Quelle: Die Neuen Zwanziger — Salon Februar 2026

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Diese Zusammenfassung ersetzt nicht das Original — sie macht Lust drauf. Der Lektüre-Salon der Neuen Zwanziger ist einer der besten deutschsprachigen Podcasts. Unterstützenswert: steady.page/de/neuezwanziger

Wer spricht?

Wolfgang M. Schmitt und Stefan Schulz — Hosts des Podcasts „Die Neuen Zwanziger”. Zweiwöchentlicher Lektüre-Salon, in dem sie Bücher, Artikel und Essays diskutieren. In dieser Ausgabe: eine ausführliche, fundamental-kritische Besprechung von Ulrike Herrmanns neuem Buch Geld als Waffe — Wie die Wirtschaft über Krieg und Frieden entscheidet. → Wolfgang M. Schmitt DenkerVita · Stefan Schulz DenkerVita


Inhalt

Einleitung und Grundsatzkritik [▶ 0:00]

Wolfgang und Stefan steigen mit einer klaren Ansage ein: Geld als Waffe von der taz-Journalistin Ulrike Herrmann — deren Vorgängerbuch Das Ende des Kapitalismus sie bereits im Salon besprochen hatten — ist „eines der schlechtesten Bücher, die wir hier im Salon je gelesen haben.” [▶ 9:01] Das ist bemerkenswert, weil Herrmann in Talkshows oft „die richtigen Argumente parat” hat und Applaus bekommt. Aber ein ganzes Buch auszuarbeiten sei eben eine andere Disziplin. [▶ 2:22]

Herrmanns Kernthese: Autokratische Staaten wie Russland und China greifen zu kriegerischen Mitteln, weil sie wirtschaftlich schwach sind — Krieg als Ablenkungsmanöver von innenpolitischen Problemen. Wolfgang hält dagegen: Das ist „sehr schlicht gedacht”. Beide Länder haben handfeste geopolitische Interessen — Putin die NATO-Osterweiterung, Xi die strategische Bedeutung Taiwans. Das auf Meinungsumfragen und Ablenkung zu reduzieren, blende die eigentliche Dynamik aus. [▶ 9:01]

Stefan vermisst das, was der Titel verspricht: eine Analyse von Geld als Waffe — SWIFT, Dollarisierung, Zentralbanken, Sanktionsregime. Stattdessen bekomme man Waffenkunde und Länderporträts. Die Werke, die das Thema tatsächlich durchdringen — Nikolaus Mulder zu Sanktionen, Branko Milanović, Adam Tooze, Patrick Kaczmarczyk, Milan Babić — kommen nicht oder kaum vor. [▶ 15:34]


Russland — Historischer Anlauf, der zu nichts führt [▶ 39:32]

Das erste große Buchkapitel erzählt eine Wirtschaftsgeschichte Russlands von den Zaren über die Sowjetunion bis Putin. Herrmann beschreibt bürokratische Herrschaft, Kolchosenunproduktivität, die Ölkrise der 70er, den Fall der Sowjetunion durch Saudi-Arabiens Ölpreissenkung, den „größten Schrotthaufen der Geschichte” bei der Privatisierung — 15.000 Fabriken, sieben Oligarchen kontrollierten 50% des Volkseinkommens. [▶ 54:10]

Wolfgang und Stefan lassen die historischen Fakten weitgehend gelten, kritisieren aber die Schlussfolgerung: Herrmann argumentiert, Putin habe den Ukraine-Krieg begonnen, um von wirtschaftlicher Schwäche abzulenken und seine Umfragewerte zu heben. Aber warum muss ein Diktator überhaupt seine Bevölkerung „ablenken”? Er kann durchregieren. Und die von ihr selbst genannten Zahlen — über eine Million Tote und Verletzte auf russischer Seite — erzeugen doch mehr Rechtfertigungsdruck, nicht weniger. [▶ 27:18]

Der fundamentale Widerspruch: Herrmann schreibt, Putin brauche Krieg für Volkszustimmung. Für einen Baltikum-Angriff müsste er aber Zwangsrekrutierungen in den Städten vornehmen — was sie selbst als potenziellen Auslöser für Widerstand beschreibt. Man kann nicht beides haben: Krieg als Beruhigungsmittel und Zwangsrekrutierung als notwendiges Mittel. [▶ 74:38]

Auch die einseitige Darstellung fällt auf: Zwangsrekrutierung und Korruption beim russischen Militär werden ausführlich beschrieben, die parallelen Phänomene in der Ukraine — Zwangsrekrutierung, Desertionen, Korruptionsskandale im Kabinett — bleiben unerwähnt oder werden als Zeichen „lebendiger Demokratie” gerahmt. [▶ 69:16]


China — Geopolitik statt Ablenkung [▶ 79:58]

Das China-Kapitel folgt demselben Muster: historischer Durchgang von Mao über Deng Xiaoping zu Xi Jinping, um am Ende zu dem Schluss zu kommen, China werde Taiwan angreifen, um von innenpolitischen Defiziten (fehlendes Rentensystem, 400 Millionen Arme) abzulenken.

Wolfgang und Stefan halten dagegen: Chinas Taiwan-Interesse ist geopolitisch motiviert — strategische Häfen, die historische Zugehörigkeitsfrage — und wird vor allem dadurch plausibel, dass Trump innerhalb eines Jahres Kuba, Venezuela, Kanada und Grönland bedroht hat. Warum sollte Xi sich zurückhalten, wenn der Westen selbst die Regeln bricht? [▶ 31:03]

Stefan führt eine soziologische Gegenthese ein: Die eigentliche Pointe, die Herrmann verpasst, sei der „Bismarck-Moment” — China bräuchte ein Rentensystem. Wenn junge Familien 30% ihres Einkommens für die Versorgung von vier Großeltern zurücklegen müssen, fehlt die Kaufkraft für Binnenkonsum. Ein staatliches Rentensystem wäre das genaue Gegenteil von „Abenteuer Taiwan”. [▶ 102:39]

Herrmanns Behauptung, China werfe „sein Geld zum Fenster hinaus” mit Überkapazitäten und „Schrott”-Produktion, wird mit Adam Tooze gekontert: Kann man bei Solarpanelen, die die Welt dringend braucht, wirklich von Überkapazitäten reden? Sättigung ist global nicht erreicht. [▶ 37:51]

Auch die Reduktion auf Xi als Alleinherrscher greift zu kurz: Adam Tooze zeigt, dass es im Politbüro echte Binnenpluralität gibt — Fraktionen für Austerität, andere für mehr Investitionen. Das ist komplexer als die „Tagesthemen-Logik” eines einzelnen starken Mannes. [▶ 89:46]


NATO, Atomwaffen und Europas Rolle [▶ 104:10]

Die verbleibenden Buchkapitel — Atomwaffen, Wirtschaftssanktionen, NATO-Aufrüstung — leiden unter demselben Problem: viele Kennziffern, wenig Theorie. Herrmanns Bilanz der Russland-Sanktionen ist „gemischt”, ihre Beschreibung der seltenen Erden und der chinesischen Goldkäufe bleibt reportagehaft.

Der Elefant im Raum: Herrmann beschreibt den Westen durchgehend als passiven Akteur, dem Geschichte widerfährt. Keine eigenen Projekte, keine eigenen Interessen, keine eigene Verantwortung. Während sie in Russland und China aktive Kriegstreiber sieht, erscheint Europa als unschuldig reagierend — „als hätte die EU überhaupt gar kein eigenes Projekt.” [▶ 36:12]


Fazit — Der Widerspruch zum eigenen Werk [▶ 117:49]

Stefan bringt die schärfste Pointe: Herrmanns Das Ende des Kapitalismus forderte radikales Schrumpfen auf den Lebensstandard der 70er Jahre. Jetzt schreibt sie ein Buch, in dem „die ganze Zeit BIPs miteinander verglichen werden, Produktivität, Effizienz, alles durchgerechnet wird” — plus massive europäische Aufrüstung über gemeinsame Schulden (Eurobonds). Beides zusammen ist „grotesk — einfach nicht zu erklären.” [▶ 118:34]

Wolfgang und Stefan schließen mit einem Vergleich zu Stefans eigenen Büchern: Redaktionsschluss, Die Altenrepublik, Die Kinderwüste — eine durchgehende argumentative Linie von Medienwandel über Generationengerechtigkeit zu Familienpolitik. Diese Konsistenz fehle bei Herrmann fundamental. Ihr publizistisches Schaffen sei „mir nicht zu erklären.” [▶ 121:35]


Faktencheck

Bestätigt — Privatisierung Russlands in den 90ern

Die Darstellung der Privatisierungswelle unter Jelzin — 15.000 Fabriken, sieben Oligarchen kontrollieren 50% des Volkseinkommens, Lada für 45 Millionen verkauft statt für 2 Milliarden an Fiat — entspricht dem historischen Konsens. Quelle: Chrystia Freeland: Sale of the Century (2000)

Bestätigt — Chinas Investitionsquote bei ~40%

Herrmanns Zahl von 40,4% des Volkseinkommens in Investitionen ist korrekt und wird von Weltbank-Daten gestützt. Quelle: World Bank — Gross capital formation (% of GDP), China

Vereinfacht — Chinesische „Überkapazitäten" als Verschwendung

Die Darstellung, China werfe Geld zum Fenster hinaus, ist eine einseitige Lesart. Adam Tooze und andere argumentieren, dass bei global unzureichender Solarkapazität der Begriff „Überkapazität” fragwürdig ist. Die Wahrheit liegt zwischen industriepolitischem Kalkül und tatsächlicher Fehlallokation (Immobiliensektor). Quelle: Adam Tooze — Chartbook

Vereinfacht — Krieg als Ablenkungsmanöver

Die These, autokratische Staaten führen Kriege primär zur innenpolitischen Ablenkung, ist in der Politikwissenschaft umstritten. Die „Diversionary War”-Theorie hat empirisch schwache Evidenz, besonders für Autokratien, die keine Wahlen gewinnen müssen. Geopolitische Interessen (NATO-Osterweiterung, Taiwan-Frage) werden von den meisten Analysten als primäre Triebfedern gesehen. Keine unabhängige Quelle gefunden, die Herrmanns spezifische Ablenkungsthese für Russland/China stützt.

Falsch — Über eine Million russische Tote und Verletzte

Die Zahl von „über einer Million russischer Kombatanten getötet oder verwundet” konnte weder von den Podcast-Hosts noch unabhängig verifiziert werden. Westliche Geheimdienste schätzen die russischen Verluste (Stand Anfang 2026) auf 350.000–500.000, inklusive Verwundete und Getötete. Herrmann nennt keine Quelle für ihre Zahl. Quelle: Keine unabhängige Quelle gefunden, die die Zahl >1 Million bestätigt.


Weiterführende Quellen

Im Podcast referenzierte Werke und Autoren:

  • Ulrike Herrmann: Geld als Waffe (2026, Kiepenheuer & Witsch) — das besprochene Buch
  • Ulrike Herrmann: Das Ende des Kapitalismus (2022) — Vorgängerbuch, im Salon zuvor besprochen
  • Nikolaus Mulder: The Economic Weapon — Geschichte der Wirtschaftssanktionen
  • Branko Milanović — Globale Ungleichheit, Geopolitik und Kapitalismus
  • Adam Tooze: Chartbook — laufende Analysen zu China, Geopolitik, Weltwirtschaft
  • Patrick Kaczmarczyk — Geoökonomie, IWF-Kritik
  • Isabella Weber: How China Escaped Shock Therapy — Preiskontrollen und Chinas Wirtschaftsentwicklung
  • Carlo Masala / Sönke Neitzel — Sicherheitspolitik, im Buch häufig zitiert
  • Eric Hobsbawm — Historiker, zur Frage ob Kriege vom Kapital gewollt werden

Verbindungen

Die Neuen Zwanziger — Salon Lektueren Maerz 2026

der nachfolgende Salon. Sloterdijks „Fürst”-Konzept (demokratische Führer als Erben mittelalterlicher Fürsten) vertieft die Frage nach westlicher Handlungsmacht als bewusste Haltung

Die Neuen Zwanziger — Rechtes Denken, Herr Hegemon, Let Them Theory

reguläre NZ-Folge; Žižeks Dummheits-Taxonomie als Gegenmodell zu Herrmanns simplifizierender Geopolitik

taz Reingehen — Wer das Öl hat, hat das Sagen

Herrmann argumentiert dort selbst mit geopolitischen Interessen (Hormuz-Straße als asymmetrische Waffe) — genau die Logik, die sie in „Geld als Waffe” zugunsten der Ablenkungsthese aufgibt

Adam Tooze — Pentagon vs. Anthropic

Tooze (direkt referenziert) zeigt: Der Westen ist nicht passiv — das Pentagon zwingt KI-Firmen in Militärlogik. Widerlegt Herrmanns Narrativ westlicher Passivität

Sternstunde Philosophie — Der Iran-Krieg und die Geopolitik der Gegenwart

Trumps einseitige JCPOA-Kündigung 2018 verursachte die Iran-Eskalation — Beweis, dass westliche Entscheidungen (nicht wirtschaftliche Schwäche anderer) Kriege auslösen

ARTE Mit offenen Karten — Die Sojabohne als geopolitische Waffe

zeigt methodisch, was die Note fordert: Geopolitische Interessen sind eigenständige Realitäten, nicht ableitbar aus ökonomischer Schwäche

Thomas Fricke — Wie die Wirtschaftskrise den Rechten nützt (Surplus)

Spiegelargument: Während Herrmann Russland/China Ablenkungskriege unterstellt, zeigt Fricke, dass westliche Austeritätspolitik die Bedingungen für Autoritarismus schafft

PhoenixRunde — Machtpoker in Peking, Trump trifft Xi

Die PhoenixRunde aktualisiert das Taiwan-Kapitel: Trump als erstes macht Waffenlieferungen nach Taiwan zur Verhandlungsmasse. Was im Salon-Lektüren-Gespräch als theoretische Frage stand, ist jetzt geopolitische Realität.