Quelle: re:publica 26 — Jung, blond, rechts… & KI-generiert · Session-Seite

Wer spricht?

Katharina Nocun (1986 in Polen, aufgewachsen in Deutschland) — Netzaktivistin, Autorin und Spezialistin für Verschwörungstheorien und digitale Desinformation. Ehemalige Policy-Coordinator der Piratenpartei (2013–2016), wo sie sich als Datenschutz-Expertin einen Namen machte — Edward Snowden bedankte sich persönlich für ihre Asyl-Kampagne. Autorin von Fake Facts (2020, mit Pia Lamberty) und Gefährlicher Glaube (2022), in dem sie die esoterische Szene als Einfallstor zur extremen Rechten analysiert — das Thema dieses Vortrags ist die direkte Weiterführung dieser Arbeit ins KI-Zeitalter. Sie betreibt systematisch Accounts in verschiedenen Social-Media-Milieus, um Radikalisierungspipelines aus der Innenperspektive zu beobachten.

DenkerVita


Die neue Qualität: KI als Radikalisierungsbeschleuniger

▶ 0:16 — Nocun eröffnet mit einem auf den ersten Blick überraschenden Beispiel: einem Esoterik-Account auf Instagram mit über 500.000 Followern. Wer denkt, der Einstieg in rechtsextreme Weltbilder verläuft primär über Migration und Kriminalität, verkennt die Architektur der Radikalisierung.

Die Esoterik-Bubble ist eine unterschätzte Pipeline. Dort landen Menschen, die sich für Spiritualität, alternative Heilmethoden oder christliche Glaubensfragen interessieren — und werden über Algorithmen schrittweise an aberwitzige, dann zunehmend braune Inhalte herangeführt: Jesus als Außerirdischer, weiße Aliens namens „Aria”, Drachen als von der Wissenschaft verheimlichte Realität. Die Camouflage ist perfekt: Der Inhalt klingt nach Spiritualität, denkt aber in Kategorien von Überlegenheit und Feindbildern.

„Wenn man sich für christliche Religion interessiert, dann wird einem vielleicht früher oder später mal in die Timeline gespült, dass Jesus eigentlich nicht von der Erde ist.”

Was sich in den letzten Monaten dramatisch verändert hat: Diese Accounts, früher langweilige Kellervideos, sind mittlerweile voll mit hochproduktivem KI-Content. Animierte Reels, perfekte Bildsprache, angepasst an Empfehlungsalgorithmen. KI macht solche Inhalte zehnmal attraktiver — und produzierbar für jeden mit einem Prompt.

Weitergedacht

Wenn Esoterik als Einstiegsdroge in Rechtsextremismus funktioniert — liegt das an Esoterik selbst oder an der Algorithmik der Plattformen, die verwandte Inhalte immer extremer kalibrieren?


Fake-Frauen, echte Wirkung: Das Sockenpuppen-Prinzip

▶ 11:08 — Ein vollständig KI-generiertes Profil namens „Jessica Foster” erreichte zeitweise 1,1 Millionen Follower auf Instagram. Sie postete als Soldatin der US Army, immer schick hergerichtet, immer mit einem klaren politischen Subtext: Trump-Unterstützerin, bereit für ihn in den Krieg zu ziehen. Wer weiterklickte, landete auf ihrem OnlyFans-Account.

Abbildungen

Alle Screenshots aus der re:publica-26-Session von Katharina Nocun, CC BY-SA 4.0

Das Prinzip dahinter ist einfach: Attraktive, junge, normschöne KI-Frauen transportieren rechte Narrative wirkungsvoller als alte weiße Männer. Sie aktivieren das Beschützernarrativ bei männlichen Wählern — und können gleichzeitig Antifeminismus propagieren, ohne die offensichtliche Heuchelei eines männlichen Kommentators.

▶ 13:25 — In Deutschland war „Larissa Wagner” ein bekannter Fall: ein KI-Fake-Account auf X (erkennbar am kleinen KI-Maus-Symbol, das die meisten übersahen), der offen für die AfD warb, migrationsfeindliche Narrative verbreitete — und sich sogar mit dem Compact-Magazin für ein Interview zusammensetzte, in dem die KI-Figur über Medienhetze klagte:

„Kaum sagt man, was man denkt, kommt so ein alter ungepflegter Mann von der FAZ und stellt einen als ‘rechte Verführerin’ dar.”

Das ist kein Fehler, sondern Strategie. Die Figur hat eine vollständige Biografie: 22 Jahre alt, wohnt in Brandenburg, hat einen Schäferhund, fährt Diesel, Mama kommt aus Magdeburg. Diese Illusion von Nähe fördert parasoziale Beziehungen. Menschen glauben, sie kennen Larissa. Und Larissa wird nie einen AfD-Korruptionsskandal kritisieren — weil die Admins sie loyal halten.

Weitergedacht

Parasoziale Beziehungen zu realen Influencern werden seit Jahren kritisiert — aber sind parasoziale Bindungen an KI-Avatare qualitativ eine andere Kategorie? Wenn der Betrug aufgedeckt wird: Wie reagiert das parasoziale System?


Das Antisemitismus-Businessmodell: KI-Rabbiner und Identity-Switching

▶ 6:30 — Eine Recherche von Caroline Schwarz dokumentierte das Phänomen der „KI-Slop-Fake-Rabbiner”: Accounts mit KI-generierten jüdisch aussehenden Männern, die systematisch antisemitische Stereotype bedienen — Juden als reich, Juden als Geheimnisträger, Juden als Hüter verborgenen Wissens über Reichtum. Zugriffe: Millionen, wenn man alle Accounts zusammenzählt.

Das entlarvende Detail: Diese Rabbiner verlinken auf kostenpflichtige Ebooks. Das Motiv ist möglicherweise weniger ideologisch als finanziell. Und genau das macht es nicht besser — wie Nocun betont: Schon 2016 wurden mazedonische Studenten durch Desinformationsseiten zu Millionären, die Google AdSense und Facebook-Fake-Accounts kombinierten. Der Unterschied heute: Was damals ein ganzes Team brauchte, erledigt jetzt ein Prompt.

Der nächste Schritt heißt Identity-Switching: Der Account sammelt Reichweite als Rabbiner, wechselt dann plötzlich zur alleinerziehenden Mutter oder zum Arzt, der Nahrungsergänzungsmittel bewirbt. Das Publikum merkt es nicht — und der nächste Milieu-Abschnitt wird abgegrast.


Fake-Supporter: Gespräche und Konfrontationen, die es nie gab

Der übergreifende Oberbegriff in Nocuns Vortrag: Fake-Supporter — KI-generierte Inhalte, die real wirkende Menschen mit rechten Positionen zeigen, ohne dass diese Menschen je existiert haben. Darunter fallen zwei Formate:

Fake-Gespräche: Das Vox-Pop-Problem

▶ 22:31 — Das Vox-Pop-Format — „wir lassen mal die Straße reden” — hat journalistische Glaubwürdigkeit eingebaut. KI-generierte Straßenumfragen nutzen genau das aus.

Das Muster ist präzise kalibriert: Sehr häufig werden blonde Frauen interviewt, gerne mit einem kleinen Mädchen an der Hand, zum Thema Kriminalität und Migration — und wie viel Angst sie angeblich hätten. ZDF heute dokumentierte 2025 die Reichweite: Millionen Menschen auf TikTok, fremdenfeindliche Untertöne, erkennbar erst beim genauen Hinsehen als KI-generiert.

Nocun erklärt, warum das Format besonders gefährlich ist:

„Das klassische Vox-Pop-Format wirkt besonders anschlussfähig für rechtsextreme Narrative. Wenn so etwas jemand dort sagt, dann kann ich das ja auch sagen — das verschiebt die gefühlte rote Linie dafür, was sagbar ist und was nicht.”

Der Mechanismus ist normalisierend: Wer nicht weiß, dass das Video fake ist, nimmt es als gesellschaftlichen Stimmungsindikator wahr. „Was ist normal, was ist nicht normal?” — diese Wahrnehmung verschiebt sich durch die schiere Menge solcher Videos, die der Algorithmus in Serien ausspielt.

Fake-Konfrontationen: Der inszenierte Beschützermoment

▶ 24:02 — Aus den USA schwappt ein zweites Fake-Supporter-Format herüber: konstruierte Konfrontationen.

Die Story ist immer dieselbe: Ein Mann steht vor einer Frauentoilette. Drinnen seine Frau, seine Tochter, seine Freundin. Herein will eine queere Person. Der Mann im MAGA-Cap hält sie auf. Snopes hat ein konkretes Beispiel als KI-generiert entlarvt — der Grok-Prompt wurde zurückverfolgt. Das Video kursiert in diversen Varianten, nie als erkennbare Kampagne.

Was dieses Format so effektiv macht: Es bedient zwei Narrative gleichzeitig — queere Menschen als Bedrohung, der Trump-Supporter als heroischer Beschützer. Nocun dazu:

„Ich würde mich zehn mal sicherer mit einer queeren Person auf meinem Nachbarklo fühlen als mit diesem Typen mit der Cappy vor dem Klo.”

In Deutschland noch nicht direkt angekommen — „aber ich bin mir sicher, das kommt früher oder später.”

Weitergedacht

Beim Vox-Pop-Format ist die Glaubwürdigkeit im Format eingebaut — die Erschütterung kommt, wenn man es erkennt. Aber was bleibt, wenn jedes Straßeninterview grundsätzlich unter Fake-Verdacht steht? Zerstört das Format seine eigene Legitimität?


Popkultur Remix — Vertraut & Niedlich?

▶ 24:49 — Der nächste Trend trägt das Gegenteil von Bedrohlichkeit im Gesicht: Niedlichkeit. Das Weiße Haus postete 2025 ein Ghibli-Style-Bild zur Verhaftung eines Fentanyl-Dealers — süß, animiert, mit dem ästhetischen Fingerabdruck eines der feministischsten, friedlichsten Filmstudios der Welt. Nocun, selbst erklärter Ghibli-Fan, findet es bitter:

„Das ist eine Verniedlichung von der Situation, die eigentlich überhaupt nicht niedlich ist. Ich bin mir ziemlich sicher, dass die Macher nicht approven, dass solche Akteure diesen Stil benutzen, um ihre Narrative zu verniedlichen.”

Im deutschsprachigen Raum ist das Modell längst kopiert. AfD-nahe Accounts verwenden den Simpsons-Stil für Spitzenkandidaten und Migrationsinhalte — in Zahlen: 35.800, 93.500 und 36.200 Abrufe für einzelne Posts. Die Simpsons-Macher approven diese Botschaften ebenfalls nicht. Aber der Stil appelliert an Kindheitserinnerungen, an das heimische Gefühl von „damit bin ich aufgewachsen” — und macht dadurch Inhalte palatable, die ohne diesen Verpackungstrick abgestoßen würden.

Der Account „AfD Freunde Beckum” auf Facebook bringt noch eine weitere Variante: verkitschte Familienbilder im AI-Slop-Stil — Frau mit Ausschnitt, Mann mit Bier, beeindruckende Oberarme. In den Kommentaren schreiben, wie Nocun dokumentiert, ältere Männer anzügliche Nachrichten. Das rechte Weltbild wird in einen Wohlfühl-Rahmen gegossen — zwischen Werbung und Radikalisierung ist die Grenze unsichtbar.

Das doppelte Ziel der Niedlichkeit: Immunisierung gegen Kritik („das ist doch nur Spaß”) und gleichzeitig maximaler Medienecho durch gezielte Provokation. Wer sich empört, boosted den Post — Social Media unterscheidet nicht zwischen positiver und negativer Reaktion.

Weitergedacht

Wenn Niedlichkeit als Verpackung für Ideologie funktioniert — schützt Medienkompetenz vor dem Effekt, oder schützt sie nur über ihn hinweg, während die emotionale Wirkung bereits eingetreten ist?


Koordinierte KI-Netzwerke: Die Korrektiv-Recherche 2026

▶ 19:27 — Erst zwei Wochen vor dem Vortrag veröffentlichte Korrektiv eine systematische Analyse: 190 Profile gehören zu 22 Personas — alles KI-generierte Fake-Frauen. Die Technologie hat sich so weit entwickelt, dass man sie nicht mehr auf den ersten, zweiten oder dritten Blick erkennt. Besonders: Die Accounts interagieren miteinander, reagieren aufeinander, teilen fast identische Inhalte mit leicht variiertem Prompt.

Das ist kein Einzeltäter mehr. Das ist Infrastruktur.

Und sie bedient sich aller demografischen Muster der extremen Rechten mit perfider Konsequenz — bis zu dem Satz über ein angeblich 19-jähriges KI-Mädchen „Luisa”, das Interesse an Männern zwischen 36 und 86 Jahren hege. Nocun dazu: „Glaubt mir, das sieht man.”

Weitergedacht

Wenn 190 koordinierte Fake-Profile von Korrektiv entdeckt werden — wie viele wurden nicht entdeckt? Und welche Plattform-Ökonomie macht es attraktiver, solche Netzwerke zu dulden als zu löschen?


Realitätskonstruktion: Stereotype, Verfallporn und das Reality Distortion Field

▶ 29:25 — Auf AfD-Instagram ist mittlerweile fast jeder Post KI-generiert. Mit kleiner Kennzeichnung, die auf kleinen Bildschirmen niemand sieht. Nocun nennt es offen: „Überlegt mal, wie abgebrüht man sein muss, um ein kleines Kind mit dem Messer KI zu generieren.”

Was da gezeigt wird: Schüler und Lehrer in Angst vor Gewalt an Schulen — mit Jugendlichen in bedrohlichen Posen, KI-generiert, mit rotem Kreuz als Kennzeichnung die kaum jemand bemerkt. Daneben: Geflüchtetenunterkünfte als Luxushotels. Eine konstant wiederholte Bildsprache produziert eine Normalität, die es nicht gibt.

„Wenn Gruppen von Menschen mit Migrationshintergrund gezeigt werden — fast immer Männer, fast immer wütend, aggressiv. Irgendwelche blonden Frauen verstecken sich in der Ecke. Das ist die Realität, die da konstruiert wird.”

Hinzu kommt ein Paradox: Wer dagegen kommentiert, boosted den Post. Social Media unterscheidet nicht zwischen positiven und negativen Reaktionen. Empörung ist Engagement. Der AfD-KI-Slop profitiert von seiner eigenen Kritik.

▶ 30:12 — Nocun beschreibt den systematischsten Ausdruck dieser Bildstrategie: „Decline Porn” (auch: Verfallporn) — Accounts, die ausschließlich Inhalte posten, die suggerieren, Städte wie Berlin seien unbewohnbar, Kriminalität sei allgegenwärtig, Frauen könnten nicht mehr sicher auf die Straße.

Das Framing ist immer dasselbe: „Ich zeige dir, was die großen Medien dir verheimlichen.” Oder: „So wird es in 10 Jahren aussehen, wenn linksgrün…” Einige Accounts geben Migration die Schuld an Missständen — oder beklagen schlicht die bloße Anwesenheit von nicht-weißen Menschen. Das BBC hat das für den UK-Raum dokumentiert; AfD-nahe Accounts kopieren das Modell für Deutschland.

Besonders raffiniert: Diese Inhalte werden auch über Reisewillige verbreitet. Menschen, die Berlin als Reiseziel recherchieren, landen über den Empfehlungsalgorithmus in Decline-Porn-Feeds — und bauen ihre Erwartungen auf konstruierten Horrorszenarien auf. Nocun erlebt das in Polen persönlich: Menschen fragen sie, ob es in Berlin wirklich so schlimm sei. Auf die Nachricht, dass Kreuzberg und Neukölln zu den teuersten Berliner Kiezen gehören, reagieren sie mit Unglauben.

Das ist nicht Lüge als Ausnahme. Das ist die systematische Konstruktion einer Parallelrealität.


Die Prompts: Viel Aufwand, für das angebliche Normal

▶ 32:29 — Wie viel Arbeit steckt hinter einem einzigen KI-Propaganda-Bild? Die Antwort liefert eine Recherche von De Groene Amsterdammer in Zusammenarbeit mit der Data School der Universität Utrecht: Sie konnten die Prompts eines PVV-Fanaccounts (Geert Wilders) auf Facebook rekonstruieren — weil der Admin sie auf einer Plattform mit öffentlicher Standardeinstellung eingegeben hatte. 174 Prompts, für jeden sichtbar.

Nocun führt die Prompt-Kette Schritt für Schritt vor. Erster Versuch: „Erstellen Sie ein Bild einer niederländischen Familie. Sie stehen vor ihrem Haus. Eine niederländische Flagge weht. Es ist ein realistisches Foto.” — Klingt harmlos.

Vorher — erste KI-Ausgabe, dem Admin zu unecht und zu wenig arisch:

Doch der Admin war unzufrieden. Der Junge hatte rote Haare. Die Frau war nicht blond. Also: Nachprompt. Die Frau muss blond sein. Den Jungen bitte auch anders. Noch ein Nachprompt: Das Bild sieht zu unecht aus. Realistischer bitte. Und dann, Schritt drei:

Nachher — finale Version, nach dem letzten Prompt:

Das Mädchen in der KI-generierten Propagandafamilie wurde nachgeprompt, um attraktiver auszusehen. Nocun kommentiert das nicht mehr — sie hält inne, lässt den Satz im Raum stehen. Die Audience versteht. Und Nocun schließt daraus:

„Der derzeitige Zustand ist so abgefuckt, das kann ich gar nicht mehr in Worte fassen. Es ist einfach nur kaputt.”

Was die Prompts offenbaren: Hinter dem Bild einer vermeintlich normalen niederländischen Familie steckt ein ideologisches Pflichtenheft — blonde Haare, kein Rotschopf, und ein sexualisierter Blick auf ein Kind. Das Bild soll nicht einfach eine Familie zeigen. Es soll eine bestimmte Familie zeigen: die imaginäre ethnisch homogene Norm, die es zu verteidigen gilt. KI macht dieses Bild produzierbar — die Fantasie dahinter ist menschlich.

Weitergedacht

Der Admin promtete das Mädchen hübscher. Was sagt das über den Blick, mit dem diese Propaganda produziert wird — und über die Normalität, die sie zu konstruieren vorgibt?


Hannah Arendt und das Ende der Faktizität

▶ 34:00 — Nocun schließt mit einem Arendt-Zitat, das der amtierende Papst Franziskus in seiner letzten Enzyklika zitierte — eine unerwartete intellektuelle Kette:

„Der ideale Untertan totalitärer Herrschaft ist nicht der überzeugte Nazi oder engagierte Kommunist, sondern Menschen, für die der Unterschied zwischen Fakt und Fiktion, zwischen wahr und falsch nicht länger existiert.”

Das ist das eigentliche Ziel von KI-Slop: nicht Überzeugung, sondern Erschöpfung der Faktizität. Wenn genug gefälschte Rabbiner, Fake-Frauen, konstruierte Umfragen und erfundene Berlin-Reportagen durch die Feeds schwappen, verlieren Menschen den epistemischen Boden unter den Füßen. Die extreme Rechte braucht keine Mehrheit von Überzeugten — sie braucht eine Mehrheit von Desorientierten.

Weitergedacht

Arendt diagnostizierte das als Ziel totalitärer Regime. Jetzt ist das Werkzeug demokratisch verfügbar. Braucht Demokratie eine neue Form des epistemischen Schutzes — und wer wäre zuständig?


Faktencheck

Vereinfacht — Jessica Foster: Zeitraum und Follower-Zahl

Nocun nennt 2024 als Jahr und 1,1 Millionen Follower. Der Account erschien tatsächlich im Dezember 2025 und erreichte knapp unter einer Million Follower (Berichte: 900.000–„nearly 1M”); er wurde im März 2026 gesperrt. Die Kernaussage — KI-generierter Pro-Trump-Account mit massiver Reichweite und OnlyFans-Trichter — ist korrekt. Quelle: Fast Company — The most popular MAGA influencer you’ve never heard of is an AI foot fetish model

Bestätigt — Korrektiv-Recherche: 190 Profile, 22 Personas

Korrektiv veröffentlichte am 28. April 2026 eine Recherche zu KI-generierten Fake-Frauen, die AfD-Inhalte mit Erotik-Links verbinden. Die Zahlen sind korrekt. Wichtige Einschränkung: Korrektiv konnte keine koordinierte Kampagne nachweisen — ob eine zentrale Steuerung dahintersteckt, bleibt offen. Quelle: Correctiv — Schöne Lügen: Wie KI-Frauen im großen Stil Meinungsmache für die AfD betreiben

Vereinfacht — Mazedonische Studenten verdienten „Millionen"

Junge Männer aus Veles betrieben über hundert Fake-News-Seiten und monetarisierten via Google AdSense — gut dokumentiert von BuzzFeed News und Guardian (2016). Die Formulierung „Millionen verdient” ist nicht quellengedeckt; Einzelne verdienten tausende bis zehntausende Dollar. Quelle: BuzzFeed News — Macedonia’s Pro-Trump Fake News Industry Had American Links

Vereinfacht — BBC-Recherche zu KI-Verfallporn

Die Recherche existiert und ist korrekt beschrieben. Es war aber nicht „BBC Verify”, sondern eine BBC Panorama-Episode vom 15. Mai 2026 in Zusammenarbeit mit einem Podcast. Quelle: BBC Panorama — Overseas AI fakers push UK-decline narrative

Bestätigt — „Larissa Wagner": KI-Account auf X, AfD-Inhalte, Maus-Symbol

Der Account @LarissaWagt ist seit Mai 2024 aktiv, nutzt KI-generierte Bilder und bezeichnet sich selbst als „KI-Maus”. Verbreitung AfD-naher Inhalte belegt. Das Compact-Magazin-Interview ist plausibel, aber nicht eindeutig als redaktionelles Interview verifizierbar. Quelle: dokmz.com — Larissa Wagner und Co.: So manipuliert die AfD mit KI


Weiterführende Quellen

Aus der Video-Beschreibung:

Im Vortrag zitierte Recherchen (verifiziert durch Sherlock):


Verbindungen

rabbit hole — Ungarn-Wahl KI-Wahlkampf

Beide Notes dokumentieren denselben Mechanismus — KI als Propaganda-Infrastruktur — auf verschiedenen Ebenen: Nocun zeigt die Sockenpuppen-Architektur (190 Profile, 22 Personas, koordinierte Fake-Frauen), rabbit hole zeigt denselben Ansatz im Staatseinsatz (Orbán/Fidesz, Storm-1516). Zusammen entstehen die zwei Achsen des Phänomens: privater Markt und staatlich orchestrierte Variante.

Andreas Kemper — Technofaschismus und die AfD

Kempers Kernthese — der vorwärtsgewandte Faschismus braucht keine Massenaufmärsche, der hat KI — ist bei Nocun praktisch ausgeführt. KI-Fake-Frauen auf AfD-Instagram, koordinierte Sockenpuppen-Netzwerke und algorithmisch verstärkte Parallelrealität sind genau das, was Kemper als technofaschistischen Werkzeugkasten beschreibt. Nocun liefert die Empirie zu Kempers Theorie.

ARTE — Forschung Fake und faule Tricks

Agnotologie — die industrielle Produktion von Unwissen — und Nocuns „Erschöpfung der Faktizität” (Arendt) verfolgen dasselbe Ziel: nicht die eigene Wahrheit durchsetzen, sondern den epistemischen Boden unter dem Gegner wegziehen. Was früher ein Konzernapparat brauchte, erledigt heute ein Prompt.

Ece Temelkuran — So beginnt Faschismus in Amerika

Temelkurans Stufen 3 und 4 (Rationalität stören, Enthemmung normalisieren) sind bei Nocun in technologische Infrastruktur gegossen. Was Temelkuran als politischen Prozess beschreibt — Gesellschaft gewöhnt sich schrittweise an die Auflösung von Faktizität — vollzieht sich bei Nocun algorithmisch beschleunigt durch Milliarden KI-generierter Eindrücke.

Nachtsitzung — Die rechte Internationale: CPAC und sein Netzwerk bis nach Deutschland

Nachtsitzung dokumentiert das transnationale Netzwerk (CPAC, Heritage Foundation, Atlas-Netzwerk, Bannon als AfD-Berater), das den ideologischen Rahmen setzt. Nocuns KI-Fake-Frauen und Verfallporn-Accounts sind das taktische Ausführungslevel auf Social Media — das Netzwerk liefert die Agenda, die KI-Accounts skalieren sie.

Ibram X. Kendi — Great Replacement Theory und der Weg zur Wahlautokratie

Kendi zeigt, wie die Great Replacement Theory als Machtinstrument funktioniert: Nicht Überzeugung, sondern das Gefühl des Bedrohtseins erzeugen. Nocuns KI-Fake-Frauen in Angstposen, wütende dunkelhäutige Männer als Dauerschleife, Berlin als Albtraum — das ist die visuell-algorithmische Umsetzungsschicht dieser Theorie. Kendi erklärt das Warum, Nocun zeigt das Wie.

Topfvollgold — BILD und NIUS: Wie erfundene Geschichten Hass schüren

Topfvollgold dokumentiert den manuellen Vorgänger: erfundene Migrationsgeschichten von BILD, weitergetragen von AfD-Politikerinnen, aufgepeppt mit KI-Fakebildern. Bei Nocun ist diese Pipeline vollständig automatisiert — der Fake entsteht per Prompt, die Verbreitung läuft über koordinierte Sockenpuppen-Netzwerke. BILD/NIUS machen manuell, was KI-Slop industriell kann.

Hannah Arendt — Die Banalität des Bösen

Arendts Kernentdeckung: Das größte Böse entsteht nicht aus Hass, sondern aus dem Aufhören zu denken — aus bloßem Funktionieren innerhalb eines Systems. Der PVV-Admin, der „mach sie hübscher” in ein Promptfeld tippt, ist kein Monster. Er führt eine Workflow-Aufgabe aus. Die 190 koordinierten Fake-Frauen-Accounts sind kein dämonisches Projekt — sie sind Infrastruktur, betrieben von jemandem, der seine Arbeit erledigt. Arendts Pilz-Metapher trifft es genau: Das Böse breitet sich an der Oberfläche aus — und KI-Slop ist die technische Oberfläche, auf der diese Ausbreitung industriell skaliert.

Brockschmidt & Nocun — Codes der extremen US-Rechten

Nocuns KI-Analyse und diese Note sind zwei Seiten derselben Praxis: Während Nocun zeigt, wie KI-Slop Great-Replacement-Bildwelten algorithmisch skaliert, dekodieren Brockschmidt und Nocun hier die Codes dahinter. Produktionsmethode und Symbolsystem gehören zusammen.

Hannah Arendt — Denken ohne Geländer

Das Geländer bei Arendt ist die gemeinsame Faktizität — die geteilte Realität, die es uns ermöglicht, selbst zu urteilen, ohne jeden Einzelfall von Grund auf neu zu durchdenken. Nocuns gesamter Vortrag ist eine Dokumentation davon, wie dieses Geländer systematisch zerstört wird: Decline Porn, Fake-Vox-Pops, KI-Slop-Parallelrealitäten. Wenn Menschen nicht mehr wissen, ob das Interview echt ist, ob das Familienbild real ist, ob Berlin wirklich brennt — verlieren sie genau das, was Arendt als die demokratische Mindestkompetenz beschreibt: die Fähigkeit, zwischen wahr und falsch zu unterscheiden. Die Erschöpfung der Faktizität ist die technologische Ausführung von Arendts schlimmstem Szenario.

→ [[Zeitgeist/Leonie Heims und Tim Stark — Who the fck is Agartha|Heims & Stark — Who the f#ck is Agartha?]]

Heims und Stark zeigen denselben Camouflage-Mechanismus als Meme-Community: Was hier die Esoterik-Pipeline ist, ist bei Agartha die Ironie-Tarnung — beide machen menschenfeindliche Inhalte anschlussfähig, indem sie harmlos aussehen und algorithmisch perfekt produziert sind.


Weiterdenken

Was Sokrates vielleicht gefragt hätte

  • Wenn KI-Slop primär desorientiert statt überzeugt — ist dann Faktenchecking das richtige Gegenmodell, oder brauchen wir etwas Tieferes?
  • Larissa Wagner war eine KI und wurde trotzdem interviewt, lebhaft verteidigt, als Person behandelt. Was sagt das über die Grenzen unserer Kategorien von „Person” und „Aussage” im Diskurs?
  • Nocun zitiert Arendt über das Ende der Faktizität als Ziel — aber Arendt schrieb das über organisierte Staatsmacht. Ist eine demokratisch produzierte Erschöpfung der Faktizität schlimmer oder besser als eine zentralisierte?
  • Wer Rage-Bait kommentiert, boosted ihn. Wer ihn ignoriert, lässt ihn unwidersprochen. Wie kommt man aus dieser Falle heraus?
  • Ist Medienkompetenz als Antwort naiv — oder ist sie das Einzige, was am Ende bleibt?

IT Mario - 40.000 Bundestagsreden analysiert

Spiegelverkehrte Perspektive auf KI und politische Sprache: Nocun zeigt, wie KI rechte Propaganda produziert — IT Mario nutzt KI um rechte Rhetorik zu messen. Dasselbe Werkzeug, zwei entgegengesetzte Rollen im selben politischen Feld.

Constanze Kurz — Stochastischer Papagei, Chatkontrolle und Palantir

Kurz liefert die technische Grundlage für das, was Nocun politisch beschreibt: Der stochastische Papagei erzeugt nicht Wahrheit, sondern wahrscheinlichkeitsbasierte Fortsetzung — und genau das macht ihn zum perfekten Propagandawerkzeug. Was Kurz als epistemische Schwäche von LLMs beschreibt (kein Semantikverständnis, nur Mustererkennung), ist bei Nocun die Produktionsbedingung von KI-Slop für die extreme Rechte.