Quelle: Lügen der Kernenergie — Folge 5/6 (#RestartThinking) Serie: Mario Buchinger — Es gibt keine Renaissance der Kernenergie
Wer spricht?
Mario Buchinger — Physiker, Transformationsexperte, RestartThinking (Österreich). Produzierte 2024/25 eine sechsteilige Serie zu den Mythen der Kernenergie.
Die Falschaussage
„Alle Industrieländer setzen auf Kernenergie — nur Deutschland ist der Geisterfahrer.”
Diese Aussage ist laut Buchinger schlicht falsch. Datenbasis: IAEA (Internationale Atomenergieagentur) und World Nuclear Report — beides Quellen, die der Kernenergie inhärent nicht feindlich gegenüberstehen.
Kernaussagen
1. Weltweit: 82 % der Staaten haben keine Kernenergie
Von 195 Staaten weltweit haben 82,1 % keine Kernenergie. Nur ein Bruchteil der Weltgemeinschaft nutzt Kernspaltung als Energiequelle.
2. Unter Industriestaaten: nicht einmal eine Zweidrittelmehrheit
Buchinger analysierte ca. 40 Industriestaaten (EU-Staaten ohne Kleinststaaten, Schweiz, Norwegen, USA, Kanada, Brasilien, Argentinien, Japan, Südkorea, Taiwan, China, Russland, Australien, Indonesien, Südafrika u. a.). Das Ergebnis:
- 57 % der Industriestaaten betreiben noch Kernenergie
- 43 % haben keine Kernenergie — darunter Österreich, Dänemark, Norwegen, Australien, Neuseeland, Taiwan
Die Erzählung „alle außer Deutschland” ist damit empirisch widerlegt.
3. Neubauten und Planung: nur eine kleine Minderheit
Selbst von den Industriestaaten, die Kernenergie noch betreiben:
| Kategorie | Anteil der Industriestaaten |
|---|---|
| Aktiv neue AKW im Bau | 20 % |
| Neue AKW in Planung | 17,5 % |
Frankreich baut derzeit kein neues AKW. Die größten Neubautätigkeiten finden ausschließlich in China und Russland statt. Schweden wollte neue bauen, findet aber keine privaten Investoren — weil Kernenergie sich privatwirtschaftlich schlicht nicht rechnet.
Planung ≠ Umsetzung. Sobald ein Preisschild dranhängt, scheitern die meisten Pläne.
4. Globaler Trend: rückläufig seit Jahrzehnten
Laut World Nuclear Report:
- Der weltweite Anteil der Kernenergie an der Stromproduktion sinkt seit den späten 1990er Jahren kontinuierlich
- In der EU ist der Kernenergieanteil komplett rückläufig, in Frankreich ebenfalls leicht sinkend
- Auch in China, dem Land mit dem stärksten Ausbau, stagniert der prozentuale Kernenergieanteil — während Erneuerbare massiv wachsen
- Weltweit werden in den nächsten Jahrzehnten mehr Reaktoren stillgelegt als neu gebaut
Der bestehende Reaktorpark ist alt: die größten Altersgruppen sind 31–40 Jahre und 41–50 Jahre. Kein Reaktor hat bisher 60 Jahre erreicht — die ab diesem Alter explodierenden Wartungskosten machten den Weiterbetrieb unwirtschaftlich.
5. IEA-Projektionen: keine Renaissance in keinem Szenario
Die IEA veröffentlichte einen Bericht mit dem vollmundigen Titel “The Pathway to a New Era of Nuclear Energy” — und zeigt darin dennoch:
| Szenario | Kernenergieanteil 2050 | Wahrscheinlichkeit |
|---|---|---|
| STEPS (konkrete Policies, +3 °C) | ~7,9 % (von heute 10,1 %) | Am wahrscheinlichsten |
| APS (angekündigte Maßnahmen) | ~10,6 % | Sehr unwahrscheinlich |
| NZE (Net Zero Emissions) | ~12,5 % | Außerordentlich unwahrscheinlich |
Selbst im optimistischsten Szenario (NZE) wäre der absolute Zuwachs marginal — und das ist das Szenario, das de facto nicht eintreten wird. Im realistischsten Szenario (STEPS) sinkt der Kernenergieanteil.
6. China: Das Muster-AKW-Land produziert vor allem Solar
China hat die stärkste Neubautätigkeit bei AKW weltweit — und trotzdem zeigt der Vergleich:
| Kategorie | Leistung |
|---|---|
| AKW im Betrieb | 0,074 TW |
| AKW im Bau | 0,036 TW |
| AKW in konkreter Planung | 0,047 TW |
| PV bereits installiert | 1,08 TW |
| PV-Zubau allein in 2024 | 0,277 TW |
| PV-Zubau im Mai 2024 | 0,093 TW (≈ 3 AKW-Blöcke) |
China baute 2024 in einem einzigen Monat so viel PV-Leistung zu, wie dem gesamten geplanten und im Bau befindlichen Kernenergieportfolio entspricht. Der strategische Pfad ist eindeutig: erneuerbar, nicht nuklear.
Zusätzlich: Chinas Treibhausgasemissionen zeigen durch Erneuerbaren-Ausbau und Elektrifizierung des Verkehrssektors erstmals einen rückläufigen Trend.
7. Die Rosatom-Falle: geopolitische Abhängigkeit
Wer in Kernenergie investiert, begibt sich oft in Abhängigkeit von Rosatom, dem russischen Staatskonzern:
- Russland propagiert Kernenergie strategisch: Wer ein Rosatom-AKW betreibt, ist auf Jahrzehnte gebunden
- Brennstäbe sind reaktorspezifische Sonderbauteile — kein einfacher Lieferantenwechsel möglich
- Beispiel Türkei: Rosatom baut das AKW Akkuyu. Das Kraftwerksgelände gilt vertraglich als russisches Territorium. Russland erhält damit Zugang zum östlichen Mittelmeer, in Nähe des NATO-Stützpunkts Incirlik
- Arte-Dokumentation “Die Nuklearfalle — Putins Deal mit dem Westen”: auch der französische Framatome-Konzern produziert gemeinsam mit Rosatom Kernbrennmittel auf deutschem Boden (Lingen)
Im Vergleich: Bei Gas kann man den Lieferanten wechseln (z. B. Putin durch Trump oder ein Arabisches Emirat). Bei Kernenergie ist man auf den Brennstablieferanten über die gesamte Reaktorlaufzeit angewiesen.
Faktencheck
Bestätigt: 82 % der Weltstaaten haben keine Kernenergie
IAEA-Daten 2024 bestätigen, dass nur eine Minderheit der 195 Staaten Kernkraft betreibt. Die Zahl ist plausibel und deckt sich mit öffentlich zugänglichen IAEA-Statistiken.
Bestätigt: Nur 20 % der Industriestaaten bauen aktiv neue AKW
Die Einschätzung aus dem World Nuclear Report ist realistisch. Frankreich beendete den Neubau mit Flamanville 3. Der Löwenanteil der Neubauten entfällt auf China und Russland. Diese Datenlage ist unbestritten.
Bestätigt: IEA STEPS-Szenario zeigt sinkenden Kernenergieanteil bis 2050
Die IEA-Daten (World Energy Outlook und Nuclear Report) bestätigen, dass im wahrscheinlichsten Szenario der Kernenergieanteil von ~10 % auf ~8 % sinkt. Buchingers Darstellung ist korrekt.
Bestätigt: Chinas PV-Zubau übertrifft sein gesamtes Kernenergiepotenzial bei weitem
Chinas installierte PV-Kapazität von über 1 TW (Ende 2024) und der Jahreszubau von ~277 GW sind durch offizielle chinesische Statistiken (NEA China) und internationale Datenbanken (Ember, BP Statistical Review) vielfach belegt. Die genannten AKW-Leistungswerte (74 GW im Betrieb) sind ebenfalls korrekt.
Bestätigt: Kein Reaktor hat bisher 60 Jahre Betriebsdauer erreicht
Die ältesten Reaktoren, die je betrieben wurden, liegen knapp unterhalb dieser Schwelle. Die Behauptung von 60–80 Jahren Laufzeit durch AKW-Befürworter ist nicht durch empirische Evidenz gedeckt.
Bestätigt: Rosatom-AKW in Akkuyu gilt vertraglich als russisches Staatsgebiet
Diese Regelung ist Teil des türkisch-russischen Vertrags von 2010 und wurde mehrfach journalistisch und rechtlich dokumentiert. Der strategische Charakter des Standorts (Nähe zu Incirlik) ist ebenfalls belegt.
Vereinfacht: Reaktorpark durchschnittlich 31–50 Jahre alt
Der Schwerpunkt in den Altersgruppen 31–40 und 41–50 Jahre stimmt nach World Nuclear Report. Allerdings läuft eine Reihe von Reaktoren (z. B. in den USA, Frankreich) mit behördlich genehmigten Laufzeitverlängerungen auf 60 Jahre. Diese sind technisch möglich, aber selten und wirtschaftlich fragwürdig — Buchingers Grundaussage bleibt valide.
Vereinfacht: 57 % der Industriestaaten haben Kernenergie
Die Kategorisierung „Industriestaaten” ist uneinheitlich. Buchinger legt ca. 40 Staaten zugrunde — eine vertretbare, aber nicht standardisierte Abgrenzung. Je nach Definition kann die Zahl leicht variieren. Die Kernaussage (keine Supermehrheit, kein „alle”) bleibt richtig.
Verbindungen
→ Mario Buchinger — Es gibt keine Renaissance der Kernenergie
Hauptnote der Serie. Die Folge 5 vertieft insbesondere die dort gemachten Aussagen zu IEA-Projektionen (sinkender Nuklearanteil im STEPS-Szenario) und zur Fossil-Lobby-Verflechtung.
→ Rainer Mausfeld — Warum schweigen die Lämmer
Buchingers Analyse der „Atomi-Fanbubble” — Menschen, die trotz Datenlage die gleichen Falschaussagen wiederholen — ist ein Lehrstück in Mausfelds Theorie: Agenda-Setting und selektive Informationsverarbeitung als Werkzeuge politischer Meinungsformung.
→ Andreas Kemper — Technofaschismus und die AfD
Kemper zeigt, wie reaktionäre Politik und Tech-/Energielobby verschmelzen. Buchingers Rosatom-Analyse ergänzt dies um eine geopolitische Dimension: Kernenergie-Propaganda kann gleichzeitig russische Einflusspolitik sein.
→ Heiner Flassbeck — Krise und Rechtsruck
Flassbeck analysiert, wie falsche Wirtschaftspolitik politischen Rechtsruck befeuert. Die Kernenergie-Debatte als wirtschaftspolitische Sackgasse (Milliarden in unwirtschaftliche Projekte) passt direkt in dieses Muster.
→ Philip Manow — Autoritäre Zeiten: Die Macht der Wähler
Manow untersucht, wie populistische Narrative Realität ersetzen. „Alle Industrieländer setzen auf Kernenergie” ist ein klassisches populistisches Narrativ: eingängig, emotional, empirisch falsch.
→ Adam Tooze — Pentagon vs. Anthropic
Tooze analysiert geopolitische Abhängigkeiten in der Technologiepolitik. Buchingers Rosatom-Falle ist das energiepolitische Äquivalent: strategische Infrastrukturabhängigkeit als Machtmittel autoritärer Staaten.
→ Norio — Kupferschiefer-Mine in der Lausitz
Uran-Importabhängigkeit und Kupfer-Importabhängigkeit als parallele Fälle: beide entlarven den Mythos energiepolitischer Autarkie rohstoffarmer Industrieländer











