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Gedankenraum
Zeitgeist·08.10.2026·1:30 h·100 Belegstellen

Dietmar Dath und Wolfgang M. Schmitt — Verschwendung als Möglichkeit?

Was sich nicht rechnet, wird gestrichen: der lange Artikel, der ungeprüfte Beweis, die Gabe ohne Gegengabe. Dietmar Dath verteidigt die Verschwendung und fragt, welche Ordnung Großzügigkeit wirklich macht.

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James McNeill Whistler — seine fallende Rakete war selbst ein Stück Verschwendung, um das gerechnet wurde: Ruskin nannte das Bild einen dem Publikum ins Gesicht geschleuderten Farbtopf, und der Prozess drehte sich um den Preis. Hier regnet das Feuerwerk mehr Gold, als jemand zählen kann, und es läuft über die Schalen einer Krämerwaage in den Fluss: der Überschuss, der die Rechnung des Tauschwerts sprengt.

Prompt: A nocturne in the manner of James McNeill Whistler's Nocturne in Black and Gold: The Falling Rocket (1875), very thin liquid oil washes thinned with turpentine, soft blurred edges, almost no detail, a near-abstract tonal harmony of blue-black, smoky green and dull gold, 1200x500 wide banner. Over a fog-bound river at night a firework bursts high and its sparks fall in a wide, lavish shower of loose gold and orange dabs and flecks, far more than anyone could count, dissolving into the dark water. In the lower left corner, on the dim end of a wooden jetty, the soft dark silhouette of an old merchant's balance scale whose two pans overflow with falling gold sparks that spill into the river. Distant shore lights blurred in the mist. Hushed, extravagant, dreamlike, painterly, not illustrative. No figures, no people, no faces, no masks, no text, no letters, no signature, no monogram, no butterfly emblem, no photorealism.

Worum es geht

Was sich nicht rechnet, wird gestrichen: der lange Artikel, der ungeprüfte Beweis, die Gabe ohne Gegengabe. Drei Tage nach Dolly Partons Tod verteidigt der Schriftsteller Dietmar Dath auf der Utopie-Konferenz die Verschwendung als das Überschießende, von dem Kunst, Wissenschaft und Großzügigkeit leben. Er zieht eine Linie von Marcel Mauss über Georges Bataille und die Situationisten bis zum Punk und landet bei einer offen leninistischen Frage: Welche Art zu produzieren macht Freiheit und Großzügigkeit wirklich, statt sie als Köder auszulegen? Wolfgang M. Schmitt fragt nach, hält die Hoffnung auf die KI dagegen und bekommt am Ende Widerspruch in eine Richtung, mit der er nicht gerechnet hat. Die stärkste Stelle ist eine Kindergeschichte aus einem vergessenen sowjetischen Roman, die schwächste die, an der Dath die Demokratie für den Notfall aussetzbar nennt.

Quelle: Dietmar Dath & Wolfgang M. Schmitt: Verschwendung als Möglichkeit? | Utopie-Konferenz 2026 — Utopie-Konferenz 2026 „Großzügigkeit, eine Utopie?“, Leuphana Universität Lüneburg (26.–28.08.2026), dritter Konferenztag, ein Zwiegespräch mit Fragerunde, Moderation Wolfgang M. Schmitt, 90 Minuten, veröffentlicht 11.09.2026

Wer spricht?

Dietmar Dath (1970, Rheinfelden/Baden) — Schriftsteller, Übersetzer, Kritiker und erklärter Marxist. Von 1998 bis 2000 Chefredakteur der Popzeitschrift Spex, danach Feuilletonredakteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, zuletzt vor allem als Filmkritiker; nach eigener Aussage hat er die Zeitung zwei Monate vor dem Gespräch verlassen. Er schreibt Science-Fiction (Die Abschaffung der Arten, 2008), Essays über Maschinen und Klassen (Maschinenwinter, 2008; Der Implex, mit Barbara Kirchner, 2012), eine Biografie Rosa Luxemburgs (2010) und Romane über Mathematiker (Gentzen oder: Betrunken aufräumen, 2021). Mathematik nennt er an diesem Morgen den Bereich, „den ich liebe über alles“.

→ DenkerVita

Wolfgang M. Schmitt (1988) — Film- und Kulturkritiker, marxistischer Ideologiekritiker, Co-Host von Die Neuen Zwanziger und Gastgeber der Utopie-Konferenz. Mit Dath hat er schon gearbeitet: Dath schrieb für den von Schmitt mitherausgegebenen Band Selbst Schuld! (2024). Eine Stunde vorher hatte Schmitt das Gespräch auf dem Podium nebenan angekündigt: Dath sei „richtiger Marxist“.

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It takes a lot of money to look this cheap

0:01 — Der Morgen beginnt mit einer Toten. Dolly Parton ist drei Tage zuvor gestorben, und Schmitt eröffnet mit dem Satz, mit dem sie sich selbst beschrieb. Dath übersetzt ihn genauer, als es der Saal gewohnt ist:

„It takes a lot of money to look this cheap. Und cheap heißt ja nicht nur billig, sondern auch geizig.“0:48

Im Gespräch — 0:48

Parton kam aus bitterer Armut, als eines von vielen Kindern, die Musik war ihr einziger Trost. Was die feinen Leute an ihr billig fanden, die Perücke, den Strass, das Zuviel, trug sie als Kostüm. Dath stellt sie in eine Reihe mit dem Slutwalk und mit Rappern, die sich ein rassistisches Schimpfwort aneignen: Eine Beschimpfung kommt von oben, wird umgedreht und angezogen. Damit steht das Programm des Morgens im Raum. „Verschwendung“ ist der Name, den die Knausrigen dem Überschuss geben, und wer das Wort annimmt, kann damit etwas anfangen.

1:33 — Dann setzt er sich vom Vormittag ab. Barbara Bleisch hatte mit Aristoteles die Großzügigkeit als Mitte zwischen Geiz und Verschwendung bestimmt (→ Verhärten). Dath ist „kein so ein Freund der Mitte, weil die Mitte kein Schwungrad ist“. Am Ende eines Prozesses mag sie stehen; wer etwas falsch findet, setzt sich auf die andere Seite, so wie er sich ja auch nicht zwischen die AfD und ihr Gegenteil setze. Gelächter. Der Satz hat Witz und eine Lücke: Er erklärt die Tugendlehre zur Bremse und sagt nicht, woran man merkt, dass man auf der richtigen anderen Seite sitzt.

Parton ist für ihn das helle Gegenstück zu Ozzy Osbourne. Der erschreckte die Leute mit Düsternis, sie dieselben Leute mit Strahlen. In 9 to 5, ihrem Bürolied von 1980, findet Dath eine Zeile, die er prophetisch nennt3:03: „They just use your mind and they never give you credit.“ Sein Kommentar besteht aus drei Wörtern: „Das ist KI.“ Das ist zugespitzt, und es trifft. Das ganze Gespräch wird auf diese Zeile zurückkommen, auf die Arbeit, die verwertet wird, ohne dass jemand ihren Urheber kennt.

Womit soll ich dich überraschen?

3:49 — Aus dem Neun-bis-fünf-Leben ist Dath ausgestiegen. Er habe beschlossen, „dass ich mich jetzt die ganze Zeit selber ausbeuten möchte“. Hinter dem Witz steht eine Erfahrung aus der Redaktion. In den Meinungs- und Wissensbetrieben, von der Filmkritik bis zur strengen Naturwissenschaft, greife eine Laune um sich, die man Gegenverschwendung nennen könnte: Aufwand, der bis vor kurzem in Ordnung war, rechne sich nicht mehr.

5:22 — Sein Beispiel ist Partons Geburtstag, zu dem er zweimal einen Artikel geschrieben hat. Man kann Wikipedia öffnen, zwei Clips ansehen und schreiben. Oder man nimmt sich eine halbe Woche, sieht jeden Abend einen Film, hört jeden Abend eine Platte, bis auftaucht, was man schreiben will. Das zweite gilt unter Kollegen als Verschwendung, weil ein Geburtstagstext nie so geklickt wird wie eine Exklusivmeldung: schön blöd, wer sich da so viel Mühe gibt. Bei Nachrufen wird es makaber 6:07. Google setzt den ersten Text nach oben, also muss er fertig sein, bevor jemand stirbt. In der Redaktion fragt man dann, ob alle Siebzigjährigen im „Giftfach“ abgedeckt sind. Der vorgeschriebene Text verfehlt aber die Wahrheit des Moments 6:53: dass Parton gerade jetzt stirbt, nachdem sie, so Dath, die Medal of Freedom ausgeschlagen hatte, und nicht in der Aids-Krise, in der sie ihr konservatives Publikum mit anderen Sätzen verwundert hatte.

9:11 — Dann der stärkste Einwand des Morgens gegen die Klicksteuerung, und er ist logisch, nicht moralisch. Kunst sei eine Branche mit Neuigkeiten, an jedem Film interessiert etwas, das man so noch nicht gesehen hat. Wer aus Klickdaten ermitteln will, was er als Nächstes macht, fragt also: „Kannst du mir kurz sagen, womit ich dich überraschen soll?“ 9:57 Lange vor den Klicks gab es Readerscan, ein Verfahren des Schweizer Medienforschers Carlo Imboden, bei dem Leser mit einem Gerät beim Zeitunglesen beobachtet wurden. Der meistgelesene Artikel eines Zeitraums war ein Nachruf auf einen prominenten Mann aus der eigenen Zeitung, geschrieben von einem Kollegen, der ihn gut kannte. In der Sitzung fragte Dath10:42:

„… müssen wir jetzt Leute umbringen, die wir gut kennen, damit wir solche Artikel schreiben können?“

Hören — 10:42

Jeder Fall ist einzigartig, also ist der Befund nicht anwendbar. Daths Argument hat eine Pointe, die er selbst nicht zieht. Es ist dasselbe, mit dem Friedrich August von Hayek 1945 gegen die zentrale Planung stritt: Das Wissen, auf das es ankommt, ist verstreut, an Ort und Moment gebunden, und keine Zentrale kann es sammeln (Hayek 1945, The Use of Knowledge in Society). Dath richtet es gegen das Dashboard des Verlags, Hayek richtete es gegen das Planungsbüro. Wer beides ernst nimmt, muss später erklären, warum ausgerechnet ein Plan klüger sein sollte als die Klickzahl.

Den Ursprung des Aberglaubens findet Dath bei Adam Smith und der unsichtbaren Hand, die herstellen lässt, was gebraucht wird. Ein Schönheitsfehler steckt darin11:28: „Wir steigen in dieses Monopoly nicht bei Runde 1 ein, sondern bei Runde 70.“ Gemessen wird, wie viele Menschen ein Medikament bezahlen können; wie viele es brauchen, zählt der Markt nicht. Bei Spex hatten sie dafür einen Witz: Das ganze Dagegensein der Zeitschrift wurde auf der letzten Seite von der krebserzeugenden Industrie bezahlt, den Zigarettenfirmen.

Von Mauss über Bataille zum Punk

12:59 — Schmitt fragt nach der Gabe, und Dath erzählt Geistesgeschichte als Familiengeschichte. Der Ethnologe Marcel Mauss wurde gelesen von Georges Bataille, und Bataille hatte einen furchtbaren Vater. Wer gegen rechte Eltern rebelliert, greift zu linken Zeichen, oft bloß performativ, weil es die Alten erschreckt. Das hat eine gefährliche Kehrseite, und Dath erzählt sie aus eigener Anschauung 13:44: Als Anfang der Achtziger der Punk in sein Dorf kam, malten sich Jugendliche in einer linksliberalen Zeit ein Hakenkreuz auf die Backe, und aus London gibt es Fotos von 1979 mit jungen Frauen, die dasselbe tun. Die Umkehrung eines Stigmas ist eine Technik ohne eingebaute Richtung.

14:29 — Bataille wandte sich gegen eine flache, kleinbürgerliche Aufklärung. Sie glaubt an Gott nicht, weil sie ihn als Betrug oder Opium durchschaut hätte; sie kann sich bloß nichts mehr vorstellen außer der eigenen Bilanz. Dath nennt das „eine Kaufmannsaufklärung“. Dagegen interessierte Bataille das Heilige, das Opfer, das sich Hergeben, und er gründete mit anderen das Collège de Sociologie, an dessen Rand Walter Benjamin saß. Aus der Ethnologie kam der Potlatch 16:02, das Fest, bei dem den anderen demütigt, wer die größten Geschenke macht: „hier ist dein Auto, hier ist dein Schiff, schäm dich tot.“ 1933 schrieb Bataille den Aufsatz über den Begriff der Verausgabung 16:47: Die Nützlichkeitserwägung, die uns alle knechtet, sei eine versteckte Knechtung durch den Tauschwert.

Dath sieht die Grenze sofort, und hier ist er am ehrlichsten17:33: Wer einen furchtbaren Job hat und abends nur noch ins Kissen sabbert, wird dem, der ihm verausgabt euch rät, eine runterhauen, wenn er die Kraft noch hat. Trotzdem hat der Blick auf das, was keine Gegenleistung will, viel sichtbar gemacht. Von hier führt die Linie zu Guy Debord 18:19, dessen Lettristen eine Zeitschrift namens Potlatch herausgaben, zum Cover der Sex Pistols und weiter in den Punk 22:52: Lieber mit dreißig tot und vorher gelebt als still halten bis zur Rente mit 65, ach nein, 70, ach nein, 75. DAF sangen Verschwende deine Jugend, Jürgen Teipel nannte so sein Protokollbuch der deutschen Punkszene. Was dort abgelehnt wird, ist für Dath eine „Nützlichkeit, die gar keine Nützlichkeit ist, sondern eine Käuflichkeit“23:37.

Die Linie von Mauss zum Punk trägt allerdings ihren Schatten mit. Der Potlatch, den Dath selbst beschreibt, ist ein Wettkampf um Rang, die Gabe als Waffe. Das ist die dunkle Seite, die Bleisch am Vormittag Mauss abgelesen hatte. Verausgabung befreit von der Bilanz und stiftet eine neue Rangordnung, die der Großzügigsten.

Der Köder

19:05 — Schmitt hält dagegen, mit einem Einwand, den der Saal kennt. Wer in Berlin in die richtigen Clubs geht, findet gegen Eintritt die Verausgabung bis ins Orgiastische. Löst der Kapitalismus nicht vieles von dem Transgressiven ein? Dath: „Wir hätten früher gesagt, ja, ja, deine Mutter.“

20:37 — Seine Antwort ist die These des Morgens. Der Markt lernt angeblich aus Fehlern, und still steckt darin, dass die, die falsch produziert haben, pleitegehen. Wünsche, die sich nicht leicht zur Ware machen lassen, erfüllt er durch Überschießen und Wegnehmen. 1968 wollte man weniger arbeiten: „kein Problem. Hier ist die nächste Wirtschaftskrise. Sehr viele Arbeitslose.“ Man wollte eine freiere Sexualität: hier sind die Pornokinos. Jede Erfüllung wird deformiert, weil sie zahlungskräftig sein muss, und sei es langfristig. Darum sterben die Clubs, und wer auf der Straße feiert, bekommt Besuch von der Polizei, weil alles aufgeteilt ist 21:22.

Daraus folgt Daths erste Kritik an der Gabe-Idee, gegen die eigenen Gewährsleute 22:07. Zurück auf eine frühere Stufe kommt man nicht. Wer jagen und sammeln will, kann nur jagen und sammeln, was schon jemandem gehört, und das heißt dann Waldfrevel oder Hausfriedensbruch. Die Frage ist, was eine nächste Stufe wäre. Bis dahin erfüllt der Kapitalismus die Wünsche „vor allen Dingen als Köder“24:22. Jahrtausendelang war die Ehe eine Institution, die das Gemeinwesen sicherte und Kinder auf die Arbeit vorbereitete, und die Sexualität war der Köder. Bei Marx heißt das Entfremdung 25:07: Ich will etwas und muss dafür etwas tun, das einem anderen dient.

Die These hat ihre Wahrheit in den Krisen, und als Gesetz erklärt sie zu viel. Die Forderung nach weniger Arbeit kam auch auf anderem Weg an. 1984 streikte die IG Metall sieben Wochen für den Einstieg in die 35-Stunden-Woche, seit 1995 gilt sie in der westdeutschen Metallindustrie. Das war Aushandlung, also genau das Wort, das Dath später stark macht, und sie gelang innerhalb der Ordnung, die angeblich nur deformiert liefert.

Weitergedacht

Wenn der Kapitalismus jeden Wunsch als Köder erfüllt — woran erkennt man dann einen Wunsch, der wirklich eingelöst wurde? Und gilt der Verdacht nicht für jede Ordnung, die etwas verspricht, auch für eine sozialistische, die ihre Leute auf die zweite Stufe vertröstet?

Lenin als Abkürzung

23:37 — Schmitt fragt direkt: „Und nun bist du ja Sozialist.“ — „Ich glaube ja.“ — „Du bist auch Leninist?“ — „Ich glaube auch ja.“ Den Leninisten nimmt Dath an, „weil ich glaube, der knistert mehr als der Sozialist“, und er weiß, welche Frage sofort kommt: Bist du für Mauer und Stasi? Seine Antwort ist eine Definition25:55. Lenin stehe als Abkürzung für einen „ernsthafte[n] Versuch mit unglaublich riesigen Problemen“. Dass er schiefging, sei kein Grund, es nie wieder zu versuchen, wie es nach 1990 überall hieß. Er sei Anhänger der Millionen, die ihr Leben für etwas anderes gegeben und dabei Furchtbares erlebt haben, Anhänger in einem anderen Sinn als ein Fan des FC Bayern.

28:12 — Als Schmitt das Wort Freiheit ins Spiel bringt, wird Dath grundsätzlich. Freiheit ist das Wort, das gegen alles gesetzt wird, was historisch passiert ist. Er verweist auf Sophia Rosenfelds Geschichte der Wahlfreiheit, die eben auf Deutsch erschienen ist: Die westliche Vorstellung von Freiheit sei die Auswahl zwischen Waren. Sein Gegenbeispiel ist ein Kind, das zwischen der Zeichentrickstunde und der Mathestunde wählen darf 28:57. Es wählt den Zeichentrick und kann später nicht mitreden, wenn fünf Äpfel auf vier Leute verteilt werden. Freiheit braucht Voraussetzungen, und die erste lautet: „Wenn du arm bist, kannst du nicht diskutieren“29:42. Athen diskutierte, weil Sklaven arbeiteten und Frauen schwiegen. Die einfachste Idee wäre, Maschinen arbeiten zu lassen. Nur sind Maschinen nie neutral gewesen, und die Lebensmittelchemie suche heute weniger die beste Ernährung als den Weg, Zucker und Fett so einzubauen, dass die Leute abhängig werden.

30:29 — Marx' Witz sei gewesen, dass der Reichtum so entwickelt werden muss, dass die Richtung schon in der Art seiner Entwicklung steckt. Der Feudalismus hinterließ Burgen, der Kapitalismus Maschinen, die ersparen, was die Leute gar nicht ersparen wollen, heute das Kreative. Darum die zwei Stufen der Kritik des Gothaer Programms, und darum ein Prüfstein: Eine Gesellschaft auf dem Weg zum Kommunismus muss jedes Jahr ein paar weniger völlig ungelernte Arbeiter haben. Das habe Lenin versprochen 31:59, Elektrifizierung des ganzen Landes plus Sowjetdemokratie, also Räte. Und dann der Satz, an dem sich alles entscheidet:

„Und diese Demokratie, wenn es brennt, wenn welche angreifen, wenn ich Not habe, kannst du die immer wieder suspendieren.“31:59

Im Gespräch — 31:59

Dath meint das tragisch, nicht als Rezept. Später verwirft er ausdrücklich die Idee, wegen der Klimakatastrophe brauche es einen autoritären Sozialismus 44:09: Die einzige Hoffnung sei, Menschen durch Erfolge zu ermutigen. Und er korrigiert Marx und Engels selbst 42:37. Die Dampfkesseltheorie, nach der Elend Revolution erzeugt, widerlegen Jahrtausende der Sklaverei, und die Klassiker bis zu Rosa Luxemburg hielten die Leute, über die sie schrieben, für so vernünftig wie sich selbst. Was der günstige Moment ist, weiß niemand. Mit Pasteur hofft Dath nur, dass das Glück die Vorbereiteten begünstigt.

Die Gegenstimme muss trotzdem in diese Note, und sie setzt am Suspendierungssatz an. Die Bolschewiki haben die Demokratie nicht erst unter Stalin ausgesetzt. Die Tscheka entstand im Dezember 1917. Im März 1921 forderten die Matrosen von Kronstadt, einst die Avantgarde der Revolution, geheime Neuwahlen der Sowjets und Rede- und Pressefreiheit für die linken Parteien, und die Rote Armee schlug sie nieder; im selben Monat verbot der Zehnte Parteitag die Fraktionen. Wer entscheidet, wann es brennt, hat die Macht, und Lenins Partei fand, dass es immer brannte. Rosa Luxemburg, deren Biografie Dath geschrieben hat, sah das 1918 aus der Haft kommen: „Freiheit ist immer Freiheit des Andersdenkenden.“ Der zweite Einwand ist liberal. Isaiah Berlin warnte 1958 in Two Concepts of Liberty vor einer Freiheit, die bestimmt, was Menschen wählen würden, wenn sie es besser wüssten; in ihrem Namen sei historisch am meisten Zwang ausgeübt worden. Daths Kind in der Zeichentrickstunde ist genau der Fall, an dem diese Freiheit beginnt. Berlins Antwort ist bescheidener als zehn Automarken: ein geschützter Raum, in dem kein anderer für mich entscheidet. Daths Sorge um die Voraussetzungen der Freiheit bleibt richtig. Wer aber die Bedingungen der Freiheit gegen die Freiheit selbst ausspielt, hat in der Geschichte des Sozialismus Vorgänger, die er besser kennt als jeder im Saal.

Schlacht unterwegs

33:30 — Was passiert, wenn Leute es nach dem Ende der harten Hand ernsthaft versuchen? Dath erzählt es an einem Buch, das im Saal niemand kennt: Schlacht unterwegs von Galina Nikolajewa, 1957 erschienen, vier Jahre nach Stalins Tod, 1961 verfilmt. Ein Ingenieur kommt in ein Traktorenwerk, in dem alles auf Befehl läuft, und sieht verschwendete Lebenszeit 34:15. Die Leute sollen ins Theater gehen und sich um ihre Kinder kümmern können, statt zu rackern, „als wäre noch Bürgerkrieg, als wäre noch Hitler“. Im Krieg hat seine Fabrik Panzer gebaut, jetzt baut sie Traktoren. Seine Tragödie: Er hält sich für den, der verstanden hat, und merkt nicht, dass auch er lernen muss35:00:

„Irgendwas kann jede und jeder und Reichtum wäre rauszufinden, was können die.“

Im Gespräch — 35:00

Reichtum heißt hier, die Ärztin mit zu viel Einfühlung nicht nach zwei Jahren im Gesundheitsbetrieb zu verschleißen 35:46, sondern sie dort arbeiten zu lassen, wo Menschen aus Dörfern fünfzig Kilometer weit radeln, weil sie sie versteht. Dann die Szene, für die man die Note lesen soll 36:32. Eine Mutter flieht mit drei Töchtern vor der Wehrmacht nach Osten, eine Bäuerin auf einer Kolchose nimmt sie auf. Die Älteste liebt ein Pferdchen, und das Pferdchen sie. Der Enkel der Bäuerin, länger da und neidisch, setzt sich aufs Pferd und tritt sie: Das ist unser Pferd. Das Mädchen weint, die Mutter hält ihr eine Standpauke, man sei mit nichts gekommen, und das Mädchen kontert: Die Oma hat uns aufgenommen, nicht der Junge, der ist ein Schwein. Darauf die Mutter37:18:

„Aha, du bist nur großzügig zu Leuten, die dir was gegeben haben. Das ist keine Großzügigkeit.“

Im Gespräch — 37:18

Drei Seiten später bekommt der Junge seine Standpauke 38:03. Warum gönnst du dem Waisenkind das Pferdchen nicht? Weil die nichts für mich tun? Ihr Vater ist tot, weil er gestorben ist, damit die Deutschen nicht hierherkommen. Ohne ihn wäre hier alles kaputt. Die zwei Strafpredigten bilden eine Dialektik, die Dath so auflöst38:48: Weil die Ketten, in denen Menschen füreinander etwas tun, so lang und verwickelt sind, müssten wir jedem mit Grundvertrauen begegnen, wer weiß, was diese Person für mich gegeben hat. Die erste Predigt sagt, gib ohne Rechnung. Die zweite sagt, es gibt eine Rechnung, sie ist nur zu lang, um sie zu sehen. Das ist Mauss umgedreht: Die Schuld, die uns verpflichtet, ist so verteilt, dass sie zur Großzügigkeit gegenüber allen wird.

Und dann fällt der härteste Satz des Morgens. Unsere Arbeit und unsere Freizeit liegen so weit auseinander, dass wir nicht mehr wissen, mit wem wir zusammenarbeiten. Wer KI benutzt, benutzt die Arbeit von Leuten, die er nie sehen wird39:33:

„So und dann kann keine Oma mehr sagen, der Vater ist für dich gestorben, weil es niemand weiß die Namen. Das ist ein Massengrab der Arbeit, was wir gerade kriegen.“

Hören — 39:33

Das Bild ist stark, und es lässt sich teilweise widerlegen. Die Namen sind herauszufinden: Datenarbeiterinnen in Nairobi organisieren sich und treten auf Bühnen auf (→ KIs unsichtbare Arbeitskräfte). Die Unsichtbarkeit ist gemacht, sie lässt sich also auch rückgängig machen. Am Ende seiner Erzählung legt Dath die Selbstkritik frei, die er am Roman am meisten schätzt 40:19. Der unangenehmste Idiot im Buch ist ein Fabrikchef, der Quoten erfüllt, um den Stalinpreis zu bekommen, und Nikolajewa hatte ihn selbst bekommen, für ihren früheren Roman Die Ernte. Wer den Preis kriegt, ist der Idiot, ich war es auch. Später nennt er die Lehre des Ingenieurs, die er für die Gegenwart braucht57:07: Automatisierung ohne veränderte Organisation der Arbeit bringt mehr Hetze für einige und mehr Ruhe für andere.

Weitergedacht

Die Großmutter weiß, wofür der Vater gestorben ist. Wer übernimmt heute ihre Rolle — die Gewerkschaft, die Datenarbeiter sichtbar macht, das Lieferkettengesetz, der Quellennachweis unter einem KI-Text? Und reicht Wissen über die Kette überhaupt aus, um Großzügigkeit zu stiften, oder schafft es nur ein schlechteres Gewissen?

Der Beweis, der vier Jahre wartete

45:40 — Schmitt bringt die Gegenrechnung. So einfach war es nie, sich Zusammenhänge erklären zu lassen: woher die Austeritätspolitik kommt, welche Rechte man als Arbeitnehmer hat, notfalls „einen Ansatz, der Dietmar Dath gefallen würde“. Er selbst sieht auch die andere Seite, die KI „tötet die Autoren“46:25, die Zeitungen sind froh, wenn sie noch in einer Fußnote stehen. Dath nutzt sie selten, nicht aus Moral, „weil ich sonst vergesse, was ich weiß“ 47:58. Am Morgen hat er sie gefragt, von wem Verschwende deine Jugend und von wem Verschwende deine Zeit sei. Für solche relationalen Fragen tauge sie.

48:43 — Dann geht er in die Mathematik, wo er wärmer wird als irgendwo sonst. Selbst Terence Tao, „ich finde ich noch besser als Lenin“, sei inzwischen in Teilen für die KI. Bei Definitionsfragen sei sie stark, weil es viel Material gibt und große Einigkeit besteht; sie mittelt aus sieben Erklärungen eine. Und er erzählt aus einem neuen Buch, vermutlich Kevin Hartnetts The Proof in the Code (2026), die Geschichte eines Mannes, der beweisen wollte, dass es zwei optimale Arten gibt, Kugeln zu stapeln 50:13, mit einer Beweisführung über Hunderte Seiten. Er reichte sie ein50:59 „und wartet ein Jahr und wartet 2 Jahre und wartet 3 Jahre und wartet 4 Jahre.“ KI kann das schnell. Dath will dem Mann nicht sagen, sein Beweis werde nie geprüft, nur weil Zuckerberg pervers ist. Er stellt eine andere Frage51:45:

„Macht es vielleicht den Leuten sogar Spaß, wenn man ihnen sagen würde, du musst jetzt nicht irgendein waffenrelevantes Zeug rechnen, sondern du darfst dich noch mal zwei Jahre mit diesem Beweis beschäftigen? Ist das nicht die Großzügigkeit, die wir brauchen?“

Hören — 51:45

Die Geschichte stimmt, und sie hat eine Wendung, die Dath nicht erzählt. Thomas Hales reichte seinen Beweis der Keplerschen Vermutung 1998 bei den Annals of Mathematics ein; ein Gutachterteam arbeitete rund vier Jahre daran und erklärte sich am Ende zu „99 Prozent“ sicher, gedruckt wurde er 2005 (Hales 2005, doi:10.4007/annals.2005.162.1065). Hales startete daraufhin das Projekt Flyspeck, das den Beweis Schritt für Schritt in Beweisassistenten nachbaute; nach elf Jahren und mit zwei Dutzend Mitarbeitern war es 2014 fertig (Hales et al. 2017, doi:10.1017/fmp.2017.1). Die Maschine, die den Beweis schließlich prüfte, war also kein Sprachmodell, sondern ein Formalisierungsprogramm, und die Prüfung kostete mehr menschliche Arbeit als die Begutachtung. Die Verschwendung, die Dath sich wünscht, hat es gegeben, als freiwilliges Großprojekt. Seine Schlussfolgerung bleibt trotzdem sauber 52:32: Die Kämpfe um die negativen Folgen führen, die besten Argumente für den Nutzen einfordern, die Konzerne „in die Zange“ nehmen, statt den eigenen Großmut zu beweisen, indem man sagt, da gebe es bestimmt auch gute Anwendungen. „Ich sehe die auf der Anklagebank, diese Leute.“

Wenn niemand mehr Befehle befolgt

52:32 — Schmitt verschärft. In den Drohnenkriegen, in der Ukraine wie im Iran, arbeite Big Tech eng mit Regierungen zusammen. Müsse man da nicht zum Leninisten werden, „vielleicht sogar manchmal sogar zum Vulgärleninisten?“ Dath: „Also, ich bin immer für vulgär, weil ich immer für deutlich bin.“ Lenin sei sehr für Technik gewesen 53:18. Erst der Versuch habe gezeigt, dass manche Regionen einen geschenkten Traktor vor den Pflug spannen und ein Pferd davor. „Die Leute sind nicht blöd, die wissen nur nichts“54:04, und daran sei die Gesellschaft schuld; auch der informierte Bürger im Saal wisse über das Klima weniger, als er glaubt.

54:49 — Lenin, meint Dath, hätte sortiert, was nützlich ist und was nicht. Und dann erklärt er, wie ein Marxist es tun sollte, was am Kapitalismus großartig war. Warum haben die Pharaonen die Maschinen nicht erfunden? „Weil Kapitalismus eine geile Idee hat.“ Alles für Geld, alles erst mal gleich, und an den Erfinder ergeht die Einladung: überrasch mich. Das ist eine Weile toll, „und dann kippt es“ 55:34. Wer das Automobil erfunden und einen Konzern gebaut hat, macht den mit der besseren Idee fertig, durch Lobbyarbeit oder schlicht durch den Preis. Darum genügt es nicht, den Laden zu übernehmen 56:21: Die Beziehung zur Natur ist falsch, die Art zu arbeiten ist falsch. Hier treffen sich Dath und die Ordoliberalen, die er nie zitieren würde. Walter Eucken sah in der Vermachtung der Märkte die größte Gefahr der Freiheit und wollte sie mit einer Wettbewerbsordnung brechen, Dath mit dem Plan. Die Diagnose teilen sie.

57:07 — Technik, sagt Dath, ist ein Verhältnis zur Natur und eines der Menschen zueinander. Schon Francis Bacon wusste, dass man der Natur gehorchen muss, um ihr zu befehlen. Das Fatale an den neuen Techniken sei, dass sie die Organisation unserer Verhältnisse verschlechtern, und das Militär ist sein Beispiel57:52:

„… die Rechtfertigung von so einem Wärter in Auschwitz war, ich habe Befehle befolgt. Wenn es eine KI ist, gibt's nicht mal mehr das. Da ist niemand mehr.“

Im Gespräch — 57:52

Mit dem Sprachphilosophen Robert Brandom erklärt er, warum das mehr ist als ein juristisches Problem 58:37. Bedeutung heißt, Verantwortung für das Gesagte zu übernehmen: Wer mir sagt, morgen regne es, und ich schleppe den Schirm durch die Hitze, dem muss ich sagen können, du hast mir Mist erzählt. Wer übernimmt die Verantwortung für das, was die KI sagt und tut? Wo niemand mehr verantwortlich ist, wird „die Substanz von Gesellschaft zerstört“, und die Hoffnung auf Demokratie durch Aushandlung ist angefressen. Brandom liefert zugleich die Antwort, die Dath offen lässt. Verantwortung ist bei ihm ein sozialer Status, den eine Gemeinschaft zuschreibt, und zuschreiben kann man sie auch dem, der die Maschine einsetzt. Der FDP-Politiker Konstantin Kuhle sagte es auf der re:publica in einem Satz: Für jede staatliche Entscheidung muss am Ende ein Minister zurücktreten können (→ Kundus). Wer will, kann die Lücke schließen.

Dann fällt Dath selbst auf, wie düster er klingt58:37: „Entschuldigung, klingt apokalyptisch.“ Er habe noch nie so engagierte Kämpfe um Räume der Debatte gesehen wie seit der KI. „Also einerseits ist es eine Verschlimmerung, andererseits endlich reden die Leute darüber. Ich find's super.“

Weitergedacht

Dath will die Konzerne auf der Anklagebank sehen und lehnt es ab, den eigenen Großmut mit „da gibt es bestimmt auch Gutes“ zu beweisen. Ist das Misstrauen gegenüber einer Technik, deren Nutzen man selbst täglich erfährt, eine politische Haltung oder eine Vorsicht, die sich nur leisten kann, wer schon alles weiß?


Publikumsfragen

Schmitt öffnet nach einer Stunde für den Saal, eine knappe halbe Stunde, vier Wortmeldungen. Zwei davon fordern Dath grundsätzlich heraus, zwei fragen nach der KI.

Ein Zuhörer aus der DDR: Wann lernen wir endlich aus dem Scheitern? 59:23 — Er ist in der DDR geboren und groß geworden, hat den Untergang erlebt und gesteht dem Sozialismus zu, gut gemeint gewesen zu sein, aber nicht gut gemacht. Er sei erstaunt, dass Marx noch als großer Ökonom gefeiert wird. Der Sozialismus sei an ökonomischen Problemen gescheitert, deren Ursache in Fehlern der marxschen Theorie liege 60:55. Dath nennt das einen wertvollen Beitrag und antwortet ausführlich. Marx sei vor allem wichtig, weil er sagte, es reiche nicht, die Menschen zu besseren, großzügigeren zu machen, irgendwas ist faul auf der Ebene, wie wir produzieren. Die bekannte Ausrede, das sei nicht der richtige Sozialismus gewesen, nennt er ein typisches Intellektuellenargument61:40: „Jede und jeder weiß, ich kann den richtigen Plan haben und es geht total schief.“ Er zählt die Gründe auf 62:26: Armut, Umzingelung, Fehler, die man macht, wenn man immer wieder gegen Widerstände anrennt. Den entscheidenden sieht er im Warum der Kommandowirtschaft. Wer kommandiert, weil eine echte Gefahr besteht, muss aufhören, wenn sie vorbei ist; wer kommandiert, weil er Boss sein will, macht weiter. Diese Staaten hätten immer schlechter erklärt, was bei ihnen faul ist; Honecker habe im Fernsehen mehr Familienglück und weniger Politik gewollt 63:12. „Wenn ich das nicht mehr tue, dann geschieht mir recht, wenn die Leute sagen, mir reicht's mit dir“63:57. Dazu kam der Weltmarkt: Wer arm anfängt, hat nur Arbeitskraft. Dath erinnert sich an einen Film über die Währungsunion, vermutlich Natja Brunckhorsts Zwei zu eins (2024), in dem Leute entsetzt feststellen, dass ihr sozialistischer Betrieb zu Dumpinglöhnen Schrauben für IKEA herstellte 64:43. Er akzeptiere alles, was der Zuhörer gesagt habe, „außer etwas, was sie nicht gesagt haben, was dann aber immer als zweites kommt, nämlich und deshalb ist es schon richtig so wie hier“65:29. Applaus. Schmitt ergänzt 66:15: Der Kapitalismus habe gesiegt und sei vor dem Scherbenhaufen aus Klimakatastrophe, Kriegsgefahr und Armut ebenfalls gescheitert.

Einordnung: Daths Antwort ist ehrlicher als die übliche, aber sie verschiebt das Scheitern ins Kommunikative. Die DDR hat nicht nur zu wenig erklärt. Für IKEA arbeiteten auch politische Häftlinge, was das Unternehmen 2012 nach einer eigenen Untersuchung eingeräumt hat. Ökonomisch hat der ungarische Ökonom János Kornai das Problem benannt, auf das der Zuhörer zielte: Betriebe mit „weicher Budgetbeschränkung“, die der Staat nie pleitegehen lässt, erzeugen Dauermangel statt Verschwendung im guten Sinn. Daths Kritik am Markt, der nur mit Pleiten lernt, hat hier ihre Gegenseite: Eine Ordnung ohne Pleiten lernt womöglich gar nicht.

Kronstadt, Kanalisierung und die positive Freiheit 67:00 — Ein junger Zuhörer will die Kritik produktiv machen. Ihn stört, dass auf der Konferenz davon die Rede ist, Meinungen zu „kanalisieren“ und an die Politik zu bringen. Die Freiheit, über die hier gesprochen werde, auch für die frühe Sowjetunion, bleibe eine negative, eine Freiheit von Leid 68:31. 1921 hätten die Bolschewiki in Kronstadt einen Aufstand von Leuten niedergeschlagen, die mehr Mitbestimmung und Räte wollten (das habe er eben mit KI nachgesehen) 69:16. Gerade auf einer Konferenz über Überfluss könne man die vernachlässigte positive Freiheit der sozialistischen Tradition stark machen: Selbstbestimmung, auch über die Produktionsmittel, also mehr Demokratie 70:02. „Ehrlich gesagt, ich habe genau die Frage geraten“, sagt Dath, und fasst sie selbst zusammen 71:33: Wer erst den Reichtum organisiert und die Freiheit vertagt, gerät schnell an autoritäre Entscheidungen, die die Hoffnung enttäuschen, wie in Kronstadt. Wie kann man den Leuten schon im Kampf etwas bieten, das sie selbst erleben? Seine Antwort beginnt mit einer Warnung vor dem schönen Wort wir 72:19. Martin Heidegger schloss seine Rektoratsrede 1933 mit „Wir wollen uns selbst“, und dasselbe kann jede selbstverwaltete WG-Küche sagen, die etwas ganz anderes meint. Es kommt darauf an, ob das uns immer größer werden soll. Dann die Lehre, die er aus der Geschichte zieht73:05: an jedem Punkt prüfen, ob jetzt der Raum ist, es zu diskutieren, statt zu sagen, das kommt später. Das sei mehr Arbeit, wie bei der feministischen Sozialistin, die doppelt so viele Sitzungen besucht, weil sie bei den Feministinnen den Sozialismus und bei den Sozialisten die Frauen anmahnen muss. Aber mehr und schlimmere Arbeit als das bloße Überleben in diesem Zustand werde es auch nicht sein 73:50. Ein Programm, das es leistet, gebe es nicht; er erinnert sich an eine griechische Verfassung, deren Schutz der Wachsamkeit der Bürger anvertraut wird 74:35.

Einordnung: Mit „nicht später, jetzt“ nimmt Dath die Frage wirklich an, und die Antwort widerspricht leise seinem eigenen Satz über die suspendierbare Demokratie (→ Lenin als Abkürzung). Zu Kronstadt selbst sagt er nichts weiter. Die Stelle, an die er sich erinnert, steht im heutigen griechischen Grundgesetz am Ende, nicht in der Präambel: Artikel 120 vertraut die Wahrung der Verfassung dem Patriotismus der Griechen an.

Autorschaft im Zeitalter der KI 74:35 — Eine Zuhörerin fragt die beiden als Autoren: Gibt es positive Entwicklungen? Und wie lässt sich die Unsichtbarkeit der Autoren lösen, wenn Geld allein es nicht tut? Schmitt antwortet zuerst 75:21. Nachträglich honorieren könne man den Raubzug nicht. Jaron Laniers Idee, sich die eigenen Daten bezahlen zu lassen, ende bei 7,20 Euro für ihn und 89 Euro für Dath. Wichtiger sei, welche Autorschaft jenseits der KI entsteht 76:07: Autorität erwächst aus Autorschaft und muss performativ hergestellt werden, wie bei Daths Parton-Text oder beim Readerscan-Nachruf. Er sieht zwei Bewegungen zugleich, die Vernichtung der Autorschaft und eine Gegenbewegung zu einzelnen Stimmen, die man kennt, bis hin zur Podcast-Konjunktur 76:54; bei Gebrauchstexten werde der Autor verschwinden. Dath nennt die Frage seine Überlebensfrage 77:39, und zwar existenziell, nicht ökonomisch: Eine Kneipe könne er auch aufmachen, aber zur Welt verhalten könne er sich nur über Sprache, seit er dreizehn ist. Er erzählt von Spex um 2000 78:24: Alle Plattenkritiken sollten an einen Onlinehändler verkauft werden, zwei Autoren weigerten sich, der Käufer wollte alles oder nichts, der Deal platzte, und auf die zwei entstand enormer Druck. „So, und diesen Druck haben wir jetzt jeden Tag“79:09. Seine Lösung ist ein fernes Ziel: eine Welt, in der man nicht mehr vom Schreiben leben muss und es trotzdem tut, ohne dass es ein Hobby wird 79:54. Paradox daran: Der Kampf gegen das Copyright, das Sony nützt und nicht Michael Jackson, und der Kampf für die Autorschaft gehören zusammen. Der härteste Gegensatz zwischen rechts und links sei heute, dass die Rechte Menschen sortieren will 80:40, mit altem Rassismus wie bei Jack Posobiec, und behauptet zu wissen, was Menschen sind. Die linke Gegenfrage: jedem Menschen ein Leben lang die Möglichkeit geben herauszufinden, was er noch kann, ohne dass er verhungert. „Und die Frage ist, sind wir dafür reich genug? Und ich glaube ja“81:25.

Überlässt die progressive Blase die KI den Konservativen? 81:25 — Der letzte Fragesteller hat einen „Anti-Vibe“ wahrgenommen, bis zum „Massengrab der Arbeit“. Er teilt die Kritik am Scraping, aber die KI schaffe auch einen Überschuss: Wer eine Arbeit schneller erledigt, gewinnt Zeit für die Artikel, die ihm wichtig sind 82:10. Wenn die Progressiven nur dagegen schießen, überlassen sie die sinnvollen Anwendungen den Konservativen. Dath gibt ihm recht, dass jede Verschlechterung der Arbeit in dreißig Jahren mit einer Technik gerechtfertigt wurde und darum sofort die Technik als böse gilt 82:55. Sein Beispiel ist das Kabelfernsehen, das Postminister Christian Schwarz-Schilling als Demokratisierung in jeder Stadt verkaufte und das dann RTL plus und Tutti Frutti hieß 83:40. Die progressive Blase lese viele Bücher über diese Enttäuschungskette. Man solle die Versprecher trotzdem beim Wort nehmen, so wie die Aufständischen in Frankreichs karibischen Kolonien, die den französischen Truppen deren eigene Revolutionslieder vorsangen. Aber: „Wer dieses Surplus verteilt, hängt daran, wem die Maschinen gehören, die das erzeugen und leider nicht an unserem Willen“84:25.

Schmitt hakt ein, als eigene Frage: Die KI sei keine triviale Maschine, sie entfache, was ihre Schöpfer nicht vorhatten. Mit lokaler KI auf dem eigenen Rechner könne man herrschaftskritisch arbeiten, was das Kabelfernsehen nie erlaubt hätte 85:11; sie sei eine Produktivkraft, die über das hinausgeht, was ihre kapitalistischen Schöpfer wollten. Dath85:57: „Ich muss dir sozusagen in die Positivrichtung widersprechen, was ich nie für möglich gehalten hätte.“ Das gelte für fast jede Technik. Selbst für die Atombombe habe ihm jemand ein Gegenbeispiel genannt, Bruce Willis und den Meteoriten. Das Kabelfernsehen zeigte ihm Ende der Achtziger nach 23 Uhr obskure französische Kunstfilme, weil die Rechte nichts kosteten 86:42. Die Überraschung, die Schmitt in der KI sieht, gebe es, sie sei aber eine Überraschung über die Kreativität der Menschen 87:28. So entstand der Dub, als jemand aus einer Maschine, die immer mehr Tonspuren übereinanderlegt, Spuren herausnahm 88:17. Er wolle, dass Menschen leiblich und seelisch in der Verfassung bleiben, so etwas zu tun, und ihr Selbstvertrauen heben, statt die Maschine zu loben. Mit Terence Tao sagt er: Der Beruf des Mathematikers verschwindet nicht, er verändert sich. Sein letzter Satz kehrt zur Bombe zurück 89:03: Es sei gefährlich, mitten in Abrüstungsverhandlungen zu sagen, wie toll die Atombombe den Asteroiden besiegt habe.


Nachbesprechung

Zwei Behauptungen des Morgens noch einmal, an dem gemessen, was man über sie weiß: dass der Markt Wünsche nur als Köder erfüllt, und dass niemand mehr verantwortlich ist, wenn die Maschine entscheidet.

Erfüllt der Markt Wünsche nur als Köder?

Daths Beispiel 20:37 hat eine Chronologie, die man nachprüfen kann. Der Wunsch nach weniger Arbeit ist älter als 1968: „Samstags gehört Vati mir“ plakatierte der DGB 1956, ab 1967 galt in der Metallindustrie die 40-Stunden-Woche. Dann kam die Ölkrise, und die Zahl der Arbeitslosen in Westdeutschland stieg von rund 270.000 im Jahr 1973 auf über eine Million 1975 und über zwei Millionen 1983. Zeitlich passt das zu Daths Satz. Die Ursache lief eher umgekehrt. Die IG Metall verlangte die 35-Stunden-Woche, weil es so viele Arbeitslose gab, und warb 1984 damit, die vorhandene Arbeit gerechter zu verteilen. Die Forschung hat das nachgerechnet, mit einem Ergebnis, das beiden Seiten unbequem ist. Jennifer Hunt fand für die westdeutschen Branchen von 1984 bis 1994, dass die kürzeren Tarifzeiten bei vollem Lohnausgleich keine Stellen schufen und womöglich welche kosteten (Hunt 1999, doi:10.1162/003355399555963); für Frankreichs 35-Stunden-Gesetz fanden Matthieu Chemin und Étienne Wasmer keinen messbaren Effekt auf die Beschäftigung (Chemin & Wasmer 2009, doi:10.1086/605426). Als Arbeitsmarktpolitik ist die Verkürzung also gescheitert. Als Wunsch wurde sie erfüllt, mit vollem Lohn, ausgehandelt innerhalb der Ordnung, die nach Dath nur deformiert liefert.

Hinter seinem Köder 24:22 steht eine ältere Wette. 1930 rechnete John Maynard Keynes in Economic Possibilities for our Grandchildren damit, dass der Lebensstandard in hundert Jahren vier- bis achtmal so hoch liegen werde und seine Enkel mit fünfzehn Wochenstunden auskämen. Die erste Hälfte ist eingetroffen, die zweite nicht, und über das Warum streitet die Ökonomie bis heute (Pecchi & Piga 2008, doi:10.7551/mitpress/9780262162494.001.0001, Sammelband). Die eine Antwort lautet, die Menschen hätten den Zuwachs lieber in Gütern genommen als in Zeit, aus freien Stücken (Cowen 2017, doi:10.1017/s0265052517000267). Die andere ist Daths, und im Cortex vertritt sie auch Teresa Bücker mit dem Rebound: Die gewonnene Zeit wird von höheren Ansprüchen aufgezehrt, und was wie eine Wahl aussieht, ist eine Erwartung. Beide unterschätzen, was dazwischen lag. Der Soziologe Simon Schaupp sagt im NANO-Talk, technischer Fortschritt habe noch nie zu weniger Arbeit geführt. Das Jahrhundert zwischen 1870 und 1970 widerspricht ihm: In den Industrieländern sank die Wochenarbeitszeit von über sechzig auf rund vierzig Stunden, durchgesetzt in Streiks, die den Ertrag der Maschinen verteilten. Daths Kapitalismus liefert nicht von selbst, aber er liefert, wenn jemand die Rechnung präsentiert.

Die jüngste Forschung gibt Dath ein Argument und nimmt ihm ein anderes. Im bislang größten Versuch mit Vergleichsgruppe stellten 141 Organisationen in sechs Ländern auf eine Vier-Tage-Woche bei gleichem Lohn um; die knapp 2.900 Beschäftigten berichteten weniger Erschöpfung und mehr Zufriedenheit als die Beschäftigten der Vergleichsfirmen (Fan et al. 2025, doi:10.1038/s41562-025-02259-6). Der deutsche Pilot der Universität Münster mit 45 Organisationen fand Ähnliches, mehr Schlaf und weniger Stress, ohne Einbruch bei Umsatz und Gewinn (Universität Münster, idw 2024). Solide ist das nur zum Teil. Die Firmen hatten sich selbst beworben, die Vergleichsgruppen waren klein, vieles beruht auf Selbstauskunft, und beobachtet wurde ein halbes Jahr. Gegen Daths Gesetz spricht, dass niemand dabei arbeitslos wurde. Für seine Diagnose spricht, wer in den Daten fehlt: die Betriebe, denen sich die kürzere Woche nicht rechnen würde. Erfüllt wird der Wunsch dort, wo er sich auszahlt.

→ Weiter im Panorama: Arbeiten wir zu wenig?, mit Teresa Bücker, Herfried Münkler und Annette Kehnel.

Wer trägt Verantwortung, wenn die Maschine entscheidet?

Daths Bild vom Wärter 57:52 enthält eine Pointe, die er nicht ausspricht. Die Ausrede, man habe Befehle befolgt, galt schon in Nürnberg nicht; seit 1950 steht in den Nürnberger Prinzipien der UN-Völkerrechtskommission, dass ein Befehl nicht von der Verantwortung befreit. Fällt die Ausrede weg, fragt sich, wer an ihre Stelle tritt. Die Philosophie hat dafür einen Namen, seit Andreas Matthias 2004 die Verantwortungslücke beschrieb: Lernende Systeme handeln so, dass weder Hersteller noch Betreiber es vorhersehen oder steuern konnten, und wo niemand Kontrolle hatte, lässt sich nach den gewohnten Regeln niemand belangen (Matthias 2004, doi:10.1007/s10676-004-3422-1). Robert Sparrow übertrug das 2007 auf autonome Waffen und folgerte, ihr Einsatz sei ethisch nicht zu rechtfertigen, weil für ihre Tötungen niemand einstehen könne (Sparrow 2007, doi:10.1111/j.1468-5930.2007.00346.x).

Seither ist die Lücke vermessen und bestritten worden. Filippo Santoni de Sio und Giulio Mecacci zerlegen sie in vier: wer schuld ist, wer moralisch Rede und Antwort steht, wer öffentlich Rechenschaft ablegt und wer vorher dafür sorgt, dass nichts geschieht (Santoni de Sio & Mecacci 2021, doi:10.1007/s13347-021-00450-x). Daths Brandom 58:37 zielt auf die zweite und dritte. Gegen die ganze Idee hält Daniel Tigard, Verantwortung sei immer schon verteilt gewesen, auf Konstrukteure, Betreiber und Institutionen, und keine Technik löse sie grundsätzlich auf (Tigard 2021, doi:10.1007/s13347-020-00414-7). Die praktische Antwort heißt seit einem Aufsatz von Santoni de Sio und Jeroen van den Hoven meaningful human control: Ein System muss den Gründen der Menschen folgen, die es einsetzen, und jedes Ergebnis muss sich auf mindestens einen Menschen zurückführen lassen, der versteht, was er verantwortet (Santoni de Sio & van den Hoven 2018, doi:10.3389/frobt.2018.00015).

Die Wirklichkeit zeigt bisher eher das Gegenteil von Daths Leere. Die Anthropologin Madeleine Clare Elish nennt es die moralische Knautschzone: Versagt ein automatisiertes System, fängt der nächststehende Mensch den Aufprall auf, auch wenn er kaum Kontrolle hatte (Elish 2019, doi:10.17351/ests2019.260). Als 2018 im amerikanischen Tempe ein selbstfahrendes Testauto von Uber eine Fußgängerin tötete, verzichtete die Staatsanwaltschaft auf eine Anklage gegen das Unternehmen; angeklagt wurde die Sicherheitsfahrerin am Steuer. Da ist also jemand, nur oft der Falsche.

Und die Politik? Die UN-Expertengruppe zu autonomen Waffen in Genf beendete ihre dreijährige Arbeit am 5. September 2026 mit einem Bericht, aus dem auf Drängen unter anderem Russlands und der USA die ethischen Erwägungen und die Vorhersehbarkeit gestrichen wurden; immerhin hält er fest, dass menschliche Kontrolle und menschliches Urteil nötig sind, um das Völkerrecht einzuhalten. 76 Staaten wollen nun über einen verbindlichen Vertrag verhandeln; entscheiden soll die Überprüfungskonferenz der Waffenkonvention vom 16. bis 20. November (Human Rights Watch, 07.09.2026). Im Zivilen hat die EU den Weg über die Haftung gewählt und ihn halbiert. Die geplante KI-Haftungsrichtlinie zog die Kommission im Februar 2025 zurück. Geblieben ist die neue Produkthaftungsrichtlinie (EU) 2024/2853, die Software und KI-Systeme wie Produkte behandelt, mit Haftung des Herstellers auch ohne Verschulden; bis zum 9. Dezember 2026 muss sie umgesetzt sein, über das deutsche Gesetz stimmt der Bundestag am 8. Oktober ab (Bundestag). Den Krieg, um den es Dath geht, nimmt der AI Act ausdrücklich aus. Insoweit behält er recht: Die Lücke ist dort am breitesten, wo am meisten auf dem Spiel steht.

→ Weiter im Panorama: Wer trägt Verantwortung, wenn die Maschine handelt?, mit Catrin Misselhorn, Anja Dahlmann und Konstantin Kuhle.


Faktencheck

Bestätigt — Dolly Partons Tod und die abgelehnte Medal of Freedom

0:01, 6:53. Parton starb am 25.08.2026 mit 80 Jahren, einen Tag vor Konferenzbeginn. 2021 erzählte sie, sie habe die Medaille in Trumps erster Amtszeit zweimal abgelehnt; beim Angebot der Biden-Regierung zögerte sie öffentlich, bekommen hat sie sie nie. Ihre Gründe waren unpolitisch (bei Trump die Krankheit ihres Mannes und Corona, bei Biden die Sorge, „dann mache ich Politik“) — wer darin eine Geste gegen Trump hört, hört mehr, als sie gesagt hat. Dath behauptet das allerdings nicht ausdrücklich. Quelle: ZEIT: Dolly Parton ist tot · Spectrum News: Parton declined Medal of Freedom twice

Vereinfacht — DDR-Arbeit für IKEA

64:43. Der Kern ist belegt: DDR-Betriebe lieferten in den 1970er und 80er Jahren Möbel und Bauteile an IKEA, um Devisen zu verdienen. Ausgelassen ist der härteste Teil: Ein Gutachten von Ernst & Young im Auftrag von IKEA bestätigte 2012, dass dabei auch politische Häftlinge und Strafgefangene arbeiteten (u. a. Waldheim, Naumburg); IKEA bat um Entschuldigung. Dath erzählt die Episode als Weltmarkt-Zwang gegen ein armes Land — die Zwangsarbeit, die der DDR-Staat selbst zu verantworten hatte, fällt dabei heraus. Für einen erklärten Leninisten ist das die bequemere Fassung; immerhin spricht er von „halb krimineller Art“. Quelle: NPR: East German political prisoners made some of its products, IKEA admits · Tagesspiegel: Ikea setzte Zwangsarbeiter ein

Vereinfacht — Der Kepler-Beweis, vier Jahre Begutachtung und die KI

49:28–50:59. Der Kern stimmt (Thomas Hales): 1998 ein computergestützter Beweis mit rund 250 Seiten und 3 GB Programmen und Daten; zwölf Gutachter arbeiteten vier Jahre und erklärten sich 2003 zu „99 % sicher“; 2005 erschien er in den Annals of Mathematics (doi:10.4007/annals.2005.162.1065). Verkürzt ist das Ende: Das Projekt Flyspeck verifizierte den Beweis 2014 vollständig formal (doi:10.1017/fmp.2017.1) — mit elf Jahren menschlicher Arbeit an den Beweisassistenten HOL Light und Isabelle, nicht mit KI im heutigen Sinn. Seine Frage, ob bei den Unis etwas faul sei, hat einen echten Kern (die Gutachter waren erschöpft, die Annals erließen danach eine eigene Regel für Computerbeweise); mit einer Kapitulation endet die Geschichte nicht. Quelle: Wikipedia: Kepler conjecture

Bestätigt — Terence Tao und die KI in der Mathematik

48:43, 88:17. Tao spricht von „big mathematics“, großen Kooperationen von Menschen und Maschinen, und fordert ein Umdenken im Fach. Unkritisch ist er nicht: Im Juli 2026 sprach er von einer beispiellosen Bedrohung für die Mathematik. Quelle: Spektrum: Als KI die Mathematik einholte · New Scientist: Why Terence Tao thinks AI must spark a rapid revolution

Bestätigt — Galina Nikolajewa,

Schlacht unterwegs und der Stalinpreis 32:44, 40:19. Nikolajewa erhielt 1951 den Stalinpreis (Erster Klasse) für Die Ernte (1950); Schlacht unterwegs erschien 1957 nach Stalins Tod und wurde 1961 verfilmt. Die Lesart als Selbstkritik ist Daths Interpretation — nicht prüfbar, aber plausibel. Quelle: Wikipedia: Galina Nikolaeva

Nicht verifizierbar — Der Readerscan-Befund mit dem Nachruf

9:57. Readerscan gibt es: 2004 vom Schweizer Carlo Imboden entwickelt, ein Scanner-Stift, mit dem Testleser markieren, was sie lesen; die FAZ gehörte zu den Anwendern. Den konkreten Befund kennt man nur aus Daths Erinnerung an eine interne Sitzung. Quelle: Wikipedia: Readerscan · zum Befund selbst keine unabhängige Quelle gefunden

Nicht verifizierbar — „In Afghanistan haben Leute Batterien gelutscht“

54:04. Für diese Anekdote und die vom geschenkten Traktor, vor den man ein Pferd spannt, fand sich keine Quelle. Die Pointe „Die Leute sind nicht blöd, die wissen nur nichts“ ist sympathisch, das Beispiel bedient aber genau das Klischee, das sie widerlegen will. Keine unabhängige Quelle gefunden.

Vereinfacht — „Jahrtausende Sklaverei, und nie eine Revolution“

42:37. Die Pointe gegen die naive Verelendungstheorie ist vertretbar, das Beispiel hinkt: Die Pyramiden bauten nach archäologischem Konsens rotierende, versorgte Arbeitertrupps, keine Sklaven; ausgerechnet die Grabbauarbeiter von Deir el-Medina legten um 1157 v. Chr. die Arbeit nieder, als die Rationen ausblieben — der erste dokumentierte Streik. Sklavenaufstände gab es (Spartacus, Haiti); Dath nennt Haiti am Ende selbst 83:40, als Beleg, dass erst Ideen den Funken liefern — was seine These eher stützt. Quelle: Museo Egizio: Turin Strike Papyrus

Bestätigt — Kronstadt, Mauss, Bataille, Brandom

Kronstadt war im März 1921 (nicht 1917, wie ein Zuhörer sagt 69:16); die Matrosen forderten frei gewählte Sowjets, Rede- und Pressefreiheit, die Rote Armee schlug sie nieder. Mauss' Die Gabe erschien 1925, Bataille schrieb 1933 „La notion de dépense“, Debords Lettristische Internationale gab 1954–57 das Bulletin Potlatch heraus 12:59. Daths Brandom („Bedeutung heißt Verantwortung übernehmen“ 58:37) ist eine faire Verdichtung von Making It Explicit (1994); „investieren“ ist seine Zuspitzung. Quelle: Wikipedia: Kronstadt rebellion · Wikipedia: Letterist International · Notre Dame Philosophical Reviews: Reading Brandom


Weiterführende Quellen

Aus der Video-Beschreibung:

Im Gespräch erwähnt:

  • Dolly Parton: 9 to 5 (1980) — das Bürolied mit der Zeile über den Geist, der benutzt und nie gewürdigt wird (Dath)
  • Marcel Mauss: Die Gabe (1925) — Gabe, Gegengabe und Potlatch (Dath, Schmitt)
  • Georges Bataille: Die Aufhebung der Ökonomie — darin Der Begriff der Verausgabung (1933) und Der verfemte Teil (Dath empfiehlt es)
  • Guy Debord und die Lettristische Internationale: Potlatch (Bulletin, 1954–1957) (Dath)
  • Jürgen Teipel: Verschwende deine Jugend (2001) — Doku-Roman über den deutschen Punk und New Wave (Dath)
  • Sophia Rosenfeld: Im Zeitalter der unendlichen Möglichkeiten. Eine Geschichte der Wahlfreiheit (Hamburger Edition 2026; Original The Age of Choice, 2025) — Freiheit als Auswahl (Dath)
  • Karl Marx: Kritik des Gothaer Programms (1875) — die zwei Stufen (Dath)
  • Galina Nikolajewa: Schlacht unterwegs (1957, dt. 1962; verfilmt 1961) — der Roman, aus dem Dath die Pferdchen-Geschichte erzählt; nur antiquarisch
  • Branko Milanović: Kapitalismus global (2020; Original Capitalism, Alone, 2019) — der Sozialismus des 20. Jahrhunderts als Weg rückständiger Länder in den Kapitalismus (Schmitt)
  • Kevin Hartnett: The Proof in the Code. How a Truth Machine Is Transforming Math and AI (2026) — vermutlich das Buch, auf das Dath sich bezieht (Lean, Tao, Scholze)
  • Robert Brandom: Expressive Vernunft (dt. 2000; Making It Explicit, 1994) — Bedeutung als Übernahme von Verantwortung (Dath)
  • Francis Bacon: Novum Organum (1620) — der Natur gehorchen, um ihr zu befehlen (Dath)
  • Jaron Lanier: Wem gehört die Zukunft? (2014) — bezahlte Daten (Schmitt)
  • Wolfgang M. Schmitt & Ann-Kristin Tlusty (Hg.): Selbst Schuld! (2024) — der Band, an dem Dath mitgeschrieben hat
  • Film: vermutlich Zwei zu eins (2024, Natja Brunckhorst) — Währungsunion 1990 (Dath)

Zur Einordnung in dieser Note:

Aus dem Faktencheck


Verbindungen

→ Göpel, Bleisch, El-Mafaalani, Schmitt — Verhärten. Überall. Und nun?

Die Schwester-Note desselben Morgens, eine Stunde früher. Bleisch suchte mit Aristoteles die Mitte zwischen Geiz und Verschwendung, Dath erklärt die Mitte zur Bremse und verteidigt das Zuviel. Bleischs Mauss beschämt den Empfänger, Daths Mauss wird über Nikolajewas Kolchose zur Großzügigkeit gegenüber allen, weil niemand weiß, was er dem anderen schuldet. Schmitt sitzt auf beiden Podien und trägt seine Frage hinüber: Ist die Großzügigkeit eine Haltung oder eine Ordnung der Produktion?

→ Kojin Karatani — Tauschformen und die Überwindung der Triade

Dath sagt, zur Gabe könne man nicht zurück, nur zu einer nächsten Stufe. Karatani nennt diese nächste Stufe Tauschform D, die Wiederkehr der Gabe auf höherer Ebene, ohne die Bindung von A. Die Großmutter in Schlacht unterwegs spricht im Grunde für D: Die Schuld ist so lang verkettet, dass sie zur Offenheit gegenüber allen wird. Karatani hält D für eine regulative Idee, die nie dauerhaft existiert; Dath will sie produzieren. Zwischen beiden liegt die Frage, ob man eine Utopie bauen oder nur auf sie zugehen kann.

→ Walther Ziegler — Marx in 60 Minuten

Ziegler erklärt Basis und Überbau und das Reich der Freiheit, Dath wendet beides auf die Konferenz an: Man müsse die Kiste der Produktion wieder öffnen dürfen, damit Begriffe wie Freiheit und Großzügigkeit gelebt werden können. Zieglers Marx ist der Theoretiker, Daths Marx der Prüfstein für reale Versuche, mit der unbequemen Ehrlichkeit, dass ein richtiger Plan total schiefgehen kann.

→ rp26 — KIs unsichtbare Arbeitskräfte

Daths „Massengrab der Arbeit“ hat hier Namen und Gesichter. Joan Kinyua in Nairobi und die Data Labelers Association zeigen, was Dath für verloren hält: Die Kette lässt sich zurückverfolgen, die Unsichtbarkeit ist gemacht. Die Note ist die Antwort auf seine Frage, wer heute sagen kann, wofür jemand gearbeitet hat, und sie macht seinen Pessimismus kleiner, ohne ihn zu widerlegen.

→ Dahlmann und Kuhle — Senkt KI die Hemmschwelle zum Krieg?

Dath fürchtet einen Krieg, in dem nicht einmal mehr jemand Befehle befolgt. Dahlmann und Kuhle sehen dasselbe aus Rüstungskontrolle und Bundestag: den entkoppelten Krieg, den man nur noch anklickt. Kuhles Kundus-Regel, nach der am Ende ein Minister zurücktreten können muss, ist die praktische Fassung von Daths Brandom-Argument. Beide Notes zusammen zeigen, dass die Verantwortungslücke eine politische Frage ist, die sich regeln lässt.

→ Ken Ono — Wenn das Wissen billig wird

Dath liebt die Mathematik und traut der KI dort am meisten, Ono erlebt sie von innen: erst am Boden zerstört, dann inspiriert. Beide landen bei Terence Taos Satz, der Beruf verändere sich. Ono legt das Gewicht auf das Staunen und die Frage, die niemand herunterladen kann, Dath auf die Arbeitsverhältnisse. Gemeinsam ergeben sie die Frage, ob die gesparte Prüfzeit ein Überschuss für die Mathematiker wird oder eine Stelle weniger.

→ Die geteilte Fülle — eine Utopie der Maschinen-Ära

Die Gedanken-Note fragt, ob die Maschinen-Ära genug für alle bringt und ob wir es teilen. Daths Antwort steht in einem Satz aus der Fragerunde: Wer das Surplus verteilt, hängt daran, wem die Maschinen gehören. Die Gegen-Note Die goldenen Türme beschreibt den Ausgang, den Dath fürchtet, Macht ohne Gegenseitigkeit. Zwischen beiden liegt sein „sind wir dafür reich genug? Ich glaube ja“.

→ Eva von Redecker — Der gekaperte Freiheitsbegriff

Redecker beschreibt, wie die Rechte die Freiheit zur Verfügungsgewalt über Eigentum umdeutet. Dath setzt mit Rosenfeld eine Stufe früher an, bei der Freiheit als Auswahl zwischen Waren. Beide wollen den Begriff zurückgewinnen. An beide geht der Einwand Isaiah Berlins: Wer die wahre Freiheit gegen die bloße Wahl ausspielt, braucht jemanden, der weiß, was die Menschen eigentlich wollen.

→ Roger de Weck — Was ist konservativ, was reaktionär?

Am selben Konferenzwochenende fragt Schmitt einen ganz anderen Gast nach der Freiheit: de Weck verteidigt den Konservatismus der kleinen Schritte, wo Dath den Überschuss feiert.

→ Was ist Großzügigkeit?

Das wachsende Panorama zur Großzügigkeit führt diese Note als Stimme unter „Beginnt Großzügigkeit, wo der Anspruch endet?“ und „Muss man sich Großzügigkeit leisten können?“.


Weiterdenken

Was Sokrates vielleicht gefragt hätte
  • Dath nennt Lenin die Abkürzung für einen ernsthaften Versuch und die Demokratie im Notfall aussetzbar. Wer hätte in seinem Modell entscheiden dürfen, dass der Notfall vorbei ist — und warum sollte es diesmal anders laufen als in Kronstadt?
  • Sein stärkstes Argument gegen die Klicksteuerung, jeder Fall ist einzigartig, ist Hayeks stärkstes Argument gegen die Planwirtschaft. Gibt es eine Ordnung, die beide Einwände übersteht, oder muss man sich entscheiden, wessen Wissen man misstraut?
  • „Du bist nur großzügig zu Leuten, die dir was gegeben haben. Das ist keine Großzügigkeit.“ Bei wem warst du zuletzt großzügig, der dir nie etwas gegeben hat — und woher weißt du, dass er dir nichts gegeben hat?
  • Der Potlatch, mit dem die Verschwendung geadelt wird, ist ein Wettbewerb darum, wer den anderen beschämt. Wie verschwendet man, ohne dass daraus eine neue Rangordnung der Großzügigsten wird? (→ Karatani)
  • Hales' Beweis wurde am Ende durch elf Jahre freiwilliger Formalisierungsarbeit geprüft. War das die Verschwendung, die Dath sich wünscht, oder der Beweis, dass es sie auch ohne eine andere Ordnung schon gibt?

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