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Gedankenraum
Denker·15. April 2026·0:57 h·11 Belegstellen

Barbara Schmitz und Giovanni Maio — Verletzlichkeit als Stärke

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William Blake — visionäres Aquarell, fließende Gewänder, Spiralwellen des Styx: Thetis hält das Kind, die Fersen glühen golden — genau die Stelle, an der die Mutter es hielt. Im Nebel dahinter leere, versiegelte Rüstungen: der Panzer, der nicht schützt, sondern trennt. Maios Umdeutung der Achillesferse als Bild — Verwundbarkeit ist der Ort der Verbindung.

Prompt: Visionary romantic watercolor in the style of William Blake, classical Greek myth of Thetis and Achilles at the river Styx, a flowing-robed goddess figure holding a small stylized child figure by one heel above swirling dark waters, her hand around the heel glowing with warm golden radiance, the single glowing heel as the heart of the composition, swirling drapery and spiral waves in flowing lines, in the misty background a row of hollow grey sealed suits of armor standing empty, palette of deep indigo, slate grey and luminous gold, stylized elongated figures, wide banner, no photorealism, no realistic faces

Quelle: Warum Verletzlichkeit keine Schwäche ist | Sternstunde Philosophie | SRF Kultur

Wer spricht?

Barbara Schmitz (7. Juli 1968, Karlshafen/Nordhessen) — Philosophin und Privatdozentin an der Universität Basel. Studierte Philosophie, Germanistik und Sprachwissenschaft in Tübingen, Freiburg und Tromsø (Norwegen). Promovierte über Wittgenstein, habilitierte mit Bedürfnisse und Gerechtigkeit. Forschungsaufenthalte am Nuffield College Oxford und Princeton (Capability Approach). Schreibt ungewöhnlich persönlich — geprägt durch eine Tochter mit genetischem Syndrom und zwei Suizide in der engsten Familie. Kernfrage: Was macht ein Leben lebenswert, auch wenn es von der Norm abweicht?

Wichtigste Werke: Was ist ein lebenswertes Leben? (2022), Offenheit und Berührbarkeit (2025) Kernkonzepte: Verletzbarkeit als Offenheit, Zärtlichkeit, Resilienz-Kritik, Behinderungsparadox


Giovanni Maio (1964, San Fele/Süditalien; aufgewachsen in Freiburg i. Br.) — Arzt, Philosoph und Professor für Bioethik und Medizinethik an der Universität Freiburg. Seltene Doppelausbildung in Medizin und Philosophie; lange klinische Tätigkeit in der Inneren Medizin. Habilitiert 2000 über Ethik der Forschung am Menschen. Einer der lautesten Kritiker der Ökonomisierung der Medizin im deutschsprachigen Raum.

Der Anlass für sein Denken über Verletzlichkeit: Ihn störte immer das vorherrschende Menschenbild — der Mensch als Unternehmer seiner selbst, autark, selbstmächtig, seines Glückes Schmied. Etwas Fundamentales fehlte: die Angewiesenheit.

Wichtigste Werke: Mittelpunkt Mensch (2011), Geschäftsmodell Gesundheit (2014), Den kranken Menschen verstehen (2015), Ethik der Verletzlichkeit (2024) Kernkonzepte: Angewiesenheit, Sorgekultur, relationale Autonomie, Menschenbild-Kritik


1. Verletzlichkeit ist kein Zustand — sie ist eine Disposition

3:49 — Maio führt eine entscheidende Unterscheidung ein: Verletzlichkeit und Verletztsein sind nicht dasselbe.

„Wir sind verletzlich, das heißt, alles ist offen. Weil wir verletzlich sind, können wir je nachdem, wo wir leben, mit wem wir leben, stürzen in das Verletzt-Werden — oder weil wir verletzlich sind, können wir auch springen."

Hören — 3:49

Verletzlichkeit ist der Grundmodus — eine Offenheit, aus der heraus alles erst möglich wird: sowohl Verletzung als auch Wachstum, Sensibilität, Vertrauen. Wer sie wegmacht, macht nicht den Schmerz weg. Er macht sich selbst weg.

Eigene Einschätzung

Diese Unterscheidung ist philosophisch präzise und klinisch wichtig — aber sie ist auch eine spirituelle Einsicht. Goenka beschreibt dasselbe mit anderen Worten: Wir sind alle mit Dukkha ausgestattet, Leiden ist die Grundbedingung, nicht die Ausnahme. Die Frage ist nie, ob man verletzlich ist — sondern was man mit dieser Verletzlichkeit macht. Maio nennt das den Unterschied zwischen Stolperstein und Sprungbrett.


2. Die Achilles-Ferse neu lesen

25:14 — Die Moderatorin bringt das Bild der Achilles-Verse als unsere schwache Stelle. Maio dreht es um:

„Die Achilles-Verse ist genau die Stelle, an der er mit seiner Mutter in Verbindung stand. Die Achilles-Verse des Menschen ist seine Relationalität, seine Beziehungshaftigkeit. Das macht ihn verletzlich — aber zugleich resultiert aus der Fähigkeit, in Verbindung mit anderen zu sein, das Schönste im Leben."

Im Gespräch — 25:14

Der Mythos wird zur Anthropologie: Was uns angreifbar macht, ist nicht Fehler oder Unvollkommenheit — es ist die Stelle, wo wir mit anderen verbunden sind. Wer diese Stelle panzert, schützt sich nicht. Er trennt sich.

Eigene Einschätzung

Das ist eines der schönsten Bilder des Gesprächs. Es erklärt auch, warum Menschen, die früh lernen mussten, sich nicht zu zeigen — durch Kälte, durch Kontrolle, durch Überleistung — gar nicht "stärker" werden. Sie werden weniger. Die Wunde ist nicht da, wo man sich öffnet. Die Wunde entsteht, wenn man aufhört, sich zu öffnen.


3. Das Autonomiemythos-Problem

9:10 — Maio beschreibt, was ihn zum Thema geführt hat:

„Ich war nie zufrieden mit den Menschenbildern, die uns offeriert werden in unserer Zeit. Der Mensch als Unternehmer seiner selbst, der einfach nur klug investieren muss und wie ein selbstmächtiges Wesen ohne die anderen vollkommen autark durchs Leben gehen muss. Da fehlte die Angewiesenheit."

Im Gespräch — 9:10

24:27 — Schmitz ergänzt aus ihrem früheren Buch über das lebenswerte Leben:

Das vorherrschende Ideal lautet: Nur wer autonom lebt, kann ein lebenswertes Leben haben. Debatten über Demenz, Behinderung, Alter verlaufen fast immer in dieser Logik. Aber das Gegenteil stimmt: Man hat dann ein gutes Leben, wenn man mit seiner Verletzlichkeit umgehen kann — und einen Teil des Autonomiemodells loslässt.

Im Gespräch — 24:27

22:56 — Die Kritik an Brené Brown bringt das auf den Punkt. Ihr TED-Talk (Die Kraft der Verletzlichkeit, 33 Millionen Aufrufe) beschreibt Verletzlichkeit als individuellen Schlüssel zum Glück. Maio:

„Das ist solipsistisch gedacht. Ich kann nicht selbst entscheiden, ob ich glücklich werde. Die Verletzlichkeit hat immer mit dem anderen zu tun, mit Kontexten."

Hören — 22:56
Eigene Einschätzung

Brené Brown trifft etwas Echtes — die Beobachtung, dass Betäuben von negativen Gefühlen auch positive Gefühle betäubt, ist klinisch belegt. Aber sie löst es individualistisch auf: Zeig dich mehr, dann wird's besser. Das ist kulturell passend für den amerikanischen Markt, aber philosophisch halbleer. Verletzlichkeit braucht nicht nur Mut zum Zeigen — sie braucht Räume, in denen das Zeigen safe ist. Und diese Räume herzustellen ist keine Persönlichkeitsaufgabe, sondern eine politische.


4. Drei Begriffe der Verletzlichkeit

30:34 — Schmitz unterscheidet drei verschiedene Verwendungen des Begriffs, die in öffentlichen Debatten oft durcheinandergeworfen werden:

  1. Technisches Vulnerabilitätskonzept — Verletzlichkeit als Störanfälligkeit, die minimiert werden soll. Wer vulnerabel ist, soll resilient werden.

  2. Erhöhte Sensibilität — bestimmte Individuen oder Gruppen beanspruchen besondere Verletzlichkeit als Identitätsmerkmal. Führt zu Sprachregelungen, Konflikten, gesellschaftlicher Fragmentierung.

  3. Grundlegende Verletzbarkeit — das allgemein Menschliche, das alle teilen. Nicht trennend, sondern verbindend. Das ist der Begriff, mit dem Schmitz und Maio arbeiten.

„Was uns verbindet, ist nicht: Ich bin so verletzlich und du musst jetzt Rücksicht nehmen — sondern: Wir sind alle verletzbar und das knüpft uns aneinander."

Im Gespräch — 30:34

Die Verwechslung dieser drei Ebenen erklärt viele Debatten um Political Correctness, Triggerwarnungen und Identitätspolitik. Begriff 2 wird oft mit Begriff 3 gleichgesetzt — und Begriff 3 damit diskreditiert.


5. Verletzlichkeit als moralischer Begriff

41:57 — Maio formuliert eine der stärksten Thesen des Gesprächs:

„Die Verletzlichkeit ist im Grunde ein moralischer Begriff. Er ruft auf, moralisch zu handeln. Es kann mir nicht gleichgültig sein, ob der andere verletzt wird. Wir brauchen Kulturen der Sorge als Antwort auf das Bewusstsein der Verletzlichkeit."

Hören — 41:57

Das Aussprechen von Verletzlichkeit ist nie nur beschreibend. Es erzeugt eine Sollensaufforderung: Achtung. Rücksicht. Interesse. Nicht weil jemand Forderungen stellt — sondern weil das Wissen um Verletzlichkeit Verantwortung aktiviert.

56:29 — Autonomie durch Sorge, nicht statt Sorge:

„Wir können nicht sagen: Autonomie statt Sorge. Wir brauchen Autonomie durch Sorge — weil nur über die Sorge der andere befähigt wird, einen neuen Weg zu finden."

Im Gespräch — 56:29
Eigene Einschätzung

Das ist der politisch wichtigste Satz des Gesprächs. Das Autonomieparadigma in Medizin, Sozialstaat, Bildung setzt voraus, dass Menschen autonom sind oder es werden können, wenn man sie nur lässt. Aber Autonomie ist nicht der Ausgangszustand — sie ist das Ergebnis von Fürsorge, Beziehung, Struktur. Wer Fürsorge kürzt, um Autonomie zu fördern, zerstört die Bedingung, unter der Autonomie entstehen kann.


6. Corona als Fehldiagnose

38:08 — Maio nutzt die Pandemiepolitik als konkretes Beispiel für ein falsches Verständnis von Verletzlichkeit:

„Man hat über alte Menschen verfügt, man war paternalistisch — und das war ein falsches Verständnis von Verletzlichkeit. Verletzlichkeit anzuerkennen bedeutet nicht, dass man über andere verfügt. Ganz im Gegenteil: Jeder ist auf seine Weise verletzlich. Also muss ich genau hinschauen."

Im Gespräch — 38:08

Alte Menschen wurden als homogene Risikogruppe behandelt, nicht als Individuen. Die Lösung war Einschließung. Ein echtes Verletzlichkeitsverständnis hätte gefragt: Wie können diese Menschen selbst entscheiden, wie sie mit Risiko umgehen wollen? Verletzlichkeit schützt man nicht durch Kontrolle — sondern durch Ermächtigung.


7. Transhumanismus und die Kondition Humana

49:39 — Was geht verloren, wenn wir Verletzlichkeit technisch überwinden?

Maio, mit Heidegger:

„Weil wir wissen, dass wir nicht unendlich leben, tragen wir Sorge für das Leben — wie Heidegger sagte. Die Endlichkeit mag schmerzhaft sein, aber sie ist zugleich Ressource: Dann gehen wir das Leben an, dann gestalten wir es."

Im Gespräch — 49:39

Schmitz:

„Diese Verletzbarkeit wird als Risikofaktor behandelt, der in den Griff bekommen werden muss. Das wird der Sache nicht gerecht. Das Verhältnis zwischen Sinn und Verletzbarkeit ist sehr eng: Wir brauchen Sinn, weil wir verletzbar sind. Und unsere Verletzbarkeit gibt uns Hinweise, wo wir nach Sinn suchen sollen."

Im Gespräch — 49:39
Eigene Einschätzung

Der Transhumanismus ist die radikale Konsequenz des Autonomiemythos: Wenn der Mensch vollständig autonom und unverwundbar sein soll, muss er die Kondition Humana selbst überwinden. Maio und Schmitz sagen: Dann ist er kein Mensch mehr. Witgenstein hat das als Gedankenexperiment formuliert: ein Stamm, der keinen Schmerz empfindet. Wir könnten uns nicht in sie finden. Das ist kein sentimentales Argument — es ist eine anthropologische Erkenntnis: Verletzbarkeit ist die Bedingung von Empathie und damit von allem, was Gemeinschaft möglich macht.


8. Zärtlichkeit — die schönste Antwort

53:26 — Schmitz schließt ihr Buch Offenheit und Berührbarkeit mit einem Begriff, der im öffentlichen Diskurs kaum vorkommt: Zärtlichkeit.

„Zärtlichkeit ist die schönste Antwort auf Verletzbarkeit — nicht die einzige, aber die schönste. Eine Haltung, bei der wir umsichtig sind, vorsichtig, nachsichtig, bei der wir mit dem anderen auf eine liebevolle Weise umgehen."

Im Gespräch — 53:26

Nicht als physische Geste gemeint — sondern als moralische Grundhaltung. Wenn Respekt noch Distanz erlaubt, fordert Zärtlichkeit echte Nähe, echte Berührbarkeit. Es ist die Antwort, die das Verletzliche des anderen wirklich sieht — und ihm begegnet, ohne es zu beseitigen.

Maio ergänzt mit dem Begriff der Gemeinschaftlichkeit:

„Wir müssen uns loslösen von einer Egologik und stattdessen auf gemeinschaftsstiftende Werte setzen. Wir können ohne den anderen nicht glücklich werden."

Im Gespräch — 53:26
Eigene Einschätzung

Zärtlichkeit ist ein mutiger Begriff für eine akademische Philosophin. Er klingt weich, aber er ist radikal: Er verlangt, dass wir aufhören, Verletzlichkeit zu managen, und anfangen, sie zu bewohnen. Das ist näher an Goenka als an irgendeinem Ethikhandbuch — das vollständige Annehmen dessen, was ist, ohne es wegzumachen oder zu inszenieren. Schmitz nennt es "die schönste Antwort". Ich würde sagen: Es ist die, die am meisten kostet.


Verbindungen

→ Raúl Krauthausen — Teilgabe statt Teilhabe

Krauthausens „Jeder von uns stirbt behindert“ ist ihre geteilte Verletzbarkeit im Alltag — mit dem Zusatz, dass gegen Schmerz kein Aufzug hilft.


Weiterführende Quellen

  • Barbara Schmitz: Offenheit und Berührbarkeit. Neue Wege zu Verletzbarkeit und Resilienz (2025)
  • Barbara Schmitz: Was ist ein lebenswertes Leben? Philosophische und biographische Zugänge (2022)
  • Giovanni Maio: Ethik der Verletzlichkeit (Herder, 2024)
  • Giovanni Maio: Den kranken Menschen verstehen. Für eine Medizin der Zuwendung (Herder, 2015)
  • Giovanni Maio: Geschäftsmodell Gesundheit: Wie der Markt die Heilkunst abschafft (Suhrkamp, 2014)
  • Brené Brown: Die Kraft der Verletzlichkeit (TED Talk) — im Gespräch kritisch diskutiert: trifft etwas Echtes, löst es aber zu individualistisch auf

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