GedankenraumErnst Tugendhat — DenkerVita
Vom Heidegger-Hörer zum Sprachanalytiker, vom Ethiker zum Mystiker ohne Gott: Ernst Tugendhat fragte, wie man ohne Metaphysik ernsthaft leben und sterben kann.
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Joaquín Torres-García / Universalismo constructivo — ein handgezogenes Raster aus Ocker, Ziegelrot und Schieferblau, in jedem Feld ein Piktogramm. Torres-García verband die europäische Moderne mit Lateinamerika, genau die beiden Hälften von Tugendhats Leben. Die Felder erzählen es: das Haus mit der Glaswand (die Villa in Brünn), das Schiff ins Exil, das Buch, die Anden, die Uhr, der Mensch — ein Leben als Raster, nicht als Linie.
Prompt: A wide banner painting in the style of Joaquín Torres-García's constructive universalism, oil on board, a hand-drawn irregular grid of compartments in earthy ochre, brick red, slate blue and cream, each compartment holding a simple pictogram outlined in black: a flat-roofed modernist house with a large glass wall, a steamship on waves, an open book, a mountain range, a sun, a clock, a small standing human figure, a tree, a ladder, a star. Matte surface, visible brushwork, slightly uneven lines. No legible text, no signature, no photorealism.
Biographischer Snapshot
Ernst Tugendhat (8. März 1930, Brünn – †13. März 2023, Freiburg im Breisgau) — deutscher Philosoph aus einer jüdischen Brünner Industriellenfamilie, aufgewachsen in der Villa, die Mies van der Rohe für seine Eltern gebaut hatte. 1938 Flucht in die Schweiz, 1941 nach Venezuela; Studium in Stanford und Freiburg, Professor in Heidelberg (1966–1975) und an der FU Berlin (1980–1992), dazwischen fünf Jahre bei Habermas am Max-Planck-Institut in Starnberg, in den Neunzigern Lehrer in Santiago de Chile.
Er hat als Leser von Sein und Zeit angefangen und die sprachanalytische Philosophie nach Deutschland zurückgebracht, die mit der Emigration ihrer Vertreter fast verschwunden war. Im Alter kehrte er zu den Fragen zurück, mit denen er als Fünfzehnjähriger begonnen hatte: dem Tod, dem Ich, der Mystik. Politisch einer der hörbarsten Philosophen der Bonner Republik — Friedensbewegung, Asylrecht, Kritik an Israels Besatzungspolitik.
Wichtigste Werke: Der Wahrheitsbegriff bei Husserl und Heidegger (1967), Vorlesungen zur Einführung in die sprachanalytische Philosophie (1976), Selbstbewußtsein und Selbstbestimmung (1979), Vorlesungen über Ethik (1993), Egozentrizität und Mystik (2003), Über den Tod (2006), Anthropologie statt Metaphysik (2007)
Kernkonzepte: Sprachanalyse als erste Philosophie · praktisches Selbstverhältnis („was für ein Mensch will ich sein?") · Moral ohne Metaphysik, getragen von Empörung und Schuld · Egozentrizität und Selbstrelativierung · Mystik ohne Offenbarung · intellektuelle Redlichkeit
Auszeichnungen u. a.: Ehrenbürger von Brno (2002), Meister-Eckhart-Preis (2005, gespendet an die Schule Talitha Kumi in Beit Jala), Ehrendoktor der Universidad Autónoma de Madrid (2005) und der Universität Zürich (2008)
Biografie
Brünn 1930 — ein Kind im berühmtesten Haus der Stadt
Ernst Tugendhat kommt 1930 in Brünn zur Welt, als Sohn der Textilfabrikanten Fritz und Grete Tugendhat, geborene Löw-Beer. Im selben Jahr wird das Haus fertig, das die Eltern bei Ludwig Mies van der Rohe in Auftrag gegeben hatten: die Villa Tugendhat, Glas, Stahl, eine Onyxwand, ein Garten, der zur Stadt hin abfällt. Heute ist sie UNESCO-Welterbe. Für den Jungen ist sie acht Jahre lang einfach das Zuhause.
1938, als der NS-Machtbereich sich auf die Tschechoslowakei auszudehnen droht, verlässt die jüdische Familie das Land und geht in die Schweiz, 1941 weiter nach Venezuela. Das Haus bleibt zurück; es wird beschlagnahmt, im Krieg als Büro und Stall benutzt, nach 1945 als Tanzschule und Kinderklinik. Tugendhat hat die Emigration später nicht als Heldenerzählung erzählt. Die Familie war wohlhabend, sie kam durch. In Dieter Reifarths Dokumentarfilm Haus Tugendhat (2013) sitzt der alte Mann wieder in diesen Räumen und spricht über ein Leben, das an diesem Haus vorbeigegangen ist.
Caracas 1945 — Sein und Zeit mit fünfzehn
Mit fünfzehn liest er in Caracas Windelbands Geschichte der Philosophie, und auf Anregung seiner Mutter gleich danach Heideggers Sein und Zeit. Eine Tante, Helene Weiss, hatte selbst bei Heidegger studiert und besitzt Mitschriften seiner Vorlesungen; mit ihnen liest der Junge weiter. Das Buch, das die Endlichkeit zum Ausgangspunkt der Philosophie macht, wird für ihn zum Einstieg. Ein halbes Jahrhundert später wird er über den Tod schreiben und dabei sagen, er sei vielleicht „sowieso für das Thema offen" gewesen, weil er als Heidegger-Schüler angefangen habe.
Von 1946 bis 1949 studiert er in Stanford Philosophie und klassische Philologie. Ende 1949 reist er nach Deutschland, in das Land, vor dem seine Familie geflohen war, und nach Freiburg, in die Stadt Heideggers.
Freiburg 1949–1956 — der Schüler eines Kompromittierten
Heidegger hat zu dieser Zeit wegen seiner Rolle im Nationalsozialismus Lehrverbot. Tugendhat hört Wilhelm Szilasi, Heideggers Nachfolger auf dem Lehrstuhl, den Husserl-Schüler Eugen Fink und den Heidegger-Schüler Karl Ulmer. Als Heidegger im September 1951 wieder lesen darf, sitzt Tugendhat in seinen Vorlesungen. 1956 schließt er die Dissertation ab, Ti kata tinos, eine Untersuchung über Struktur und Ursprung aristotelischer Grundbegriffe — ein Heidegger-Thema, mit Heideggers Mitteln bearbeitet.
Dass ein junger Jude, dessen Familie vor den Nazis fliehen musste, ausgerechnet bei diesem Mann Philosophie lernt, hat Nachrufschreiber bis heute beschäftigt. Verschwiegen, was er ihm verdankte, hat Tugendhat nie.
Münster, Tübingen, Heidelberg — die Abwendung
Nach drei Semestern bei Joachim Ritter in Münster wird er Assistent bei Ulmer in Tübingen und habilitiert sich dort 1965 mit Der Wahrheitsbegriff bei Husserl und Heidegger. Das Buch wird zum Wendepunkt, und zwar gegen den Lehrer. Tugendhat zeigt darin, was bei Heidegger verloren geht, wenn Wahrheit zur „Unverborgenheit" erweitert wird: die Unterscheidung zwischen wahr und falsch, und damit der Anspruch, dass eine Behauptung ausgewiesen werden muss. Gleich zu Beginn steht der Satz, der sein weiteres Denken trägt — Philosophie sei „die Idee, das menschliche Leben im ganzen auf Wahrheit auszurichten, d. h. durch die Idee eines Lebens in kritischer Verantwortlichkeit".
Wo es um Wahrheit geht, landet er bei der Sprache: bei Wittgenstein, Frege, der angelsächsischen analytischen Philosophie. Von 1966 bis 1975 lehrt er als Professor in Heidelberg. 1976 erscheinen die Vorlesungen zur Einführung in die sprachanalytische Philosophie — das Programm, die alten Fragen nach dem Sein und dem Bewusstsein in die Frage zu übersetzen, wie wir Sätze verstehen. Gewidmet hat er das Buch Heidegger. In dieser Widmung liegt das ganze Verhältnis: Dank und Abschied in einer Zeile.
Starnberg und Berlin — Selbstbewusstsein, Ethik, Politik
Die Studentenbewegung bringt ihn dazu, die Lehre zu unterbrechen. Er will sich in Sozialphilosophie und Politologie einarbeiten, nimmt 1975 ein Angebot von Jürgen Habermas an und geht für fünf Jahre an das Max-Planck-Institut in Starnberg. Dort verschiebt sich sein Schwerpunkt auf die Frage, wie sich Moral begründen lässt. 1979 erscheint Selbstbewußtsein und Selbstbestimmung, eine Auseinandersetzung mit Dieter Henrich und Habermas, die schnell zum Klassiker wird.
Von 1980 bis 1992 lehrt er an der Freien Universität Berlin. Es sind seine öffentlichsten Jahre. Er schreibt Probleme der Ethik (1984) und die Vorlesungen über Ethik (1993), die neben der Diskursethik von Apel und Habermas als der bedeutendste deutschsprachige Ethikentwurf der Gegenwart gelten. Zugleich redet er auf Kundgebungen, sitzt ab 1982 im Vorstand des Berliner Arbeitskreises „Atomwaffenfreies Europa", schreibt Nachdenken über die Atomkriegsgefahr und warum man sie nicht sieht (1986) und mischt sich in den Asylstreit der frühen Neunziger ein. Seine eigenen Moralbegründungen hat er dabei mehrmals verworfen und neu angesetzt, offen und in gedruckter Form.
Santiago de Chile — allein, mit dem Tod vor Augen
Mit 62 verlässt er die FU und geht nach Lateinamerika, das er seit der Kindheit in Caracas kannte, als Gastprofessor an die Pontificia Universidad Católica in Santiago de Chile. Er hält dort Seminare mit Schülern über Moral (daraus entsteht Wie sollen wir handeln?, 2000) und schreibt den Dialog in Leticia (1997). In Chile entsteht auch der erste Text über den Tod. 2007 erzählt er der taz:
„Den ersten Vortrag zum Tod habe ich mit 64 Jahren geschrieben. Ich war damals in Chile, allein, und hatte das Gefühl, dass ich nur noch den Tod vor mir habe. […] Wenn ich mir vorstelle, dass ich nur noch kurze Zeit zum Leben habe, dann erschrecke ich. Nicht weil ich unbedingt weiterleben will, sondern weil ich finde, dass ich mich verzettelt habe und eigentlich ganz anders leben müsste."
Tübingen, Freiburg — die Rückkehr zu den Anfängen
Ab 1999 lebt er, mit Unterbrechungen, in Tübingen, wo ihn die Universität zum Honorarprofessor ernennt; 2002 macht ihn Brno zum Ehrenbürger. Das Spätwerk kehrt zum jungen Leser von Sein und Zeit zurück, mit den Werkzeugen des Sprachanalytikers. Egozentrizität und Mystik (2003) fragt, was es heißt, dass ein Wesen „ich" sagen kann, und ob es sich selbst wieder zurücknehmen kann, ohne sich einen Gott dazuzuerfinden. Am 2. Juli 2003 spricht er in der Carl Friedrich von Siemens Stiftung in München über „Unsere Angst vor dem Tod", in der Reihe „Der Tod im Leben", Moderation Dieter Henrich. Es folgen Über den Tod (2006) und Anthropologie statt Metaphysik (2007).
2005 erhält er den Meister-Eckhart-Preis, benannt nach dem Mystiker, über den er selbst nachgedacht hatte. Die 50.000 Euro gibt er an die Schule Talitha Kumi in Beit Jala im Westjordanland weiter.
Ab 2013 lebt er in Freiburg, der Stadt, in der er 1949 angekommen war. Dort stirbt er am 13. März 2023, fünf Tage nach seinem 93. Geburtstag. Begraben ist er auf dem Bergfriedhof in Tübingen.
Bücher & Publikationen
| Titel | Jahr | Beschreibung |
|---|---|---|
| Ti kata tinos. Eine Untersuchung zu Struktur und Ursprung aristotelischer Grundbegriffe | 1958 | Die Freiburger Dissertation: Aristoteles' Ontologie, gelesen mit Heideggers Augen. Schon hier die Frage, die ihn nie loslässt, nämlich was es heißt, etwas von etwas auszusagen. |
| Der Wahrheitsbegriff bei Husserl und Heidegger | 1967 | Die Habilitation und die Abwendung vom Lehrer: Wer Wahrheit zur Unverborgenheit erweitert, verliert die Unterscheidung von wahr und falsch und damit die Verantwortung für das Gesagte. |
| Vorlesungen zur Einführung in die sprachanalytische Philosophie | 1976 | Das Programm: Die Fragen nach dem Sein und dem Bewusstsein werden in die Frage übersetzt, wie wir Sätze verstehen. Heidegger gewidmet. |
| Selbstbewußtsein und Selbstbestimmung. Sprachanalytische Interpretationen | 1979 | Selbstbewusstsein als Wissen, dass ich es bin, der etwas meint, und praktisch als die Frage, was für ein Mensch man sein will. Gegen Henrich, mit Wittgenstein und Heidegger. |
| Logisch-semantische Propädeutik (mit Ursula Wolf) | 1983 | Das Reclam-Lehrbuch, mit dem Generationen deutscher Philosophiestudenten Logik gelernt haben. |
| Probleme der Ethik | 1984 | Drei Vorlesungen: Eine Norm ist begründet, wenn sie dem gleichmäßigen Interesse aller Betroffenen dient. |
| Nachdenken über die Atomkriegsgefahr und warum man sie nicht sieht | 1986 | Die Streitschrift aus der Friedensbewegung, zugleich eine Untersuchung darüber, warum Menschen eine Gefahr nicht wahrnehmen, die sie kennen. |
| Ethik und Politik | 1992 | Vorträge und Stellungnahmen: Golfkrieg, Menschenrechte, Asyl. |
| Vorlesungen über Ethik | 1993 | Das ethische Hauptwerk: Moral ohne religiöse oder metaphysische Letztbegründung, aus dem Begriff der „guten Person", mit Empörung und Schuld als Sanktionsgefühlen. Später von ihm selbst teils revidiert. |
| Dialog in Leticia | 1997 | Ein philosophischer Dialog, benannt nach dem kolumbianischen Amazonas-Städtchen; der Neuansatz der Moralbegründung in Richtung Kontraktualismus. |
| Wie sollen wir handeln? Schülergespräche über Moral (mit Celso López und Ana María Vicuña) | 2000 | Aus der chilenischen Zeit: Ethik im Gespräch mit Jugendlichen, ohne Fachsprache. |
| Aufsätze 1992–2000 | 2001 | Gerechtigkeit, Menschenrechte, Moralbegründung — die Texte zwischen den Vorlesungen über Ethik und dem Spätwerk. |
| Egozentrizität und Mystik. Eine anthropologische Studie | 2003 | Das Spätwerk: Weil wir „ich" sagen, sind wir egozentrisch; Mystik ist die Möglichkeit, sich selbst zu relativieren, ohne auf Offenbarung angewiesen zu sein. |
| Der Tod im Leben. Ein Symposium (hg. von Friedrich Wilhelm Graf und Heinrich Meier) | 2004 | Der Sammelband der Siemens-Stiftung, darin die überarbeitete Fassung von „Unsere Angst vor dem Tod". |
| Über den Tod | 2006 | Schmaler Suhrkamp-Band mit seinen Überlegungen zur Todesangst und zur Frage, wie man sich zu ihr verhalten kann. |
| Anthropologie statt Metaphysik | 2007 | Aufsätze zur These, dass die erste Philosophie heute die Frage nach dem Menschen ist, verstanden von seiner prädikativ gebauten Sprache her. |
Über Tugendhat: Nico Scarano / Mauricio Suárez (Hg.), Ernst Tugendhats Ethik. Einwände und Erwiderungen (2006) · Klaus Jacobi (Hg.), Mystik, Religion und intellektuelle Redlichkeit (2012)
Empfehlenswerte Videos & Vorträge
- Ernst Tugendhat: „Unsere Angst vor dem Tod" (Carl Friedrich von Siemens Stiftung, München, 2. Juli 2003, ~44 min, dt.) — der Vortrag aus der Reihe „Der Tod im Leben", Moderation Dieter Henrich, produziert von der Tele-Akademie (SWR, Erstausstrahlung 14. Dezember 2003). Warum ist der Gedanke, sterben zu müssen, so schrecklich, und wie kann ein Mensch sich zu dieser Angst verhalten?
- A origem da igualdade no direito e na moral (Brasilien, Juni 2007, ~81 min, portugiesisch, CC-BY) — über den Ursprung der Gleichheit in Recht und Moral.
- Sobre a religião (Brasilien, Juni 2007, ~80 min, portugiesisch, CC-BY) — seine Unterscheidung von Religion und Mystik, im selben Zyklus.
- Minicurso: Teoria geral da ética (Teil 1) (Brasilien, 11. Juni 2007, ~95 min, portugiesisch) — Grundzüge seiner Ethik als Vorlesung.
Audio und Text:
- Die anthropologischen Wurzeln von Religion und Mystik (Philosophische Audiothek, Universität Wien, dt.) — der Kern des Spätwerks im Vortrag.
- Der Ursprung der Gleichheit in Recht und Moral (Philosophische Audiothek, Universität Wien, dt.)
- „Die Zeit des Philosophierens ist vorbei" (Interview mit Ulrike Herrmann, taz, 28. Juli 2007) — der 77-Jährige über Tod, Alter, Religion und den Satz, er habe sich verzettelt.
- Dokumentarfilm Haus Tugendhat (Dieter Reifarth, 2013) — die Geschichte der Villa, mit Ernst Tugendhat als Zeitzeugen.
Kernthesen
- Philosophie heißt, das Leben auf Wahrheit auszurichten. Wahrheit ist für ihn keine Offenbarung des Seins, sie hängt an der Möglichkeit, dass eine Behauptung falsch sein kann und darum begründet werden muss. Daraus folgt beides, was er getan hat: die Sprachanalyse (wie verstehen wir Sätze?) und die Ethik (wie rechtfertigen wir Handlungen?).
- Selbstbewusstsein ist sprachlich, und praktisch ist es eine Frage. Wer „ich" sagt, bezieht sich auf sich wie auf etwas, über das man wahre und falsche Sätze sagen kann. Das praktische Selbstverhältnis ist die Frage, was für ein Mensch ich sein und wie ich leben will — Heideggers Existenz, in analytische Sprache übersetzt.
- Moral braucht keinen Gott und keine Metaphysik, aber sie braucht Gefühle. Seit die religiösen Traditionen ihre Geltung verloren haben, gibt es keine absolute Begründung mehr. Was bleibt, sind die Interessen der Betroffenen, der Wunsch, zu einer Gemeinschaft zu gehören, und die moralischen Gefühle, Empörung und Schuld, mit denen wir einander zur Rechenschaft ziehen. Gleichheit und Autonomie des Einzelnen hat er durch alle Revisionen hindurch festgehalten.
- Das Ich ist egozentrisch gebaut, und es kann sich relativieren. Die Sprache, die uns „ich" sagen lässt, stellt uns in den Mittelpunkt. Mystik ist für ihn die Möglichkeit, aus dieser Mitte zurückzutreten, ohne Offenbarung und ohne Tradition, allein aus dem Vermögen, sich selbst und die Welt „im Ganzen" in den Blick zu nehmen. Religion dagegen hielt er für eine Wunschprojektion.
- Die Angst vor dem Tod ist die Kehrseite des Lebenwollens, und die eigentliche Frage ist, wie man lebt. Ein Tier, das von seiner Zukunft weiß, würde ohne Todesangst nicht überleben — seine „biologische Hypothese". Menschen können sich aber zu dieser Angst verhalten: Wer ganz um sich zentriert lebt, dem erscheint der Tod als Verlust von allem; wer sich selbst relativieren kann, dem verliert er etwas von seinem Schrecken. Was ihn selbst erschreckte, sagte er, war weniger das Ende als der Gedanke, sich verzettelt zu haben.
Politische Einordnung
Tugendhat stand politisch links und hat seine Ethik öffentlich angewendet, oft an Stellen, an denen es für ihn unbequem wurde.
Friedensbewegung und Menschenrechte. In den frühen Achtzigern war er einer der Philosophen, die der Friedensbewegung ein Argument gaben. Er redete gegen die Nachrüstung, saß ab 1982 im Vorstand des Berliner Arbeitskreises „Atomwaffenfreies Europa" und suchte zugleich den Dialog mit den Gegnern der Bewegung (Rationalität und Irrationalität der Friedensbewegung und ihrer Gegner, 1983). Er war langjähriger Schirmherr der Gesellschaft für bedrohte Völker und stritt Anfang der Neunziger gegen die Einschränkung des Asylrechts. Unterstützer sahen darin die Einlösung seiner Philosophie; Gegner der Friedensbewegung hielten ihr insgesamt vor, die sowjetische Rüstung zu unterschätzen, und dieser Vorwurf traf auch ihn.
Golfkrieg 1991. In der Zeit vom 22. Februar 1991 nannte er den Krieg zur Befreiung Kuwaits ungerecht, obwohl irakische Raketen zur selben Zeit auf Israel fielen. Viele, gerade auf der Linken, fanden das richtig; andere hielten es für eine Position, die sich die Sicherheit Israels nicht leisten könne.
Israel und Palästina. Als Jude, dessen Familie vor der Vernichtung geflohen war, kritisierte er früh und beharrlich die israelische Besatzung und Besiedlung des Westjordanlands. 2010 eröffnete er in Tübingen die umstrittene Wanderausstellung über die Nakba (Rede als PDF); das Geld des Meister-Eckhart-Preises gab er einer Schule in Beit Jala. Für seine Unterstützer war das moralische Konsequenz, gerade wegen seiner Herkunft. Für Kritiker stellte er sich damit an die Seite von Ausstellungen und Bündnissen, die Israels Lage einseitig darstellten. Beides gehört zum Bild; die Kritik an der Besatzung war bei ihm nie eine Relativierung der Schoah.
Singer-Debatte. Um 1990, als Peter Singers Thesen zur Euthanasie schwerstbehinderter Neugeborener in Deutschland Auftritte verhindert wurden, verteidigte Tugendhat, dass man über diese Fragen argumentieren dürfe. Oliver Tolmein warf ihm 1991 in konkret vor, damit eine „deutsche Ethik" hoffähig zu machen. Für Behindertenverbände war das ein Tabubruch mit Geschichte, für ihn eine Frage der Redlichkeit im Denken.
China. Im Alter war er Ehrenvorsitzender des Dialogforums Europa-China, eines Vereins für kulturellen Austausch — ein Engagement, über das wenig bekannt ist.
Verbindungen zu anderen Denkern
- Martin Heidegger — DenkerVita — Lehrer, Widmungsträger und Gegner: Tugendhat übernimmt die Endlichkeit als Ausgangspunkt, bestreitet aber die Wahrheit als „Unverborgenheit" und hält das „Irgendwann" nicht für Verdrängung.
- Emmanuel Levinas — DenkerVita — ebenfalls Heidegger-Schüler, der sich abwandte; beide nehmen das Ich aus der Mitte, Tugendhat durch Selbstrelativierung, Levinas durch den Anspruch des Anderen, der jeder Wahl vorausgeht.
- Simone Weil — DenkerVita — ihre décréation, das Aufgeben des Ich als Mittelpunkt der Welt, ist das religiöse Gegenstück zu Tugendhats Mystik ohne Gott; beide stehen an der schmalen Grenze zwischen Sich-Zurücknehmen und Sich-Verleugnen.
- Arthur Schopenhauer — DenkerVita — derselbe Wille zum Leben und dieselbe Entmachtung des Ego, bei Tugendhat ohne Metaphysik: ein biologischer Wille zum nächsten Lebensstück statt eines Urtriebs hinter allen Dingen.
- Ludwig Wittgenstein — DenkerVita — Werkzeug der Sprachanalyse und Vorgänger auf demselben Weg vom Logiker zum Mystiker („Nicht wie die Welt ist, ist das Mystische, sondern dass sie ist").
Cortex-Notes
- Ernst Tugendhat — Unsere Angst vor dem Tod — der Vortrag von 2003 in der Siemens-Stiftung: drei Perspektiven auf den Tod, die biologische Hypothese, Kierkegaard, Rilke und die Selbstrelativierung.
Im Bestand
sechs gedachte Verweise