Quelle: Neurodivers – Anders denken, besser arbeiten? | ARTE Re:
Wer spricht?
ARTE-Reportage (2025, 31 Min.) mit drei Protagonist:innen:
Leonie Land (23) — Heilerziehungspflegerin in Ausbildung bei der Caritas Koblenz, studiert parallel Wirtschaftsinformatik im Fernstudium. Lebt seit der Kindheit mit dem Tourette-Syndrom. Engagiert sich ehrenamtlich für die Tourette-Gesellschaft.
André Zimpel — Professor für Pädagogik an der Universität Hamburg, Gründer und Leiter des Zentrums für Neurodiversitätsforschung in Hamburg-Eppendorf. Selbst Synästhet (Buchstaben und Zahlen haben für ihn Farben, Melodien haben Geschmack). → DenkerVita
Tilmann Müller (32) — Autistischer IT-Berater bei auticon, berät Unternehmen wie Siemens, BMW und Airbus. Tritt nebenbei bei Poetry Slams auf.
Kernthese
10–15 % der Menschen in Deutschland sind neurodivergent — ihre Gehirne verarbeiten Informationen anders als die der Mehrheit. Die Reportage zeigt an drei Lebensgeschichten: Das Problem sind nicht die Gehirne, sondern die Barrieren im Außen. Wer Arbeitsumgebungen anpasst statt Menschen zu normieren, entdeckt Stärken, die neurotypische Teams ergänzen.
Leonie Land — Leben mit Tourette
Leonies unkontrollierte Tics — Kopfzucken, Lautäußerungen, seit anderthalb Jahren auch unwillkürliches Mittelfinger-Zeigen — begannen mit sieben Jahren. Jahrelang hoffte sie, es würde sich „verwachsen”. Als es mit 20 immer noch da war, musste sie akzeptieren: Tourette bleibt.
„Der Begriff Behinderung bedeutet eigentlich nur, dass es im Außen Barrieren gibt, die mich daran hindern, mein Leben so zu führen, wie ich es gerne würde.”
In der Caritas-Einrichtung betreut sie Menschen mit geistiger Beeinträchtigung. Monatelang verheimlichte sie ihr Tourette aus Angst, die Probezeit nicht zu überstehen. Das Unterdrücken der Tics kostet enorme Kraft — ein Teufelskreis: Stress verstärkt die Tics, stärkere Tics erzeugen mehr Stress.
Neben der Ausbildung studiert Leonie Wirtschaftsinformatik im Fernstudium, lernt Gitarre, engagiert sich ehrenamtlich. Die aufgezeichneten Vorlesungen hört sie in doppelter Geschwindigkeit — bei langsamem Tempo wandert ihr Kopf ab. Diese außergewöhnliche Aufnahmefähigkeit ist typisch für Menschen mit Tourette: Eine Überproduktion von Dopamin, die möglicherweise an den Tics beteiligt ist, fördert gleichzeitig assoziatives Denken und Kreativität.
Beim Mountainbiken mit ihrem Freund Darian findet Leonie Stille: „Auf einmal ist gar nichts im Kopf los. Man konzentriert sich auf das, was passiert, und der Kopf wird einfach ganz still.” — Ein Flow-Zustand, in dem die Tics verschwinden.
André Zimpel — Neurodiversitätsforschung
Zimpel erforscht am Zentrum für Neurodiversitätsforschung die Stärken, die mit neurodivergenten Gehirnen einhergehen. Seine zentrale These: Neurodivergente Menschen scheitern nicht an der Arbeit selbst, sondern am sozialen Drumherum — am Lärm im Großraumbüro, an impliziten Kommunikationsregeln, an Normen, die Kraft rauben statt Entwicklung ermöglichen.
„Wenn die Gesellschaft auf sie ein paar Schritte zugehen würde, dann bedeutet es ganz einfach, dass sie sich entwickeln können wie neurotypische auch — wenn man ihnen keine Kraft rauszieht durch unnötige Barrieren.”
Am Beispiel des 22-jährigen Tom (Autist mit Sehbeeinträchtigung) demonstriert Zimpel den Unterschied zwischen Bilddenken und Sprachdenken: Tom löst eine Tower-of-London-Aufgabe besser, wenn er gleichzeitig „Dienstag, Donnerstag” sagen muss — weil er in Bildern denkt und die Sprache nicht braucht. Sprachdenker hingegen kollabieren unter dieser Doppelbelastung, weil ihnen der innere Monolog blockiert wird. (Faktencheck: vereinfacht — siehe unten)
Zimpel ist selbst Synästhet: Jeder Buchstabe und jede Zahl hat für ihn eine feste Farbe, Melodien haben Geschmack. Bis er mit 40 einen Artikel über Synästhesie las, hielt er das für normal. Seine Frau Angela erinnert sich, wie sich nach der Erkenntnis Puzzlestücke zusammenfügten — Kindheitserlebnisse, in denen er sich unverstanden fühlte, ergaben plötzlich Sinn.
Tilmann Müller — Autismus in der IT
Tilmann arbeitet seit drei Jahren bei auticon, einem IT-Unternehmen, das ausschließlich autistische Berater:innen einstellt und an Großkunden vermittelt (Siemens, BMW, Airbus, BNP Paribas). Bei auticon: Einzelbüros, keine Webcam-Pflicht, Coaches für die Kommunikation mit Kunden.
„Ich nehme gerne mal andere Dinge bewusster wahr. Da wo andere Leute sich mehr darauf fokussieren, was für sie wesentlich ist, achte ich auf alles ein bisschen mehr.”
Seine Kundin von BNP Paribas beschreibt seine Stärke präzise: „Dokumentationen mit der Präzision, die Tilmann liefert, kann wirklich keiner von uns im Team.” — Die Herausforderung war umgekehrt: Das Team musste lernen, Tilmanns Präzisionsansprüche zu erfüllen.
Erst vor sechs Jahren ließ er sich offiziell diagnostizieren — nicht um danach zu leben, sondern um ein Dokument zu haben, falls es einmal relevant wird. Er verlässt bewusst seine Komfortzone: Beim Poetry Slam in Berlin-Kreuzberg trägt er seinen Song „Fliegen lernen” vor.
„Wenn ich auf die Bühne gehe und meine Bühnenpersönlichkeit einnehme, überspiele ich ein bisschen meinen Autismus. Es ist wie eine Art Tunnel.”
auticon — Ein Unternehmen als Modell
auticon beschäftigt weltweit 440 autistische Mitarbeiter:innen. Coach Christian Quinke beschreibt das Prinzip: Die unterschiedlichen Denkweisen von Autist:innen und Nicht-Autist:innen ergänzen sich. Die Mitarbeiter:innen sind „relativ nah am Normalspektrum” — eine gewisse Kommunikationsfähigkeit muss gegeben sein. Aber die Anpassung der Umgebung (Einzelbüros, flexible Pausen, keine Video-Pflicht) macht den entscheidenden Unterschied.
Faktencheck
Vereinfacht — Neurodiversitäts-Prävalenz 10–15%
“10 bis 15% der Menschen in Deutschland sind neurodivers.” Die häufig zitierte Bandbreite liegt bei 15–20% weltweit (auticon, ACAS, Deloitte). ADHS allein betrifft ca. 5–7%, Dyslexie 5–10%, Autismus 1–2%, Tourette ~1%. Die Summe hängt davon ab, welche Bedingungen einbezogen werden; 10–15% ist eher konservativ. Quelle: auticon — About Us, Wikipedia: Neurodiversity
Vereinfacht — Dopamin-Überproduktion und Kreativität bei Tourette
“Bei Tourette könnte eine Überproduktion von Dopamin eine Rolle spielen. Der Botenstoff ist wichtig für assoziatives Denken und Kreativität.” Der erste Teil ist belegt: erhöhte Dopamin-Ausschüttung in den Basalganglien bei Tourette. Der zweite Teil — Dopamin als Motor für Kreativität — ist eine separate Forschungshypothese (de Manzano et al., 2010), die hier als kausale Kette dargestellt wird, obwohl der Zusammenhang nicht gesichert ist. Quelle: Wikipedia: Tourette syndrome — Mechanism
Vereinfacht — Erweiterter Aufmerksamkeitsumfang bei Autismus
“Viele Menschen im Autismusspektrum können simultan mehr Dinge auffassen als neurotypische Personen.” André Zimpel forscht tatsächlich zu Aufmerksamkeitsumfang und Autismus, ist aber ein einzelner Forscher mit einer spezifischen Hypothese. Der breitere Forschungsstand zeigt ein gemischtes Bild: Autistische Personen zeigen oft fokussierte Detailwahrnehmung (“Enhanced Perceptual Functioning” nach Mottron), aber das ist nicht dasselbe wie “simultan mehr auffassen”. Quelle: Mottron et al., 2006
Vereinfacht — 10.000 Gene steuern das ZNS
Das menschliche Genom enthält ca. 20.000–25.000 proteinkodierende Gene. Studien zeigen, dass ~80% aller Gene im Gehirn exprimiert werden (eher 15.000–20.000). Die Zahl 10.000 ist eine grobe Schätzung. Die Schlussfolgerung — keine zwei Gehirne können gleich sein — ist konzeptuell richtig, aber Variabilität entsteht durch Epigenetik und Erfahrung mindestens ebenso stark wie durch Gene. Quelle: Wikipedia: Human Genome
Bestätigt — 86 Milliarden Nervenzellen und Synapsenzahl
Die Zahl stammt aus Herculano-Houzel (2009), die als Erste eine direkte Zählung vornahm. Die durchschnittlichen 5.500 Synapsen pro Neuron liegen im Rahmen gängiger Schätzungen (1.000–10.000, je nach Zelltyp). Die Rechnung 86 × 10⁹ × 5.500 = 473 × 10¹² stimmt mathematisch. Quelle: Herculano-Houzel, 2009 — PMC
Vereinfacht — Bilddenken vs. Sprachdenken bei Autismus
Das Konzept geht stark auf Temple Grandins autobiografischen Bericht (Thinking in Pictures, 1995) zurück. Grandin selbst betont inzwischen, dass nicht alle autistischen Menschen Bilddenker sind. Autistische Personen haben oft Stärken in visuell-räumlichen Aufgaben, aber “Bilddenken” als universelles Merkmal ist eine Übergeneralisierung. Quelle: Wikipedia: Thinking in Pictures
Vereinfacht — auticon: 440 autistische Mitarbeiter weltweit
Stand 2023 beschäftigt auticon laut Wikipedia knapp 600 Mitarbeiter weltweit, davon 80% im Autismus-Spektrum (~480). Die Zahl 440 war möglicherweise zum Produktionszeitpunkt korrekt, ist mittlerweile überholt. Quelle: Wikipedia: Auticon
Weiterführende Quellen
Aus der Video-Beschreibung:
- ARTE Mediathek — Vollständige Reportage — Verfügbar bis 04.06.2030
- auticon — IT-Unternehmen mit ausschließlich autistischen Berater:innen
Im Video erwähnte Forschung:
- André Zimpel: Tanz der Neuronen — Grundlagenwerk zur Neurodiversitätsforschung
- André Zimpel: Lasst unsere Kinder spielen (Vandenhoeck & Ruprecht) — Spielen und kognitive Entwicklung
- Zentrum für Neurodiversitätsforschung Hamburg — Zimpels Forschungseinrichtung auf dem UKE-Gelände
Verbindungen
→ Andreas Zimpel — Neurodiversität
Zimpels Vorlesung liefert den theoretischen Unterbau: Bilddenken vs. Sprachdenken, Chunking, Aufmerksamkeitssysteme. Die ARTE-Reportage zeigt dieselben Konzepte in der gelebten Praxis
→ Gerald Huether — Lebendigkeit und das Ende der Hierarchien
Hüthers Potenzialentfaltung ist das philosophische Gegenstück zu Zimpels Barrieren-Modell: Menschen scheitern nicht an sich selbst, sondern an Systemen, die ihre Entfaltung verhindern. Die Subjekt-Objekt-Unterscheidung benennt genau den Mechanismus, den die Reportage am Arbeitsmarkt zeigt
→ Barbara Schmitz und Giovanni Maio — Verletzlichkeit als Stärke
Maios Kritik am “Menschen als Unternehmer seiner selbst” und Schmitz’ Frage “Was macht ein Leben lebenswert, auch wenn es von der Norm abweicht?” treffen ins Zentrum der Neurodiversitätsbewegung: Abweichung nicht als Defizit, sondern als Öffnung
→ Claus-Christian Carbon — Wahrnehmung und Wirklichkeit
Carbons Kernbefund, dass Wahrnehmung aktive Konstruktion ist (10–20× mehr Rücksignale als Eingangssignale), liefert das neurowissenschaftliche Fundament für Zimpels Bilddenken-These: Synästhesie und visuelle Kognition sind keine “Fehler”, sondern alternative Top-down-Modelle
→ Aladin El-Mafaalani — Kinder als diskriminierte Minderheit (taz lab 2025)
El-Mafaalanis “strukturelle Außenseiter” beschreibt die Lage neurodivergenter Arbeitnehmer: Großraumbüros und normierte Bewerbungsprozesse filtern systematisch aus, ohne böse Absicht
→ Hartwin Maas — Bildung NEU DENKEN
Maas’ Unterscheidung kognitiver Stile ergänzt Zimpels Bilddenken-Befund von der Bildungsseite: Ein Schulsystem, das nur auf sprachlicher Kognition aufbaut, produziert bei Bilddenkern erlernte Hilflosigkeit












