Biographischer Snapshot

Wer spricht?

Stefan Schulz (1983, Jena) — Soziologe, Autor und Podcast-Host.

Geboren in der DDR, studiert Soziologie an der Universität Bielefeld — der Hochburg der Systemtheorie. Dort gründet er 2008 den Blog „Sozialtheoristen”, der Frank Schirrmacher auffällt. Schirrmacher bietet ihm ein Volontariat bei der FAZ an — ein Wendepunkt, der Schulz vom akademischen Betrieb in den Journalismus katapultiert. Nach der FAZ baut er mit Tilo Jung den Podcast „Aufwachen!” auf (462 Folgen, teils über 5 Stunden), bevor er 2020 mit Wolfgang M. Schmitt „Die Neuen Zwanziger” gründet. Sein Lebensthema: die Demografie als unterschätztes Megaproblem Deutschlands — ausgearbeitet in Die Altenrepublik (2022) und Die Kinderwüste (2025).

Wichtigste Werke: Redaktionsschluss (2016), Die Altenrepublik (2022), Die Kinderwüste (2025) Kernkonzepte: Spontanhistorisierung, Altenrepublik, demografischer Wandel, Medienwandel, kognitive vs. normative Strukturen

DenkerVita


Biografie

Stefan Schulz wird 1983 in Jena geboren — noch in der DDR, sechs Jahre vor der Wende. Diese Erfahrung eines Systems, das über Nacht verschwindet, mag sein Gespür für historische Bruchstellen geschärft haben.

Er studiert Soziologie an der Universität Bielefeld — der Heimat Niklas Luhmanns und der Systemtheorie. Der Einfluss ist spürbar: Schulz denkt in Systemen, Funktionen und Beobachtungsperspektiven, ohne sich der Theorie dogmatisch zu verschreiben. Seine Diplomarbeit liegt im Bereich historischer Soziologie. Er beginnt eine Promotion über „Bauernfamilien des 12. Jahrhunderts mit ihrem Problem der erstmaligen Kommunikation unter Unbekannten” — ein Thema, das zeigt, wie grundsätzlich er denkt. Die Promotion bleibt unabgeschlossen.

2008 gründet er mit Kommilitonen den Blog Sozialtheoristen — ein akademisches Blog, das die Aufmerksamkeit von Frank Schirrmacher erregt, dem damaligen FAZ-Herausgeber. Schirrmacher bietet ihm ein Volontariat an. Von 2011 bis 2014 arbeitet Schulz als Redakteur in der FAZ-Online-Redaktion, schreibt über Medienwandel, Internet-Ökonomie und Überwachung.

2016 erscheint sein erstes Buch: Redaktionsschluss — Die Zeit nach der Zeitung (Hanser). Keine Technologie-Klage, sondern eine strukturelle Analyse: Was passiert mit der Öffentlichkeit, wenn ihr Leitmedium stirbt? Das Buch erhält 2017 den Günter-Wallraff-Preis für Journalismuskritik.

2015 startet er mit Tilo Jung den Podcast Aufwachen! — eine kritische Analyse der öffentlich-rechtlichen Nachrichtenberichterstattung. 462 Folgen, spendenfinanziert, teils über fünf Stunden lang. Prominente Gäste: Glenn Greenwald, Claus Kleber, Robert Habeck, Georg Restle. Das Format wird von Wired und Deutschlandfunk hervorgehoben — besonders die US-Wahlkampf-Analyse 2016.

2020 gründet er mit Wolfgang M. Schmitt den Podcast Die Neuen Zwanziger — das Konzept der Spontanhistorisierung: die Gegenwart bewusst als Geschichte des gerade Passierenden behandeln. Dazu ein „Salon”-Format für zahlende Mitglieder, in dem Bücher und Essays diskutiert werden. 2022 erscheint Die Altenrepublik (Hoffmann und Campe) — sein Hauptwerk zur Demografie: Deutschland wird strukturell von den Interessen der Älteren dominiert. 2025 folgt Die Kinderwüste — warum Deutschland zu wenige Kinder bekommt und die Politik das Problem ignoriert.

Schulz lebt in Frankfurt am Main und hat drei Kinder.


Bücher & Publikationen

Journalismus: FAZ (2011–2014), c’t (2019: „Das nahe Medium” über Podcasts)


Empfehlenswerte Videos & Vorträge

  • Die Neuen Zwanziger — mit Wolfgang M. Schmitt. Spontanhistorisierung der 2020er + Salon-Buchbesprechungen
  • Aufwachen! Podcast — mit Tilo Jung (2015–2024, 462 Folgen). Highlights: US-Wahlkampf 2016, ÖR-Analysen
  • Alias Podcast — Fernsehpodcast (Nachfolger von Aufwachen!), mit Jenny Günther
  • Live-Shows Die Neuen Zwanziger — Frankfurt, Berlin u.a.

Kernthesen

  1. Demografie als Megathema: Der demografische Wandel bestimmt alles — Rente, Arbeitsmarkt, Infrastruktur, Wahlverhalten. Deutschland ist eine Altenrepublik, in der politische Entscheidungen strukturell die Interessen der Älteren privilegieren.
  2. Familienpolitisches Versagen: Die Kinderwüste zeigt: Deutschland bekommt zu wenige Kinder, weil der Staat Familien im Stich lässt — nicht aus Unfähigkeit, sondern aus strukturellem Desinteresse.
  3. Spontanhistorisierung: Die Gegenwart ist bereits Geschichte. Wer sie nicht in Echtzeit einordnet, überlässt die Deutung anderen. Die Neuen Zwanziger praktiziert das als Methode.
  4. Medienwandel als Strukturwandel der Öffentlichkeit: Das Ende der Zeitung ist kein Technologieproblem, sondern ein Demokratieproblem. Wenn ich nicht mehr erfahre, in welcher Welt mein Nachbar lebt, zerfällt die gemeinsame Debattengrundlage.
  5. Kognitive vs. normative Strukturen: Eine soziologische Leitunterscheidung in seinem Denken — Politik setzt normative Rahmen (Gesetze, Regeln), aber das eigentliche Geschehen folgt kognitiven Lernprozessen (was ist profitabel, was ist möglich). Geld operiert im Kognitiven.

Politische Einordnung

Schulz ist links-liberal und sozialkritisch, aber nicht parteigebunden. Soziologisch geschult in der Bielefelder Schule (Luhmann-Nähe im Methodischen), inhaltlich gesellschaftskritisch. Seine Journalismuskritik richtet sich gegen öffentlich-rechtliche Medien — aus progressiver Perspektive, nicht aus rechter Medienverdrossenheit.

Partner Wolfgang M. Schmitt positioniert sich explizit als Marxist; Schulz teilt viele Analysen, ist aber weniger ideologisch festgelegt. Sein Schwerpunkt Generationengerechtigkeit liegt quer zu klassischen Links/Rechts-Achsen. Keine erkennbare Parteinähe, aber klar SPD/Grünen-kritisch (zu wenig ambitioniert bei Demografie und Familienpolitik).


Verbindungen zu anderen Denkern

  • Wolfgang M. Schmitt — Partner bei Die Neuen Zwanziger; Schmitts marxistische Kulturkritik und Schulz’ systemtheoretischer Blick ergänzen sich produktiv
  • Niklas Luhmann — Bielefelder Prägung; Schulz’ Unterscheidung kognitiv/normativ und sein Beobachtungsbegriff sind Luhmann-geschult
  • Teresa Bücker — Thematische Überschneidung: Bücker denkt Zeitgerechtigkeit, Schulz Generationengerechtigkeit. Beide diagnostizieren eine strukturelle Vernachlässigung von Sorgearbeit und Familien.
  • Erich Fromm — Fromms Analyse der „Flucht vor der Freiheit” resoniert mit Schulz’ Beobachtung, dass Demokratie strukturell an Überalterung scheitern kann

Gedankenwelten-Notes