Wer spricht?

Ami Ayalon (geb. 1945) hat beide Enden der israelischen Sicherheitsarchitektur von innen gesehen: Er kommandierte die Marine-Eliteeinheit und danach die gesamte Marine, führte den Inlandsgeheimdienst Schin Bet — und wurde anschließend zu einem der schärfsten Kritiker der Politik, die er einst absicherte. Seine zentrale These lautet, Israel habe seinen Krieg 2002 gewonnen, als die Arabische Liga Anerkennung anbot, und weigere sich seither, den eigenen Sieg zu sehen. Sein meistzitierter Satz: „Wäre ich Palästinenser, würde ich gegen die Besatzung kämpfen.”

Biografie

  • Beruf / Fachgebiet: Marineoffizier (Generalmajor a. D.), Geheimdienstchef a. D., Politiker, Friedensaktivist, Autor
  • Geburtsjahr / Nationalität: 1945, geboren im Jordantal — Israeli. Aufgewachsen im Kibbuz Ma’agan am See Genezareth; die Eltern kamen in den 1930er Jahren als „illegale Einwanderer” während des britischen Mandats aus Europa
  • Prägung: „Eine Generation ohne Großeltern” — die europäische Familie wurde in der Schoah ausgelöscht. Er beschreibt sich als Kind eines Traums, in dem die palästinensische Bevölkerung schlicht nicht vorkam
  • 1963: Eintritt in die Marine-Kommandoeinheit Schajetet 13
  • 1969: Teilnahme am Sturm auf die befestigte ägyptische Insel Green Island (Operation Bulmus 6); von einem Querschläger an der Stirn getroffen, kämpfte er weiter und schaltete eine Stellung aus. Dafür die Medal of Valor, Israels höchste Tapferkeitsauszeichnung. Sechs von rund 35 Angreifern fielen
  • 1992–1996: Oberkommandierender der israelischen Marine im Rang eines Aluf (Generalmajor)
  • 1996–2000: Direktor des Inlandsgeheimdienstes Schin Bet — ins Amt geholt nach der Ermordung Jitzchak Rabins, auf Bitten von Schimon Peres. Ein Jahr zuvor hatte er Rabin dieselbe Bitte noch abgeschlagen
  • 2006–2009: Abgeordneter der Arbeitspartei in der Knesset, zeitweise Minister ohne Geschäftsbereich. Sein eigenes Urteil: „Ich war ein miserabler Politiker”
  • Heute: lebt mit 82 Jahren in einem Olivenhain am Karmel; fünf Enkelinnen, vier Enkel

Öffentliche Arbeit, Kanäle & Engagement

  • The People’s Voice (Mifkad Ha’ami) — israelisch-palästinensische Volksinitiative, die er gemeinsam mit dem Philosophen Sari Nusseibeh ins Leben rief: ein Sechs-Punkte-Prinzipienpapier für eine Zweistaatenregelung, für das beide Seiten Unterschriften sammelten
  • Blue White Future — Mitgründer der Organisation, die Rahmenbedingungen für eine ausgehandelte Trennung entwickelt
  • Petition gegen David Zini (2025): gemeinsam mit den früheren Schin-Bet-Chefs Nadav Argaman und Carmi Gillon sowie rund 186 ehemaligen Dienstangehörigen vor dem Obersten Gericht gegen die Ernennung des heutigen Dienstchefs. Das Gericht entschied gegen die Antragsteller; anschließend wurde gegen die drei ein strafrechtliches Ermittlungsverfahren eingeleitet, weil der Eingabe eine als geheim eingestufte Akte beilag

Bücher & Publikationen

  • Friendly Fire: How Israel Became Its Own Worst Enemy and the Hope for a Way Out (2020) — Autobiografie und Abrechnung; erzählt seinen Weg vom Kommandosoldaten zum Kritiker der Besatzung

Empfehlenswerte Videos & Vorträge

Kernthesen

  1. „Wir haben den Krieg gewonnen und weigern uns, unseren Sieg anzuerkennen.” Mit der Arabischen Friedensinitiative von 2002 verwandelte die Arabische Liga die drei Neins von Khartum (1967) in drei Ja. Damit war das Kriegsziel — ein anerkannter jüdischer Staat — erreicht. Keine israelische Regierung hat die Initiative je diskutiert
  2. Der gerechte Krieg hat ein Verfallsdatum. Israels Krieg war gerecht bis 2002; der Krieg nach dem 7. Oktober war gerecht für zwölf Monate — bis die Militärführung Ende 2024 erklärte, militärisch sei nichts mehr zu erreichen, und die Regierung Verhandlungen ablehnte
  3. Die zwei Lektionen des Schin Bet: Erstens, meine Feinde sind Menschen. Zweitens, Israelis werden nur Sicherheit haben, wenn Palästinenser Hoffnung haben — kein moralisches, sondern ein Abschreckungsargument: Wer nichts zu verlieren hat, ist nicht abschreckbar
  4. „Das Königreich kommt vor dem König.” Die gesetzliche Pflicht des Schin-Bet-Chefs gilt der Demokratie, nicht dem Regierungschef
  5. Es gibt mehr als ein Israel. Regierung und Volk sind zu trennen — und dennoch: „Die meisten Israelis glauben, dass es unter den Palästinensern keine Unschuldigen gibt”
  6. Kein Genozid, aber Kriegsverbrechen. Er weist den Rechtsbegriff zurück und sagt zugleich: „Ich schäme mich für das, was wir in Gaza getan haben”

Politische / ideologische Einordnung

Sicherheitspolitischer Realist aus dem Zentrum-links der israelischen Gesellschaft, kein Pazifist und kein Antizionist — er argumentiert durchgehend aus israelischem Sicherheitsinteresse und rettet den zionistischen Anspruch gerade dadurch, dass er die Teilung fordert („liegt unsere Grenze am Jordan, sind wir keine Mehrheit mehr — das ist das Ende des zionistischen Traums”). Kritisiert die eigene Regierung mit Orwell und spricht für das Westjordanland von einer „Realität der Apartheid”, vermeidet aber Begriffe, die er für juristisch unbelegt hält. In Israel gilt er großen Teilen der Rechten als Verräter; er benennt das selbst.

Verbindungen zu anderen Denkern

  • Sari Nusseibeh — jahrzehntelanger Weggefährte und Mitinitiator von The People’s Voice; beide erzählen unabhängig voneinander denselben Stammbaum-Dialog
  • Anat Saragusti — dieselbe Diagnose institutioneller Aushöhlung, aus Presse statt Sicherheitsapparat
  • Dror Etkes — liefert die Kartografie zu Ayalons Apartheid-Befund
  • Yisrael Medad — der direkte Widerspruch: „Ami Ayalon weiß nicht, wovon er redet”

Gedankenwelten-Notes