Quelle: re:publica 26 — Ganz normale Medien und ihr Beitrag zum Comeback des Faschismus

Wer spricht?

Leonhard Dobusch (Innsbruck/Wien) — Wirtschaftswissenschaftler und Professor für Betriebswirtschaftslehre (Organisation) an der Universität Innsbruck. Mitglied des ZDF-Verwaltungsrats und ORF-Stiftungsrats, Co-Gründer des Momentum Instituts. Forscht zu öffentlich-rechtlichen Medien, digitalen Gemeinschaften und demokratischer Resilienz. Zentrale These: Medien müssen strukturell gegen faschistische Narrative gefestigt werden — nicht durch Appeasement, sondern durch klare Haltung.

Nadia Zaboura (geb. 1979) — Deutsche Kommunikationswissenschaftlerin und preisgekrönte Medienkritikerin (Bert-Donnepp-Preis 2024). Co-Moderatorin des Podcasts quoted. der medienpodcast (SZ/Civis). Untersucht, wie strukturelle Medienlogiken — nicht böse Absicht — neofaschistischen Bewegungen Raum schaffen. Ihre These: Demokratie beruht auf Empathie und Resonanz, die manipulative Medien systematisch zerstören.

Beide präsentieren auf der re:publica 26 einen systematisch belegten Befund: Nicht nur rechtspopulistische Randmedien, sondern die strukturellen Logiken des Qualitätsjournalismus selbst tragen aktiv zum Erstarken neofaschistischer Politik bei.

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Inhalt

Die These: Ganz normale Medien als strukturelle Mittäter

▶ 0:03 — Den Einstieg bildet eine historiographische Analogie, die dem Vortrag seinen konzeptuellen Rahmen gibt. Dobusch und Zaboura beziehen sich auf Christopher Brownings Studie Ordinary Men (2000): Ein Hamburger Reservepolizeibataillon — keine überzeugten Nazis, keine Ideologen, sondern ganz normale Menschen mit normalen Jobs und Familien — wurde nach Polen abkommandiert und nahm aktiv an der Endlösung teil. Zwanzig Jahre später nahm der Organisationssoziologe Stefan Kühl dieselbe Einheit als Untersuchungsgegenstand und fragte: Welche organisationalen Strukturen machten das möglich? Sein verstörender Befund: Nicht nur die Männer waren gewöhnlich — auch die Organisationen, über die Massentötungen geplant und durchgeführt wurden, wiesen Merkmale ganz normaler Organisationen auf.

▶ 1:35 — Die Übertragung auf den heutigen Journalismus ist präzise formuliert:

„Unsere These heute ist, dass es eben nicht nur rechtsextreme Parteien und Medien sind, die für den Aufstieg von autoritären neofaschistischen Bewegungen verantwortlich sind, […] sondern ganz wesentliche Beiträge von ganz normalen Medien geleistet werden.”

Die analytische Stärke dieser Analogie liegt in ihrer Entlastung des Individuums: Es geht nicht um böswillige Journalisten oder ideologisch korrumpierte Redaktionen. Es geht um normale Berufslogiken — um Ethos, Professionalität, Karriereanreize —, die in ihrer Normalität problematische gesellschaftliche Effekte erzeugen. Das macht die Kritik schwerer abwehrbar (niemand kann sich als Ausnahme heraushalten) und gleichzeitig strukturell relevant: Nicht Einzelpersonen müssen sich in erster Linie ändern, sondern das System. In den Worten des Politologen und Medienforschers Kai Hafes: „Die Resonanz des Rechtspopulismus ist auch eine journalistische Konstruktion.”

Methode: Steel Manning als analytische Ehrlichkeit

▶ 4:38 — Die methodische Entscheidung des Vortrags ist so entscheidend wie die These selbst. Dobusch und Zaboura betreiben konsequentes Steelmanning: Sie nehmen nicht Boulevard-Medien, nicht Springer, nicht Alternativmedien — sondern ausschließlich Medien, die sich selbst als Qualitätsjournalismus verstehen und als Orientierungsmaßstab für andere Redaktionen gelten. Ihre Untersuchungsobjekte: New York Times und Tagesschau.

Das ist sowohl rhetorisch als auch analytisch klug. Wer die NYT und die Tagesschau als Problemfälle anführt, kann nicht als Medien-Basher oder Populismus-Sympathisant abgetan werden. Zugleich gilt: Wenn die anerkannten Qualitätsmedien dieselben strukturellen Muster zeigen, dann sind diese Muster systemisch — kein Versagen einzelner Redaktionen, sondern eine Eigenschaft des Journalismus-als-Institution.

„Wir haben losrecherchiert und haben mehr oder weniger die erstbesten Beispiele genommen. Da waren wir dann bei 100 Slides.”

Diese Nebenbemerkung ist analytisch bedeutsam. Die präsentierten Beispiele sind keine mühsam herausgefilterten Ausreißer, sondern Normalfälle. Die Muster tauchen bei der erstbesten Recherche auf — sie sind nicht seltene Ausnahmen vom Qualitätsstandard, sondern dessen regulärer Ausdruck.

Bewertungsverlagerung: „Umstritten” und „Kritiker sagen”

▶ 6:55 — Das erste und vielleicht subtilste Muster ist die Bewertungsverlagerung: Statt einen Sachverhalt journalistisch einzuordnen, wird er in eine vermeintlich neutrale Zone verschoben. Das prominenteste sprachliche Werkzeug dafür ist das Adjektiv umstritten:

„Umstritten raumt, wo Klarheit herrscht. Er verungenaut, wo Präzision geboten ist. Er entlastet Journalisten und Journalistinnen von der Bewertung konkreter Sachverhalte und Fakten.”

Konkret: Die Tagesschau framt Friedrich Merzens rassifizierende Stadtbild-Rhetorik als „umstritten” — obwohl Said Idris Hashimi, Überlebender des rassistischen Terroranschlags von Hanau, als Kronzeuge der realen Bedrohung vorliegt: „Menschen starben, weil sie dem Täter nicht ins Stadtbild passten.” Ein weiteres Beispiel: Israelische Siedlungen im Westjordanland werden in der Tagesschau als „umstritten” bezeichnet — obwohl der Internationale Gerichtshof ihren Status als klar illegal und als Verstoß gegen das Völkerrecht festgestellt hat. Das Adjektiv transformiert einen Rechtsverstoß in eine Meinungsverschiedenheit.

▶ 9:56 — Parallel dazu das Muster „Kritiker sagen”: Sachverhalte werden nicht journalistisch bewertet, sondern an externe „Kritiker” ausgelagert — ein Outsourcen von journalistischer Machtkritik auf externe Akteure. Ein NYT-Titel: „Kritiker beschweren sich, dass Italiens Regierung sich in die Künste einmischt.” Im Untertitel wird jedoch klar, dass das Kulturministerium Kunstexperten kurzerhand durch eigene Akteure ausgetauscht hatte — eine faktische Einmischung, die keiner „Kritiker” bedarf, um beschrieben zu werden. Die Umwegkommunikation verschleiert genau die Bewertung, die Journalismus leisten sollte. Besonders brisant: In den Tagesthemen wird Bild und News als Kronzeugen für „die vielen im Land” aufgeführt — mit ARD-Logo und ohne journalistische Einordnung als legitime Diskursakteure präsentiert.

Weitergedacht

Wer entscheidet, welche „Kritiker” zitierwürdig sind — und wer dadurch unsichtbar bleibt? Wenn Tagesthemen Bild und News als Stimme „der vielen” aufführt, ist das Bewertungsverlagerung — oder bereits aktive Normalisierung?

Bewertungsverweigerung: „Performing Balance by Practicing Bias”

▶ 13:02 — Das zweite strukturelle Muster ist die Bewertungsverweigerung durch falsche Balance und falsche Gleichsetzung. Ein eklatantes NYT-Beispiel: Ein Artikel vergleicht wohnungspolitische Vorschläge zweier Präsidentschaftskandidaten. Auf der einen Seite: steuerliche Bauanreize. Auf der anderen: Massendeportation von Menschen als Mittel zur Schaffung von Wohnraum. Beide werden als gleichwertige „Policy-Ideen” präsentiert:

„Remigration wird halt so zu einer normalen Policy-Idee.”

Dieser Mechanismus ist in seiner Wirkung besonders heimtückisch, weil er keine extremen Äußerungen erfordert. Der Vorgang der Normalisierung vollzieht sich im Gewand sachlicher Berichterstattung. Falsche Dichotomien funktionieren ähnlich: Die Tagesschau rahmt mit „guter Deal oder schlechter Deal?” — und bedient damit unweigerlich Trumps eigenen Dealmaking-Frame, unabhängig von den inhaltlichen Bewertungen der befragten Experten.

▶ 15:19 — Dobusch belegt historische Tiefe des Musters: Eine Studie von 2004 über US-Prestige-Media (NYT, LA Times, WSJ, WaPo) zeigt, dass über die Hälfte der Klimaberichte „ausbalanciert” war — also eine nicht-existente Kontroverse über gesichertes Wissen konstruierte. Zwanzig Jahre später zeigt Ayala Panievsky (2021/22) dasselbe Muster für rechtspopulistischen Bewegungen. Ihre Formel benennt das Paradox präzise: „Performing balance by practicing bias”.

„Es ist nicht die ideologische Voreingenommenheit der Journalistinnen und Journalisten, die zu Bias führt, sondern eine Kombination aus Ethos, einem imaginierten Publikum und wahrgenommenen Machtverhältnissen.”

Das ist der konzeptuelle Kern des Vortrags: Gerade weil Journalisten versuchen, unparteiisch zu sein, erzeugen sie systematisch einen Bias zugunsten problematischer Positionen. Der gute Wille ist die Quelle des Problems.

Doppelstandards, Auslassung und Sain-Washing

▶ 17:36 — Das dritte Muster liegt in der inkonsistenten Anwendung journalistischer Maßstäbe je nach Akteur und Geopolitik. Zaboura zeigt anhand zweier NYT-Titel: Russlands Kriegsstrategie in der Ukraine wird als „Nutzung von Hunger als Kriegswaffe” bezeichnet — eine im Recht verankerte Tatsachenfeststellung. Israels vollständige Blockade humanitärer Güter nach Gaza wird hingegen als „stoppt alle Hilfsmittel” gerahmt — eine Formulierung, die die völkerrechtliche Dimension der kollektiven Bestrafung einer illegal okkupierten Bevölkerung vollständig ausblendet.

▶ 20:42 — Parallel läuft das Muster des Sain-Washings: Trump droht dem Iran öffentlich mit der Vernichtung seiner Kraftwerke. Die NYT titelt: „Trump eskaliert Drohung, iranische Kraftwerke zu treffen.” Die Tagesschau titelt: „Trump gibt Iran Zeit bis Dienstag.” Dass es sich bei der Drohung um die Ankündigung eines Kriegsverbrechens handelt, erscheint weder im Titel noch im Artikel.

„Bizarre Inhalte, eindeutige Desinformation, extreme Rhetorik und diese äußernden Machtakteure werden normalisiert, sie werden geglättet und massenmedial als vermeintlich vernünftige Position im öffentlichen Diskurs präsentiert.”

Hinzu kommt der Mikrofonständerjournalismus: Die Tagesschau reproduziert im Liveblog Trump-Zitate eins-zu-eins in Titelzeilen ohne jegliche Einordnung. Dobusch und Zaboura formulieren das Urteil klar: Diese Form des Publizierens „erreicht keine journalistische Schöpfungshöhe” und wäre gleichermaßen durch eine KI leistbar.

Weitergedacht

Wenn Sain-Washing der unbeabsichtigte Effekt von Neutralitätsansprüchen ist — welchen Spielraum hat eine einzelne Journalistin, die gegen diesen institutionellen Sog handeln will? Oder erfordert Veränderung zwingend die Ebene der Redaktionsleitung?

Der strukturelle Teufelskreis

▶ 22:58 — Warum halten sich diese Muster trotz Kritik seit Jahrzehnten? Dobusch benennt zwei strukturelle Faktoren, die den Kreislauf stabilisieren.

Der erste: Rechtsextreme Propagandamedien denunzieren Qualitätsjournalisten systematisch als „Aktivisten” — mit dem durchschaubaren Motiv, sich selbst weniger extremistisch zu positionieren. Das Problem ist nicht das Motiv, sondern die Wirkung:

„Ihre Taktik geht voll auf. […] Es herrscht Angst vor diesen Angriffen, was dann erst recht zu noch mehr Verweigerung, noch mehr Verlagerung und noch mehr Unwucht von journalistischer Bewertung führt.”

Qualitätsmedien capitulieren also vor der Aktivismus-Unterstellung und verstärken dadurch genau die Muster, die sie anfällig für Kritik machen. Ein selbstverstärkender Mechanismus.

Der zweite: Progressive und aktivistische Medien, die sich explizit als Gegenmodell zu „normalen Medien” positionieren, stabilisieren paradoxerweise die Norm des Neutralitätsjournalismus — indem sie die Gegenposition besetzen, rahmen sie das kritisierte Modell als die Normalform. Sie befestigen das Fundament, das sie eigentlich erschüttern wollen.

Der journalistische Imperativ

▶ 24:33 — Die Lösung liegt nicht in der Politisierung des Journalismus, sondern in der Transparenz über den unvermeidlich vorhandenen Standpunkt. Dobusch zitiert den Medienwissenschaftler Jay Rosen (2010):

„It’s easier to trust in ‘here is where I’m coming from’ than the view from nowhere.”

Der „View from Nowhere” — die Illusion des neutralen, unverstellten Blicks — erzeugt weniger Vertrauen als offene Standpunkttransparenz. Das ist keine Einladung zu Meinungsjournalismus, sondern die Erkenntnis, dass Neutralität bereits eine Position ist. Das Leugnen dieser Tatsache untergräbt die Glaubwürdigkeit, statt sie zu schützen. Medienwissenschaftler Bernhard Perksen mahnte noch im Dezember 2025: „Es wäre naiv zu glauben, der Journalismus könne sich aus eigener Kraft retten.”

▶ 27:35 — Zaboura macht den entscheidenden normativen Schritt: Grundgesetz (Art. 1 und 25), Pressekodex und Medienstaatsvertrag verpflichten Medien zur Wahrung von Menschenwürde und Völkerrecht. Antifaschistischer Journalismus ist keine politische Parteinahme — er ist die rechtliche Mindestanforderung. Friedensnobelpreisträgerin Maria Ressa brachte es 2025 auf den Punkt:

„Wenn umstritten ist, was ist, dann ist Journalismus Aktivismus.”

▶ 29:52 — Der Schlusssatz ist als Imperativ formuliert, nicht als Wunsch:

„Journalismus ist antifaschistisch — oder er ist kein Journalismus.”


Faktencheck

Bestätigt — Browning, Ordinary Men (1992)

Das Buch erschien 1992 bei HarperCollins — die Datierung “2000” im Vortrag ist ein Versprecher. Der Kernanspruch ist gut dokumentiert und Teil des wissenschaftlichen Konsenses. Quelle: Christopher R. Browning — Wikipedia

Bestätigt — Stefan Kühl, Ganz normale Organisationen (2014)

Suhrkamp, Berlin, 2014 — organisationssoziologische Analyse auf Basis der Gerichtsakten zu Reservepolizeibataillon 101. Autor, Thema und Browning-Bezug korrekt. Quelle: Rezension — H-Soz-Kult

Bestätigt — Boykoff & Boykoff (2004) zur Klimaberichterstattung

Die Studie ist real: Boykoff & Boykoff (2004), „Balance as bias: Global warming and the US prestige press”, Global Environmental Change 14(2). 52,7 % der Artikel stellten eine nicht-existente Kontroverse über gesichertes Wissen dar. Quelle: Originalstudie PDF

Autorenname korrigiert — Panievsky, nicht „Palniewski"

Im Vortrag wird die Studie einem „Palniewski” zugeschrieben — Transkriptionsfehler. Der korrekte Name lautet Ayala Panievsky (Cambridge). Ihr einschlägiger Artikel: „The Strategic Bias: How Journalists Respond to Antimedia Populism” (2021/22, Sage Journals). Das beschriebene Phänomen stimmt mit ihrer Forschung überein. Quelle: The Strategic Bias — Sage Journals

Bestätigt — Jay Rosen, „The View from Nowhere" (2010)

Rosen verwendete den Begriff ab 2003, das Konzept erreichte 2010 breitere Aufmerksamkeit durch seinen PressThink-Beitrag. Jahresangabe korrekt. Quelle: The View from Nowhere — PressThink

Bestätigt — ICJ Advisory Opinion, 19. Juli 2024

Der IGH stellte am 19. Juli 2024 fest, dass Israels Siedlungspolitik und Besatzung gegen das Völkerrecht verstoßen und forderte den sofortigen Rückzug. Die Formulierung „klar illegal” gibt den Kern der Opinion korrekt wieder. Quelle: ICJ Advisory Opinion Summary

Bestätigt — Maria Ressa, Friedensnobelpreis 2021

Ressa (Rappler, Philippinen) erhielt den Preis gemeinsam mit Dmitri Muratow. Quelle: Nobel Peace Prize 2021


Weiterführende Quellen

Aus der Video-Beschreibung:

Im Vortrag zitierte Quellen und Werke:

  • Christopher Browning: Ordinary Men (1992) — Reservepolizeibataillon 101 und die Endlösung
  • Stefan Kühl: Ganz normale Organisationen — Organisationssoziologische Analyse derselben Tätergruppe
  • Kai Hafes (Politologe/Medienforscher): These zur journalistischen Konstruktion des Rechtspopulismus
  • Boykoff & Boykoff (2004): Balance as bias — US-Prestige-Media und Klimaberichterstattung
  • Ayala Panievsky (2021/22): The Strategic Bias: How Journalists Respond to Antimedia Populism — wahrscheinliche Quelle hinter dem zitierten „Performing balance by practicing bias”
  • Jay Rosen (2010): The View from Nowhere — Konzept des imaginierten neutralen Journalismus
  • Bernhard Perksen (Medienwissenschaftler): Aussage Dezember 2025 zur Reformbedürftigkeit des Journalismus
  • Maria Ressa: Interview mit Committee to Protect Journalists, Februar 2025

Verbindungen

Topfvollgold — Mordfall Stade und das Versagen von NiUS

Der Extrempunkt der hier beschriebenen Anreizstruktur: Bei NIUS wird die Empörungslogik zum Kalkül, das im Mordfall Stade eine Unbeteiligte zur Verdächtigen macht — der Fall, an dem die Berufslogik als Waffe sichtbar wird.

Bundestalk — Meinungsfreiheit in Deutschland 2026

Gutmairs Algorithmen-Kritik im Bundestalk und Dobusch/Zabouras Strukturanalyse des Mediensystems beschreiben das gleiche Problem auf verschiedenen Ebenen: Dort die redaktionelle Entscheidungslogik, die zu False Balance und Faszinationsjournalismus führt; hier die algorithmische Infrastruktur, die Empörung systematisch über Sachlichkeit stellt. Beide enden beim selben Schluss: Das Problem ist nicht Strafrecht, sondern Plattformarchitektur.

Urner — Radikal hoffnungsvoll

Urners Begriff des Angst-Journalismus benennt die ökonomische Triebkraft hinter dem, was Dobusch/Zaboura als strukturelle Berufslogik beschreiben: Klick-Optimierung erzeugt Katastrophenframes, Katastrophenframes erzeugen Passivität, Passivität begünstigt populistische Narrative — ein Kreis, den Dobusch/Zaboura als Faschismus-Normalisierung beschreiben und Urner als Angst-Kontagion. Urners konstruktiver Journalismus (Perspective Daily) ist der direkte institutionelle Gegenvorschlag zu “Performing Balance by Practicing Bias”.

Topfvollgold — Die Wahrheit über die Öffentlich-Rechtlichen

Die Innenbestätigung der Diagnose: Was Dobusch/Zaboura als strukturelle Berufslogik beschreiben (Ausgewogenheits-Performance, Bewertungsverweigerung), benennen ÖRR-Insider bei Schönauer als gelebte Angst — Nachrichtenredakteure seien „beinahe ängstlich”, zutreffende, aber politisierbare Wortwahl zu benutzen, und flüchten sich in „sichere Wahrheiten” statt Einordnung. Der Teufelskreis von außen theoretisiert, von innen erlebt.

Adam Johnson — How to Sell a Genocide

Dieselbe These über zwei Mediensysteme: Wo Dobusch/Zaboura zeigen, wie normale Berufslogik Faschismus normalisiert, zeigt Johnson, wie dieselbe Norm-über-Wahrheit-Logik einen Genozid verkäuflich macht — kein Lügner nötig, nur Routine.

Elmar Theveßen — Die neue Weltunordnung

Was Dobusch/Zaboura strukturell als „Performing Balance by Practicing Bias“ fassen, führt Theveßen als Praktiker am Einzelfall vor: seine „Normalisierungsfalle“ (aus Trumps Tirade wird eine „breit gefächerte Rede“) und sein Thukydides-Gebot des „zweiten Satzes“ sind Feldbericht und Gegenentwurf zu ihrer False-Balance-Diagnose.


Weiterdenken

Was Sokrates vielleicht gefragt hätte

  • Wenn Neutralität selbst eine politische Position ist — kann ein Medium ethisch vorgeben, keine zu haben? Oder ist die Behauptung der Neutralität selbst bereits eine Form der Täuschung?
  • Dobusch und Zaboura fordern transparenten Standpunkt-Journalismus — was unterscheidet das von gut gemachter Propaganda? Und wer zieht diese Grenze?
  • Der Teufelskreis ist strukturell, nicht individuell. Wenn das stimmt: Kann einzelne journalistische Courage den Kreislauf brechen — oder braucht es Medienpolitik, neue Institutionen, Publikumsdruck?
  • „Journalismus ist antifaschistisch oder er ist kein Journalismus” — ist das ein analytischer Satz (Journalismus bedeutet das) oder ein normativer (Journalismus sollte das sein)? Macht der Unterschied einen Unterschied?
  • Wenn rechtsextreme Medien durch das Aktivismus-Vorwurf erfolgreich Qualitätsmedien zu mehr Neutralität drängen — hat diese Strategie ein Ende? Oder ist jede Korrektur in Richtung Einordnung angreifbar?