Gedankenraum
DenkerVita·8. Oktober 2026

Susanne Boshammer — DenkerVita

Wer verzeiht, verzichtet auf einen Anspruch: Susanne Boshammer, Moralphilosophin in Osnabrück, zeigt, warum Verzeihen großzügig sein kann und warum man nicht alles verzeihen muss.

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Gerard ter Borch — holländisches Goldenes Zeitalter, stille Interieurs. Osnabrück und Münster sind ihre Stationen und die Städte des Westfälischen Friedens, des Amnestie-Friedens, dessen Ratifikation ter Borch selbst gemalt hat. Eine Frau schreibt im Ratssaal, auf dem Tisch Schiefertafel und zwei Zinnbecher, gegenüber ein leerer Stuhl: die zweite Chance, die man gibt oder verweigert.

Prompt: Oil painting in the manner of Gerard ter Borch, Dutch Golden Age, 1200x500 wide banner. A long wood-panelled council hall in the style of the Peace Hall of Osnabrück, dark oak benches along the walls and rows of empty gilded portrait frames above them. At a long table covered with a heavy green cloth sits a woman in a simple dark grey dress, seen from behind and slightly from the side, her face turned away, writing with a quill on a sheet of paper. On the table an open book, a small slate tablet with a single chalk line, and two pewter cups. Opposite her, across the table, an empty chair pulled back as if someone has just risen or is about to sit down. Soft daylight falls from a tall leaded window on the left onto the satin sheen of the cloth and the paper. Muted palette of umber, olive green, pearl grey and warm candle ochre, fine glazes, calm and attentive mood. No realistic faces, no text, no letters, no signature, no monogram, no initials, no photorealism.

Biographischer Snapshot

Wer spricht?

Susanne Boshammer — Professorin für Praktische Philosophie an der Universität Osnabrück. Sie kommt aus der politischen Philosophie (Minderheitenrechte, Frauenquote, Diskriminierung) und ist heute vor allem als Philosophin des Verzeihens bekannt. Regelmäßiger Gast im Philosophischen Radio auf WDR 5, früheres Mitglied im Kuratorium der Hannah-Arendt-Tage in Hannover.

Wichtigste Werke: Gruppen, Rechte, Gerechtigkeit (2003), Die zweite Chance. Warum wir (nicht alles) verzeihen sollten (2020) Kernkonzepte: Verzeihen als Verzicht auf einen berechtigten Anspruch, das „Opferprivileg“, Verzeihen ist weder Nachsicht noch Vergessen noch Versöhnung, Großzügigkeit jenseits der Gerechtigkeit


Biografie

Mainz und Münster: Boshammer studiert Philosophie, Neuere und Neueste Geschichte und Politikwissenschaft in Mainz und Münster. 2002 wird sie in Münster promoviert. Ihre Dissertation fragt, wie sich Rechte begründen lassen, die nicht Einzelnen zustehen, sondern Gruppen: Gruppen, Rechte, Gerechtigkeit. Die moralische Begründung der Rechte von Minderheiten (De Gruyter 2003). Schon vorher gibt sie mit Matthias Kayß den Band Halbe – Halbe? Zur Gerechtigkeit der Frauenquote heraus (2000).

Zürich und Bern (2002–2013): Mehr als zehn Jahre arbeitet sie in der Schweiz. Von 2002 bis 2009 ist sie Oberassistentin am Ethik-Zentrum der Universität Zürich, in denselben Jahren, in denen dort auch Barbara Bleisch forscht. Von 2009 bis 2013 ist sie Assistenzprofessorin für Praktische Philosophie an der Universität Bern. In diese Zeit fällt eine Zusammenarbeit mit dem Theater: Für das Schauspielhaus Zürich schreibt sie 2015 mit Irina Müller den Programmtext zu Sartres Die schmutzigen Hände. Das Problem, ob Politiker sich schuldig machen dürfen, um Gutes zu bewirken, beschäftigt sie danach weiter („Politische Verantwortung, moralische Integrität und die Bitte um Verzeihung“, 2018).

Osnabrück (seit 2013): An der Universität Osnabrück lehrt sie seither Praktische Philosophie, mit Schwerpunkt auf Grundfragen der Moralphilosophie und angewandter Ethik. Philosophie, sagt sie im Kuratorium der Hannah-Arendt-Tage, entfalte ihre gesellschaftliche Bedeutung erst, „wenn sie sich mit Themen von lebensweltlicher Relevanz beschäftigt, eine klare Sprache spricht und sich am öffentlichen Diskurs beteiligt“. Auf dieser Linie liegen ihre Auftritte im Osnabrücker Wissensforum, in der Katholischen Erwachsenenbildung und bei den Osnabrücker Friedensgesprächen.

Die zweite Chance (seit 2020): 2020 erscheint bei Rowohlt Die zweite Chance. Warum wir (nicht alles) verzeihen sollten. Im selben Herbst spricht sie in der Sternstunde Philosophie mit Yves Bossart darüber, 2024 im SPIEGEL-Podcast. Im August 2026 ist sie Gast der Utopie-Konferenz „Großzügigkeit, eine Utopie?“ an der Leuphana Universität Lüneburg und spricht dort mit Barbara Bleisch darüber, wann eine zweite Chance großzügig ist und wann sie zur Selbstaufgabe wird.


Bücher & Publikationen

TitelJahrBeschreibung
Die zweite Chance. Warum wir (nicht alles) verzeihen sollten2020Was heißt verzeihen, und wann sollten wir es tun? Eine philosophische Untersuchung, kein Ratgeber: Verzeihen als Verzicht auf den Anspruch, dass der andere sich Vorwürfe macht, mit Gründen dafür und dagegen. Rowohlt.
Gruppen, Rechte, Gerechtigkeit. Die moralische Begründung der Rechte von Minderheiten2003Die Dissertation: ob und wie sich Gruppenrechte für Minderheiten moralisch rechtfertigen lassen. De Gruyter.
Halbe – Halbe? Zur Gerechtigkeit der Frauenquote2000Mit Matthias Kayß herausgegeben: die Frauenquote als Gerechtigkeitsfrage.

Aufsätze (Auswahl): „Hate the sin and not the sinner? Vom Vergeben und Verzeihen – und dessen Verweigerung“ (2021) · „Politische Verantwortung, moralische Integrität und die Bitte um Verzeihung. Überlegungen zum ‚Problem der schmutzigen Hände‘“ (2018) · „Schuldlos schuldig?“ (2014) · „Frauenquoten und das Problem der Diskriminierung“ (2014) · Programmtext zu Sartres Die schmutzigen Hände, mit Irina Müller, Schauspielhaus Zürich (2015)

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Kernthesen

  1. Verzeihen ist ein Verzicht. Im Vergeben steckt die Gabe, im Verzeihen der Verzicht. Wer verzeiht, verzichtet auf etwas, worauf er einen Anspruch hätte: darauf, dass der andere sich weiter Vorwürfe macht. „Wer Unrecht tut, schuldet dem Geschädigten ein schlechtes Gewissen. Wenn ich ihm verzeihe, muss er kein schlechtes Gewissen mehr haben.“ Ein Gefühlswandel allein, das Abklingen des Grolls, ist darum noch kein Verzeihen.
  2. Nicht „Schwamm drüber“. Nachsicht drückt ein Auge zu und schaut weg; sie kann auch Konfliktvermeidung sein. Verzeihen schaut hin: Es setzt voraus, dass beide sehen, dass etwas nicht in Ordnung war. Darum kann ein „Ich verzeihe dir“ auch der Anfang eines Streits sein, wenn der andere sich keiner Schuld bewusst ist.
  3. Verzeihen ist weder Vergessen noch Versöhnung. Wer verziehen hat, muss nicht verdrängen und kann sich sogar besser erinnern. Und Verzeihen heißt nicht, die Beziehung fortzusetzen. Das unversöhnliche „Das verzeihe ich dir nie“ hält dagegen eine Beziehung offen: Es hält den anderen in der Pflicht.
  4. Das Opferprivileg. Nur die verletzte Person kann den Täter von seinen Selbstvorwürfen entlasten; niemand sonst kann das stellvertretend tun. Die Schuld selbst lässt sich nicht beseitigen, wohl aber ihre Folgen. In dieser Macht liegt die Würde der Verletzten.
  5. Nicht alles verzeihen. Es gibt gute Gründe, nicht zu verzeihen: Selbstschutz, wo ständige Verzeihensbereitschaft als Einladung missverstanden wird, und Selbstachtung, wo jemand eine rote Linie ziehen muss, um sich morgen noch im Spiegel anzusehen. Reue zählt: Entscheidend ist weniger, was jemand getan hat, als wie er sich zu seiner Tat verhält.
  6. Moralstreit als Verständigung. Moral ist nicht kodifiziert; niemand kann nachschlagen, wer recht hat. Über Moral zu streiten dient weniger dem Rechtbehalten als dem Kenntlichwerden: Wir erfahren, was der andere von uns erwartet, und können friedlicher miteinander leben. „Wir müssen uns vor Uneinigkeit nicht fürchten, aber wir müssen lernen, mit ihr zu leben.“
  7. Großzügigkeit beginnt jenseits des Anspruchs. Gerechtigkeit sorgt dafür, dass jeder bekommt, worauf er ein Recht hat. Großzügigkeit geht darüber hinaus, als Geben oder als Verzicht, etwa darauf, auf seinem Recht zu bestehen. Auch eine vollkommen gerechte Welt brauchte noch großzügige Menschen.

Politische Einordnung

Boshammer argumentiert aus der analytischen Moral- und politischen Philosophie und versteht sich nicht als Parteistimme. Ihre frühen Arbeiten zu Minderheitenrechten, Frauenquote und Diskriminierung bewegen sich in der Debatte um Gleichheit und Anerkennung; ihre Position darin ist argumentativ, nicht aktivistisch. Beim Verzeihen hält sie bewusst gegen eine Stimmung, in der Vergebung als immer gut und Groll als bloße Selbstschädigung gilt: Sie verteidigt das Recht der Verletzten, nicht zu verzeihen.


Verbindungen zu anderen Denkern

→ Barbara Bleisch

Ihre Gesprächspartnerin in Lüneburg, und in den 2000er Jahren eine Kollegin am Zürcher Ethik-Zentrum. Beide trennen Großzügigkeit von Gerechtigkeit: Bleisch lässt sie dort beginnen, wo das Geschuldete endet, Boshammer macht das Verzeihen zum Musterfall, weil es auf einen berechtigten Anspruch verzichtet. In Lüneburg hielt Bleisch ihr Philomena entgegen, die der Nonne verzeiht, die ihr das Kind nahm. Boshammer sah darin keine Selbstaufgabe, sondern Souveränität.

→ Fabian Bernhardt

Bernhardt zitiert sie in seiner Sternstunde über die Rache und widerspricht an einer Stelle: Für ihn ist Verzeihen auch ein Verzicht auf Strafe, für Boshammer nicht. Sie trennt das moralische Verzeihen von der staatlichen Strafe und sucht im Strafrecht eher nach Mediation als nach Folgenlosigkeit.

→ Paul Ricœur

Ricœur führte das Verzeihen als „schwierige“ Kategorie ein, die sich vom Vergessen abhebt. Boshammers Satz, wer verziehen habe, könne sich sogar besser erinnern, steht in dieser Linie. Sie stellt ihn in Lüneburg gegen Vladimir Jankélévitch, der Verzeihen mit Vergessen gleichsetzte und es darum mit Blick auf die Millionen Toten des Holocaust verweigerte.

→ Hannah Arendt

Boshammer saß im Kuratorium der Hannah-Arendt-Tage in Hannover und nennt Arendts öffentliches Denken vorbildlich. Arendt sah im Verzeihen die einzige Antwort auf die Unwiderruflichkeit des Handelns. Boshammer präzisiert, was dabei rückgängig gemacht wird: nicht die Schuld, sondern ihre Folgen.

→ Jean-Paul Sartre

Für das Schauspielhaus Zürich schrieb sie den Programmtext zu Die schmutzigen Hände und arbeitete danach über das Problem, das Sartres Stück stellt: ob Politiker Unrecht tun dürfen, um Gutes zu erreichen, und ob sie dann um Verzeihung bitten müssen.


Cortex-Notes

Im Bestand

Susanne BoshammerWas heißt verzeihen?Barbara BleischDenkerVitaFabian BernhardtDenkerVitaPaul RicœurDenkerVitaHannah ArendtDenkerVitaJean-Paul SartreDenkerVitaFabian BernhardtIst die Rache der Ursprung der…

sieben gedachte Verweise

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