Worum es geht
Ein Energieprofessor erobert ein Wort zurück: Wer sein Land liebt, macht es unabhängig — von Öl, Gas und den Kriegen, die an ihnen hängen. Michael Sterner hält vor einem Erlanger Podium mit CSU, SPD und Grünen einen Klartext-Impuls: Die fossile Abhängigkeit kostet Deutschland Frieden, Freiheit und Milliarden — und die aktuelle Energiepolitik (EEG-Novelle, Kraftwerksgesetz, Heizungsgesetz) bremst ausgerechnet das, was uns befreien würde. Kein grünes Pathos, sondern die nüchterne Rechnung eines Mannes, der vom Bauernhof kommt und Energiespeicher erforscht.
Anlass — Nikola-Tesla-Tag / Global Energy Independence Day
Diese Note entstand am 10. Juli, dem Geburtstag Nikola Teslas (1856) — auf den 2006 der Global Energy Independence Day gelegt wurde: der Tag der Energie-Unabhängigkeit. Teslas Traum war nie das Patent, sondern die Befreiung: Energie, die niemandem gehört und darum niemanden erpressbar macht. Sterners Impuls ist die deutsche Gegenwartsfassung genau dieser Frage — wem gehört die Kraft, von der alle leben?
Quelle: Energiewende ist gelebter Patriotismus — Klartext zur Energiepolitik (Impuls zur Podiumsdiskussion des Vereins Energiewende Erlangen, Juli 2026)
Wer spricht?
Michael Sterner (1974) — Professor für Energiespeicher und Energiesysteme an der OTH Regensburg, Mitentwickler des Power-to-Gas-Konzepts, Mitglied des Bayerischen Energiebeirats. Autor zweier Springer-Standardwerke zu Energiespeichern; kommuniziert auf YouTube parteiunabhängig und wissenschaftsbasiert über Energiepolitik — und geriet dabei schon persönlich mit Wirtschaftsministerin Katharina Reiche aneinander.
Inhalt
Die Rechnung beginnt mit einem Krieg
▶ 0:12 — Sterner steigt nicht mit Klimakurven ein, sondern mit Geopolitik: Der Angriffskrieg auf den Iran zeige „one more time”, wie abhängig Deutschland von Kohle, Öl und Gas und deren Lieferwegen ist. Die Folgen sind unmittelbar wirtschaftlich — Auftragsschwund, Verletzlichkeit — und sie sind selbstverschuldet, denn diese Abhängigkeit wird auch noch bezahlt:
„Das kostet uns nicht bloß Frieden und Freiheit, sondern wir finanzieren das Ganze noch und subventionieren es mit 60, 70 Milliarden jedes Jahr.” ▶ 0:45
Daraus folgt sein erster Frontalangriff, der sich direkt an die Sicherheitsdebatte richtet: Wer Verteidigungsfähigkeit will, muss die fossilen Subventionen abschaffen — „weil die tragen zu Unfrieden auf der Welt bei”. Das ist eine bemerkenswerte Verschiebung: Energiepolitik wird hier nicht als Umwelt-, sondern als Sicherheitspolitik verhandelt. Die Energiewende steht in dieser Logik nicht neben der Zeitenwende, sondern in ihr.
Ein Wort wird zurückerobert
▶ 2:16 — Der Kern des Impulses ist eine Umdeutung. „Patriotismus” ist im deutschen Diskurs ein besetztes Wort — wer es benutzt, zitiert meist eine Abgrenzung nach außen. Sterner dreht es um:
„Das Ganze ist keine grüne Ökospinnerei. Es ist einfach nur gelebter Patriotismus. […] Der Klimawandel zerstört unsere Wälder, unsere Ernten, unsere Zukunft, unsere Wirtschaft, unsere Heimat.”
Und dann der Kniff: Dieser Satz stammt gar nicht von ihm, sondern — wie er betont — vom Bauernverband. Sterner leiht sich die Autorität einer Institution, die niemand als grün verdächtigt, und verankert sie in der eigenen Biografie: Er kommt selbst aus der Landwirtschaft. „Du musst gut mit der Erde umgehen, weil die ernährt dich.” Die Erde erscheint bei ihm als Lebewesen, mit dem man Frieden schließen muss — ein Gedanke, der eher nach indigener Kosmologie klingt als nach Ingenieurwissenschaft, hier aber bäuerlich geerdet daherkommt: Stellen Sie sich vor, die Erde würde so mit uns umgehen wie wir mit ihr.
Weitergedacht
Wenn Heimatliebe logisch zum Klimaschutz führt — warum haben dann ausgerechnet die Parteien, die „Heimat” am lautesten im Munde führen, die Energiewende zum Feindbild erklärt? Ist das Wort verloren, oder war es nie ernst gemeint?
Vier Schritte, die man kennt — und trotzdem nicht geht
▶ 3:03 — Der wissenschaftliche Teil ist bewusst unspektakulär. Die Simulationen seiner Forschungsgruppe deckten sich mit den übergreifenden Studien, und sie ergeben vier Schritte: Erstens Energieeffizienz in allen Sektoren. Zweitens 100 % erneuerbarer Strom — „und das geht”. Drittens Elektrifizierung von Wärme, Verkehr und Industrie, so weit es geht. Viertens der Rest über Biomasse, Wasserstoff und Power-to-X.
„Auch hier: alle Lösungen sind da, ist es wirtschaftlich.”
Das Bemerkenswerte an dieser Liste ist ihre Unumstrittenheit — sie entspricht dem, was Energiesystemforschung seit Jahren sagt. Die Pointe liegt im Satz danach: „Die globale Verantwortung beginnt bei uns selbst.” Der Streit, den Deutschland führt, ist kein Erkenntnisstreit. Er ist ein Umsetzungsstreit — und genau dort setzt Sterners Kritik an der aktuellen Gesetzgebung an.
EEG-Novelle: Marktwirtschaft, aber bitte ganz
▶ 3:49 — Die EEG-Novelle fördere die zentrale Energieversorgung statt der dezentralen — und koste damit private Investitionen. Die feste Einspeisevergütung für Anlagen unter 25 kW soll fallen; Sterner kann damit sogar leben („das meiste läuft über Eigenverbrauch”), aber dann müsse die Marktseite auch funktionieren:
„Wenn ich dann meinen Strom verkaufen möchte, dann muss ich das auch können. Das heißt, ich brauche Smart Meter in den Häusern — und wir sind bei 5 % Ausbaustand, europaweites Schlusslicht.”
Wer die Förderung streicht, ohne den Markt zu öffnen, betreibe selektive Marktwirtschaft. Noch schwerer wiegt für ihn die Streichung des Strommengenpfads: Ohne ihn fehle die Grundlage für Wind- und Solarausschreibungen, für die Netzausbauplanung, für die Investitionssicherheit des Handwerks — und für jede Kontrolle, ob die gesetzlich verankerten Klimaziele überhaupt erreicht werden. Ein Land, das seine Zielpfade streicht, läuft „ohne Kompass in die Zukunft”. Und selbst die Landwirtschaft hängt mit drin: Wer Agri-Photovoltaik vermeidet, erhöht den Flächendruck, die Pachten — und am Ende die Lebensmittelpreise. Sterners Refrain: alles miteinander verbunden denken, nicht einzeln isoliert.
Schildkröte und Hase: das Netz-Dilemma
▶ 5:19 — Für das Verhältnis von Erneuerbaren und Netzen findet Sterner das Bild der Fabel: Die Erneuerbaren sind der Hase, vorangelaufen; der Netzausbau die Schildkröte. Die Aufgabe wäre, die Schildkröte aufs Tempo des Hasen zu bringen —
„— und nicht den Hasen zu bremsen, dass er im Schildkrötentempo dahinkriecht.”
Genau das aber täten kapazitätslimitierte Gebiete ohne Netzanschluss-Anspruch und ohne Entschädigung bei Abregelung: „Das ist der Tod für jede Investition. Du bekommst keine Bank hinterm Ofen hervor.” Sterner räumt dabei die Gegenposition ehrlich ein — es ergebe wenig Sinn, Wind und Sonne dort auszubauen, wo nichts mehr integriert werden kann. Aber die Antwort darauf heiße digitalisieren, flexibilisieren, speichern, nicht abriegeln. Als historisches Lehrstück dient ihm Horst Seehofer, der im Raum Erlangen/Nürnberg gegen Stromtrassen protestierte: zehn Jahre Verzögerung, Erdverkabelung, vier- bis achtfache Kosten — „verfehlte Energiepolitik. Man muss es so klar benennen.” Und dann, fast überraschend, ein Lob: Dass Freileitungen jetzt wieder Vorrang haben — „Danke, Union, das ist wirklich was, was Sinn macht.” Der Mann verteilt seine Urteile nicht nach Parteibuch.
Kraftwerksgesetz und Heizungsgesetz: zwei offene Rechnungen
▶ 6:49 — Redispatch und Reservekraftwerke kosten inzwischen drei bis vier Milliarden Euro jährlich — vermeidbar durch Speicher und Flexibilität. Sein Appell zum Kraftwerksgesetz:
„Bitte technologieneutral und im Wettbewerb. Warum muss es auf Gaskraft verengt werden? Da gibt’s keine technische Begründung dafür.”
Batteriespeicher und Pumpspeicher könnten Stunden und Tage genauso ausgleichen — rein privatwirtschaftlich finanziert, ohne Subvention, die den Strompreis für alle verteuert. Grüne Gase in Kraft-Wärme-Kopplung brauche man erst in zehn, zwanzig Jahren für die langen Zeiträume. Hier spricht der Speicherforscher in eigener Sache — aber mit einem Argument, das schwer zu entkräften ist: Wer „Technologieoffenheit” fordert und dann ein einziges Gaskraftwerks-Design fördert, meint nicht Offenheit, sondern Auswahl.
Beim Heizungsgesetz wird er am schärfsten: Dass ins Gesetz geschrieben werde, ab 2045 dürfe weiterhin Öl und Gas in Heizungen verbrannt werden, sei „im Endeffekt schon im Gesetz Verfassungsbruch” — eine Anspielung auf den Klimabeschluss des Bundesverfassungsgerichts. Grünes Gas und grünes Öl seien als Option legitim, aber kosten- und mengenlimitiert; die Option der Wahl bleibe für die meisten die Wärmepumpe. Und die soziale Flanke benennt er gleich mit: Mieter dürften nicht stärker zur Kasse gebeten werden als Vermieter.
Weitergedacht
Sterner fordert, jedes Gesetz vor Verabschiedung wissenschaftlich auf seine Folgen prüfen zu lassen — das Instrumentarium existiert. Was sagt es über eine Demokratie, wenn sie ihre Gesetze lieber ungetestet beschließt? Wessen Freiheit schützt das Nichtwissen?
Hoffnung statt Kulturkampf
▶ 8:53 — Der Schluss verlässt die Fachpolitik. Glaubt wirklich jemand, fragt Sterner, dass dies die letzte Öl- und Gaskrise war? Die letzten fünfzig Jahre kennen die Antwort. Der größte deutsche Beitrag zum Frieden sei die eigene Energiewende — und dann der Satz, der den ganzen Impuls rahmt:
„Mutig voranzugehen mit Hoffnung, statt mit Hass und Hetze das Land zu überziehen und in den Kulturkampf zu gehen. […] Lasst uns doch gemeinsam diese Energiewende als Team meistern.”
Das ist mehr als Rhetorik. Sterner diagnostiziert präzise, woran die Energiewende derzeit tatsächlich hängt: nicht an Technik (die ist da), nicht an Wirtschaftlichkeit (die rechnet sich), sondern daran, dass sie zum Stellvertreterobjekt eines Kulturkampfs geworden ist — Wärmepumpe gegen Heimat, Windrad gegen Identität. Seine Antwort ist die Rückeroberung des Vokabulars: Wer die Begriffe Heimat, Freiheit, Frieden und Patriotismus den Bremsern überlässt, hat den Streit verloren, bevor er geführt ist.
Faktencheck
Bestätigt — Fossile/klimaschädliche Subventionen 60–70 Mrd. €
Deutschland stützt fossile bzw. umweltschädliche Energienutzung mit einer Größenordnung von rund 60–70 Milliarden Euro jährlich. Das Umweltbundesamt bezifferte die umweltschädlichen Subventionen zuletzt auf gut 65 Mrd. € pro Jahr, davon der Löwenanteil auf Verkehr und Energiebereitstellung. Sterners Zahl liegt genau in diesem Korridor. Präzisierung: Es ist die breite Kategorie „umweltschädlich/klimaschädlich”, nicht ausschließlich eng definierte Direkt-Subventionen für fossile Kraftwerke. Quelle: Umweltbundesamt — Umweltschädliche Subventionen · taz: Mehr Milliarden für Fossile (06/2026)
Bestätigt — 1,1 Mrd. Kinder durch die Klimakrise bedroht
Rund 1,1 Milliarden Kinder — fast die Hälfte aller Kinder weltweit — sind laut UNICEF durch mindestens drei sich überlagernde Klimagefahren (Hitzewellen, Wasserknappheit, Überschwemmungen, Luftverschmutzung u. a.) bedroht; die Zahl stammt aus dem UNICEF-Kinderklimarisiko-Index. Quelle: UNICEF — Children’s Climate Risk Report (2026) · UNICEF: One billion children at extremely high risk
Bestätigt — Naturkatastrophenschäden 200–300 Mrd. € jährlich
Munich Re verzeichnete 2025 rund 224 Mrd. US-Dollar Gesamtschaden durch Naturkatastrophen, der inflationsbereinigte Zehnjahresschnitt liegt bei 266 Mrd. USD. Nuance: Es sind die Gesamtschäden aller Naturkatastrophen — nicht jeder Euro ist dem Klimawandel kausal zuzuordnen, doch der wetterbedingte Anteil (2025: 92 %) und die steigende Tendenz tragen den Kern der Aussage. Quelle: Munich Re — Naturkatastrophen-Bilanz 2025
Bestätigt — Smart-Meter ~5 %, Schlusslicht Europa
Der deutsche Smart-Meter-Ausbaustand lag Ende 2025 bei rund 5,5 % (ca. 3,1 Mio. intelligente Messsysteme). Im europäischen Vergleich ist Deutschland abgeschlagen: Dänemark, Schweden und die Niederlande sind nahezu flächendeckend ausgestattet. Quelle: energiezukunft — Aktuelle Zahlen zum Smart-Meter-Rollout (31.12.2025)
Vereinfacht — Seehofers Erdverkabelung: „10 Jahre Verzögerung", vier- bis achtfache Kosten
Der Kostenfaktor ist präzise: Erdkabel sind laut Bundesnetzagentur vier- bis achtmal teurer als Freileitungen. 2015 setzte die CSU unter Seehofer den Erdkabel-Vorrang für die Süd-Trassen durch; die fertige Planung musste neu aufgerollt werden. Die häufigste Schätzung der Verzögerung liegt aber bei ~5–6 Jahren (Inbetriebnahme von 2022/23 auf 2028 verschoben) — Sterners „~10 Jahre” ist der obere, dehnbare Rand, je nach Bezugspunkt vertretbar, aber nicht der Standardwert. Quelle: IWR — SuedOstLink: Bayerns Erdkabel-Verzögerungen und Milliarden-Mehrkosten
Vereinfacht — Redispatch + Reserve „3–4 Mrd. € aktuell"
Grob richtig, aber überzeichnet und veraltet: Das gesamte Netzengpassmanagement (Redispatch + Reservekraftwerke) kostete 2024 rund 2,78 Mrd. € — bereits 17 % weniger als 2023 (3,34 Mrd. €). Die 3–4-Mrd.-Spanne traf auf 2022/23 zu; die Kosten sinken seither. Da die Zahl Sterners Argument stützt, ist die Wahl der höheren, älteren Spanne nicht neutral. Quelle: cleanthinking — Faktencheck Redispatch-Kosten · CORRECTIV: Reiches „drei Milliarden weggeworfener Strom” ist irreführend
Bestätigt — Heizungsgesetz-Novelle erlaubt fossiles Heizen auch nach 2045
Der faktische Kern stimmt: Die Novelle (Gebäudemodernisierungsgesetz) streicht das Betriebsverbot für Öl- und Gasheizungen ab 2045 — fossile Anlagen dürften über das gesetzliche Klimaneutralitätsziel hinaus weiterlaufen. Mehrere Rechtsgutachten sehen darin einen Konflikt mit Art. 20a GG und dem BVerfG-Klimabeschluss 2021. Sterners „Verfassungsbruch” ist eine Wertung — nicht gerichtlich bestätigt, aber von mehreren juristischen Gutachten geteilt, keine bloße Zuspitzung. Quelle: erneuerbareenergien.de — Verstößt das GModG gegen die Verfassung? · Bundestag: Scharfe Kritik am Gebäudemodernisierungsgesetz
Bestätigt — EEG-Novelle: Aus für feste Einspeisevergütung <25 kW, Strommengenpfad gestrichen
Der Referentenentwurf sieht die Streichung der festen Einspeisevergütung für neue PV-Anlagen unter 25 kWp vor (geplant zum 01.01.2027); der bisher verankerte Strommengenpfad fehlt im Entwurf. Einschränkung: laufendes Verfahren, die Endfassung kann abweichen. Quelle: energiezukunft — Geleakte EEG-Novelle: Kleine Solaranlagen ohne Förderung · zfk — Merz stützt Reiches PV-Förderpläne
Weiterführende Quellen
Aus der Video-Beschreibung:
- Podiumsdiskussion des Vereins Energiewende Erlangen (komplett) — die Diskussion mit Vertretern von CSU, SPD und Grünen, zu der dieser Impuls gehörte
- SMARD — Strommarktdaten der Bundesnetzagentur — Datengrundlage der gezeigten Netzgrafiken
- Bundesnetzagentur — Monitoringberichte — Quelle der seit über zehn Jahren gepflegten „Sterner-Grafik”
- Michael Sterner, Ingo Stadler: Energiespeicher — Bedarf, Technologien, Integration (Springer) — das deutschsprachige Standardwerk
- Michael Sterner, Ingo Stadler (Hg.): Handbook of Energy Storage (Springer) — die internationale Ausgabe
Von Sherlock ergänzt:
- CORRECTIV — Heizungsreform 2026: Regierungsaussagen im Check — Faktencheck-Sammlung zu den GEG-/GModG-Behauptungen der Regierung
- UNICEF DATA — Children’s Climate Risk Report 2026 — Methodik und Länder-Ranking hinter der 1,1-Mrd.-Zahl
- ingenieur.de — Warum der Smart-Meter-Rollout stockt — Hintergrund zum deutschen Rückstand
- BWE — Faktencheck Redispatch (PDF, 04/2026) — differenzierte Aufschlüsselung der Netzengpass-Kosten
Verbindungen
→ republica26 — Wie gelingt die Energiewende
Die Schwester-Note desselben Tages — dasselbe Thema, andere Bühne. Wo Sterner appelliert, bringen Civey-Meinungsforscherin Mütze und Amprion-Chef Müller das nüchterne Innenbild. Müller lobt Reiches Problemdiagnose ausdrücklich, während Sterner ihre Lösungen zerlegt — dasselbe Yin-Yang der „erwachsenen Diskussion“: ein Problem anerkennen und die Lösung trotzdem ablehnen.
→ Gekaperte Zeichen
Das Panorama sammelt, wie Zeichen gekapert werden — Sterner führt die Gegenbewegung vor: die Rückeroberung. „Patriotismus”, „Heimat”, „Freiheit” den Bremsern zu entreißen ist die Umkehrung dessen, was mit gekaperten Symbolen geschah — mit umgekehrtem Vorzeichen. Beide Notes teilen dieselbe Einsicht: Bedeutung wohnt nicht im Wort, sondern in den Augen, die es lesen — und darum ist sie umkämpfbar.
→ Heizungshammer — wie ein erfundenes Wort ein Gesetz kippte
Zwei Notes über dasselbe Schlachtfeld — das Heizungsgesetz — von entgegengesetzten Enden. Die eine zeigt, wie ein erfundener Kampfbegriff das Gesetz diskursiv zerlegte; Sterner steht am anderen Pol und ruft, statt mit „Hass und Hetze” in den Kulturkampf zu gehen, das Vokabular zurückzuerobern. Der Heizungshammer ist die Waffe, gegen die Sterners „gelebter Patriotismus” die Antwort sein will.
→ Michael Sterner — Reiche gegen Marktwirtschaft
Derselbe Sprecher, dasselbe Kernargument eine Stufe konkreter: Wer „Technologieoffenheit” fordert und dann ein einziges Gaskraftwerks-Design fördert, meint Auswahl, nicht Offenheit. Was hier beim Kraftwerksgesetz nur angerissen wird, seziert die Reiche-Note als selektive Marktwirtschaft im Detail.
→ Michael Sterner — Energiewende-Studie und Reiche-Blockade
Hier taucht der Patriotismus-Frame schon im Keim auf („das muss dem letzten Patrioten einleuchten”), und das Muster der zurückgehaltenen Studie liefert die empirische Unterfütterung zu Sterners Forderung, jedes Gesetz vorab wissenschaftlich prüfen zu lassen.
→ Michael Sterner — Soeders Energie-Irrtum Faktencheck
Dieselbe rhetorische Bewegung gegen einen anderen Gegner: Söder delegitimiert 100 % Erneuerbare als „Vision, Traum, Hoffnung”, Sterner kehrt die Rahmung um. Der Patriotismus-Impuls ist das positive Gegenstück — dort widerlegt er den fossilen Realismus, hier besetzt er dessen Wertevokabular.
→ Volker Quaschning — Sprit-Abzocke und Ölabhängigkeit
Beide öffnen mit demselben geopolitischen Schock — Iran-Krieg, die Erpressbarkeit der fossilen Ökonomie. Quaschning zeigt den Marktmechanismus (warum global bestimmte Ölpreise auch Deutschland treffen), Sterner den Sicherheitsrahmen („kostet uns Frieden und Freiheit”). Zwei Energieprofessoren, dieselbe Diagnose, komplementäre Ebenen.
→ Tim Meyer und Jan Hegenberg — China Energiewende
Sterners Refrain „alle Lösungen sind da, es ist wirtschaftlich” bekommt hier sein Anschauungsbild — die vollzogene Transformation in China. Zugleich spannt sich der Widerspruch auf, den die Sokrates-Fragen stellen: Ist ein Deutschland, das Module und Zellen aus China bezieht, wirklich „unabhängiger”?
→ MONITOR — Energiewende rückwärts? Katharina Reiche und der E.ON-Lobbyismus
Sterner fragt am Ende: „Was genau verdient an der Verzögerung?” — MONITOR liefert die Recherche zur Antwort. Wo Sterner die Bremse als Kulturkampf-Objekt beschreibt, zeigt MONITOR das materielle Interesse dahinter. Diagnose und Motiv gehören zusammen.
Weiterdenken
Was Sokrates vielleicht gefragt hätte
- Wenn Unabhängigkeit das Ziel ist — wo endet sie? Ist ein Deutschland, das seine Solarmodule und Batteriezellen fast vollständig aus China bezieht, unabhängiger als eines, das Gas aus drei Kontinenten kauft?
- Sterner nennt die Energiewende „gelebten Patriotismus”. Kann man ein politisch vergiftetes Wort durch Umdeutung heilen — oder adelt man es damit nur für die, die es als Waffe führen?
- „Alle Lösungen sind da, es ist wirtschaftlich” — wenn das stimmt: Warum braucht es dann überhaupt noch Appelle? Was genau verdient an der Verzögerung?
- Die Erde als Lebewesen, mit dem man Frieden schließt — trägt dieses Bild eine Industriegesellschaft, oder ist es die fromme Randnote eines ansonsten technischen Programms?
- Wenn jedes Gesetz vorab wissenschaftlich auf Folgen geprüft werden soll: Wo bleibt dann der legitime Ort für politische Wertentscheidungen, die sich gerade nicht ausrechnen lassen?












