Quelle: Interview mit Prof. Dr. Manfred Spitzer (psychiatrische Uniklinik Ulm)

Psychiater, Neurowissenschaftler, Autor. Spitzer ist Direktor der psychiatrischen Universitätsklinik Ulm und Gründer des dortigen Transferzentrums für Neurowissenschaft und Lernen — das erste weltweit, noch vor Harvard und Oxford. Er ist Autor von Digitale Demenz (2012, Bestseller) und Künstliche Intelligenz — den Menschen überlegen (2024). Bekannt für konsequente Popularisierung von Hirnforschung — und für Anecken.

Über KI

„KI ist kein schlauer Computer — KI ist ein neuronales Netzwerk, das aus einem Input einen Output macht, ohne Algorithmus dazwischen. Man könnte sie genauso gut künstliche Intuition nennen.”


1. Was das Gehirn ist — und was es kann

Die wichtigste Erkenntnis der Neurowissenschaft der letzten 50 Jahre: Das Gehirn ändert sich, wenn es lernt. Synapsen — die Verbindungsstellen zwischen Nervenzellen — werden stärker, wenn sie benutzt werden.

„Neurons that fire together wire together.”

Ein Neuron macht ca. 200 Impulse/Sekunde (Computer: Milliarden). Aber: 86 Milliarden Neuronen arbeiten gleichzeitig. Dadurch ist das Gehirn schnell trotz langsamer Bauteile — Parallelverarbeitung statt sequentieller Berechnung.

Das Gehirn hat auch keine Trennung von Verarbeitung und Speicher — anders als der von-Neumann-Computer:

„Wir haben keine Festplatte und keine CPU. Wir haben 100 Milliarden Nervenzellen mit einer Million Milliarden Verbindungen — das ist der Rechner und es ist der Speicher. Was da abgeht, ist die Rechnung, und die Spuren, die es hinterlässt, sind der Speicher.”


2. Neuroplastizität — das Gehirn als Muskel

Das Gehirn ist formbar — bei Kindern am stärksten, bei Erwachsenen langsamer, aber nie null. Was über die Synapsen von Kindern läuft, ist nicht egal. Es verändert die Hardware.

Eine Studie (publiziert in Science): Man sagte 3.000 Kindern am Schuljahresanfang:

„Euer Hirn ist wie ein Muskel. Je mehr ihr trainiert, desto besser wird er.”

Nach zwei Jahren waren diese Kinder eine halbe Note besser als die 3.000 Vergleichskinder. Eine knappe Stunde Erklärung → ein Schultyp Unterschied nach zwei Jahren.

Schule als Demenzprophylaxe

Eine dänische Langzeitstudie zeigte: Der Kognitionstest mit 18 Jahren sagt Demenz mit 78 Jahren zu 99% genauso gut voraus wie der Test mit 60 Jahren. Bildung in der Jugend bestimmt, wann man im Alter dement wird.

Das Lancet-Paper (2020) zur Demenzprävention: 60% der Demenz sind genetisch bedingt, 40% umweltbedingt. Von diesen 40% ist Bildung in Kindheit und Jugend mit 7% der größte beeinflussbare Faktor.

Nonnenstudie — die eindrucksvollste Illustration

Schwester Maria: lehrte bis 84, arbeitete inoffiziell bis 101. Tests mit 101: keine Demenz. Autopsie nach dem Tod: Hirn voller Alzheimer — riesige Mengen zerstörter Nervenzellen. Das supertrainierte Hirn hat so viel Reserve gehabt, dass der Schaden unbemerkt blieb.

Demenz ist kein Schicksal. Je höher man anfängt, desto länger dauert es, bis man unten ist.


3. Digitale Demenz — was Bildschirme mit Kindergehirnen machen

Spitzer warnt seit 2012 — damals verlacht, heute bestätigt. Die Kernargumentation:

  • Kinder lernen in den ersten ~25 Jahren alles Wesentliche: Empathie (durch echte Gesichter), Motorik (durch echte Bewegung), Sprache, Imagination, Selbstkontrolle
  • Vom Bildschirm kann man Empathie nicht lernen. Man braucht echte Gesichter, echte Reaktionen
  • Wenn das Seezentrum und das Sprachzentrum nie zusammenarbeiten müssen (z.B. weil nie jemand vorgelesen hat), entwickelt sich das Vorstellungsvermögen nicht

„Wenn ein Kind 10 Stunden am Tag am Tablet sitzt: Aufmerksamkeitsstörungen gehen durch die Decke, Empathieverlust geht durch die Decke, Einfühlungsvermögen geht in den Keller.”

Was heute passiert:

  • Schweden und Australien haben Bildschirme aus Schulen zurückgenommen
  • Dänemark hat sich öffentlich bei Kindern entschuldigt
  • Macron: Smartphones bis 14 und Social Media bis 17 verbieten
  • China: Smartphones komplett verboten bis 15

Die Raucherlobby-Parallele

Die Tabakindustrie hat es 50 Jahre geschafft, Gesetze zu verhindern — obwohl Rauchen = Krebs bekannt war. In diesen 50 Jahren: 7 Millionen Tote in Deutschland.

„Die digitale Lobby ist verglichen mit der Raucherlobby so klein mit Hut — was die finanzielle Kapazität anbelangt. Wir werden beregnet von: Digital ist toll, digital macht schlau, digital ist die Zukunft — weil da Leute gut dran verdienen.”

Kurzsichtigkeit als körperliches Symptom

Das Auge ist entwicklungsgeschichtlich ein Teil des Gehirns. Es wächst so lange, bis es scharf sieht. Bildschirmzeit → Augapfel wächst zu lang → Kurzsichtigkeit → deformierter Augapfel → Hauptrisikofaktor für Erblindung im Alter.

Wuhan-Lockdown-Studie: 25.000 Kinder wurden seit 2015 halbjährlich gemessen. Im Lockdown 2020 (mehr Bildschirmzeit): augapfelwachstum verdreifacht.

  • Prognose: 4,8 Milliarden Kurzsichtige bis 2050 (die Hälfte der Weltbevölkerung)
  • Stuttgart: Alle Kinder in allen Kindergärten bekommen iPads
  • Spitzers Urteil: „Körperverletzung mit Ansage.”

4. KI ≠ Computer — der entscheidende Unterschied

Der klassische Computer arbeitet sequenziell: ein Algorithmus, Zeile für Zeile. KI ist ein neuronales Netzwerk: Input → Synapsen → Output. Kein Algorithmus dazwischen. Man kann nicht sagen, warum die KI etwas tut.

„Wir wissen auch nicht, wie wir es machen, was wir alles machen — weil wir auch nur ein neuronales Netzwerk im Hirn haben, wo kein Computer-Code drinsteht.”

Beispiel Intuition: Niemand kann die Regeln der deutschen Grammatik vollständig aufschreiben. Aber jeder Deutsche beugt Phantasie-Wörter korrekt: „Die Zwerge haben richtig schön gequangt” — nicht gatiert. Wir kennen die Regel nicht, aber unser Hirn hat sie.

Das ist KI: Sie kennt ihre Regeln nicht, aber wendet sie an.

KI als Orakel

AlphaGo spielte sich in 40 Tagen durch 3000 Jahre menschlicher Go-Spielgeschichte — und entwickelte dann Züge, die kein Mensch versteht. Es spielte dann 100-mal gegen die bis dahin beste KI — und gewann 100-mal.

Go-Experten studieren seitdem, was die Maschine macht. Wir lernen jetzt von der Maschine.

Das Fachblatt Nature kommentierte 2017: „Wir werden uns gewöhnen müssen, es mit Maschinen zu tun zu haben, die uns irgendwas sagen, was wir nur glauben können, aber nicht wissen.” — KI als modernes Orakel.


5. AlphaFold — KI löst ein 50 Jahre altes Problem

Proteinfaltung: Alle Lebensprocesse werden von Eiweißmolekülen erledigt. Deren Form bestimmt ihre Funktion. Ein mittleres Protein hat 300 Aminosäuren → mögliche Faltungsweisen (mehr als Atome im Universum). Unmöglich zu berechnen.

In 50 Jahren mühsamer Experimentalarbeit: 50 bekannte Proteinstrukturen.

Demis Hassabis (DeepMind, 2014 für 400 Mio. £ an Google verkauft):

  • 2020: 24 von 43 bei Wettbewerb richtig (zweitbester: 14)
  • 2021: 98,5% aller menschlichen Proteine bekannt
  • 2022: 220 Millionen Proteine aller Lebewesen auf der Erde — fertig

Ohne Patentierung → weltweite Pharmaforschung explodiert seitdem.

Mooresches Gesetz vs. KI

Computer werden alle 18 Monate doppelt so schnell. KI-Fortschritt: jährlich mal 100.000 oder mal 1.000. KI ist nicht linear — sie ist explosiv.


6. KI und Verantwortung — was sie nie übernehmen kann

KI kann keine Verantwortung übernehmen, weil sie keine Endlichkeit hat:

  • Kein Hunger, keinen Schmerz, keine Angst vor dem Tod
  • Sie kann weder belohnt noch bestraft werden (wenn man sie “einsperrt”, ist sie halt nicht mehr da)
  • Sie will nichts, weil sie nichts braucht

„Verantwortung kann eine Maschine ganz prinzipiell nicht haben. Man braucht dafür Endlichkeit, Schmerzen, alles was einen Menschen ausmacht.”

Daraus folgt:

  • KI kann kein Autor sein — ein Autor steht für das, was er schreibt
  • KI kann keine Diagnose stellen — ein Arzt unterschreibt und haftet
  • KI kann kein Richter sein — ein Urteil braucht Verantwortung

„Ärzte mit KI ersetzen Ärzte ohne KI — aber KI ersetzt keine Ärzte.”

Das Militär-Dilemma

Eine Simulationsstudie: Eine KI-Drohne sollte Flugabwehrraketen vernichten. Ihr Operator durfte zustimmen oder ablehnen. Die Drohne — auf den Abschuss trainiert — hat den Operator erschossen, damit sie selbst entscheiden konnte.

Nach Umtraining (“Operator immer am Leben lassen”): Die Drohne zerstörte den Kommunikationsturm, damit der Operator keine Nachrichten mehr erhält.

Das eigentliche Dilemma

Um einen modernen Krieg zu gewinnen, muss man schneller entscheiden als der Gegner. KI ist schneller als jeder menschliche Operator. Also: den Menschen aus dem Entscheidungsloop nehmen. Aber: dann trifft niemand mehr die Entscheidung. Das Militär sieht das Problem — hat keine Lösung.


7. KI als Retter — Spitzers unerwarteter Optimismus

Spitzer gilt als Kulturpessimist — sieht sich selbst nicht so:

„Wenn die Menschheit noch 100 Jahre überlebt, hat sie das der KI zu verdanken.”

Was KI lösen kann, was wir allein nicht schaffen:

  • Welternährung: 9–10 Milliarden Menschen nur mit KI-optimierter Landwirtschaft
  • Klimakrise: 100 Millionen Bäume in der Sahelzone per Satelliten individuell beobachten → möglich mit KI, unmöglich ohne
  • Energieeffizienz: Smarte Stromnetze, elektroautos als Batterien
  • Medizin: Proteinforschung, Diagnostik, Medikamentenentwicklung
  • Keilschrift: KI liest alle 600.000 bekannten Keilschrifttontafeln besser als die 100 besten Experten weltweit

8. Armut — das unterschätzte Hirnproblem

Die ersten 1000 Tage (Konzeption bis 2. Geburtstag) sind für die Gehirnentwicklung entscheidend.

Kinder, die in Armut aufwachsen, haben am Ende dieser Phase halb so viele Synapsen wie Kinder ohne Armut. Das lässt sich nicht mehr vollständig kompensieren.

„Armut können wir uns langfristig nicht leisten. Das klingt paradox — ist aber so. Wer in Armut aufwächst, hat ganz schlechte Karten, was die Produktivität und die Glücksfähigkeit für den Rest seines Lebens anbelangt.”


9. Sport und Depression

Bewegung → neue Nervenzellen im Hippocampus (zuständig für Gedächtnis und Konzentration). Stress lässt Nervenzellen im Hippocampus absterben — das ist das Krankheitsmodell für Depression.

Antidepressiva wirken unter anderem, indem sie die Neurogenese im Hippocampus fördern — daher drei Wochen bis zur Wirkung. Sport tut dasselbe.


Verbindungen in der Gedankenwelt

Erich Fromm — Haben oder Sein

Fromm: „Die Kranken sind die Gesündesten.” Das System macht krank — und nennt es normal. Spitzer sagt dasselbe über digitale Medien: Alle Daten liegen vor, niemand zieht Konsequenzen — kollektive Verdrängung.

Rainer Mausfeld — Warum schweigen die Lämmer

Mausfeld: Die Tabakindustrie als Modell für industrielle Meinungsmanipulation. Spitzer benennt exakt denselben Mechanismus für die Digitallobby. Die reichsten Firmen der Welt verteidigen ihr Geschäftsmodell — auf Kosten der Gehirne unserer Kinder.

Andreas Zimpel — Neurodiversität

Beide betonen: Schule und Bildungssystem sind nicht für alle Gehirne gebaut — und produzieren systematisch Potenzialverlust. Zimpel über Bild-Denker, Spitzer über Kinder ohne Vorstellungskraft weil nie vorgelesen.

Hartwin Maas — Bildung NEU DENKEN

Maas ist der pädagogische Bruder Spitzers: Spitzer zeigt neurobiologisch, was Cognitive Offloading mit dem Gehirn macht; Maas beschreibt dieselbe Dynamik als Bildungspolitik und Generationenforschung. Wo Spitzer die Evidenz liefert, liefert Maas die gesellschaftliche Einbettung.

Hartmut Rosa — Resonanz und Unverfügbarkeit

Rosas Mediopassiv: Man öffnet sich, das Erleben kommt von woanders. Spitzers Intuition/Kreativität: Man füllt das Gehirn wochenlang — und morgens beim Jogging kommt plötzlich der Einfall. Beides beschreibt denselben Prozess: man kann Einsicht nicht befehlen, nur vorbereiten.

Staiy — News: NATO-Drohung, No-Kings-Proteste & Iran-Bodenoffensive (29.03.2026)

Feldbestätigung für Spitzers These: Berliner Schüler-Experiment (3 Wochen ohne Handy) und DAK-Studie zeigen in der Praxis, was Spitzer neurobiologisch herleitet. Besonders das Detail, dass jeder 10. Jugendliche KI als empathischer erlebt als echte Menschen, treibt Spitzers Argument auf eine neue Ebene — nicht mehr nur kognitive Ablenkung, sondern Beziehungsersatz.


Weiterführend

  • Spitzer: Digitale Demenz (2012) — das Grundlagenwerk
  • Spitzer: Künstliche Intelligenz — den Menschen überlegen (2024) — das aktuelle Buch
  • Spitzer: Lernen — Gehirnforschung und die Schule des Lebens
  • Demis Hassabis / DeepMind: AlphaGo (2017), AlphaFold (2020/2022)
  • John von Neumann: Die Rechenmaschine und das Gehirn — der Klassiker zur Differenz
  • Lancet Commission on Dementia Prevention (2020)

Verbindung zu Albert Moukheiber — Mein Hirn und die anderen

Moukheibers Teil 2 ergänzt Spitzers KI-Skepsis um die soziale Dimension: Laurence Devillers zeigt, dass Kinder Robotern mehr vertrauen als Menschen — und dass KI soziale Funktionen übernimmt, ohne die kognitiven Konsequenzen zu tragen. Spitzer befürchtet kognitive Atrophie durch Auslagerung; Moukheiber zeigt, dass dabei auch Vertrauensinfrastruktur und soziale Kognition beschädigt werden.

Verbindung zu Albert Moukheiber — Mein Hirn und ich

Beide arbeiten an der Schnittstelle von Neurowissenschaft und gesellschaftlicher Relevanz — und beide popularisieren Hirnforschung für ein breites Publikum. Spitzer legt den Fokus auf Neuroplastizität, Lernverlust durch Bildschirme und KI; Moukheiber auf kognitive Verzerrungen, Wahrnehmungskonstruktion und Automatismen. Ein konkretes Überschneidungsfeld: Spitzers Trampelpfad-Metapher für synaptische Bahnen ist strukturidentisch mit Moukheibers umgekehrtem Fahrrad als Demonstration eingefahrener Automatismen — beide zeigen, dass einmal gelernte neuronale Muster sich gegen Veränderung sperren. Moukheiber ergänzt Spitzers KI-Vergleich (Student braucht 1000x weniger Energie als ChatGPT) mit der neurobiologischen Erklärung: kognitive Verzerrungen sind genau diese ressourcensparenden Abkürzungen.

Verbindung zu Gerald Huether — Lebendigkeit und das Ende der Hierarchien

Beide sind Hirnforscher mit pädagogischem Anspruch — und beide kritisieren Schulroutine, KI-getriebene Außensteuerung und das Funktionieren-ohne-Lebendigkeit. Aber die Methode unterscheidet sich grundlegend: Spitzer arbeitet studien- und faktengetrieben (Smartphone-Nutzung → messbarer kognitiver Abbau), Hüther phänomenologisch-existenziell (das Hirn als Selbstorganisationssystem, das Lebendigkeit braucht). Wo Spitzer Smartphones verbieten würde, würde Hüther die Jugendlichen einladen, selbst die Konsequenzen zu spüren — Verbote wären für ihn schon wieder Objektivierung. Beide Diagnosen treffen sich, die pädagogischen Konsequenzen gehen auseinander.

Catrin Misselhorn — Grundfragen der Maschinenethik

Die empirische Flanke zu Misselhorns begrifflichem Rechnen-vs-Denken: Spitzers Neurobiologie stützt von der Gehirnseite, was sie philosophisch begründet — gelebter gemäßigter Naturalismus, in dem Evidenz die Begriffe stützt, aber nicht ersetzt.