GedankenraumGöpel, Bleisch, El-Mafaalani, Schmitt — Verhärten. Überall. Und nun?
Beginnt Großzügigkeit dort, wo die Gerechtigkeit endet, oder ist sie nur ihr freundlicherer Name? Vier Stimmen streiten über die Gabe, den Backlash und einen Kuchen, der nicht mehr wächst.
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Künstlerhand: Pieter Bruegel der Ältere — Öl auf Eichenholz, in der Art der Bauernhochzeit, erdige Ocker-, Ziegel- und Grüntöne.
Warum: Der Morgen kreist um El-Mafaalanis Bild vom Tisch, an dem immer mehr Platz nehmen, während der Kuchen nicht mitwächst. Bruegel hat den vollsten Tisch der Kunstgeschichte gemalt, mit Gästen, die sich auf die Bänke drängen, und einem Brett voller Fladen, das auf einer ausgehängten Tür hereingetragen wird. Hier ist es ein einziger kleiner Kuchen. Am linken Ende sitzt einer auf dem geschnitzten Stuhl und hält seinen Teller fest, rechts drängen weitere zur Tür herein, und vorn kniet einer mit einem Bündel: die Gabe, von der keiner weiß, ob sie ein Geschenk ist oder eine Schuld.
Prompt: Pieter Bruegel the Elder oil painting on oak panel, 1200x500 wide banner, in the manner of The Peasant Wedding. A long crowded banquet table inside a wooden barn runs across the whole picture, packed with many small figures of every kind — women in white headscarves, old men, a man on crutches, strangers in foreign dress — squeezing onto narrow benches, while more guests press in through the open barn door on the right. In the center two servants carry a wooden door used as a tray on their shoulders, and on it lies one single small round cake; dozens of hands stretch toward it from both sides of the table. At the far left end a stout man sits alone on a large carved chair, arms folded around his own plate. In the foreground a kneeling child holds out a small wrapped bundle to an old woman who hesitates to take it. Earthy palette of ochre, brick red, muted green and bone white, flat winter daylight, thin glazes with visible wood grain. Stylized Bruegel faces, no tripod, no easel, no realistic faces, no text, no date, no signature, no monogram, no photorealism.
Beginnt Großzügigkeit dort, wo die Gerechtigkeit endet, oder ist sie nur ihr freundlicherer Name? Am Morgen des dritten Konferenztags ziehen vier Gastgeber der Utopie-Konferenz Bilanz: die Philosophin Barbara Bleisch, der Soziologe Aladin El-Mafaalani, die Transformationsforscherin Maja Göpel und der Kulturkritiker Wolfgang M. Schmitt. Aus der Bilanz wird ein Streit, der sich lohnt. Ist Marx' „jedem nach seinen Bedürfnissen“ großzügig oder bloß gerecht? Führt mehr Gleichheit zu mehr Frieden oder zu mehr Konflikt? Und wer sein Anliegen in die Verfassung schreibt, muss sich fragen lassen, ob er es aushält, wenn die Gegenseite dasselbe tut.
Quelle: Maja Göpel, Barbara Bleisch, Aladin El-Mafaalani & Wolfgang M. Schmitt: Verhärten. Überall. Und nun? — Utopie-Konferenz 2026 „Großzügigkeit, eine Utopie?“, Leuphana Universität Lüneburg (26.–28.08.2026), veröffentlicht 11.09.2026
Barbara Bleisch (1973, Basel) — Schweizer Philosophin und Ethikerin, seit 2010 Gastgeberin der Sternstunde Philosophie (SRF), die sie Ende 2026 abgibt. Promoviert über Weltarmut und individuelle Verantwortung, bekannt geworden mit Warum wir unseren Eltern nichts schulden (2018), zuletzt Mitte des Lebens (2024). Bei der Utopie-Konferenz 2026 zum ersten Mal Host.
Aladin El-Mafaalani (1978, Datteln) — Migrations- und Bildungssoziologe an der TU Dortmund, trotz Hauptschulempfehlung aufs Gymnasium, später Lehrer am Berufskolleg. Bekannt für Das Integrationsparadox (2018) und Misstrauensgemeinschaften (2025). Ebenfalls erstmals Host.
Maja Göpel (1976) — Politische Ökonomin und Transformationsforscherin, bis 2020 Generalsekretärin des WBGU, Gastgeberin von NEU DENKEN. Die Erfahrene im Quartett.
Wolfgang M. Schmitt (1988, aufgewachsen bei Koblenz) — Film- und Kulturkritiker, marxistischer Ideologiekritiker, Co-Host von Die Neuen Zwanziger. Der Erste, der redet, und der Letzte, der Werbung macht.
Die Engherzigkeit steht in der Verfassung
1:31 — Schmitt eröffnet ökonomisch. Am Vorabend hatte er mit Philippa Sigl-Glöckner und Patrick Kaczmarczyk über Austerität gestritten (→ Sigl-Glöckner & Kaczmarczyk — Geld ist genug da?). Was er davon mitbringt, ist ein demokratietheoretischer Einwand. Seit den Neunzigern stehen Schuldenregeln in Verträgen und Verfassungen, mit Investitionsklauseln, Obergrenzen und dem Verbot „konsumptiver“ Ausgaben. Man braucht solche Regeln nur, wenn man dem Wähler nicht traut. Irgendjemand fürchtet, die einen oder die anderen könnten gewählt werden und „großzügige Geschenke“ verteilen, also schreibt man vorsorglich hinein, was alles nicht geht.
„… die eigentlich nicht eine Politik der Großzügigkeit in Gang setzen, sondern eigentlich eine Politik der Engherzigkeit.“
Hören — 1:31
Die Regeln wirken naturwissenschaftlich und neutral. Für Schmitt sind sie politische Entscheidungen, die den Souverän einhegen sollen, und darum verlangt er ihre Repolitisierung. Sein Schlusssatz geht im Applaus beinahe unter: 3:03 „Großzügigkeit und Demokratisierung sind miteinander zu verbinden.“
Bleisch nimmt den Ball kurz auf, mit Ezra Kleins und Derek Thompsons Abundance: Institutionen sollten weniger Schaden verhüten und mehr ermöglichen. Dann lässt sie ihn liegen. Dass Schmitts These nur halb fertig ist, zeigt sich erst eine halbe Stunde später, als er sie selbst gegen sein eigenes Lager wendet (→ Halten wir das aus, wenn die Gegenseite gewinnt?).
Die dunkle Seite der Gabe
3:48 — Bleisch bringt die Philosophie mit, und mit ihr den Schatten. Zwei Tage lang hat man Großzügigkeit als Utopie in den Raum gestellt. Was ist mit ihren dunklen Seiten? Die erste ist ein Etikettenschwindel. Oft heißt etwas großzügig, worauf der andere einen Anspruch hat.
4:34 — Ihr Beispiel ist die Entwicklungszusammenarbeit. Man klopft sich für Schuldenerlass und Hilfe auf die Schulter, während es um Fragen globaler Gerechtigkeit geht. Wer eine Schuld begleicht, kann sich schlecht als Wohltäter feiern lassen. Dahinter steht Marcel Mauss und sein Essay über die Gabe: Jede Gabe stiftet eine Verpflichtung. Wer beschenkt wird, gerät in die unbequeme Lage, zurückgeben oder sich würdig erweisen zu müssen. Bleisch nennt den Ort, an dem das heute am schärfsten beißt, die Migration, wo Menschen „beweisen müssen, dass man wirklich hier bleiben darf“.
5:19 — Die zweite Spur führt zu Aristoteles. Großzügigkeit ist bei ihm eine Tugend, also eine Mitte zwischen zwei Fehlern, zwischen dem Verschwender und dem Geizhals. Wo liegt die Mitte? Bleisch prüft es an Simone Weil, deren Großzügigkeit überschäumte, vielleicht übertrieben war; sie starb ausgezehrt mit 34. Und doch hat Weil den Satz hinterlassen, den Bleisch an diesem Morgen am schönsten findet: 6:05 Aufmerksamkeit sei „die reinste und kostbarste“ Form der Großzügigkeit; im Brief an Joë Bousquet heißt es la plus rare et la plus pure, die seltenste und reinste (→ Simone Weil).
Damit sind die zwei Pole des ganzen Gesprächs gesetzt. Großzügigkeit kann eine Tarnung sein, mit der man sich vor Ansprüchen drückt. Sie kann auch das Seltenste sein, was ein Mensch einem anderen gibt. Wer das Wort benutzt, muss sagen, welches von beiden er meint.
Scham, Recht und das Nötigste
6:50 — El-Mafaalani kommt aus zwei Gesprächen über Kinder. Im ersten hat der Sozialwissenschaftler Stephan Marks über Scham gesprochen (→ das ganze Gespräch). Scham gehört zu den langlebigsten Gefühlen, sie verfliegt nicht wie die Wut und kann ein ganzes Leben prägen (Faktencheck: vereinfacht). Marks erklärt mit kollektiv erlittener Beschämung in Kindheit und Jugend sogar einen Teil der Anziehungskraft des Nationalsozialismus. Seine Folgerung ist ein Bildungssystem, das großzügig gebaut ist: großzügig mit Räumen, mit Anerkennung, mit Zugehörigkeit. 8:21 „Egal was du machst, du gehörst immer dazu. Wir meckern darüber, wenn du dich falsch verhältst, aber das ändert nie was daran.“
Im zweiten Gespräch wollte die Juristin Henrike von Scheliha über Großzügigkeit gar nicht reden, aus juristischer Sicht gebe es nichts Schlimmeres. Kinder haben schon heute mehr Recht auf Beteiligung, als ihnen gewährt wird. Man könne es aus EU-Recht und Grundgesetz ableiten, und wenn Kinder geklagt hätten, hätten sie bisher gewonnen (Faktencheck: vereinfacht). Wer hier „großzügig“ sagt, macht einen Rechtsanspruch zur Gnade. Das ist Bleischs Etikettenschwindel, diesmal aus dem Mund einer Juristin.
9:52 — El-Mafaalani zieht daraus eine nüchterne Unterscheidung. Das Nötigste tun ist weder großzügig noch knauserig, es ist das Nötigste, und das darf effizient sein. Mehr als nötig zu tun, sei zwischen Menschen eine gute Strategie. Auf der Ebene von Rechten und Ökonomie aber wird es schwierig, denn da wird ausgehandelt:
„Wir können nicht allen gegenüber großzügig sein. Wir müssten also entscheiden, wem gegenüber wollen wir großzügig sein.“10:38
Hören — 10:38
Ohne Ziele lässt sich das nicht entscheiden. Am Ende gesteht er etwas, das man auf Podien selten hört: Er fand die Argumente für und gegen die Großzügigkeit gleichermaßen plausibel, obwohl sie sich widersprachen. Den Begriff hält er für einen guten Reibstein und für ein schwaches Werkzeug.
Das Krankenhaus und der Superman
14:26 — Schmitt hält dagegen, und zwar mit Marx. Wir leben im Überfluss: Jachten, 300 Quadratmeter für eine Person, der Pool im Garten statt des Schwimmbads für alle. Produziert wird, was auf zahlungskräftige Nachfrage trifft, und daneben sehen Menschen zu, wie sie über den Monat kommen. Dann zeichnet er ein Krankenhaus: Reinigungskräfte, Pflege, Assistenzärzte, Chefärzte, Management. 15:59 Wer davon ist unwichtig? Niemand. Fehlt die Pflege, kommen die Keime. Warum also verdienen sie pro Stunde so verschieden? Und selbst wenn jeder Oberarzt werden könnte, ein Krankenhaus aus lauter Oberärzten gibt es nicht. Die Wirtschaft lässt Menschen systematisch an Chancen scheitern, die sie in sich sehen. Schmitts Utopie ist die alte Formel: Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen. Der gesunde Mann braucht weniger Fürsorge als der Mensch mit Behinderung, „die Ungleichheit muss da sein, damit wir eine universelle Gleichheit schaffen“17:30.
El-Mafaalani widerspricht sofort. Das Problem, dass die angenehmsten Jobs auch die bestbezahlten sind, habe selbst Marx nicht lösen können. Schmitt: Doch, durch Planung, durch gesellschaftlich notwendige Arbeit, die alle verrichten. El-Mafaalani hat nichts gegen Planung, mit KI vielleicht besser zu machen als in der DDR, aber:
„Das ist Steuern, das ist kontrollieren, das ist Planung … Das ist gerade nicht großzügig.“19:48
Hören — 19:48
Dann sein schönstes Bild. Großzügig heißt etwas Außergewöhnliches, ein besonderer Charakterzug. „Wenn alle großzügig sind, ist es niemand mehr. So wie wenn alle Superman sind, ist niemand Superman.“ Der Begriff ist relational. Eine Gesellschaft, die Großzügigkeit verallgemeinert, schafft sie ab.
Schmitt lässt nicht locker. Das Notwendige sei getan, in Deutschland verhungere niemand, Karlsruhe habe dem Bürgergeld eine Untergrenze gesetzt. Der Zwang aber, seine Arbeitskraft zu verkaufen, bleibe. Großzügig wäre die Einstellung, die aufhört zu fragen, warum der Kollege mit Behinderung mehr bekommt. Damit verschiebt er die Großzügigkeit stillschweigend von der Struktur in die Gesinnung. Das ist sein stärkster Zug, und er macht ihn erst, als er in die Enge gerät.
Wo die Gerechtigkeit aufhört
21:19 — Bleisch findet Schmitts Gesellschaft sympathisch und widerspricht trotzdem: Was er beschreibe, seien lauter Gerechtigkeitsfragen, gerechte Ansprüche eben. Dann wendet sie sich El-Mafaalani zu und korrigiert seine Definition mit seinem eigenen Beispiel. Schülerinnen und Schüler brauchen womöglich mehr, als ihnen zusteht, um sich zu entfalten. Mehr ist dann notwendig. Großzügigkeit kann also nicht heißen, mehr als nötig zu tun. Sie heißt, mehr zu tun, als gefordert ist:
„Und deswegen würde ich sogar sagen, Großzügigkeit keimt da, wo wir aufhören in der Gerechtigkeitskategorie zu denken.“22:04
Im Gespräch — 22:04
22:51 — Ihre Beispiele verlassen die Verteilung ganz. Jemand entwickelt ein Medikament von großer Heilkraft und verzichtet auf das Patent und das viele Geld, das ihm zustünde. Er tut mehr, als das Recht verlangt, und darin ruht für Bleisch die Kraft der Großzügigkeit. Das zweite Feld ist die epistemische Großzügigkeit: Wo lassen wir eine Position gelten, die uns nicht passt, und wo werden wir zu freigebig, etwa gegenüber einer Verschwörungserzählung? Hier hat die Tugend wieder ihre aristotelische Mitte, und die Frage, wo sie liegt, ist im Jahr 2026 alles andere als akademisch.
Damit stehen drei Begriffe im Raum, die man auseinanderhalten sollte. Bei El-Mafaalani ist Großzügigkeit ein Überschuss über das Nötige, bei Bleisch ein Überschuss über das Geschuldete. Bei Schmitt ist sie eine Haltung, die Ungleichheit im Dienst der Gleichheit erträgt. Die drei reden nicht aneinander vorbei, sie messen an verschiedenen Linien. Der Streit ist nur deshalb so fruchtbar, weil keiner nachgibt.
Wenn Großzügigkeit erst jenseits des Geschuldeten beginnt — wer zieht dann die Linie des Geschuldeten? Und verschiebt nicht jeder Fortschritt der Gerechtigkeit die Großzügigkeit von gestern in den Rechtsanspruch von heute, sodass sie immer neu verschwinden muss?
Halten wir das aus, wenn die Gegenseite gewinnt?
24:23 — Göpel holt weiter aus. Gesellschaften verändern sich, und Lösungen von gestern werden Probleme von heute, etwa der Wohlstand für alle, solange niemand wusste, was CO₂ mit der Atmosphäre macht. Normen sind für sie „Gerinnungsformen“: Manche stehen einklagbar im Gesetz, andere leben als Umgangsformen. Als Beispiel nennt sie die 60-Prozent-Schuldenquote, die „bummelig der Durchschnitt“ der Neunziger gewesen und dann Regel geworden sei. (Pikant: Am Abend zuvor hatte Sigl-Glöckner auf derselben Bühne erzählt, dass in den Maastricht-Protokollen eine Fußnote diese Übereinstimmung ausdrücklich Zufall nennt.) Solche Gerinnungen will Göpel demokratisch verflüssigen, und das verlangt Großzügigkeit mit sich selbst: sich irritieren lassen, Annahmen aufscheuchen, Privilegien abgeben.
26:42 — Schmitt stimmt zu und spielt den Ball zurück, mit der unbequemsten Frage des Morgens:
„… halten wir das dann auch aus, wenn die Gegenseite gewinnt?“27:27
Im Gespräch — 27:27
Viele im Saal wollen die Schuldenbremse aus der Verfassung haben. Dieselben freuen sich, dass Karlsruhe den Klimaschutz zum Verfassungsauftrag gemacht hat, und wollen noch mehr davon hineinschreiben. Damit würde der Spielraum einer konservativen Regierung eingeschränkt, die weniger Klimapolitik will. Sind wir dann großzügig mit der Demokratie, oder schreiben wir alles fest, solange wir an den Hebeln sitzen? Es ist die Frage, die Schmitts eigene Eröffnung nach einer halben Stunde ehrlich macht.
28:12 — Göpel antwortet mit Risikohierarchien und Irreversibilität. Einem Gletscher ist es gleich, ob wir die nächste Generation mögen. Finanzsysteme hatten wir viele, eine intakte Atmosphäre nur eine, die stabilen zehntausend Jahre, in denen Sesshaftigkeit und Zivilisation entstanden. Was sich nicht zurückdrehen lässt, verdient Verbindlichkeit; was sozial ausgehandelt wurde, lässt sich korrigieren. Das ist ein Kriterium, das nicht davon abhängt, wer regiert, und damit die beste Antwort, die das Gespräch auf Schmitts Frage findet. Wie fest es trägt, hängt daran, wer bestimmt, was als irreversibel gilt. Göpel selbst sieht die Gefahr: Wo Verfassungsgerichte mit Interessenvertretern besetzt werden, hilft das schönste Kriterium nicht. Dann sagt die Regierung: 29:42 „Schön, danke für die Information.“
Hat nicht geklappt — Tocqueville und der Backlash
30:29 — Jetzt kippt das Gespräch ins Heutige. El-Mafaalani kündigt einen Perspektivwechsel an, „ich sage jetzt nicht meine Meinung“, und bedauert vorab, ein Mann zu sein, weil man ihm das Zitat sonst zusammenschneiden werde. Dann spricht er wie ein heutiger Mann: Wir waren fünfzig Jahre lang großzügig zu den Frauen. Jetzt sind sie in der Schule besser, der Gender Pay Gap ist bei den unter Dreißigjährigen kaum noch messbar (Faktencheck: vereinfacht), junge Männer sind verunsichert, und weltweit kommt der Backlash, genau dort, wo das passiert ist. Dann, ausdrücklich als eigene These:
„… dass mehr Gerechtigkeit in der Regel zu mehr Konflikten führt, ist etwas, was man sich klar machen muss.“31:15
Im Gespräch — 31:15
Mehr Perspektiven, mehr Interessen, mehr Teilhabe. Manche geben Privilegien freiwillig ab, sehr wenige; viele verlieren sie ungewollt. Daraus wächst Konfliktpotenzial. Dauerhafte Großzügigkeit durch diesen Prozess hindurch hält El-Mafaalani anthropologisch für unwahrscheinlich, wenn auch nicht für unmöglich.
32:47 — Bleisch erkennt darin das Tocqueville-Paradox. Wo Ungleichheit abnimmt, werden wir empfindlicher für die verbleibende. Die Frau, die bemerkt, dass sie auch ein Mensch ist, bemerkt auch die Rechte, die ihr fehlen. Tocqueville habe das als Übergangsstadium beschrieben, danach beruhige es sich (Faktencheck: vereinfacht). Zwischenruf: „Hat er vermutet?“ — „Hat nicht geklappt.“ Gelächter. Bleisch hält dagegen: An gleiche Rechte für Menschen verschiedener Hautfarbe habe man sich grosso modo gewöhnt, und beim Rumoren um queere Menschen müsse man eben aushalten und weiter an die Gerechtigkeit appellieren.
34:20 — El-Mafaalani: „Barbara, alles was du sagst, stimmte bis vor 15 Jahren.“ Seitdem gibt es Populismus in all den Ländern, in denen der Fortschritt hätte weitergehen müssen, sexistisch, rassistisch, gegen Behinderte. Bleisch hört darin den Ruf zum Rückzug, er stellt richtig: 35:05 „Irgendwann haben die Leute die Schnauze voll und darauf muss man eine Idee haben.“ Da finden die beiden den sauberen Schnitt, der dem halben Saal sonst fehlt. Er hat empirisch beschrieben, was geschieht, sie hat normativ gesagt, was gelten soll. An der Norm darf sich nichts ändern, an der Erwartung schon.
Schmitt verschiebt die Ursache. Den Backlash erklärt er mit Emanzipation bei gleichzeitig wachsender ökonomischer Ungleichheit und mit einem Druck, unter dem junge Menschen keine Kinder mehr wollen. Dazu kommt die globale Angleichung: Wenn Chinesen reisen, wird das Hotel für den deutschen Touristen teuer, und auch das ist ein Konflikt aus Gleichheit. Und manches bleibt, sogar bei den Rechten. Dass Alice Weidel eine rechte Partei führt, zeigt, wie viel die Rechte von den Fortschritten selbst mitgenommen hat. Angela Merkel, heute als progressiv erinnert, stimmte 2017 gegen die Ehe für alle, und bei der AfD, meint Schmitt, werde es bald schwer, genug Stimmen dagegen zu finden (Faktencheck: falsch).
Wenn El-Mafaalani recht hat und mehr Gerechtigkeit mehr Konflikt erzeugt — ist der Konflikt dann ein Zeichen des Scheiterns oder ein Preis des Gelingens? Und woran würde man den Unterschied zwischen einem Übergang und einem Rückschlag erkennen, solange man mitten darin steht?
Der Tisch, der Kuchen und wer davon redet
43:25 — El-Mafaalani baut eine Brücke zu seiner bekanntesten Metapher. Am Tisch sitzen immer mehr: Frauen, Migranten, Menschen mit Behinderung. Jeder will einen guten Platz und ein großes Stück vom Kuchen. Solange der Kuchen wächst, steigen die Konflikte, aber man bekommt sie in den Griff. 44:56 Hört er auf zu wachsen, fehlt die Medizin, die bisher wirkte, und „dann werden die Argumente von den bösen Mächten sozusagen überzeugender“, Privilegien zurückzuholen, weil der Tisch zu voll geworden sei.
Hier zerfällt das Quartett kurz in Lager. Göpel nennt es eine Fehldeutung, wenn Degrowth als Schrumpfen des Kuchens gilt. Die Forschung gehe von den planetaren Grenzen aus, rechne aus, wie viele Quadratmeter und Kilojoule jedem Menschen zustünden, und nehme als ethische Letztbegründung: Ich bin Erdenbürgerin. Lebensqualität könne trotzdem wachsen, durch kürzere Arbeitszeit und eine Wellbeing-Ökonomie. Schmitt teilt alle Prämissen und bleibt Gegner, solange die Wirtschaft auf Profit und Konkurrenz baut. Dort führe Schrumpfen zu genau den Verteilungskämpfen, die El-Mafaalani beschreibt.
47:59 — Bleisch holt alle zurück und widerspricht dem Bild an seiner tragenden Stelle. Der Kuchen sei groß genug, das sei auch Ulrike Herrmanns Punkt, die Siebziger waren ein gutes Leben. Der Backlash handle nur zum kleinen Teil von Brot oder, in den USA, von Benzin:
„… es geht sehr viel stärker um Geschlechtsstereotype und Privilegien von Männern gegenüber Frauen. Es geht um die Verfügbarkeit des weiblichen Körpers.“48:45
Im Gespräch — 48:45
Das ist der härteste Widerspruch des Morgens. Für El-Mafaalani ist die Kultur das Symptom und die Ökonomie die Ursache: Solange der Kuchen wuchs, ließ man die anderen an den Tisch. Für Bleisch geht es um den Platz am Tisch selbst, egal wie groß der Kuchen ist. Schmitt bietet die Verbindung, Göpel die Strukturen dahinter. Sie zeigt auf den zeitgleichen Aufstieg der Plattformen und der Autokratien (Faktencheck: vereinfacht) und auf die Finanzmarktdominanz, die Ohnmacht erzeugt. Zuletzt zitiert sie den Politikwissenschaftler Andreas Püttmann (Blätter 6/2026): Bei manchen Wütenden habe man es mit narzisstischen Strukturen zu tun, die nie zufrieden werden (Faktencheck: vereinfacht). Wer denen immer weiter gibt, der lädt nicht ein, er kapituliert42:39. Der Satz hat eine scharfe Kante: Er beschreibt eine Grenze der Großzügigkeit und läuft zugleich Gefahr, ein Drittel der Wählerschaft in die Kartei der Psychologie zu legen.
Vertrauensvorschuss in der vermessenen Gesellschaft
49:31 — Mit dem letzten Gedanken holt Bleisch nach, was noch fehlte. Für sie ist Großzügigkeit wesentlich ein Vertrauensvorschuss. Die Lehrerin traut dem Kind etwas zu, bevor es etwas bewiesen hat. Genau das ist schwierig geworden, weil wir quantifiziert leben. 51:03 Wer einen Kredit will, wird durchleuchtet. Das alte „der Meier vertrauen wir mal, die kriegt das gebacken“ ist von der Bonitätsprüfung abgelöst worden. Wo sind die Räume für den Vorschuss geblieben?
51:49 — El-Mafaalani hat drei Minuten und eine Abendvorlesung zum Thema in der Hinterhand. Er gibt die Kurzfassung seiner Misstrauensgemeinschaften (→ Aladin El-Mafaalani — Misstrauensgemeinschaften und was die AfD wirklich stoppt). Platz eins unter den Merkmalen der Misstrauischsten ist die Identitätsbedrohung. Es sind oft Männer, die ihre Vergangenheit verklären und sich als Verlierer fühlen. Fragt man sie, ob sie ökonomisch verloren haben, sagt über die Hälfte nein (Faktencheck: nicht eindeutig belegt). Bei AfD-Wählern eint dieses Gefühl mehr als jede Links-rechts-Position. Platz zwei ist Entfremdung, „meine Umgebung ist mir fremd geworden“. Erst auf Platz drei folgt das Gefühl, es gehe ungerecht zu im Land.
Damit liefert er, vielleicht ohne es zu wollen, Bleisch den Beleg gegen sein eigenes Kuchenbild. Wer nicht ökonomisch verloren hat und trotzdem misstraut, leidet am Platz am Tisch. El-Mafaalani zieht daraus einen versöhnlichen Schluss: Die Konflikte am Tisch, der gefühlte Statusverlust, das Misstrauen und die Bereitschaft zur Großzügigkeit hängen „unmittelbar“ zusammen. Wer misstraut, gibt nichts vor.
Göpel hat das letzte große Wort, und es gilt ihrer eigenen Zunft. Dass die Ökonomie das Dilemma aus Wachstumsabhängigkeit und planetaren Grenzen nicht mit aller Kraft bearbeite, sei keine unproduktive Großzügigkeit mehr, sondern „grobe Fahrlässigkeit“54:53. El-Mafaalani fragt zurück, ob sie außer der Entkopplung von Wachstum und CO₂ irgendeine Lösung kenne, die nach mehr klinge als nach Hoffnung. Göpels Antwort ist ein Arbeitsprogramm: Das Bruttoinlandsprodukt sei eine abhängige Variable und kein politisches Ziel. Man solle es in ein Dashboard der Ergebnisse auflösen, unter dem dieselbe Wirtschaftsleistung eine ganz andere Wirtschaft tragen könne. Schmitt nutzt die letzte Minute für Werbung: Gleich spreche er mit Dietmar Dath, „der ist richtiger Marxist“. Strukturell, sagt jemand zum Schluss, habe man sich ein bisschen ins Dilemma gehauen. Dann gehen alle in die Workshops.
Bleisch nennt Großzügigkeit einen Vertrauensvorschuss, El-Mafaalani zeigt, dass die Misstrauischsten gerade die sind, denen man ihn am dringendsten geben müsste. Kann man jemandem großzügig begegnen, der die Gabe als Demütigung erlebt — und wäre das dann Mauss' dunkle Seite oder Weils Aufmerksamkeit?
Nachbesprechung
Zwei Streitfragen des Morgens blieben offen. Was man darüber hinaus weiß, und wo die anderen Stimmen der Gedankenwelten stehen.
Führt mehr Gleichheit zu mehr Konflikt?
Bleisch beruft sich auf Tocqueville, und El-Mafaalanis Zwischenruf „Hat nicht geklappt“ erntet Gelächter. Liest man nach, hat Tocqueville den Lacher auf seiner Seite. Im zweiten Band der Demokratie in Amerika (1840, Teil 2, Kap. 13) fragt er, warum die Amerikaner mitten im Wohlstand so unruhig sind. Wo Ungleichheit das allgemeine Gesetz ist, fallen die größten Ungleichheiten nicht ins Auge; wo fast alles eingeebnet ist, verletzen schon die kleinsten. Darum werde das Verlangen nach Gleichheit immer unersättlicher, je größer die Gleichheit ist, und die Menschen würden „niemals eine Gleichheit begründen, die ihnen genügt“ (Wikisource, frz. Original). Tocqueville beschreibt einen Dauerzustand. Ein Übergangsstadium kennt Tocqueville an anderer Stelle (Teil 2, Kap. 3): Die früher Privilegierten könnten ihre alte Größe nicht gleich vergessen und fühlten sich lange als Fremde in der neuen Gesellschaft. Bleisch hat zwei Gedanken zusammengezogen. Vorübergehend ist der Groll der Entthronten, bleibend die geschärfte Empfindlichkeit, und El-Mafaalanis Backlash steht fast wörtlich im ersten.
Empirisch gibt die Forschung beiden etwas. Für El-Mafaalani spricht das Integrationsparadox: Gerade besser gebildete und besser integrierte Eingewanderte nehmen mehr Diskriminierung wahr, in den Niederlanden wie bei Neuzugewanderten in Deutschland (de Vroome, Martinović & Verkuyten 2014, doi:10.1037/a0034946; Steinmann 2018, doi:10.1080/1369183X.2018.1480359). Für seinen Kuchen spricht das Nullsummendenken: Wer in einer Familie ohne Aufstieg groß wurde, erlebt den Gewinn des anderen eher als eigenen Verlust (Chinoy, Nunn, Sequeira & Stantcheva 2026, doi:10.1257/aer.20240692, große Einzelstudie). Für Bleisch spricht, dass junge Männer in 27 EU-Ländern Frauenrechte am häufigsten als Bedrohung sehen, also gerade nicht die Alten. Das gilt aber besonders dort, wo die regionale Arbeitslosigkeit steigt (Off, Charron & Alexander 2022, doi:10.3389/fpos.2022.909811). Platz am Tisch und Kuchen hängen in diesem Befund zusammen.
Den Tocqueville-Effekt zeigen die Daten sogar direkt. Die politische Kluft zwischen jungen Frauen und Männern ist über 32 Länder meist klein bis mäßig, aber dort größer, wo die Gleichstellung weiter ist (Nennstiel & Hudde 2025, doi:10.1093/esr/jcaf021). Bei der Europawahl 2024 wählten junge Männer zu gut 21 Prozent rechtsextrem, junge Frauen zu etwa 14 (Milosav et al. 2025, doi:10.1080/13501763.2025.2481181). Am tragfähigsten verbindet Inglehart und Norris' Formel die beiden Positionen: Der kulturelle Backlash erklärt, wer autoritär-populistisch wählt, die schwindende ökonomische Sicherheit, warum jetzt (Inglehart & Norris 2017, doi:10.1017/S1537592717000111). Ihre Generationenthese hat allerdings Risse: Jüngere Kohorten wählen eher mehr autoritär-populistisch als ältere (Schäfer 2021, doi:10.1017/S0007123421000363). Der Backlash ist kein Aufbäumen der Alten, die aussterben. Das macht die Hoffnung auf den Übergang noch dünner.
→ Weiter im Panorama: Ist der Backlash der Preis des Fortschritts?, mit Crenshaw, die den Rückbau als Schatten jedes Fortschritts beschreibt, Mishra, Bude, Mau, Redecker und Ibrahim.
Was gehört in die Verfassung, was in die Mehrheit?
Schmitts Gegenfrage hat eine Vorgeschichte, die im Saal niemand erwähnt. Die Reform vom März 2025 nahm Verteidigungsausgaben über einem Prozent des BIP von der Schuldenbremse aus und schuf in Art. 143h GG ein Sondervermögen von 500 Milliarden Euro, gebunden an Investitionen in die Infrastruktur und an die Klimaneutralität bis 2045 (Art. 143h GG). Beschlossen hat das der alte Bundestag, nach der Wahl. Im neuen hätten AfD und Linke zusammen mehr als ein Drittel der Sitze gehabt. Das Klimaziel steht also schon in der Verfassung, festgeschrieben in den letzten Tagen einer Mehrheit, die es bald nicht mehr gab. Ob Schmitt das großzügig mit der Demokratie fände, ist eine ehrliche Frage.
Den härtesten Fall seiner These liefert Ungarn. Mit 52,7 Prozent der Listenstimmen gewann Fidesz 2010 zwei Drittel der Sitze und schrieb 2011 ein neues Grundgesetz, samt einer eigenen Schuldenbremse von 50 Prozent des BIP, einem Haushaltsrat mit Vetorecht und einem Verfassungsgericht, das Haushaltsgesetze kaum prüfen darf (Ungarisches Grundgesetz, Art. 36–37, Constitute Project). Eine Fiskalregel als Fessel für die nächste Regierung, genau das Szenario aus dem Saal (→ Gelegs). Die Schweiz zeigt das Gegenbild: Dort nahm der Souverän selbst 2001 die Schuldenbremse mit 84,7 Prozent an (Swissvotes).
Die Demokratietheorie hat beide Seiten längst ausgeschrieben. Stephen Holmes sah in der Verfassungsbindung eine Voraussetzung der Demokratie, die sich selbst die Bedingungen schafft, unter denen sie entscheiden kann (Holmes 1988, doi:10.1017/CBO9781139173629.008). Jon Elster, der die Odysseus-Metapher populär gemacht hatte, nahm sie in Ulysses Unbound (2000) zurück: In der Politik binden Akteure selten sich selbst, meistens binden sie andere. Das ist Schmitts Einwand in einem Satz. Bei den Fiskalregeln selbst zeigt eine Meta-Regression über 30 Studien, dass sie Defizite begrenzen, der Effekt aber schrumpft, je sauberer die Kausalität geprüft wird (Heinemann, Moessinger & Yeter 2018, doi:10.1016/j.ejpoleco.2017.03.008). Starre Regeln gehen bei Sparrunden zulasten der öffentlichen Investitionen, flexible nicht (Ardanaz et al. 2021, doi:10.1016/j.jimonfin.2020.102319).
Göpels Kriterium der Irreversibilität hat damit ein Gegenüber, das genauer prüft. Der Klimabeschluss von 2021 schreibt kein Instrument vor, er verlangt einen fairen Pfad der Minderung und lässt dem Gesetzgeber Spielraum (BVerfG, 1 BvR 2656/18). Art. 20a GG selbst kam 1994 unter Helmut Kohl ins Grundgesetz, mit breitem Konsens. Ein zweites Kriterium neben der Irreversibilität könnte also lauten, wie breit eine Regel getragen war, als sie entstand. Ein drittes: ob sie die Bedingungen künftiger Mehrheiten schützt, also Wahl, Gericht und Stimme der Ungehörten, statt ein Ergebnis festzuschreiben. Das ist John Hart Elys Antwort von 1980, und die künftigen Generationen sind die Ungehörten schlechthin. Die Gefahr, die Göpel am Ende nennt, hat Deutschland übrigens im Dezember 2024 ernst genommen: Amtszeit, Richterzahl und Wahlverfahren des Bundesverfassungsgerichts stehen seither im Grundgesetz, damit eine einfache Mehrheit das Gericht nicht umbauen kann (LTO). Wer die 60 Prozent gern verflüssigen möchte, findet sie übrigens im Unionsmodell der Schuldenbremsen-Kommission von 2026 wieder, als Schwelle für eine „atmende“ Regel. Die Geschichte der Fußnote erzählt die Schwester-Note.
→ Weiter im Panorama: Wie schützen Institutionen die Demokratie vor Willkür?, mit Crouch, Münkler, Gelegs und Manow. Neu hinzugekommen sind Schmitt, Göpel, Mattei, Keller und El-Mafaalanis Zukunftsrat.
Faktencheck
Schmitt, 37:22–38:08: Die Ehe für alle sei kein Kampffeld rechter Parteien mehr, bei der AfD werde es „fast schwierig“, genug Stimmen dagegen zu finden. Der Merkel-Teil stimmt: Am 30.06.2017 stimmte sie mit Nein (393 Ja, 226 Nein, 4 Enthaltungen). Der AfD-Teil stimmt nicht. Die Fraktion beantragte 2018 die Aufhebung des Gesetzes (Drs. 19/4810); im Januar 2025 nannte ihr Parlamentarischer Geschäftsführer Stephan Brandner das die Beschlusslage in beiden Wahlperioden und die Ehe für alle grundgesetzwidrig, der Parteitag definierte Familie als Vater, Mutter und Kind. Auch Alice Weidel will Lebenspartnerschaften gleichstellen, das „Institut der Ehe“ aber unberührt lassen. Die Zuspitzung nützt Schmitts Argument: Hält der kulturelle Fortschritt sogar bei der Rechten, muss der Backlash ökonomische Gründe haben. Quelle: ZDFheute: Will die AfD die Ehe für alle abschaffen? · Bundestag, Drs. 19/4810 · LSVD⁺ zu Weidel in der ARD-Wahlarena · bpb: Stationen der Ehe für alle
El-Mafaalani gibt Henrike von Scheliha wieder, 9:06. Der Klimabeschluss vom 24.03.2021 mit jungen Beschwerdeführenden war teilweise erfolgreich. Es gibt aber deutliche Gegenbeispiele: Am 19.11.2021 wies der Erste Senat die Beschwerden von Schülerinnen und Schülern gegen die Schulschließungen der Bundesnotbremse zurück, obwohl er dabei erstmals ein Recht auf schulische Bildung anerkannte; am 18.01.2022 nahm eine Kammer elf Beschwerden junger Menschen gegen Landesklimaschutzgesetze gar nicht erst an. Der Kern hält — Beteiligungsrechte von Kindern lassen sich aus Grundgesetz und EU-Recht begründen —, die Bilanz „immer gewonnen“ nicht. Ob von Scheliha es so absolut gesagt hat, lässt die Wiedergabe offen. Quelle: BVerfG, Schulschließungen (19.11.2021) · BVerfG, Landesklimaschutzgesetze (2022) · BVerfG, Klimabeschluss
El-Mafaalani, 51:49–53:21: Platz 1 Identitätsbedrohung, Platz 2 Entfremdung, Platz 3 Ungerechtigkeit; „über die Hälfte“ sage, sie habe ökonomisch nicht verloren. Weder Rangliste noch Hälfte-Wert lassen sich einer benannten Studie zuordnen; auch zu Misstrauensgemeinschaften (2025) wird angemerkt, dass er sich auf „neuere Forschung aus Deutschland“ beruft, ohne sie zu nennen. Die Richtung stützt die Forschung: In einer für die deutsche Erwerbsbevölkerung repräsentativen Stichprobe sagen alle vier Indikatoren bedrohter sozialer Identität populistische Einstellungen voraus, noch vor Modernisierungsverlust und Kulturangst (Babst, Groß & Lang 2024, doi:10.1177/10659129241246213, Primärstudie; gemessen wurde Populismus, nicht Misstrauen). Dass AfD-Anhänger überwiegend keine ökonomischen Modernisierungsverlierer sind, zeigte schon Lengfeld 2017, doi:10.1007/s11577-017-0446-1. Die nummerierte Rangliste ist seine Zuspitzung. Quelle: Mimikama zu den Misstrauensgemeinschaften · Forschung siehe DOIs
Bleisch, 33:34. Die Stelle zum Paradox (Demokratie in Amerika II, 2, 13) beschreibt einen Dauerzustand: Das Verlangen nach Gleichheit werde „toujours plus insatiable“, daher die „mélancolie singulière“ der Demokratien. Beruhigung sagt Tocqueville für die Umwälzungen vorher (II, 3, 21: große Revolutionen werden selten, unruhig sei nur das „âge intermédiaire“) und für den Groll der Entthronten (II, 2, 3). Bleisch hat zwei Thesen zusammengezogen; El-Mafaalanis „hat nicht geklappt“ liegt näher am Text. Ausführlich in der Nachbesprechung. Quelle: Wikisource: DA II, 2, 13 · Wikisource: DA II, 3, 21
Göpel, 41:53–42:39. Püttmann hat das „neulich“ tatsächlich geschrieben, in den Blättern 6/2026 („Rechtspopulismus: Eine Bewegung von Narzissten“). Auch Göpels Umfragebefund hält: In der Mitte-Studie 2022/23 lehnen etwa drei Viertel die Aussage „Menschen wie mir steht mehr zu als anderen“ ab, nur jede zehnte Person stimmt zu, AfD-Anhänger am häufigsten. In einem deutschen Panel führt narzisstische Rivalität über reaktionäre Einstellungen zur AfD-Wahl, aber nur bei hoher Wut (Mayer & Nguyen 2021, doi:10.17645/pag.v9i3.4000, Primärstudie). Zugespitzt hat Göpel: Püttmann argumentiert kulturdiagnostisch, mit Laschs Zeitalter des Narzissmus; von „unfassbar narzisstischen Persönlichkeitsstrukturen“ der Wütenden spricht er nicht. Das Anspruchsdenken betrifft eine Minderheit, und vom Gruppentrend zur Persönlichkeitsdiagnose ist es ein weiter Sprung — einer, der Göpels Schluss trägt, weiteres Entgegenkommen sei Kapitulation. Quelle: Püttmann, Blätter 6/2026 · Zick/Küpper/Mokros: Die distanzierte Mitte (2023), S. 324
Göpel, 40:23: Plattformen und Autokratien seien zeitgleich aufgestiegen, eingesetzt von einer „bewussten politischen Agenda“. Die Autokratisierungswelle läuft laut V-Dem seit rund 25 Jahren (2024: 45 Länder in Autokratisierung, vor 20 Jahren 12) und begann vor dem Massendurchbruch der Plattformen um 2010, überlappt aber stark mit ihm. Ein systematischer Review von 496 Studien findet in etablierten Demokratien digitale Medien verbunden mit sinkendem Vertrauen, mehr Populismus und Polarisierung, in Autokratien und jungen Demokratien eher mit mehr Beteiligung (Lorenz-Spreen et al. 2023, doi:10.1038/s41562-022-01460-1, Review). Plattformen sind ein belegter Faktor unter mehreren; für eine gemeinsame „bewusste Agenda“ nennt Göpel keinen Beleg. Quelle: V-Dem Democracy Report 2025 · DOI oben
El-Mafaalani, 34:20. Die Polarisierung der Geschlechter ist in Deutschland belegt: Bei der Bundestagswahl 2025 wählten 35 % der 18- bis 24-jährigen Frauen Die Linke, bei den gleichaltrigen Männern wurde die AfD stärkste Kraft — und die jungen Frauen rücken mindestens so stark nach links wie die jungen Männer nach rechts. Die Zeitangabe ist zu kurz: Die Autokratisierungswelle reicht nach V-Dem etwa 25 Jahre zurück. Dass der Backlash dort auftritt, wo Gleichstellung vorankam, stützen einzelne Studien (→ Nachbesprechung, Nennstiel & Hudde 2025); ob die kulturelle oder die ökonomische Erklärung trägt, bleibt umstritten. Quelle: FES: Die Polarisierung der Geschlechter · V-Dem Democracy Report 2025
El-Mafaalani, 30:29, ausdrücklich in der Rolle „heutiger Männer“. Für Berufseinsteiger stimmt es weitgehend: Unter 25 Jahren liegt die unbereinigte Lücke bei 1–2 % (Destatis 2025: 1 %; Hamburg 2024: 1 %). Bei den 25- bis 29-Jährigen sind es je nach Messung 4–7 % (Destatis 2025: 4 %; Bayern 2023 und DIW/SOEP: rund 7 %), danach steigt sie steil an. Bestätigt ist der Schulvorsprung der Mädchen: 55 % derer, die die allgemeine Hochschulreife erwerben, sind Frauen, beim Ersten Schulabschluss stellen Männer 59 %. Quelle: Destatis: Gender Pay Gap 2025 · Statistikamt Nord 2024 · DIW Wochenbericht 10/2025 · Destatis: Gender Education Gap
El-Mafaalani gibt Stephan Marks wieder, 7:36. Als einzelne Gefühlsepisode gehört Scham nach Messung zu den kürzesten: Von 27 Emotionen dauerte Traurigkeit rund 120 Stunden, Scham und Ekel waren nach etwa 30 Minuten vorbei (Verduyn & Lavrijsen 2015, doi:10.1007/s11031-014-9445-y, Primärstudie, Selbstauskunft). Marks meint offenbar verinnerlichte Beschämung, die als Neigung ein Leben lang fortwirkt — plausibel, aber ein anderes Konstrukt. Seine NS-These beruht auf 43 Zeitzeugen-Interviews (Warum folgten sie Hitler?, 2007) und ist eine qualitative Deutung. Quelle: Perlentaucher zu Marks · DOI oben
Schmitt, 20:34 und 27:27. 2010 leitete das Bundesverfassungsgericht ein Grundrecht auf ein menschenwürdiges Existenzminimum aus Art. 1 Abs. 1 i. V. m. Art. 20 Abs. 1 GG ab und überließ die Höhe dem Gesetzgeber; 2014 hielt es die Regelsätze für noch verfassungsgemäß, 2019 erklärte es Sanktionen über 30 % für verfassungswidrig. Eine Untergrenze im Prinzip gibt es, eine Zahl nicht. Der Klimabeschluss vom 24.03.2021 machte Klimaschutz über Art. 20a GG und die intertemporale Freiheitssicherung zur Verfassungspflicht. Quelle: BVerfG 2010 · BVerfG 2014 · BVerfG 2019 · BVerfG Klimabeschluss
Göpel, 46:27–47:13. Ein menschenwürdiges Leben für die ganze Weltbevölkerung wäre 2050 mit einem Endenergieverbrauch auf dem Niveau der 1960er möglich, mit massivem Technologieausbau und Suffizienz (Millward-Hopkins et al. 2020, doi:10.1016/j.gloenvcha.2020.102168); kein Land deckt heute die Grundbedürfnisse seiner Bevölkerung innerhalb global tragfähiger Grenzen (O'Neill et al. 2018, doi:10.1038/s41893-018-0021-4). Göpels Unterscheidung zwischen „Suffizienz rechnen“ und „Kuchen schrumpfen“ hält; die Decent-Living-Forschung steht Degrowth nahe, ist aber nicht dasselbe. Auch Schmitts Herrmann-Bild stimmt: Sie rechnet im schlimmsten Fall mit dem Wohlstandsniveau von 1978 und nennt die britische Kriegswirtschaft ab 1939 als Vorbild. Quelle: NZZ über Herrmann · Forschung siehe DOIs
Bleisch, 5:19–6:05. Weil schrieb am 13.04.1942 an Joë Bousquet: „L'attention est la forme la plus rare et la plus pure de la générosité“ — die seltenste und reinste, wo Bleisch „kostbarste“ sagt. Weil starb am 24.08.1943 in Ashford mit 34 Jahren, entkräftet von Tuberkulose und Unterernährung. Bei Aristoteles ist die Freigebigkeit die Mitte zwischen Verschwendung und Knauserei (EN II.7, IV.1), und er stützt Bleischs Kernthese fast wörtlich: Wer nicht nimmt, werde eher für Gerechtigkeit gelobt als für Freigebigkeit, denn diese zeige sich im Geben (EN IV.1, 1120a). Quelle: Weil an Bousquet (13.04.1942) · Simone Weil (Wikipedia) · Aristoteles, EN II · EN IV
Weiterführende Quellen
Aus der Video-Beschreibung:
- Utopie-Konferenz der Leuphana Universität Lüneburg — Programm, Gäste und Mitschnitte der Konferenz 2026 „Großzügigkeit, eine Utopie?“ (26.–28.08.2026, über 1.500 Teilnehmende, mehr als 80 Gäste)
Im Gespräch erwähnt:
- Ezra Klein & Derek Thompson: Abundance (2025) — Institutionen als Ermöglicher statt als Verhinderer (Bleisch)
- Marcel Mauss: Die Gabe (1925) — die Gabe als Verpflichtung zur Gegengabe (Bleisch)
- Aristoteles: Nikomachische Ethik, Buch IV — die Freigebigkeit als Mitte zwischen Verschwendung und Geiz (Bleisch)
- Simone Weil — Aufmerksamkeit als reinste Form der Großzügigkeit (Bleisch)
- Stephan Marks: Scham — die tabuisierte Emotion (2007) und Warum folgten sie Hitler? (2007) — Scham in Kindheit und Jugend (El-Mafaalani)
- Karl Marx: Kritik des Gothaer Programms (1875) — „Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen“ (Schmitt)
- Alexis de Tocqueville: Der alte Staat und die Revolution (1856) und Über die Demokratie in Amerika (1835/40) — das Tocqueville-Paradox (Bleisch)
- John Rawls: Eine Theorie der Gerechtigkeit (1971) — der Schleier des Nichtwissens (Göpel)
- Ulrike Herrmann: Das Ende des Kapitalismus (2022) (Schmitt, Bleisch)
- Branko Milanović — globale Ungleichheit und das Schrumpfen auf globaler Ebene (Schmitt)
- Aladin El-Mafaalani: Misstrauensgemeinschaften (2025) und Das Integrationsparadox (2018)
- Andreas Püttmann: Rechtspopulismus. Eine Bewegung von Narzissten (Blätter 6/2026) — die Quelle, auf die sich Göpel beruft (→ auch Andreas Püttmann — Werte NEU DENKEN)
- Henrike von Scheliha (Bucerius Law School) — Kinderrechte, Zukunftsräte und Generationengerechtigkeit (El-Mafaalani)
Aus dem Faktencheck (Sherlock):
- Lorenz-Spreen et al. 2023: Digital media and democracy — systematischer Review, 496 Studien
- V-Dem Democracy Report 2025: 25 Years of Autocratization
- Babst, Groß & Lang 2024: Identity Threats — die nächstliegende Forschung zu El-Mafaalanis Identitätsbedrohung
- Mayer & Nguyen 2021: Angry Reactionary Narcissists? — Narzissmus, Wut und AfD-Wahl im GESIS-Panel
- FES: Die Polarisierung der Geschlechter — Wahlverhalten der 18- bis 24-Jährigen 2025
- Millward-Hopkins et al. 2020: Decent living with minimum energy · O'Neill et al. 2018: A good life for all within planetary boundaries
- UN-Generalversammlung, Resolution 76/300 (2022) — Menschenrecht auf eine saubere, gesunde und nachhaltige Umwelt (161:0:8, nicht bindend), auf das Göpel bei ▶ 12:55 anspielt
Verbindungen
→ Kojin Karatani — Tauschformen und die Überwindung der Triade
Bleischs Mauss ist Karatanis Tauschform A: die Gabe, die bindet, verpflichtet und darum auch beschämen kann. Schmitts „jedem nach seinen Bedürfnissen“ wäre bei Karatani Tauschform D, die Wiederkehr der Gabe auf höherer Stufe, frei und ohne Schuld. El-Mafaalanis Superman-Satz trifft genau diese Stelle, denn eine verallgemeinerte Großzügigkeit hebt sich auf. Karatani antwortet, D existiere ohnehin nie dauerhaft und wirke als regulative Idee. Vielleicht ist das die einzige Form, in der Schmitts Utopie den Einwand übersteht.
→ Fabian Bernhardt — Ist die Rache der Ursprung der Moral?
Bernhardt führt die Gerechtigkeit auf den Ausgleich zurück, auf die Rechnung, die eine Kränkung offen lässt. Sein Vergeben ist der Verzicht auf diesen Ausgleich, eine Gabe, die man nicht einfordern kann. Genau dort keimt Bleischs Großzügigkeit, „wo wir aufhören in der Gerechtigkeitskategorie zu denken“. Im thymotischen Pol stehen bei ihm Kränkung und megalopsychia, die Hochherzigkeit, nebeneinander. Göpels Püttmann-Satz über die Wut, die nie zufrieden wird, zeigt, was geschieht, wenn die Politik nur die eine Hälfte davon bewirtschaftet.
→ Judith Mangelsdorf — Flourishing und Mattering
Mangelsdorf fragt, ob Bedeutsamkeit ein Anspruch ist, den man an andere richten kann, oder eine Gabe. Das ist Bleischs Frage nach dem Etikettenschwindel, auf die Psyche gewendet. Die Mutter, die beim Zettel „Hier wohnt die Traurigkeit“ ins Zimmer geht, ist Weils Aufmerksamkeit im Alltag. Mangelsdorfs vierte Ebene, das Nicht-Vorkommen im politischen System, liest sich wie die Vorgeschichte zu El-Mafaalanis Identitätsbedrohung: Wer ökonomisch nicht verloren hat und trotzdem misstraut, vermisst, gesehen zu werden.
→ Vertrauen und das aufgelöste Opfer
Bleisch nennt Großzügigkeit einen Vertrauensvorschuss und fragt, wo in der vermessenen Gesellschaft noch Raum für ihn bleibt. Der Gedanke antwortet aus dem kleinen Radius. Ein Vorschuss, der auf keine Rückzahlung wartet, entgeht Mauss' Falle, weil er den Empfänger zu nichts verpflichtet. Und er kennt die Grenze, die Göpel mit Püttmann zieht: Zum Vorschuss gehört das Nein. So rückt die aristotelische Mitte ins Alltägliche.
→ Clara Mattei — Geschichte der Austeritätspolitik
Schmitts Eröffnung ist Matteis These im Kleinformat. Regeln, die neutral wirken, damit der Wähler keine „großzügigen Geschenke“ beschließen kann, sind bei ihr der liberale Weg zur Austerität, Technokratie statt Gewalt. Die Lüneburger Runde stellt ihr die Frage, die sie selbst nicht stellt: Wer die Fiskalfessel als Klassenprojekt entlarvt, muss sagen, ob er die eigene Bindung, den Klimaschutz in der Verfassung, demselben Verdacht aussetzt.
→ Ulrike Herrmann — Technisch möglich, ökonomisch unbezahlbar
Bleisch beruft sich auf Herrmann, wenn sie sagt, der Kuchen sei groß genug. Herrmanns britische Kriegswirtschaft liefert zu El-Mafaalanis Bild den Gegenfall: Ein schrumpfender Kuchen wurde hingenommen, weil Arm und Reich dasselbe bekamen. Ihre Schwelle von achtzig bis neunzig Prozent Zustimmung antwortet auf Schmitts „Halten wir das aus?“: Was bindet, muss so breit getragen sein, dass kein Lager es als Beute verbuchen kann. Dass diese Mehrheit nicht in Sicht ist, sagt sie selbst.
→ Steffen Mau — Triggerpunkte
Maus vier Arenen sortieren den Streit am Tisch. Oben/Unten ist El-Mafaalanis Kuchen, Wir/Sie Bleischs Platz am Tisch, Heute/Morgen Göpels Gletscher. Die Oben/Unten-Arena nennt Mau „gesättigt“, sie mobilisiert kaum, und das spricht für Bleisch: Die Leidenschaft entzündet sich an Anerkennung und Privilegierung. Sein Gleichbehandlungs-Trigger erklärt, warum El-Mafaalanis Gedankenspiel von den „fünfzig Jahren Großzügigkeit gegenüber Frauen“ so scharf wirkt. Wer Rechte als Gefälligkeit rahmt, lässt sie wie Vordrängeln aussehen.
→ Andreas Reckwitz — Fortschritt NEU DENKEN
Reckwitz liefert den Mechanismus hinter El-Mafaalanis Kuchen, der nicht mehr wächst: Eine Gesellschaft, die Verbesserung verspricht, erlebt Verlust als Skandal und sucht einen Schuldigen. Göpel saß auch dort und stellte dieselbe Bedingung wie in Lüneburg. Ohne Fairness ist kein Verlust zumutbar, und wer sich oben freikauft, macht aus dem Loslassen einen Verteilungskampf. Tocquevilles Entthronte, die sich lange als Fremde in der neuen Gesellschaft fühlen (→ Nachbesprechung), sind Reckwitz' Verlust ohne Sprache, knapp zweihundert Jahre früher.
→ Susanne Boshammer — Was heißt verzeihen?
Am Abend derselben Konferenz prüft Bleisch ihre These am schwersten Fall: Großzügigkeit als Verzicht auf einen berechtigten Anspruch des Opfers, den Anspruch auf das schlechte Gewissen des Täters.
→ Simone Weil — Aufmerksamkeit, die seltenste Großzügigkeit
Was Bleisch hier nur zitiert, führt sie am selben Tag mit Mae Bengert aus: Aufmerksamkeit als die eine Gabe, auf die es keinen Anspruch gibt — der helle Pol zu Mauss’ dunkler Seite der Gabe.
→ Dietmar Dath und Wolfgang M. Schmitt — Verschwendung als Möglichkeit?
Schmitt sitzt auch dort auf dem Podium: Dath verteidigt gegen Bleischs aristotelische Mitte das Zuviel und wendet Mauss’ Gabe über einen Sowjetroman in eine Großzügigkeit gegenüber allen, nicht nur gegenüber Gebern.
→ Roberto Simanowski — Sprachmaschinen
Auf derselben Konferenz bekommt die Großzügigkeit eine epistemische Gestalt: anderen zuzugestehen, dass in ihrer Sicht Wahrheit stecken könnte — und eine Maschine zu verlangen, die widerspricht statt schmeichelt.
→ Mithu Sanyal und Şeyda Kurt — Entgegenkommen, wenn es feindlich wird?
Am Nachmittag stellt El-Mafaalani Schmitts Frage „Halten wir das aus, wenn die Gegenseite gewinnt?“ an Sondervermögen und Geheimdienste.
→ Roger de Weck — Was ist konservativ, was reaktionär?
Schmitt als Gastgeber des Konservatismus-Abends: De Wecks Großzügigkeit heißt Humor und Unbekümmertheit, sein Konservatismus das Verfahren der kleinen Schritte.
→ Carsten Brosda — Nächste Demokratie?
Schwester-Note derselben Konferenz: Großzügigkeit als Herrschertugend der guten Regierung (Lorenzetti in Siena) und als Zurückhaltung beim Ausnutzen eines Rechtsanspruchs.
→ Raúl Krauthausen — Teilgabe statt Teilhabe
Am Nachmittag dreht Krauthausen Bleischs dunkle Seite der Gabe um und fragt nach einer Gesellschaft, in der Behinderte selbst großzügig sein können: Teilgabe statt Teilhabe.
→ Harald Welzer und Barbara Bleisch — Großzügigkeit und Gegenwärtigkeit
Am Nachmittag legt Bleisch ihre Morgenthese Welzer vor; er verweigert die Begriffsfrage und gesteht, den Rollback nicht erwartet zu haben.
→ Was ist Großzügigkeit?
Das wachsende Panorama zur Großzügigkeit führt diese Note als Stimme unter „Beginnt Großzügigkeit, wo der Anspruch endet?“ und „Kann eine Gesellschaft großzügig sein?“.
Weiterdenken
- Bleisch sagt, Großzügigkeit keime erst, wo die Gerechtigkeit aufhört. Schmitt will sie zur Grundlage einer gerechten Ordnung machen. Wenn beide recht hätten — wäre eine vollkommen gerechte Gesellschaft dann die, in der Großzügigkeit überflüssig geworden ist?
- El-Mafaalanis Superman-Satz — „wenn alle großzügig sind, ist es niemand mehr“ — klingt zwingend. Gilt er auch für Freundlichkeit, Mut oder Ehrlichkeit, und wenn nicht: was unterscheidet die Großzügigkeit von ihnen?
- Göpels Kriterium der Irreversibilität soll entscheiden, was in die Verfassung gehört. Was tun wir, wenn eine Regierung mit derselben Begründung etwas festschreibt, das wir für falsch halten — etwa „unumkehrbare“ Identität oder Grenzen?
- Wenn der Backlash vor allem symbolisch ist, wie Bleisch meint, hilft kein größerer Kuchen. Wenn er ökonomisch ist, wie El-Mafaalani meint, hilft keine Aufklärung. Welche Beobachtung würde dich davon überzeugen, dass du auf der falschen Seite dieses Streits stehst?
- Simone Weil hielt Aufmerksamkeit für die seltenste und reinste Form der Großzügigkeit. Wem hast du zuletzt deine ungeteilte Aufmerksamkeit geschenkt, ohne etwas zurückzuerwarten — und hat sich das großzügig angefühlt oder selbstverständlich?
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