GedankenraumForschung
Wofür ist das Labor verantwortlich, wer bezahlt es, wie weit darf man ihm glauben, und was ändert die Maschine daran? Vier offene Fragen an die Forschung und die Stimmen, die sich an ihnen reiben.
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Joseph Wright of Derby (An Experiment on a Bird in the Air Pump, 1768) — Wright malte die Naturforschung der Aufklärung als nächtliches Schauspiel: Ein Vortragender pumpt die Luft aus einer Glaskugel, in der ein Vogel sitzt, und die Zuschauer ringsum zeigen alles, was Wissenschaft in Menschen auslöst, Neugier, Entsetzen, Gleichgültigkeit. Hier trägt die Szene die vier Fragen dieses Panoramas: der Vogel, an dem das Experiment hängt; einer, der sich die Augen zuhält; eine Taschenuhr und ein Stapel Münzen am Rand des Lichts; und von rechts greift der weiße Arm eines Laborroboters in das Bild von 1768. Eine erste Fassung malte die Gesichter zu nah am Foto und stellte die Kerze in die Glaskugel zum Vogel; sie wurde verworfen.
Prompt: Oil painting in the style of Joseph Wright of Derby's An Experiment on a Bird in the Air Pump (1768), wide horizontal banner, dramatic candlelight chiaroscuro, deep umber and black shadows, warm golden light, thick old varnish and fine craquelure. On a wooden table in a dark room stands a large clear glass sphere on a brass air pump, a small white bird fluttering inside it. The only light is a single candle standing on the table beside the sphere, partly hidden behind a glass flask of liquid that glows. Around the table the onlookers are seen only as dark silhouettes and from behind, their faces completely turned away or lost in shadow: one leans in, one raises a hand to cover the eyes, one holds up a pocket watch, one stacks gold coins at the edge of the light. On the far right, emerging from the darkness, the smooth white arm of a modern laboratory robot reaches toward the sphere, painted in the same old-master manner. No visible faces, no text, no letters, no numbers, no signature, no monogram.
Ein Chemiker erfindet ein Material, das Wasser aus Wüstenluft zieht, und sagt, was die Gesellschaft damit anfange, sei nicht sein Bereich. An diesem Satz hängen vier Fragen, die weit über ihn hinausgehen. Wofür ist Forschung verantwortlich, wenn nur sie weiß, was sie da gebaut hat? Wer bezahlt sie, und was kauft er dabei mit? Wie weit darf man einem Befund trauen, wenn die Hälfte der Befunde eine Wiederholung nicht übersteht? Und was wird aus der Forschung, wenn Maschinen Materialien und Texte zu Tausenden erzeugen? Hier steht, was man über diese Fragen weiß, und daneben, wer im Bestand der Gedankenwelten welche Position bezieht.
Die meisten Panoramen sind Momentaufnahmen. Dieses wächst: Wenn eine Note in ihrer Nachbesprechung eine dieser Fragen vertieft, kommt ihre Stimme hierher, und was sie an Forschung mitbringt, auch. Die erste war Omar Yaghi im September 2026.
Wofür ist Forschung verantwortlich?
Max Weber zog 1919 die Linie, auf die sich bis heute beruft, wer im Labor bleiben will. Die Wissenschaft könne die Frage „Was sollen wir tun? Wie sollen wir leben?“ nicht beantworten. Sie könne aber „Klarheit“ schaffen: über den Zweck, die „unvermeidlichen Mittel“ und ihre Folgen, damit jeder sich „Rechenschaft“ geben kann. Mehr dürfe der Lehrer nicht, „solange er Lehrer bleiben und nicht Demagoge werden will“ (Wissenschaft als Beruf, Deutsches Textarchiv). Die Folgen gehören bei Weber also zum Auftrag. Die Wissenschaftsphilosophin Heather Douglas bestreitet die Linie selbst: Jeder Befund trägt ein Irrtumsrisiko, und wer entscheidet, wie viel Evidenz genügt, wägt schon ab, welcher Irrtum schlimmer wäre (Douglas 2000, doi:10.1086/392855). Roger Pielke unterscheidet vier Rollen, vom „reinen Wissenschaftler“ bis zum „ehrlichen Makler“, der der Politik Alternativen vorlegt, ohne eine zu verfechten (Pielke 2007, doi:10.1017/CBO9780511818110); den Forscher, der zugleich Gründer ist, kennt seine Liste nicht.
Die Geschichte kennt beide Haltungen. Fritz Haber erfand die Ammoniaksynthese und leitete 1915 bei Ypern den ersten Chlorgasangriff. Im Juni 1945 baten James Franck, Leo Szilard und andere, die Bombe vor Zeugen auf einer unbewohnten Insel vorzuführen (Franck-Report); Joseph Rotblat verließ als einziger das Manhattan-Projekt aus Gewissensgründen und erhielt 1995 den Friedensnobelpreis für die Pugwash-Bewegung, die aus dem Russell-Einstein-Manifest von 1955 hervorging. 1975 legten sich Molekularbiologen in Asilomar selbst ein Moratorium auf. Der Streit ist nicht vorbei: 2011 machten zwei Labore das Vogelgrippevirus H5N1 zwischen Frettchen übertragbar, die USA stoppten solche Forschung 2014, erlaubten sie 2017 wieder und strichen 2025 per Dekret die Bundesmittel (NIH; Health Affairs 2025). David Collingridge beschrieb 1980 das Dilemma dahinter: Solange eine Technik jung ist, kennt man ihre Folgen nicht; wenn man sie kennt, lässt sie sich kaum noch steuern (Genus & Stirling 2018, doi:10.1016/j.respol.2017.09.012, Review). In Deutschland beraten heute über 120 Kommissionen für Ethik sicherheitsrelevanter Forschung ihre Institute (Leopoldina/DFG).
Die Öffentlichkeit will mehr, als Weber zugestand. In 68 Ländern wünschen sich 83 Prozent, dass Forschende mit der Öffentlichkeit sprechen, 52 Prozent, dass sie sich aktiv an der Politik beteiligen; nur 23 Prozent lehnen politische Empfehlungen ab (Cologna et al. 2025, doi:10.1038/s41562-024-02090-5). Sachliche Stellungnahmen kosten die Glaubwürdigkeit meist wenig (Kotcher et al. 2017, doi:10.1080/17524032.2016.1275736), auch Protest schadet ihr in einem großen US-Experiment nicht (Dablander et al. 2025, doi:10.1098/rsos.241001). Eine Wahlempfehlung der Zeitschrift Nature dagegen senkte bei den Anhängern der Gegenseite das Vertrauen in die Wissenschaft insgesamt (Zhang 2023, doi:10.1038/s41562-023-01537-5). Einordnen wird gewünscht, Parteinahme bestraft. Wie man Forschende beurteilt, die ihr eigenes Produkt empfehlen, ist kaum untersucht.
Die Stimmen
- Omar Yaghi: Der Forscher stellt die Lösung bereit, ob sie genutzt wird, entscheidet die Gesellschaft. „Das ist nicht mein Bereich.“
- Andreas Löschel: Wissenschaft legt die Abwägungen offen und spricht nur dort, wo sie selbst geforscht hat; entscheiden müssen Politik und Gesellschaft.
- Maja Göpel: Im selben Gespräch die Gegenrede: Das Wissen liegt frei vor und kommt nicht an; die Wissenschaft hat eine Bringschuld, die ihr eigenes System kaum belohnt.
- Volker Quaschning: Ist die Faktenlage eindeutig und die Politik untätig, dürfen und müssen Fachleute sich einmischen.
- Mark Benecke: Der Weltklimarat schwächt seine Befunde ab, damit die Förderstaaten unterschreiben; die Wissenschaft sollte die Dringlichkeit ungeschönt aussprechen.
- Rainer Mühlhoff: Die Grenzen einer Technik dürfen nicht ihre Entwickler ziehen; die normativen Wissenschaften müssen sie in Diskurs und Politik tragen.
- Constanze Kurz: KI-Forschung hing immer am Militärgeld, heute bröckeln die Zivilklauseln, und über die militärische Nutzung wird zu selten gestritten.
- Jürgen Kornmeier: Was soll ein Institutsleiter tun, wenn die Politik in die Wissenschaft greift: mitmachen, hinschmeißen oder emigrieren? Eine Antwort maßt er sich nicht an.
Weitere Stimmen (4)
- Torsten Wilholt: Forschungsfreiheit hat drei Begründungen, keine davon absolut; wo ihre Grenze liegt, muss öffentlich abgewogen werden.
- Catrin Misselhorn: Soziale Probleme lassen sich technisch nicht lösen, ein Einwand gegen jedes „ich liefere nur die Lösung“.
- Hartmut Rosa: Oppenheimers Triumph über die Materie schlug in die größte Unkontrollierbarkeit um, die die Menschheit kennt.
- Immanuel Kant: Der Gelehrte muss vor der Welt jederzeit frei räsonieren dürfen, auch gegen die eigene Institution.
Weber sagt, die Wissenschaft könne den Zweck nicht wählen. Collingridge sagt, früh wisse nur der Erfinder, was er in der Hand hält. Wer trägt dann die Verantwortung für ein Mittel wie Giftgas, ein ansteckenderes Virus oder ein Modell, das Giftstoffe entwirft: die Gesellschaft, die „entscheidet“, oder der Einzige, der schon weiß, was er gebaut hat?
Wer bezahlt die Forschung — und wofür muss sie gut sein?
Abraham Flexner schrieb 1939 über „die Nützlichkeit nutzlosen Wissens“ (Harper's, IAS-PDF), Vannevar Bush machte daraus 1945 das Programm der amerikanischen Forschungspolitik: Grundlagenforschung zuerst, die Anwendungen folgen von selbst. Dieses lineare Modell gilt in der Wissenschaftsforschung als zu schlicht (Godin 2006, doi:10.1177/0162243906291865); Donald Stokes zeigte 1997 mit Louis Pasteur, dass die fruchtbarste Forschung oft beides zugleich ist, Neugier und Zweck. Der Ertrag selbst ist gut belegt, nur läuft er über Umwege. Von den Fachartikeln, die in Patenten zitiert werden, führen 80 Prozent zu einer späteren Erfindung, meist über zwei bis vier Zwischenschritte (Ahmadpoor & Jones 2017, doi:10.1126/science.aam9527); fast ein Drittel aller US-Patente stützt sich direkt auf staatlich finanzierte Forschung (Fleming et al. 2019, doi:10.1126/science.aaw2373). Und Freiheit zahlt sich aus: Forschende, die lange Laufzeiten haben und scheitern dürfen, publizieren mehr hochzitierte Arbeiten als vergleichbare Kollegen mit kurzen Zyklen und festen Zielen (Azoulay et al. 2011, doi:10.1111/j.1756-2171.2011.00140.x); wirklich neuartige Arbeiten werden erst spät erkannt (Wang et al. 2017, doi:10.1016/j.respol.2017.06.006). Katalin Karikó wurde herabgestuft, ihre Anträge abgelehnt, 2023 bekam sie den Nobelpreis für die Grundlage der mRNA-Impfstoffe.
Deutschland gab 2024 für Forschung und Entwicklung 137,1 Milliarden Euro aus, 3,17 Prozent der Wirtschaftsleistung, gut zwei Drittel davon die Unternehmen (Destatis 2026). Die Hochschulen warben 2023 10,7 Milliarden Euro Drittmittel ein, rund 14 Prozent kamen aus der Wirtschaft, der größte Geber ist der Bund (Destatis 2025). Was der Geldgeber mitkauft, zeigt die Medizin am deutlichsten: Industriefinanzierte Arzneimittelstudien kommen häufiger zu günstigen Ergebnissen, obwohl sie methodisch nicht schlechter sind (Lundh et al. 2017, Cochrane, doi:10.1002/14651858.MR000033.pub3, Meta-Analyse); schon welche Fragen gestellt werden, prägt der Sponsor (Fabbri et al. 2018, doi:10.2105/AJPH.2018.304677). Manchmal kauft das Geld nur das Schweigen: Exxons eigene Klimaprojektionen von 1977 bis 2003 lagen richtig, die öffentlichen Aussagen der Firma widersprachen ihnen (Supran et al. 2023, doi:10.1126/science.abk0063).
Der Staat ist kein neutraler Mäzen. In den USA scheiterten die geplanten Kürzungen für 2026 am Kongress, und doch fiel die Erfolgsquote der Anträge bei den National Institutes of Health 2025 auf 17 Prozent, den tiefsten Stand seit dreißig Jahren; von Februar bis August 2025 wurden rund 2.300 laufende Projekte beendet (Science 2025; JAMA Internal Medicine). Im Academic Freedom Index fiel die institutionelle Autonomie der USA binnen eines Jahres von 2,4 auf 1,7 (Academic Freedom Index 2026). Drei Viertel der Forschenden, die Nature im März 2025 befragte, erwogen, das Land zu verlassen; die Umfrage ist nicht repräsentativ (Nature 2025). Die Leute sehen das Problem: Der häufigste Grund, Forschenden zu misstrauen, ist in Deutschland ihre Abhängigkeit von Geldgebern, 54 Prozent nennen ihn (Wissenschaftsbarometer 2023). Der Staat kann auch mitschreiben. Von 205 Forschenden, die für britische Ministerien Evaluationen verfassten, berichtete ein großer Teil von Druck auf „politisch nützliche“ Ergebnisse, bis hinein ins Schreiben des Berichts (LSE GV314 Group 2013, doi:10.1111/padm.12055); in Australien setzte sich eine Behörde, die Ergebnisse glätten oder zurückhalten wollte, in 87 Prozent der Fälle durch (Yazahmeidi & Holman 2007, doi:10.1111/j.1753-6405.2007.00142.x). Beides Selbstauskünfte, aber das Muster kennt jede Regierungsfarbe, von Gorleben 1983 bis zum Atom-Prüfvermerk 2022. Die Regel dagegen steht seit 2008 in den Leitlinien der Berlin-Brandenburgischen Akademie: Auftraggeber dürfen den laufenden Prozess „weder methodisch noch inhaltlich beeinflussen“ (BBAW).
Die Stimmen
- Omar Yaghi: Die Gesellschaft soll die Grundlagenforschung in Ruhe lassen und sie bezahlen wie die Gesundheitsversorgung; der Nutzen entsteht dort, wo ihn niemand sucht.
- Greenpeace (Karsten Smid): Zwischen Entwurf und Veröffentlichung lagen zwei Wochen und 28 Änderungen, aus „unwahrscheinlich“ wurde „fraglich“, und dem Parlament sagte man „unverändert“. Wer bestellt, schreibt mit, und sei es nur in den Adjektiven.
- Sven Beckert: Professoren kennen die Stifter ihrer Lehrstühle nicht und stehen darum unter keinem Druck: „Wir sind also völlig frei in unserer Forschung.“
- Robert Proctor und Frederick vom Saal: 93 Prozent der unabhängig finanzierten Studien zu Bisphenol A fanden Schäden, keine einzige der industriefinanzierten; wer zahlt, sucht den Rattenstamm aus.
- Lyotard (mit Scobel): Gefragt wird nur noch, ob Wissen verwertbar ist, nicht, ob es wahr ist, und die Universität wird zum Unternehmen, das man an Drittmitteln misst.
- Michael Sterner: Das Ministerium hält die eigene Auftragsstudie zurück, weil sie der Linie der Ministerin widerspricht; der Auftraggeber kauft notfalls das Schweigen.
- Dietmar Dath: Lieber noch einmal zwei Jahre an einem Beweis sitzen als „irgendein waffenrelevantes Zeug rechnen“: „Ist das nicht die Großzügigkeit, die wir brauchen?“
- Sascha Spoun (Präsident der Leuphana, im Gespräch mit Stefan Brandt): Auch das Nicht-Ergebnis einer Forschung hat „einen sehr großen Wert“ 34:11, und seine Utopiekonferenz ist mit Absicht „kein Drittmittelantrag, wo ich vorher schon weiß, was hinten rauskommt“ 35:08.
Weitere Stimmen (11)
- Barbara Bleisch: Die Alchemisten suchten mit festem Ziel das Falsche und erfanden dabei das Destillieren; auch eine zweckgerichtete Suche bringt Wissen hervor.
- Jürgen Kornmeier: Nur eine private Stiftung bezahlt, was der Karriere schadet. „Wissenschaft ist zum gewissen Teil Politik.“
- Ulrike Herrmann: Dass etwas technisch geht, sagt nichts darüber, ob es trägt; am Ende entscheidet, was es kostet.
- ARTE: Wo Drittmittel alles steuern, bleiben verwaiste Felder zurück, Nichtwissen ohne Täter.
- Der Heidelberger Aufruf: Die Asbestindustrie lieh sich die Autorität von 52 Nobelpreisträgern, und niemand fragte, wer bezahlt hatte.
- Omar Yaghi: Er geht nach Peking, weil er dort „die dafür nötigen Ressourcen“ findet; große Wissenschaft folgt dem Geld über Ozeane.
- Mario Buchinger: Grundlagenforschung muss sich nicht rechnen, die Quantenmechanik steckt heute in allem; als Antwort auf die akute Krise taugt sie deshalb nicht.
- Ken Ono: Eine abseitige Spezialität rückte plötzlich ins Zentrum des Fermat-Beweises; der Nutzen von Wissen lässt sich nicht planen.
- Constanze Kurz: Das Wort „KI“ wurde erfunden, um Drittmittel einzuwerben, und das Geld kam oft vom Militär.
- Manfred Spitzer: Die Digitallobby spielt heute, was die Tabaklobby fünfzig Jahre lang spielte.
- Markus Gabriel: Er will einen dritten Raum zwischen Wissenschaft und Wirtschaft, der weder die Wirtschaft vergeistigt noch die Wissenschaft kommerzialisiert.
Grundlagenforschung lohnt sich am meisten, wenn man sie nicht nach dem Nutzen fragt. Industriegeld verbiegt nachweislich Ergebnisse, und Staatsgeld kann die Freiheit selbst beschneiden. Wer ist dann der Geldgeber, der „in Ruhe lässt“ — und was heißt es, wenn der Forscher, der das fordert, zugleich sein eigener Investor ist?
Wie viel darf man der Wissenschaft glauben?
Einen allgemeinen Vertrauensverlust gibt es nicht. In 68 Ländern liegt das Vertrauen in Forschende im Mittel bei 3,62 von 5; 78 Prozent halten sie für kompetent, 57 Prozent für ehrlich, nur 42 Prozent für offen gegenüber anderen Sichtweisen (Cologna et al. 2025, doi:10.1038/s41562-024-02090-5). In Deutschland vertrauen 54 Prozent der Wissenschaft, mit hoher Bildung 72, mit niedriger 38 Prozent, und nur noch ein Viertel fühlt sich gut informiert (Wissenschaftsbarometer 2025). Die Pandemie hat die Kurve kurz hochgerissen, von 46 Prozent 2019 auf 73 im April 2020 (Wissenschaftsbarometer 2020); seither ist sie deutlich gefallen und liegt doch über dem Stand vor der Krise. In den USA ist das Vertrauen seit 2020 von 87 auf 77 Prozent gefallen, zwischen Demokraten und Republikanern liegen 25 Punkte (Pew 2026).
Dagegen steht, was die Forschung über sich selbst herausfand. Als 270 Psychologen hundert veröffentlichte Studien wiederholten, bestätigte sich gut ein Drittel, und die Effekte waren im Schnitt halb so groß (Open Science Collaboration 2015, doi:10.1126/science.aac4716); die Deutung ist umstritten (Gilbert et al. 2016, doi:10.1126/science.aad7243). Von 21 sozialwissenschaftlichen Experimenten aus Nature und Science hielten 13 (Camerer et al. 2018, doi:10.1038/s41562-018-0399-z); in der Krebsbiologie lagen die wiederholten Effekte im Median um 85 Prozent unter den ursprünglichen (Errington et al. 2021, doi:10.7554/eLife.71601). Und selbst die Korrektur korrigiert sich: Eine Studie, die 2023 mit besseren Methoden 86 Prozent Wiederholbarkeit meldete, wurde 2024 zurückgezogen, weil ihre Angaben zur Vorab-Registrierung nicht stimmten (Protzko et al., doi:10.1038/s41562-023-01749-9). Das Verfahren findet seine Fehler, nur langsamer, als die Schlagzeilen sie verbreiten.
Wie viel es kostet, diese Unsicherheit offen auszusprechen, ist gemessen, und es ist wenig. Wer zu einer Zahl die Spanne nennt, in der sie liegen kann, verliert dabei nur geringfügig an Vertrauen (van der Bles et al. 2020, doi:10.1073/pnas.1913678117). In Experimenten aus Dänemark und den USA machte Offenheit über die Nachteile eines Impfstoffs die Menschen etwas weniger impfbereit, aber sie vertrauten den Behörden mehr und glaubten seltener an Verschwörungen (Petersen et al. 2021, doi:10.1073/pnas.2024597118). Die Gegenstrategie, in der Krise mit Angst zu arbeiten, verfolgt die Nachbesprechung zu Vertrauen, utopisch?; ein eigenes Panorama hat diese Frage noch nicht.
Was das Vertrauen von außen angreift, ist ebenfalls vermessen. Die Tabak-, die Zucker- und die Ölindustrie wollten niemanden vom Gegenteil überzeugen, sie wollten Zweifel säen („Doubt is our product“, Brown & Williamson 1969; Supran, Rahmstorf & Oreskes 2023, doi:10.1126/science.abk0063). Wie stark der wahrgenommene Konsens Haltungen trägt, zeigt das Gateway Belief Model: Wer von der Einigkeit der Klimaforschung erfährt, schätzt sie höher ein und unterstützt eher Klimapolitik (van der Linden et al. 2015, doi:10.1371/journal.pone.0118489; Bündelung von neun Studien: Rode et al. 2025, doi:10.1016/j.cobeha.2025.101521) — die Effekte sind umstritten. Gegen die Hoffnung, mehr Wissen löse den Streit, steht Kahans Befund, dass gerade die Kundigsten am stärksten nach politischem Lager polarisiert sind (Kahan et al. 2012, doi:10.1038/nclimate1547); spätere Studien finden die Identität wirksam, aber keinen klaren Verstärker durch Bildung (Tappin, Pennycook & Rand 2021, doi:10.1037/xge0000974). Was nachweislich hilft, ist die Impfung vorher: Kurze Clips über Manipulationstechniken verbesserten in einem YouTube-Feldversuch mit gut 22.000 Menschen das Erkennen, über die Lager hinweg (Roozenbeek et al. 2022, doi:10.1126/sciadv.abo6254); Meta-Analysen finden kleine bis mittlere Effekte ohne allgemeinen Zynismus (Simchon et al. 2026, doi:10.1016/j.copsyc.2025.102194). Wie lange sie hält, ist offen.
Die Stimmen
- Torsten Wilholt: Aus „ich kann mich immer irren“ folgt nicht „ich irre mich immer“; Fallibilismus ist vernünftig, Skeptizismus ein Fehlschluss.
- Philipp Blom: Wissenschaft liefert nützliche Modelle und keine Wahrheit, und doch ist sie das Beste, dem man glauben kann; er räumt ein, dass gerade Zweifler diesen Satz gern zitieren.
- Heinz Bude: Er werde „alimentiert“, um über die Welt nachzudenken, und hält sich an Bruno Latours Unterscheidung: Wissenschaft macht evidente Aussagen, Forschung ist institutionalisierte Neugier, die sich an der Wirklichkeit selbst in Frage stellt.
- Florence Gaub: Im selben Gespräch die Gegenantwort: „Man sollte seine Ideen nicht heiraten, man sollte sie daten“; ihr Team prüft die eigenen alten Zukunftsberichte darauf, was eingetreten ist und warum nicht.
- Stephan Lewandowsky: Wer einen Konsens als Bedrohung seines Weltbilds erlebt, muss ihn wegerklären, am leichtesten mit der Behauptung, er sei abgesprochen.
- Jacob Beautemps: Offen benannte Unsicherheit kostet Dramatik und gewinnt Vertrauen.
- Aladin El-Mafaalani: Konstruktives Misstrauen will verbessern, destruktives lehnt das System ab; verlorenes Vertrauen kommt kaum zurück.
- Mark Benecke: Die Klimaprognose von 1975 stimmte fast genau; am Wissen lag es nie, die Gesellschaft hat weggeschaut.
Weitere Stimmen (11)
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Robin Schmid und Felix Goldbach: Niemand, der Mythen teilt, ist doof, die Umgebung ist fies; die Taktik war nie, vom Gegenteil zu überzeugen, sondern Zweifel zu säen.
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Alena Buyx: Wer vorher weiß, welche Masche gleich kommt, kann ihr widerstehen; sie nennt das Inokulation und verbindet es mit Umgangsformen und Fehlerkultur.
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Renée DiResta: Faktenchecks lösen das Problem nicht, weil es eines von Identität und Vertrauen ist; helfen können Reichweitenregeln und Brückenbau.
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Andreas Löschel: Die Mehrheit stimmt der Windkraft zu und hält die Nachbarn für dagegen; nicht der Zweifel ist das Problem, sondern die laute Minderheit.
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Jürgen Kornmeier: Über einen Befund entscheidet, ob er wiederkommt, wenn ein anderer ihn ruft, nicht seine Wucht.
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Rutger Bregman: Das Stanford-Prison-Experiment war inszeniert und wurde trotzdem zum Lehrbuchwissen über den Menschen.
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Karl Popper (mit Ziegler): Alles Wissen ist Vermutung, aber es gibt Annäherung an die Wahrheit.
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Albert Moukheiber: Wir hängen alle vom Wissen anderer ab; entscheidend ist, zu wissen, wann man vertrauen darf.
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Naomi Oreskes: Die ersten Klimaskeptiker waren Physiker des Kalten Krieges, getrieben mehr von Ideologie als von Geld.
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Gert Scobel: Robuste Evidenz, dokumentierte Nebenwirkungen, und doch: Wir stellen gerade erst die richtigen Fragen.
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Konstantin Flemig: Niemand kann Experte für alles sein.
Die Mehrheit vertraut der Wissenschaft, und nur etwa die Hälfte der veröffentlichten Befunde hält einer Wiederholung stand. Vertrauen die Menschen zu viel — oder vertrauen sie, klüger als gedacht, dem Verfahren, das den eigenen Irrtum findet, und nicht dem einzelnen Befund?
Was macht die KI aus der Forschung?
Was die Maschine mit dem Denken der Einzelnen macht, mit Lesen, Schreiben und Erinnern, verfolgt das Panorama Was macht die KI aus unserem Denken?. Hier geht es um die Forschung als Betrieb.
2021 sagte AlphaFold Proteinstrukturen mit fast atomarer Genauigkeit voraus (Jumper et al. 2021, doi:10.1038/s41586-021-03819-2), 2024 gab es dafür den Chemie-Nobelpreis. Ein selbstfahrendes Labor meldete 2023, es habe in 17 Tagen 41 neue Verbindungen hergestellt (Szymanski et al. 2023, doi:10.1038/s41586-023-06734-w); eine Nachprüfung fand systematische Fehler in der automatischen Auswertung und kam zu dem Schluss, dass keine neuen Materialien entdeckt worden waren (Leeman et al. 2024, doi:10.1103/PRXEnergy.3.011002). Ein vielzitiertes Arbeitspapier, nach dem KI Materialforschern zu weit mehr Entdeckungen verholfen habe, wurde 2025 zurückgezogen, weil das MIT kein Vertrauen in seine Daten mehr hatte (MIT Economics 2025).
Was die KI mit den Forschenden macht, ist inzwischen gemessen. Wer sie nutzt, veröffentlicht dreimal so viel, wird fast fünfmal so oft zitiert und leitet früher eigene Projekte, während sich die Wissenschaft als Ganzes auf weniger Themen verengt (Hao et al. 2026, doi:10.1038/s41586-025-09922-y, 41 Millionen Artikel). Die Anthropologin Lisa Messeri und die Psychologin Molly Crockett hatten genau das vorhergesagt: KI erzeuge die Illusion, mehr zu verstehen, und Monokulturen des Wissens, in denen man die Fragen stellt, die zur Maschine passen (Messeri & Crockett 2024, doi:10.1038/s41586-024-07146-0, Perspektive). Mindestens 13,5 Prozent der biomedizinischen Zusammenfassungen von 2024 wurden mit Sprachmodellen bearbeitet (Kobak et al. 2025, doi:10.1126/sciadv.adt3813). Und dieselbe Technik schneidet in beide Richtungen: Ein Modell, das Medikamente entwerfen sollte, lieferte umgepolt in unter sechs Stunden rund 40.000 Kandidaten für Giftstoffe (Urbina et al. 2022, doi:10.1038/s42256-022-00465-9).
Die Stimmen
- Christian Bauckhage: Siebzig Jahre Forschung ergaben 200.000 Proteinstrukturen, AlphaFold 200 Millionen; wem da nicht schwindlig wird, dem ist nicht zu helfen.
- Ken Ono: Die KI hält das Wissen, der Mensch verantwortet die Entscheidung; wenn Wissen billig wird, wird das Urteil teuer.
- Dietmar Dath: Eine KI könnte schnell prüfen, worauf ein Mathematiker vier Jahre warten musste; Dath fragt lieber, warum niemand einem Menschen zwei Jahre schenkt, um sich mit dem Beweis zu befassen (geprüft hat den Beweis am Ende das Projekt Flyspeck, elf Jahre menschlicher Arbeit an Beweisassistenten, keine KI).
- Omar Yaghi: Früher 200 MOFs in 35 Jahren, heute Tausende in zwei Tagen; es entsteht eine „Selektionswissenschaft“, deren Qualität an der Auswahl hängt.
- Gert Scobel: KI rechnet mit Wahrscheinlichkeiten statt mit Wahrheiten; die Prüfung muss beim Menschen bleiben.
- Markus Gabriel: „KI ist Kreativität“ — die Frage, ob Maschinen Neues schaffen können, ist für ihn erledigt.
- Joon Sung Park: Simulierte KI-Agenten wirken glaubwürdiger als menschliche Antworten und werden so zum Werkzeug der Sozialforschung; ob der Eindruck stimmt, bleibt offen.
- Wolfram Eilenberger: Wenn KI Fachartikel in dreißig Sekunden schreibt, bricht das akademische Prüfsystem zusammen, und darin liegt eine Chance.
Weitere Stimmen (5)
- Rainer Mühlhoff: Was KI wirklich kann, interessiert ihn weniger als das, wofür sie verkauft wird; das verändert, was eine Tätigkeit wie Benoten überhaupt heißt.
- Manfred Spitzer: AlphaFold ohne Patent hat die Pharmaforschung entfesselt; Autor eines Fachartikels kann eine KI trotzdem nie sein.
- Albert Moukheiber: Es braucht ein System, das die Zuverlässigkeit der KI bewertet.
- Constanze Kurz: Die Durchbruchsversprechen der KI kehren seit den 1960er-Jahren wieder.
- Maren Urner: Gefährlich wird es, wenn Menschen anfangen, wie die Maschine zu denken.
Die KI bringt dem einzelnen Forscher mehr Artikel, mehr Zitate und eine schnellere Karriere, und sie nimmt der Wissenschaft als Ganzem die Breite. Wer soll die Vielfalt schützen — der Einzelne, der dafür auf seinen Vorteil verzichtet, oder das System, das ihn gerade für diesen Vorteil belohnt?
Nachbesprechungen, die hierher führen
| Datum | Note | Vertieft |
|---|---|---|
| 28.09.2026 | Omar Yaghi — Die Welt retten mit Chemie? | Die Linie zwischen Labor und Gesellschaft, Weber und die Doppelrolle als Forscher und Gründer · Anstoß zu diesem Panorama |
| 28.09.2026 | Omar Yaghi — Die Welt retten mit Chemie? | Was vom Wasserversprechen greifbar ist: Kapazitäten ohne Messung, Preis im Vergleich, Jordaniens Entsalzung |
| 08.10.2026 | Göpel und Marinić — Vertrauen, utopisch? | Vertrauen in die Wissenschaft vor, in und nach der Pandemie; was offen benannte Unsicherheit kostet (van der Bles 2020, Petersen 2021) · die Angst-Frage selbst bleibt ohne Panorama |
| 10.10.2026 | Greenpeace — Katherina Reiche und die Gasindustrie | Der Staat als Auftraggeber, der mitschreibt: EWI-Monitoringbericht, Cooney 2005, LSE GV314 2013, Yazahmeidi & Holman 2007, McCrabb 2021; deutsche Fälle über Parteigrenzen (Gorleben, EWI 2010, Prüfvermerk 2022, Glyphosat); BBAW-Leitlinien, UK-Publikationsprotokoll |
| 11.10.2026 | Alles wird Strom — Warum Millionen Energiewende-Mythen glauben | Gesäter Zweifel und was dagegen hilft: Gateway Belief Model (van der Linden 2015, Rode 2025) gegen Kahan 2012 und Tappin 2021, Backfire selten (Wood & Porter), Prebunking im Feld (Roozenbeek 2022, Lu 2023, Simchon 2026), Löschels laute Minderheit |
Verbindungen
→ Fortschritt
Das Versprechen, dass es besser wird, im Großen. Hier die Werkstatt, in der es gemacht wird, und die Frage, wer über ihre Erzeugnisse entscheidet.
→ Was macht die KI aus unserem Denken?
Die Schwesterfrage zur vierten hier: was die Maschine mit dem Denken der Einzelnen macht, nicht mit dem Labor.
→ Energie
Das Feld, in dem die Fragen dieses Panoramas am schärfsten aufeinandertreffen: Gutachten, die zurückgehalten werden, Forschende, die sich einmischen, und Technik, die möglich ist und trotzdem unbezahlbar sein kann.
→ Rechte Medien — Das Geschäft mit der Lüge
Die Kehrseite der Vertrauensfrage: wie Zweifel an der Wissenschaft hergestellt und verkauft wird.
→ Torsten Wilholt — Wahrheit und Wissen
Die Erkenntnistheorie hinter drei der vier Fragen: was Wissen ist, warum der Zweifel nicht in Skepsis kippen muss, und was Auftraggeber an den Stellschrauben der Forschung drehen.
→ ARTE — Forschung, Fake und faule Tricks
Die Werkstattgeschichte des gekauften Nichtwissens, von Tabak bis Bisphenol A.
Weiterdenken
- Wenn nur die Forschenden früh wissen, was eine Erfindung anrichten kann: Wäre es klüger, sie zur Warnung zu verpflichten, oder würde das die Neugier ersticken, aus der die Erfindung kam?
- Grundlagenforschung lohnt sich, gerade wenn man sie nicht nach dem Nutzen fragt. Wie begründet man in einem Haushaltsstreit Geld für etwas, dessen Ertrag man ausdrücklich nicht versprechen darf?
- Das Vertrauen in die Wissenschaft hängt stark an der Bildung. Ist das ein Argument für bessere Bildung — oder ein Hinweis darauf, dass die Wissenschaft in einer Sprache spricht, die nur ein Teil versteht?
- Wenn die KI jedem einzelnen Forscher nützt und der Forschung als Ganzem schadet: Welche anderen Bereiche kennen dieses Muster, und wie haben sie es gelöst?
- Welcher Wissenschaft vertraust du selbst am meisten, und welcher am wenigsten — und woher weißt du, dass der Unterschied an ihr liegt und nicht an dir?
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