GedankenraumErnst Tugendhat — Unsere Angst vor dem Tod
Irgendwann zu sterben macht keine Angst, bald zu sterben schon. Tugendhat denkt die Todesfurcht zu Ende und landet beim Leben — und bei der Frage, wie schwer man sich selbst nehmen muss.
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Wassily Kandinsky / Einige Kreise (1926) — lasierende Kreise auf nachtblauem Grund, jeder mit eigenem Licht in der Mitte. Kandinsky gehört in die Welt, in der Tugendhat aufwuchs — das Bauhaus, dessen letzter Direktor Mies van der Rohe die Villa seiner Eltern baute. Und Einige Kreise ist Tugendhats Schlusssatz als Bild: eine kleine Gestalt in ihrem Kreis, von dort aus sieht sie zum ersten Mal die anderen Mitten.
Prompt: A wide banner painting in the spirit of Wassily Kandinsky's 'Several Circles' (1926), oil on canvas with translucent glazes on a deep night-blue to black ground. Dozens of luminous overlapping circles of different sizes float across the whole width, each with its own glowing center, in soft violet, amber, turquoise, rose and pale yellow. Slightly left of center, inside one modest circle among many, a tiny simple human figure stands upright, calm, seen from behind, looking out at the other circles. Quiet, spacious, contemplative, balanced asymmetric composition. No text, no signature, no photorealism.
Irgendwann zu sterben macht keine Angst, bald zu sterben schon. Ernst Tugendhat nimmt sich 2003 einen Abend lang einen einzigen Gedanken vor und geht ihn bis zum Ende: Was genau fürchten wir, wenn wir den Tod fürchten? Der Weg führt durch die Biologie, durch die Grammatik, durch Kierkegaard und Rilke — und kommt an einer Stelle an, an der kaum noch vom Sterben die Rede ist. Die Angst vor dem Ende, sagt Tugendhat, lässt sich nicht wegdenken. Aber man kann sich selbst anders gewichten. Wer sich sammelt, in die eigene Mitte findet, kann dort entdecken, dass er eine Mitte unter vielen ist. Eine Note über den Tod, die vom Leben handelt.
Quelle: Ernst Tugendhat: „Unsere Angst vor dem Tod" · Carl Friedrich von Siemens Stiftung, München, 2. Juli 2003 · Sondervortragsreihe „Der Tod im Leben" · Leitung des Abends: Dieter Henrich · Produktion SWR Tele-Akademie
Ernst Tugendhat (1930, Brünn – †2023, Freiburg) — Philosoph, der die sprachanalytische Philosophie nach Deutschland zurückholte. Aufgewachsen in der Villa Tugendhat, die Mies van der Rohe für seine jüdische Familie baute; 1938 Flucht in die Schweiz, 1941 nach Venezuela. Mit fünfzehn las er in Caracas Sein und Zeit, das ihm die Mutter gab, studierte in Stanford und ging 1949 nach Freiburg, hörte Heidegger — und wandte sich später gegen ihn. Professor in Heidelberg und an der FU Berlin, öffentlicher Intellektueller der Friedensbewegung. Seinen ersten Vortrag über den Tod hielt er mit vierundsechzig, allein in Chile.
Wichtigste Werke: Selbstbewusstsein und Selbstbestimmung (1979), Vorlesungen über Ethik (1993), Egozentrizität und Mystik (2003), Anthropologie statt Metaphysik (2007) Kernkonzepte: Egozentrizität, Selbstrelativierung, Moral ohne Metaphysik, die Frage „wie will ich leben?"
„Man hat sich in den eigenen Mittelpunkt gestellt, und in diesem kann sich einem zeigen, dass man nur ein Mittelpunkt unter vielen ist." Die Angst vor dem Tod lässt sich nicht wegargumentieren. Aber sie kann zurücktreten, wenn man sich nicht mehr als letzten Bezugspunkt von allem nimmt, was einem wichtig ist.
Irgendwann
0:47 — Ein alter Mann steht an einem Pult in München und beginnt mit einem Eingeständnis. Wenn er von unserer Angst vor dem Tod spreche, dann wolle er wenigstens andeuten, dass auch er sie habe. Es gebe Menschen, die sagen, sie hätten keine. Kennen sie sie nicht, weichen sie ihr aus, haben sie sie überwunden? Er will am Ende fragen, wie man sie überwinden kann. „Aber um sie überwinden zu können, muss man sie erst einmal haben."
Dann macht er etwas Unerwartetes. Er schiebt die Angst von uns weg.
3:08 — Es gibt die Ferne: Irgendwann werde ich sterben. Und es gibt die absolute Nähe: das Sterben selbst, in dem Menschen oft eigentümlich ruhig wirken. Keine der beiden ist der Ort der Angst.
„Wenn man hingegen lediglich weiß, dass man einmal sterben wird, hat man gewöhnlich keine Angst. Sonst müssten wir diese Angst dauernd haben."
Hören — 3:08
Sterblich zu sein ist eine Eigenschaft, und vor einer Eigenschaft fürchtet man sich nicht. Die Angst sitzt dazwischen, im dritten Blick: dort, wo man zu wissen glaubt, dass es bald sein wird. Der Prinz von Homburg, dem man die Hinrichtung für den nächsten Morgen ankündigt. Die Diagnose. 4:39 — Mit anderen ist es genauso. „Wir werden ihn verlieren", sagen wir, wenn einer schwer krank wird, obwohl wir immer wussten, dass wir ihn einmal verlieren würden. Und wenn der Verdacht sich zerstreut, atmen wir auf: Er muss doch nicht sterben. Als müsste er es nicht trotzdem.
Das ist ein befreiender Anfang, gerade für jemanden, der sich über den Tod wenig Gedanken macht. Tugendhat nennt diese Gelassenheit weder Verdrängung noch Oberflächlichkeit. Er nennt sie den Normalfall. Das „irgendwann" gehört zu uns wie die Tatsache, dass wir Menschen sind. Es verlangt keine tägliche Übung. Die Philosophen, die mahnen, der Tod könne jederzeit kommen, holen ihn nur heimlich in die Nähe.
Die Kehrseite des Weiterlebens
8:27 — Was fürchtet man, wenn es bald sein wird? Manche stellen sich ein schwarzes Loch vor, in das man fällt, das Auflösen ins Nichts. Thomas Nagel hat es am Ende von The View from Nowhere eindringlich beschrieben, Heidegger hat Angst und Nichts zusammengedacht. Tugendhat empfindet es ähnlich — und fragt trotzdem: warum eigentlich?
9:12 — Er erinnert an ein altes Argument, das auf Lukrez zurückgeht. Wir sind auch aus dem Nichts hervorgegangen, und vor diesem Nichts schaudern wir nicht. Warum vor dem künftigen?
Seine Antwort ist nüchtern, fast trocken. Er nennt sie die biologische Hypothese12:17. Menschen sorgen sich um ihre Zukunft, das gründet in Sprache und Zeitbewusstsein. Eine Population solcher Wesen würde aussterben, „wenn die Individuen im Allgemeinen nicht stets weiterleben wollten". Die Angst vor dem Ende ist die Rückseite dieses Wollens. Keine Einsicht ins Nichts. Ein Wille, der sich umdreht.
16:08 — Und damit fällt ein Licht auf die Ferne vom Anfang:
„Der Wille, weiterzuleben, ist immer auf das nächste Lebensstück bezogen. Er ist nicht ein darüberschwebender Wille zum Leben als solchem."
Hören — 16:08
Deshalb fürchten wir das Bald und nicht das Irgendwann. Und deshalb, so Tugendhat17:41, findet die Ruhe, die man bei Sterbenden so oft beobachtet, hier eine Stütze: Dass ein Mensch sich an das Leben klammert, hat im Sterben keine Funktion mehr.
18:27 — Er ahnt den Einwand, er mache Menschen zu Marionetten ihrer Biologie. „Aber woher sollen sie denn sonst kommen?" Das Biologische, sagt er, tritt nicht an unsere Stelle. „Es tritt nur an die Stelle von vermeintlichen metaphysischen Intuitionen."
Wenn die Todesangst nur die Kehrseite des Lebenswillens ist — was sagt es dann über einen Menschen, der sie nicht mehr spürt? Ist das Gelassenheit, Müdigkeit, oder beides, und wie unterscheidet man sie von außen?
Man kann sein Leben nicht verlieren
19:12 — Dann nimmt er die Sprache auseinander, mit der wir vom Tod reden. Im Tod verliere ich mein Leben. Rilke schreibt „Sei allem Abschied voran" und stellt den Tod damit in eine Reihe mit anderen Abschieden. Das hat etwas Tröstliches. Und etwas Falsches. Wer Abschied nimmt, existiert weiter. Wer etwas verliert, bleibt übrig.
21:32 —
„Ich kann einen Menschen verlieren, ich kann meine Beine verlieren, ich kann meine Jugend und meine Gesundheit verlieren, aber ich kann nicht mein Leben verlieren."
Hören — 21:32
Eine Person ist etwas anderes als ihre Zustände. Das Leben hat man nicht, wie man eine Beziehung, einen Besitz oder eine Fähigkeit hat. Der richtige Satz ist schlicht: Ich werde aufhören.
Tugendhat verbietet die schiefe Rede trotzdem nicht. Sie hat einen Vorzug: Sie stellt den Tod neben die anderen Verluste, und nur so kann man ihn überhaupt wägen. 27:45 — Denn daraus, dass er der Struktur nach einzigartig ist, folgt nicht, dass das eigene Leben das Wichtigste ist, was man hat. Jemand kann es schrecklicher finden, etwas anderes zu verlieren. Man kann es vorziehen, für jemanden zu sterben. Es gibt Dinge, die schwerer wiegen als man selbst.
Das ist der erste leise Hinweis darauf, wohin der Vortrag geht.
Der Lehrmeister des Ernstes
30:03 — Neben der Angst vor dem Aufhören gibt es eine zweite, die Tugendhat am Anfang nur gestreift hat: das Erschrecken darüber, wie man gelebt hat. Wer erfährt, dass er bald sterben wird, sieht die Prioritäten seines Lebens plötzlich anders. Jetzt ist es also vorbei. Tolstoi und Hofmannsthal haben davon erzählt, das Christentum und das alte Ägypten haben den Übergang an ein Gericht gebunden.
30:49 — Manche sagen, man könne nur dem Leben oder dem Tod zugewandt sein. Tugendhat hält das für ein Missverständnis. Der Tod ist das Ende selbst, nicht die Zeit danach. Und das Leben kann, wenn man sich dieses Ende nur vorstellt, einen tiefen Ernst gewinnen.
33:06 — Der Gegensatz, der zählt, liegt woanders. Wir stecken dauernd in Tätigkeiten, verfolgen Wünsche und Ziele, fragen, wie wir etwas am besten erledigen. Zerstreut nennt er das. Die weitere Frage — warum man das überhaupt tut, welchen Platz es im eigenen Leben hat — bleibt dabei offen. Erst wenn die Zeit kurz wird, stößt man auf sie: Wie will oder sollte ich leben? Zentriert nennt er das.
34:38 — Kierkegaard hat in seiner Rede am Grab den Tod den „Lehrmeister des Ernstes" genannt. Tugendhat gibt ein Beispiel, das man sofort wiedererkennt: Jemand erleidet einen Infarkt, mit Todesangst, und beschließt in den Tagen danach, sein Leben zu ändern — „bevor er dann allmählich wieder in den alten Trott verfällt".
Man könnte die Frage auch ohne den Tod stellen, gemeinsam wie in einem platonischen Dialog oder allein. 35:24 — „Aber es fällt schwer, sich vorzustellen, wie die Frage aussähe, wenn der Tod nicht im Hintergrund stünde."
Das ist der Satz, in dem sich der Vortrag umdreht. Der Tod wird hier vom Gegenstand der Angst zum Maßstab. Er macht die Zeit knapp, und erst knappe Zeit zwingt zur Frage nach dem Ganzen. Das Infarkt-Beispiel ist dabei ehrlicher als jede Mahnung zum bewussten Leben: Es zeigt, wie schnell der Ernst wieder verfliegt. Wer dauerhaft zentriert leben will, braucht etwas, das nicht vom Schrecken lebt. Tugendhat sucht es im letzten Drittel.
Seitlich
37:46 — Menschen haben, weil sie sprechen, eine besondere Fähigkeit: Sie können sich zu ihren Gefühlen verhalten, statt sich von ihnen überfluten zu lassen. Sie können ihnen ein Gewicht zuweisen, im Verhältnis zu allem anderen, was ihnen wichtig ist. So gehen wir mit jeder Kränkung um. Wir wiegen sie auf. Wir hoffen auf später.
38:33 — Beim Tod geht das nicht. Mit ihm bricht die Linie ab, es gibt kein Später, gegen das man ihn aufwiegen könnte, und nichts, das zu mir gehört und ihn aufwöge. Man könnte meinen, er lasse sich überhaupt nicht relativieren.
Tugendhat findet einen anderen Weg. Die Relativierung kann seitlich geschehen. Nicht die anderen Dinge im Verhältnis zu mir gewichten — sondern mich im Verhältnis zu den anderen, zur Welt. Alle sonstigen Frustrationen kann man auf beide Weisen tragen. Den Tod nur noch auf diese zweite.
39:19 — Dann nimmt er Nagels zweite Formel noch einmal auf: Es sei schrecklich, dass ich aufhöre und mit mir meine Welt. Aber ist nicht auch die Welt, die unabhängig von mir besteht, meine Welt? Sie hört nicht auf, wenn ich aufhöre. Relativ zu ihr bin ich unwichtig. Gelingt es, den Maßstab der Wichtigkeit von mir selbst auf anderes zu verlegen, tritt die Angst davor, dass ich aufhöre, zurück.
Tugendhat verlegt die Wichtigkeit vom Ich auf die Welt. Aber was, wenn die Welt, auf die man sie verlegt, selbst gerade zerbricht — wohin trägt man dann das Gewicht? Und wo beginnt die Selbstrelativierung, sich selbst zu verleugnen?
Eine Mitte unter vielen
40:49 — Und jetzt schließt sich ein Kreis, den er vor einer halben Stunde geöffnet hat. Die Zentrierung, das Sich-Sammeln gegenüber der Vielfalt der Belange, ist nicht das Ende des Weges.
„Zentrierung kann also in eine Dezentrierung übergehen. Man hat sich in den eigenen Mittelpunkt gestellt, und in diesem kann sich einem zeigen, dass man nur ein Mittelpunkt unter vielen ist."
Im Gespräch — 40:49
41:37 — Man wird sich, sagt er, der eigenen Geringfügigkeit bewusst.
Das Wort klingt hart. So meint er es nicht. Wer sich in die Mitte stellt, sieht von dort aus zum ersten Mal die anderen Mitten. Das eigene Leben ist dann nicht weniger wert. Es ist nur nicht mehr der Punkt, um den sich alles dreht.
Einen Ausweg durchs Denken gibt es dabei nicht. 42:22 — Man könnte meinen, wenn die Angst nur das Ergebnis einer biologischen Notwendigkeit ist, müsste man sie mit dieser Einsicht zum Schweigen bringen können. „Aber das gelingt nicht." Wir sind zu tief in unserer biologischen Basis verwurzelt.
43:07 — Die Selbstrelativierung ist darum kein Argument mehr. Sie ist ein wirklicher Schritt, eine Umwendung. Und sie scheint, so endet der Vortrag, nur dann möglich zu sein, wenn man die Angst vor dem Tod erst einmal aufgenommen und sich in seiner biologischen Basis akzeptiert hat.
Erst haben.
Dann loslassen.
Tugendhat hat diesen Gedanken im selben Jahr ausführlich entfaltet, in Egozentrizität und Mystik (2003). Dort heißt diese Bewegung Selbstrelativierung, und ihre konsequenteste Form nennt er Mystik — eine diesseitige Haltung ohne Gott, die er in mehreren Traditionen wiederfindet, im Buddhismus, im Taoismus, am Ende im Bild des Bodhisattva. Bemerkenswert ist der Weg dorthin: Ein Sprachanalytiker, misstrauisch gegen jedes Raunen, kommt über Grammatik und Biologie an eine Stelle, die sonst Meditierende und Mystiker beschreiben. Sein Weg dorthin heißt Genauigkeit.
Was bleibt, ist ein Vortrag über das Leben. Über die Frage, wie man es führt, solange die Zeit nicht knapp ist. Und über die Erleichterung, nicht die Mitte von allem sein zu müssen.
Faktencheck
Tugendhat sagt, Sterbende wirkten „häufig eigentümlich ruhig", und die eigentliche Todesfurcht gehöre der Lage, in der man glaubt, bald sterben zu müssen. Die Forschung stützt beides, mit wenig Material. Goranson und Kollegen werteten Blogs von Sterbenden (Krebs, ALS) und letzte Worte von Hingerichteten aus: Die Texte waren positiver, als Gesunde sie sich vorstellten, und die Blogs wurden positiver, je näher der Tod kam — eine Einzelstudie aus zwei Textkorpora, die Sprache misst, nicht Erleben. Für die Phase davor, Diagnose und fortgeschrittene Krankheit, findet eine Meta-Analyse über 21 Studien mit 4.337 Krebspatienten hohe Todesangst. Das passt zu Tugendhats drittem Blick. Er selbst schränkt ein: „häufig", „gewöhnlich", nicht „immer". Quelle: Goranson et al. 2017, Psychological Science, Einzelstudie, doi:10.1177/0956797617701186 · Xue et al. 2025, Journal of Advanced Nursing, Meta-Analyse, doi:10.1111/jan.70318 · Neel et al. 2015, BMJ Supportive & Palliative Care, Querschnitt n = 60, doi:10.1136/bmjspcare-2012-000420
Die große empirische Tradition zum selben Punkt, die Terror-Management-Theorie, teilt Tugendhats Prämisse (Selbsterhaltung plus Zeitbewusstsein) und kommt zum umgekehrten Schluss: Das bloße Wissen um die Sterblichkeit wirke dauernd und werde nur abgefangen, durch Weltbild und Selbstwert. Keine Angst zu spüren hieße dann nicht, keine zu haben. Eine Meta-Analyse über 277 Experimente fand einen soliden Effekt der Sterblichkeits-Erinnerung; die Großreplikation Many Labs 4 fand ihn nicht, eine Neuauswertung mit Bias-Korrektur zeigt kleinere, unsichere Effekte. Das Feld ist uneins. Tugendhat wird damit nicht widerlegt — er nennt seine These ausdrücklich eine Hypothese und stützt sich offen auf Introspektion —, aber sie trägt weniger glatt, als der Satz „sonst müssten wir diese Angst dauernd haben" klingt. Quelle: Burke, Martens & Faucher 2010, Personality and Social Psychology Review, Meta-Analyse, doi:10.1177/1088868309352321 · Klein et al. 2022, Collabra: Psychology, Many Labs 4, doi:10.1525/collabra.35271 · Schindler et al. 2022, PSPR, Meta-Analyse mit Bias-Korrektur, doi:10.1177/10888683221107267
Geboren am 8. März 1930 in Brünn, gestorben am 13. März 2023 in Freiburg; Villa Tugendhat von Mies van der Rohe; 1938 Schweiz, 1941 Caracas; Sein und Zeit mit fünfzehn; Stanford 1946–49, ab 1949 Freiburg; Heidelberg 1966–75, FU Berlin 1980–92; der erste Vortrag über den Tod mit 64 in Chile (Gastprofessur Santiago 1992–96). Werke und Jahre stimmen, ebenso die „diesseitige Mystik" ohne Gott aus Egozentrizität und Mystik (2003), in der er indische, buddhistische und taoistische Mystik vergleicht. Quelle: Stefan Gosepath, Nachruf FU Berlin (PDF) · taz-Nachruf „Sprachanalyse und Mystik" · Perlentaucher zu Egozentrizität und Mystik
Kierkegaards „An einem Grabe" ist die dritte der Drei Reden bei gedachten Gelegenheiten (1845); dort ist der Gedanke an den Tod „dieser Lehrmeister des Ernstes" — Tugendhat kürzt das im Vortrag ab. Rilkes „Sei allem Abschied voran" ist Sonette an Orpheus II, 13; Williams' „The Makropulos Case" erschien 1973 in Problems of the Self; Unamuno 1913; Nagels The View from Nowhere 1986, der Tod im Schlusskapitel; Lukrez' Symmetrie-Argument in De rerum natura, Buch III. Quelle: Stanford Encyclopedia of Philosophy: Death · Zeno.org: Sonette an Orpheus II, 13 · Cambridge Core: Problems of the Self
Weiterführende Quellen
Aus der Video-Beschreibung:
- Der Tod im Leben. Ein Symposium — hg. von Friedrich Wilhelm Graf und Heinrich Meier (München/Zürich 2004), mit der überarbeiteten Fassung des Vortrags und den Beiträgen der Reihe (u.a. Philippe Descola, Hans Ulrich Gumbrecht, Peter von Matt)
- SWR Tele-Akademie — Produktion und Erstausstrahlung (14. Dezember 2003)
Im Vortrag genannte Werke:
- Thomas Nagel: The View from Nowhere (1986), Schlusskapitel über den Tod — dt. Der Blick von nirgendwo
- Lukrez: De rerum natura, Buch III — das Symmetrie-Argument (das Nichts vor der Geburt)
- Søren Kierkegaard: An einem Grabe (1845) — der Gedanke an den Tod als „Lehrmeister des Ernstes"
- Rainer Maria Rilke: Die Sonette an Orpheus II, 13 — „Sei allem Abschied voran"
- Bernard Williams: „The Makropulos Case: Reflections on the Tedium of Immortality" (1973)
- Miguel de Unamuno: Del sentimiento trágico de la vida (1913) — Das tragische Lebensgefühl
- Leo Tolstoi: Der Tod des Iwan Iljitsch (1886)
- Heinrich von Kleist: Prinz Friedrich von Homburg (1810/11)
Weiter bei Tugendhat:
- Ernst Tugendhat: Egozentrizität und Mystik. Eine anthropologische Studie (2003)
- Ernst Tugendhat: Über den Tod (2006)
Forschung und Hintergrund (Sherlock):
- Goranson et al. 2017 — Dying Is Unexpectedly Positive — Blogs Sterbender und letzte Worte, positiver als erwartet
- Xue et al. 2025 — Death Anxiety Among Patients With Advanced Cancer — Meta-Analyse zur Todesangst in der Phase des „Bald"
- Burke, Martens & Faucher 2010 — Two Decades of Terror Management Theory — die empirische Gegenthese zum angstfreien „Irgendwann"
- Klein et al. 2022 — Many Labs 4 — warum die Terror-Management-Theorie selbst wackelt
- Stefan Gosepath — Nachruf auf Ernst Tugendhat (FU Berlin) — die dichteste verlässliche Biografie
- taz — Nachruf: Sprachanalyse und Mystik
- Michael Theunissen — Das Erbauliche im Gedanken an den Tod — zu Kierkegaards „An einem Grabe"; Theunissen war ab 1980 Tugendhats Kollege an der FU
Verbindungen
→ Walther Ziegler — Heidegger in 60 Minuten
Heidegger war Tugendhats Lehrer, und hier zeigt sich, wo der Schüler sich löst. Heidegger schiebt den Satz „Der Tod kommt gewiss, aber vorläufig noch nicht" dem verdrängenden Man zu und verlangt das Vorlaufen in den Tod. Tugendhat hält genau diese Gelassenheit gegenüber dem „Irgendwann" für den Normalfall. Und die Angst, die Heidegger meint, die Angst vor dem Nichts, ersetzt er durch die biologische Hypothese: Gefürchtet wird das Bald, das einen Gegenstand hat — nach Heideggers eigener Unterscheidung wäre das Furcht.
→ Walther Ziegler — Schopenhauer in 60 Minuten
Tugendhat grenzt sich von Schopenhauers metaphysischem Urtrieb ab: Der Wille gilt dem nächsten Lebensstück, „nicht ein darüberschwebender Wille zum Leben als solchem". Trotzdem kommen beide an derselben Stelle an — das Ich verliert seine Mittelpunktstellung, bei Schopenhauer durch das Durchschauen der Individuation, bei Tugendhat durch seitliche Relativierung. Nur braucht Tugendhat dafür keine Verneinung des Willens.
→ Erich Fromm — Die Welt lieben (SRF 1979)
Beide gehen biologisch vor und kommen bei der Welt an. Fromm: Man kann das Leben nur erhalten, wenn man die Welt liebt. Tugendhat: Die Angst vor dem Aufhören tritt zurück, wenn man die Wichtigkeit vom Ich auf die Welt verlegt. Fromms Bild vom Menschen, der sich ins Auto setzt und vor der Frage „Wer bin ich?" davonfährt, ist genau das, was Tugendhat zerstreut nennt.
→ Martin Buber und Emmanuel Levinas — Ich, Du und der Andere
Beide Notes bringen das Ich aus seiner Mitte, auf entgegengesetzten Wegen. Bei Tugendhat entdeckt das Ich von der eigenen Mitte aus, dass es eine Mitte unter vielen ist — eine Umwendung, die man selbst vollzieht. Bei Levinas kommt die Dezentrierung von außen, der Andere fordert mich, bevor ich wähle. Und beim Tod treffen sie sich: Tugendhats Satz, man könne es vorziehen, für jemanden zu sterben, und Levinas' „Du wirst mich nicht sterben lassen" stellen beide den Tod des Anderen über den eigenen.
→ Wolfram Eilenberger — Die größte Lüge der Philosophie
Eilenberger beklagt, die analytische Philosophie habe den „Sandfluss der Mystik" abgeschnitten. Tugendhat ist das Gegenbeispiel: Der Mann, der die sprachanalytische Philosophie nach Deutschland zurückholte, kommt im Spätwerk bei Egozentrizität und Mystik an — mit den Mitteln der Grammatik, nicht gegen sie.
→ Udo Marquardt — Zeit als Schlüssel zum guten Leben
Marquardts Leitfrage „Wer möchte ich gewesen sein?" ist Tugendhats zweiter Schrecken, ins Positive gewendet. Tugendhat bringt die Einschränkung ein, die dort fehlt: Ohne den Tod im Hintergrund lässt sich die Frage kaum stellen, und das Infarkt-Beispiel zeigt, wie schnell der Ernst wieder verfliegt. Sinn als „anderen wichtig sein" verlegt das Gewicht genauso vom Ich auf die anderen wie die seitliche Relativierung.
→ Edgar Morin — Das komplexe Denken
Morins Satz aus der Résistance, der Krieg habe ihm erlaubt, das Risiko zu sterben frei anzunehmen, und er habe sehr wenig Angst gehabt, ist Tugendhats These als gelebte Erfahrung: Wenn das Gewicht bei etwas liegt, das schwerer wiegt als man selbst, tritt die Todesangst zurück.
Weiterdenken
- Tugendhat sagt, das „Irgendwann" mache keine Angst. Aber lebt man anders, wenn man das Irgendwann ernst nimmt — oder nur ernster?
- Die biologische Hypothese erklärt die Angst als Überlebensmechanismus. Was wäre das stärkste Gegenargument — gibt es etwas an der Todesfurcht, das keine Evolution braucht?
- Der Infarkt verändert ein Leben für ein paar Tage, dann kehrt der Trott zurück. Was hält den Ernst, wenn nicht der Schrecken?
- „Man ist nur ein Mittelpunkt unter vielen": Ist das eine Kränkung oder eine Entlastung — und wovon hängt ab, als was man es erlebt?
- Buber sagt, der Mensch werde am Du zum Ich (Martin Buber und Emmanuel Levinas — Ich, Du und der Andere). Wenn Tugendhat recht hat und man sich selbst weniger schwer nehmen soll — wird man dann durch den Anderen erst leicht?
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