Gekaperte Zeichen

Worum es geht

Ein Zeichen kann sich nicht wehren — es gehört dem, der es am sichtbarsten benutzt. Aber nur so lange, wie die anderen es hergeben. Dieses Panorama beginnt bei einer Handbewegung, die ich nicht lassen will, und wandert durch die Geschichte der gekaperten Symbole: den amerikanischen Flaggengruß, der zum Hitlergruß wurde, das Glückszeichen, das zum Hakenkreuz wurde, den Comic-Frosch, das Glaubensbekenntnis, das Polohemd. Und durch die Gegenrichtung — denn Kaperung ist keine Einbahnstraße.


Die Hand, die nicht aufhören will

Ich mache dieses Zeichen seit Jahrzehnten. Daumen und Zeigefinger zum Kreis, drei Finger gestreckt: passt, alles gut, genau so. Es kommt vor dem Denken — die Hand ist schneller als jede Nachricht, die ich je über sie gelesen habe. Und seit einiger Zeit ertappe ich mich dabei. Nicht, weil sich an meiner Hand etwas geändert hätte. Sondern weil ich weiß, dass es Augen geben könnte, die darin etwas anderes lesen. Und weil ich äußerlich in ein Raster passe — älterer weißer Mann —, das diese Lesart wahrscheinlicher macht.

Das ist ein mulmiges Gefühl, und ich will es nicht wegreden. Ich will es verstehen. Denn was mir da passiert, ist kein Einzelfall — es ist einer der ältesten Vorgänge der Symbolgeschichte, und er hat ein Muster.

Der Hoax, der wahr wurde

Das OK-Zeichen ist der jüngste und vielleicht seltsamste Fall: Seine Vergiftung begann als Lüge über sich selbst. Im Februar 2017 rief ein anonymer Nutzer auf 4chan die „Operation O-KKK” aus — die Anweisung, soziale Medien mit der Behauptung zu fluten, das OK-Zeichen sei ein Geheimcode für „White Power”. Erklärtes Ziel: Journalisten und Bürgerrechtler dazu bringen, eine harmlose Alltagsgeste als Hasssymbol zu „entlarven” — und sich dann über sie lustig zu machen (SPLC, ADL).

Die Kampagne funktionierte — und genau dadurch kippte sie. Rechte Figuren begannen, die Geste absichtlich zu zeigen, im Wissen um die Doppeldeutigkeit: maximale Provokation bei maximaler Abstreitbarkeit. Aus dem gespielten Symbol wurde ein echtes Erkennungszeichen mit eingebauter Ausrede. Im März 2019 zeigte der Christchurch-Attentäter die Geste bei seinem ersten Gerichtstermin in die Kameras — nach der Ermordung von 51 Menschen. Im September 2019 nahm die ADL das Zeichen in ihre Datenbank „Hate on Display” auf, mit der ausdrücklichen Einschränkung, dass die überwältigende Mehrheit der Verwendungen harmlos bleibt (NPR, ADL-Eintrag).

Die Simulation eines Hasssymbols ist zum Hasssymbol geworden, ohne dass es je ein Original gab.

Weitergedacht

Wenn ein Symbol durch die bloße Behauptung seiner Vergiftung vergiftet werden kann — wer hat es dann vergiftet: die Trolle, die logen, oder die Öffentlichkeit, die die Lüge durch ihre Empörung beglaubigte?

Das Panorama: eine kurze Geschichte der Kaperung

Der Gruß, den Amerika aufgab. Von 1892 bis 1942 grüßten amerikanische Schulkinder ihre Flagge mit ausgestrecktem Arm — der „Bellamy-Gruß” zum Pledge of Allegiance. Die Geste war nie wirklich römisch; sie stammt aus Historienmalerei und Theater des 18. und 19. Jahrhunderts, eine erfundene Tradition. Dann übernahmen sie Mussolinis Faschisten, dann die NSDAP. Im Dezember 1942, mitten im Krieg gegen die Männer mit dem gestreckten Arm, änderte der US-Kongress per Gesetz den Flaggengruß: Hand aufs Herz. Eine ganze Nation gab ihre eigene Geste auf, weil der Feind sie trug. Es ist die vollzogene Kapitulation — die Blaupause dessen, was das mulmige Gefühl von mir verlangt.

Das Glückszeichen. Die Swastika ist der Archetyp: Jahrtausende ein Segens- und Glückssymbol in Hinduismus, Buddhismus und Jainismus, daneben in europäischer Volkskunst, auf Carlsberg-Flaschen, an finnischen Flugzeugen, am Ärmel einer US-Infanteriedivision. 1920 machte die NSDAP sie zu ihrem Emblem — und im Westen war sie danach unrettbar. Aber nur im Westen: In Indien oder Japan hängt das Zeichen bis heute segnend über Türen. Eine Kaperung kann total sein und trotzdem an einer Kulturgrenze enden. Bedeutung wohnt nicht im Zeichen — sie wohnt in den Augen, die es lesen, und die Augen sind verschieden.

Das geplünderte Erbe. Die SS bediente sich systematisch an germanischen Runen — Odal, Sig, Wolfsangel — und erfand in der Wewelsburg die „Schwarze Sonne” gleich ganz dazu. Hier wurde nicht ein einzelnes Zeichen gekapert, sondern ein ganzer Kulturvorrat: Wer heute Runen trägt, trägt die Beweislast mit. Der Kühnengruß wiederum zeigt die Gegenbewegung — von Neonazis erfunden, um das Verbot des Hitlergrußes zu umgehen. Symbole entstehen auch im Schatten von Verboten nach; die Kaperung findet immer eine nächste Form.

Der Frosch. Pepe, Matt Furies gutmütiger Comic-Frosch von 2005 („feels good man”), wurde ab 2015 von der Alt-Right übernommen und landete 2016 auf der ADL-Liste. Furie wehrte sich, wie sich noch kein Urheber gewehrt hat: Er ließ seine Figur öffentlich sterben, prozessierte gegen die Verwerter. Und dann die Pointe, die niemand geplant hat: 2019 adoptierten die Demokratie-Proteste in Hongkong denselben Frosch als Freiheitssymbol — die amerikanische Vergiftung war dort schlicht unbekannt. Dasselbe Bild, im selben Jahr: in Washington ein Hasssymbol, in Hongkong ein Zeichen des Widerstands.

Das Glaubensbekenntnis. Der vielleicht größte lebende Fall: Der IS setzte die Schahada — das zentrale Bekenntnis von zwei Milliarden Muslimen — auf seine schwarze Fahne. Seither löst der heiligste Satz einer Weltreligion, und ein Alltagsgebet wie „Allahu akbar”, in westlichen Ohren Alarm aus. Mein mulmiges Gefühl, milliardenfach skaliert: Menschen, deren innerstes Zeichen von Mördern getragen wurde und die nun jeden Tag entscheiden müssen, ob sie es hergeben.

Der Stoff am Körper. Nichts ist zu banal, um Code zu werden: Die Proud Boys machten das schwarz-gelbe Fred-Perry-Polo zur Uniform, bis die Marke es 2020 in Nordamerika aus dem Verkauf nahm — bittere Ironie, denn Fred Perry war Sohn eines Labour-Abgeordneten, und das Polo war eine Ikone der multikulturellen Ska- und Mod-Szene. Die Boogaloo-Bewegung kaperte Hawaii-Hemden. Nach dem Attentäter von Charleston wurde sogar ein Haarschnitt zum Erkennungszeichen. Die Kaperung braucht kein Symbol — sie macht sich eines.

Weitergedacht

Die Trolle von 2017 wählten das OK-Zeichen gerade weil es jeder benutzt — die Allgegenwart war der Witz. Ist ein Zeichen umso leichter zu kapern, je unschuldiger es ist? Und was sagt das über die Verteidigungsfähigkeit des Alltäglichen?

Die Mechanik: Wem gehört ein Zeichen?

Legt man die Fälle nebeneinander, tritt das Muster hervor. Ein Zeichen hat keine Verteidigung. Es kann nicht widersprechen, nicht klarstellen, nicht klagen. Seine Bedeutung liegt vollständig im Gebrauch — und im öffentlichen Gedächtnis gewinnt der Gebrauch, der am sichtbarsten ist. Sichtbarkeit aber wird durch Gewalt gewichtet: Ein Attentäter vor laufender Kamera wiegt schwerer als eine Milliarde Taucher, Köche und Großväter. Das ist die eigentliche Asymmetrie — eine winzige Minderheit kann die Lesart einer Mehrheit kippen, weil der Schrecken sich tiefer einbrennt als der Alltag.

Und die Kaperung zielt gar nicht auf das Zeichen. Sie zielt auf die Vielen. Der Gewinn der Trolle war nie der Kreis aus Daumen und Zeigefinger — der Gewinn war das mulmige Gefühl der Arglosen: dass Millionen Menschen ihre eigene Hand verdächtig finden, dass eine Nation ihren Flaggengruß abschafft, dass Muslime ihr Bekenntnis leiser sprechen. Wer ein Zeichen kapert, enteignet nicht ein Symbol, sondern die Selbstverständlichkeit derer, die es trugen. Die Skrupellosen gewinnen ein Erkennungszeichen; die Skrupelhaften verlieren ein Stück Unbefangenheit. Das Unbehagen befällt ausschließlich die, die nichts zu verbergen haben — es ist das Gewissen derer, die keins bräuchten.

Es ist derselbe Vorgang, den Wer die Begriffe prägt für Worte beschreibt, nur eine Schicht tiefer: Begriffe kann man umkämpfen, indem man spricht. Gegen die Umdeutung einer Geste hilft kein Gegenargument — man kann sie nur weiter benutzen oder hergeben.

Die Gegenrichtung: Zeichen kommen zurück

Wäre das die ganze Geschichte, wäre sie nur bitter. Sie ist es nicht.

Der Rosa Winkel wurde von den Nazis erfunden — als KZ-Stigma für homosexuelle Häftlinge, ein Zeichen der Vernichtung, so vergiftet, wie ein Zeichen nur sein kann. In den 1970er- und 80er-Jahren nahm die Schwulenbewegung es sich zurück: ACT UP stellte den Winkel auf die Spitze und schrieb „Silence = Death” darunter. Aus dem Stigma wurde ein Banner. Der Fluss kehrte sich um — nicht durch Vergessen, sondern durch bewusstes, kollektives, beharrliches Anders-Tragen.

Und Pepe in Hongkong zeigt, dass die Umkehr nicht einmal Absicht braucht: Manchmal wäscht schlicht ein anderer Kontext das Zeichen rein. Bedeutung ist vergänglich — anicca gilt auch für Symbole, und zwar in beide Richtungen. Die Kaperung ist kein Todesurteil, sondern ein Zustand. Auch das Hakenkreuz ist im Westen nicht „von Natur aus” verloren, sondern so lange, wie das Gedächtnis der Verbrechen es trägt — was in diesem Fall sehr, sehr lange richtig so ist.

Zurück zur Hand

Was heißt das alles für den Kreis aus Daumen und Zeigefinger?

Die Geschichte kennt beide Wege. Amerika hat 1942 seinen Gruß hergegeben — verständlich, im Krieg, gegen ein übermächtig gewordenes Gegenzeichen. Die Schwulenbewegung hat ihren Winkel zurückgeholt. Zwischen diesen Polen liegt meine Hand. Und ich glaube, die Antwort liegt in der Asymmetrie der Zahlen: Die böswillige Verwendung des OK-Zeichens ist verschwindend gegenüber der arglosen — jedes „passt” an der Käsetheke, jedes 👌 in einer Nachricht hält die alte Bedeutung am Leben. Wer die Geste aufgibt, vollendet die Operation der Trolle; wer sie weiterbenutzt, erdrückt sie zahlenmäßig. Die alte Bedeutung wird nicht dadurch bewahrt, dass man das Zeichen meidet, sondern dadurch, dass der Alltag die Vergiftung überstimmt.

Das mulmige Gefühl bleibt trotzdem — und es darf bleiben. Es ist der Schaden der Operation, der bei mir ankommt, und es wäre unehrlich, ihn wegzumeditieren. Aber ich kann ihn genau anschauen: Was mich stört, ist nicht, dass ich etwas Falsches tue — ich weiß, was meine Hand meint. Mich stört die Möglichkeit, falsch gelesen zu werden, von einem Betrachter, der noch gar nicht da ist. Das ist aushaltbar. Und es ist, nebenbei, ein kleines unfreiwilliges Fenster in eine Erfahrung, die andere seit Jahrhunderten in ungleich härterer Form machen: mit einem Körper gelesen zu werden, den man sich nicht ausgesucht hat.

Die Hand macht das Zeichen weiter. Sie weiß, was sie meint.


Verbindungen


Weiterdenken

Was Sokrates vielleicht gefragt hätte

  • Amerika gab 1942 seinen Flaggengruß her, die Schwulenbewegung holte ihren Winkel zurück — woran erkennt man, wann Hergeben Weisheit ist und wann Kapitulation?
  • Wenn Bedeutung im Auge des Betrachters wohnt und die Betrachter verschieden sind — gibt es dann überhaupt „das” Symbol, oder immer nur so viele Zeichen, wie es Lesarten gibt?
  • Die ADL listet die Geste und betont zugleich, dass fast alle Verwendungen harmlos sind — kann eine Warnung vor einem Code den Code stärker machen als der Code selbst? Wo liegt die Verantwortung derer, die Symbole katalogisieren?
  • Mein Unbehagen entsteht, weil mein Körper zum Kontext meiner Geste wird — welche Gesten, Worte, Zeichen trage ich umgekehrt unbefangen, die für andere Körper längst riskant sind?
  • Wenn eine winzige, gewalttätige Minderheit die Lesart einer Milliarde kippen kann — ist die Öffentlichkeit dann Opfer der Kaperung, oder ihr wichtigster Komplize?