz nicht nur als Selbstzweck, sondern als Schutzschild gegen autoritäre Tendenzen. Wer weiß, was der Staat tut, kann verhindern, dass er missbraucht wird.

Verbindungen zu anderen Denkern

Gedankenwelten-Notes