Quelle: Die Neuen Zwanziger — Salon Lektüren März 2026

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Diese Zusammenfassung ersetzt nicht das Original — sie macht Lust drauf. Der Lektüre-Salon der Neuen Zwanziger ist einer der besten deutschsprachigen Podcasts. Unterstützenswert: steady.page/de/neuezwanziger

Wer spricht?

Wolfgang M. Schmitt und Stefan Schulz — Hosts des Podcasts “Die Neuen Zwanziger”. Zweiwöchentlicher Lektüre-Salon, in dem sie Bücher, Artikel und Essays diskutieren. In dieser Ausgabe: zwei große Buchbesprechungen (Sloterdijk, Daub) und sieben kürzere Texte — zusammengehalten durch den roten Faden der Banalität des Großen: wie Macht durch Loyalität, Gewöhnlichkeit und institutionelles Versagen operiert. → Wolfgang M. Schmitt DenkerVita · Stefan Schulz DenkerVita


Inhalt

Nachrichtenlage [▶ 00:00:00]

Die Episode beginnt mit der aktuellen Iran-Krise. Wolfgang zeigt sich schockiert über das Schweigen der Bundesregierung zu Trumps Kriegsrhetorik — der einzige höherrangige Politiker, der sich kritisch äußert, sei der pensionierte Peter Altmaier auf Twitter. Die EU, Spanien ausgenommen, widerspreche viel zu wenig.

Stefan kritisiert die Meldepflicht für wehrfähige Männer zwischen 18 und 45, die durch ein neues Gesetz eingeführt wurde und von einem Redakteur der Frankfurter Rundschau entdeckt werden musste — nicht etwa von der Opposition. Boris Pistorius’ Beschwichtigung enthält zweimal das Wort „derzeit”, was Stefan als implizite Drohung liest: „Zweimal derzeit in einem Satz bedeutet, naja, genau derzeit nicht, aber morgen kann es schon anders sein.” [▶ 05:49]

Einen persönlichen Kontrapunkt setzt Stefan über eine Saarland-Reise: Dort stolpere man von einem Kriegerdenkmal zum nächsten — 1871, 1914, 1918, 1939, 1945. Während man heute durch den deutsch-französischen Garten spaziere und Rosen bewundere, werde andernorts Zivilisation zerstört. „Glaubt man denn ernsthaft, das wird alles morgen vergessen?” [▶ 11:34]


Peter Sloterdijk — Der Fürst und seine Erben [▶ 00:28:27]

Das erste große Buch der Episode. Sloterdijks These: Die demokratisch gewählten Machthaber unserer Zeit — Trump, Putin, Modi — sind keine Anomalien, sondern Erben der Fürsten. Die Demokratie selbst hat sie hervorgebracht. Er liest Machiavellis Il Principe als Schlüssel zur Gegenwart und stellt die gewöhnlichen Männer an der Macht in eine 500-jährige Traditionslinie.

Graphosphäre vs. Sonosphäre

Sloterdijk unterscheidet zwischen der alten Graphosphäre (gedrucktes Wort, Zeitung, Klassiker — eine Gesellschaft, die sich über Lesen reflektiert und eine gemeinsame Hintergrundrealität aufbaut) und der neuen Sonosphäre (Daten, Bilder, Algorithmen, Sound — jeder in seiner eigenen Timeline). Taylor Swift wird als letztes verbindendes Phänomen genannt. Stefan verteidigt das Bild: Gerade weil nur noch Swift alle synchronisieren kann, zeige sich, wie sehr die gemeinsame Debattengrundlage fehlt — „wir werden nur noch affektiv zusammengebunden.” [▶ 31:46]

Der Fürst als Erbe, nicht als Nachahmung

Der Untertitel ist Programm: Nicht der Fürst und seine Doubles, sondern seine Erben. Die Rolle ist einfach da. Trump ist nicht Napoleon, der eine neue Rolle schuf — er ist „einfach nur amerikanischer Präsident geworden.” Die Provokation: Die Demokratie selbst hat dafür gesorgt, dass jemand ohne Ambitionen, ohne Fähigkeiten und ohne Fertigkeiten in diese Position kommen konnte. [▶ 42:32]

Fernethik und das strategische Kalkül

Ein Kernbegriff des Buches: Fernethik — das Handeln in der Ferne, entkoppelt von der unmittelbaren Nahwelt. Politisches Handeln ist nicht Unwissenheit oder Dummheit, sondern strategisches Kalkül. Stefan wendet das auf die deutsche Politik an: Wenn Lars Klingbeil die Familienversicherung abschaffen will, „weiß der ganz genau, was das für einzelne Haushalte bedeutet.” Die Kritik an Gilda Sahebi und anderen sei, dass sie Politikern unterstellen, etwas zu übersehen — „Nein, die übersehen nichts. Das ist eine Interessenpolitik, die knallhart durchgesetzt wird.” [▶ 96:16]

Loyalität als Sünde — Die Genesis-Erzählung

Sloterdijk deutet die Genesis als Test der Unterwerfung: Nicht der Apfel ist relevant, sondern die Loyalitätsprüfung. „Bekenne dich” — diese Struktur ziehe sich bis heute durch. Bei den Senatsanhörungen gehe es nie um inhaltliche Wahrheit (die Wahl wurde nicht gestohlen), sondern um die Frage: Zeigst du Loyalität? Die absurdesten Inhalte werden zu Chiffren — austauschbar, solange die Unterwerfungsgeste stimmt. [▶ 97:46]

Verwilderte Vertikalität und das Verrücktwerden an der Macht

Vertikalität — Hierarchie, Führung — sei unvermeidlich. Sloterdijks Sorge ist die Verwilderung: „Ob es je zuvor so viele große Männer mit großen Ansprüchen gegeben hat, die bereit sind, um der Macht willen verrückt zu werden.” [▶ 131:08] Trump, der sich vom iranischen Volk im Stich gelassen fühlt, wiederholt das Muster von Hitler („Die Deutschen hätten einen Führer wie ihn nicht verdient”) und Rienzo, dem Vorbild für Wagners Lieblingsoper Hitlers. [▶ 133:26]

Stefans Kritik: Was fehlt

Stefan vermisst die Auseinandersetzung mit KI und Technologie — wer bekommt heute die Befehle? Braucht es zwingend den Staatsbürger als Untertanen, oder werden Befehle an Computer und Roboter weitergegeben? Außerdem hinterfragt er den „Sturz in den Staat” — ob Koordination nicht auch ohne staatliche Reglementierung funktioniert (Flughafen-Lounge-Argument). [▶ 38:23]

Sloterdijk in 1 Minute [▶ 02:22:53]: Ein fatalistisches Buch. Viele böse Wahrheiten, aber keine Rettung der Demokratie. „Wer den Staat gerade schlecht findet, für den ein sehr gutes Buch. Aber wer die Demokratie noch mal retten will, findet beim Zyniker Sloterdijk nicht die richtigen Antworten.”


Adrian Daub — Was das Valley herrschen nennt [▶ 02:24:04]

Das zweite große Buch und für Wolfgang das stärkere. Daub, Literaturwissenschaftler in Stanford, geht dahin, wo Sloterdijk nur drüberschwebt — direkt in die Tweets, die Bilanzen und die Biografien der Tech-Oligarchen.

Billboards als Machtdemonstration

Der Einstieg: Daub fährt durchs Silicon Valley und sieht Werbetafeln mit kryptischen Botschaften wie „Ihr KI-Agent braucht eine Workflow-Maschine.” Diese Billboards richten sich nicht mehr an Konsumenten, sondern an Risiko-Kapitalgeber und andere Unternehmer. Das Consumer-Internet wird irrelevant — eine Kaste spricht mit sich selbst. Daub verbindet das mit den Augen des Dr. T.J. Eckleburg aus The Great Gatsby (1925): 100 Jahre später stehen immer noch Plakate da, aber sie richten sich an immer weniger Menschen. [▶ 144:04]

Uraltes Geld, ewige Jugend

Das Silicon Valley ist, „wo uraltes Geld den Anstrich ewiger Jugend verpasst bekommt.” Die Geschichte von Stanford als Universität wird nachgezeichnet — es war nie eine rein meritokratische Gründung. Die scheinbar neuen Vermögen stehen in langer Tradition. Und die fünf Prozent der kommerziellen Bauaktivitäten in den USA, die auf Rechenzentren entfallen, zeigen die materielle Basis dieser Macht. [▶ 149:22]

Von Versprechen zu Dominanz

Die zentrale Zeitdiagnose: „In den letzten fünf Jahren haben die Unternehmen aufgehört, uns die Welt zu versprechen, und geben sich stattdessen damit zufrieden, sie zu dominieren. Das Überzeugungsvermögen ist verbraucht, das Vermögen ist geblieben.” [▶ 150:52] Früher gab es kognitive Angebote (selbstfahrende Autos, mehr Freunde durch Facebook). Jetzt mobilisieren sie das Normative — sie werden vorstellig im Weißen Haus.

Vibe-Shift als Midlife-Crisis

Paul Grahams Essay How to Think Yourself dankt am Ende sieben „unabhängigen Denkern” — sechs Männer, fünf davon bei Y Combinator, einer ist Peter Thiel. Die Schöpfer der Filterblasen sitzen in der Mutter aller Filterblasen. Der sogenannte „Vibe-Shift” ist in Wahrheit eine Midlife-Crisis 50-jähriger Männer, die seit 20 Jahren in derselben Branche hängen und ihre Karriere mit der Welt verwechseln. Wenn Zuckerberg bei Joe Rogan „mehr männliche Energie” fordert, zeigt sich: Nur die Leistung der eigenen Klasse wird als Leistung anerkannt. [▶ 173:34]

Creeps vs. Caretaker

Daubs wichtigster Neologismus: die Unterscheidung zwischen Creep und Caretaker. Der Caretaker kümmert sich — um Kinder, Alte, Schwache, das Gemeinwohl (Beispiel: Spaniens Ministerpräsident). Der Creep definiert sich über Bande gegen den Caretaker: Er verweigert strategisch Fürsorge. Elon Musk in Davos: „Das Erste, was man automatisieren muss, ist Kindererziehung, Altenpflege, Haustierbetreuung.” Trump am 2. April 2026: „It’s not possible for us to take care of daycare, Medicaid, Medicare — we are fighting wars.” — Das ist, so Wolfgang, „100 Prozent in dieser Definition Creep.” [▶ 204:33]

Daubs Formel: Eine Form von Männlichkeit, die unter Dominanz nichts anderes verstehen kann als strategische Verweigerung von Fürsorge. [▶ 209:05]

Longtermism als Narzissmus

„Verantwortung ist Verantwortung für das Gegebene. Verantwortung für ein Wolkenkuckucksheim ist Narzissmus mit Umweg.” Die Longtermisten weigern sich, sich der Gegenwart zu stellen, und projizieren ihre Verantwortung in eine ferne Zukunft. Daubs letzter Satz: „Die Zukunft mag Ihnen gehören, aber das Langfristige — das dürfen wir Ihnen keinesfalls überlassen.” [▶ 209:50]

Synthese: Sloterdijk + Daub

Wolfgang schlägt vor, beide Bücher zusammenzulesen. Sloterdijk analysiert die politische Vertikalität, aber schwebt zu sehr über den Dingen. Daub geht direkt rein — in die Tweets, die Biografien, die materiellen Verhältnisse — und kommt dabei „fast manchmal zu Ausführungen, die an die Minima Moralia denken lassen.” Stefans Brücke: Was Sloterdijk den Fürsten nennt und was Daub im Silicon Valley beschreibt, ist dieselbe Struktur — die Banalität des Großen, abgeleitet von Arendts Banalität des Bösen. Gewöhnliche Männer mit gewöhnlichen Problemen, aber mit außergewöhnlicher Macht. [▶ 180:24]

Daub in 1 Minute [▶ 03:33:19]: „Das Silicon Valley ist vor allem ein Ort, wo uraltes Geld sich den Anstrich ewiger Jugend verpasst. Wir kriegen neue Grundbegriffe, die bitter nötig sind — Adrian Daub schlägt vor: Creeps. Und das halte ich für sehr wichtig.”


Ben Lerner — Transkription [▶ 03:34:29]

Ein kurzer, poetischer Roman über die letzte Begegnung mit einem 90-jährigen Mentor, der unschwer als Alexander Kluge zu erkennen ist. Der Ich-Erzähler will ein Interview führen, aber sein Smartphone fällt ins Waschbecken — er nimmt nichts auf. Kluge selbst sagte vor seinem Tod: „Die Erinnerung ist präziser als jedes Aufnahmegerät.” Wolfgang empfiehlt den Text als feinsinnige Meditation über Medien, Erinnerung und die Frage, ob falsche Erinnerung die wahre sein kann. [▶ 219:39]


Haberman/Swan — How Trump Took the U.S. to War With Iran [▶ 03:42:13]

Die NYT-Recherche rekonstruiert drei Situation-Room-Sitzungen. Stefan und Wolfgang lesen den Text als Bestätigung von Sloterdijks These — die Banalität des Großen in Echtzeit:

  • 11. Februar: Netanyahu präsentiert einen Vier-Punkte-Plan. Trump sitzt nicht am Kopfende, sondern mittendrin — „als hätte er damit jetzt gar nichts zu tun.” Der Mossad-Chef ist per Video zugeschaltet. Wirtschafts- und Finanzminister fehlen.
  • 12. Februar: Die „Realitätsprüfung”. Der neue Joint-Chiefs-Vorsitzende Dan Kane berät, fällt aber keine eigenen Urteile — anders als sein Vorgänger Mark Milley, der Lenin gelesen hatte, um den Feind zu verstehen. Kane sagt im Wesentlichen: „Wir haben keine Munitionserschöpfung zu erwarten.” Für Trump heißt das: Wir können unbegrenzt bombardieren.
  • 26. Februar: Der Angriffsbefehl. J.D. Vance als Muster der Loyalitätsfalle: Erst „Das ist ein Desaster”, dann „wenn schon, dann begrenzt”, schließlich „wenn schon Großkampagne, dann mit überwältigender Wucht.” — „Inhalte second, Loyalität first.” [▶ 228:50] Trump, 22 Minuten vor der Deadline: „Operation Epicuree ist bewilligt. Keine Abbrüche, viel Glück.”

Stefan fasst zusammen: „Das ist einfach nur Loyalitätsscheiße. Alle fühlen sich geil darin, den Präsidenten zu unterstützen. Militärs fanden quasi nicht statt. Das ist die Banalität des Großen.” [▶ 231:53]


Jörg Baberowski — Am Volk vorbei [▶ 03:52:26]

Das Gegenbuch zu Mark Schieritz’ Zu dumm für die Demokratie. Baberowski, konservativer Historiker und Osteuropa-Experte, argumentiert: Die liberale Demokratie ist nicht identisch mit Demokratie. Die Verrechtlichung des politischen Raums — Verfassungsgerichte, die über den Willen des Souveräns entscheiden — sei selbst eine Form der Entdemokratisierung.

Er stützt sich auf Rancière: „Die Gesellschaften werden heute nicht anders als früher durch das Spiel der Oligarchen organisiert. Ebenso wenig gibt es eine demokratische Regierung im eigentlichen Sinne.” Und auf Nietzsche: „Staat heißt das kälteste aller Ungeheuer. Kalt lügt es auch — Ich, der Staat, bin das Volk.” [▶ 235:42]

Wolfgang kritisiert: Baberowski geht nicht auf Minderheitenschutz ein und landet bei einer problematischen Position zu Migration. Aber die Grundkritik — „die Beschwörung einer friedlichen Verständigung ist nichts als Gewaltvergessenheit” — sei von links weitergedacht werden müsse. [▶ 244:48]

Konzeptuelle Brücke

Baberowski und Arendt teilen die Skepsis gegenüber einer rein institutionellen Demokratie — aber aus entgegengesetzten Gründen. Arendt will das politische Handeln der Vielen, Baberowski den Volkswillen gegen die Institutionen. Die Frage, die beide stellen: Wer ist der Souverän wirklich?


Timothy Snyder — The Next Coup Attempt [▶ 04:08:00]

Das Gegenstück zu Baberowski: Wo Baberowski die Institutionen als Problem sieht, will Snyder sie stärken. Fünf Putsch-Szenarien:

  1. The Steady Hand — Krieg als Vorwand, keinen Führungswechsel zuzulassen
  2. Bonapartism — Demokratie in die Welt tragen durch Krieg
  3. Bismarck Unification — Einheit durch sozialstaatliche Innovation (Stefan: „Bismarck wäre Healthcare for all — kann man sich das von der Trump-Administration vorstellen?“)
  4. Fascist Sacrifice — Führer und Volk vereint im Opfer, nach dem Modell schneller Siege
  5. Exploitation of Terror — Nach dem Modell von Putins inszenierten Wohnungsbombenanschlägen 1999

Snyder kehrt zu seinem Leitsatz von 2017 zurück: Do not obey in advance. Stefan bleibt skeptisch — er sieht keinen klaren Weg, wie Trump Wahlen absagen und sich gegen ein demokratisch dominiertes Repräsentantenhaus durchsetzen könnte. [▶ 256:54]


Roman Widder — „War mir so nicht bewusst” [▶ 04:17:28]

Ein Merkur-Essay, der die deutschen Militärexperten der Ukraine-Berichterstattung fundamental hinterfragt. Ausgangspunkt: Carlo Masala gibt in einem Podcast zu, er hätte „früher zum Rückzug aus Bachmut raten sollen” — und wusste nicht, dass seine Einschätzungen in der Ukraine eins zu eins zitiert werden. Widders Vergleich: „Man stelle sich vor, Christian Drosten hätte sein Virus nur aus dem Internet gekannt, als Meme vielleicht.” [▶ 259:54]

Vier Jahre Kriegsdiskurs, und die meistgehörten Experten besaßen keine Innenansicht der ukrainischen oder russischen Gesellschaft. Ihre „Prognosen” seien in Wahrheit Anweisungen: Wenn Masala sagt, der Krieg werde noch Jahre dauern, heißt das implizit bitte weiterkämpfen. [▶ 260:39]


Anna Holmes — Pop Culture Hype Aversion [▶ 04:27:13]

Holmes beschreibt ein Phänomen, das alle kennen: Je enthusiastischer etwas empfohlen wird, desto unwahrscheinlicher schaut man es sich an. Ist das Reaktanz? Contrarianism? Nein — sie kommt zu einer medientheoretischen Erkenntnis: Was sie ablehnt, ist nicht der Inhalt, sondern der Modus der einsamen Streaming-Rezeption. Würde Wetten, dass..? noch laufen — synchron, gemeinsam, am Samstagabend — wäre sie sofort dabei. Die Aversion gilt nicht dem Hype, sondern der Einsamkeit des Binge-Watchings. „Wenn jemand sagt, ich habe The Pit schon geguckt, dann ist das: Wow, was für ein einsames Leben.” [▶ 271:12]

Stefan verbindet das elegant zurück zu Sloterdijks Graphosphäre/Sonosphäre-Unterscheidung und zu Taylor Swift als letztem synchronisierenden Moment.


Fanny Pigeaud — DRC Minerals [▶ 04:32:33]

Le Monde Diplomatique über den Mineralienabbau im Kongo. 70 Prozent der globalen Kobaltvorkommen, dazu Gold, Lithium, Wolfram, Tantal. China hat sich durch Infrastruktur-gegen-Extraktionsrechte-Deals den Löwenanteil gesichert — 80 Prozent der Produktion kritischer Mineralien sind in chinesischem Besitz. Die USA haben in den 2000ern den Rückzug angetreten, was als „handelspolitisch gravierendster Fehler, den die USA je in Afrika begangen haben” gilt. Jetzt versuchen Jeff Bezos und Bill Gates über das Start-up Kobold Metals Lithium-Abbaurechte zu sichern. Stefan: „Man denkt, hier brauchen wir eine neue Theorie neuer Bonapartes — aber als Wirtschaft.” [▶ 276:27]


Alexander Malofeev — Forgotten Melodies [▶ 04:37:09]

Zum Abschluss Musik: Der junge russische Pianist Alexander Malofeev spielt vier russische Exil-Komponisten — Rachmaninoff, Glasunow, Medtner und einen vierten. Ein Doppelalbum mit Tänzen, Romanzen, Preludes, Sonaten. Wolfgang ist hingerissen: „Man kann Sehnsucht nach der Heimat hören, aber auch eine Verzweiflung darüber, dass diese Heimat nicht mehr da ist. Wahnsinnig feinsinnig, wunderschöne Musik, die mitreißend sein kann, die melancholisch und wütend ist.” [▶ 278:44]


Faktencheck

Bestätigt — DRC-Kobalt: 70 % der globalen Vorkommen

Die Note nennt „70 Prozent der globalen Kobaltvorkommen” im Kongo. Der USGS beziffert den DRC-Anteil an der globalen Kobaltproduktion auf rund 73 % (2023), Wikipedia spricht von „over 60 %“. Die 70 %-Zahl liegt im Korridor gängiger Schätzungen und ist korrekt. Quelle: Mining industry of the DRC — Wikipedia

Vereinfacht — China kontrolliert 80 % der kritischen Mineralien

Die Note behauptet, „80 Prozent der Produktion kritischer Mineralien sind in chinesischem Besitz.” China dominiert tatsächlich die Verarbeitung vieler kritischer Mineralien (60–90 % je nach Rohstoff: ~60 % Lithium-Raffination, ~70 % Kobalt-Raffination, ~87 % Seltene Erden). Die 80 %-Zahl ist als Durchschnitt plausibel, verschleiert aber den Unterschied zwischen Bergbau (wo die DRC, Australien und Chile führen) und Raffination (wo China dominiert). Quelle: IEA Critical Minerals Report 2023

Bestätigt — KoBold Metals: Bezos und Gates im Lithium-Abbau

Die Note erwähnt „Jeff Bezos und Bill Gates über das Start-up Kobold Metals Lithium-Abbaurechte.” KoBold Metals ist ein reales Mineral-Explorationsunternehmen, gegründet 2018, finanziert durch Breakthrough Energy Ventures (Gates), Bezos Expeditions und andere. Das Unternehmen exploriert u.a. in Sambia und Kanada. Quelle: KoBold Metals — koboldmetals.com

Bestätigt — Schlacht bei Spicheren 1870

Stefans Saarland-Passage verweist auf Kriegerdenkmäler mit Jahreszahlen ab 1871. Die Schlacht bei Spicheren (6. August 1870) war eine der ersten Schlachten des Deutsch-Französischen Krieges, direkt an der heutigen Grenze zwischen Saarland und Lothringen. Historisch korrekt. Quelle: Battle of Spicheren — Wikipedia

Vereinfacht — Rechenzentren: 5 % der kommerziellen Bauaktivitäten

Die Note nennt „fünf Prozent der kommerziellen Bauaktivitäten in den USA” für Rechenzentren. Diese Zahl stammt wahrscheinlich aus Daubs Buch. Aktuelle Berichte (2024/2025) deuten auf einen deutlich höheren und schnell steigenden Anteil hin — McKinsey und Dodge Construction Network sprechen von Rechenzentren als dem am schnellsten wachsenden Segment im US-Gewerbe­bau. Die 5 % könnten sich auf einen früheren Zeitpunkt oder eine engere Definition beziehen. Keine exakte unabhängige Quelle für die 5 %-Zahl gefunden.

Bestätigt — S&P 500: Tech-Anteil bei ~35 %

Die Episode diskutiert den steigenden Tech-Anteil im S&P 500. Laut S&P-Daten lag der Information-Technology-Sektor per Januar 2026 bei 34,3 % — zusammen mit Communication Services (Alphabet, Meta) sogar bei ~45 %. In den frühen 2000ern (nach dem Dot-Com-Crash) lag der Tech-Anteil bei rund 12–15 %. Der beschriebene Anstieg ist korrekt. Quelle: S&P 500 Sector Weightings — Wikipedia


Weiterführende Quellen

Aus der Episodenbeschreibung:

AutorTitelLink
Peter SloterdijkDer Fürst und seine ErbenSuhrkamp
Adrian DaubWas das Valley herrschen nenntSuhrkamp
Ben LernerTranskriptionSuhrkamp
Haberman/SwanHow Trump Took the U.S. to War With IranNYT
Jörg BaberowskiAm Volk vorbeiC.H. Beck
Timothy SnyderThe Next Coup AttemptSubstack
Roman Widder„War mir nicht so bewusst”Merkur
Anna HolmesPop Culture Hype AversionThe Atlantic
Fanny PigeaudDRC MineralsLe Monde Diplo
Alexander MalofeevForgotten MelodiesSony Classical

Verbindungen

Hannah Arendt — Die Banalität des Bösen

Stefans Brücke: Die „Banalität des Großen” als Ableitung von Arendts Konzept. Gewöhnliche Männer mit außergewöhnlicher Macht, deren Handeln nicht durch Bösartigkeit, sondern durch Loyalität und Gedankenlosigkeit angetrieben wird.

Hannah Arendt — Denken ohne Geländer

Baberowskis Demokratiekritik berührt Arendts Frage nach dem politischen Handeln jenseits institutioneller Geländer.

Francesca Bria — The Authoritarian Stack

Daubs Analyse der Tech-Oligarchie als Herrschaftssystem ergänzt Brias Konzept des autoritären Technologie-Stacks.

Ece Temelkuran — So beginnt Faschismus in Amerika

Snyders Putsch-Szenarien als konkretes Playbook zu Temelkurans Warnsignalen.

Rainer Mausfeld — Warum schweigen die Lämmer

Baberowskis Kritik der liberalen Demokratie als Fassade trifft auf Mausfelds Analyse der Elitendemokratie.

Sandra Navidi — Verbrecher getarnt als Regierung: Wie Trump die USA ausraubt (Der Standard)

Die Haberman/Swan-Recherche als Innenansicht dessen, was Navidi von außen beschreibt.

Diba Mirzaei — Irankrieg & Geschichte (Jung & Naiv 815)

Historischer Kontext zum Iran-Krieg, der in der Nachrichtenlage und bei Haberman/Swan eine zentrale Rolle spielt.

MONITOR — Irankrieg und das Ende des Völkerrechts

Völkerrechtliche Dimension der Iran-Eskalation.

Hartmut Rosa — Resonanz und Unverfügbarkeit

Holmes’ Sehnsucht nach gemeinschaftlicher Rezeption vs. einsames Streaming ist ein Resonanz-Argument: Synchrone Kulturerfahrung als Weltbeziehung.

Anna-Verena Nosthoff — Kybernetik und die Macht der Tech-Eliten (scobel)

Ergänzende Analyse der Tech-Eliten-Macht zu Daubs Silicon-Valley-Kritik.

Die Neuen Zwanziger — Rechtes Denken, Herr Hegemon, Let Them Theory

Selber Podcast, dort Kubitscheks „politischer Staat”, Mohler, Žižeks Dummheits-Typen und Mel Robbins als Hegemon-Analyse

Die Neuen Zwanziger — Salon Lektueren Februar 2026

Vorgänger-Salon: Fundamentalkritik an Ulrike Herrmanns „Geld als Waffe” — Ablenkungsthese vs. geopolitische Interessen, Widerspruch zu Herrmanns eigenem Degrowth-Buch