Worum es geht

Düzen Tekkal ist deutsche Jesidin, Journalistin und Filmemacherin. Im August 2014 bekam ihre Familie Anrufe aus dem Nordirak, die keine Anrufe waren, und vier Tage später flog sie mit ihrem Vater in ein Gebiet, in dem der „Islamische Staat” gerade ihr Volk auslöschte. Sie kam als Menschenrechtsaktivistin zurück. Dieser Vortrag von 2017 liest aus ihrem Buch und entwickelt zwei Thesen: dass Islamismus und Rechtsextremismus dieselbe Demokratiefeindschaft sind, und dass Integrationsfähigkeit an der Frauenfrage hängt. Beides ist angreifbar, und sie liefert die Gegenargumente überraschend oft selbst mit. Im Zentrum steht ein Engel, der es wagte, Gott zu widersprechen — und ein Vater, der sagte: wir haben uns ins Grundgesetz gerettet.

Anlass — Gedenktag für den Völkermord an den Jesiden (3. August)

Der 3. August ist der Jahrestag des Angriffs auf die Sindschar-Region im Jahr 2014 — getragen von der Diaspora, vom Zentralrat der Êzîden und von Kommunen, jährlich mitbegangen von Bundesregierung und Landtagen. Am 19. Januar 2023 erkannte der Bundestag die Verbrechen des „Islamischen Staat” einstimmig als Völkermord an; einen Gedenktag stiftete dieser Beschluss nicht. Düzen Tekkal war eine der Sachverständigen, die die Anerkennung erstritten haben. Dieser Vortrag entstand sechs Jahre davor.

Quelle: Düzen Tekkal: Deutschland ist bedroht — Einstein Forum Potsdam, 29.06.2017, Auftaktveranstaltung der Reihe „Solidarity in Danger”, 1:45 h. Lesung aus dem gleichnamigen Buch, anschließend Diskussion.

Wer spricht?

Düzen Tekkal (2. September 1978, Hannover) — Fernsehjournalistin, Filmemacherin, Kriegsberichterstatterin und Menschenrechtsaktivistin, kurdisch-jesidischer Herkunft, eines von elf Kindern.

Nach dem Studium der Politikwissenschaft und Germanistik arbeitete sie für RTL (Spiegel TV, stern TV, Extra) und erhielt 2010 den Bayerischen Fernsehpreis. Am 5. August 2014 erreichte sie ein Anruf aus dem Shingal — „Hilf uns, wir werden alle getötet!“. Vier Tage später war sie mit einem Kamerateam und ihrem Vater im Nordirak. Daraus entstand HÁWAR — Meine Reise in den Genozid (2015), gezeigt im Bundestag, im EU-Parlament und bei den Vereinten Nationen. Sie filmte damals eine noch unbekannte Überlebende namens Nadia Murad, die 2018 den Friedensnobelpreis erhielt.

Mit ihren Geschwistern gründete sie 2015 HÁWAR.help und 2019 die Bildungsinitiative GermanDream. Bundesverdienstkreuz 2021, Theodor-Heuss-Preis 2024. Als Sachverständige im Bundestag trug sie zur Anerkennung des Genozids im Januar 2023 bei; seit 2025 steht sie nach Morddrohungen unter Personenschutz.

Wichtigste Werke: Deutschland ist bedroht (2016), Filme HÁWAR (2015) und Bêmal (2024) Kernkonzepte: die bösen Zwillinge, Tausi Melek, die Frauenfrage, „Krieg macht ehrlich”

DenkerVita


Inhalt

„Wir haben uns ins Grundgesetz gerettet”

▶ 19:00 Der Satz ist von ihrem Vater, und er ist die Achse des ganzen Abends. Sie zitiert ihn so:

„Wir haben uns ins Grundgesetz gerettet — als politisch religiös Verfolgte.”

Das Grundgesetz erscheint hier nicht als Rechtsordnung, in die man hineinwächst, sondern als Ort, an dem man ankommt, wenn man vor etwas wegläuft. Wer so über eine Verfassung spricht, hat ein anderes Verhältnis zu ihr als jemand, der sie geerbt hat. Daraus zieht Tekkal ihre Leitfrage: „Wie hältst du es mit dem Grundgesetz?” — die Gretchenfrage, über die aus ihrer Sicht die ganze Wertedebatte zu klären wäre. Und sie fügt hinzu, was das Verfassungsversprechen für sie ausmacht: dass es für alle gilt, unabhängig davon, woher die Menschen kommen.

Ihre eigene Freiheit hat sie sich innerhalb der Familie erkämpfen müssen, nicht gegen den deutschen Staat:

„Ich als jesidische Frau mit Zuwanderungsgeschichte und kurdischen Wurzeln bin erstmal in Unfreiheit geboren, und der erste Wert, den ich mir erkämpfen musste, war die Freiheit — und zwar innerfamiliär.”

Das ist eine ungewöhnliche Reihenfolge, und sie erklärt viel an dieser Biografie. Ihr Kampf begann zu Hause. Deshalb hat sie für den Satz „unsere Werte sind selbstverständlich” nie etwas empfunden — für sie waren sie es nie.

Wie das aussah, liest sie aus dem Buch vor. Am ersten Schultag wollte sie unbedingt den teuren Herlitz-Füller, den alle anderen Kinder hatten, und schrie und weinte, bis sie ihn bekam. Ihre Schultüte war bis oben voll mit Süßigkeiten, die sie selbst aussuchen durfte. Zusammen mit ihr wurde ein anderes jesidisches Mädchen eingeschult:

„bei ihr waren zwei Äpfel und ein paar Bonbons in der Tüte. Die Bonbons und die Äpfel musste sie nach der Schule wieder zu Hause abgeben. Da habe ich zum ersten Mal gemerkt, dass ich andere Eltern hatte.”

Elf Kinder, wenig Geld, aber der Vater versäumte fast keinen Elternabend, brachte die Kinder zur Schule, holte sie ab, fragte, was sie lernten. Die Lehrer sagten ihr: dein Vater ist anders als die anderen. Nach jedem guten Zeugnis ging er mit ihnen ins Grillhaus, Pommes rot-weiß mit Currywurst.

Eigene Einschätzung

Hier liegt die Stärke und die Schwäche ihres Denkens beieinander. Die Stärke: Sie erklärt Radikalisierung nicht aus Herkunft, sondern aus dem, was ein Kind zu Hause erlebt — und hat dafür einen empirischen Vergleich, der wenigen zur Verfügung steht. Sie saß mit denselben Jungen in einer Klasse, hatte dieselben Diskriminierungserfahrungen, und einige von ihnen beschimpfen sie heute im Netz. Ihre Frage — warum sind wir unterschiedlich damit umgegangen? — ist die richtige.

Die Schwäche liegt in der Antwort. Sie führt fast alles auf Erziehung zurück, und der Vater wird dabei zur Erklärung für ein ganzes Leben. Das mag für sie stimmen. Als Gesellschaftsdiagnose macht es die Familie zur Hauptbühne und blendet aus, was sie an anderer Stelle selbst betont: Arbeitsmarkt, Bildungsnotstand, Abgehängtsein. Wenn ein guter Vater erklärt, warum sie es anders machte, dann erklärt ein schlechter noch nicht, warum ein anderer zum IS ging.

Tausi Melek — eine Theologie des Widerspruchs

▶ 63:50 Auf eine Publikumsfrage nach ihrer Religion hin erklärt Tekkal die jesidische Kosmologie, und dabei fällt der bemerkenswerteste Gedanke des Abends. Gott erschuf die Welt, ihm sind sieben Engel untergeordnet; einer heißt Tausi Melek, der Pfauenengel — und er wagte, Gott zu widersprechen und dessen Wort in Frage zu stellen. Im abrahamitischen Verständnis kann so einer nur der Teufel sein. Daher, sagt sie, das Gerücht von den Teufelsanbetern, mit dem Jesiden bis heute beschimpft werden.

Dann dreht sie es um:

„Das Tausi-Melek-Prinzip ist eigentlich ein Prinzip aus dem Grundgesetz auch, nämlich Dinge aufklärerisch zu hinterfragen.”

Und sofort danach das Beste:

„das war auch mein Totschlagargument zu Hause: wenn mir was nicht erlaubt worden ist, dann habe ich gesagt — Tausi Melek hat auch widersprochen.”

Ein Mädchen benutzt den zentralen Engel ihrer Religion, um gegen ihre Eltern zu argumentieren. Und sie hat dabei theologisch recht: Wenn die Gründungsgeste deines Glaubens der Widerspruch gegen die höchste Autorität ist, dann ist Gehorsam die eigentliche Ketzerei.

Von hier aus versteht man ihren Lieblingssatz erst richtig. Sie sagt ihn im Vortrag zweimal, und er klingt provokant, bis sie die Begründung nachschiebt:

„Im Gegensatz zum Islam haben die Jesiden kein heiliges Buch. Wir sind keine Schriftbesitzer. Ich sage immer: mein heiliges Buch ist das Grundgesetz. Das kann ich sagen, weil wir keine Bibel, keine Tora, keinen Koran haben.”

Sie behauptet damit keine Überlegenheit. Sie beschreibt eine Leerstelle — und dass an dieser Stelle bei ihr das Grundgesetz steht. Fehlende Schrift war für Jesiden historisch der Grund, warum radikale Islamisten sie zu Häretikern und abgefallenen Muslimen erklärten — kein Vorzug. Aus dem Nachteil macht sie eine Freiheit.

Sie belastet ihre eigene Tradition dabei ausdrücklich mit:

„dass wir Jesiden Fragen stellen dürfen, ist noch nicht so alt — das ist erst 50 Jahre alt.”

Weitergedacht

Wenn eine Religion mit dem Widerspruch gegen Gott beginnt — was folgt daraus für die Frage, ob Glaube und Aufklärung Gegensätze sind, oder ob wir sie nur so erzählen?

Die bösen Zwillinge

▶ 4:35 Die These, für die sie bekannt und angegriffen wird: Islamismus und Rechtsradikalismus sind zwei Erscheinungen desselben Problems. Ihre Begründung ist funktional, nicht moralisch — beide stellen das hiesige Wertesystem auf ähnliche Weise in Frage, und „für mich ist beides der Einstieg in den Faschismus”. Dazu die Prämisse, mit der man streiten kann: jede religiöse Rede sei politische Rede, sobald Religion für politische Zwecke gebraucht wird.

Den Mechanismus benennt sie präziser, als es die Kurzformel erwarten lässt:

„das Gefährliche daran ist eigentlich für beide Seiten — sowohl für den Rechtspopulismus als auch für den religiösen Extremismus — die kollektive Aneignung der Opferrolle. Denn das Gefährliche daran ist, dass Opfer herrschen wollen.”

Das ist ein ernstzunehmender Gedanke. Wer sich als Kollektiv zum Opfer erklärt, erwirbt damit einen Anspruch, der jede Gegenrede in einen Angriff verwandelt — und dieser Anspruch funktioniert unabhängig davon, ob echte Verfolgung vorliegt. Beide Bewegungen, die sie meint, betreiben genau das: die eine sieht den Islam unter Angriff, die andere das Volk.

Und dann der Punkt, der die Symmetrie erst glaubwürdig macht. Sie wendet sie auf Deutsche an:

„die Integrationsfähigkeit von autochthon Deutschen [muss] genauso zur Disposition gestellt werden. Wenn ich da zum Beispiel an die grölende Menge in Clausnitz denke, vor den Bussen — die sind für mich genauso wenig integriert.”

Clausnitz, Februar 2016: ein Mob blockiert in Sachsen einen Bus mit Geflüchteten. Tekkal nennt diese Menge nicht-integriert und meint das wörtlich — auch dort habe Demokratie- und Staatsverständnis nicht stattgefunden. Damit trennt sie den Begriff Integration von Herkunft und Sprache und bindet ihn an eine Haltung. Wer diese Umdeutung mitmacht, kann Deutschen Integrationsdefizite bescheinigen. Wer sie ablehnt, muss erklären, warum Integration nur für Zugewanderte gelten soll.

Beiden Zwillingen liege ein Gefühl des Abgehängtseins zugrunde, sagt sie, entstanden auch aus einer „Appeasement-Politik”, in der viele ihre Stimme nicht mehr fanden — darunter Deutsche, die den Eindruck hatten, Zustände nicht ansprechen zu können, ohne in eine Ecke gestellt zu werden.

Eigene Einschätzung

An dieser Stelle wird es strittig, und der Streit lohnt sich. Die Gleichsetzung hat einen analytischen Gewinn: Sie verhindert, dass man den einen Extremismus über den anderen entschuldigt, und sie zwingt beide Lager zur gleichen Prüfung. Sie hat aber auch einen Preis. Islamismus und Rechtsextremismus unterscheiden sich in Verankerung und Machtzugang erheblich — der eine hat in Deutschland keine Partei in Landtagen, der andere sitzt in Parlamenten und stellt Bürgermeister. Wenn man beides „Einstieg in den Faschismus” nennt, verliert man die Frage, wer davon tatsächlich in die Nähe von Staatsmacht gelangt.

Ihr Satz über die Appeasement-Politik trägt zusätzlich eine Formulierung, die ihn 2026 anders klingen lässt als 2017. „Man darf nichts mehr sagen” ist seither zur Standardfigur einer Bewegung geworden, die sehr viel sagt und sehr laut. Tekkal meinte damals eine echte Beobachtung; das Argument ist inzwischen weitgehend von jenen besetzt, gegen die sich ihre andere Hälfte richtet. Man kann sie dafür nicht rückwirkend haftbar machen. Aber wer heute mit ihr argumentiert, muss diesen Bedeutungswandel mitdenken.

Der Rezipient, nicht der Imam

▶ 28:09 Wo ihre Kritik genau ansetzt, zeigt eine Passage über Prediger, die Christen und Jesiden als zu bekämpfende Barbaren bezeichnen. Man erwartet die Anklage gegen den Prediger. Sie kommt nicht:

„da ist mein Problem noch nicht mal der Imam, sondern der Rezipient, der sich dann für den Vollstrecker des Göttlichen hält — also das Gleiche, was beim Thema IS passiert.”

Das ist eine Unterscheidung, die in dieser Debatte selten gemacht wird: Ihr Gegner ist die Selbstermächtigung eines Menschen, im Namen Gottes zu vollstrecken — kein Glaube. Diese Figur kennt sie aus dem Sindschar.

Ähnlich sorgfältig geht sie mit dem berühmten Satz Christian Wulffs um, der Islam gehöre zu Deutschland. Sie nennt den Impuls richtig und die Anerkennung überfällig — und begründet das mit einer Anklage gegen die Union: Jahrzehntelang habe man die Realität der Einwanderungsgesellschaft geleugnet und am Abstammungsprinzip festgehalten, sodass Gastarbeiter, ihre Kinder und Enkel gesetzlich Gäste blieben, obwohl sie längst dazugehörten. Ihr Einwand richtet sich gegen die pauschale Form:

„den Islam gibt es nicht. Wenn der Islam zu Deutschland gehören soll, dann müssen wir definieren, welcher Islam das sein soll.”

Dass die hier lebenden Muslime zu Deutschland gehören, nennt sie unstreitig, besonders als Staatsbürger. Ihre Grenze zieht sie an der Rechtsordnung: „Jeder darf fromm leben, aber seine Frömmigkeit darf nicht mit unserem Rechtsstaat kollidieren.” Und sie verweist darauf, dass viele liberale Muslime selbst darum ringen, einen pluralistischen Islam zu definieren, der seine Texte als menschlich vermittelt und historisch bedingt versteht.

Bemerkenswert ist, dass sie die deutsche Empfindlichkeit gegen Pauschalverdacht nicht als Denkverbot abtut, sondern als begründet anerkennt:

„Es ist nachvollziehbar, dass die Deutschen aufgrund der Erfahrungen mit dem Nationalsozialismus sehr empfindlich darauf reagieren, wenn Angehörige einer Religionsgemeinschaft unter Generalverdacht gestellt werden. Das bedeutet aber nicht, dass wir keine Diskussion über problematische Einstellungen führen sollten.”

Der Satz zeigt, wie sie arbeitet: Sie räumt der Gegenseite ihr stärkstes Argument ein und verlangt dann trotzdem die Debatte. Ihre Erklärung, warum Menschen mit Migrationsgeschichte dabei oft kompromissloser seien als Deutsche, ist die naheliegende: weil sie wissen, was es heißt, unter der Dominanz einer sich politisch verstehenden Religion zu leben.

Ihre Empathie für gläubige Muslime ist dabei nicht eingeklebt. Sie beschreibt, dass sie als Journalistin bei strenggläubigen Gesprächspartnern drei Verhandlungspartner überzeugen muss — die Person, ihre Familie und Allah. Eine fromme Muslima, die sie für einen Film über Islamfeindlichkeit anfragte, sagte, sie müsse erst mit Allah und ihrer Familie sprechen; am nächsten Tag sagte sie zu.

„Ihre Frömmigkeit hat mich beeindruckt. […] Sie hat auf ihre Intuition gehört und auf mich als Menschen vertraut. Das fand ich mutig.”

Zum Kontext gehört, was sie selbst erlebt: Männer, die ihr ins Gesicht sagten, mit einer Frau redeten sie nicht, und die ihr die Hand nicht gaben; die Frage „betest du?” als Vorbedingung eines Interviews. Sie nennt diese Männer im selben Atemzug muslimisch und jesidisch. Und über die Lage jener, die öffentlich Religionskritik üben, sagt sie einen Satz, dessen Bitterkeit erst auffällt, wenn man weiß, dass sie heute selbst Personenschutz hat:

„Ich will aber nicht hören, dass jemand mutig ist, nur weil er in einem demokratischen Land offen seine Meinung sagt und die Einhaltung der bestehenden Gesetze fordert.”

„Krieg macht ehrlich”

▶ 6:52 Wie ihre Wende zustande kam, erzählt sie ohne Dramatisierung. Anfang August 2014 kamen Anrufe aus dem Irak:

„das waren eigentlich keine Anrufe, das waren Hilferufe — mit Aussagen wie: wir werden hier umgebracht, mein Vater ist enthauptet worden, meine Frau wurde mitgenommen, meine Tochter wurde entführt.”

Was in der Nacht vom 2. auf den 3. August geschah, schildert sie in der Härte, die sie für nötig hält, „weil das auch nie vergessen werden darf”: Um die 2.000 Männer fielen in Shingal ein, enthaupteten Menschen im Schlaf und machten Kinder innerhalb von Sekunden zu Vollwaisen.

Ihre Deutung geht über die eigene Gemeinschaft hinaus:

„was ich ganz wichtig finde ist, dass es nicht nur um Jesiden geht. Es geht darum, was Menschen mit Menschen machen im 21. Jahrhundert. […] Am Beispiel der Jesiden wurde Exempel statuiert, was Menschen mit Menschen machen, wenn sie entmenschlicht werden.”

Sie zieht die Linie zur deutschen Geschichte, und zwar mit einer Vorsicht, die man notieren sollte: Sie spricht von der Entmenschlichung von Menschen wegen einer anderen Religion und nennt den Holocaust dabei ausdrücklich ein singuläres Verbrechen. Die Gleichsetzung, die man ihr unterstellen könnte, macht sie nicht. Was sie sagt, ist etwas anderes: „die Tatsache, dass es überhaupt darum geht, dass wir schon wieder von Völkermord sprechen, ist eigentlich eine Bankrotterklärung.”

Sie sei über Nacht Kriegsberichterstatterin geworden und als Menschenrechtsaktivistin zurückgekehrt. „Krieg macht ehrlich” — so beschreibt sie im Buch, was der Einsatz mit ihr machte: sie konnte nicht mehr weggucken, sich nichts mehr vormachen.

Und dann folgt der Satz, mit dem sie die deutsche Debatte über importierten Terror umdreht:

„es war ja nicht nur so, dass wir hier Angst haben mussten, dass wir den Terror importieren — wir hatten ihn ja exportiert.”

Die Männer, die sich dem IS anschlossen, waren in Deutschland geboren, aufgewachsen, sozialisiert. Manche machten sich auf den Weg, um dort Frauen zu töten, die aus derselben Gesellschaft kamen wie sie. Wer diesen Satz ernst nimmt, kann Islamismus nicht als Grenzproblem behandeln. Sie zieht daraus allerdings auch eine Warnung, die sie selbst als tabuisiert bezeichnet: dass unter den Fluchtbewegungen nicht nur Verfolgte, sondern auch Verfolger die Routen nutzen könnten. Das ist der Punkt, an dem ihre Kritiker einsetzen — und sie setzt unmittelbar dagegen, man dürfe Extremismus nicht von Herkunft abhängig machen.

Die Frauenfrage

▶ 36:32 Ihre zweite These formuliert sie knapp: Die Integrationsfähigkeit der hier lebenden Menschen mit Zuwanderungsgeschichte hänge ganz klar an der Frauenfrage. Was sie stark macht, ist, dass sie den Satz zuerst gegen die eigene Seite wendet. Sie kämpfe „innerjesidisch” gegen bestimmte Verständnisse, und in derselben Passage benennt sie, worüber in ihrer Gemeinschaft geschwiegen wird:

„wir haben auch mit Themen zu tun wie beispielsweise Ehrenmord — ja, auch in jesidischen Familien. Auch diese Fragen müssen wir aufwerfen, auch mit diesen Fragen müssen wir uns selbstkritisch auseinandersetzen, und das tue ich auch in meinem Alltag als Journalistin. Ich habe sogar Filme darüber gemacht.”

Daraus leitet sie ihre Legitimation ab: „wenn wir gesellschaftskritisch sind und selbstkritisch, dann dürfen wir auch islamkritisch sein.” Und sie hält es für einen zentralen Fehler, dass Islamkritik zum Schimpfwort geworden sei.

Dazu ein Befund, der jede Bildungsromantik in der Extremismusprävention aufhebt:

„Bildung schützt vor Extremismus nicht.”

Als Gegenbild nennt sie die türkischen Arbeitskollegen ihres Vaters, die vielleicht gebrochen Deutsch sprächen und für sie besser integriert seien als manche gebildete Verbandsvertreter. Einer von ihnen habe fünfmal am Tag gebetet, und das sei kein Problem gewesen: „der war religiös, das war Privatsache.” Sie fügt an: „Das hat sich verändert.”

Eigene Einschätzung

Die Frauenfrage als Indikator ist ein besserer Vorschlag als die meisten, die in Integrationsdebatten kursieren, und zwar aus einem prüfbaren Grund: Sie ist beobachtbar. Ob eine Familie ihre Töchter schwimmen lässt, ob eine Frau ohne Verhandlung mit drei Instanzen ein Interview geben kann, ob ein Mann einer Journalistin die Hand gibt — das lässt sich sehen, während „Werte” sich nicht sehen lassen. Und der Indikator ist nicht kulturspezifisch: Er funktioniert auf ein deutsches Elternhaus angewandt genauso.

Die Grenze des Vorschlags ist, dass er zur Zensurformel taugt, sobald er in andere Hände gerät. „Integrationsfähigkeit hängt an der Frauenfrage” kann heißen: rechnet die Emanzipation ein, wenn ihr über Zugehörigkeit redet. Es kann aber auch heißen: prüft Zugehörigkeit an einem Kriterium, das man immer verfehlen kann. Tekkal meint das Erste — nachweisbar, weil sie ihre eigene Gemeinschaft zuerst prüft. Wer sie zitiert, ohne das mitzuzitieren, meint oft das Zweite.

Was Deutschland versäumt hat

▶ 22:48 Der Teil des Vortrags, der in der Debatte um sie am seltensten vorkommt, ist der, in dem sie Deutschland anklagt. Ihr Vater kam vor rund 45 Jahren und erhielt keine Sprachprogramme, wie sie später für Neuzuwanderer oder Russlanddeutsche selbstverständlich wurden:

„da ging es eigentlich nur darum: kannst du arbeiten — nicht: kannst du Deutsch. Und diesen Bildungsnotstand, der damals begonnen hat, den haben wir bis heute eigentlich nicht eingeholt.”

Sie stellt die Frage in der ersten Person Plural, was etwas über ihr Zugehörigkeitsgefühl sagt: „Haben wir bessere Rezepte geliefert? Fragezeichen. Hätten wir da mehr machen können?”

Ihre strukturelle These schließt daran an. Demokratie- und Staatsverständnis hänge von der kulturell-religiösen Früherziehung ab — und entscheidend sei, wer sie übernimmt und wie: dogmatisch oder quellenkritisch. Genau dort habe der Staat abgetreten:

„es hat auch was damit zu tun, dass wir die Zukunft deutscher Muslime in die Hände von reaktionär-konservativen Islamverbänden gelegt haben.”

Was sie meint, ist konkret: weisungsgebundene Beamte, die der türkischen Diyanet unterstehen, und über sie betriebene türkische Außenpolitik. Ihre Forderung ist entsprechend institutionell: Imame sollen in Deutschland ausgebildet werden, in einer Sprache, die alle verstehen, auf dem Boden des Grundgesetzes; Moscheen sollen Orte der Integration werden. Ihr Urteil über die Rolle der Imame ist ausdrücklich zweiseitig — sie könne im positiven wie im negativen entscheidend sein.

Auf die eigene Gesellschaft angewandt lautet die Selbstkritik:

„in dem Moment, wo wir von Werten sprechen, müssen wir uns selbstkritisch die Frage stellen: haben wir diese Werte überhaupt unterrichtet? Das haben wir nicht.”

Sie will an die Lehrpläne: der Nahostkonflikt, Rassismus in Zuwandererfamilien, Antisemitismus — das müsse in die Schulen. Denn die Jugendlichen holten sich ohnehin alles aus sozialen Medien, und dort seien Hassprediger und Rechtspopulisten lauter. Aus ihren Schulbesuchen berichtet sie das Gegenteil von Desinteresse: eine „Sehnsucht”, fast einen Wissensdurst. Was fehle, seien Vorbilder mit Zuwanderungsgeschichte, männliche wie weibliche.

Und dann eine Beobachtung, die ihre Ernsthaftigkeit belegt. Sie sagt, ihr Problem im Klassenzimmer seien die Jungen, die zunächst widersprechen, nicht das Mädchen, das alles im Griff hat — und deren Einwand nimmt sie wörtlich auf: sie hätten das Gefühl, ihre ganze Religion werde in Geiselhaft genommen. Genau diesem Einwand müsse man sich stellen, „denn jeder, den wir verlieren, ist eine Gefahr für diese Gesellschaft.”

Der 72. Firman

▶ 63:05 Auf die Frage einer Zuhörerin nach dem Jesidentum gibt sie die dichteste Erklärung des Abends. Es sei eine der ältesten Religionen der Welt und reiche bis rund 4.000 Jahre vor Christus zurück. Jeside könne man nur werden, indem man geboren wird — beide Eltern müssen es sein. Und dann die Begründung dieser Strenge, die alles verändert:

„diese strenge Regel ist entstanden, weil die Geschichte des Jesidentums nicht losgelöst von Unterdrückung, Massakern und Völkermorden zu verstehen ist. Auch das haben wir gemeinsam mit den Juden.”

Was 2014 geschah, sei für die Jesiden das 72. Mal gewesen. Daraus zieht sie einen Begriff, der eine ganze Kultur beschreibt:

„deswegen ist das auch eine traumatische Religion.”

Man wachse mit den Horrorgeschichten der Großeltern auf, ähnlich wie bei den Armeniern. Und dann der Satz, der diesen Vortrag am Gedenktag unentbehrlich macht:

„wir waren eigentlich die erste Generation, die das nicht mehr miterleben musste. Der IS hat das zunichte gemacht. Wir sind wieder Zeugen geworden eines fortwährenden Völkermordes.”

Eine Generation, die glaubte, sie sei die erste außerhalb der Reihe. Dieser Satz erklärt, warum in dieser Gemeinschaft niemand von „Vergangenheit” spricht.

Was sie über die Täter sagt, führt am weitesten von allem. Sie zitiert Nadia Murad mit einer Unterscheidung, die zwischen zwei Zugehörigkeiten trennt: „das, was uns passiert ist, ist uns passiert, weil wir Jesiden waren, nicht weil wir Kurden waren.” Die erste Frage beim Einmarsch sei gewesen: bist du muslimisch, bist du jesidisch? Und dann:

„dass die Nachbarn zu Tätern wurden, dass die Nachbarn zu Verrätern wurden — dass sie gesagt haben, da wohnt eine jesidische Familie und da auch. […] das waren Nachbarn, mit denen man aufgewachsen war.”

Es war also nicht der IS allein: auch die, die sich mit ihm solidarisierten. Viele hätten gesagt, sie stürben lieber, als zu konvertieren. Wer die europäische Geschichte kennt, erkennt hier die Struktur wieder, die aus einem Pogrom einen Völkermord macht: die Liste kommt aus der Nachbarschaft.

Die Macht der Begegnung

▶ 38:48 Ihr Lösungsvorschlag ist unspektakulär, und in dieser Unspektakularität liegt seine Ehrlichkeit. Die Migranten, die angekommen sind, seien selbstverständlich Teil der Lösung — weil sie die Unterdrückungserfahrung durchlaufen haben und darum Brückenfunktionen übernehmen können. Deshalb der Satz, der ihre Kritiker überraschen dürfte:

„meine türkischen Freunde waren mir nie wichtiger als gegenwärtig.”

Gegen die Anonymisierung des Netzes, die sie an anderer Stelle „Psychokrieg der Digitalisierung” nennt, setzt sie ein einziges Mittel:

„da gibt es, glaube ich, nichts, was stärker ist als die Macht der Begegnung.”

Und institutionell: HÁWAR.help wurde nach dem Völkermord gegründet, um „zur Stimme der Stimmlosen zu werden — und zwar unabhängig davon, welcher Religion die Menschen angehören.” Aus einer jesidischen Katastrophe entstand also bewusst keine jesidische Organisation. Einer ihrer Schwerpunkte ist heute Integration; erwähnt wird das Projekt Scoring Girls ihrer Schwester Tuğba Tekkal, ehemals Bundesliga-Fußballerin beim 1. FC Köln.

Zu dieser Organisation gehört heute auch Jihan Alomar als Wertebotschafterin — jene Überlebende, die 2014 als Zehnjährige verschleppt wurde und mit siebzehn beschloss, in Klassenzimmer zu gehen. Die Linie von diesem Vortrag zu ihr ist gerade: eine Journalistin fliegt 2014 in ein Massaker, gründet daraus einen Verein, und ein Kind aus demselben Massaker macht daraus zehn Jahre später Bildungsarbeit.


Zuschauerfragen

Die Diskussion nach der Lesung war lang; eine Wortmeldung ist es wert, festgehalten zu werden. ▶ 60:02 Eine Frau, die vierzig Jahre an einer Berliner Grundschule unterrichtet hat, erzählt von muslimischen Mädchen, die nicht zum Schwimmunterricht durften. Sie beschreibt Kinder, die sich an sie klammerten und weinten:

„ich möchte aber mit zum Schwimmen. […] Ich musste sie abweisen und sagen: das musst du mit deinem Vater verhandeln.”

Dann fügt sie etwas an, das die eigene Empörung relativiert und die Debatte damit erst brauchbar macht: Auf Versammlungen türkischer Elternvereine habe man ihr entgegengehalten, das sei in Deutschland doch genauso gewesen. „Ja, es war genauso. Ich habe es erlebt.” Es habe sich eben geändert. Ihre Fragen danach sind die einer neugierigen Person, nicht die einer Anklägerin: Was wurde aus Tekkals Brüdern? Und: Was ist das eigentlich für eine Religion — sie verstehe das nicht, und der jesidische Junge im Flüchtlingsheim, den sie liebe, könne es ihr nicht erklären.

Aus dieser Frage entstand die Passage über Tausi Melek. Tekkals Antwort beginnt mit einer Verbeugung vor der Fragestellerin, die zugleich ihre eigene These stützt:

„das ist auch ganz wichtig, immer wieder sich daran zu erinnern, was man denn selber für ein Leben geführt hat. […] wir haben da eigentlich nur so einen Generationssprung.”

Der Hinweis, dass deutsche Schulen bis in die fünfziger Jahre ähnliche Regeln kannten, kommt hier als Zeitrechnung, nicht als Entschuldigung. Wandel hat in Deutschland gedauert. Das ist ein Argument gegen Ungeduld und für Beharrlichkeit zugleich.


Faktencheck

Bestätigt — Datum und Ausmaß des Angriffs

Der Angriff auf die Sindschar-Region begann in der Nacht zum 3. August 2014; über 5.000 Jesiden wurden ermordet, Tausende Frauen und Mädchen verschleppt. Die Angabe „um die 2.000 Männer” bezieht sich auf die angreifenden IS-Kräfte und ist als Größenordnung aus Augenzeugenberichten geläufig, aber nicht amtlich belegt. Quelle: bpb — 2014: Völkermord an Jesidinnen und Jesiden

Bestätigt — Clausnitz

Am 18. Februar 2016 blockierten in Clausnitz (Sachsen) rund einhundert Demonstranten einen Bus mit 15 Asylsuchenden aus Syrien, Libanon, Iran und Afghanistan und riefen „Wir sind das Volk!“. Die Videos gingen um die Welt; Regierungssprecher Steffen Seibert nannte den Vorgang „tief beschämend”. Die Blockade blieb ohne Urteil — das Verfahren gegen zwei Beteiligte wurde gegen Geldbußen von 2.400 und 1.900 Euro eingestellt. Tekkals Bezug ist zutreffend. Quellen: Ausschreitungen gegen Flüchtlinge in Clausnitz · taz — Busblockierer kaufen sich frei

Bestätigt, mit einer Präzisierung — warum sie „72" sagt und andere „74"

Tekkal nennt 2014 das 72. Mal, der GfbV-Vortrag von 2022 spricht von 74 Firmans. Beides ist begründet, und die Differenz ist selbst der interessante Befund. Die Tradition kennt 72 Fermane, wobei 72 in der jesidischen Überlieferung eine mythische Zahl für „sehr viele” ist. Erst im 21. Jahrhundert, als diese Bedeutung verblasste, wurde weitergezählt: der Anschlag von 2007 als 73., der IS-Genozid als 74. Firman. Die Zahl 74 hat sich seither durchgesetzt — sie trägt das Forschungsprojekt „Ferman 74” der Universität Potsdam und ist in die peer-reviewte Literatur eingegangen. Die Anthropologin Maria Six-Hohenbalken zählt umgekehrt die Verfolgung im Ersten Weltkrieg als 72. Firman. Tekkals Angabe von 2017 ist also die traditionelle, nicht die falsche. Keine der Zahlen ist eine historiografisch geprüfte Ereigniszählung; sie beschreiben, wie eine Gemeinschaft ihre eigene Geschichte zählt. Quellen: Kokaisl u. a., Religions 2022, doi:10.3390/rel13111071 · Six-Hohenbalken, Genocide Studies International 2019, doi:10.3138/gsi.13.1.04 · Universität Potsdam — Projekt „Ferman 74”

Vereinfacht — das Alter der Religion

„Bis 4.000 Jahre vor Christus” ist eine Selbstbeschreibung der Tradition. Die Religionswissenschaft datiert das Jesidentum in seiner heutigen Gestalt auf das 12. Jahrhundert: Scheich ʿAdī ibn Musāfir ließ sich zu Beginn des Jahrhunderts im Tal von Lalish nieder und starb 1162; sein Grab ist der Hauptwallfahrtsort. Die Lehre verband sich rasch mit älteren lokalen Traditionen — beschrieben wird sie als synkretistisch, mit zoroastrischen, manichäischen, jüdischen, christlichen und islamischen Elementen. „Eine der ältesten Religionen der Region” ist damit vertretbar, eine Datierung auf 4000 v. Chr. nicht. Quellen: Encyclopædia Iranica — Yazidis i. General · Britannica — Yazidi

Zu prüfen — „alle Kurden waren mal Jesiden"

Diese Aussage gibt eine in der jesidischen Gemeinschaft verbreitete Überzeugung wieder, die Tekkal auch mit einer Familienerinnerung stützt („der Opa war noch Jeside”). Dass große Teile der kurdischsprachigen Bevölkerung vor der Islamisierung anderen Religionen angehörten, ist plausibel; eine flächendeckende jesidische Vorgeschichte aller Kurden ist nicht belegt. Keine unabhängige Quelle für die starke Lesart gefunden.

Bestätigt — DITIB und die türkische Diyanet

Die Abhängigkeit trifft zu, und der Vortrag liegt zeitlich mitten in der Aufdeckung: Nach einer Diyanet-Anweisung vom 20. September 2016 sollen in Deutschland eingesetzte Imame regierungskritische Muslime ausgespäht und über die Generalkonsulate an Ankara berichtet haben; im Frühjahr 2017 ermittelte die Bundesanwaltschaft, Wohnungen von vier Imamen wurden durchsucht. Die Fachaufsicht über lokale DITIB-Vereine liegt bei den Religionsbeauftragten an den Konsulaten — ohne die Religionsbehörde in Ankara fallen weder inhaltliche noch personelle oder finanzielle Entscheidungen. Quellen: Deutscher Bundestag — Spionageverdacht gegen Imame bei Ditib (03/2017) · Bundestags-Drucksache 18/11576

Bestätigt — Wulffs Satz und das Staatsangehörigkeitsrecht

Christian Wulff sagte am 3. Oktober 2010, der Islam gehöre „inzwischen auch zu Deutschland”. Auch Tekkals historische Einordnung trifft zu: Seit dem Reichs- und Staatsangehörigkeitsgesetz von 1914 galt allein das Abstammungsprinzip (ius sanguinis); erst die zum 1. Januar 2000 in Kraft getretene Reform ergänzte es um das Geburtsortsprinzip (ius soli). Bis dahin waren hier geborene Kinder und Enkel der Gastarbeiter rechtlich keine Deutschen. Quelle: bpb — Ius sanguinis

Bestätigt — Nadia Murad

Tekkal filmte 2014 als erste Journalistin die damals unbekannte Nadia Murad. Zum Zeitpunkt des Vortrags (Juni 2017) war Murad UN-Sonderbotschafterin; den Friedensnobelpreis erhielt sie 2018, also nach diesem Abend. Quelle: Nobelprize.org — Nadia Murad

Umstritten, nicht falsch — die These der „bösen Zwillinge"

Die Gleichsetzung von Islamismus und Rechtsextremismus als funktional gleichartige Demokratiefeindschaft ist eine politische Deutung, kein überprüfbarer Sachverhalt. Sie ist in der Extremismusforschung als Vergleichsperspektive etabliert, wird aber auch kritisiert, weil beide Phänomene sich in Verankerung, Mobilisierungskraft und Zugang zu Staatsmacht erheblich unterscheiden. Als These bewertbar, nicht als Faktum. → siehe „Eigene Einschätzung” oben.

Nicht geprüft wurden ihre biografischen Erinnerungen (Schultüte, Elternabende, die Anfeindungen ihrer Mitschüler) und ihre Erfahrungen als Reporterin. Das sind Zeugnisse, keine überprüfbaren Ansprüche.

Transkript: Gedankenwelten/Transkripte/Tekkal_Deutschland_bedroht_Transkript.txt — YouTube-Automatikuntertitel. Personennamen und Fachbegriffe (Tausi Melek, Diyanet, Clausnitz) sind darin verschrieben und hier stillschweigend korrigiert.


Weiterführende Quellen

Aus der Video-Beschreibung:

Zu ihrer Arbeit:

Zum Hintergrund:


Verbindungen

GfbV — Jesidische Familien in der Diaspora

Sozialarbeit und Kulturkampf, zur selben Gemeinschaft. Auffällig ist, dass hier und dort unabhängig voneinander die Formulierung „traurige Berühmtheit” fällt — dafür, dass die Jesiden in Deutschland erst durch ihre Vernichtung bekannt wurden. Wo der GfbV-Vortrag Fälle beschreibt, führt Tekkal einen Streit — und die Reibung ist produktiv: Dort wird gewarnt, die Gemeinschaft zu generalisieren, hier wird bewusst generalisiert, um politisch zu wirken.

Jihan Alomar — Gefangen vom Islamischen Staat

Dieselbe Nacht, umgekehrte Rollen. Tekkal flog vier Tage nach dem Angriff in das Gebiet, Alomar wurde in dieser Nacht als Zehnjährige verschleppt. Aus Tekkals Reise wurde HÁWAR.help; Alomar ist heute Wertebotschafterin dieser Organisation und Protagonistin ihres Films Bêmal. Eine Journalistin macht aus einer Katastrophe einen Verein, ein Kind aus derselben Katastrophe zehn Jahre später Bildungsarbeit.

Matthias Quent und Maja Goepel — Extremismus NEU DENKEN

Der härteste Prüfstein für die bösen Zwillinge, und er fällt in beide Richtungen aus. Quent hält die Symmetrie der Extremismen und die Hufeisenlogik für sozialwissenschaftlich unhaltbar — das trifft Tekkals Kurzformel direkt. Sein eigenes Kriterium aber, Ungleichwertigkeitsideologie und Faschismus als Technik der Emotionalisierung, erfasst den Islamismus lückenlos und gibt ihr in der Sache recht. Wer beide liest, sieht: Der Streit dreht sich um Verankerung und Zugang zu Staatsmacht, nicht um die Funktion.

Pankaj Mishra — Zeitalter des Zorns

Mishra behauptet dieselbe Einheit der Phänomene, führt sie aber auf das Ressentiment der Moderne zurück statt auf Demokratiefeindschaft. Damit stützt er ihren stärksten Satz — dass Deutschland den Terror exportiert hat — und untergräbt ihren bekanntesten: Wenn Islamismus und Rechtsradikalismus dieselbe moderne Kränkung sind, dann handelt es sich nicht um Zwillinge: es ist dasselbe Kind, und „Einstieg in den Faschismus” verfehlt den Antrieb.

Malala Yousafzai — Die Zukunft der Mädchenbildung

Zwei Frauen, die islamistische Gewalt überlebten und die Frauenfrage ins Zentrum stellen — und ein frontaler Zusammenstoß in der Antwort. Malalas Werk beruht auf dem Satz, dass ein Buch und ein Stift die Verhältnisse ändern; Tekkal sagt trocken, Bildung schütze vor Extremismus nicht, und stellt den gebrochen Deutsch sprechenden Arbeitskollegen ihres Vaters über den studierten Verbandsvertreter. Auflösbar ist der Streit nur, wenn man trennt, was beide meinen: Zugang für Mädchen gegen formale Abschlüsse als Immunisierung. Genau diese Trennung fehlt in fast jeder Präventionsdebatte.

Inon und Abu Sarah — The Future is Peace

Der lebende Gegenbeweis zu ihrem gefährlichsten Befund, dass Opfer herrschen wollen. Inon verlor die Eltern am 7. Oktober, Abu Sarah den Bruder in israelischer Haft — beide verweigern den Anspruch, den ihr Verlust ihnen zusprechen würde. Tekkal gehört mit HÁWAR.help auf ihre Seite: Die Organisation entstand aus einer jesidischen Katastrophe und wurde bewusst keine jesidische Organisation. Ihre These und ihre eigene Praxis widersprechen sich also — Opfer können herrschen wollen, müssen aber nicht.

Götz Aly — Wie konnte das geschehen

Die Struktur, die aus einem Pogrom einen Völkermord macht, in ihrer deutschen Fassung. Alys Prinzip der Verstrickung — Mitschuld durch Nutznießen — erklärt genau das, was Tekkal als das Unerträglichste des Sindschar benennt: dass die Nachbarn zu Verrätern wurden und die Liste aus der Nachbarschaft kam. Beide widerstehen der bequemen Deutung: Aly weigert sich, die Täter zu Monstern zu machen, Tekkal weigert sich, den Holocaust einzuebnen, und nennt ihn ausdrücklich singulär. Vergleichbar ist der Weg dorthin, nicht das Verbrechen.

scobel — Foucault Aufklaerung als Haltung

Dieselbe Denkbewegung zweimal: Foucault macht aus der Aufklärung eine Haltung statt einer Epoche, Tekkal aus der Integration eine Haltung statt einer Herkunft — deshalb kann sie die Menge von Clausnitz nicht-integriert nennen. Und ihr präzisester Satz — ihr Problem sei der Rezipient, der sich für den Vollstrecker des Göttlichen hält, nicht der Imam — ist selbstverschuldete Unmündigkeit in ihrer tödlichen Form: die Delegation des eigenen Gewissens an eine Autorität. Tausi Melek, der Gott widerspricht, ist das sapere aude als Gründungsmythos.

Soroush und Heck — Politische Tradition des Islam

Soroushs Kernsatz — Häresie entsteht erst dort, wo Macht eine Deutung erzwingt — erklärt religionsphilosophisch, warum die Jesiden zu Abgefallenen erklärt werden konnten: weil der IS die Deutungsmacht hatte, nicht weil ihre Theologie es hergab. Und hier reibt es: Soroush und Heck verwerfen die Religion, die Identität statt Moral ist — Tekkals Jesidentum ist die reinste Form davon, nur durch Geburt betretbar, und sie begründet diese Strenge selbst mit der Verfolgungsgeschichte. Daraus wächst die Frage, ob eine Identitätsreligion aus Notwehr eine andere ist als eine aus Machtanspruch.

Aladin El-Mafaalani — Misstrauensgemeinschaften und was die AfD wirklich stoppt (taz FUTURZWEI-Talk)

Der produktivste Widerspruch im Bestand, weil beide aus demselben Milieu kommen und dieselben Konflikte umgekehrt lesen. Tekkal sieht in Parallel- und Gegengesellschaften das Versäumnis; El-Mafaalanis Integrationsparadox deutet wachsende Reibung als Beweis des Gelingens — wer die Spielregeln mitverhandelt, sitzt am Tisch. Tekkals Integrationsbegriff braucht diesen Einwand, sonst kippt „Haltung statt Herkunft” in eine Prüfung, die man immer verfehlen kann. Umgekehrt fehlt dem Paradox ihre Frage, ob jede Reibung Teilhabe ist oder manche einfach Ablehnung.


Weiterdenken

Was Sokrates vielleicht gefragt hätte

  • Tausi Melek widersprach Gott, und daraus wurde der Vorwurf der Teufelsanbetung. Was sagt es über eine Kultur, dass sie den Widerspruch gegen Gott nur als Bosheit denken kann?
  • Sie nennt die grölende Menge von Clausnitz „nicht integriert”. Wenn Integration eine Haltung ist und keine Herkunft — wer in diesem Land wäre dann integriert, und wer nicht?
  • Ihr Vater rettete sich ins Grundgesetz. Was heißt es für die, die es geerbt haben, dass andere darin Zuflucht suchen — und woran merkt man, dass ein Erbe verwahrlost?
  • „Bildung schützt vor Extremismus nicht.” Wenn das stimmt, worauf setzen wir dann unsere Präventionshoffnungen — und warum halten wir so hartnäckig an der Bildungsvermutung fest?
  • Sie sagt, wir hätten den Terror exportiert, nicht importiert. Wenn die Täter hier aufwuchsen, was hätte sie halten können — und wer hätte es tun müssen?
  • „Wir sind wieder Zeugen geworden eines fortwährenden Völkermordes.” Was tut es mit einem Menschen, dessen Religion die eigene Vernichtung mitzählt — und was mit einer Gesellschaft, die nicht mitzählt?