GedankenraumOmar M. Yaghi — DenkerVita
Als Kind füllte Omar M. Yaghi in Amman die Wasserbehälter einer Familie, die in einem Raum lebte. Heute baut der Nobelpreisträger Kristallgerüste, die Wasser aus Wüstenluft ziehen.
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Hans Erni — Der Schweizer Zeichner hat ein Jahrhundert lang Wissenschaft und Menschen mit derselben langen, fließenden Linie gezeichnet, Atome und Tänzer, Forscher und Tiere, oft durchscheinend übereinander. Das passt zu einem Leben, in dem das Gedränge der Kindheit und die Ordnung der Moleküle gleichzeitig da waren. Vorne sitzt der Junge mit dem Bibliotheksbuch; hinter ihm, halb aufgelöst in der Lasur, die Mutter, die Geschwister, die Ziege, die Schlafkissen des einen Raums. Aus dem Buch steigen Moleküle, und ihre Linien ziehen durch den Raum hinaus zu einem offenen Kristallgitter über der Wüste. Eine erste Fassung geriet zur Ligne claire à la Tintin, mit einem europäisch wirkenden Jungen, und wurde verworfen; in dieser zweiten wurde eine eingeschmuggelte Pseudo-Signatur unten rechts übermalt.
Prompt: Drawing in the manner of Hans Erni's sweeping line drawings of the 1950s, wide horizontal banner: long, elegant, elongated figures drawn with one continuous flowing brush line, transparent overlapping forms, translucent washes of ochre, terracotta and turquoise on warm cream paper. A slender dark-haired Arab boy of about ten, seen in profile with almond eyes and only a few lines for his face, sits in a quiet corner holding an open book; behind him, as faint overlapping outlines, a crowded room of sleeping mats, a mother and many siblings and a goat, all melting into the washes. From the book, ball-and-stick molecules rise like a flight of birds, their lines growing longer, calmer and more ordered as they sweep to the right, where they merge into a luminous open crystal lattice against a pale desert sky. Graceful, tender, full of movement. No text, no letters, no numbers, no signature, no monogram.
Biographischer Snapshot
Omar M. Yaghi (*1965, Amman) — Chemiker, Begründer der retikulären Chemie, Nobelpreis für Chemie 2025 (mit Susumu Kitagawa und Richard Robson) für die metallorganischen Gerüstverbindungen (MOFs).
Die Eltern flohen 1948 aus dem palästinensischen Dorf al-Masmiyya nach Jordanien; er wuchs mit vielen Geschwistern in einem einzigen Raum auf, Wasser gab es nur stundenweise. Mit fünfzehn ging er allein in die USA, über das Hudson Valley Community College, SUNY Albany und die Promotion bei Walter G. Klemperer (Illinois) zu Richard H. Holm nach Harvard. Seit Juli 2026 leitet er an der Tsinghua-Universität in Peking ein Zentrum für KI in Chemie und Materialwissenschaft. Gründer und Chief Science Officer der Firma Atoco (Wasserernte, CO₂-Abscheidung).
Wichtigste Werke: MOF-5 (1999), Reticular synthesis and the design of new materials (2003), die ersten COFs (2005), Introduction to Reticular Chemistry (2019) Kernkonzepte: MOFs, COFs, retikuläre Chemie, Wasserernte aus der Luft, Selektionswissenschaft
Biografie
Omar Mwannes Yaghi kam am 9. Februar 1965 in Amman zur Welt, in eine Familie, die 1948 aus al-Masmiyya zwischen Jaffa und Jerusalem geflohen war. Die Kindheit spielte sich in einem einzigen Raum ab, den sich viele Kinder und zeitweise das Vieh teilten. Das städtische Wasser kam einmal die Woche für ein paar Stunden, manchmal nur alle zwei Wochen, und der Junge war dafür zuständig, jeden Behälter zu füllen. Der Vater führte einen Laden auf halbem Weg zwischen Wohnung und Schule; dort half Omar aus und lernte, Gläser so zu putzen, dass kein Streifen blieb. Mit zehn fand er in der Schulbibliothek Zeichnungen von Molekülen, verstand nichts und verliebte sich trotzdem. Er nennt das später seine Flucht aus dem Elend ringsum, zusammen mit den Gedichten, die er Wort für Wort auswendig lernte.
Mit fünfzehn schickten ihn die Eltern in die USA, fast ohne Englisch. Am Zoll musste er die Trauben und den Käse wegwerfen, die ihm die Mutter eingepackt hatte, und macht daraus bis heute eine Lehre: Man bekommt nichts geschenkt. Das Hudson Valley Community College nahm ihn ohne Highschool-Abschluss auf (Associate 1983), es folgten der Bachelor an der SUNY Albany (1985) und die Promotion an der University of Illinois bei Walter G. Klemperer (1990). Als Postdoc in Harvard lernte er bei Richard H. Holm, dass Wissenschaft „eine Übung in Optimismus" ist.
Als junger Professor an der Arizona State University (1992–98) versuchte er, was die Fachwelt für aussichtslos hielt: Molekülbausteine mit starken Bindungen zu geordneten, kristallinen Gerüsten zu verknüpfen, wo meist nur amorpher Niederschlag entstand. 1995 gelang die erste Arbeit, 1999 folgte MOF-5, ein außergewöhnlich stabiles und poröses Gerüst, 2005 mit den COFs eine zweite Materialklasse ganz ohne Metall. Über Michigan (1999–2006) und die UCLA (2007–12) kam er 2012 nach Berkeley, wo er das Berkeley Global Science Institute gründete. Zwischen 2000 und 2010 war er einer der meistzitierten Chemiker der Welt.
Aus der Grundlagenforschung wurden Anwendungen, die er, wie er betont, nie gesucht hatte: Wasserernter, die in der Mojave-Wüste bei zehn Prozent Luftfeuchte Trinkwasser gewannen, und Materialien zur CO₂-Abscheidung. 2020 gründete er Atoco, 2021 H2MOF für die Wasserstoffspeicherung. Im Oktober 2025 kam der Nobelpreis. Im Juli 2026 wechselte er nach 45 Jahren in den USA an die Tsinghua-Universität in Peking; er nennt das eine persönliche Entscheidung, weil ihn die Moleküle über einen weiteren Ozean gerufen hätten. Seit 2021 ist er auch saudischer Staatsbürger.
Bücher & Publikationen
| Titel | Jahr | Beschreibung |
|---|---|---|
| Introduction to Reticular Chemistry | 2019 | Lehrbuch (mit Markus Kalmutzki und Christian Diercks) über MOFs und COFs |
| Selective binding and removal of guests in a microporous MOF (doi:10.1038/378703a0) | 1995 | Der Anfang der MOFs, Nature |
| Design and synthesis of an exceptionally stable and highly porous MOF (doi:10.1038/46248) | 1999 | MOF-5, Nature |
| Reticular synthesis and the design of new materials (doi:10.1038/nature01650) | 2003 | Programmschrift der retikulären Chemie, Nature |
| Porous, Crystalline, Covalent Organic Frameworks (doi:10.1126/science.1120411) | 2005 | Die ersten COFs, Science |
| Water harvesting from air with MOFs powered by natural sunlight (doi:10.1126/science.aam8743) | 2017 | Der Sonnen-Wasserernter, Science |
| Rapid Cycling and Exceptional Yield in a MOF Water Harvester (doi:10.1021/acscentsci.9b00745) | 2019 | Feldtest in der Mojave-Wüste, ACS Central Science |
Empfehlenswerte Videos & Vorträge
- Die Welt retten mit Chemie? — Sternstunde Philosophie mit Barbara Bleisch (SRF, 2026); englisches Original
- Nobel-Vorlesung: MOFs — From Molecules to Society — Stockholm, 8.12.2025 · auf nobelprize.org
- A Pioneer in Reticular Chemistry — Tang-Prize-Doku, von der Kindheit bis ins Labor
- Harvesting water from desert air — Molecular Frontiers, 2019
- Reticular Chemistry — ICN2-Vortrag, fachliche Einführung
Kernthesen
- Grundlagenforschung dient dem Erkennen. Ihr Zweck ist, die Grenzen des Wissens zu verschieben; die Anwendungen kommen aus ihr, gerade weil man sie nicht plant. Darum gehört sie finanziert wie das Gesundheitswesen.
- Wissenschaft balanciert Zweifel und Optimismus. Der eine Ansatz fragt „Warum?", der andere „Warum nicht?" — erst beide zusammen machen aus Fehlschlägen Entdeckungen.
- Vom Molekül zur Gesellschaft. Molekül, Material, Gerät, Produkt und der Rückbau am Ende der Lebensdauer gehören in einen Kreislauf.
- Arbeitsteilung. Der Forscher stellt die Lösung bereit, die Gesellschaft entscheidet, ob sie sie annimmt.
- Selektionswissenschaft. Mit KI und Robotik kippt die Chemie von der Knappheit in den Überfluss; dann entscheidet die Auswahl über die Qualität.
Politische Einordnung
Keine parteipolitische Haltung erkennbar; zu Palästina äußert er sich öffentlich kaum politisch. Den Wechsel nach China 2026 nennt er persönlich begründet; Nature und die South China Morning Post lesen ihn als Zeichen verschobener Gewichte in der Forschung (US-Förderpolitik, chinesische Anwerbung). Beide Lesarten stehen nebeneinander. Als Gründer von Atoco hat er ein wirtschaftliches Interesse an den Wassergeräten, deren Leistung er öffentlich beziffert.
Verbindungen zu anderen Denkern
- Ken Ono — dieselbe Wende von zwei Seiten: bei Ono wird das Wissen billig, bei Yaghi das Herstellen; bei beiden wird das Auswählen zur eigentlichen Arbeit. Und Yaghi ist einer der „unentdeckten Ramanujans“, die jemand entdeckt hat.
- Lukas Bärfuss — zwei Aufsteiger bei Barbara Bleisch, die sich ihre Herkunft nicht als Heldenreise erzählen lassen; Bärfuss dankt dem Zufall, Yaghi der harten Arbeit.
- Ulrike Herrmann — „technisch möglich, ökonomisch unbezahlbar“: die Rechnung, die Yaghis „nicht mein Bereich“ beim CO₂-Fang offenlässt.
- Torsten Wilholt — Erkenntnistheorie für Yaghis Laborregel (wiederholen, bevor man es Fakt nennt) und für die Frage, was Firmeninteressen mit der Verlässlichkeit von Zahlen machen.
- Maren Urner — was Yaghi „eine Übung in Optimismus“ nennt, heißt bei Urner Hoffnung: Willenskraft und Wegkraft nach dem Rückschlag.
- Andreas Reckwitz — Yaghis Materialepochen als ungebrochener Fortschrittsglaube aus dem Labor, dem Reckwitz die fehlende Sprache für Verlust entgegenhält.
Cortex-Notes
Im Bestand
sieben gedachte Verweise