Quelle: taz lab 2025: Kein Herz für Kinder — die Diskriminierung der GenZ mit Aladin El-Mafaalani Gesprächspartnerin: Paulina Unfried (Politikwissenschaftlerin und Autorin, taz)
Wer spricht?
Aladin El-Mafaalani (*1978, Ruhrgebiet) — Soziologe, Professor für Migrations- und Bildungssoziologie an der TU Dortmund (seit 2024). Als Kind syrischer Einwanderer selbst zunächst Hauptschüler, später Lehrer an einem Berufskolleg — seine eigene Biografie ist Ausgangspunkt seines Denkens über Bildung und sozialen Aufstieg.
Er wurde bekannt durch das Integrationsparadox: Je besser Integration gelingt, desto mehr Konflikte werden sichtbar — weil Minderheiten anfangen, die Spielregeln der Gesellschaft mitzuverhandeln. In diesem Panel stellt er sein Buch Kinder — Minderheit ohne Schutz (2025, mit Sebastian Kurtenbach und Peter Stromeier) vor: eine soziologische Analyse der systematischen Benachteiligung von Kindern und Jugendlichen in einer alternden Gesellschaft.
Wichtigste Werke: Das Integrationsparadox (2018), Mythos Bildung (2020), Wozu Rassismus? (2021), Misstrauensgemeinschaften (2025), Kinder — Minderheit ohne Schutz (2025) Kernkonzepte: Integrationsparadox, Misstrauensgemeinschaften, Adultismus, Tischmetapher, strukturelle Außenseiter
Inhalt
Freier Fall: Bildungsergebnisse auf historischem Tiefstand
▶ 4:43 — El-Mafaalani eröffnet mit einer ernüchternden Bestandsaufnahme: Deutschland überbietet seit über zehn Jahren Negativrekord nach Negativrekord bei Bildungsstudien — in allen Bundesländern, in allen Altersstufen, von Grundschule bis weiterführende Schule. Das schlechteste PISA-Ergebnis war nicht das erste aus dem Jahr 2000, das damals für Aufruhr sorgte, sondern das aus dem Jahr 2022.
„PISA 2000 wurde so intensiv diskutiert. Warum? Die Babyboomer waren im Jahr 2001 37 Jahre alt — das waren Eltern. Wenn die größte Wählergruppe im Elternalter ist, ist ein schlechtes PISA-Ergebnis eine Katastrophe. Das allerschlechteste PISA-Ergebnis kam vor zwei Jahren — und da war diese Gruppe nicht mehr Eltern von Schülerinnen und Schülern. Das ist durchgeflutscht. Keine Sondersendung, gar nichts.”
Das allein wäre schon besorgniserregend. Dazu kommen:
- Höchstes Armutsrisiko in Deutschland liegt bei Kindern und Jugendlichen — kontraintuitiv, aber messbar
- Stagnation bis Verschlechterung bei körperlicher und mentaler Gesundheit
- Verschwinden physischer Entfaltungsräume, vor allem in Städten und auf dem Land
Eigene Einschätzung
Das PISA-Beispiel ist erhellend als Mechanismus: Wir messen politische Aufmerksamkeit nicht an der Schwere eines Problems, sondern an der Betroffenheit der dominanten Wählergruppe. Das ist keine bewusste Böswilligkeit — es ist die strukturelle Logik einer Demokratie mit alternder Bevölkerung. El-Mafaalani diagnostiziert damit eigentlich ein Versagen des demokratischen Selbstkorrektursystems.
Kinder als strukturelle Außenseiter — und jetzt auch als Minderheit
▶ 12:20 — El-Mafaalani unterscheidet zwei historische Schichten des Problems:
Altes Problem (Franz Kaufmann, Ende der 1970er): Kinder waren schon immer strukturelle Außenseiter in der modernen Gesellschaft. Sie stören den effizienten Ablauf, werden nicht gefragt, gelten als Störfaktoren. Eltern werden behandelt wie Erwachsene ohne Kinder. Das war immer so — aber weil Kinder zahlreich waren, konnte man an ihnen nicht vorbeischauen. Man musste Angebote schaffen, man musste sich Gedanken machen.
Neues Problem: Kinder sind jetzt eine Minderheit — die kleinste Bevölkerungsgruppe. Der häufigste Geburtstag in Deutschland im Jahr 2024 war der 60. Geburtstag. Doppelt so viele Menschen sind 60 geworden wie sechs.
„Kinder wurden nicht gefragt. Aber weil sie so viele waren, musste man irgendwie sie beachten. Was jetzt neu ist, ist, dass sie eine Minderheit sind. Man kann sie extrem leicht übersehen.”
Zu dem alten Strukturproblem kommt jetzt also das Demografieproblem: Kinder sind nicht nur strukturell Außenseiter — sie sind auch numerisch verschwunden.
Eigene Einschätzung
El-Mafaalanis Tischmetapher aus dem Integrationsparadox kehrt hier wieder, aber umgekehrt: Wenn eine Gruppe nicht einmal groß genug ist, um wahrgenommen zu werden, kommt sie gar nicht erst an den Tisch. Das Paradox der schrumpfenden Minderheit: Je weniger Kinder es gibt, desto mehr würde man erwarten, dass sie besonders umsorgt werden — stattdessen sinkt ihre politische Sichtbarkeit und damit die Investitionsbereitschaft.
Das demokratische Defizit: Eltern sind politisch bedeutungslos
▶ 14:36 — Eltern minderjähriger Kinder sind in der Demokratie eine doppelt geschwächte Gruppe:
- Sie sind quantitativ wenige
- Sie sind überproportional Menschen ohne deutsche Staatsbürgerschaft — also bei den entscheidenden Wahlen nicht wahlberechtigt
Das Ergebnis: Parteien können Wahlkämpfe führen, ohne Eltern minderjähriger Kinder überhaupt anzusprechen. Und in zehn bis fünfzehn Jahren, wenn die Babyboomer in Rente gehen, werden Wahlen von Rentnerinnen und Rentnern entschieden.
„Das war nie so angedacht, dass diejenigen, die die Wahl entscheiden, das nicht umsetzen müssen. Es gab immer einen Gleichlauf: Wer entscheidet, trägt auch die Konsequenzen.”
Das systemische Paradox: Kinder sollen die Alten tragen — aber wir investieren nicht in sie
▶ 22:16 — Die eigentliche Brisanz liegt in der Abhängigkeitsstruktur: Das gesamte System setzt voraus, dass die Jungen topfit, kompetent und motiviert sind, um die alternde Gesellschaft zu tragen.
- Rente: Eine junge Person muss in Zukunft zwei ältere ersetzen
- Pflege: Ohne gut ausgebildete Fachkräfte ist die Versorgung der alten Babyboomer nicht leistbar
- Frauenerwerbstätigkeit: Das System erfordert steigende Mütterbeschäftigung — dafür braucht es funktionierende Kitas und Schulen
- Integration: Das Bildungssystem entscheidet, ob Neuzugewanderte der Gesellschaft etwas beitragen können
Der fatale Befund: All das steht und fällt mit einem funktionierenden System der Unterstützung von Kindern und Jugendlichen — und genau dieses System ist im freien Fall.
Eigene Einschätzung
Das ist der hellsichtigste Punkt des gesamten Gesprächs: Wir sägen aktiv an dem Ast, auf dem wir sitzen. Eine Gesellschaft, die ihre Kinder vernachlässigt, zerstört die einzige Grundlage, auf der ihre eigene Alterung würdevoll auffangbar wäre. Und weil die Entscheidenden (Rentner, Babyboomer) die Konsequenzen nicht mehr zu tragen haben werden, gibt es keinen automatischen demokratischen Korrektiv-Mechanismus. El-Mafaalani beschreibt hier einen Strukturfehler der Demokratie, der sich in der Alterung potenziert.
Verschwinden physischer Räume → Zwang in den digitalen Raum
▶ 8:33 — Kinder haben keine freien Entfaltungsräume mehr. Stadtplanung hat sie nie berücksichtigt, aber früher gab es eine größere gesellschaftliche Toleranz — Räume wurden akzeptiert, wenn Kinder und Jugendliche sie nutzten. In der alternden Gesellschaft verschwindet diese Toleranz.
Das Ergebnis: Kinder werden faktisch in den digitalen Raum gedrängt — nicht weil digitale Medien so überwältigend attraktiv sind, sondern weil die analoge Welt keine Alternativen mehr bietet.
„Ohne das zu wissen, brauchen wir gar nicht darüber reden, ob wir jetzt irgendwas verbieten. Der digitale Raum war das letzte Beruhigungsmittel, das Ablenkungsmittel davon, dass wir nicht mehr kinder- und jugendgerechte Räume haben. Wenn wir das verbieten, wird das eigentliche Problem ganz scharf sichtbar.”
Smartphones in Schulen zu verbieten ohne gleichzeitig die Schulen zu transformieren ist daher sinnlos — es entfernt das Symptomventil, ohne die Ursache zu adressieren.
Adultismus — die unsichtbare Diskriminierung
▶ 20:45 — Adultismus bezeichnet die Diskriminierung junger Menschen aufgrund ihres Alters. Es ist ein Begriff, den kaum jemand kennt. Im Gegensatz dazu ist Altersdiskriminierung — verstanden als Diskriminierung alter Menschen — ein etabliertes gesellschaftliches Thema, für das es Klagen, Urteile und Antidiskriminierungsstellen gibt.
Die Antidiskriminierungsstelle des Bundes hat gemessen: Das Diskriminierungsrisiko aufgrund des Alters ist bei jungen Menschen höher als bei Rentnern.
Das Muster ist einfach zu erklären: Wenn 100 alte Menschen über Diskriminierung sprechen können, aber nur 10 junge Menschen das gleiche Problem haben und kaum Artikulationsmacht besitzen — welches Thema landet auf der politischen Agenda?
Gute direkte Beziehungen, schlechtes gesellschaftliches Generationenverhältnis
▶ 30:39 — Ein soziologisch überraschendes Befund aus dem Buch: Die direkten Generationenbeziehungen (Kind–Eltern, Kind–Großeltern) sind so gut wie historisch praktisch nie. 70–85 % der 16-Jährigen würden ihre Kinder genauso erziehen wie sie selbst erzogen wurden.
Gleichzeitig werden das gesellschaftliche Generationenverhältnis und die politische Repräsentation der Jungen als extrem negativ bewertet.
El-Mafaalani deutet das als strukturelles Problem: Die guten direkten Beziehungen legen einen Mantel über die schlechten gesamtgesellschaftlichen Verhältnisse. Und sie nehmen den Jungen den wichtigsten Hebel für Rebellion: Man rebelliert gegen beschissene Zustände leichter, wenn man sich auch gegen die eigenen Eltern stellen kann. Wenn Mama und Papa total nett sind und alles versuchen — wogegen soll man dann kämpfen?
Die Babyboomer-Prägung vs. die GenZ-Erfahrung
▶ 39:50 — El-Mafaalani beschreibt zwei fundamental verschiedene generationale Grunderfahrungen:
Babyboomer: Waren immer zu viele — überfüllte Schulen, überfüllte Universitäten, Massenarbeitslosigkeit beim Berufseinstieg. Und: Es wurde immer besser. Jede Krise löste sich irgendwie. Die Grundüberzeugung: Das wird schon.
Heutige Junge (Jahrgang 2007 als Beispiel): Sind zu wenige — niemand sieht sie. Und: Es wurde nie besser. Pandemie, Energiekrise, Ukrainekrieg, Klimakrise — kein ruhiges Jahr, kein Erleben von Normalität. Die AfD hat es für sie immer gegeben. Sie haben Deutschland nicht als pünktlich, verlässlich und funktionierend erlebt.
„Die können gar nicht sich richtig vorstellen, dass das wirklich mal anders war. Das sind so alte Leute erzählen so ein Quatsch halt, ne? Ich übertreibe jetzt ein bisschen — aber nur damit man klar macht: Die haben substanziell andere Erfahrungen gemacht.”
Der Zukunftsrat — ein konkreter Reformvorschlag
▶ 50:27 — El-Mafaalani präsentiert einen strukturellen Lösungsansatz: einen Zukunftsrat aus jungen Menschen (10–20 Jahre), der jede Parlamentsentscheidung öffentlich kommentiert und bewertet.
Entscheidend: Das Parlament behält das letzte Wort. Der Zukunftsrat kann nicht blockieren. Aber er macht die Zukunftsperspektive öffentlich verpflichtend: Jede Entscheidung muss in einer öffentlichen Anhörung vor dem Zukunftsrat begründet werden.
El-Mafaalani erwartet zwei Effekte:
- Junge Menschen fühlen sich gesehen — allein schon weil alle Medien darüber berichten würden
- Politiker bekommen ein Korrektiv, das sie entlastet: Das Bundesverfassungsgericht hatte bei Klimaklagen die Rolle übernommen — und Politiker haben sich erleichtert gezeigt, weil es leichter ist, unpopuläre Maßnahmen mit einem Urteil zu begründen als sie selbst politisch durchzusetzen
„Die Demokratie hat immer schon das Problem, dass ihr die Zukunftsorientierung fehlt. Bei einer alternden Bevölkerung wird daraus auch noch eine starke Sicherheitsorientierung. Ein Zukunftsrat ist ein Korrektiv — die junge Minderheit in der alternden Gesellschaft kann wenigstens einmal ‘reinpfeifen’.”
Gewichtetes Wahlrecht als Idee
▶ 61:13 — Aus dem Publikum kommt der Vorschlag: Wahlrecht ab 16 als Lösung? El-Mafaalani rechnet nüchtern vor: Das Durchschnittsalter der Wahlberechtigten liegt bei ~55 Jahren. Wahlrecht ab 16 würde es auf ~55,2 senken. Das verändert strukturell nichts.
Sein Vorschlag: Gewichtetes Wahlrecht nach verbleibender Lebenserwartung. Wer mit 14 wählt, hat statistisch noch 66 Jahre vor sich — seine Stimme zählt entsprechend schwerer. Wer mit 79 wählt, hat noch 1 Jahr vor sich. Das wäre sogar fair: Jeder Mensch würde im Laufe seines Lebens durch alle Stufen dieses Gewichtungssystems gehen.
Praktisch: Ob das juristisch möglich ist, bleibt offen. Und ob eine Wählerschaft, die mehrheitlich alt ist, dafür stimmen würde, ihre eigenen Stimmen zu entwerten — eher unwahrscheinlich.
Gender Gap: Junge Männer in der Sinnkrise
▶ 56:37 — Auf eine Frage aus dem Publikum antwortet El-Mafaalani zur Verherrlichung alter Männlichkeit unter jungen Männern. Der Befund ist international und scharf: Die AfD ist Platz 1 bei jungen Männern, Die Linke ist Platz 1 bei jungen Frauen — dieser Gender Gap ist bei jungen Menschen stärker ausgeprägt als bei älteren Generationen.
Erklärung: Überall, wo sich Frauen emanzipiert haben, reagieren junge Männer mit einem Backlash. Ältere Männer haben den Emanzipationsprozess langsam mitgemacht und sich angepasst. Junge Männer sind damit direkt konfrontiert — Frauen, die klar sagen können: Ich brauche keinen Mann. Das erzeugt Orientierungslosigkeit.
Der Tiefpunkt: Südkorea, mit dem krassesten Gender Gap, hat eine Geburtenrate von 0,8 Kindern pro Frau.
„Wir haben sehr darauf geachtet, Mädchen und junge Frauen zu supporten. Vater von einem Sohn zu sein ist eine total schwere Sache, weil man nicht bedingungslos sagen kann ‘sei stark, verteidige dich’ — das wissen wir, worauf das hinausläuft. Wir haben Mädchen stark supportet und nicht so sehr geguckt, wie junge Männer eine gute Rolle finden können in diesem Ungleichgewicht.”
Eigene Einschätzung
Das ist ein kluger Punkt, der in feministischen Kreisen oft zu wenig Gehör findet: Emanzipation ist kein Nullsummenspiel, aber sie hinterlässt bei den Gruppen, die ihren relativen Status verlieren, reale Orientierungsprobleme — wenn keine neuen, attraktiven Männlichkeitsbilder angeboten werden. El-Mafaalani formuliert das ohne Täter-Opfer-Umkehr und ohne Frauenfeindlichkeit — er benennt ein strukturelles Vakuum. Das ist wichtig, weil die Lösung (positives Männlichkeitsbild) sehr anders aussieht als die Reaktion (Rückfall in alte Hierarchien).
Weiterführende Quellen
Aus der Video-Beschreibung:
- tazlab.de — taz lab Veranstaltungsreihe, El-Mafaalani ist 2026 erneut dabei
Buch:
- Aladin El-Mafaalani, Sebastian Kurtenbach, Peter Stromeier: Kinder — Minderheit ohne Schutz (2025, Kiepenheuer & Witsch)
Verbindungen
→ Yonatan Zeigen — A Place For Us All
Dieselbe analytische Bewegung an anderem Gegenstand: Zeigen liest die Mordwelle in der arabischen Gesellschaft Israels als Systemversagen statt Kultur — Diskriminierung in Bildung, Wohnen, Arbeitsmarkt treibt in die organisierte Kriminalität; das „so sind die eben“ verschleiert fehlenden Ressourcenzugang.
- Malala Yousafzai — Ein optimistischer Blick auf die Zukunft der Maedchenbildung — dieselbe Tischmetapher, angewandt auf Mädchen statt auf Kinder als demografische Minderheit: Malalas „Raum schaffen für Frauen an jenen Tischen, an denen über ihre Zukunft entschieden wird” ist El-Mafaalanis Mechanismus der Unsichtbarkeit — wer keine Stimme im Raum hat, dessen Anliegen „flutscht durch”. Malala zeigt die Budget-Logik konkret (Mädchenbildung wird in der Krise stillschweigend gestrichen), El-Mafaalani die strukturelle Theorie dahinter
- Aladin El-Mafaalani — Misstrauensgemeinschaften und was die AfD wirklich stoppt (taz FUTURZWEI-Talk) — derselbe Denker, zwei Bücher: dort Vertrauen/Misstrauen als politische Kraft, hier Demografie/Kindheit als blinder Fleck der Demokratie; beide Bücher erschienen 2025, beide diagnostizieren strukturelle Demokratieschwächen
- Hartmut Rosa — Resonanz und Unverfügbarkeit — Rosas Entfremdungsdiagnose findet ihren sozialen Ort hier: Kinder ohne physische Räume, in digitale Welten gedrängt, ohne verlässliche gesellschaftliche Institutionen — das ist Entfremdung nicht als philosophisches Konzept, sondern als empirisch messbare Lebensbedingung
- Manfred Spitzer — KI, Gehirn und Lernen — Spitzer und El-Mafaalani kommen aus verschiedenen Richtungen zum selben Befund: Smartphones sind nicht das Problem, sondern Symptom — El-Mafaalani: fehlende analoge Räume zwingen Kinder in den digitalen Raum; Spitzer: digitale Dauerreizung verändert Hirnentwicklung
- Jonathan Haidt — Die moralischen Wurzeln von Liberalen und Konservativen — Haidt analysiert ähnlich den Gender Gap in politischen Einstellungen, besonders bei jungen Generationen; El-Mafaalanis Beobachtung (AfD bei jungen Männern, Linke bei jungen Frauen) lässt sich mit Haidts moralischen Grundsystemen tiefer verstehen
- Jonathan Haidt — Kann ein gespaltenes Amerika heilen — Haidt diagnostiziert Stammesdenken und Polarisierung; El-Mafaalani zeigt, dass das bei jungen Männern besonders scharf ist — Orientierungslosigkeit + fehlende positive Männlichkeitsbilder als Einfallstor für autoritäre Angebote
- Wilhelm Heitmeyer — Die Durchrohung der Gesellschaft — Heitmeyers Verrohungsdiagnose (Kontrollverlust, fehlende gesellschaftliche Bindung) hat einen konkreten Ort: Kinder ohne Räume, ohne Sichtbarkeit, ohne politische Stimme — das ist die gelebte Grundlage der Roheitskultur
- Hannah Arendt — Denken ohne Geländer — Arendts Begriff der Natalität (jedes Kind bringt Neuanfang in die Welt) bekommt eine bittersüße Note: Eine Gesellschaft, die ihre Kinder nicht sieht, beraubt sich der einzigen echten Quelle von Erneuerung
- Heiner Flassbeck — Krise und Rechtsruck — Flassbeck erklärt den Rechtsruck ökonomisch; El-Mafaalani ergänzt: Junge Männer, die nie Normalität erlebt haben und deren Rolle in der Gesellschaft unklar ist, sind besonders anfällig für autoritäre Männlichkeitsangebote — das ist die psychosoziale Seite des ökonomischen Rechtsrucks
- Erich Fromm — Haben oder Sein — Fromms Analyse, dass unsere Gesellschaft den Haben-Modus über den Sein-Modus stellt, trifft El-Mafaalanis Argument direkt: Adultismus ist strukturell ein Haben-Problem — Kinder haben keinen Besitz, keine Lobby, keine Wahlstimme — also zählen sie nicht. Kindheit als Seinsform ohne Marktwert
- Eva von Redecker — Dieser Drang nach Härte — Redeckers Härtephantasien verbinden sich mit El-Mafaalanis Gender Gap: Junge Männer, die in digitalen Räumen sozialisiert werden und physisch marginalisiert sind, sind besonders anfällig für Härtediskurse (Musk-Männlichkeit, digitale Masculinity-Kultur) — zwei Perspektiven auf denselben gesellschaftlichen Riss
- Philip Manow — Autoritäre Zeiten: Die Macht der Wähler — Manow zeigt, wie demografische Mehrheiten Demokratien von innen aushöhlen; El-Mafaalani konkretisiert das: Babyboomer-Interessen werden strukturell als der demokratische Wille codiert — kein Versagen von Einzelpersonen, sondern institutionelles Design
- ARTE — Neurodivers Anders denken besser arbeiten — Die Reportage konkretisiert El-Mafaalanis “strukturelle Außenseiter” am Beispiel Neurodivergenz: Großraumbüros, Webcam-Pflicht und normierte Bewerbungsprozesse filtern systematisch aus — nicht durch böse Absicht, sondern durch Systemdesign. Der Adultismus-Begriff lässt sich direkt auf Ableismus übertragen
- Andreas Zimpel — Neurodiversität — El-Mafaalani zeigt Kinder als systematisch diskriminierte Gruppe; Zimpel zeigt, dass dieses Muster sich innerhalb der Kindergruppe fortsetzt: neurodiverse Kinder werden nicht nur als jung, sondern als falsch denkend behandelt. Beide diagnostizieren, dass das Bildungssystem Differenz als Defizit codiert — El-Mafaalani erklärt die sozialstrukturelle Mechanik, Zimpel die neurowissenschaftliche.
- Petersdorff und Seydack — Wie wir unsere Leichtigkeit retten — Generationengerechtigkeit: die erste Generation, der es schlechter geht als den Eltern.
- Markus Gabriel — Universelle Moral — Gabriel und El-Mafaalani treffen sich beim Thema Kinderrechte: Gabriel geht weiter und fordert Kinderwahlrecht, weil Kinder moralisch innovativer seien als Erwachsene












