GedankenraumMolly Crockett — DenkerVita
Empörung ist ein altes Werkzeug der Moral; im Netz wird sie eingeübt. Molly Crockett aus Princeton zeigt, wie Likes und Shares sie belohnen, bis sie zur Gewohnheit wird.
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Hilma af Klint — flache Tempera, Pastell, ein esoterisch-wissenschaftliches Diagramm. af Klint malte Wissenschaft und Innenschau als eine einzige Ordnung, und genau dort arbeitet Crockett: zwischen Labor und Meditationskissen. Zwei Kreise, der Einzelne als ruhige Spirale, die Gruppe als Punktewolke; wo sie sich überschneiden, brennt die kleine Flamme der Empörung. Die Wellenlinien mit Pfeilen sind die Verstärkungsschleife, der Messkreis dahinter das Instrument.
Prompt: A wide 1200x500 banner in the style of Hilma af Klint: a symmetrical esoteric-scientific diagram painted in flat tempera on paper, soft pastel palette of pale blue, rose, mustard yellow and cream, with one small intense crimson flame. At the center two overlapping circles like a Venn diagram of mind and group: inside the left circle a calm spiral in blue, inside the right a cluster of many tiny dots like a crowd. Where they overlap, a small crimson flame rises. Around the circles, a delicate rising and falling line like a feedback loop, with little arrow-petals, and a thin grid of concentric rings like a measuring instrument. Botanical tendrils and geometric petals at the edges, balanced and meditative, spiritual and scientific at once. No human faces, no photorealism, no legible text.
Biographischer Snapshot
Molly J. Crockett — forscht in Psychologie und Neurowissenschaft, stammt aus Irvine, Kalifornien; seit Juli 2022 Associate Professor am Department of Psychology und am University Center for Human Values der Princeton University. Crockett erforscht, wie Menschen entscheiden, ob sie helfen oder schaden, strafen oder vergeben, vertrauen oder verurteilen.
Studium der Psychobiologie an der UCLA (2005), Promotion in Experimenteller Psychologie in Cambridge (2011) als Gates Cambridge Scholar, dann Zürich, das University College London, Oxford (Jesus College) und ab 2017 Yale. Der Weg führt vom Serotonin im Labor zur Empörung im Netz und zuletzt zur Frage, was KI mit dem wissenschaftlichen Erkennen selbst macht.
Wichtigste Werke: Serotonin Modulates Behavioral Reactions to Unfairness (Science, 2008) · Moral outrage in the digital age (Nature Human Behaviour, 2017) · How social learning amplifies moral outrage expression in online social networks (Science Advances, 2021, mit William Brady u. a.) · Artificial intelligence and illusions of understanding in scientific research (Nature, 2024, mit Lisa Messeri)
Kernkonzepte: Empörung als soziales Lernsignal · Verstärkung durch Likes und Shares · Moralökonomie der Aufmerksamkeit · Illusionen des Verstehens durch KI · epistemische Monokulturen
Biografie
Molly Crockett stammt aus Irvine in Kalifornien. An der UCLA studierte Crockett Psychobiologie und schloss 2005 summa cum laude ab; schon dort entstand, im Labor von Matthew Lieberman, die Mitarbeit an einer vielzitierten Studie über das affect labeling: Wer ein Gefühl in Worte fasst, dämpft die Aktivität der Amygdala.
Mit einem Gates-Stipendium ging Crockett nach Cambridge, an das King's College, und promovierte 2011 in Experimenteller Psychologie, im Umfeld des Neuropharmakologen Trevor Robbins. Mitten in der Promotion kam der erste große Befund: Wer durch ein Aminosäuregetränk ohne Tryptophan vorübergehend weniger Serotonin im Gehirn hat, lehnt im Ultimatumspiel unfaire Angebote häufiger ab, straft also bereitwilliger, auch wenn es ihn selbst etwas kostet (Science, 2008). Zwei Jahre später zeigte eine Folgestudie die Gegenrichtung: Das Antidepressivum Citalopram machte Versuchspersonen zurückhaltender darin, anderen zu schaden (PNAS, 2010). Teile der Presse lasen daraus eine Moral auf Rezept. Crockett widersprach öffentlich. Der TED-Talk Beware neuro-bunk (2012) warnt vor genau dieser Verkürzung von Hirnbefunden zu Schlagzeilen, ein früher Zug, der das ganze Werk durchzieht: Misstrauen gegenüber der zu glatten Erklärung.
Es folgten Postdoc-Jahre mit einem Sir Henry Wellcome Fellowship, zuerst 2011–2012 bei den Ökonomen um Ernst Fehr in Zürich, dann 2012–2014 am Wellcome Trust Centre for Neuroimaging des University College London. 2014 wurde Crockett Associate Professor für Experimentelle Psychologie in Oxford und Tutorial Fellow am Jesus College, zugleich Fellow am Oxford Centre for Neuroethics.
Der Wendepunkt kam 2017 mit dem Wechsel nach Yale. Im selben Jahr erschien in Nature Human Behaviour der kurze Essay Moral outrage in the digital age. Crockett übertrug darin das Laborwissen über Strafe und Normdurchsetzung auf die sozialen Medien: Online begegnen wir mehr Empörendem als im Alltag, das Empören kostet fast nichts, und wer sich empört, wird mit Aufmerksamkeit belohnt. Vier Jahre später lieferte die Gruppe um William Brady die empirische Probe: In einer Analyse von 12,7 Millionen Tweets zeigte sich, dass Nutzer, deren empörte Beiträge mehr Likes und Retweets bekamen, in der Folge häufiger empört schrieben (Science Advances, 2021). Für ihre Arbeit erhielt Crockett 2019 den Janet Taylor Spence Award der Association for Psychological Science.
Im Juli 2022 wechselte Crockett nach Princeton, an das Department of Psychology und das University Center for Human Values. Die Fragen wurden grundsätzlicher. 2024 veröffentlichte Crockett gemeinsam mit der Yale-Anthropologin Lisa Messeri in Nature eine Kritik an den Hoffnungen, KI könne die Wissenschaft beschleunigen. Wer KI als Orakel, Ersatz-Versuchsperson, Rechenknecht oder Schiedsrichter einsetze, laufe Gefahr, mehr zu produzieren und weniger zu verstehen, und die Vielfalt wissenschaftlicher Zugänge auf eine Monokultur zu verengen.
Neben dem Labor praktiziert und lehrt Crockett Samatha-Meditation. 2018 stellte Crockett Forschung zu den Geschichten, die wir über unsere eigene Natur erzählen, beim Mind & Life Dialog dem Dalai Lama vor.
Bücher & Publikationen
Crockett hat bislang kein eigenes Buch veröffentlicht. Das Werk lebt in Fachaufsätzen.
| Titel | Jahr | Beschreibung |
|---|---|---|
| Putting feelings into words: affect labeling disrupts amygdala activity (Lieberman et al., Psychological Science) | 2007 | Gefühle benennen dämpft die Amygdala. Mitarbeit aus der UCLA-Zeit. |
| Serotonin modulates behavioral reactions to unfairness (Science) | 2008 | Weniger Serotonin, mehr Bereitschaft, Unfairness zu bestrafen: der Durchbruch aus der Promotion. |
| Serotonin selectively influences moral judgment and behavior through effects on harm aversion (PNAS) | 2010 | Citalopram erhöht die Scheu, anderen zu schaden. |
| Moral outrage in the digital age (Nature Human Behaviour) | 2017 | Programmatischer Essay: Soziale Medien senken die Kosten der Empörung, vervielfachen ihre Auslöser und belohnen ihren Ausdruck. |
| How social learning amplifies moral outrage expression in online social networks (Brady, McLoughlin, Doan & Crockett, Science Advances) | 2021 | 12,7 Mio. Tweets: Positive Rückmeldung auf empörte Beiträge sagt spätere Empörung voraus. Verstärkungslernen und Normlernen im Netz. |
| Norm psychology in the digital age: How social media shapes the cultural evolution of normativity (Brady & Crockett, Perspectives on Psychological Science) | 2023 | Wie Plattformen verzerren, welche Normen wir für geteilt halten. |
| Artificial intelligence and illusions of understanding in scientific research (Messeri & Crockett, Nature) | 2024 | KI als Orakel, Surrogat, Quant und Schiedsrichter: die Gefahr, mehr zu produzieren und weniger zu verstehen. |
Empfehlenswerte Videos & Vorträge
- Molly Crockett, Yale University: Moral Outrage in the Digital Age — Vortrag am Center for Customer Insights der Yale School of Management (2019), die Grundlage der Cortex-Note
- 'Moral outrage in the digital age' with Prof Molly Crockett — dasselbe Thema an der Oxford Martin School
- Moral Outrage in the Digital Age | Molly Crockett — Vortrag für die Leakey Foundation, mit evolutionärem Blick auf Empörung als Normdurchsetzung
- How Social Media Makes Us Angry All the Time | Molly Crockett | Big Think — die Kernthese in wenigen Minuten
- Beware neuro-bunk — TED 2012, die frühe Warnung vor aufgeblasenen Hirnbefunden
- Mind & Life Podcast: Changing the World is a Group Project — Gespräch (2025) über Empörung, KI, Meditation und die Grenzen quantitativen Wissens
Kernthesen
- Empörung hat eine Aufgabe. Moralische Empörung ist ein altes Werkzeug, um Normen durchzusetzen und Fehlverhalten zu ahnden. Das Problem liegt in der Umgebung, in der wir sie heute ausdrücken.
- Das Netz senkt den Preis und erhöht den Lohn. Online sehen wir mehr Empörendes als im eigenen Alltag, der Ausdruck kostet einen Klick, und Likes und Shares belohnen ihn. So wird Empörung zur Gewohnheit.
- Wir lernen Empörung. Wer für empörte Beiträge Zustimmung erntet, schreibt später empörter. Die Plattform formt das Verhalten über dieselben Lernmechanismen, die im Labor jede Belohnung formen.
- Das Bild der Normen verrutscht. Weil die Lautesten am sichtbarsten sind, halten wir extreme Positionen für verbreiteter, als sie sind, und die Gesellschaft für gespaltener, als sie ist.
- Werkzeuge formen das Erkennen. Ob Hirnscanner-Schlagzeile oder KI-Assistent in der Forschung: Jede Technik, die Verstehen verspricht, kann die Illusion des Verstehens erzeugen und die Vielfalt der Zugänge verengen.
Verbindungen zu anderen Denkern
- Jonathan Haidt — Beide erforschen moralische Emotionen als Erbe der Evolution. Haidt kartiert die Intuitionen und trennt Wut von Abscheu. Crockett fragt, was aus Empörung wird, wenn eine Plattform ihre Auslöser, Kosten und Belohnungen neu verteilt.
- Fabian Bernhardt — Zwei Rehabilitierungen verpönter Affekte. Bernhardt sieht in der Rache den Ursprung des Gerechtigkeitssinns, Crockett in der Empörung ein Werkzeug der Normdurchsetzung, und fügt die Frage hinzu, wann dieses Werkzeug seine Signaltreue verliert.
- Renée DiResta — Mikro- und Makroebene derselben Mechanik: Crockett erklärt, warum moralisch-emotionale Wörter sich verbreiten, DiResta, wie Influencer, Algorithmus und Crowd daraus ein System der Propaganda bauen.
- Steffen Mau — Crockett zeigt, dass Empörung online vor allem im eigenen Lager kreist. Mau misst, dass die Gesellschaft weit weniger gespalten ist, als sie sich fühlt. Zusammen erklären sie die Lücke zwischen der Lautstärke und der Verteilung der Meinungen.
- Cedric Mössner (Morpheus) — Gesprächspartner in derselben Note: Mössner sucht die Ursache im Code, der Reaktion misst, Crockett im alten Gefühl, das der Code bedient, und widerspricht dem Schluss, Empörung einfach herauszurechnen, weil gemeinsame Empörung gerade Gruppen ohne Stimme Gehör verschafft.
Cortex-Notes
Im Bestand
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