Gedankenraum
DenkerVita·20. September 2026

Dietrich Bonhoeffer — DenkerVita

Ein Theologe aus dem Bildungsbürgertum, der lernte, dass Glaube etwas kostet — und der die gefährlichste Form des Bösen nicht in der Bosheit fand, sondern im abgegebenen Urteil.

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Lyonel Feininger — Kristalline Lichtflächen in Blassgold, Kaltblau und Schiefergrau: ein kleiner Dampfer auf dem Atlantik, hinter ihm das helle New York, vor ihm die dunkle Küste mit einem Kirchturm, in dem ein einziges Fenster brennt. Die Überfahrt vom Sommer 1939. Feiningers Hand, weil sein Leben dieselbe Achse in der Gegenrichtung zog — in New York geboren, in Deutschland Maler der Kathedralen, 1937 als „entartet" zurück über denselben Ozean.

Prompt: Painting in the style of Lyonel Feininger, crystalline prismatic cubist planes of translucent light, a small lone steamship with a thin trail of smoke crossing a wide faceted Atlantic ocean from left to right, on the far left a bright angular New York skyline dissolving into pale gold and light blue shards, on the far right a dark northern coast with a tall gothic church spire under heavy slate-grey and deep indigo faceted storm clouds, one single warm amber window lit in the spire, thin oil glazes on canvas with overlapping transparent planes, palette of pale gold, cold blue, slate grey, indigo and one amber accent, solemn and luminous, wide banner, no people, no photorealism, no text

Wer spricht?

Dietrich Bonhoeffer (4. Februar 1906, Breslau — † 9. April 1945, KZ Flossenbürg) — lutherischer Theologe, Pastor, Leiter eines illegalen Predigerseminars, Mitglied der Bekennenden Kirche und Mitwisser der Verschwörung gegen Hitler. Sein Werk ist Fragment: Das meiste, was heute von ihm gelesen wird, hat er nicht veröffentlicht, sondern hinterlassen — Briefe, Aufzeichnungen, ein unvollendetes Ethik-Manuskript, geordnet und herausgegeben von seinem Freund Eberhard Bethge.


Biografie

Herkunft. Geboren am 4. Februar 1906 in Breslau, sechstes von acht Kindern. Der Vater Karl Bonhoeffer war Psychiater und Neurologe, ab 1912 Ordinarius in Berlin und Direktor der Nervenklinik der Charité — ein Mann der strengen empirischen Wissenschaft, skeptisch gegenüber Freud und gegenüber der Religion. Die Mutter Paula, geborene von Hase, unterrichtete die Kinder selbst und brachte die theologische und musische Seite ins Haus. Gebildetes, liberales, national gesinntes Großbürgertum: Man stritt am Tisch, man belegte, was man behauptete.

Der frühe Tod. Im April 1918 fiel der ältere Bruder Walter an der Westfront. Dietrich war zwölf. Kurz darauf kündigte er der Familie an, Theologe werden zu wollen — gegen den Spott der Geschwister, die die Kirche für eine auslaufende Institution hielten.

Ausbildung im Schnelldurchlauf. Studium in Tübingen und Berlin (u. a. bei Adolf von Harnack und Reinhold Seeberg), früh geprägt von der Lektüre Karl Barths. Promotion 1927 mit einundzwanzig Jahren über Sanctorum Communio, eine soziologisch-theologische Bestimmung der Kirche. 1928/29 Vikariat bei der deutschen evangelischen Gemeinde in Barcelona — die erste Begegnung mit Armut, die nicht aus Büchern kam. 1930 Habilitation mit Akt und Sein.

New York 1930/31. Ein Studienjahr am Union Theological Seminary. Der amerikanische Kommilitone Frank Fisher nahm ihn mit nach Harlem in die Abyssinian Baptist Church; Bonhoeffer unterrichtete dort Sonntagsschule, sammelte Spirituals auf Schallplatten und sah auf einer Reise in den Süden die Rassentrennung. Die Bonhoeffer-Forschung (Reggie Williams, Charles Marsh) sieht hier den Wendepunkt: von der akademischen zu einer Theologie, die von den Unterdrückten her denkt.

1933. Am 1. Februar 1933, zwei Tage nach Hitlers Ernennung zum Reichskanzler, hielt Bonhoeffer den Rundfunkvortrag Wandlungen des Führerbegriffs in der jungen Generation: Wer sich von den Geführten zum Idol machen lasse, werde aus dem Führer zum Verführer. Die Sendung wurde kurz vor Schluss ausgeblendet; eine staatliche Zensur ist nicht belegt — Bonhoeffer selbst hielt eine Überschreitung der Sendezeit für möglich, und Hitler kam im Text gar nicht vor. Im April 1933 folgte der Aufsatz Die Kirche vor der Judenfrage, im Sommer die Mitarbeit am Betheler Bekenntnis. 1933–1935 Auslandspfarrer in London, von dort aus ökumenische Arbeit; 1934 die Friedensrede auf der ökumenischen Konferenz in Fanø.

Finkenwalde 1935–1937. Leitung des Predigerseminars der Bekennenden Kirche in Pommern — Studium, gemeinsames Gebet, gemeinsames Leben unter einem Dach. Aus diesen Jahren stammen Nachfolge (1937) und Gemeinsames Leben (1939). 1937 schloss die Gestapo das Seminar; die Arbeit lief illegal in Sammelvikariaten weiter.

Die Rückkehr 1939. Im Sommer 1939 war Bonhoeffer zum zweiten Mal in New York, auf Einladung Reinhold Niebuhrs, mit der Aussicht auf ein sicheres Exil. Nach wenigen Wochen nahm er das Schiff zurück. Der Brief, in dem er Niebuhr seine Entscheidung erklärte, ist im Original verloren; Niebuhr gab ihn 1945 aus dem Gedächtnis wieder — Bonhoeffer werde kein Recht haben, am Wiederaufbau des christlichen Lebens in Deutschland mitzuwirken, wenn er die schwere Zeit nicht mit seinen Leuten teile.

Abwehr und Widerstand ab 1940. Vermittelt über seinen Schwager Hans von Dohnanyi wurde Bonhoeffer Mitarbeiter der Abwehr, des militärischen Geheimdienstes unter Wilhelm Canaris — der Tarnstatus schützte ihn vor der Einberufung und ermöglichte Auslandsreisen als Kurier des Widerstands (Kontakte zum britischen Bischof George Bell in Sigtuna 1942). Er war beteiligt an der „Unternehmen Sieben" genannten Aktion, mit der vierzehn Jüdinnen und Juden als angebliche Abwehr-Agenten in die Schweiz gebracht wurden. Wie tief er in die Attentatsplanung selbst eingebunden war, ist in der Forschung umstritten (Sabine Dramm: eher Mitwisser und Theologe des Kreises als Akteur der Operation).

Zum Jahreswechsel 1942/43 schrieb er, noch in Freiheit, die Rechenschaft Nach zehn Jahren als heimliches Neujahrsgeschenk für Dohnanyi, Bethge und Hans Oster — darin der knappe Abschnitt „Von der Dummheit". Im Januar 1943 verlobte er sich mit der achtzehnjährigen Maria von Wedemeyer.

Haft. Am 5. April 1943 wurde Bonhoeffer verhaftet, zunächst wegen der Devisen- und Wehrpflichtvorgänge der Abwehr. Achtzehn Monate Untersuchungshaft im Wehrmachtgefängnis Tegel; dort entstanden die Briefe an Bethge und Maria, die Gedichte und die Fragmente zum „religionslosen Christentum". Im September 1944 fand die Gestapo in Zossen Akten der Abwehr, die den Kreis der Verschwörer belasteten; Bonhoeffer kam in den Gestapo-Keller in der Prinz-Albrecht-Straße, später über Buchenwald nach Schönberg im Bayerischen Wald.

Das Ende. Anfang April 1945 tauchten die Tagebücher von Canaris auf. Am 9. April 1945 wurde Bonhoeffer im KZ Flossenbürg hingerichtet, zusammen mit Canaris, Oster, Karl Sack und Ludwig Gehre. Der einzige Augenzeugenbericht — der Lagerarzt Hermann Fischer-Hüllstrung schilderte 1955 einen gefassten, betenden Tod — gilt in der Forschung als unglaubwürdig (Widerspruch des Überlebenden Jørgen L. F. Mogensen; Craig J. Slane, Bonhoeffer as Martyr, 2004; Ferdinand Schlingensiepen nennt ihn eine Lüge). Wie Bonhoeffer gestorben ist, weiß man nicht. Flossenbürg wurde zwei Wochen später, am 23. April 1945, befreit. Bonhoeffer war 39 Jahre alt. In derselben Woche starben sein Bruder Klaus und seine beiden Schwäger Hans von Dohnanyi und Rüdiger Schleicher.


Bücher & Publikationen

Zu Lebzeiten erschien wenig. Das bekannteste Werk, Widerstand und Ergebung, ist eine posthume Briefsammlung; die Ethik ein Manuskriptkonvolut, das Eberhard Bethge erst ordnen musste. Wer Bonhoeffer zitiert, sollte die Stelle kennen — die Dietrich Bonhoeffer Werke (DBW), 17 Bände plus Register (1986–1999), sind die maßgebliche historisch-kritische Ausgabe.

TitelJahrBeschreibung
Sanctorum Communio1927 (Diss.) / 1930Doktorarbeit mit 21: die Kirche nicht als Idee, sondern als soziologische Wirklichkeit — „Christus als Gemeinde existierend". Karl Barth nannte sie später ein theologisches Wunder.
Akt und Sein1930 (Habil.) / 1931Auseinandersetzung mit der transzendentalphilosophischen und ontologischen Theologie. Das sperrigste seiner Bücher.
Schöpfung und Fall1933Berliner Vorlesung über Genesis 1–3, gehalten im Winter 1932/33 — der Mensch in der Mitte, die Freiheit als Beziehung, nicht als Besitz.
Nachfolge1937Das Buch der billigen und teuren Gnade. Angriff auf eine Kirche, die Vergebung predigt, ohne dass sie etwas kostet: „Billige Gnade ist Gnade ohne Nachfolge, Gnade ohne Kreuz." Entstanden in Finkenwalde.
Gemeinsames Leben1939Die Finkenwalder Erfahrung als Lehre vom Tageslauf einer christlichen Gemeinschaft — Schweigen, Gebet, Bruderdienst, der „Dienst des Zuhörens". Sein meistgelesenes Buch zu Lebzeiten.
Das Gebetbuch der Bibel1940Auslegung der Psalmen — und eine stille Provokation, weil sie das Alte Testament gegen die „Entjudung" des Christentums verteidigt. Führte zum Schreibverbot.
Ethikposthum 1949Unvollendet, 1940–1943 geschrieben. Die zentralen Begriffe: Verantwortung, Stellvertretung, Wirklichkeitsgemäßheit, das „Letzte und Vorletzte", die Schuldübernahme.
Widerstand und Ergebungposthum 1951Briefe und Aufzeichnungen aus der Haft, hrsg. von Eberhard Bethge. Enthält Nach zehn Jahren (mit „Von der Dummheit"), die Gedichte (Stationen auf dem Weg zur Freiheit, Von guten Mächten) und die Fragmente zum „religionslosen Christentum" und zum „Gott, der uns wissen lässt, dass wir ohne ihn leben müssen".
Brautbriefe Zelle 921992Der Briefwechsel mit Maria von Wedemeyer 1943–1945, erst nach ihrem Tod freigegeben. Die private Gegenstimme zum Denkmal.
Dietrich Bonhoeffer Werke (DBW), 17 Bände1986–1999Die historisch-kritische Gesamtausgabe. Maßstab für jede Zuschreibung: Was hier nicht steht, ist nicht von Bonhoeffer.

Zur Person — empfehlenswerte Sekundärliteratur

TitelJahrBeschreibung
Eberhard Bethge: Dietrich Bonhoeffer. Eine Biographie1967Die Standardbiografie, geschrieben vom engsten Freund, Adressaten der Tegeler Briefe und Herausgeber des Nachlasses. Nah dran — und deshalb zugleich die Quelle vieler späterer Bilder.
Ferdinand Schlingensiepen: Dietrich Bonhoeffer 1906–19452005Die gründliche moderne Biografie; räumt mit einigen zählebigen Legenden auf, darunter dem Bericht des Lagerarztes.
Charles Marsh: Strange Glory. A Life of Dietrich Bonhoeffer2014Stark in den New-Yorker Jahren und in der Psychologie der Freundschaften; zeigt den Menschen samt seinen Widersprüchen.
Christiane Tietz: Dietrich Bonhoeffer. Theologe im Widerstand2013Kompakte Einführung der Vorsitzenden der deutschsprachigen Sektion der Internationalen Bonhoeffer-Gesellschaft.
Sabine Dramm: V-Mann Gottes und der Abwehr? Dietrich Bonhoeffer und der Widerstand2005Die nüchterne Nachfrage: Was genau hat Bonhoeffer im Widerstand eigentlich getan? Korrigiert die Heldenerzählung, ohne sie zu zerstören.
Nicht empfohlen — Eric Metaxas,

Bonhoeffer: Pastor, Martyr, Prophet, Spy (2010) Die international meistverkaufte Bonhoeffer-Biografie ist in der Bonhoeffer-Forschung scharf kritisiert: Sie deutet die New-Yorker Jahre zu einer Bekehrung vom liberalen zum evangelikalen Christentum um und macht aus dem Theologen einen Stichwortgeber der amerikanischen religiösen Rechten. Aus diesem Buch stammt auch die Verbreitung des berühmtesten Pseudo-Bonhoeffer-Zitats („Schweigen angesichts des Bösen ist selbst Böses…"), das in den Dietrich Bonhoeffer Werken nicht nachweisbar ist. → Arnd Henze — Bonhoeffer und die Neue Rechte


Empfehlenswerte Videos & Vorträge


Kernthesen


Politische / ideologische Einordnung

Bonhoeffer war kein Demokrat von Anfang an. Er kam aus dem national gesinnten, konservativen Berliner Bildungsbürgertum; die Weimarer Republik war in diesem Milieu wenig geliebt, und der junge Bonhoeffer teilte die Skepsis. Seine frühen Texte, etwa die Barcelona-Vorträge von 1928/29, enthalten Volks- und Ordnungsbegriffe, die er später selbst hinter sich ließ. Die Wandlung zum Gegner des Regimes war kein Erwachen aus der Überzeugung heraus, sondern ein Weg über Jahre — und er begann nicht bei der Politik, sondern bei der Kirche: beim Arierparagraphen, beim Streit um die Deutschen Christen, bei der Frage, wer taufen und predigen darf.

Die Schattenseite gehört dazu. Die Kirche vor der Judenfrage (April 1933) enthält den Satz vom Rad und den Speichen — und zugleich theologische Altlasten, die die Forschung seit Jahrzehnten kritisch diskutiert: die traditionelle christliche Deutung der jüdischen Geschichte als Leidensgeschichte eines Volkes, das den Messias verwarf, und eine Argumentation, die zunächst die getauften Juden in der Kirche verteidigt. Bonhoeffer widerspricht dem Antisemitismus des Staates früher und deutlicher als fast alle seine Kollegen — aber er tut es 1933 in einer Sprache, die die antijudaistische Tradition mitschleppt. Beides steht in demselben Text. Wer nur den einen Satz zitiert, hat den Aufsatz nicht gelesen.

Pazifismus und Attentat. Nach Fanø 1934 war Bonhoeffer einer der entschiedensten Friedensstimmen der Ökumene. Ein Jahrzehnt später gehörte er zum Umfeld derer, die einen Mord planten. Diese Spannung hat er nicht theoretisch aufgelöst, sondern in den Begriff der Schuldübernahme gelegt: Es gibt Lagen, in denen die reine Hand selbst ein Vergehen ist. Sabine Dramms nüchterne Prüfung zeigt allerdings, dass seine operative Rolle kleiner war, als die Legende erzählt — Kurier, Mitwisser, theologischer Begleiter des Kreises um Dohnanyi und Oster, nicht Attentäter.

Die Vereinnahmung — von rechts. Seit Eric Metaxas' Biografie (2010) ist Bonhoeffer eine Figur der amerikanischen religiösen Rechten. Der von Metaxas geprägte „Bonhoeffer-Moment" diente 2016 dazu, evangelikale Bedenken gegen Trump als moralische Skrupel abzutun, die einem höheren Widerstandsauftrag zu weichen hätten; dieselbe Rhetorik trug in den Sturm auf das Kapitol. US-Botschafter Richard Grenell ließ 2019 in der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg eine Plakette enthüllen — gegen den Widerspruch der Gedenkstätte. In Deutschland arbeitet die Neue Rechte mit einer Doppelkontinuität: die Kirche als ewige Kollaborateurin der Mächtigen, die AfD als Erbin der Bekennenden Kirche. Zwischen 2020 und 2022 zitierten Querdenker-Kreise Bonhoeffer gegen Hygieneauflagen.

Und von links. Die Kehrseite, auf die Arnd Henze besteht: Verfügbar wurde Bonhoeffer nicht durch die Rechte, sondern durch das liberale und linke Milieu, das ihn zur „inhaltslosen Ikone" hat werden lassen — Kalendersprüche, Kirchentagsshirts, kontextlose Kacheln. Wer einen Satz aus seinem Zusammenhang löst, macht ihn zum freien Rohstoff; wer aggressiv genug ist, holt ihn sich.

Zitatvorsicht

Um Bonhoeffer liegt eine Legende, die stets Richtung Heldenschärfe rundet — das griffigere Zitat, der eindeutigere Gegner, der tröstlichere Tod. Das meistgeteilte „Bonhoeffer-Zitat" im Netz („Schweigen angesichts des Bösen ist selbst Böses. Nicht zu sprechen ist zu sprechen. Nicht zu handeln ist zu handeln.") ist nicht von ihm — in den Dietrich Bonhoeffer Werken nicht nachweisbar, früheste Spur eine Ausstellung des Liberty Museum Philadelphia 1998, verbreitet durch Metaxas 2010. Gleiches gilt für den frommen Bericht des SS-Lagerarztes über die Hinrichtung (1955). Faustregel: nur zitieren, was eine Werkstelle hat — DBW-Band oder Werk plus Jahr. Im Zweifel weglassen. → Faktencheck in Dietrich Bonhoeffer — Theorie der Dummheit


Verbindungen zu anderen Denkern

→ Hannah Arendt

Zwei Deutsche des Jahrgangs 1906, die dieselbe Leerstelle gefunden haben und entgegengesetzt darauf antworten. Arendt sieht bei Eichmann eine Gedankenlosigkeit, die nicht denken kann; Bonhoeffer sieht einen Menschen, dem unter dem Eindruck der Macht die innere Selbständigkeit genommen wurde und der sie sich auch nehmen lässt — Unfähigkeit bei ihr, Abdankung bei ihm. Das Gegenmittel trennt sie am schärfsten: Arendt setzt auf Pluralität, auf den öffentlichen Raum, auf die Anwesenheit der anderen, in der Urteilen überhaupt erst möglich wird. Für Bonhoeffer ist die Gesellung genau die Gefahr — er beobachtet, dass der Vereinzelte seltener dumm wird, und verankert das Urteil an einer Autorität, die über jeder menschlichen liegt.

→ Simone Weil

Die nächste Verwandte im Vault, quer durch die Konfessionen. 1939 schlägt Bonhoeffer das sichere New York aus und nimmt das Schiff zurück; 1942 geht Weil aus dem sicheren New York nach London und verlangt, über Frankreich abgesetzt zu werden — beide weigern sich, das Schicksal ihrer Leute aus der Ferne zu kommentieren, und beide sterben daran, sie im August 1943 in Ashford, er im April 1945 in Flossenbürg. Was sie attention nennt — das Ich aussetzen, damit der andere in seiner nackten Wirklichkeit ankommt —, heißt bei ihm in Gemeinsames Leben der Dienst des Zuhörens. Getrennt sind sie an der Schwelle: Sie blieb vor der Kirchentür stehen und ließ sich nicht taufen, er hat den ganzen Streit ins Innere der Institution getragen und ein illegales Predigerseminar daraus gemacht.

→ Martin Heidegger

Die unbequemste Nachbarschaft. Bonhoeffer hat Sein und Zeit gelesen und 1930 in Akt und Sein durchgearbeitet: Heideggers Dasein, hielt er ihm vor, bleibe in sich selbst verschlossen und könne sich nicht von innen heraus aufbrechen — dafür brauche es ein Wort von außen. Drei Jahre später steht der eine am 1. Februar im Rundfunk und sagt, aus dem Führer werde der Verführer, und der andere tritt im Mai in die NSDAP ein und hält als Freiburger Rektor die Rede vom Dienst des Wissens am Volk. Heideggers Man — das anonyme Subjekt, das entscheidet, bevor ich es tue — ist die philosophische Fassung dessen, was Bonhoeffer neun Jahre danach Dummheit nennt; dass der Erfinder des Begriffs ihr selbst erlag, ist das schärfste Argument für Bonhoeffers These, dass Intelligenz nicht schützt.

→ Erich Fromm

Dasselbe Rätsel, von den beiden Seiten des Atlantiks aus gestellt. Fromm schreibt 1941 im New Yorker Exil Die Furcht vor der Freiheit und fragt, warum Menschen eine Last abgeben, die sie eben erst erkämpft haben; Bonhoeffer schreibt anderthalb Jahre später mitten darin, was der Abgabe folgt. Fromm findet eine Charakterstruktur, die sich in der Unterwerfung erleichtert fühlt, Bonhoeffer ein soziologisches Gesetz — die Macht der einen braucht die Dummheit der anderen. Der Bruch liegt im Ausweg: Fromms Antwort ist ein Ich, das die Einsamkeit der Freiheit aushält, Bonhoeffers ein Ich, das sich an ein Gegenüber bindet, damit es vor Menschen nicht einknickt.

→ Robert Musil

Musil hielt im März 1937 in Wien seine Rede Über die Dummheit, fünf Jahre vor Nach zehn Jahren — die einzige zweite Stimme jener Jahre, die das Wort ernst genug nahm, um es zu definieren statt zu schimpfen. Beide nehmen der Dummheit den Zusammenhang mit dem Verstand: Musil trennt die schlichte von der „höheren, prätentiösen", die er ausgerechnet als Krankheit der Bildung beschreibt, Bonhoeffer nennt die intellektuell außerordentlich Beweglichen, die dumm sind. Der Ton macht den ganzen Unterschied — Musil seziert als Ironiker vor einem Publikum, das ihm noch zuhören darf, Bonhoeffer schreibt fünf Jahre später ohne Ironie, für drei Männer, die alle daran sterben werden.

→ Carlo Cipolla

Der Ökonom von 1976 und der Theologe von 1942 kommen im schärfsten Satz überein: Der Dumme ist gefährlicher als der Böse, weil kein rationaler Zugriff auf ihn greift, und Bildung schützt nicht. Von da an laufen sie auseinander. Cipollas Dummer ist eine Naturkonstante — ein fester Anteil jeder Population, unabhängig von Epoche und Milieu, definiert allein über den Schaden, den er ohne eigenen Nutzen anrichtet. Bonhoeffers Dummer ist ein historisches Produkt: hergestellt von einer Machtentfaltung, und darum mit ihr auch wieder auflösbar. Der eine beschreibt kühl eine Struktur, der andere sieht ein Opfer und fragt nach der Schuld derer, die es gemacht haben.

→ Götz Aly

Aly rekonstruiert aus den Akten, was Bonhoeffer von innen beobachtet hat, und liefert dabei den handfesten Einwand gegen ihn. Wo Bonhoeffer einen Bann sieht, in den die Menschen geschlagen werden, zeigt Aly einen Handel — Sozialleistungen, Steuerentlastung, Waren aus geplünderten Ländern, ein Regime, das sich die Zustimmung kaufte. Das macht die Dummheit weniger unschuldig, als der Essay sie erscheinen lässt: Wer profitiert, hat einen Grund, nicht hinzusehen, und der Grund ist nicht Verblendung, sondern Rechnung. Bonhoeffers Anthropologie und Alys Buchführung ergeben zusammen das vollständigere Bild — die Parole wirkt am besten dort, wo sie sich auszahlt.

→ S.N. Goenka

Bonhoeffer führte in Finkenwalde eine tägliche halbe Stunde Schweigen über einem einzigen Bibelvers ein und musste sie gegen Brüder verteidigen, denen das zu katholisch und zu wenig protestantisch war. Strukturell ist das dieselbe Übung, die Goenka lehrt: die Pause zwischen dem Reiz und der Reaktion, in der ein Mensch sein eigenes Verhalten zu dem findet, was ihm begegnet — genau die „innere Selbständigkeit", deren Verlust Bonhoeffer Dummheit nennt. An der Wurzel trennen sie sich vollständig. Goenkas Praxis löst den auf, der da festhalten könnte, weil es kein festes Ich gibt; Bonhoeffers Anker ist ein Gegenüber, dem gehorcht wird, und wer das tut, fürchtet keine Menschen mehr.

→ Arnd Henze

Henze arbeitet an dem, was nach Bonhoeffer mit Bonhoeffer geschah. Er verfolgt, wie aus dem Theologen eine Verfügungsmasse wurde — Metaxas' Biografie, der „Bonhoeffer-Moment" im US-Wahlkampf, die AfD-Broschüre, die die Bekennende Kirche für sich reklamiert — und sagt dabei den unangenehmen Teil: Verfügbar gemacht hat ihn nicht die Rechte, sondern das eigene liberale Milieu, das ihn auf Kalendersprüche und Kirchentagsshirts heruntergekocht hat. Damit wird Bonhoeffers eigene These auf ihn selbst angewandt. Ein Satz ohne Zusammenhang ist eine Parole, und Parolen sind genau das Material, aus dem nach seiner Beschreibung die Dummheit gemacht wird.

→ Andreas Püttmann

Das katholische Gegenstück zu Henze und dieselbe Bewegung: Kritik an der eigenen Kirche, von innen und mit Zahlen. Püttmann typologisiert, was der Neuen Rechten gegenüber der Religion gelingt — keine Unterdrückung, sondern Unterwanderung, das Kapern der Zeichen statt ihres Verbots. Seine Verwunderung über die „politische Dummheit bestimmter Teile des Großbürgertums" trifft dabei genau Bonhoeffers Herkunft: Der Vater war Ordinarius an der Charité, das Haus national gesinnt und gebildet, und es war eben diese Schicht, die 1933 das Urteil abgab, das Bonhoeffer neun Jahre später zu beschreiben versuchte.


Cortex-Notes

Im Bestand

Dietrich BonhoefferTheorie der DummheitHannah ArendtDenkerVitaSimone WeilDenkerVitaMartin HeideggerDenkerVitaErich FrommDenkerVitaRobert MusilDenkerVitaCarlo CipollaDenkerVitaGötz AlyDenkerVitaS.N. GoenkaDenkerVitaArnd HenzeDenkerVitaAndreas PüttmannDenkerVitaArnd HenzeBonhoeffer und die Neue Rechte

zwölf gedachte Verweise

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