GedankenraumRobin Celikates — Faschisierung, Hoffnung und die Krise des Systems (Jung & Naiv 855)
Wenn die Krise einen Schuldigen sucht, findet sie ihn unten. Ein Kritischer Theoretiker über Faschisierung als Prozess, und warum Hoffnung keine Stimmung ist.
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Künstler: Ben Shahn — Eitempera auf Holz, gedämpfte Flächen in Ocker, Schiefergrau und verblichenem Ziegelrot, drahtige schwarze Konturlinie.
Warum: Die Note erzählt einen einzigen Mechanismus: Die Krise steht hinter den Leuten, eine Schule mit vernagelten Fenstern, ein bröckelnder Schlot, eine leere Schaukel, und sie drehen ihr den Rücken zu und zeigen auf die Familie mit den Koffern, die zuletzt gekommen ist. Shahn hat in den Dreißigern und Vierzigern gemalt, wie Gesellschaften ihre Schuldigen finden (Sacco und Vanzetti), mit Mitgefühl für die Gezeigten und ohne Karikatur der Zeigenden. Davor die Ziegelmauer, an der ein Mann im Anzug achtlos vorbeigeht.
Prompt: Wide panoramic banner painting in the style of Ben Shahn: egg tempera on board, flat muted colors (ochre, slate grey, faded brick red, off-white), wiry expressive black ink contour lines, social realist, 1940s American. A small town square at dusk. In the background a cracked public school building with boarded windows and a crumbling factory chimney, a broken playground swing. In the middle ground a crowd of ordinary working people with their backs turned to the cracked buildings, many arms and fingers pointing downward and to the right. At the lower right, small and alone, a family with two worn suitcases and a child holding a parent's hand, looking up. In the foreground across the whole width runs a very low brick wall, barely knee high, and a man in a suit steps over it casually mid-stride. Melancholy, humane, no caricature, no realistic faces, no text, no letters, no signature, no monogram.
Wenn die Krise einen Schuldigen sucht, findet sie ihn unten. Robin Celikates, Sozialphilosoph an der FU Berlin und einer der Erben der Frankfurter Schule, spricht am 6. Oktober 2026 bei Jung & Naiv, wenige Stunden nachdem in Sachsen-Anhalt erstmals ein AfD-Politiker Landtagspräsident geworden ist. Sein Vorschlag: den Streit beenden, ob etwas schon Faschismus ist, und den Prozess erkennen, der dorthin führt. Der beginnt für ihn in der Mitte, beim Verschieben realer Krisen auf Minderheiten. Die Note folgt dieser Diagnose durch Universität, Migration, Antisemitismusdebatte, Medien und Protest. Sie hält dagegen, wo Celikates vereinfacht oder schweigt, und endet in einer halben Stunde Publikumsfragen über zivilen Ungehorsam, Losdemokratie und eine Unterschrift aus dem Corona-Winter.
Quelle: Philosoph Robin Celikates über AfD, Faschismus & die Krise des Systems — Jung & Naiv: Folge 855 — live am 06.10.2026 (3:35 Std.)
Jung & Naiv ist spendenfinanziert und werbefrei, und dreieinhalb Stunden mit einem Philosophen, der Zeit zum Ausdenken bekommt, gibt es sonst kaum. Unterstützenswert: jungundnaiv.de/mitglied-werden
Robin Celikates (1977, Konstanz) — Professor für Sozialphilosophie und Anthropologie an der Freien Universität Berlin, Theoretiker des zivilen Ungehorsams.
Sohn eines der ersten türkischen Gastarbeiter, der bei Mercedes am Band stand und nachts Taxi fuhr, und einer deutschen Buchhalterin; aufgewachsen mit dem ersten türkischen Restaurant von Konstanz. Philosophie und Politikwissenschaft in Göttingen, Potsdam und Berlin, ein Fulbright-Jahr 2001/02 an der New School in New York, wo er den 11. September erlebte. Promotion 2008 in Bremen bei Stefan Gosepath und Christoph Menke, seit 2009 dem Frankfurter Institut für Sozialforschung verbunden, 2010–2019 Professor in Amsterdam, seit 2019 an der FU; mit Rahel Jaeggi Gründer des Center for Social Critique.
Wichtigste Werke: Kritik als soziale Praxis (2009; engl. Critique as Social Practice, 2018), Sozialphilosophie. Eine Einführung (mit Rahel Jaeggi, 2017), „Rethinking Civil Disobedience as a Practice of Contestation" (2016) Kernkonzepte: Kritik als Praxis der Betroffenen, ziviler Ungehorsam als Demokratisierung, Legalität und Legitimität, Faschisierung als Prozess
Deuten und verändern
2:16 — Tilo Jung fragt mit Marx' elfter Feuerbach-These, ob er die Welt nur deuten oder auch verändern wolle. Celikates erzählt, wie er im Studium die Geduld mit einer Philosophie verlor, die ihre Fragen „auf sehr abstrakte und unpolitische" Weise verhandelt, abgewandt von der Wirklichkeit, aus der sie stammen. Er fand die Kritische Theorie, die sich zweimal auf die Praxis bezieht: Sie holt ihre Fragen aus den sozialen Kämpfen und will in sie zurückwirken.
„Deuten und verändern und keine Alternative, sondern gehört zusammen." 3:46
Im Gespräch — 3:46
Der wichtigste Satz dieses Anfangs fällt fast nebenbei: Kritik sei kein Monopol der Theoretiker, sie werde ständig geübt, von Bewegungen, Gruppen, Einzelnen, und die Theorie müsse daran anschließen 4:32. Das ist der Kern seines Buches Kritik als soziale Praxis, und er räumt mit einem alten Hochmut der marxistischen Orthodoxie auf, die in den Massen nur „verblendete" Menschen sah 7:36. Wer so anfängt, verpflichtet sich auf etwas: Er muss den Leuten auch dann zuhören, wenn sie etwas anderes kritisieren, als er erwartet. An diesem Maßstab wird man ihn im weiteren Gespräch messen dürfen.
Wer sich Hoffnungslosigkeit leisten kann
10:39 — Tilo kennt das Problem aus der eigenen Arbeit: Wer sich kritisch mit allem befasst, landet oft in der Verzweiflung, erst die Verhältnisse, dann noch der Faschismus obendrauf. Celikates antwortet mit einer Geschichte aus Amsterdam. Auf einer Konferenz über Flucht und Migration sagten alte Recken der niederländischen Aktivistenszene, jedes Jahr werde es schlimmer, man müsse eigentlich hinschmeißen. Dann standen mehrere junge Geflüchtete auf, gerade erst in der Stadt angekommen, und sagten,
„dass sie uns das nicht erlauben, dass sie das nicht akzeptieren können, weil sie, also was sollen sie machen?" 13:40
Im Gespräch — 13:40
Für sie war der Kampf der Alltag, und sie konnten ihn nicht führen, wenn der Rest der Gesellschaft sich abwandte. Daraus macht Celikates eine Ethik der Privilegierten: Für einen verbeamteten Professor, einen Journalisten, einen „Vollbürger" ist Hoffnungslosigkeit ein Luxus, den sich andere nicht leisten können 12:55. Er nennt es fast peinlich, vor Kolleginnen aus der Türkei, aus Hongkong oder China zu sagen, man habe leider keine Hoffnung mehr 16:00.
Er unterscheidet dabei sorgfältig. Hoffnung kann ideologisch sein, ein Beruhigungsmittel 14:26. Die richtige Art ist in der sozialen Realität verankert: Sie zeigt, dass die Verhältnisse der großen Mehrheit schaden, und dass Menschen sich gern einbringen, wenn sie ernst genommen werden.
Das stärkste Argument des Abends kommt nicht aus der Theorie, sondern aus dieser einen Szene im Saal. Hoffnung erscheint hier als Pflicht gegenüber denen, die keine Wahl haben, eine Stimmung ist sie nicht. Das hat eine Härte, die man aushalten muss: Sie nimmt dem Erschöpften die Ausrede, ohne ihn zu beschämen. Offen bleibt, ob man Hoffnung so verlangen kann. Man kann sich verpflichten, weiterzumachen; ob man dabei hofft, entscheidet man nicht ganz selbst.
Die unpolitische Universität
18:17 — Tilo hatte Professoren zu Gast, die offen oder verdeckt zögerten, sich zu weit vorzuwagen. Celikates überrascht das nicht. Die deutsche Professorenschaft sei im internationalen Vergleich „sehr unpolitisch", meist verbeamtet und deshalb nah am Staat, und sie hänge einem Bild von Wissenschaft an, in dem Objektivität Neutralität heiße und Neutralität heiße, sich aus hitzigen Konflikten herauszuhalten 19:02. Dazu kommen eine obrigkeitsstaatliche politische Kultur, in der Ruhe die erste Bürgerpflicht ist 19:47, und ein Karriereweg, auf dem man jahrelang prekär beschäftigt lernt, keine Probleme zu machen 20:33.
Eine Absicht dahinter vermutet er ausdrücklich nicht, eher eine soziologische Dynamik. Und er gibt dem Konservatismus der deutschen Universität sogar etwas Gutes: Er habe verhindert, dass man sie wie in den Niederlanden oder England neoliberal „durchstrukturiert" 22:50. Bei den Professoren selbst wird er dann scharf:
„Was genau haben die Leute zu befürchten, also ein bisschen Gegenwind auf X vielleicht oder in der FAZ." 25:53
Hören — 25:53
Doktoranden und Postdocs nimmt er ausdrücklich aus. Sein Gegenmittel ist unheroisch. Den „heroischen Intellektuellen", der hinausgeht und die Wahrheit sagt, gebe es auch, aber wichtiger seien Netzwerke über die Statusgruppen hinweg, in denen man weiß, wen man anruft, wenn es einen trifft 29:42. Angriffe auf Wissenschaft funktionieren, sagt er, weil jeder Betroffene sie für einen Einzelfall hält. Und die Studierenden, die die größten Risiken tragen, hätten die Debatten oft zuerst angestoßen, „von der Klimakrise bis hin zu Palästina" 32:01.
Faschisierung: ein Prozess, kein Etikett
38:51 — Hier legt Celikates den Begriff fest, der das ganze Gespräch trägt. Der Streit, ob die AfD „wirklich" faschistisch sei, führe in eine Sackgasse, weil man dann eine Checkliste des historischen Regimetyps abhakt: bewaffnete Milizen, die Reste einer geschlagenen Armee, eine verelendete Arbeiterschaft, ein charismatischer Führer. Produktiver sei es, mit einigen Stimmen der letzten Jahre von Faschisierung zu sprechen, also die Dynamiken zu erkennen, die dorthin führen.
„Deswegen ist das Argument, na ja, das war aber im Nationalsozialismus anders, nicht besonders hilfreich, weil wir doch alle hoffentlich wollen, dass es eben nicht so weit kommt." 40:22
Im Gespräch — 40:22
Später, auf Tilos Bitte, definiert er knapp 1:45:22: Faschisierung ist der Prozess, in dem auf gesellschaftliche Krisen reagiert wird, indem man vorher markierten Minderheiten die Schuld gibt. Das ermöglicht Gewalt und Ausschluss gegen sie, die eine Eigendynamik entwickeln, erst gegen die Minderheit gerichtet sind und dann generalisieren. Meist gehört dazu ein Bild vom Volk, das durch Kultur, Abstammung oder zivilisatorische Überlegenheit bestimmt ist.
Bei der Frage, ob die Entnazifizierung gescheitert sei, zeigt sich, wie vorsichtig er mit Kontinuitätsbehauptungen umgeht. Tilo vermutet, das alte Denken sei „nie weg" gewesen, nur verschwiegen. Celikates widerspricht: Er sei „nicht überzeugt, dass es da so eine Art von Kontinuität im Sinne eines inneren Kerns gibt" 2:03:41. Die Gesellschaft sei heute eine ganz andere, auch durch Migration, und der Rassismus habe sich mit ihr gewandelt.
Ein Prozessbegriff hat einen Vorteil: Er warnt früh. Und er hat einen Preis: Wo jeder Schritt der Mitte schon „Faschisierung" heißt, verliert das Wort seine Unterscheidungskraft. Orwell klagte 1944, „Faschismus" bedeute nur noch „etwas Unerwünschtes". Woran würde man bei Celikates erkennen, dass eine Maßnahme hart, aber gerade nicht faschisierend ist?
Wohin die Schuld wandert
45:03 — Die Kritische Theorie entstand aus einer Enttäuschung: Statt der Revolution wandte sich die Arbeiterschaft dem Faschismus zu. Aus den Analysen der Frankfurter Schule zieht Celikates zwei Einsichten, die er für „erschreckend relevant" hält. Erstens sei Faschisierung ein gesamtgesellschaftlich ermöglichtes Phänomen, man könne sie nicht in eine Partei auslagern.
„Faschisierung ist ein Prozess, der in der liberalen Demokratie und den Krisen, denen sie ausgesetzt ist, anfängt." 45:49
Im Gespräch — 45:49
Zweitens der Mechanismus selbst: Die Krise, vor allem die ökonomische, wird nicht als solche erkannt. Leiden und Wut werden „kondensiert und projiziert" auf Gruppen, die schon markiert sind. „Sündenbock" sei dafür ein verharmlosendes Wort 46:34. Tilo fällt dazu Horst Seehofer ein, der nach den Ausschreitungen von Chemnitz die Migration „die Mutter aller Probleme" nannte, und Celikates nimmt das Beispiel auf: Menschen werden durch eine Großstadt gejagt, und ein Politiker der Mitte erklärt die Gejagten zum Problem 48:06. Das Ausmaß sei ein anderes als 1933, der Mechanismus derselbe.
Seine Pointe ist praktisch:
„Keine öffentliche Infrastruktur, kein Kindergartenplatz, kein Arbeitsplatz wird damit dauerhaft irgendwie zurückgewonnen." 49:38
Hören — 49:38
Tilo ergänzt es am Beispiel 2015: Was „Flüchtlingskrise" hieß, war eine Überlastung unterfinanzierter Kommunen, und die Frage hätte lauten müssen, wer die Kommunen finanziert 50:23. Statt der schwierigen Frage nach der Daseinsvorsorge, sagt Celikates, wählt die Politik die leichte nach Sicherheit, auf die der Staat schon Antworten hat: Abschiebung, mehr Polizei 51:55.
Das ist die tragfähigste These des Abends, und die Forschung gibt ihr zur Hälfte recht. Die Verschiebung der Problemdefinition ist gut belegt, ebenso, dass Abschiebungen keine Kitaplätze schaffen. Schwächer wird es, wo Celikates Migration aus der Rechnung ganz herausnimmt: „Damit haben Migranten eigentlich nicht so richtig viel zu tun" 48:51. Kommunen, Schulen und Wohnungsmärkte spüren Zuwanderung real, auch wenn die Ursache ihrer Not woanders liegt. Wer dieses Spüren abtut, verschenkt die Menschen, die es erleben, an jene, die es ausbeuten. Die These wird stärker, wenn man beides sagt: Die Belastung ist echt, und der Schuldige ist falsch gewählt.
Staatlicher Anti-Antisemitismus
57:17 — Der heikelste Teil. Celikates spricht von „staatlichem" oder „repressivem Anti-Antisemitismus" und meint damit eine Praxis, die er vor allem in Berlin sieht: eingeschränkte Versammlungsfreiheit und Polizeigewalt bei palästinasolidarischen Protesten, abgesagte Veranstaltungen, Ausstellungen und Lesungen, Eingriffe in die Autonomie der Universitäten. Er verweist auf Amnesty International, den Menschenrechtskommissar des Europarats und die UN-Sonderberichterstatterin Irene Khan 58:02.
Dahinter sieht er eine „doppelte Operation". Erstens werde Antisemitismus als „importiert" ausgelagert, auf Araber, Muslime, Menschen mit Migrationshintergrund, in einer Gesellschaft, die den Holocaust zu verantworten hat und in der, so seine Behauptung, der Großteil antisemitischer Gewalttaten noch immer von rechts komme 59:33 (Faktencheck: falsch). Zweitens werde der Begriff inhaltlich so ausgedehnt, dass Slogans wie „From the river to the sea" oder der Genozid-Vorwurf als antisemitische Fälle zählen 1:00:20. Das Ergebnis sei eine Entleerung der Kategorie:
„Der eigentliche Zweck und der eigentliche Antrieb dieses Diskurses ist eben nicht eine genuine Sorge um Antisemitismus, sondern die Instrumentalisierung dieses Vorwurfs zum Erreichen anderer Ziele." 1:03:24
Hören — 63:24
Für die Folgen greift er zu Ernst Fraenkels Begriff des Doppelstaats, den Fraenkel für das frühe NS-Regime prägte. Ohne Gleichsetzung, betont er, aber mit einer Lehre: Der Rechtsstaat kann für einige eingeschränkt werden, während er für andere weiter funktioniert, und wer noch geschützt ist, merkt nicht, dass für andere schon der Ausnahmezustand gilt 1:08:46. Was an einer Minderheit erprobt wird, öffnet eine Tür, durch die autoritäre Maßnahmen „auf scheinbar akzeptable Weise" eingeführt und dann ausgeweitet werden 1:06:26.
Auf Tilos Frage nach linken und antizionistischen Juden in Deutschland weicht er zuerst aus, das solle besser jemand beantworten, der die Pluralität der jüdischen Community kennt 1:11:49. Dann nennt er doch einen Befund: Unter den bekannten Fällen abgesagter Ehrungen und Auftritte seien jüdische Intellektuelle auffällig häufig, Masha Gessen, Nancy Fraser, Judith Butler. Nichtjüdische Deutsche, sagt er, fühlten sich ermächtigt, Juden vorzuschreiben, welche Positionen zu Israel sie vertreten dürfen 1:12:34, und fragt, ob man es „den Tätern überlassen" sollte, welche Lehren sie aus ihren Verbrechen ziehen.
Dieses Gespräch lief am 6. Oktober 2026, am Vorabend des dritten Jahrestags des Massakers der Hamas, bei dem rund 1.200 Menschen ermordet und etwa 250 verschleppt wurden. In dreieinhalb Stunden über Antisemitismus, Palästina und Repression fällt dieses Datum kein einziges Mal, weder bei Celikates noch bei Tilo Jung. Das macht seine Beobachtungen zur Berliner Praxis nicht falsch. Grundrechtseinschränkungen bei Demonstrationen und abgesagte Veranstaltungen sind dokumentiert und verdienen Kritik, gerade wenn sie jüdische Dissidenten treffen. Aber eine Analyse, die nur die Instrumentalisierung des Antisemitismus-Vorwurfs sieht, behandelt die Angst jüdischer Menschen seit jenem Tag wie eine Randerscheinung, und genau diese Angst ist kein Diskursprodukt. Der 7. Oktober war ein Terrorakt, für den es nichts zu entschuldigen gibt. Die Hamas hat ihr eigenes Volk in diesen Krieg gezogen, und die Menschen in Gaza leiden doppelt, unter ihr und unter der Zerstörung durch die israelische Armee. Beides auszusprechen schwächt die Kritik an deutschen Behörden nicht. Es macht sie glaubwürdiger.
Die Brandmauer, die es nie gab
1:19:21 — Am selben Tag hat der Landtag von Sachsen-Anhalt Tobias Rausch (AfD) zum Präsidenten gewählt, mit mehr Stimmen, als AfD und BSW zusammen haben. Tilo fragt, was das mit ihm macht. Celikates antwortet zuerst persönlich: Alle, die er mit migrantischem Hintergrund kenne, fragten sich jetzt, „ob man in diesem Land überhaupt dauerhaft leben kann", was es für ihre Kinder bedeute, wie man es ihnen erklärt 1:20:06.
Dann analytisch: Schon das Wort „Rechtsextremismus" verlege das Problem an den Rand. Er verweist auf bürgerliche Medien, die Ideen vom „großen Austausch" verbreiten, auf Friedrich Merz' „Stadtbild" und die „kleinen Paschas", auf Olaf Scholz' Abschiebeoffensive. Das alles zahle auf dieselbe Rechnung ein, und am Ende frage sich der Wähler, warum er nicht gleich das Original wählen soll 1:22:22. Für die Politikwissenschaft sei das „keine Erkenntnisfrage mehr" 1:24:44 (Faktencheck: vereinfacht).
„Eine Brandmauer wäre eine ganz gute Idee gewesen, aber es gab sie, glaube ich, faktisch einfach nicht." 1:29:19
Im Gespräch — 89:19
Wer auf beiden Seiten mit demselben Feuer spiele, habe keine Mauer gebaut, nur ein „Mäuerchen". Tilos historische Parallele, Papen, der Hitler einhegen wollte, und die konservativen Parteien Europas, die an ihrer Anpassung zugrunde gingen, nimmt er auf, bleibt aber auffallend zurückhaltend, wo Tilo zuspitzt. Ob CDU-Leute „lieber mit der AfD als mit den Linken" regieren würden, wisse er nicht, dafür müsse man Leute aus der CDU fragen 1:27:01. Er sei kein Freund der Konservativen, aber ein Verschwinden der CDU wäre für das Parteiensystem „eher keine so gute Nachricht".
Celikates verlangt von den Parteien der Mitte eine Politik „aus Prinzipien" und nennt als einzige Partei, die das in Ansätzen versucht habe, die Linke. Ist eine Diagnose, die am Ende genau eine Partei übrig lässt, noch Gesellschaftskritik, oder schon Wahlempfehlung? Und was müsste die Mitte tun, damit er ihr die Brandmauer wieder glaubt?
Wem die Öffentlichkeit gehört
1:35:29 — Tilo zählt auf, welche großen Medien in Milliardärshand sind, Bertelsmann, Springer, Holtzbrinck, Funke, X bei Musk, Instagram bei Zuckerberg. Celikates hebt die Sache auf die Ebene, auf der er sich zu Hause fühlt: Es gebe einen „Grundwiderspruch" der bürgerlichen Öffentlichkeit. Sie soll Meinungen zu öffentlicher Meinung filtern, als Scharnier zwischen Gesellschaft und Politik. In einer kapitalistischen Gesellschaft gehören die meisten Medien aber Privatleuten, ihr Zweck ist der Profit 1:37:46. Habermas habe das schon 1962 im Strukturwandel der Öffentlichkeit beschrieben.
Er vermeidet die Vulgärfassung. Redaktionen hätten eine „relative Autonomie", Medien übersetzten Eigentümerinteressen nicht eins zu eins in Meinungen; nur in bestimmten Momenten, wie bei Bezos und der Washington Post, werde der Korridor sichtbar enger gezogen 1:39:17. Daneben sieht er einen ideologischen Faktor: Redaktionen seien sozial so homogen wie die Professorenschaft. Die Rede von einer „linken" oder „multikulturellen Hegemonie" im öffentlich-rechtlichen Rundfunk nennt er ein Märchen 1:40:02.
Bei den Plattformen unterscheidet er genauer als Tilo, der Zuckerberg zur „faschistischen Elite Trumps" zählt. Musk sei ideologisch gefestigt und greife direkt in Wahlkämpfe ein; bei Zuckerberg sehe er eher Opportunismus und Gewinnstreben 1:43:50, „da könnte sich die Fahne auch wieder wenden". Er wundert sich, dass deutsche Ministerien X immer noch wie eine neutrale Infrastruktur behandeln.
Kulturkampf als Umweg
1:52:13 — Gesellschafts- und Politikverständnis der faschisierenden Rechten passen für Celikates zusammen, beide sind antipluralistisch. Die Gesellschaft soll eine Einheit sein, durch Kultur, Herkunft oder Sprache gesichert, und Migration erscheint als Störung von außen. Politik heißt dann Durchregieren, die Umsetzung einer schon erkannten Wahrheit über das Deutschsein, und Parteien, Proteste, Universitäten stören nur 1:53:44.
Tilo bringt Eva von Redeckers Begriff des „Phantombesitzes" ins Spiel, die verteidigte Sprache, die einem nie gehört hat. Celikates zerlegt den Kulturkampf in zwei Schritte 1:56:01. Erst werden soziale und ökonomische Konflikte kulturell umcodiert, plötzlich geht es um Toiletten und Gendersternchen statt um Abstiegsangst, und eine Partei ohne wirtschaftliches Angebot für ihre Wähler kann dort punkten. Dann wird auf diesem Feld eine Nullsummenlogik eingerichtet:
„Diese Forderung nach Gleichheit wird dann erfahren oder umcodiert als ein Angriff auf meine Rechte." 1:57:34
Im Gespräch — 117:34
Gegen das Bild des einst reinen Volkes setzt er eine historische Erinnerung: Wenn die deutsche Gesellschaft je homogen war, dann als Ergebnis der Gewaltherrschaft, die sie homogenisiert hat 1:59:51. Und selbst die Nachkriegsgesellschaft sei pluraler gewesen, als die Erinnerung es will.
Beim Unterschied zwischen völkischem und kulturellem Rassismus folgt er Tilo nur halb. Ja, Höcke und Kubitschek sprächen von Abstammung, Le Pen und Meloni eher von Kultur 1:47:39. Aber für die Ausgeschlossenen sei es „relativ egal", auf welcher Grundlage man sie ausschließt, und beide Formen verstärkten einander 1:49:10.
Was King damals war
2:11:18 — Tilo beobachtet, dass Protest gelobt wird, solange er höflich bleibt: Fridays for Future gut, Klimakleber schlecht. Celikates korrigiert die Erinnerung. Auch Fridays for Future bekam anfangs Gegenwind von Kultusministern, die das Schulschwänzen verboten sehen wollten; das Lob kam erst im Nachhinein, als „moralische Selbstfreisprechung" 2:12:04. Und Martin Luther King, heute das Vorbild des vernünftigen Protests, war radikaler als sein Denkmal und galt zu Lebzeiten als Unruhestifter, ja als Terrorist 2:13:37.
„Wie arrogant und auch verlogen es ist zu denken, dass unsere Gesellschaft alle Probleme gewissermaßen entweder schon gelöst hat oder sie auch eben ohne Protest lösen kann." 2:14:22
Im Gespräch — 134:22
Historisch, sagt er, haben disruptive, konfrontative, manchmal auch gewaltsame Proteste gesellschaftliche Lernprozesse ermöglicht und erzwungen. Ein „großes Zelt" aller Bewegungen gegen den Faschismus hält er für richtig, solange niemand seine eigenen Anliegen dafür einklammern muss: Klima, Rassismus und Kapitalismuskritik hätten jeweils eine Eigenlogik, und eine „diversity of tactics" sei eher eine Stärke 2:21:20. Was er unter zivilem Ungehorsam genau versteht und wo er ihn begrenzt, entfaltet er erst in den Publikumsfragen (→ Publikumsfragen).
Demokratie und Kapitalismus
2:22:07 — Tilo zielt aufs Ganze: Wenn das liberale Herrschaftssystem den Faschismus immer wieder ermöglicht, müsse man es dann nicht selbst in Frage stellen? Celikates bejaht das für die Wirtschaftsordnung. Die lange für selbstverständlich gehaltene Vereinbarkeit von Demokratie und Kapitalismus stehe zunehmend in Zweifel, und die Apologeten des Kapitalismus zögen daraus offen die Konsequenz. Er nennt Peter Thiel, der Freiheit und Demokratie schon 2009 für unvereinbar erklärte 2:23:37. Auf der Linken reiche die sozialdemokratische Antwort, den Kapitalismus hinzunehmen und seine Folgen umzuverteilen, nicht mehr. Statt abstrakt über Sozialismus zu reden, schlägt er vor, konkret anzufangen, bei Wohnen, Gesundheit, Bildung, beim schönen deutschen Wort „Daseinsvorsorge" 2:25:54.
Als Tilo dann mit Lenin nachlegt, Faschismus sei nur der „nackte Wille" zu herrschen und Wahlen bestimmten bloß alle vier Jahre, wer herrscht, widerspricht er:
„Es gibt bestimmte rechtliche und politische Grenzen eben auch der Herrschaft, auf die wir uns ja durchaus berufen können und die wir auch verteidigen müssen." 2:26:40
Im Gespräch — 146:40
An dieser Stelle zeigt sich, dass Celikates mehr verteidigt, als seine Systemkritik vermuten lässt. Er hält an Rechtsstaat, Grundrechten und dem Unterschied zwischen liberaler Ordnung und nackter Herrschaft fest, und er glaubt, dass eine Politik gegen die große Mehrheit „auf Dauer" nicht durchzuhalten ist 2:32:04. Er nennt das selbst „vielleicht naiv". Die Spannung bleibt ungelöst: Dieselbe Ordnung, deren Kapitalismus er für die Quelle der Krisen hält, liefert die Grenzen, mit denen er die Krisen bekämpfen will. Wer das System überwinden und zugleich seine Schutzrechte verteidigen will, muss sagen können, welche Teile er behalten will. Daseinsvorsorge ist ein guter Anfang für eine solche Liste, aber noch keine.
Gewalt an der Grenze kehrt nach innen
2:34:20 — Tilo wundert sich, dass in Europa die Bilder der ICE-Einsätze in den USA Entsetzen auslösen, ohne dass jemand an Frontex denkt. Celikates stimmt zu und macht daraus eine These über Gewalt, die man an den Rand verlagert: Die Mehrheit akzeptiert sie, solange sie unsichtbar bleibt, auf dem Mittelmeer, an den Grenzflüssen. Er fügt hinzu, dass liberale Parteien die Seenotrettung bekämpfen, die diese Gewalt sichtbar macht.
„Du kannst nicht diese Art von Gewaltapparat aufbauen und diese Art von Gewalt normalisieren, dass es da jedes Jahr hunderte, tausende von Toten von Verschwundenen gibt, und dann glauben, dass das nicht irgendwie auf die Gesellschaften zurückschlägt." 2:35:07
Hören — 155:07
Tilo zählt auf, was die Parteien der Mitte gerade beschließen: Aufrüstung zur stärksten Armee Europas, mehr Befugnisse für Geheimdienste, eine aufgeweichte Trennung von Polizei und Nachrichtendiensten. Die AfD, sagt er, müsste diesen Apparat bei einer Machtübernahme nur noch übernehmen 2:36:39. Celikates fasst damit den Faden zusammen, der durch das ganze Gespräch läuft: Faschisierung lässt sich nicht auf die AfD begrenzen, weil die Dynamik auch dort arbeitet, wo man sie bekämpfen will.
Für die USA ist er übrigens „vorsichtig optimistisch", die Zustimmung zu Trump sei eingebrochen, die zivilgesellschaftliche Gegenwehr in Los Angeles und Minneapolis habe gezeigt, was „Selbstverteidigung der Gesellschaft" heißen kann 2:33:35.
Konstanz, Columbia, der 11. September
2:37:26 — Ganz am Ende fragt Tilo nach dem Menschen. Celikates' Vater kam Anfang der Sechziger als einer der ersten Gastarbeiter aus der Türkei, erst in ein österreichisches Bergwerk, dann zu Mercedes nach Stuttgart; tagsüber Band, nachts Taxi, bis das Geld für eine Kneipe reichte. Dort lernte er Celikates' Mutter kennen, eine Buchhalterin. In Konstanz eröffneten sie in den Siebzigern das erste türkische Restaurant der Stadt 2:38:12. Ob die Eltern Philosophen waren? „Ich denke, dass alle Menschen Philosophen sind", sagt der Sohn, das ist Gramsci, und es ist der Satz, mit dem auch dieses Gespräch begonnen hatte: Kritik gehört nicht den Theoretikern.
Den 11. September 2001 erlebte er als Student in New York 2:40:27. Ein Professor an der Columbia hielt sein Seminar trotz pausenloser Sirenen durch, im Fahrstuhl hingen danach Aufrufe zum Blutspenden, Handys und U-Bahn fielen aus, und er lief durch eine abgeriegelte Stadt nach Süden, um seinen Eltern eine Mail zu schicken. Was ihn am meisten beeindruckte: wie schnell sich New York fing und anders als die Regierung nicht in die Logik von Krieg und Rache fiel 2:42:43. Die Hoffnung, die er am Anfang des Abends verlangt hatte, hat hier ihren biografischen Grund, in einer Stadt, die nach dem Schlag zusammenrückte.
Publikumsfragen
Hans Jessen übernimmt nach 2:45 Stunden. Der Chat sei gespalten gewesen, berichtet er: viel Bestürzung über die Wahl in Sachsen-Anhalt, aber auch Triumph und Häme („Wohin wollt ihr denn noch auswandern?"), und dazwischen eine Menge Ratlosigkeit. Jessen stellt vierzehn Fragen und mischt sich mehrfach mit eigenen Einwänden ein.
Der Chat am Abend der Wahl 2:46:29 — Jessen beschreibt die Stimmung: Der neue Landtagspräsident bekam mutmaßlich vier Stimmen mehr, als AfD und BSW zusammen haben, und die meisten im Chat vermuteten sie bei der CDU. „Nicht unplausibel, aber man weiß es nicht", sagt er.
„In Deutschland heißt es seit jeher, der Reichtum der Reichsten sei ihr eigener Verdienst und Arbeitslose seien Menschen zweiter Klasse. Wie bringt man die Menschen zum Umdenken?" 2:47:59 — Zuerst durch soziologische Tatsachen, antwortet Celikates: Der meiste Reichtum in Deutschland sei geerbt und durch Investitionen vermehrt, nicht erarbeitet (Faktencheck: vereinfacht). Arbeitslosigkeit und Armut seien kein individuelles Verschulden, Menschen machten Fehler, aber die Ursachen seien strukturell. Wichtig ist ihm die Kehrseite: Wer nicht an seinem Abstieg schuld ist, darf die Schuld auch nicht anderen „in die Schuhe schieben". Jessen hakt nach 2:50:18: Gerade das Schuldzuweisen sei ja das Erleichternde, und alle etablierten Parteien gerieten ins Feuer, weil das Aufstiegsversprechen der Bundesrepublik nicht mehr gilt. Celikates nennt die einfachen Antworten eine „Pseudoorientierung" und verweist darauf, dass oft nicht die Schlechtestgestellten rechts wählen, sondern Menschen mit Abstiegsangst 2:51:54. Seine drei Aufgaben: die Scheinlösung entlarven, zeigen, dass sie die Lage nicht verbessert, und, „woran es heute vielleicht noch am meisten mangelt", ein überzeugendes Gegenmodell vorlegen 2:53:26.
Steckt hinter der Anziehung autoritärer Kräfte ein Unsicherheitsgefühl? 2:54:13 (Jessens eigene Frage) — Gemeint ist das Gefühl, die Schwierigkeiten bewältigen zu können, militärische Sicherheit oder Türschlösser meint Jessen ausdrücklich nicht. Celikates stimmt zu, die Krisen seien real, von der Ungleichheit bis zur Klimakrise. Aber das Unsicherheitsgefühl werde mitproduziert, durch Medien und politische Rhetorik, und von der ökonomischen Unsicherheit auf die Migration verschoben. Daraus folge eine sich selbst verschärfende Dynamik mit „erheblichem Gewaltpotenzial", weil die Menschen ahnten, dass die Antwort keine ist. Dann unterscheidet er zwei Seiten des Faschismus 2:57:17. Die eine hat einen fast rationalen Kern: Wir sind in der Krise, also müssen wir uns von Gleichheit und Rechten verabschieden und unsere Zukunft ohne die anderen sichern. Seine Behauptung, Trump leugne die Klimakrise „gar nicht so unbedingt", passt schlecht zu einem Präsidenten, der den Klimawandel 2025 vor den Vereinten Nationen den größten Betrug aller Zeiten nannte. Die zweite Seite ist nihilistisch, „wir müssen es alles niederbrennen" 2:59:35, und gefährlicher, weil man ihr nicht mehr mit dem Hinweis auf eigene Interessen beikommt. Jessen ergänzt die historische Parallele: „Sieg oder Untergang", und Hitlers und Goebbels' Zynismus, das deutsche Volk habe den Untergang verdient 3:01:06.
Würde es helfen, wenn der Staat sichtbar baut, etwa Wohnungen, auch mit Schulden und niedrigeren Standards? 3:01:52 (Jessens eigene Frage) — Für Celikates eine der wenigen vielversprechenden Antworten, ob bei Mamdani in New York oder der Linken in Berlin: Grundlegende Alternativen müssten sich konkret in der Infrastruktur niederschlagen, sonst verliere man immer weitere Teile der Gesellschaft. Er erinnert an den amerikanischen Sewer Socialism, den Sozialismus, der bei der Kanalisation anfing 3:02:39. Jessen fügt hinzu, dass auch die Plattenbauten der DDR anfangs stabilisierend wirkten, für Menschen aus verfallenen Altbauwohnungen. Celikates' Kurzformel: „Die Konkretion".
Was ist vom Konzept „Extremismus der Mitte" zu halten? 3:04:12 — Den Begriff findet er richtiger als die Gegenüberstellung von guter Mitte und extremen Rändern, und die Hufeisentheorie nennt er „theoretisch unbefriedigend, sozialdiagnostisch nicht wirklich hilfreich und auch politisch wirklich fatal" 3:05:45. Aber auch „Extremismus der Mitte" bleibe ihm zu sehr bei Einstellungen. Jessen wendet ein, die „Mitte" sei selbst ein Sicherheitsgefühl, eine Selbstvergewisserung, die eigene Radikalität verdecken kann. Celikates stimmt zu und fragt, wer diese Mitte eigentlich ist: In einer Stadt wie Berlin, die durch Migration geprägt sei, erscheine die Mitte, die in Medien und Politik spricht, als nichtmigrantische Position 3:09:31. Er rät, diese Selbstbeschreibung in der eigenen Analyse gar nicht erst zu übernehmen.
Was hält er von Danger Dans „Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt" als zivilem Ungehorsam? 3:10:17 — Er versteht zivilen Ungehorsam als kollektive politische Praxis in Bewegungen, nicht als symbolische Tat eines einzelnen Künstlers; der Song falle für ihn nicht darunter. Jessen fragt nach 3:11:48, ob ziviler Ungehorsam zwangsläufig illegal sei. Die Antwort ist präzise: Ziviler Ungehorsam ist keine Rechtskategorie und als solcher nicht illegal, aber der Gesetzesverstoß gehört definitorisch dazu, sonst wäre es legaler Protest. Wer eine Straße blockiert, verstößt gegen die Straßenverkehrsordnung, wer ein Gebäude besetzt, begeht Hausfriedensbruch.
Wer entscheidet, ob etwas „zivil" ist? 3:12:35 — Das sei umstritten, und gerade deshalb müsse man zuerst die pauschale Einordnung als organisierte Kriminalität (Klimaproteste) oder Terrorismus (palästinasolidarische Proteste) zurückweisen. Danach räumt er ein, dass die Grenze offen ist, auch die Frage, ob bestimmte Formen der Gewalt mit Zivilität vereinbar sind. Die öffentliche Gleichung „zivil = strikt gewaltfrei" schneide die Debatte darüber ab, was Gewalt ist; im deutschen Strafrecht könne schon eine friedliche Sitzblockade als gewaltsame Nötigung gelten 3:14:55. Jessen bringt es auf die Formel „illegal, aber legitim", und Celikates bestätigt: Ziviler Ungehorsam bricht im Namen von Verfassungsprinzipien einfaches Recht, so hätten die Klimakleber argumentiert und so habe King argumentiert 3:15:42. Der demokratische Rechtsstaat lebe von der Spannung zwischen Legalität und Legitimität.
Wie kann ziviler Ungehorsam so gestaltet werden, dass Menschen spüren, er setzt sich für die Gesellschaft ein und nicht gegen sie? 3:17:13 — In einer „einigermaßen funktionierenden Demokratie wie unserer" stehe man unter Rechtfertigungsdruck. Er kündigt drei Kriterien an und nennt zwei. Erstens die Diagnose: Das Unrecht muss belegt sein. Hier zieht er die Grenze zum Sturm aufs Kapitol, dessen Teilnehmer einer Wahlfälschung folgten, für die es keine Evidenz gab, während Klimaproteste auf Tatsachen und Expertenwissen verweisen könnten 3:17:58. Zweitens das Ziel: Dient der Ungehorsam der Einbeziehung aller oder sichert er Privilegien und schließt andere aus? Im zweiten Fall sei es gar kein ziviler Ungehorsam mehr, nur ein Druckmittel.
Seine Kriterien sind klug, aber sie verlangen ein Urteil, das die Gegenseite genauso für sich beansprucht. Auch die Blockierer einer Flüchtlingsunterkunft berufen sich auf „Tatsachen" und auf das Gemeinwohl. Wer prüft die Diagnose, bevor die Straße blockiert ist, und was bleibt vom Kriterium, wenn beide Seiten ihre Experten mitbringen?
Hat er selbst zivilen Ungehorsam geleistet? 3:19:29 — Heute sei er Beamter, aber er habe ein Leben davor gehabt. In Konstanz versuchte er Anfang der Neunziger einen Parteitag der Republikaner zu blockieren, in den Jahren von Mölln und Solingen, als die Partei schon um zehn Prozent hatte; in Berlin blockierte er Naziaufmärsche, „gegen die Versuche der Polizei, die Route freizuknüppeln" 3:20:16. Als Lehrender begleitete er Uni-Besetzungen in Frankfurt und 2015/16 in Amsterdam, die größte Studierendenbewegung der Niederlande seit 1968, die tatsächlich Veränderungen anstieß.
Was hält er von Losdemokratie, von ausgelosten Räten statt Parlamenten? 3:21:47 — Er ist skeptisch, aus zwei Gründen. Es gebe keinen „Königsweg" zur Rettung der Demokratie; das Los könne Teil eines komplexeren Systems sein, eine Auflockerung, aber nicht der einzige Mechanismus. Und Parteien erfüllten zumindest der Idee nach eine Funktion, die ein ausgeloster Rat schwer ersetzt: verschiedene Interessen zu einer politischen Option bündeln und Programme im Wettbewerb entwickeln 3:22:32. Interessanter findet er Ideen der Rätedemokratie, mit Delegation, unterschiedlichen Formen des Mandats und einem streng föderativen Aufbau.
Wie gewichtet er theoretische Bildung und politische Praxis? 3:24:04 — Beides gehöre zusammen. Praxis brauche Theorie, um zu prüfen, ob sie das Problem verstanden hat; Theorie bleibe nur lebendig, wenn sie von der Praxis lernt. Sein Beispiel: Was es heißt, Bürger zu sein, wisse man erst, wenn man sieht, wie gerade die Ausgeschlossenen Bürgerschaft praktizieren und sich aneignen 3:25:35. Er selbst gehe lieber zu den Anfängen der Kritischen Theorie zurück als zu ihrer späteren Abwendung von der Praxis.
Wie schätzt er die Möglichkeiten von Schülern und Studierenden ein, das Bildungssystem zu verbessern, Stichwort PISA und Frankreich? 3:26:22 — „Eine sehr gute und sehr schwierige Frage", die ihn umtreibe. Es brauche wieder eine starke Schüler- und Studierendenbewegung; dass es sie nicht gibt, erklärt er mit der Entfremdung vieler Studierender von ihrer Universität, mit dem Umgang der Hochschulen mit Protest und mit dem Druck, nebenher zu arbeiten und Punkte zu sammeln. Mehr weiß er nicht: „Ich weiß es nicht." Jessen zitiert einen Chat-Polemiker, ob man nun wie in Frankreich Schulen anzünden solle. Celikates: Ihn würden eher die Polizisten aufregen, die ohne echten Anlass auf Kinder einprügeln 3:27:54.
„Im Januar 2021 waren Sie Erstunterzeichner von #ZeroCovid. Wie kam es dazu, diese im Kern autoritäre Forderung mitzutragen, und wäre ihre Umsetzung nicht ein Anlass für zivilen Ungehorsam gewesen?" 3:28:40 — Er habe unterschrieben, nicht mitformuliert, als Signal, dass man die Toten nicht einfach hinnehmen dürfe. Vieles habe sich im Nachhinein als wenig wirksam erwiesen, manches hätten Gerichte für unzulässig erklärt, und Schulen und Kitas hätten anders organisiert werden müssen. Die Freiheitseinschränkungen selbst findet er „ziemlich moderat", das eigentliche Trauma sei, dass die Gesellschaft die Toten und die Langzeitfolgen nie aufgearbeitet habe; er erinnert an die Gedenkmauer gegenüber von Westminster 3:30:10. Jessen widerspricht offen (Jessens eigener Einwand): Es habe massive Einschränkungen der Versammlungs- und teilweise der Meinungsfreiheit gegeben, und es sei mit Angst operiert worden 3:31:42. Celikates bleibt skeptisch, in Berlin habe er Demos von Corona-Leugnern mit sehr wenig Polizei gesehen. War die Unterschrift ein Fehler? „Würde ich nicht so sagen."
Die letzte Frage ist die unbequemste, und sie trifft einen wunden Punkt des ganzen Abends. Drei Stunden lang hat Celikates eingeschränkte Versammlungsfreiheit als Zeichen autoritärer Wende beschrieben. Bei Corona nennt er dieselben Eingriffe „ziemlich moderat" und begegnet Jessens Einwand mit einer Gegenbeobachtung über die Polizei. Man kann beide Haltungen begründen, eine Pandemie ist eine andere Lage als ein Protest. Aber genau das ist sein eigenes Argument gegen die anderen gewesen: Wer Grundrechte nur verteidigt, wenn es politisch passt, macht sie „konditional". Hier hätte man sich von ihm den Satz gewünscht, den er bei Tilo von der Mitte verlangt.
Nachbesprechung
Drei Fragen des Abends noch einmal aufgenommen, mit dem, was man darüber hinaus weiß.
Stärkt das Kopieren das Original?
Celikates sagt, die Politikwissenschaft habe die Frage längst beantwortet: Wer die Positionen der radikalen Rechten übernimmt, stärkt sie. Der Faktencheck nennt das vereinfacht, weil es Gegenbefunde gibt. Interessanter als das Etikett ist, unter welchen Bedingungen die Gegenbefunde gelten, denn zwei davon berühren seine eigenen Thesen.
Die erste betrifft die Brandmauer, die es für ihn „nie gab“. Eine Auswertung von 296 Wahlergebnissen aus fast siebzig Jahren fand, dass das Nachsprechen rechter Positionen die radikale Rechte schwächen kann, aber nur, wenn ihre Partei zugleich geächtet bleibt (van Spanje & de Graaf 2017, doi:10.1080/01402382.2017.1332328). Kopie ohne Ächtung wirkt nicht, Kopie mit Ächtung schon eher. Wenn das stimmt, ist die formale Brandmauer mehr als ein „Mäuerchen“: Sie wäre genau der Teil, der eine sonst schädliche Strategie entschärft, und ihr Fall in Sachsen-Anhalt wöge schwerer, als er es selbst sagt. Eine neue Studie über 22 Wahlzyklen kommt sogar zu dem Ergebnis, dass Übernahme den Erfolg der radikalen Rechten bremst, sobald man herausrechnet, wie viel die Medien über Migration berichten (Thesen 2025, doi:10.1177/13540688251366835). Der Schaden käme dann weniger aus der Position als aus der Aufmerksamkeit, die das Thema am Kochen hält, was zu einem anderen Befund passt: Übernimmt die Mitte, wächst die öffentliche Sorge über Migration, die Sympathie für die Herausforderer aber nicht unbedingt (Williams & Hunger 2022, doi:10.1017/s1755773922000297).
Die zweite Bedingung stützt ihn. Dass Dänemarks Sozialdemokraten der Dansk Folkeparti nach 2015 die Wähler abnahmen, gilt als Musterfall für die Kopie. Wer 2019 von der DF zurückwechselte, tat es aber vor allem wegen der Sozialpolitik, Wohlfahrt und Umverteilung, weniger wegen des Migrationskurses (Etzerodt & Kongshøj 2022, doi:10.1111/1467-9477.12225). Verschwunden ist die radikale Rechte dabei nicht: 2022 kamen ihre drei Parteien zusammen auf rund 14 Prozent. Für Deutschland zeigt ein Experiment mit AfD-Wählern, dass viele zurückkämen, wenn die Mitte restriktiver würde, dass die Mitte dabei aber eigene Wähler verlöre (Chou et al. 2021, doi:10.1177/0010414021997166). Und wie Normalisierung funktioniert, misst ein vorregistriertes Experiment aus Deutschland und Dänemark: Vorurteilsrhetorik schwächt die Norm gegen Vorurteile nur, wenn eine Partei der Mitte sie ausspricht (Karcic 2026, doi:10.1007/s11109-026-10201-3). Genau das ist Celikates' Tür: Was von rechts kommt, bleibt markiert; was die Mitte sagt, wird sagbar.
→ Weiter im Panorama: Was holt Wähler zurück?, mit Küpper, Mau, Dittert und Thiele
Los oder Räte?
Celikates hält das Los für eine nützliche Auflockerung und für keinen Königsweg. Sein Argument sind die Parteien: Sie bündeln verschiedene Interessen zu einer politischen Option, und das kann ein ausgeloster Rat schwer. Die Forschung gibt ihm hier mehr recht, als man bei einem Radikaldemokraten erwartet. Ausgeloste Gremien gewinnen an Legitimität fast nur, wenn ihre Empfehlungen auch umgesetzt werden (Germann, Mariën & Muradova 2022, doi:10.1177/00323217221137444), und schon kleine Verzerrungen in der Zusammensetzung schmälern den Gewinn, größere löschen ihn (Germann 2025, doi:10.1017/s0007123424000322). Der deutsche Ernstfall bestätigt das Muster: Von den neun Empfehlungen des Bürgerrats Ernährung wurde keine Gesetz, die Stabsstelle für Bürgerräte im Bundestag wurde aufgelöst, und Bundestagspräsidentin Klöckner nannte das gewählte Parlament „den größten Bürgerrat in Deutschland“. Normativ steht ihm Cristina Lafont am nächsten, die im Los eine Abkürzung sieht, an der die Willensbildung aller vorbeigeht (Lafont 2019, doi:10.1111/1467-8675.12432); Rummens und Geenens halten Wahlen für überlegen, weil sie sichtbar machen, wer wofür steht, und weil Gewählte mit den Wählern im Austausch bleiben müssen (Rummens & Geenens 2023, doi:10.1007/s11158-023-09648-6).
Schwächer steht sein Gegenmodell. Die föderative Rätedemokratie mit gestuften Mandaten hat eine große Fürsprecherin in Hannah Arendt (Über die Revolution, 1963), aber kaum Empirie. Was es gibt, zeigt eher die Gefahr, die Räte vermeiden wollen. Delegationsketten neigen zur Oligarchie, wie Robert Michels 1911 behauptete; deutsche soziale Bewegungen bestätigen das überwiegend, wenn auch nicht als „ehernes Gesetz“ (Rucht 1999, doi:10.17813/maiq.4.2.l2680365q32h6616), und selbst offene Online-Gemeinschaften verengen ihre Führung, wenn sie wachsen (Shaw & Hill 2014, doi:10.1111/jcom.12082). Das bekannteste Rätesystem der Gegenwart, Nordostsyrien, schwankt in Theorie und Praxis zwischen Graswurzel-Konföderalismus und dem Zentralismus der PKK (Leezenberg 2016, doi:10.1080/14683857.2016.1246529). Celikates' Skepsis gegen das Los ist also gut gedeckt, seine Hoffnung auf Räte ist eine Theorie, die ihren Test noch vor sich hat.
→ Weiter im Panorama: Wer soll entscheiden — Gewählte, Geloste oder alle?, mit Manow, der beim Los die Abwahl vermisst, und Ardalan Ibrahim, der Geloste entscheiden lassen will
Wirkt disruptiver Protest?
Historisch, sagt Celikates, haben disruptive, konfrontative, „zum Teil auch gewaltsame“ Proteste Fortschritt erzwungen, und King galt zu Lebzeiten als Radikaler. Das Zweite ist belegt: 1966 sahen ihn 63 Prozent der Amerikaner negativ, 2011 sahen ihn 94 Prozent positiv. Das Erste muss man in zwei Hälften teilen.
Für den gewaltfreien, aber störenden Protest trägt er. Eine aktuelle Übersicht kommt zu dem Schluss, dass solcher Protest Ablehnung gegen die Gruppe und ihre Taktik erzeugt, aber besser als konventioneller Protest Aufmerksamkeit schafft, und dass er auf Einstellungen zur Sache und auf Wahlen null oder leicht positiv wirkt (Vandeweerdt 2026, doi:10.1093/pnasnexus/pgag082). Für die Letzte Generation zeigt sich dasselbe: Blockaden und Kunstattacken kosteten Sympathie, besonders bei Linken, an der Unterstützung für Klimapolitik änderten sie nichts, in keine Richtung (Saldivia Gonzatti et al. 2026, doi:10.1007/s11109-026-10136-9). Der berühmte Effekt der „radikalen Flanke“, die den Gemäßigten nützt, ist im Experiment gefunden worden (Simpson, Willer & Feinberg 2022, doi:10.1093/pnasnexus/pgac110), in Österreich nur dann, wenn die Gemäßigten sich ausdrücklich distanzieren (Köhler et al. 2026, doi:10.1038/s44271-026-00412-z); eine große französische Studie, noch nicht begutachtet, fand ihn gar nicht (Fuller et al. 2025, doi:10.31235/osf.io/n6aw2).
Bei der Gewalt wird es eng für ihn. Omar Wasow hat für die Bürgerrechtsjahre gezeigt, dass gewaltfreier Protest, der auf Repression traf, Medien, Kongress und Wähler zugunsten der Bewegung verschob, während gewaltsamer Protest 1968 genug weiße Wähler zu Nixon trieb, um die Wahl zu kippen (Wasow 2020, doi:10.1017/s000305542000009x). Erica Chenoweth fand in über fünfhundert Kampagnen, dass gewaltfreie etwa doppelt so oft Erfolg hatten wie gewaltsame (Chenoweth 2020, doi:10.1353/jod.2020.0046), allerdings für Aufstände gegen Regime, nicht für Protest in Demokratien, und eine Replikation hält die Befunde für empfindlich gegenüber der Datenauswahl (Dworschak 2023, doi:10.5129/001041523x16745900727169). Es gibt den Gegenfall: Nach dem Aufstand von Los Angeles 1992 stimmte die Stadt noch zehn Jahre später messbar liberaler ab, weil er Menschen mobilisiert hatte (Enos, Kaufman & Sands 2019, doi:10.1017/s0003055419000340). Am Ende bleibt eine Ironie: Sein bester Zeuge war King, und King war gewaltfrei. Das Beispiel belegt die Kraft der Störung, die Gewalt deckt es nicht.
→ Ein Panorama zu dieser Frage gibt es noch nicht. Stimmen im Bestand: Philipp Blom (die Suffragetten legten die Argumente bereit, die in der Krise gebraucht wurden), der Dalai Lama (gegen Unrecht kämpfen, aber nach Gandhis Art) und Steffen Mau (die „Klimakleber“ als Triggerpunkt)
Faktencheck
59:33: Celikates sagt, auch heute werde „der Großteil tatsächlich antisemitischer Gewalttaten eben von rechts verübt“. Für Gewalttaten zeigt die Bundesstatistik etwas anderes. 2025 gab es 156 antisemitische Gewaltdelikte. Davon entfielen 54 (35 %) auf PMK-rechts, 73 (47 %) auf „ausländische Ideologie“, 16 auf „religiöse Ideologie“, 13 auf „sonstige“ und 0 auf links. 2024 war das Bild ähnlich: 64 von 173 rechts, 81 „ausländische Ideologie“. Stimmen würde der Satz für alle antisemitischen Straftaten. Dort liegt rechts mit 47 % (2025) bzw. 48 % (2024) vorn, allerdings als relative und nicht als absolute Mehrheit. Hinzu kommt: Bis Ende 2023 wurden unklare Fälle automatisch „rechts“ zugeordnet, das ältere Bild war also nach rechts verzerrt. Das Wort „tatsächlich“ lässt eine Rückzugslinie offen: Gemeint ist offenbar, die nicht-rechten Gewaltdelikte seien keine „echten“ (vgl. den Slowik-Punkt unten). Einen Beleg dafür legt er nicht vor. Die Verwechslung von „Straftaten“ und „Gewalttaten“ stützt genau seine These, „importierter Antisemitismus“ sei eine Auslagerung der Mehrheitsgesellschaft. Gegenprobe aus der Zivilgesellschaft: RIAS zählt 2025 bei den zuordenbaren Vorfällen „antiisraelischen Aktivismus“ als größte Kategorie (knapp 23 %), Vorfälle mit rechtsextremem Hintergrund erreichten 2025 aber einen Höchststand (807). Quelle: BMI: PMK 2025, Factsheet, Tab. 15 · Mediendienst Integration: Zahl antisemitischer Straftaten · RIAS Jahresbericht 2025
1:01:50: Antisemitische Einstellungen seien bei AfD-Wählern am größten, bei der CDU am zweitgrößten, die Linke komme „erst auf den hinteren Plätzen“. In der Leipziger Autoritarismus-Studie 2024 hält der erste Teil: Die AfD liegt in allen fünf Dimensionen vorn. Die CDU ist aber nur bei der Schuldabwehr Zweite (32,0 %); beim tradierten und beim israelbezogenen Antisemitismus liegt die SPD vor ihr (4,7 bzw. 7,2 % gegenüber 2,1 bzw. 5,5 %). Für die Linke stimmt „hinten“ beim klassischen Judenhass (keine Zustimmung) und beim israelbezogenen Antisemitismus (1,3 %). Er lässt aber genau die Dimension weg, um die es im Berliner Streit geht: Beim antisemitischen Antizionismus liegen Linke-Wähler mit 16,0 % knapp vor der AfD (15,0 %), beim postkolonialen Antisemitismus auf Platz zwei. Die Zahl beruht auf nur 75 Befragten und ist vorsichtig zu lesen. Die Auswahl der Dimensionen nützt seinem Argument. Vgl. Spur: Duldet die Linke Antisemitismus? Quelle: Decker/Kiess/Brähler (Hg.): Leipziger Autoritarismus-Studie 2024, Tab. 5, S. 146 · DeZIM Working Paper 10/25
1:01:05: Im November 2024 nannte Polizeipräsidentin Barbara Slowik über 6.000 Ermittlungsverfahren seit dem 7. Oktober 2023, darunter rund 1.300 Gewaltdelikte, „meist Angriffe oder Widerstand gegen Polizisten bei Demonstrationen und nicht Gewalt gegen Juden“. Eine taz-Anfrage ergab rund 800 Widerstands- und 300 Landfriedensbruch-Delikte. Kontext, der fehlt: Im selben Interview riet Slowik Juden und Homosexuellen, in Teilen Berlins mit arabischer Mehrheit und offenem Antisemitismus vorsichtig zu sein. Die Differenzierung kam also von ihr selbst, und Celikates spottet über sie („absurde Blüten“). Die Berliner Ermittlungsverfahren sind außerdem eine andere, breitere Zählung als die bundesweite PMK und lassen sich nicht einfach von ihr abziehen. Quelle: NZZ: Polizeipräsidentin warnt vor Risiken für Juden und Homosexuelle · taz: Palästina-Solidarität in Berlin: Gängeln, verbieten
1:00:20: Für die Parole stimmt es. Das BMI hat sie im November 2023 zum Hamas-Kennzeichen erklärt, rund 30 % der nahostbezogenen antisemitischen Straftaten seit Oktober 2023 sind Kennzeichen-Delikte nach § 86a StGB, und RIAS wertet die Parole als israelbezogenen Antisemitismus. Laut Diaspora Alliance hat RIAS auch Schilder wie „Stop Genocide“ erfasst (RIAS widerspricht). Zwei Einschränkungen: Solche Parolen erhöhen die Zahl der Äußerungs- und Propagandadelikte, nicht die der Gewalttaten. Und die Gerichte urteilen uneinheitlich, das LG Mannheim lehnte 2024 die Einstufung als Hamas-Kennzeichen ab. Ob die Parole „kein Antisemitismus“ ist, bleibt eine echte Deutungsfrage (IHRA gegen JDA) und wird hier nicht entschieden. Quelle: Mediendienst Integration · ZEIT: »From the river to the sea« (07/2026) · Diaspora Alliance: Biased (2025)
58:02 / 1:06:26: Amnesty kritisierte 2023 pauschale Demo-Verbote und 2024 in einem Europa-Bericht die Polizeigewalt bei palästinasolidarischen Protesten. Europarats-Menschenrechtskommissar Michael O'Flaherty schrieb am 6. Juni 2025 an Innenminister Dobrindt (übermäßige Gewalt, eine IHRA-Auslegung, die Israelkritik pauschal als antisemitisch einstuft), im April 2026 folgte ein Memorandum zu Deutschland. Irene Khan war im Januar/Februar 2026 als erste UN-Sonderberichterstatterin für Meinungsfreiheit auf Länderbesuch in Deutschland, Hauptsorge: Anti-Terror-Recht gegen Palästina-Advocacy. Gegenseite: Laut Amnesty fanden in Berlin zwischen Oktober 2023 und März 2024 128 Nahost-Veranstaltungen statt, 22 wurden verboten. Gerichte kippten wiederholt Auflagen und Einreiseverbote, der Rechtsstaat korrigierte also auch. O'Flaherty begrüßte zugleich den Schutz jüdischen Lebens. RIAS zählt für 2025 1.744 Versammlungen mit antisemitischen Vorkommnissen. Quelle: Europarat: Brief O'Flaherty an Dobrindt · epd: Europarat mahnt Deutschland (04/2026) · Civic Space Watch: UN Special Rapporteur concerned · Amnesty: Protect the Protest (2023) · netzpolitik: Amnesty-Report Versammlungsfreiheit (2024)
1:02:37: Beim CDU-Wahlkampfabschluss in Berlin am 17.09.2026 nannte Merz Antisemitismus „die perfideste Form der Ausländerfeindlichkeit“. Der Satz macht Juden implizit zu „Ausländern“; die Kritik daran ist dokumentiert. Quelle: Deutschlandfunk, 17.09.2026 · taz: Und er hat wieder daneben gegriffen
55:44 / 1:19:21: Tobias Rausch (AfD) wurde am 06.10.2026 im ersten Wahlgang gewählt, bundesweit der erste AfD-Landtagspräsident: 48 Ja, 29 Nein, 5 Enthaltungen, neun Stimmen mehr, als die AfD Mandate hat. Das BSW (5 Sitze) hatte angekündigt, für ihn zu stimmen; die übrigen vier Stimmen kamen laut ZEIT „womöglich aus der CDU“. Die Wahl war geheim, „Teile der CDU“ ist naheliegend, aber nicht bewiesen. Quelle: tagesschau.de · Deutschlandfunk · ZEIT: Vier Stimmen für die AfD – kamen sie aus der CDU?
1:20:52: Ulf Poschardt warnte am 05.10.2026 in der Welt („Die sehr neuen Mehrheiten für die Linken“) vor den Folgen des „großen Austausches“: Die Linke gewinne mit muslimischen Einwanderern als „Wahlvolk“, wer den „großen Austausch“ als Verschwörungstheorie abtue, sei „bis auf die Knochen blamiert“. Linke wie rechte Presse geben das Zitat übereinstimmend wieder. „Seit längerem“ wurde nicht geprüft. Quelle: junge Welt: Neue alte Drohungen · Junge Freiheit: „Austausch des Wahlvolks“?
1:04:09: Hessens CDU-geführtes Justizministerium will in § 130 StGB die Leugnung des Existenzrechts Israels unter Strafe stellen; der Entwurf ging im Juli 2026 durch den Bundesrat, am 05.10.2026 stellte Hessen ein stützendes Gutachten vor. Die Bundesregierung sieht ein „erhebliches verfassungsrechtliches Risiko“. Davon getrennt beschloss das Kabinett am 30.09.2026 Hubigs Entwurf: Wer wegen schwerer Volksverhetzung zu mindestens einem Jahr Haft verurteilt wird, kann bis zu fünf Jahre das passive Wahlrecht verlieren. Zwei getrennte Vorhaben; zusammen träfen sie Parolen-Rufer nur, wenn der hessische Entwurf Gesetz würde und eine hohe Strafe folgte. Quelle: DW: Wird die Leugnung des Existenzrechts Israels bald strafbar? · Deutschlandfunk, 30.09.2026 · taz: Hetze kann Mandat kosten
52:40: Die Linke hat mit Elif Eralp am 20.09.2026 die Abgeordnetenhauswahl gewonnen. Unmittelbar danach warnten Zentralrat und israelischer Botschafter vor einer Existenzgefahr für jüdisches Leben, 150 jüdische Berliner widersprachen in einem offenen Brief. Die schwarz-rote Bundeskoalition plant ein Bundesgesetz gegen Vergesellschaftungen nach Art. 15 GG, über dessen Bestand am Ende wohl Karlsruhe entscheidet. Quelle: ZEIT: 150 jüdische Berliner kritisieren Antisemitismus-Vorwurf · ZEIT: Zentralrat: Linke-Regierung bedroht jüdisches Leben · taz: Warten auf das Anti-Gesetz
1:24:44: Die Kernaussage trägt. Die breiteste neuere Analyse findet keinen Beleg, dass das Übernehmen rechter Kernpositionen die radikale Rechte schwächt; eher laufen mehr Wähler zu ihr über (Krause/Cohen/Abou-Chadi, PSRM). „Alle Studien“ ist aber zu viel. Meguid (2005) fand Kontexte, in denen akkommodierende Strategien Nischenparteien schwächen; Spoon & Klüver (2020) zeigen, dass Mitte-links-Parteien von einer härteren Migrationslinie profitieren können; Hjorth & Larsen (2022) finden das experimentell für die dänischen Sozialdemokraten. Diese Gegenbefunde messen allerdings den Nutzen für die Mitte-Partei, nicht die Stärke der Rechten. „Keine Erkenntnisfrage mehr“ übergeht den Dissens. Mehr dazu in der → Nachbesprechung. Quelle: doi:10.1017/psrm.2022.8 (Einzelstudie, 167 Zit.) · doi:10.1017/S0003055405051701 · doi:10.1080/13501763.2019.1701530 · doi:10.1017/s0007123420000563
2:51:54: Celikates sagt vorsichtig „oft“, und die Forschung gibt ihm recht. Gidron & Hall nennen Statusangst als nahe Ursache; Kurer zeigt, dass der wahrgenommene relative Abstieg der unteren Mittelschicht trägt, nicht die Verarmung; Engler & Weisstanner finden den Effekt am stärksten bei hohem subjektivem Status und unteren Mittelschicht-Einkommen; Lengfeld fand bei AfD-Wählern 2017 keine „Modernisierungsverlierer“. Gegenseite: In Deutschland sind auch die Schlechtgestellten nicht fern. Bei der Bundestagswahl 2025 kam die AfD unter Arbeitern auf 38 %, unter Arbeitslosen auf 34 %, und Ciccolini (2025) misst einen Effekt auch von objektivem Statusverlust. Quelle: doi:10.1111/1468-4446.12319 · doi:10.1177/0010414020912283 · doi:10.1080/13501763.2020.1733636 · doi:10.1007/s11577-017-0446-1 · doi:10.1017/s1537592724002858 · FES: Analyse der Bundestagswahl 2025
2:48:47: Umstritten, und das Ergebnis hängt an der Methode. Nach der Piketty-Schule ist der Erbanteil am privaten Gesamtvermögen in Europa seit etwa 2010 wieder auf 50–60 % gestiegen (Alvaredo/Garbinti/Piketty). Für Deutschland kommen Bönke/Corneo/Westermeier auf Basis der Bundesbank-Daten auf etwa ein Drittel, auch bei reicheren Haushalten nicht systematisch höher (die Daten bilden allerdings nur die unteren 99 % ab). Unbestritten ist die ungleiche Verteilung: Im reichsten Zehntel haben rund 65 % der Haushalte geerbt, in der unteren Hälfte unter 20 %. Er stellt die günstigere Lesart als Tatsache dar. Quelle: doi:10.1111/ecca.12233 · doi:10.1515/pwp-2016-0003 · DIW: Unverdientes Vermögen? (2015)
47:20: Seehofer sagte am 5. September 2018 vor der CSU-Landesgruppe: „Die Migrationsfrage ist die Mutter aller politischen Probleme in diesem Land“, ausdrücklich mit Bezug auf Chemnitz, und fügte hinzu, als Bürger wäre er auch auf die Straße gegangen, „natürlich nicht zusammen mit den Radikalen“. Zwischen den Ausschreitungen (26./27. August) und dem Zitat lagen etwa zehn Tage, nicht „der Tag“. Der Zusammenhang hält. Quelle: Der Standard · evangelisch.de, 06.09.2018
2:23:37: Peter Thiel erhielt den Award am 24.09.2026 als zehnter Preisträger, vor dem Verlagssitz gab es Proteste. 2009 schrieb er: „I no longer believe that freedom and democracy are compatible.“ Celikates' „Demokratie wollen wir nicht mehr“ ist zugespitzt, Thiel stellt eine Diagnose und setzt auf Auswege jenseits der Politik; im Geist des Essays liegt die Zuspitzung trotzdem, „capitalist democracy“ nennt er dort ein Oxymoron. Quelle: Cato Unbound: The Education of a Libertarian (2009) · ZEIT: Hunderte demonstrieren gegen Preisverleihung an Peter Thiel
1:12:34: Die Fälle sind belegt. Die Böll-Stiftung zog sich im Dezember 2023 von der Verleihung des Hannah-Arendt-Preises an Masha Gessen zurück, die Uni Köln sagte im April 2024 Nancy Frasers Albertus-Magnus-Professur ab, bei Judith Butler wurde 2024 ein geplantes Themenheft der Zeitschrift für Ideengeschichte gestoppt. Die „Überrepräsentation“ stützt sich vor allem auf das aktivistisch gesammelte „Archive of Silence“, in dem etwa ein Viertel der Betroffenen jüdisch ist. Was fehlt: Jeder Fall hatte einen konkreten Auslöser. Gessen verglich Gaza mit den Ghettos, Fraser unterschrieb einen Brief, der Israels Existenzrecht seit 1948 infrage stellt, Butler nannte den 7. Oktober „bewaffneten Widerstand“. Über die Verhältnismäßigkeit lässt sich streiten, grundlos waren die Absagen nicht. Quelle: Uni Köln: Withdrawal of the Albertus Magnus Professorship 2024 · Böll-Stiftung: Rückzug von der Veranstaltung · The Left Berlin: Archive of Silence
Horkheimer: „Wer aber vom Kapitalismus nicht reden will, sollte auch vom Faschismus schweigen“, Die Juden und Europa, 19392:06:00. Adorno: Die Bedingungen des Nationalsozialismus bestehen fort, Was bedeutet: Aufarbeitung der Vergangenheit, Vortrag vom 9.11.19592:01:24. Ernst Fraenkel, Der Doppelstaat, 1941, Normen- und Maßnahmenstaat; Celikates verwendet den Begriff ausdrücklich „ohne gleichzusetzen“1:08:46. Habermas, Strukturwandel der Öffentlichkeit, 19621:38:31. Zum Recht3:14:55: Eine friedliche Straßenblockade kann als gewaltsame Nötigung gelten; das BVerfG verwarf 1995 den „vergeistigten“ Gewaltbegriff, billigte 2011 aber die „Zweite-Reihe-Rechtsprechung“ des BGH. Zur Geschichte2:13:37: King war zu Lebzeiten unpopulär (Gallup, August 1966: 63 % ungünstig), das FBI nannte ihn intern „the most dangerous Negro“. Die Republikaner kamen 1992 in Baden-Württemberg auf 10,9 %3:20:16. Quelle: Spektrum Lexikon: Max Horkheimer · bpb/APuZ: Was bedeutet Aufarbeitung der Vergangenheit? · Wikipedia: Der Doppelstaat · BVerfG, 1 BvR 388/05 (2011) · Gazette: Most Americans didn't approve of MLK · Wikipedia: Landtagswahl BW 1992
1:37:00: Kalifornien stimmt im November 2026 tatsächlich über eine einmalige 5-%-Vermögensabgabe für Milliardäre zugunsten des Gesundheitssystems ab; allein Sergey Brin spendete 100 Mio. US-Dollar dagegen. Andreas Babler kündigte am 04.10.2026 seinen Rückzug als Vizekanzler und SPÖ-Chef an, die Boulevard-Kampagne gegen seine Medienförderungsreform ist dokumentiert. Dass er deswegen „aufgeben musste“, ist eine monokausale Verkürzung; berichtet wird von einer parteiinternen Krise. Quelle: The Conversation · Deutschlandfunk: Babler kündigt Rückzug an · Falter: Brutales Babler-Bashing am Boulevard
Weiterführende Quellen
Aus der Video-Beschreibung: keine Quellen genannt (nur Spendenhinweise).
Im Gespräch genannte Werke:
- Max Horkheimer: Die Juden und Europa (1939), mit dem Satz „Wer aber vom Kapitalismus nicht reden will, sollte auch vom Faschismus schweigen" — von Tilo Jung zitiert, von Celikates bestätigt
- Theodor W. Adorno: Was bedeutet: Aufarbeitung der Vergangenheit (1959) — die These vom Fortbestehen der Bedingungen — genialokal
- Ernst Fraenkel: Der Doppelstaat (1941) — genialokal
- Jürgen Habermas: Strukturwandel der Öffentlichkeit (1962) — genialokal
- Eva von Redecker: Bleibefreiheit und der Begriff des Phantombesitzes — von Tilo Jung eingebracht — genialokal
- Peter Thiel: The Education of a Libertarian (Cato Unbound, 2009)
- Robin Celikates: Kritik als soziale Praxis (2009) — genialokal
Aus dem Faktencheck (Sherlock):
- BMI: Bundesweite Fallzahlen PMK 2025, Factsheet — Tab. 15: antisemitische Straftaten und Gewalttaten nach Phänomenbereich, 2025 gegen 2024
- Mediendienst Integration: Zahl antisemitischer Straftaten — Erfassungslogik, Änderung der Zuordnung 2024, § 86a-Anteil
- RIAS: Antisemitische Vorfälle in Deutschland 2025 — zivilgesellschaftliche Gegenzählung; dazu die Methodenkritik Diaspora Alliance: Biased (2025), selbst parteiisch
- Leipziger Autoritarismus-Studie 2024 — fünf Antisemitismus-Dimensionen nach Parteipräferenz (Tab. 5)
- Europarat: Brief O'Flaherty an Dobrindt (06/2025) und Antwort des BMI — beide Seiten im Original
- Gidron & Hall (2017), doi:10.1111/1468-4446.12319 · Kurer (2020), doi:10.1177/0010414020912283 · Engler & Weisstanner (2021), doi:10.1080/13501763.2020.1733636 — Statusangst und Rechtswahl
- Alvaredo, Garbinti & Piketty (2017), doi:10.1111/ecca.12233, und Bönke, Corneo & Westermeier (2016), doi:10.1515/pwp-2016-0003 — die zwei Lesarten des Erbanteils
Verbindungen
→ Martyna Linartas — Unverdiente Ungleichheit
Woher die Zahl kommt, die Celikates hier als Tatsache nimmt: Linartas hat die Erbengesellschaft zu ihrem Thema gemacht, und an ihr hängt der Streit um „über die Hälfte“ gegen „etwa ein Drittel“. Beide Notes führen ihn jetzt mit denselben Studien.
→ Eva von Redecker — Über den neuen Faschismus
Dieselbe Bank bei Tilo Jung, ein halbes Jahr früher, und der Begriff, den Tilo hier einwirft: Phantombesitz. Redecker erklärt den neuen Faschismus aus einer entfesselten Eigentumslogik, Celikates aus einer Krise, deren Schuld nach unten verschoben wird. Beide greifen zum Doppelstaat. Am schärfsten reiben sie sich bei der Hoffnung: Redecker „kommt ganz gut aus ohne den Hoffnungsbegriff“ und setzt auf Sinn, Celikates macht Hoffnung zur Pflicht derer, die sich Verzweiflung leisten könnten.
→ Sternstunde Philosophie — Droht ein neuer Faschismus?
Hier wird der Streit ausgetragen, den Celikates für beendet erklären will. Damir Skenderovic spricht wie er von Faschisierung als Prozess und verwirft wie er die Hufeisentheorie. Redecker dagegen will den Begriff weder zum Allzweckwort verkommen lassen noch wegschließen. Neben Celikates gelesen, zeigt die Sendung, was der Prozessbegriff gewinnt und was er an Trennschärfe kostet.
→ Amlinger & Nachtwey — Zerstörungslust
Die Soziologie zu Celikates' Satz, Faschisierung beginne in der liberalen Demokratie: Ihr „demokratischer Faschismus“ beruft sich auf Demokratie und höhlt sie mit deren eigener Sprache aus. Ihr Nullsummendenken ist der Mechanismus, den Celikates im Kulturkampf beschreibt, und ihre Zerstörungslust gibt seiner zweiten, nihilistischen Seite des Faschismus („wir müssen es alles niederbrennen“) einen empirischen Grund.
→ Nicholas Potter — Die neue autoritäre Linke
Die Gegenstimme, die dieser Note am meisten fehlt. Celikates sieht in Berlin vor allem staatliche Repression gegen palästinasolidarischen Protest. Potter beschreibt, wie der 7. Oktober eine autoritäre Linke radikalisiert hat, wie Nahostdemos zu gefährlichen Orten für Journalisten wurden und wie ein jüdischer Student der FU, Celikates' eigener Universität, zusammengeschlagen wurde. Beide Befunde können zugleich wahr sein. Wer nur einen liest, sieht die halbe Stadt.
→ Ronen Steinke — Meinungsfreiheit, Völkermord und Verfassungsschutz
Ein Verbündeter in der Sache, an dem man hört, wie dieselbe Kritik ohne Auslassung klingt. Steinke verteidigt das Recht, auf der Berlinale „Genozid“ zu sagen, und nennt zugleich den 7. Oktober „genozidale Gewalt der Hamas“. Und er tut, was man bei Celikates' #ZeroCovid-Antwort vermisst: Er nimmt eine eigene frühere Haltung öffentlich zurück und hält die Meinungsfreiheit auch dort hoch, wo sie ihm nicht gefällt.
→ Christian Walburg — Migration, Flucht und Kriminalität
Die empirische Probe auf Celikates' tragfähigste und zugleich angreifbarste These. Walburg beschreibt dieselbe Verschiebung als „Ethnisierung des Sozialen“, rechnet die Migration aber nicht heraus: Er räumt den statistischen Abstand ein und erklärt ihn über Alter, Aufenthaltsstatus und Lage. Das ist das Sowohl-als-auch, das die Einschätzung unter „Wohin die Schuld wandert“ verlangt.
→ Philip Manow — Autoritäre Zeiten
Die Gegenstimme aus der Politikwissenschaft. Manow hält „autoritär“ für eine Abwertungsvokabel, die selbst polarisiert, sieht auf Einstellungsebene keine autoritäre Wende und warnt vor der „Gewinnerklasse als Deutungsklasse“, die ihre eigene Seite schont. Der Einwand trifft auch einen verbeamteten Professor, der die Mitte anklagt und am Ende eine einzige Partei gelten lässt. Einig sind sich beide ausgerechnet beim Los.
→ Warum wählen Menschen Autoritäre?
Die Forschung zu Celikates' Behauptungen: dass man am Ende gleich das Original wählt, dass Abstiegsangst mehr treibt als der Abstieg selbst, und ob seine „Konkretion“, sichtbar gebaute Daseinsvorsorge, Wähler zurückholt. Seine Stimme steht dort unter „Was holt Wähler zurück?“.
→ Mithu Sanyal und Şeyda Kurt — Entgegenkommen, wenn es feindlich wird?
Şeyda Kurts „Militarisierung nach innen“ ist seine These von der Gewalt, die nach innen zurückkehrt — verlegt nach Köln-Kalk.
→ Isabella Weber — Antifaschistische Wirtschaftspolitik
Celikates beschreibt, wie soziale Konflikte kulturell umcodiert werden; Weber erzählt den Mechanismus von innen. Wem man jahrzehntelang sagte, sein Wert bemesse sich am Markt, dem bietet die Rechte einen Wert ohne Markt: weiß und deutsch zu sein. Beide wollen dort anfangen, wo Kapitalismuskritik konkret wird, bei der Daseinsvorsorge.
→ Susan Neiman — Nennen wir es böse
Neiman teilt Celikates' Befund vom instrumentalisierten Antisemitismus-Vorwurf und begründet ihn als Jüdin und israelische Staatsbürgerin. Auch bei ihr fehlen die Hamas und der 7. Oktober; die taz-Chefredakteurin widerspricht ihr dort, wo sie die Institutionen gegen Antisemitismus für wirkungslos hält.
→ Philipp Felsch und Eva Geulen — Arendt und die Ursprünge totaler Herrschaft
Den Weg, auf dem die Gewalt gegen die Rechtlosen nach innen wandert, beschrieb Arendt an den Staatenlosen der Zwischenkriegszeit.
Weiterdenken
- Wenn Faschisierung in der Mitte beginnt, wie Celikates sagt, wer in der Mitte darf dann noch warnen, ohne selbst Verdächtiger zu sein? Und was hieße es für mich, die eigenen Gewohnheiten auf den Verschiebe-Mechanismus abzuklopfen?
- Celikates nimmt die Migration aus der Krisenrechnung fast ganz heraus, Walburg zeigt, wie fein man dort unterscheiden muss. Gewinnt man Menschen zurück, indem man ihnen sagt, ihr Problem sei ein falsch verstandenes?
- Er warnt vor „konditionalen" Grundrechten und schweigt am Vorabend des 7. Oktober über den 7. Oktober. Wie viel Auslassung verträgt eine Kritik, bevor sie selbst selektiv wird?
- Wenn eine Politik gegen die große Mehrheit „auf Dauer nicht möglich" ist: Was ist dann „auf Dauer", und wer bezahlt die Zeit bis dahin?
- Hoffnung als Pflicht der Privilegierten: Wem schulde ich meine, und woran würde ich merken, dass ich sie mir schon nicht mehr leiste?
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