Torsten Heinrich — Wird die Ukraine bewusst geopfert?

Quelle: Wird die Ukraine bewusst geopfert, um Russland zu schwächen?

Wer spricht?

Torsten Heinrich M.A. (1982, Würzburg) — Historiker, YouTuber und Geopolitik-Analyst. Gründete am Tag des russischen Einmarsches (24.02.2022) den YouTube-Kanal „Militär & Geschichte” (345.000+ Abonnenten). Ehemaliger Bundeswehr-Soldat, Magister in Geschichte (Uni Würzburg). Gründete und verließ die Junge Alternative (2013–2014), wanderte nach Panama aus. Pro-ukrainisch positioniert, besteht aber auf der Unterscheidung zwischen Position und Objektivität. → DenkerVita


Inhalt

Die Ausgangsfrage: Strategie oder Zufall?

▶ 0:00 — Heinrich stellt die Frage frontal: „Ist die westliche Strategie eventuell auch darauf ausgelegt, den Krieg zu verlängern, statt zu gewinnen, weil ein eingefrorener Konflikt geopolitisch nützlich ist — er bindet und schwächt Russland?” Seine Antwort ist differenziert: „Kann man unterstellen. Allerdings würde ich eher vermuten, das ist eher zufällig so entstanden.”

Das ist bemerkenswert, weil Heinrich hier nicht die naheliegende Verteidigungsposition einnimmt. Er räumt die geopolitische Logik ein — ein Russland, das den Großteil seiner Kampfkräfte in der Ukraine binden muss, ist keine Bedrohung für das Baltikum. Ein siegreiches Russland mit aufgelöster ukrainischer Armee wäre eine fundamental andere Situation. Die Verlängerung des Krieges ist im europäischen Interesse. Heinrich sagt das offen.

Aber er trennt Nutzen von Absicht. Dass etwas nützlich ist, bedeutet nicht, dass es geplant war. Diese Unterscheidung ist der rote Faden des gesamten Videos — und sie markiert die Trennlinie zu Sonneborns These vom „endlosen Krieg als Geschäftsmodell”.

Eigene Einschätzung

Die Ehrlichkeit dieser Eröffnung ist selten in der Ukraine-Debatte. Die meisten Kommentatoren verweigern die Frage entweder ganz („natürlich will der Westen den Sieg der Ukraine”) oder beantworten sie sofort zynisch („natürlich ist das Absicht”). Heinrich hält beide Möglichkeiten offen und argumentiert dann — transparent und nachvollziehbar — für seine Einschätzung. Das ist intellektuelle Redlichkeit, wie man sie sich öfter wünschen würde.


„Zum Sterben zu viel, zum Leben zu wenig”

▶ 0:45 — Heinrichs schärfste Formulierung trifft die Biden-Ära: „Es war zum Sterben zu viel und zum Leben zu wenig.” Man wollte sicherstellen, dass die Ukraine nicht verliert — aber nie, dass sie gewinnt. Wenn man beides zusammennimmt — die Ukraine darf nicht verlieren, und die Ukraine muss nicht gewinnen — „dann landet man zwangsläufig irgendwo in der Mitte.”

Diese Mitte ist kein Kompromiss. Sie ist ein Zustand permanenter Agonie für die Ukraine: genug Waffen, um nicht zu kapitulieren, zu wenig, um den Krieg zu entscheiden. Heinrich beschreibt hier exakt das Dilemma, das Sonneborn als bewusstes Geschäftsmodell deutet — nur kommt er zu einem anderen Schluss über die Ursache.

Die Waffensysteme und der Zeitpunkt ihrer Lieferung erzählen die Geschichte. ATACMS, Storm Shadow, SCALP gegen industrielle Ziele in Russland — all das wurde erst unter Trump freigegeben, „vor fünf Monaten oder so”. Bis dahin durften die Ukrainer zusehen, wie in 200 km Entfernung russische Bomber auf Flughäfen standen und täglich Gleitbomben abwarfen. „Sie hatten Raketen, die drauf hätten schießen können, aber sie durften es nicht.”

Eigene Einschätzung

Dieses Bild — die Ukrainer sehen die Bomber stehen, haben die Waffen, dürfen nicht schießen — ist die vielleicht eindrücklichste Verdichtung des gesamten Dilemmas. Es zeigt: Die Frage war nie Können, sondern Dürfen. Und die Entscheidung über das Dürfen lag nicht in Kiew, sondern in Washington. Wer kontrolliert, was der Verteidiger mit seinen Waffen machen darf, kontrolliert den Kriegsverlauf — ob bewusst oder aus Angst.


Salami-Taktik: Eskalationsmanagement statt Strategie

▶ 1:30 — Heinrich identifiziert die westliche Politik als „Salami-Taktik” — ein langsames Herantasten an immer weitergehende Unterstützung, getrieben von Eskalationsangst. Das Muster: Erst keine Panzer, dann doch Panzer. Erst keine Langstreckenwaffen, dann doch Langstreckenwaffen. Jede Lieferung wird zunächst als unmöglich erklärt, dann unter Bedingungen genehmigt, dann erweitert.

Das Problem: „Eskalationsmanagement ist bedauerlicherweise nicht eine Strategie, denn effektiv führt es nicht zu einer dauerhaften Lösung, wenn ich nur die Eskalation moderiere. Ich verhindere im Gegenteil sogar eine aktive Lösung.”

Dieser Satz ist der analytische Kern des Videos. Eskalationsmanagement reagiert — es agiert nicht. Es verhindert das Schlimmste (nukleare Eskalation, ukrainische Kapitulation), aber es produziert kein Ergebnis. Es ist ein Nicht-Verlieren ohne Gewinnen — und damit strukturell identisch mit dem Zustand, den Sonneborn als bewusste Strategie interpretiert.


Johnsons berechtigte Frage: „Was ist eigentlich das Ziel?”

▶ 3:00 — Überraschend verteidigt Heinrich einen Punkt des republikanischen Sprechers Mike Johnson, der die Ukraine-Waffenpakete verzögert hatte. Johnsons Forderung war: Die Biden-Regierung solle erst eine Strategie präsentieren — „was habt ihr eigentlich vor mit den Waffenlieferungen, was ist eigentlich das endgültige Ziel?”

Heinrich gibt zu: „Das ist der richtige Ansatz.” Die gesamte westliche Unterstützung sei so gewesen, „als ob es überhaupt kein endgültiges Ziel gibt — und es gab es effektiv auch nicht.” Das Ziel war negativ definiert (kein Zusammenbruch der Ukraine), nie positiv (ukrainischer Sieg, definiertes Friedensabkommen, Wiederherstellung der Grenzen von 1991).

Eigene Einschätzung

Dass ein pro-ukrainischer Analyst einräumt, dass der innenpolitische Gegner in einem Punkt Recht hatte, ist bemerkenswert. Es zeigt auch das fundamentale Versäumnis der westlichen Ukraine-Politik: Man hat reagiert statt gehandelt. Die Hilfe war immer reflexartig — auf russische Aggression antworten — aber nie proaktiv — ein Endspiel definieren. Ohne Zielvorgabe wird jede Unterstützung zu dem, was Sonneborn beschreibt: ein endloser Strom von Geld und Waffen ohne erkennbaren Ausgang.


Was hätte Europa mehr tun können?

▶ 5:17 — Heinrich dekonstruiert die europäische Selbstanklage. Die Bundeswehr konnte nicht „200 Eurofighter” liefern. Die 16 Leopard-Kampfpanzer waren „eigentlich schon 16 zu viel, wenn man die Fähigkeiten und die Ausstattung der Bundeswehr betrachtet.” Dasselbe bei Artillerie, Munition, Flugabwehr.

▶ 6:02 — Schlimmer noch: Jede Abgabe hat einen „kaskadenhaften Effekt”. Wenn eine Panzerbesatzung zwei Jahre lang nicht trainieren kann, weil ihr Panzer in der Ukraine ist, „ist sie in ihrem Fähigkeitsniveau wieder auf dem Niveau eines Anfängers”. Europa hat sich also nicht nur kurzfristig entblößt, sondern langfristig seine eigene Verteidigungsfähigkeit untergraben.

Diese nüchterne Bilanz zeigt: Europas Möglichkeiten waren objektiv begrenzt. Die Kritik „zu wenig, zu spät” ist berechtigt — aber sie richtet sich an den Falschen. Nicht Europa hätte den Unterschied machen können, sondern die USA. Europa konnte allenfalls beim Timing besser sein — und hat auch das verbockt.


Scholz und das Scheitern der Gegenoffensive

▶ 6:48 — Heinrich benennt konkret den größten europäischen Fehler: Scholz’ Verzögerung bei der Lieferung von Schützen- und Kampfpanzern. „Diese Verzögerung dürfte ein wesentlicher Grund für das Scheitern der ukrainischen Gegenoffensive gewesen sein.”

Aber auch hier differenziert er: Scholz habe sich an den Amerikanern orientiert — „nicht an diesen vorbei machen wollen, um sie nicht zu übergehen”. Teilweise waren auch amerikanische Systeme verbaut, die eine Übergabe erschwerten. Die Ursache war also nicht Bösartigkeit, sondern eine Mischung aus Bündnisloyalität und Eskalationsangst.

Trotzdem wiegt das Ergebnis schwer. Die ukrainische Gegenoffensive im Sommer 2023 war die einzige realistische Chance, den Krieg militärisch zu wenden. Dass sie scheiterte — auch wegen verspäteter westlicher Panzerlieferungen — ist einer der folgenreichsten Fehler der europäischen Außenpolitik seit dem Ende des Kalten Krieges.


Das ehrliche Eingeständnis: Beide Lesarten sind möglich

▶ 3:46 — Am Ende verdichtet Heinrich das Dilemma auf eine einzige Frage: „Ob das die Strategie war, den Krieg bewusst zu verlängern — also ob es geplant war — oder ob die Verhinderung von Niederlage und von Sieg eher die Entscheidung war, keine unnötige Eskalation herbeizuführen.”

Er entscheidet sich für die zweite Lesart — Eskalationsangst, nicht Kalkül. Aber er hält die erste Lesart explizit offen: „Dass man das auch anders interpretieren kann, habe ich jetzt glaube ich lang genug ausgeführt.” Er weiß, dass die Ergebnisse beider Interpretationen identisch sind — ein Krieg ohne Entscheidung, auf dem Rücken der Ukraine.

Das ist der entscheidende Unterschied zu Sonneborn: Sonneborn sieht Absicht (Kriegsgewinnlertum), Heinrich sieht strukturelles Versagen (Eskalationsangst ohne Strategie). Das Ergebnis ist dasselbe — die Ukraine zahlt den Preis. Aber die Diagnose bestimmt die Therapie: Sonneborns Antwort ist Antikriegsdemo, Heinrichs Antwort wäre eine Strategie mit definiertem Endspiel.

Eigene Einschätzung

Genau hier liegt der Wert dieser Analyse als Ergänzung zu Sonneborn. Sonneborn provoziert die richtige Empörung, aber seine Diagnose „Geschäftsmodell” führt in eine Sackgasse — denn wenn der Krieg gewollt ist, gibt es keinen Adressaten für Veränderung. Heinrichs Diagnose „strukturelles Versagen aus Angst” eröffnet dagegen einen Handlungsraum: Man kann eine Strategie formulieren, man kann Eskalationsmanagement durch echte Politik ersetzen.

Allerdings: Man muss Sonneborn zugestehen, dass er als 10-jähriger EU-Insider weiß, wovon er spricht. Die EU hat — von Semsrotts Transparenz-Aktionen bis zum von-der-Leyen-SMS-Skandal — ein systemisches Kontrollproblem. Institutionen ohne funktionierende Aufsicht erzeugen Zustände, die wie bewusste Strategie aussehen, auch wenn sie aus Trägheit, Bürokratie und Eigeninteresse entstehen. Die ehrlichste Diagnose ist vielleicht: Es braucht weder bösen Willen noch große Verschwörung — es reicht, dass niemand hinschaut und niemand Konsequenzen trägt.

Europa muss sich entscheiden: Entweder die Ukraine soll siegen — dann muss man liefern, was dafür nötig ist. Oder man akzeptiert einen Kompromissfrieden — dann muss man das offen sagen. Was nicht funktioniert, ist das, was der Westen seit vier Jahren macht: beides gleichzeitig zu vermeiden. Und was unabhängig davon überfällig ist: eine Reform der EU-Institutionen, die Transparenz und Kontrolle nicht als Luxus behandelt, sondern als Voraussetzung für demokratische Legitimität.


Faktencheck

Falsch — ATACMS/Storm-Shadow-Freigabe durch Trump

Heinrich schreibt die Freigabe westlicher Langstreckenwaffen für Ziele in Russland Trump zu. Tatsächlich autorisierte Biden am 17. November 2024 den Einsatz von ATACMS gegen militärische Ziele in Russland. Am 19.11.2024 schlug die Ukraine erstmals mit ATACMS in Brjansk zu, am 20.11. mit Storm Shadow in Kursk. Frankreich (Mai 2024) und UK (Juli 2024) gaben ihre Marschflugkörper separat frei. Trump trat erst am 20. Januar 2025 sein Amt an und pausierte die US-Militärhilfe sogar kurzzeitig. Dass die Ukraine ab Oktober 2025 auch Industrieziele angriff, könnte auf eine stillschweigende Ausweitung hindeuten — eine explizite Trump-Freigabe für „Industrieziele” ist jedoch nicht belegt. (Faktencheck: falsch — die Grundsatzentscheidung war Bidens) Quelle: Wikipedia — US and the Russian invasion of Ukraine

Vereinfacht — 16 Leopard 2 der Bundeswehr

Heinrich nennt 16 Leopard 2. Laut offizieller Bundesregierungs-Lieferliste hat Deutschland 18 Leopard 2 A6 Kampfpanzer geliefert (als Teil eines Gemeinschaftsprojekts mit weiteren Leopard-2-Betreiberstaaten). Die Abweichung beträgt 2 Panzer. Heinrichs Kernaussage, dass die Bundeswehr damit an ihre Grenzen stößt, ist allerdings zutreffend — 18 von rund 320 verfügbaren Leopard 2 sind ein relevanter Anteil, und der kaskadenhafte Effekt (fehlende Übungskapazitäten) ist real. Quelle: Bundesregierung — Military support Ukraine

Bestätigt — Scholz verzögerte Panzerlieferung, Auswirkung auf Gegenoffensive 2023

Scholz blockierte nachweislich monatelang die Lieferung schwerer Waffen. Im April 2022 stoppte er einen Plan von Habeck/Baerbock für 100 Marder-Schützenpanzer. Erst am 25. Januar 2023 genehmigte er die Leopard-2-Lieferung — nach massivem internationalem Druck. Die ukrainische Gegenoffensive wurde u.a. wegen verspäteter Waffenlieferungen auf den Sommer verschoben. Selenskyj sagte explizit, er hätte die Offensive „viel früher” starten wollen. Die Verzögerungen gaben Russland Zeit, Verteidigungslinien auszubauen. Quelle: Politico, 7.4.2022 · Wikipedia — 2023 Ukrainian counteroffensive

Vereinfacht — Mike Johnson forderte Strategie von Biden

Johnson verzögerte tatsächlich die Ukraine-Hilfe erheblich. Der Senat verabschiedete ein Hilfspaket im Februar 2024; Johnson blockierte es über zwei Monate im Repräsentantenhaus. Seine öffentlich formulierten Bedingungen waren jedoch primär Grenzsicherheitsmaßnahmen an der Südgrenze — nicht eine „Strategie” im militärischen Sinne. Erst im April 2024 brachte er das Paket ($61 Mrd.) zur Abstimmung — ohne Grenzklausel. Heinrichs Kernaussage (Blockade + Bedingungen) ist korrekt, aber die Forderung war weniger „Kriegsstrategie” als „Grenzsicherheit + Rechenschaftspflicht”. Quelle: Wikipedia — Mike Johnson

Bestätigt — Russische Bomber nahe der Grenze, Gleitbomben täglich, Einsatzverbot

Russische Su-34-Bomber setzen seit 2023 massenhaft UMPK-Gleitbomben (Reichweite 60–70 km) und seit März 2024 auch UMPB D-30SN (Reichweite 90–120 km) ein. Die Flugzeuge operieren von Flugplätzen in Grenznähe und müssen nicht in den ukrainischen Luftraum eindringen. Die Ukraine verfügte über ATACMS (Reichweite ~300 km) und Storm Shadow (~250 km), die diese Flugplätze hätten erreichen können — durfte sie aber bis November 2024 nicht gegen Ziele in Russland einsetzen. Die Grundaussage — Bomber aus sicherer Entfernung, Ukraine hatte Waffen aber kein Einsatzrecht — ist korrekt und durch zahlreiche Quellen belegt. Quelle: Wikipedia — UMPK (bomb kit)


Weiterführende Quellen

Im Video erwähnte Sachverhalte:


Verbindungen

Konstantin Flemig — Russlands Katastrophen-Monat

Produktive Spannung über das Tempo: Heinrich fragt, ob der Westen den Krieg bewusst verlängert, um Russland langsam auszubluten. Flemigs Katastrophen-Monat erzählt dagegen von einer rapiden, womöglich kippenden Erosion — kein langsames Ausbluten, sondern beschleunigter Verfall. Wer hat recht?

Ruben Mawick — Als Sanitaeter an der Ukraine-Front

Die nötige Gegenstimme im Gleichmut-Spiegel: Wo Heinrich denselben Krieg als Eskalationsmanagement liest, bei dem die Ukraine zwischen den Großmächten verheizt wird, argumentiert Mawick von der Front her für entschlossene Verteidigung. Beide ernst zu nehmen heißt, die unbequeme Lücke auszuhalten — geopolitische Skepsis des Analytikers versus moralische Klarheit des Augenzeugen.

Martin Sonneborn — Endloser Krieg

Die andere Hälfte derselben Diagnose — aber mit einem entscheidenden Unterschied in der Quellenqualität. Sonneborn saß 10 Jahre im Europäischen Parlament. Er ist kein externer Kommentator, sondern Insider. Was er über fehlende Kontrollmechanismen, intransparente Mittelvergabe und die Selbstbedienungsmentalität der EU-Institutionen berichtet, basiert auf Erfahrung aus erster Hand. Zusammen mit Nico Semsrott (ebenfalls Die PARTEI, EU-Parlament) hat er systematisch aufgedeckt, wie wenig Kontrolle es gibt — von Lobby-Zugängen bis zu Nebeneinkünften. Der von-der-Leyen-Skandal (verschwundene SMS, Pfizer-Deals) bestätigt das Muster: Die EU hat ein strukturelles Transparenzproblem, das weit über den Ukraine-Kontext hinausgeht.

Heinrich analysiert von außen — mit militärhistorischer Methodik und Quellenkritik. Sonneborn berichtet von innen — mit dem Zynismus dessen, der die Maschinerie kennt. Beide beschreiben dieselben Symptome (zum Sterben zu viel, zum Leben zu wenig), kommen aber zu unterschiedlichen Schlüssen: Heinrich sieht Eskalationsangst, Sonneborn sieht Kalkül. Die Wahrheit liegt vermutlich in der unbequemen Kombination: Institutionen, die so wenig Kontrolle und Transparenz aufweisen, erzeugen Zustände, die wie bewusste Strategie aussehen — auch wenn sie aus strukturellem Versagen entstehen. Ob Absicht oder Unfähigkeit: Ohne Reform der Kontrollmechanismen ist das Ergebnis identisch.

Torsten Heinrich — Was die Tagesschau verschweigt

Heinrichs Methodik in voller Entfaltung. Das 4:23h-Interview enthält die Grundlagen, auf denen dieses kürzere Video aufbaut: Quellenkritik als historische Methode, die Unterscheidung zwischen Neutralität und Objektivität, und vor allem seine Bereitschaft, auch unbequeme Wahrheiten auszusprechen, wenn er sie für korrekt hält — selbst wenn sie „von der Gegenseite argumentativ genutzt werden können”.

Konstantin Flemig — Ukraine Gebietsgewinne 2026

Die militärische Gegenposition. Während Heinrich die westliche Unterstützungspolitik als strategieloses Eskalationsmanagement analysiert, liefert Flemig die Lagebilder, die zeigen, was die Ukraine trotzdem erreicht hat — Gebietsgewinne 2026, die zeigen, dass ukrainische Offensivfähigkeit nicht nur theoretisch möglich ist. Flemigs Analyse bestätigt Heinrichs Grundthese indirekt: Wenn die Ukraine mit begrenzter Unterstützung Gebiete zurückerobert, was hätte sie mit voller Unterstützung erreichen können?

Herfried Münkler — Muss es Kriege geben

Münkler liefert den theoretischen Rahmen für Heinrichs Diagnose. Der perpetuierte Krieg ohne Endspiel — Heinrichs „Eskalationsmanagement ist keine Strategie” — ist genau das, was Münkler als Zustand beschreibt, in dem kein Akteur ein Interesse am Ende hat. Der fehlende „Hüter der friedlichen Ordnung”, die These, dass Kriege eskalieren, wenn keine Ordnungsmacht den Frieden durchsetzt, spiegelt sich in Heinrichs Kritik: Die USA hätten die Ordnungsmacht sein können, wollten aber nicht.

StreitClub — Europa allein zu Haus

Die Kehrseite von Heinrichs Analyse: Wenn Europa militärisch nicht mehr liefern konnte (Bundeswehr-Dilemma), was bedeutet das für europäische strategische Autonomie? Heinrich zeigt die Grenzen auf — zu wenig Panzer, zu wenig Munition, zu wenig Flugabwehr. Der StreitClub verhandelt die Konsequenz: Europa muss aufrüsten, aber wozu — zur eigenen Verteidigung oder zur Unterstützung anderer? Heinrichs Kaskadeneffekt (keine Übung = keine Fähigkeit) ist das beste Argument für europäische Eigenständigkeit.

Helen Keller — Voelkerrecht zahnloser Tiger

Heinrichs Analyse operiert im Raum zwischen Völkerrecht und Realpolitik. Das Einsatzverbot für ATACMS/Storm Shadow gegen russische Flugplätze war keine völkerrechtliche Beschränkung — Selbstverteidigung erlaubt Angriffe auf Startpunkte von Angriffen. Es war eine politische Beschränkung durch die Lieferanten. Kellers Diagnose des Völkerrechts als zahnloser Tiger zeigt den breiteren Kontext: Wenn selbst das Recht auf Selbstverteidigung an den politischen Willen der Waffenlieferanten gebunden ist, existiert Souveränität nur auf dem Papier.

Konstantin Flemig — Reaktion auf Precht, Russland und die Grenzen der Expertise

Gemeinsamer Habitus des positionierten Fachmanns, der Parteilichkeit und Sachlichkeit trennt. Heinrichs „Ukraine als nützliche Schwächung Russlands” ergänzt Flemigs Motivlehre um eine dritte Ebene neben Prechts Ökonomie und Flemigs Imperialismus — Krieg als westliches Kalkül.