Gedankenraum
DenkerVita·8. Oktober 2026

Dietmar Dath — DenkerVita

Romancier, Filmkritiker, Science-Fiction-Autor, Marxist: Dietmar Dath schreibt über das, was sein könnte, und verteidigt den Überschuss, ohne den es keine Kunst gibt.

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Remedios Varo — feine surreale Mechanik in Ocker und Kupfer. Science-Fiction, Mathematik, Film, Metal und Sowjetroman in einem Turm: Die Tintenlinie des Schreibers wird draußen zu Kugelpyramiden (Kepler), Planeten und einem Traktor, der den Mond pflügt.

Prompt: Remedios Varo painting, oil on masonite with fine meticulous brushwork, muted ochre, copper and deep teal palette, 1200x500 wide banner. A slender long-haired scholar in a long dark coat sits at a desk inside a tall narrow tower room built of stacked books and film reels. He writes with a quill, and the ink line flows out of an open window into the night sky, where it turns into small spheres stacked in perfect pyramids, orbiting planets and a tiny red tractor ploughing a furrow across the moon. Beside him a gramophone and delicate brass gears turn, a black electric guitar leans against the wall. Elongated stylized face seen in profile, no realistic faces, no text, no letters, no numbers, no signature, no monogram, no photorealism.

Biographischer Snapshot

Wer spricht?

Dietmar Dath (1970, Rheinfelden/Baden) — Schriftsteller, Journalist, Übersetzer und Essayist. Chefredakteur der Popkulturzeitschrift Spex (1998–2000), von 2001 bis 2026 mit einer Unterbrechung Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, zuletzt im Bereich Film; 2026 hat er die Zeitung verlassen. Mehr als vierzig Bücher, dazu Theaterstücke, Hörspiele, Platten. Lebt in Freiburg.

Wichtigste Werke: Die Abschaffung der Arten (2008), Maschinenwinter (2008), Der Implex (2012, mit Barbara Kirchner), Niegeschichte (2019), Gentzen oder: Betrunken aufräumen (2021), Skyrmionen oder: A Fucking Army (2025) Kernkonzepte: Verschwendung als Überschuss, Produktion statt bloßer Verteilung, Science Fiction als Denkmaschine, Sozialismus auf dem Stand der höchstentwickelten Technik


Biografie

Südbaden und das Doppelstudium: Dath wird 1970 in Rheinfelden geboren und wächst im südbadischen Schopfheim auf. Nach dem Zivildienst beginnt er in Freiburg ein Studium der Physik und der Literaturwissenschaft. Beides bleibt in seinem Werk ineinander verschränkt: Er schreibt über Mathematik (Höhenrausch, 2003; Das Ende der Gleichungen? im Dialog mit Stephen Wolfram, 2011) und Romane, in denen Quantenphysik, Darwin, Marx, Heavy Metal und Zombies nebeneinanderstehen.

Pop und Zeitung (1990–2026): Seit 1990 veröffentlicht er, auch unter Pseudonymen wie „David Dalek“ und „Dieter Draht“. Von 1998 bis 2000 leitet er die Spex. Er übersetzt Joe R. Lansdale, Kodwo Eshun und Buddy Giovinazzo. Von 2001 bis 2007 ist er Feuilletonredakteur der FAZ, von 2011 an wieder dort, als Filmredakteur. 2020 bekommt er den Siegfried-Kracauer-Preis für eine Kritik zu Terminator: Dark Fate, 2026 den Alfred-Kerr-Preis für Literaturkritik. 2026 verlässt er die Zeitung. In Lüneburg erzählt er warum: Eine halbe Woche für einen Geburtstagsartikel, jeden Abend ein Film und eine Platte, bis auftaucht, was er schreiben will, das galt zuletzt als Verschwendung, weil es keine Klicks bringt. Er sei allmählich „einer Sache hinterhergerannt“, deren Wert er nicht mehr einsehe.

Romane der Möglichkeit: Seine ersten Bücher erscheinen Mitte der 1990er Jahre in kleinen Verlagen, seit 2005 auch bei Suhrkamp. Die Abschaffung der Arten kommt 2008 auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises und gewinnt den Kurd-Laßwitz-Preis, den er 2013 für Pulsarnacht ein zweites Mal erhält. Gentzen oder: Betrunken aufräumen steht 2021 auf der Longlist des Deutschen Buchpreises und 2022 auf der Shortlist der Leipziger Buchmesse, deren Jury es „ein großes Panorama unserer Gegenwart zwischen Autofiktion und Science Fiction“ nennt. 2025 folgt der fast tausendseitige Roman Skyrmionen oder: A Fucking Army. Er schreibt, so seine Poetik, Texte, „die nicht davon handeln, wie es ist, sondern davon, wie es sein sollte, wie es hoffentlich nicht sein wird oder wie es ganz neutral sein könnte“. Den Roman nennt er eine „Allesfresserform“.

Theater, Hörspiel, Musik: Seine Stücke laufen am Deutschen Theater Berlin, am Nationaltheater Mannheim, am Schauspielhaus Zürich und am Theater Basel; dazu kommen Hörspiele, ein Libretto und Platten mit dem Kammerflimmer Kollektief. 2018 erhält er den Günther-Anders-Preis für kritisches Denken, 2020 den Reinhold-Schneider-Preis.

Lüneburg (2026): Auf der Utopie-Konferenz der Leuphana Universität spricht er im August 2026 mit Wolfgang M. Schmitt über Verschwendung als Möglichkeit. Es ist zwei Monate nach seinem Abschied von der Zeitung, und er beginnt mit einer Rechtfertigung: Dass er auf dem Podium sitzt und nicht jemand aus dem Publikum, sei nicht selbstverständlich.


Bücher & Publikationen

TitelJahrBeschreibung
Skyrmionen oder: A Fucking Army2025Roman, 966 Seiten, „so spannend wie wendungsreich, vielstimmig erzählt“ (Deutschlandfunk). Matthes & Seitz.
Gentzen oder: Betrunken aufräumen2021Roman zwischen Autofiktion und Science Fiction, um den Logiker Gerhard Gentzen. Longlist Deutscher Buchpreis, Shortlist Leipziger Buchmesse. Matthes & Seitz.
Stehsatz. Eine Schreiblehre2020Eine Schreiblehre des Journalisten und Romanciers. Wallstein.
Hegel. 100 Seiten2020Hegel kurz und zugänglich. Reclam.
Niegeschichte. Science Fiction als Kunst- und Denkmaschine2019Die große Theorie der Science Fiction: was ein Genre leistet, das von dem erzählt, was nie geschah. Matthes & Seitz.
Karl Marx2018Kurze Einführung in Marx. Reclam.
Das Menschen Mögliche. Zur Aktualität von Günther Anders2018Zur Aktualität von Günther Anders, zusammen mit Mathias Greffraths Laudatio zum Günther-Anders-Preis 2018. Picus.
Klassenkampf im Dunkeln. Zehn zeitgemäße sozialistische Übungen2014Kurze Essays über Sozialismus heute. Konkret.
Der Implex. Sozialer Fortschritt: Geschichte und Idee2012Mit Barbara Kirchner: sozialer Fortschritt als Abbau von Herrschaft. Suhrkamp.
Rosa Luxemburg2010Porträt der Revolutionärin. Suhrkamp.
Die Abschaffung der Arten2008Roman einer Welt nach dem Menschen, in der Tiere die Macht übernommen haben. Shortlist Deutscher Buchpreis, Kurd-Laßwitz-Preis. Suhrkamp.
Maschinenwinter. Wissen, Technik, Sozialismus2008Streitschrift: Technik soll befreien, nicht beherrschen. edition unseld.
Für immer in Honig2005Roman über tausend Seiten, mit ausdrücklichem Bezug auf Lenins Was tun?. Verbrecher Verlag.

Zusammen mit Wolfgang M. Schmitt: Daths Essay „Alltagstheologie“ steht in Selbst Schuld! (Hanser 2024), herausgegeben von Wolfgang M. Schmitt und Ann-Kristin Tlusty.

Monografie über ihn: Christian Hippe und Philipp Theisohn (Hrsg.): In Verben denken. Dietmar Dath Arbeitsbuch, Verbrecher Verlag 2023, mit einer Werkbibliografie.

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Empfehlenswerte Videos & Vorträge


Kernthesen

  1. Verschwendung ist der Rohstoff der Kunst. Kritik, Kunst und Großzügigkeit leben vom Überschuss: drei Filme mehr sehen, als die Kritik braucht. Wo jeder Aufwand sich rechnen muss, verengt sich alles. Die Klick-Logik scheitert schon an ihrer eigenen Prämisse, denn Kunst ist eine Branche der Neuigkeit: Wer per Klick ermittelt, was als Nächstes kommen soll, fragt sein Publikum, womit er es überraschen soll.
  2. Nicht die Mitte. Dath ist „kein Freund der Mitte, weil die Mitte kein Schwungrad ist“. Wer etwas falsch findet, setzt sich auf die andere Seite, nicht zwischen die Seiten. Die Mitte kann das Ende eines Prozesses sein, nicht sein Antrieb.
  3. Produktion statt bloßer Verteilung. Großzügigkeit, wie sie meist verhandelt wird, ist eine Verteilungsfrage: Was produziert wurde, kann man horten oder verschenken. Spannend und sinnstiftend ist für Dath die Ebene davor, die Produktion. Der Markt misst dabei keine Bedürfnisse, sondern Zahlungsfähigkeit, und man steigt in dieses Monopoly „nicht bei Runde 1 ein, sondern bei Runde 70“.
  4. Der Kapitalismus erfüllt Wünsche als Köder. Was Gegenkulturen fordern, weniger Arbeit, freiere Sexualität, liefert der Markt, aber verbogen und mit eingebauten Krisen: weniger Arbeit als Arbeitslosigkeit, freie Liebe als Pornokino. Freiheit als Auswahl zwischen Waren greift zu kurz; sie braucht Voraussetzungen wie Bildung und Zeit, ohne die man nicht mitreden kann.
  5. Großzügigkeit braucht Grundvertrauen. Mit Galina Nikolajewas Roman Schlacht unterwegs erzählt Dath von einem Kind, das einem Flüchtlingsmädchen das Pferd neidet, bis die Großmutter erklärt, der Vater des Mädchens sei für sie alle gestorben. Großzügig kann eine Gesellschaft nur sein, wenn jeder voraussetzt, dass der andere auf verwickelten Wegen etwas für ihn getan hat. Die KI zerstört dieses Wissen: Wer sie benutzt, benutzt die Arbeit von Menschen, deren Namen niemand kennt, „ein Massengrab der Arbeit“.
  6. Ernst nehmen, was schiefging. Dath nennt sich Sozialist und Leninist und meint mit Lenin die Abkürzung für einen „ernsthaften Versuch“ mit riesigen Problemen. Dass dieser Versuch scheiterte, sei kein Grund, keinen mehr zu machen. Autoritären Klima-Sozialismus lehnt er ab: Überzeugen könne nur der Erfolg von Tätigkeiten, die das Gegenteil der Katastrophe wollen.
  7. Science Fiction denkt. In Niegeschichte beschreibt er das Genre als „Kunst- und Denkmaschine“, die Möglichkeiten durchspielt, die die Wirklichkeit verweigert. Seine Romane sind darum Gedankenexperimente mit offenem Ausgang.

Politische Einordnung

Dath vertritt offen eine kommunistisch-marxistische Haltung. Auf die Frage des Spiegel 2009, ob er für die Beseitigung des kapitalistischen Systems sei, antwortete er: „Absolut“. Erhoffen würde er sich „ein System der gemeinschaftlichen, arbeitsteiligen, demokratischen Produktion auf dem Stand der höchstentwickelten Technik“. 2019 sprach er auf der Rosa-Luxemburg-Konferenz der jungen Welt und rief in der FAZ dazu auf, bei der Europawahl die DKP zu wählen. In Lüneburg bezeichnet er sich als Sozialist und Leninist und setzt sich ausdrücklich nicht zwischen die AfD und ihr Gegenteil, sondern „zum Gegenteil“.

Er hat dafür Spott und Kritik geerntet: Mathias Bröckers nannte ihn nach Maschinenwinter „Lenin 2.0“, Alexander Cammann störte sich in der Zeit an der „naseweisen Checkerpose“ des Implex. Wer seine Leninismus-Bekenntnisse liest, sollte auch seine Antwort auf die naheliegende Frage nach Mauer und Stasi hören: Er verteidigt nicht das Regime, sondern den Ernst des Versuchs. Ob das trägt, bleibt die offene Stelle in seinem Denken. Sozialen Netzwerken bleibt er fern; Twitter nannte er 2022 eine Fabrik „finster-klebriger Erregungsschmiere“.


Verbindungen zu anderen Denkern

→ Wolfgang M. Schmitt

Sein Gesprächspartner in Lüneburg und Herausgeber von Selbst Schuld!, in dem Daths Essay „Alltagstheologie“ steht. Schmitt kündigte ihn im Utopie-Quartett als „richtigen Marxisten“ an. Beide lesen Popkultur als Ideologie; Dath sagt über ihre Zusammenarbeit, jede Begegnung mache ihn produktiv, weil sie ihn mit Fragen konfrontiere, die nah an seinen Themen liegen, aber weit genug, dass er sie nicht selbst gehabt hätte.

→ Karl Marx

Dath schrieb für Reclam eine kurze Einführung in Marx und argumentiert in Lüneburg mit der Kritik des Gothaer Programms: Reichtum muss so entwickelt werden, dass die Richtung zur Freiheit schon in ihm steckt, etwa indem es jedes Jahr weniger ungelernte Arbeit gibt.

→ Georg Wilhelm Friedrich Hegel

Auch über Hegel schrieb er ein Buch von hundert Seiten. Das dialektische Erzählen, das er an Nikolajewas Roman lobt, auf eine Standpauke folgt drei Seiten später die Gegenstandpauke, ist Hegels Schule.

→ Barbara Bleisch

Im Utopie-Quartett hatte Bleisch mit Aristoteles argumentiert: Großzügigkeit habe ihr Maß zwischen Geiz und Verschwendung. Dath widerspricht am selben Tag, die Mitte sei kein Schwungrad. Beide berufen sich auf Marcel Mauss' Die Gabe, lesen sie aber verschieden: Bleisch warnt vor der Beschämung durch das Geschenk, Dath folgt der Linie über Bataille zur Verausgabung als Ausbruch aus der Nützlichkeit und benennt zugleich ihre Grenze: Wer abends erschöpft ins Kissen fällt, dem hilft der Ruf nach Verausgabung nicht.

→ Simon Schaupp

Daths „Massengrab der Arbeit“ und Schaupps „kybernetische Proletarisierung“ beschreiben dieselbe Seite der KI: Sie besteht aus der Arbeit von Menschen, die unsichtbar bleiben und am Ende ersetzt werden.


Cortex-Notes

Im Bestand

Dietmar Dath und Wolfgang M.…Verschwendung als Möglichkeit?Wolfgang M. SchmittDenkerVitaKarl MarxDenkerVitaGeorg Wilhelm Friedrich HegelDenkerVitaBarbara BleischDenkerVitaSimon SchauppDenkerVitaGöpel, Bleisch,…Verhärten. Überall. Und nun?

sieben gedachte Verweise

verlinktdieselbe Quelle, nie verlinkt
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