Biographischer Snapshot

Wer spricht?

Bijan Moini (1984) — Jurist und Menschenrechtsanwalt. Studium der Rechtswissenschaften und Politikwissenschaften an der Ludwig-Maximilians-Universität München und der Sorbonne Paris. Promotion (Dr. iur.) über Online-Registry für Sexualstraftäter unter Betreuung von Hans-Jürgen Papier (ehemaliger Bundesverfassungsrichter). Referendariat in Berlin und Hongkong. Seit ca. 2016 Leiter des Legal Teams der Gesellschaft für Freiheitsrechte (GFF), einer der einflussreichsten Menschenrechtsorganisationen Deutschlands. Seit Herbst 2021 Leiter eines 8-köpfigen Legal Teams. Schwerpunkte: Überwachungsrecht, Datenschutz, automatisiertes Data Mining, Medizinrecht, verfassungsrechtliche Grundrechtsschutzlücken. Autor des Romans Der Würfel (2019) — vielfach ausgezeichnet. Fachgebiete: Verfassungsrecht, Datenschutz, Digitale Grundrechte, Rechtsphilosophie.


Biografie

Bijan Moini wird 1984 geboren — in einer Zeit, als Privatsphäre noch von der Mehrheit als gegeben vorausgesetzt wurde. Sein Weg führt ihn nach München, wo er Rechtswissenschaft und Politikwissenschaft studiert. Das Studium ist nicht bloß akademisch: Es ist der Ort, wo die Frage entstört, die sein Leben prägen wird: Wie schützt ein Rechtsstaat die Freiheit seiner Bürger, wenn der Staat selbst zum größten Überwacher wird?

Die Sorbonne-Zeit in Paris bringt ihm eine zweite Perspektive — europäisches Recht, internationale Menschenrechte. Sein Thema bei der Promotion unter dem Bundesverfassungsrichter a. D. Hans-Jürgen Papier ist bezeichnend: Online-Registries für Sexualstraftäter. Eine scheinbar „sichere” Maßnahme, bei genauerem Hinsehen eine fundamentale Verschiebung von Verhältnismäßigkeit und Präventivstaat. Moini sieht bereits hier, worauf die Entwicklung hinausläuft.

Das Referendariat führt ihn nach Berlin und Hongkong — zwei Pole: Eine deutsche Rechtswirklichkeit, die sich abnutzt, und eine autoritäre Medienlandschaft, die zeigt, wohin Überwachung führt, wenn Recht schweigt.

Nach drei Jahren als Anwalt in einer Berliner Wirtschaftskanzlei (ca. 2013–2016) wechselt Moini zur Gesellschaft für Freiheitsrechte (GFF). Das ist keine beliebige Organisationswahl — die GFF ist eine der wenigen Institutionen in Deutschland, die es wagt, gegen Geheimdienste vor Gericht zu gehen.

Sein bislang prominentester Fall ist die BND-Auslandsüberwachung, die 2020 vor dem Bundesverfassungsgericht gerungen wird. Moini und sein Team zeigen auf, dass der Geheimdienst systematisch, massiv und mit gesetzlicher Deckung all das tut, was nach dem Grundgesetz verboten sein sollte. Die Richter folgen — teilweise. Ein Pyrrhussieg, aber ein Sieg: Die Massenmunition wird beschnitten. Es ist die Form von Rechtsschutz, die Moini verkörpert: nicht Revolution, sondern Verfassungsbeschwerde.

Nach 2021 wird Moini Leiter des gesamten Legal Teams der GFF — 8 Anwälte, die sich spezialisieren auf das, was Moini als zentrale Asymmetrie des modernen Staates erkannt hat: Der Staat kann alles schneller, billiger, präventiver tun als die Bürger sich verteidigen können. Seine Fälle sind Legion:

  • Automatisiertes Data Mining — Behörden sammeln und vergleichen Daten von Millionen, um Muster zu finden, noch bevor eine Straftat begangen wird. Kafkas Prozess vor Gericht.
  • Handy-Datenerfassung — Massenhafte Erfassung von Standortdaten durch Telekommunikationsunternehmen, ohne dass die Bürger es merken oder verhindern können.
  • Schutzlosigkeit in der Medizin — Krankenhauspatienten haben keinen effektiven Rechtsschutz gegen rechtswidrige Behandlungen. Ein Schritt zu spät kommt das Verfahren.

Doch Moini ist nicht nur Jurist — er ist auch Schriftsteller. Sein Roman Der Würfel (2019) behandelt die existenzielle Angst vor künstlicher Intelligenz, nicht als Zukunftstechnik, sondern als Logik, die bereits heute in Recht und Staat einzieht. Der Roman wird mehrfach ausgezeichnet und zeigt, dass Moini verstanden hat, was viele Juristen nie lernen: Große Fragen können nicht nur am Schreibtisch gelöst werden. Sie brauchen die Imaginationskraft der Literatur.

Seit 2022/2023 ist Moini auch in Medien und Podcast präsent — im LTO-Karrierepodcast, in Irgendwas mit Recht und immer wieder in den Feuilletons zu Fragen von Überwachung, KI und Grundrechtsschutz.

Sein charakteristischer Zug bleibt: Er ist Pragmatiker ohne Illusion. Er vertraut nicht dem Staat und nicht dem Markt. Er vertraut dem Recht — aber nur, wenn es verteidigt wird.


Bücher & Publikationen

TitelJahrBeschreibung
Der Würfel2019Science-Fiction-Roman über künstliche Intelligenz und existenzielle Unsicherheit in einer automatisierten Welt. Mehrfach ausgezeichnet — literarische Verarbeitung von Moinis Rechtssorgen.
Dissertation: Online-Registry für Sexualstraftäter2010–2015Verfassungsrechtliche Analyse präventiver Überwachung und Verhältnismäßigkeit. Betreut von Hans-Jürgen Papier.
Artikel VerfassungsblogLaufendKommentare zu Überwachung, Digitalen Grundrechten, BND-Fällen
Fachzeitschriften (Spezialisierung: Datenschutz, Telekommunikation)LaufendJuridische Artikel zur Datenschutz- und Sicherheitsregulation

Empfehlenswerte Videos & Vorträge

(Hinweis: Moini tritt seltener in öffentlichen Vorträgen auf — seine Arbeit ist primär juristisch-strategisch, nicht medial)


Kernthesen

  1. Asymmetrie zwischen Staat und Bürger. Der Staat kann Daten sammeln, vergleichen und automatisiert analysieren, ohne dass Bürger es merken oder verhindern können. Rechtliche Gegenwehr kommt immer zu spät — präventiv ist sie kaum möglich. Der Grundrechtsschutz muss daher vor der Maßnahme ansetzen, nicht danach.

  2. Überwachung ist Normalisierung. Jede Überwachungsmaßnahme, die erst „normal” wird, wird später ausgebaut. Die historische Erfahrung zeigt: Was heute als Ausnahmeregelung für Terroristen (oder Sexualstraftäter, oder Kriminelle) gilt, wird morgen zur Grundlage der Massenüberwachung aller.

  3. Verfassungsrecht ist Kampfmittel, nicht Verwaltungslehre. Wer Grundrechte schützen will, muss bereit sein, gegen den Staat zu klagen — auch wenn die Chancen klein sind. Die BND-Auslandsüberwachung war ein Kampf gegen die organisierte Macht des Staates; die Verfassungsbeschwerde war die einzige Waffe.

  4. Digitale Grundrechte sind Menschenrechte. Das Recht auf Privatsphäre, Datenschutz und informationelle Selbstbestimmung sind nicht technische Nischen-Fragen — sie sind zentral für Würde und Freiheit im 21. Jahrhundert. Wer hier nachgibt, gibt überall nach.

  5. Medizinrecht und Überwachungsrecht sind Versprechen-Fragen. In der Medizin: Wenn ein Patient nicht wirksam gegen ärztliche Fehler kämpfen kann, ist das Vertrauensversprechen des ärztlichen Handelns gebrochen. Bei Überwachung: Wenn der Bürger nicht wirksam gegen rechtswidrige Datenerfassung kämpfen kann, ist das Versprechen der Rechtstaatlichkeit gebrochen.


Politische Einordnung

Moini ist liberal im klassischen, aufklärerischen Sinne — nicht neoliberal, sondern rechtstaatlich. Seine Position ist verfassungsschützend, nicht ideologisch. Er kritisiert Überwachung nicht, weil sie „rot-grün” ist oder weil er gegen Sicherheit ist, sondern weil sie die Verfassung verletzt.

Das macht ihn für verschiedene Spektren unangenehm:

  • Für die Sicherheitslobby: weil er Grenzen zieht
  • Für die Libertären: weil er an den Staat glaubt (als rechtmäßige Institution)
  • Für die Technologie-Libertären: weil er nicht glaubt, dass Privatsphäre ein überholtes Konzept ist

Seine Nähe zur GFF ordnet ihn zivilgesellschaftlich ein — aber nicht als Aktivist, sondern als juristischer Gegenspieler zu Exekutive und Geheimdiensten. Die Arbeit ist institutionell-kritisch im engeren Sinne: Sie zeigt nicht an, dass das System zusammenbrechen muss, sondern dass es seine eigenen Regeln einhalten muss.


Verbindungen zu anderen Denkern

(Zu ergänzen durch Montaigne-Analyse)

  • Valentina Chiofalo — Direkte Mitstreiterin in der GFF: Chiofalo leitet die empirische Grundlagenarbeit des AfD-Gutachtens (2 Mio. Datenpunkte), Moini die strategische Prozessführung. Beide stehen für dasselbe Ethos — Grundrechtsschutz durch handwerkliche Präzision, nicht durch politischen Affekt.
  • Ronen Steinke — Beide Juristen und Rechtsaktivisten; Steinke publizistisch, Moini strategisch; gemeinsam eine Verantwortung für Verfassungsschutz gegen staatliche Übergriffe
  • Helen Keller — Beide haben praktische Erfahrung mit internationaler Rechtspraxis und deren Grenzen
  • Arne Semsrott — Beide zivilgesellschaftlich tätig, aber unterschiedliche Werkzeuge: Semsrott Transparenz/Informationsfreiheit, Moini strategische Klagen zum Grundrechtsschutz

Gedankenwelten-Notes


Weiterdenken

Was Sokrates vielleicht gefragt hätte

  • Wenn der Staat immer schneller Daten sammelt, als einzelne Bürger sich verteidigen können — ist die Verfassung dann nicht bereits in einer Asymmetrie gefangen, die sie nicht selbst beheben kann?
  • Moini vertraut auf Verfassungsbeschwerden als Rechtsschutz. Aber wer kann sich einen Rechtsstreit leisten, und wer nicht? Hat er nicht selbst ein Klassenjustiz-Problem?
  • Der Roman Der Würfel imaginiert eine Zukunft mit KI. Aber ist diese Zukunft nicht bereits Gegenwart — in den Daten-Mining-Algorithmen, die Moini vor Gericht bekämpft?
  • Was ist das Versprechen der Verfassung, wenn selbst die oberste Instanz (Bundesverfassungsgericht) Kompromisse mit Geheimdiensten schließt statt absolute Grenzen zu ziehen?