GedankenraumChristine Schliesser — DenkerVita
Wer handelt, wird schuldig, wer zusieht, auch: Christine Schliesser denkt mit Bonhoeffer Verantwortung und fragt in Ruanda, wie nach dem Völkermord Versöhnung wächst.
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Paula Modersohn-Becker — einfache, schwere Formen, erdige Farben, Menschen mit stiller Würde. Ihre Hand, weil sie nie verklärt und nie herabschaut. Schliesser fragt nach dem Genozid in Ruanda, wie Versöhnung wächst, und sie wächst dort oft im Konkreten: eine Kuh als Friedensgabe über den Zaun, zwei Frauen, ein Gruß, der lange ausgeblieben ist.
Prompt: Painting in the style of Paula Modersohn-Becker, wide horizontal banner. Simplified, earthy, monumental forms with warm ochre, terracotta, deep green and soft blue. The green terraced hills of Rwanda under a pale sky. In the centre a simple wooden fence between two small plots of land. On the left a Rwandan woman with dark brown skin, wearing a patterned wrap dress and headscarf, leads a calm brown Ankole cow with long curved horns toward the fence. On the right side of the fence a second Rwandan woman with dark brown skin stands waiting, one hand slightly raised in a hesitant greeting. Their faces are simplified, serene and dignified, painted with quiet gravity, no caricature. Banana plants in the foreground. Stillness and tenderness, the moment just before a first greeting after a long silence. No text.
Christine Schliesser (1977, Naila) ist evangelische Theologin und Ethikerin, Titularprofessorin für Systematische Theologie an der Universität Zürich und bei den Reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn für die theologische Grundlagenarbeit verantwortlich. Ihre Doktorarbeit galt Dietrich Bonhoeffers Satz, dass jeder verantwortlich Handelnde schuldig wird. Seither forscht sie zu Versöhnung nach dem Genozid in Ruanda, zur Rolle der Religion in Konflikten und zur öffentlichen Theologie.
Wichtigste Werke: Everyone Who Acts Responsibly Becomes Guilty (2006/2008), Theologie im öffentlichen Ethikdiskurs (2019), On the Significance of Religion for the SDGs (2023).
Biografie
Christine Schliesser wurde am 25. Mai 1977 im oberfränkischen Naila geboren und machte 1996 in Walsrode Abitur. Danach ging sie für ein Freiwilliges Soziales Jahr nach Nagoya in Japan. Von 1997 an studierte sie evangelische Theologie und Englisch für das Lehramt, in Tübingen und am Fuller Theological Seminary in Pasadena, wo sie 2001 einen Master in Theologie erwarb und 2005 mit der Arbeit über Bonhoeffers Schuldübernahme promoviert wurde. In den Wintern 2004 und 2005 unterrichtete sie dort selbst christliche Ethik. Es folgten das Staatsexamen in Tübingen, das Referendariat an zwei Gymnasien in Tübingen und Pfullingen und einige Jahre als Studienrätin, zuletzt am Gymnasium in Münsingen (CV, Stand 2021).
Ab 2010 arbeitete sie am Ethik-Zentrum der Universität Zürich, zunächst an einem Habilitationsprojekt, dann als Assistentin am Institut für Sozialethik. Ihr Forschungsfeld weitete sich auf Ruanda: Projekte über Erinnerung und Versöhnung nach dem Genozid von 1994, später über das Potenzial christlicher Kirchen für einen dauerhaften Frieden im Land. 2018 habilitierte sie sich in Zürich mit einer Studie über die Rolle der Theologie in den nationalen Ethikräten Deutschlands und der Schweiz und wurde Privatdozentin. Im selben Jahr wurde sie Research Fellow am Lehrstuhl für Historical Trauma and Transformation der südafrikanischen Psychologin Pumla Gobodo-Madikizela in Stellenbosch. 2019 forschte sie ein halbes Jahr am Center of Theological Inquiry in Princeton zu Religion und Gewalt, danach vertrat sie Professuren in Bonn, Münster und, im Sommer 2021, in Gießen.
Am ökumenischen Zentrum Glaube & Gesellschaft der Universität Freiburg/Fribourg, wo sie später Studienleiterin war (Schuman Talks, 2024), wurde sie zu einer vertrauten Stimme in Podcast und Online-Studientagen. Dort entstand 2021 auch das Gespräch über Schuld durch Nichtstun, das den Cortex zu ihr geführt hat. Heute ist sie Titularprofessorin in Zürich und im Haus der Kirche in Bern für die theologische Grundlagenarbeit der Reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn zuständig (Refbejuso). Im August 2026 ging sie auf Einladung aus dem Irak ein Stück des schiitischen Pilgerwegs von Nadschaf nach Kerbala mit und kam mit dem Eindruck zurück, der eigenen Kirche sei über der Kritik an der Werkgerechtigkeit der Sinn für Körper und gelebte Frömmigkeit abhandengekommen.
Laut ihrer Zürcher Seite sitzt sie im Vorstand der deutschsprachigen Sektion der Internationalen Bonhoeffer-Gesellschaft, im wissenschaftlichen Beirat des Dietrich Bonhoeffer Research Center for Public Theology in Kigali und im Fachbeirat Ethik der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa (UZH). Sie ist mit dem Neutestamentler Benjamin Schliesser verheiratet und hat drei Kinder.
Bücher & Publikationen
| Titel | Jahr | Beschreibung |
|---|---|---|
| On the Significance of Religion for the SDGs. An Introduction | 2023 | Warum die UN-Nachhaltigkeitsziele ohne Religion nicht zu erreichen sind: Glaubensgemeinschaften als Hindernis und als Träger von Entwicklung. Band 6 der Reihe Religion Matters, frei zugänglich (Routledge). |
| On the Significance of Religion in Conflict and Conflict Resolution | 2021 | Mit Pauline Kollontai und Ayse Kadayifci-Orellana: Religion als Brandbeschleuniger und als Ressource des Friedens, Auftakt der von den dreien herausgegebenen Reihe Religion Matters. |
| Theologie im öffentlichen Ethikdiskurs | 2019 | Habilitationsschrift: Was Theologinnen und Theologen in den nationalen Ethikräten Deutschlands und der Schweiz einbringen und wie sie argumentieren. Erschienen in der Reihe Öffentliche Theologie, die unter anderem Wolfgang Huber herausgibt; frei zugänglich. |
| Alternative Approaches in Conflict Resolution | 2018 | Herausgegeben mit Martin Leiner; Wege der Konfliktlösung jenseits von Verhandlung und Vertrag. Zweite, erweiterte Auflage 2025. |
| Beichte neu entdecken. Ein ökumenisches Kompendium für die Praxis | 2016 | Herausgegeben mit Gunter Prüller-Jagenteufel und Ralf K. Wüstenberg. |
| Schuld durch rechtes Tun? Verantwortliches Handeln nach Dietrich Bonhoeffer | 2006 | Die deutschsprachige Fassung ihrer Bonhoeffer-Forschung. |
| Everyone Who Acts Responsibly Becomes Guilty. Bonhoeffer's Concept of Accepting Guilt | 2006/2008 | Doktorarbeit, Rekonstruktion und kritische Würdigung von Bonhoeffers Begriff der Schuldübernahme (Neukirchener 2006, Westminster John Knox 2008). |
Aufsatz zum Einstieg: From ‚A Theology of Genocide' to a ‚Theology of Reconciliation'? On the Role of Christian Churches in the Nexus of Religion and Genocide in Rwanda, Religions 9 (2018), frei zugänglich. Seit 2023 gibt sie mit anderen die Reihe Glaube heute (TVZ) heraus.
Empfehlenswerte Videos & Vorträge
- Macht man sich durch Nichtstun schuldig? — Glaube & Gesellschaft im Gespräch, Episode 007 (19.03.2021), mit Oliver Dürr und Joel Gerber: Tyrannenmord, Bonhoeffers Unausweichlichkeit der Schuld, Wissen und Nichtwissen, Jaspers' vier Schuldbegriffe.
- Bonhoeffer und Verantwortung heute — Referat aus der Online-Reihe „Wachet und betet“ der Fribourger Studientage (2020).
- Zivilcourage – ein theologischer Begriff? — Referat aus derselben Reihe (2020), zu ihrem gleichnamigen Aufsatz.
- Ohne Religion keinen Krieg? (Teil 1) — Podcast #036 (2021): die Rolle der Kirchen im Völkermord in Ruanda 1994.
- Versöhnung im Angesicht des Völkermords — Bildungszentrum Bienenberg, Reihe Glaubenswert (2026): Versöhnung und Vergebung, das Detmolder Bekenntnis von 1996, Initiativen wie „Kühe für den Frieden“.
- Wege zu einer neuen christlichen Streitkultur — Livenet (2025), im Gespräch mit Andreas Boppart: Wie man im Streit verbunden bleibt.
- Public Theology – with Christine Schliesser — Faith at the Frontiers #101 (2026, englisch): Was öffentliche Theologie ist und wie sie sich von politischer Theologie und Apologetik unterscheidet.
Kernthesen
- Wer verantwortlich handelt, wird schuldig. Bonhoeffer stand nicht vor der Wahl zwischen Schuld und Unschuld. Ob er zusah oder sich der Verschwörung anschloss, er würde schuldig. Schliesser rekonstruiert diesen Gedanken aus der Ethik und zeigt, dass Bonhoeffer seinen Weg nie zur Pflicht aller erklärt hat; es blieb seine Entscheidung6:57.
- Auch Nichthandeln ist eine Handlung. Wer mehr weiß, trägt mehr Verantwortung. Wer aber die Zeitung ungelesen lässt, um kein schlechtes Gewissen zu bekommen, hat damit schon gewählt13:02.
- Jeder hat eine eigene Tragkraft. Aus ihrer Ruanda-Forschung kennt sie den Punkt, an dem man sich zurücknehmen muss, um nicht zu zerbrechen. Die Kunst liegt darin, sich zu schützen, ohne daraus die Ausrede zu machen, man könne ohnehin nichts tun15:17.
- Lieber Verantwortung als Schuld. Mit Karl Jaspers' vier Arten der Schuld (kriminell, moralisch, politisch, metaphysisch) führt sie die Frage bis zur Näherin in Bangladesch, mit der uns der Einkauf verbindet, und sagt dann lieber Verantwortung: Schuld lähmt, Verantwortung lässt handeln22:59.
- Religion wirkt in beide Richtungen. In Ruanda haben Kirchen den Genozid mitgetragen, durch Staatsnähe und eine Theologie, die Gehorsam über Nächstenliebe stellte. Viele dieser Kirchen vertreten heute eine Theologie der Versöhnung; das Detmolder Bekenntnis der presbyterianischen Kirche von 1996 war ein früher Schritt. Ob die Wende trägt, lässt Schliesser im Titel ihres Aufsatzes bewusst als Frage stehen (Religions, 2018).
- Versöhnung braucht zwei, Vergebung nicht. Vergebung kann ein einseitiger, innerer Weg sein. Versöhnung ist ein Beziehungsbegriff und braucht beide Seiten, oft über praktische Gesten, die eine neue Nachbarschaft möglich machen (Bienenberg, 2026).
- Theologie gehört in die Öffentlichkeit. In Ethikräten und gesellschaftlichen Debatten hat sie etwas beizutragen, wenn sie in einer Sprache spricht, die auch Nichtglaubende prüfen können. Gegen Stimmen, die das Projekt der öffentlichen Theologie verabschieden wollen, verteidigt sie es ausdrücklich.
Politische / ideologische Einordnung
Schliesser spricht in der universitären und landeskirchlichen Theologie ebenso wie in freikirchlich-evangelikalen Formaten (Livenet, ERF, das mennonitische Bildungszentrum Bienenberg), promoviert hat sie an einem evangelikalen Seminar in Kalifornien. Ihr Gespräch mit dem Campus-für-Christus-Leiter Andreas Boppart über eine Streitkultur, die nicht spaltet, zeigt, dass sie zwischen diesen Milieus vermitteln will. Friedensethisch arbeitet sie an der Frage, was vom christlichen Pazifismus in einer multipolaren Welt bleibt (Pazifismus am Ende?, im Druck); eine parteipolitische Festlegung ist nicht belegt.
Verbindungen zu anderen Denkern
- Dietrich Bonhoeffer — DenkerVita — Ihr Lebensthema beginnt bei seinem Satz aus der Ethik, dass jeder verantwortlich Handelnde schuldig wird; sie hat ihn rekonstruiert, kritisch gewürdigt und bis zur Frage nach Zivilcourage heute weitergedacht.
- Wolfgang Huber — DenkerVita — Zwei Ausleger derselben Bonhoeffer-Ethik, beide mit Verbindung nach Stellenbosch; Hubers Reihe Öffentliche Theologie veröffentlichte ihre Habilitation, und beide lesen Verantwortung als die Ethikform, die die konkrete Lage ernst nimmt.
- Hannah Arendt — DenkerVita — Arendt unterschied nach 1945 Schuld von politischer Verantwortung und warnte, dass Kollektivschuld am Ende niemanden schuldig macht; Schliessers „lieber Verantwortung als Schuld“ geht in dieselbe Richtung.
- Susanne Boshammer — DenkerVita — Die Moralphilosophin denkt Verzeihen als Verzicht des Verletzten; Schliesser trennt Vergebung, die einseitig sein kann, von Versöhnung, die beide braucht. Beide stoßen dabei auf Ruanda.
Gedankenwelten-Notes
- Dietrich Bonhoeffer — Theorie der Dummheit — Im Abschnitt „Was der Verantwortliche auf sich nimmt“ trägt ihr Gespräch die Schuldfrage: die Unausweichlichkeit der Schuld als Spiegelbild der Dummheit, Wissen und Nichtwissen, die eigene Tragkraft.
- Der Stein in der Luft — was wir werfen, fällt zurück — kommt am selben Punkt an: lieber Verantwortung als Schuld.
- Das unsichtbare Netzwerk — Die Macht in Dir — Verantwortung, die die Hände zurückgibt, statt Schuld bei Wenigen abzuladen.
Im Bestand
sieben gedachte Verweise