Quelle: Endloser Krieg
Wer spricht?
Martin Sonneborn (1965, Göttingen) — Satiriker, Ex-Chefredakteur der Titanic, Gründer von Die PARTEI. 2014–2024 fraktionsloses Mitglied des Europäischen Parlaments. Nutzt Satire als politisches Instrument, kritisiert EU-Intransparenz, Rüstungslobbyismus und westliche Kriegspolitik. Unterstützer von Julian Assange. Umstritten wegen ablehnender Haltung zu Ukraine-Waffenlieferungen — für Kritiker ein „Putin-Versteher”, für Anhänger einer der wenigen ehrlichen Stimmen gegen den militärisch-industriellen Komplex. → DenkerVita
Inhalt
Die Kernthese: Krieg als Geschäftsmodell
▶ 0:00 — Sonneborn eröffnet mit einem Zitat, das er Julian Assange zuschreibt: „Das Ziel ist ein endloser Krieg, nicht ein erfolgreicher Krieg.” Die EU habe soeben 90 Milliarden Euro für die Ukraine freigegeben — nachdem Orbán sein Veto zurückzog — und damit die Gesamtsumme seit 2022 auf knapp 290 Milliarden Euro getrieben. Sonneborns Prämisse: Diese Gelder dienten nicht dem ukrainischen Sieg, sondern der Perpetuierung eines Konflikts, von dem eine „transnationale Sicherheitselite” — der militärisch-industrielle Komplex — profitiere.
Die These ist nicht neu. Sie findet sich in der Tradition von Eisenhowers Abschiedsrede 1961, in Noam Chomskys Medienkritik und in Assanges WikiLeaks-Enthüllungen. Sonneborn wendet sie auf den Ukraine-Krieg an — mit der Implikation, dass die Fortführung des Krieges primär ökonomisch motiviert sei.
Eigene Einschätzung
Die Analyse hat einen blinden Fleck: Sie behandelt den Krieg als westliches Produkt und blendet den Aggressor Putin vollständig aus. Dass die Rüstungsindustrie profitiert, ist empirisch korrekt — aber daraus folgt nicht, dass der Krieg deshalb geführt wird. Korrelation ist nicht Kausalität. Die Ukraine wurde angegriffen; die Frage ist nicht, ob Verteidigung stattfinden soll, sondern wie sie finanziert und kontrolliert wird.
Das Assange-Paradigma: Afghanistan als Blaupause
▶ 1:32 — Sonneborn verankert seine Argumentation in Assanges Afghanistan-Analyse: Kriege der letzten drei Jahrzehnte seien von „westlichen Kapitalvermehrungsapparaten erdacht, von westlichen Militärapparaten geführt, von westlichen Politikapparaten gerechtfertigt, von westlichen Medienapparaten normalisiert”. Das Geld fließe aus den Staatshaushalten über den Kriegsschauplatz zurück in die Hände der Rüstungsindustrie. Die Verarmung der Bürger und die Toten in den Kriegsgebieten seien dabei „lässlicher Kollateralschaden”.
Die Afghanistan-Parallele ist aufschlussreich — aber sie hinkt. Afghanistan war ein US-geführter Interventionskrieg ohne existenzielle Bedrohung der NATO-Staaten. Die Ukraine verteidigt sich gegen eine Invasion, die ihre staatliche Existenz bedroht. Diesen Unterschied einzuebnen, wie Sonneborn es tut, ist argumentativ problematisch: Ein Verteidigungskrieg und ein Interventionskrieg folgen fundamental verschiedenen Logiken, auch wenn in beiden Fällen die Rüstungsindustrie profitiert.
Die 290-Milliarden-Rechnung
▶ 4:37 — Sonneborn rechnet vor: 200 Milliarden bereits geflossen, 90 Milliarden neu bewilligt — macht knapp 290 Milliarden EU-Gelder für die Ukraine seit 2022. Er übersetzt die Summe in plastische Bilder: 800.000 Kilometer aneinandergelegter 50-Euro-Scheine, zweimal zum Mond und zurück. Die Rhetorik zielt auf Empörung: So viel Geld, während europäische Bürger unter Inflation und Ungleichheit leiden.
Die Zahlen sind in der Größenordnung korrekt, vermischen aber Kredite, Hilfsgelder, Bürgschaften und Waffenlieferungen — Kategorien mit sehr unterschiedlichen Rückfluss- und Risikoprofilen. Kredite sind keine Geschenke; Waffenlieferungen sind oft Bestellungen bei europäischen Rüstungsfirmen, die europäische Arbeitsplätze sichern. Das macht die Summen nicht unproblematisch, aber die undifferenzierte Darstellung als „verschlungenes” Geld ist eine Vereinfachung.
Fehlende Kontrollmechanismen
▶ 5:22 — Sonneborns stärkstes Argument: Die EU verzichtet bei der Ukraine auf die üblichen Kontrollverfahren. Der Zahlungsempfänger solle — so die EU — „Unregelmäßigkeiten im Zusammenhang mit der Verwendung der erhaltenen Mittel selbsttätig der Kommission melden.” Sonneborn kommentiert trocken: „Sollte Selenskyj von selbst. Lol.”
Eigene Einschätzung
Dieser Punkt verdient ernsthafte Beachtung — unabhängig von Sonneborns sonstiger Argumentation. Transparenz bei der Mittelverwendung ist kein Luxus, sondern demokratische Grundpflicht. Die Ukraine hat historisch massive Korruptionsprobleme. Dass die EU hier auf Eigenkontrolle des Empfängers setzt, ist bestenfalls naiv, schlimmstenfalls politisch gewollt. Der Europäische Rechnungshof hat wiederholt auf Lücken in der Finanzkontrolle hingewiesen. Wer die Ukraine unterstützen will — und das ist richtig —, muss gleichzeitig auf lückenloser Rechenschaft bestehen. Beides schließt sich nicht aus.
Was Sonneborn ausblendet: Putins Großmachtlogik
Sonneborns Analyse hat eine auffällige Leerstelle: Der Aggressor kommt nicht vor. Putin wird kein einziges Mal als Verursacher des Krieges adressiert. In Sonneborns Framing ist der Krieg ein westliches Produkt — ein Geldtransfer von Bürgern zur Rüstungselite. Aber der Krieg existiert, weil Russland am 24. Februar 2022 die Ukraine überfallen hat.
Putins geopolitisches Weltbild ist gut dokumentiert: Er glaubt an das Recht des Stärkeren. Kleine Länder haben aus seiner Sicht kein Mitspracherecht — ihre Souveränität ist verhandelbar, wenn eine Großmacht anderes beschließt. Konstantin Flemig beschreibt dieses Muster konkret: Putin nennt den Krieg inzwischen „einen großen, metaphysischen Krieg gegen den Westen” — er führt ihn nicht um Territorium, sondern als innenpolitisches Herrschaftsinstrument und als Kampf gegen eine Weltordnung, die auf Souveränität und Völkerrecht basiert.
Die Frage ist nicht, ob die Rüstungsindustrie profitiert — das tut sie zweifellos. Die Frage ist: Was passiert, wenn man einem Aggressor, der Souveränität nicht akzeptiert, nicht entgegentritt? Die historische Antwort ist eindeutig: Appeasement ermutigt Expansion. Münchener Abkommen 1938, Krim-Annexion 2014 — beide Male folgte auf Nachgiebigkeit weitere Aggression.
Die falsche Dichotomie: Hilfe oder Profitgier
Sonneborns Rhetorik suggeriert ein Entweder-Oder: Entweder man unterstützt die Ukraine, oder man durchschaut das Spiel der Kriegsgewinnler. In Wahrheit sind beide Aussagen gleichzeitig wahr: Die Ukraine braucht Unterstützung gegen eine existenzielle Bedrohung, UND die Rüstungsindustrie verdient daran. Daraus folgt nicht, dass die Unterstützung falsch ist — sondern dass die Bedingungen der Unterstützung kritisch geprüft werden müssen.
Rainer Mausfeld hat beschrieben, wie Eliten öffentliche Zustimmung zu vorgegebenen Politiken erzeugen — durch Medienmanipulation und Angstproduktion. Sonneborn greift dieses Muster auf. Aber Mausfelds Analyse gilt in beide Richtungen: Auch die Erzählung „alles nur Kriegsgewinnlertum” kann ein Narrativ sein, das die reale Bedrohung durch einen expansiven Autokraten verharmlost. Kritisches Denken bedeutet nicht, die anti-westliche Gegenerzählung unkritisch zu übernehmen.
Eigene Einschätzung
Sonneborn stellt wichtige Fragen — zur Transparenz, zur Rolle der Rüstungsindustrie, zur demokratischen Kontrolle von Kriegsausgaben. Diese Fragen verdienen Antworten. Aber sein Framing macht es sich zu einfach: Wer den Krieg auf ein Geschäftsmodell reduziert, ignoriert die Millionen Ukrainer, die um ihr Überleben kämpfen. Die Wahrheit liegt nicht „in der Mitte” — sie liegt in der Fähigkeit, zwei unbequeme Realitäten gleichzeitig zu halten: Ja, Kriege werden instrumentalisiert und erzeugen Profiteure. Und ja, Putin muss gestoppt werden, weil seine Großmachtlogik jede souveräne Ordnung bedroht. Beides zu ignorieren, wäre intellektuelle Faulheit.
Der 8. Mai und die Antikriegsdemo
▶ 5:22 — Sonneborn ruft zur Antikriegsdemo am 8. Mai auf. Die Datumswahl ist symbolisch: der Jahrestag des Kriegsendes 1945. Pazifismus als Haltung ist ehrenwert — aber „Antikrieg” ist kein Programm. Frieden braucht Bedingungen. Wer eine Antikriegsdemo fordert, muss auch sagen, wie der Frieden aussehen soll: Zu wessen Konditionen? Mit welchen Sicherheitsgarantien? Was geschieht mit den besetzten Gebieten?
Diese Fragen stellt Sonneborn nicht. Sein Video ist ein Zwischenruf — kein Friedensplan. Und darin liegt sowohl seine Stärke (er provoziert notwendige Debatten) als auch seine Schwäche (er bietet keine Alternativen an).
PS: Das Ausfallrisiko
▶ 6:09 — Am Ende seines Videos erwähnt Sonneborn einen wichtigen Punkt: Bei einem Zahlungsausfall der Ukraine haften die EU-Bürger. 22,5 Milliarden Euro entfallen auf Deutschland, 17 Milliarden auf Frankreich. Das Wall Street Journal berichtet, die 90 Milliarden werden schneller aufgebraucht sein als geplant — ein zusätzlicher Bedarf von 19 Milliarden zeichne sich ab.
Das ist ein legitimes fiskalisches Risiko, das in der öffentlichen Debatte zu wenig Beachtung findet. Es stellt sich die Frage: Werden die europäischen Bürger angemessen über die langfristigen finanziellen Verpflichtungen informiert? Und gibt es eine Exit-Strategie, die sowohl die ukrainische Souveränität als auch die europäische Haushaltsstabilität berücksichtigt?
Faktencheck
Vereinfacht — "EU hat knapp 200 Milliarden für die Ukraine ausgegeben"
Die Größenordnung ist plausibel, aber die Zahl vermischt Kategorien: EU-Makrofinanzhilfen (~€18 Mrd), Ukraine Facility (€50 Mrd), €90-Mrd-Kredit (April 2026), Militärhilfen via European Peace Facility (~€11 Mrd+), bilaterale Hilfen und G7-Kredit. Zusammen ~170–190 Mrd €. Aber der Großteil sind Kredite, keine Geschenke — und „ausgegeben” ist irreführend, vieles ist erst zugesagt, nicht ausgezahlt. Quelle: IfW Kiel Ukraine Support Tracker
Bestätigt — "90 Milliarden gerade beschlossen"
Am 23. April 2026 bestätigten EU-Rat und Kommission ein €90-Milliarden-Support-Darlehen für die Ukraine, zusammen mit dem 20. Sanktionspaket. Quelle: EU-Kommission Joint Statement 23.04.2026
Vereinfacht — "EU verzichtet auf Kontrollverfahren"
Die EU hat Kontrollmechanismen vereinfacht, nicht abgeschafft. Der Europäische Rechnungshof (SR-2024-09) kritisiert: Kommission stützt sich verstärkt auf ukrainische Eigenerklärungen, Konditionalitäten gelockert. Aber es gibt weiterhin EU-Prüfungen und reformgebundene Auszahlungstranchen. Quelle: ECA Special Report SR-2024-09
Vereinfacht — "WSJ: 90 Mrd reichen nicht, 19 Mrd zusätzlicher Bedarf"
Plausibel (Weltbank schätzt Wiederaufbaukosten auf >$486 Mrd), aber der WSJ-Bericht konnte hinter der Paywall nicht unabhängig verifiziert werden. Die exakte Zahl „19 Milliarden zusätzlich” bleibt ungesichert. Keine unabhängige Quelle gefunden — Paywall
Vereinfacht — "Bei Zahlungsausfall: DE 22,5 Mrd, FR 17 Mrd"
Rechnerisch plausibel (basiert auf GNI-Schlüssel: DE ~25% × €90 Mrd). Aber „Haftung” ist irreführend: Es gibt keine direkte bilaterale Bürgschaft. Die Kette verläuft: Ukraine → EU-Haushalt → Mitgliedstaaten (anteilig). Quelle: EU Budget GNI-Schlüssel
Falsch — "Assange-Zitat: Das Ziel ist ein endloser Krieg"
Dieses Zitat wird Assange zugeschrieben, ist aber nicht als verifiziertes Assange-Zitat belegbar. Das im Internet kursierende Meme über Afghanistan stammt möglicherweise aus von WikiLeaks veröffentlichten Stratfor-E-Mails — also von Stratfor-Analysten, nicht von Assange. Es handelt sich höchstwahrscheinlich um eine Fehlzuschreibung. Quelle: WikiLeaks GI Files / Stratfor
Bestätigt — "Orbán hat sein Veto zurückgezogen"
Orbán blockierte im Dezember 2023 das €50-Mrd-Paket, gab im Februar 2024 nach. Das €90-Mrd-Darlehen (April 2026) fiel in die Übergangsphase nach Orbáns Wahlniederlage gegen Péter Magyar am 12.04.2026. Quelle: BBC
Weiterführende Quellen
Im Video zitierte Quellen:
- Julian Assange (Paraphrase) — über Afghanistan und „endlosen Krieg” (Fehlzuschreibung, siehe Faktencheck)
- Wall Street Journal — zum zusätzlichen Finanzbedarf der 90-Mrd-Tranche (hinter Paywall)
Faktencheck-Quellen:
- IfW Kiel Ukraine Support Tracker — umfassendste Datenbank aller Hilfsleistungen
- EU-Kommission: EU Assistance to Ukraine — offizielle Übersicht
- ECA Sonderbericht SR-2024-09 — Prüfung der EU-Ukraine-Hilfen
- European Peace Facility — Militärhilfen-Budgets
Verbindungen
→ ARTE — Hybrider Angriff Putins Krieg gegen Europas Osten
Sonneborn verkörpert die vom Film geflaggte Parole („Pazifisten, aber…“) — und die Doku zeigt, wie Moskau genau solche legitime Kriegskritik findet, gießt und verstärkt. Die offene Frage beider Notes: wie man Kriegskritik von der russisch verstärkten Erzählung trennt, ohne beide gleichzusetzen.
→ Joerg Baberowski — Putin Herrschaft und liberale Demokratie
Dieselbe Eskalationsdynamik des Ukraine-Kriegs, entgegengesetzte Blickrichtung: Sonneborn macht die westliche Kriegsökonomie zur Ursache und blendet den Aggressor weitgehend aus, während Baberowski gerade Putins Diktatorendilemma und die unkontrollierbare Logik der Spirale ins Zentrum stellt — ein Kontrast, der zeigt, wie sehr der Standpunkt das Urteil formt.
→ Konstantin Flemig — Ukraine Gebietsgewinne 2026
Die unverzichtbare Gegenposition. Sonneborn blendet den Aggressor komplett aus — Flemig liefert genau das fehlende Stück: Putins Narrativ vom „metaphysischen Krieg gegen den Westen”, die Kriegsführung als innenpolitisches Herrschaftsinstrument, die Iranisierung der russischen Wirtschaft. Wer Sonneborns Analyse ohne Flemigs Korrektiv liest, bekommt ein halbes Bild. Wer beide liest, versteht die eigentliche Spannung: Die Rüstungsindustrie profitiert und Putin muss gestoppt werden.
→ Rainer Mausfeld — Warum schweigen die Lämmer
Sonneborn greift Mausfelds Kernmechanismus auf — mediale Herstellung von Zustimmung zu vorgegebenen Politiken —, wendet ihn aber nur in eine Richtung an. Mausfelds Analyse der Elitenkommunikation und Angstproduktion funktioniert als Erklärung dafür, warum 290 Milliarden Euro kaum kritische Debatte erzeugen. Aber dieselben Mechanismen gelten auch für das anti-westliche Gegennarrativ: Auch „alles nur Kriegsgewinnlertum” kann ein gesteuert wirkendes Framing sein. Mausfeld liefert das Werkzeug — Sonneborn nutzt es selektiv.
→ Koshi Politik — Wer profitiert vom Iran-Krieg
Strukturell dasselbe Muster, anderer Schauplatz. Koshi fragt beim Iran-Krieg, was Sonneborn beim Ukraine-Krieg fragt: Cui bono? Golfstaaten-Finanzierung bei Koshi, EU-Rüstungssubventionen bei Sonneborn — beide beschreiben den Mechanismus, in dem Kriege Kapitalflüsse erzeugen, die wiederum die Fortsetzung des Krieges begünstigen. Der Vergleich macht das Muster sichtbarer als jede Einzelanalyse.
→ Herfried Münkler — Muss es Kriege geben
Münkler liefert den philosophischen Rahmen, den Sonneborn intuitiv nutzt, ohne ihn zu benennen: der perpetuierte Krieg als Zustand, in dem kein Akteur ein Interesse am Ende hat. Münklers fehlender „Hüter der friedlichen Ordnung” — die These, dass Kriege eskalieren, wenn keine Ordnungsmacht den Frieden durchsetzt — ist die strukturelle Diagnose hinter Sonneborns rhetorischer Empörung. Münkler stellt aber auch die Gegenfrage, die Sonneborn vermeidet: Was passiert, wenn man dem Aggressor nicht entgegentritt?
→ Sandra Navidi — Verbrecher getarnt als Regierung: Wie Trump die USA ausraubt (Der Standard)
Navidi macht sichtbar, was Sonneborn behauptet, aber nicht belegt: konkretes Kriegsgewinnlertum. Insider-Trading auf Polymarket vor dem Iran-Angriff, Hegseths Broker bei BlackRock, siebenstellige Wetten aus dem Trump-Umfeld. Sonneborns These „Krieg als Geschäftsmodell” bleibt bei der Ukraine abstrakt — Navidi liefert die Buchhaltung für den Iran-Fall. Zusammen zeigen sie: Das Problem ist nicht ein einzelner Krieg, sondern ein System, in dem Kriegsentscheidungen und Finanzinteressen strukturell verschmelzen.
→ Nico Semsrott — Bruessel sehen und sterben
Semsrotts „Abschlussreferat” über seine 5 Jahre als MEP ist das Gegenstück zu Sonneborns satirischer Performance. Wo Sonneborn die Absurdität des Parlaments feiert (abwechselnd Ja und Nein), liefert Semsrott die systemische Analyse: Bürokostenpauschale, Reisekostenerschleichung, CDU-Verwaltungsmacht. Beide waren 2019–2021 gemeinsam für Die PARTEI im Parlament, bis der Bruch kam. Zusammen zeigen sie zwei Strategien gegen institutionelle Intransparenz — Satire vs. Transparenz-Aktivismus — und die Grenzen beider.
→ Helen Keller — Voelkerrecht zahnloser Tiger
Sonneborn fordert implizit Souveränität und demokratische Kontrolle über Kriegsausgaben — Keller analysiert genau die Ordnung, die Souveränität schützen soll, und warum sie versagt. Kellers Diagnose des Völkerrechts als „zahnloser Tiger” ohne Durchsetzungsmechanismus ist die juristische Seite von Sonneborns politischer Klage: Wenn es keine funktionierende internationale Ordnung gibt, füllen Machtlogik und Kapitalinteressen das Vakuum.
→ Clara Mattei — Geschichte der Austeritaetspolitik
Die strukturelle Ergänzung. Sonneborn empört sich über 290 Milliarden für die Ukraine, während europäische Bürger unter Inflation leiden. Mattei erklärt den Mechanismus dahinter: Austerität als gezielte Disziplinierung der Bevölkerung zugunsten der Kapitalordnung. Die Kriegsausgaben fließen nach oben (Rüstungsindustrie), die Kosten werden nach unten weitergereicht (Inflation, Sozialkürzungen). Sonneborn beschreibt die Symptome, Mattei liefert die historische Diagnose.
→ Torsten Heinrich — Ukraine bewusst geopfert
Die analytische Gegenposition. Heinrich beschreibt exakt dieselben Symptome — zum Sterben zu viel, zum Leben zu wenig — kommt aber zu einem anderen Schluss: Eskalationsangst statt Kalkül, strukturelles Versagen statt bewusstem Geschäftsmodell. Das Ergebnis ist identisch (Krieg ohne Entscheidung auf Kosten der Ukraine), aber die Diagnose bestimmt die Therapie. Sonneborn fordert Antikriegsdemo; Heinrich fordert eine Strategie mit definiertem Endspiel. Beide zusammen zeigen: Egal ob Absicht oder Unfähigkeit — das Versäumnis ist real.
→ StreitClub — Europa allein zu Haus
Der StreitClub verhandelt die Kehrseite von Sonneborns Kritik: Wenn Europa nicht in Verteidigung investiert — wer sorgt dann für Sicherheit? Sonneborn fragt, wohin das Geld fließt; der StreitClub fragt, was passiert, wenn es nicht fließt. Die Debatte über europäische strategische Autonomie macht deutlich, dass Sonneborns Transparenzforderung berechtigt ist, sein impliziter Pazifismus aber keine Antwort auf die Souveränitätsfrage liefert, die Europa nach dem US-Rückzug beantworten muss.
→ Konstantin Flemig — Deutschland als Ruestungs-Grossmacht
Flemig liefert die Zahlen, die Sonneborns Kriegsgewinn-These konkret machen — Rheinmetall 40% Wachstum, 14 Milliarden Umsatz. Aber Flemig zeigt auch den Kontext: Die Expansion ist Antwort auf eine Bedrohungslage, die Russland geschaffen hat, nicht Kriegstreiberei.
→ Konstantin Flemig — Reaktion auf Precht, Russland und die Grenzen der Expertise
Die direkte Erwiderung auf Sonneborns monokausale Lesart. Wo Sonneborn den Krieg aufs Rüstungs-Geschäftsmodell reduziert und Putin als Aggressor ausblendet, hält Flemig (gegen Precht) dagegen: Kriege haben imperiale, status- und geografiegetriebene Motive jenseits von Geld und Rohstoffen. Beide markieren die Pole der deutschen Russland-Debatte.











