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Gedankenraum
Geistesblitz·28. September 2026·0:56 h·28 Belegstellen

Omar Yaghi — Die Welt retten mit Chemie?

Ein Flüchtlingsjunge verliebt sich in Molekülzeichnungen, Jahrzehnte später zieht sein Material Wasser aus Wüstenluft. Als Rettungsgeschichte will er es nicht erzählt haben.

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M. C. Escher (Cubic Space Division, 1952) — Escher zeichnete 1952 ein Gitter, das sich nach allen Richtungen ins Unendliche fortsetzt, jede Zelle gleich groß, jeder Knoten an seinem Platz. Das ist, ohne dass er es wissen konnte, das Bild eines MOF, und es ist die Ordnung, in die der Junge aus Amman sich geflüchtet hat. Hier hängt das Gitter über Wüstendünen; von links zieht trockene Luft hinein, an den Knoten sammeln sich blaue Tropfen, rechts fällt Wasser in eine Tonschale im Sand. Die Kreuzschraffur der Lithografie hält das Wunder nüchtern. Der Strahl setzt etwas zu hoch an, fast als käme er aus dem Himmel statt aus dem Gitter; das Bild blieb trotzdem, weil der Rest genau stimmt.

Prompt: Lithograph in the style of M. C. Escher's Cubic Space Division (1952), wide horizontal banner, fine black-and-grey cross-hatching on cream paper with a single accent of pale blue. A vast, perfectly regular three-dimensional lattice of thin rods and small spherical nodes recedes toward a vanishing point, floating above low desert dunes under a pale sky. Every opening in the lattice is exactly the same size. Faint wisps of dry desert air drift into the lattice from the left; inside the grid, tiny droplets form at the nodes and grow brighter, turning pale blue, and on the right a thin clear stream of water falls from the lattice into a simple clay bowl standing on the sand. Precise, calm, mathematical, quietly astonishing. No people, no text, no letters, no numbers, no signature, no monogram.

Worum es geht

Omar Yaghi hat eine Materialklasse erfunden, die Wasser aus trockener Luft zieht und CO₂ aus Abgasen fängt, und dafür 2025 den Chemie-Nobelpreis bekommen. Barbara Bleisch versucht eine Stunde lang, daraus eine Heilsgeschichte zu machen: Der Junge, der in Amman die Wasserkanister der Familie füllte, bringt der Welt das Wasser. Yaghi verweigert ihr diese Pointe zweimal. Er habe schöne Moleküle bauen wollen, sonst nichts, und was die Gesellschaft mit seinen Lösungen anfange, sei nicht sein Bereich. Worauf man sich einlässt: eine klare Erklärung der MOFs, eine Kindheit, in der Ordnung die Flucht war, ein Loblied auf den amerikanischen Traum kurz nach dem Umzug nach Peking — und Zahlen zu Wassergeräten, die Yaghi als Gründer der Firma nennt, die sie verkauft.

Quelle: Die Welt retten mit Chemie? Nobelpreisträger Omar Yaghi | Sternstunde Philosophie | SRF Kultur — Gespräch mit Barbara Bleisch, ausgestrahlt am 27.09.2026, 56 Min. · Yaghi spricht Englisch; die Zitate folgen der deutschen Synchronfassung, das englische Original liegt separat vor.

Wer spricht?

Omar M. Yaghi (*1965, Amman) — Chemiker, Begründer der retikulären Chemie, Nobelpreis für Chemie 2025 (mit Susumu Kitagawa und Richard Robson) für die metallorganischen Gerüstverbindungen.

Die Eltern flohen 1948 aus dem palästinensischen Dorf al-Masmiyya nach Jordanien; er wuchs mit vielen Geschwistern in einem einzigen Raum auf, Wasser gab es nur stundenweise. Mit fünfzehn ging er allein in die USA, über das Hudson Valley Community College, SUNY Albany und die Promotion bei Walter G. Klemperer (Illinois) zu Richard H. Holm nach Harvard. Danach Arizona State, Michigan, UCLA und ab 2012 Berkeley, wo er das Berkeley Global Science Institute gründete. Seit Juli 2026 leitet er an der Tsinghua-Universität in Peking ein Zentrum für KI in Chemie und Materialwissenschaft. Er ist Gründer und Chief Science Officer der Firma Atoco, die Wasserernter und CO₂-Abscheidung vermarktet.

Wichtigste Werke: MOF-5 (Nature, 1999), Reticular synthesis and the design of new materials (Nature, 2003), die ersten COFs (Science, 2005), Introduction to Reticular Chemistry (2019) Kernkonzepte: MOFs, COFs, retikuläre Chemie, Wasserernte aus der Luft, Selektionswissenschaft

→ DenkerVita


Ein Schwamm, in dem jedes Loch gleich groß ist

10:40 — Bleisch hat einen Küchenschwamm mitgebracht, weil sie, wie sie offen sagt, in Chemie schlecht war. Das Requisit trägt erstaunlich weit. Ein MOF (metal-organic framework, metallorganische Gerüstverbindung) ist ein Gerüst aus Metallknoten, die über organische Moleküle miteinander verbunden sind: mineralische und organische Bausteine, zu einem Kristall verknüpft. Mit bloßem Auge sieht das Material aus wie Kristallzucker. Unter der Lupe ist jedes Körnchen voller Poren, und diese Poren haben, anders als im Schwamm, alle exakt dieselbe Größe. Darum passt genau ein bestimmtes Molekül hinein, und die innere Oberfläche wird absurd groß: Ein paar Gramm des Pulvers bringen es auf die Fläche von Fußballfeldern.

Yaghi setzt einen Gedanken dazu, der über die Chemie hinausgeht. 11:25

„Wir benennen verschiedene Epochen der Menschheit nach den Materialien, die zu jener Zeit verwendet wurden."

Im Gespräch — 11:25

Steinzeit, Bronzezeit, Eisenzeit, dann Zement, Glas, Silizium. Je feiner die Menschen Materie gestalten konnten, desto besser sei es ihnen ergangen. Die letzte Stufe dieser Kontrolle liege auf der Ebene einzelner Atome, und genau dort setzte 1995 seine erste Arbeit an: Moleküle, die sich wie Legosteine nach Plan zusammensetzen lassen.

Das Epochen-Bild ist Fortschrittsgeschichte in ihrer reinsten Form, und es hat seine Schatten. Jede dieser Materialzeiten brachte auch Waffen, Abraum und Abbaugebiete hervor; die Siliziumzeit hat die Rechenzentren gebaut, deren Kühlung Yaghi später ausgerechnet mit Wasser aus der Luft versorgen will. Als Erklärung, warum ein unscheinbares Pulver einen Nobelpreis wert ist, trifft das Bild trotzdem. Neu ist die Planbarkeit. Der Chemiker entwirft die Pore für das Molekül, das er fangen will, bevor er irgendetwas mischt. Aus der Küche wird Architektur.

Wasser aus der Wüstenluft

13:42 — Der Wasserernter funktioniert wie ein Atemzug in zwei Takten. Nachts, wenn die Luft kühl und vergleichsweise feucht ist, wandern Wassermoleküle in die Poren. Tagsüber erwärmt die Sonne das Pulver, das Wasser verdampft aus dem Gerüst und kondensiert an einer kühleren Platte. Ein kurzer Film aus Berkeley zeigt eine Kiste, einen Deckel, einen Schirm und am Ende ein Drittel Tasse Wasser, destilliert, das reinste, das man herstellen kann. Yaghi sieht den Film und strahlt:

„Ich strahle, weil in diesem Film gezeigt wird, wie Grundlagenforschung direkt zum Wohl der Gesellschaft umgesetzt wird." 16:01

Im Gespräch — 16:01

Dann kommen die großen Zahlen. Bleisch nennt 2,2 Milliarden Menschen ohne sicheren Zugang zu Trinkwasser, Yaghi eine UN-Prognose, nach der in zwanzig Jahren fast zwei Milliarden an Orten leben, an denen der tägliche Bedarf nicht mehr gedeckt ist, auch London und Brüssel, weil das Grundwasser schneller verbraucht als nachgefüllt wird (Faktencheck: vereinfacht). 18:20 Prototypen im industriellen Maßstab, sagt er, liefern mit Strom 150 Liter am Tag; passive Geräte, die mit Abwärme laufen sollen, dereinst 1.000 Liter, jeweils sechs bis sieben Jahre lang — eine Lebensdauer, die bei so jungen Geräten nur hochgerechnet sein kann (Faktencheck: nicht belegt, Firmenangabe). Danach lasse sich das MOF abfallfrei in Wasser zerlegen und neu zusammensetzen. Marktreif bis Ende des Jahres, die Produktionszentren stünden.

Hier gehört der Beipackzettel hin. Yaghi spricht an dieser Stelle auch als Gründer und wissenschaftlicher Leiter von Atoco, der Firma, die diese Geräte baut; die tausend Liter stehen bisher in Interviews und Firmenmitteilungen, in keinem begutachteten Paper. Zwischen dem Drittel Tasse im Film und tausend Litern am Tag liegt Ingenieursarbeit, die Yaghi als „nur noch eine Frage der technischen Umsetzung" abtut. 21:22 Bleisch hakt an der richtigen Stelle nach: Wer bezahlt, wenn die Entwicklungshilfe weltweit gekürzt wird? Yaghi antwortet mit Skalierung und einem „gut finanzierten Startup" und lässt ihre Frage damit liegen. Die großen Literzahlen hängen an Abwärme, und die fällt vor allem in Industrieanlagen und Rechenzentren an. Dazu kommt ein Befund, der im Gespräch fehlt: Zwei Drittel der Menschen ohne sicheres Trinkwasser leben in den feuchten Tropen, weit weg von jeder Wüste (Lord et al., Nature 2021); ihr Problem ist sauberes Wasser, selten trockene Luft. Seine eigene Liste der Einsatzorte endet folgerichtig bei Landwirtschaft, Reinigung und der Kühlung von Rechenzentren. Das Prinzip ist echt und im Feld erprobt, begutachtet allerdings im Maßstab von 0,1 bis 1,3 Litern pro Kilogramm MOF und Tag (Hanikel et al., ACS Central Science 2019); die Container hat noch niemand unabhängig vermessen. Ob sie die Menschen erreicht, die an der Wasserstelle anstehen, entscheidet der Preis, und über den fiel an diesem Abend kein Wort. (→ Faktencheck)

Ganz und gar nicht — die Kanister und die schönen Moleküle

22:53 — Noch bevor Bleisch ihn danach fragt, räumt Yaghi etwas ein: Zu Beginn habe ihn ausschließlich interessiert, schöne Moleküle und schöne Strukturen zu erschaffen. Gesellschaftliche Probleme zu lösen, war nicht der Plan.

„Viel mehr sollte uns die Gesellschaft in Ruhe lassen, damit wir die nächsten Grenzen des Wissens erschließen können." 23:39

Hören — 23:39

Bleisch versucht es trotzdem mit der Biografie. Er habe als Kind einer Flüchtlingsfamilie in Jordanien lange für Trinkwasser anstehen müssen; sei die Vorstellung, Wasser aus Luft zu machen, nicht auch ein Antrieb gewesen? 24:25 „Ganz und gar nicht." Er erzählt dann, wie es war: Er war dafür zuständig, alle Behälter zu füllen, wenn das städtische Wasser kam, einmal die Woche für ein paar Stunden, manchmal nur alle zwei Wochen. Was drin war, musste reichen. So lernte er früh, was Knappheit heißt.

„Poetisch, wie es hätte erscheinen mögen. Nein, ich versuchte mit dem Mangel zurechtzukommen." 25:11

Hören — 25:11

Das ist der ehrlichste Moment des Gesprächs. Medien lieben den geschlossenen Kreis — der Junge an der Wasserstelle, der Nobelpreisträger, der Wasser bringt —, und Yaghi bricht ihn auf. Sein ganzes Argument hängt an diesem Nein. Wäre der Wasserernter das Ziel gewesen, hätte er angewandte Forschung betrieben; er aber behauptet, das Gerät sei gerade deshalb entstanden, weil niemand darauf hinarbeitete. Grundlagenforschung, fordert er 21:22, müsse finanziert werden wie die Gesundheitsversorgung, als fester Teil jeder aufgeklärten Gesellschaft. Das ist das alte Argument, das Abraham Flexner 1939 The Usefulness of Useless Knowledge nannte. Es hat allerdings auch eine bequeme Seite. „Lasst uns in Ruhe, die Anwendungen kommen schon" sagt jedes Labor, das Geld braucht, und für jedes MOF, das Wasser erntet, gibt es Tausende schöne Strukturen, die nie etwas geerntet haben. Beides stimmt gleichzeitig.

Weitergedacht

Wenn der Nutzen gerade dort entsteht, wo niemand ihn sucht — wie soll eine Gesellschaft dann entscheiden, welche zweckfreie Neugier sie bezahlt und welche nicht?

Das ist nicht mein Bereich

27:27 — Die zweite Anwendung ist der CO₂-Fänger. Dafür nimmt Yaghi eine verwandte Materialklasse, die COFs (covalent organic frameworks), Gerüste ohne Metall, nur aus Kohlenstoffbindungen, robust wie Diamant. In ihre Poren bauen Chemiker Bausteine ein, die nur CO₂ binden. Die Aufgabe ist heikel: Jedes CO₂-Molekül in der Luft muss aus rund 2.500 anderen herausgefischt werden. Bleisch warnt vor dem technischen Schnellschuss — Staubsauger hin, alles paletti — und kommt auf die Politik: Solange Emissionen nichts kosten, rechnet sich das Absaugen nicht; es brauche das Verursacherprinzip. Müsse er sich nicht doch für Politik interessieren? 29:48 „Nein, ich bin Wissenschaftler." Er verweist auf Hunderte Tonnen MOF, die heute für Zementwerke in Kanada hergestellt würden. Gemeint sein dürfte CALF-20, ein MOF, das an der Universität Calgary ohne ihn entstand; BASF stellt es in South Carolina für die kanadische Firma Svante her, im Zementwerk Richmond läuft damit bislang eine Pilotanlage mit rund einer Tonne CO₂ am Tag (Faktencheck: vereinfacht). Und es fängt Abgas; CO₂ aus der Umgebungsluft zu holen, ist um ein Vielfaches schwerer. Bleisch fragt ein drittes Mal, ob ihn das nicht frustriere.

„Mein Aufgabenbereich ist es, eine Lösung bereitzustellen. Es ist die Gesellschaft, die entscheiden muss, ob sie diese Lösung annimmt oder nicht." 32:06

Hören — 32:06

Das ist Max Webers Arbeitsteilung aus Wissenschaft als Beruf: Die Wissenschaft sagt, welche Mittel es gibt und was sie kosten, über die Zwecke entscheidet sie nicht. Die Haltung hat ihr Recht, sie schützt sogar. Ein Forscher, der zugleich festlegt, was die Gesellschaft mit seiner Erfindung zu tun hat, wäre ein Technokrat.

Nur verläuft die Linie weniger sauber, als Yaghi sie zieht. Derselbe Mann hat ein paar Minuten vorher erzählt, dass ein Startup seine Wassergeräte auf den Markt bringt, dass Produktionszentren stehen, und er bietet Politikern an, mit ihnen über Machbarkeit und Wirtschaftlichkeit zu sprechen. Er steht längst in der Arena, nur auf der Seite des Angebots.

Eigene Einschätzung

Bleischs Einwand trifft den Punkt, an dem Yaghis Rechnung nicht aufgeht. Beim Wasser konkurriert sein Gerät mit einem Brunnen, der versiegt, und hat eine Chance. Beim CO₂ konkurriert es mit einer Atmosphäre, in die man kostenlos emittieren darf, und hat keine, solange Politik das nicht ändert. Die Chemie ist hier gelöst, der Preis nicht. „Das ist nicht mein Bereich" stimmt als Beschreibung seines Berufs. Als Antwort auf die Frage, warum eine fertige Lösung nicht ankommt, ist es zu wenig, denn die Lücke liegt genau zwischen dem Labor und der Gesellschaft, und dort steht er selbst.

Weitergedacht

Wenn der Erfinder sagt, die Gesellschaft möge entscheiden, und die Gesellschaft sagt, die Technik werde es schon richten — wer ist dann eigentlich zuständig für die Strecke dazwischen?

Flucht in die Ordnung

32:53 — Die Eltern flohen 1948 aus Palästina, die Familie lebte in Amman in sehr beengten Verhältnissen, zehn Kinder, Bleisch spricht von zwölf Menschen in einem Raum, dazu Vieh. Der Vater war Metzger. Schon in der dritten Klasse wollte der Junge nicht, dass die Eltern seine Noten kontrollierten, und das nicht aus Mangel an Liebe, betont er: Sie hätten jeden wachen Moment gearbeitet, damit die Kinder zur Schule gehen konnten. Er aber wollte lesen, was ihn interessierte, zeichnen, Gedichte auswendig lernen. Warum? Er habe das Elend um sich gesehen, bei den Eltern, den Nachbarn, auf dem Schulweg.

„Diese Zeichnungen von Molekülen waren deshalb für mich eine Flucht." 35:57

Im Gespräch — 35:57

Die Gedichte lernte er mit einer Genauigkeit, bei der jedes Wort seine richtige Aussprache bekam. Und der Laden des Vaters lag auf halber Strecke der drei Kilometer zur Schule; auf dem Hin- und Rückweg half er dort aus und putzte Gläser, bis sie keine Streifen mehr hatten.

„Ich lernte, dass es erst dann richtig gemacht ist, wenn es vollständig und vollkommen richtig erledigt ist." 37:28

Im Gespräch — 37:28

Bleisch fasst es in einem Satz zusammen, den Yaghi selbst so nicht sagt: Sein Leben war chaotisch, die Moleküle waren geordnet. Damit kommt die Biografie doch zurück, nur durch eine andere Tür, als sie vorhin wollte. Die Wasserknappheit führte nicht zum Wasserernter. Das Gedränge führte zur Ordnung. Ein Kind in einem überfüllten Raum findet in einem Bibliotheksbuch eine Welt, in der jedes Atom seinen festen Platz hat und jede Bindung ihren Winkel. Und was er später erfand, ist ein Kristall, in dem jede Pore genau gleich groß ist. Das ist unsere Deutung; er selbst bietet sie nicht an. Aber die Sehnsucht nach der vollkommen geordneten Struktur scheint älter zu sein als seine Chemie.

Trauben und Käse am Zoll

39:50 — Mit fünfzehn schickten ihn die Eltern in die USA. Die Mutter hatte ihm sein Lieblingsessen eingepackt, Trauben und Käse. Am Zoll fragte man ihn, was in der Tasche sei, und in schlechtem Englisch sagte er: mein Mittagessen. Er musste es wegwerfen, Obst darf man nicht einführen. Bleisch sagt: „Wie traurig." Yaghi macht daraus eine Lehre:

„Man kriegt nichts geschenkt, aber das stärkt die Resilienz und letztlich zahlt sich die harte Arbeit aus." 40:36

Im Gespräch — 40:36

Das amerikanische System, sagt er, stehe allen offen: Ihn nahm ein zweijähriges Community College ohne Highschool-Abschluss auf, die Kurse ließen sich an ein vierjähriges College anrechnen, Stufe um Stufe. Dann nennt er die Menschen, die ihn getragen haben: den Doktorvater Walter Klemperer, der ihm beibrachte, eine Beobachtung erst nach strengem Wiederholen einen Fakt zu nennen, und die wenigen Vertrauten, die an eine Idee glauben, wenn von überall Zweifel kommt. 4:33 Mentoring nennt er „einen unglaublichen Dienst an einem anderen Menschen".

Und doch hat er dieses Land eben verlassen. Nach dem Nobelpreis, im Sommer 2026, ging er an die Tsinghua-Universität in Peking, wo er ein neues Zentrum für KI in Chemie und Materialwissenschaft leitet. 8:23 „Es waren die Moleküle, die mich riefen", über einen weiteren Ozean, dorthin, wo er große Projekte umsetzen und „die dafür nötigen Ressourcen finden kann". Mit den Vereinigten Staaten habe das nichts zu tun, 45 großartige Jahre. Man sollte ihm die persönlichen Gründe glauben. Der Nebensatz über die Ressourcen erzählt trotzdem etwas darüber, wo das Geld für große Wissenschaft gerade liegt. Und der amerikanische Traum aus dem Mund eines Nobelpreisträgers ist die Geschichte eines, der es geschafft hat; wer genauso hart arbeitete und hängen blieb, sitzt in keiner Sternstunde. Das Community College, das ihn ohne Abschluss aufnahm, ist dabei echte Offenheit. Yaghi selbst erzählt es weniger heroisch, als seine Zusammenfassung klingt. In seiner Geschichte kommen erstaunlich viele Helfer vor.

Warum? und Warum nicht?

42:56 — Bleisch wird philosophisch: Aus Blei Gold, aus Stroh Gold spinnen wie im Grimm-Märchen, warum geht das nicht? Yaghi antwortet über seine beiden Lehrer. Vom Doktorvater lernte er, dass Wissenschaft mit Zweifeln und Fragen beginnt, eine im Grunde pessimistische Haltung, denn die meisten Experimente liefern nicht, was man sich erhofft. Vom Postdoc-Betreuer Richard Holm lernte er das Gegenteil:

„… dass Wissenschaft eine Übung in Optimismus ist." 44:32

Hören — 44:32

Beides müsse im Gleichgewicht stehen. 45:18 Der eine Ansatz fragt warum? und prüft, der andere fragt warum nicht? und macht nach dem zehnten Rückschlag weiter. Solange man lerne, werde man schließlich etwas entdecken. Bleisch zählt 118 Elemente, 94 davon natürlich vorkommend; Yaghi sieht darin ein offenes Feld: Jedes Kästchen sei der Anfang unermesslicher Möglichkeiten. Ob es in zweitausend Jahren doppelt so lang sein könnte?

„Ich weiß die Antwort darauf nicht, aber ich sehe keine Grenze." 49:52

Im Gespräch — 49:52

Die Alchemie-Frage wirkt beiläufig, aber in der Antwort steckt die Philosophie des Abends. Zweifel ohne Optimismus lähmt, Optimismus ohne Zweifel wird Alchemie: Die Alchemisten hatten reichlich warum nicht? und zu wenig warum?. Bleisch hält einen Gedanken dagegen, der Yaghis eigenes Lob der zweckfreien Forschung leise untergräbt. Die Alchemisten irrten im Ziel und erfanden auf dem Weg das Destillieren, Legieren, Sublimieren, das Handwerk jedes Chemielabors. Auch eine falsche, sehr zweckgerichtete Suche kann also Wissen hervorbringen. Und das „keine Grenze" ist ein Satz der Hoffnung. Die Physik ist knapper: Die schwersten künstlichen Elemente existieren nur für Bruchteile von Sekunden.

Weitergedacht

Yaghi nennt den Zweifel pessimistisch und den Optimismus notwendig. Ist eine Haltung, die nach jedem Fehlschlag weitermacht, noch Wissenschaft — oder schon Glaube, der sich gut tarnt?

Wenn Moleküle billig werden

53:01 — Am Ende erinnert sich Bleisch an ihren Chemiebaukasten, der dampfte und nach Schwefel roch, und fragt, ob es nicht schade sei, dass heute so viel am Rechner passiert. Yaghi antwortet mit einer Rechnung. In rund 35 Jahren habe sein Labor vielleicht 150 bis 200 verschiedene MOFs hergestellt. Heute könne er möglicherweise jeden zweiten Tag Tausende herstellen lassen; ein Roboter mischt die Bausteine, KI und Rechenleistung sagen voraus, was sich lohnt. Aus einer Welt der Knappheit ist eine Welt des Überflusses geworden. 54:33 Welches von Millionen möglichen Materialien nimmt man, welches wird zum Gerät, welches Gerät zum Produkt?

„So ist eine neue Wissenschaft entstanden, die ich Selektionswissenschaft nenne. In dieser neuen Welt der Wissenschaft hängt die Qualität von deiner Auswahl ab." 55:18

Hören — 55:18

Das ist der modernste Gedanke der Stunde, und er bekommt kaum zwei Minuten. Die Bewegung von der Knappheit in den Überfluss spiegelt seine eigene Geschichte: Wer einmal die Woche Kanister füllte, steht heute vor dem umgekehrten Problem, dass es von allem zu viel gibt. Wenn das Herstellen billig wird, wird das Auswählen teuer. Damit rückt aber auch die Frage vom Anfang wieder näher. Wer aus Millionen Kandidaten die zehn auswählt, die den Weg vom Molekül zum Produkt gehen dürfen, trifft eine Entscheidung darüber, welche Probleme gelöst werden und welche nicht, ob Wasser für Dörfer oder Kühlung für Rechenzentren. Die Selektion ist eine wertende Tätigkeit. Die Grenze zwischen „ich finde die Lösung" und „die Gesellschaft entscheidet" wird dünner, je mehr Wissenschaft aus Auswählen besteht.

Eigene Einschätzung

Das Gespräch lebt von einer produktiven Reibung. Bleisch will Sinn, Yaghi liefert Struktur. Sie sucht die Verbindung zwischen Leben und Werk, er schneidet sie ab und lässt sie an anderer Stelle doch sichtbar werden: in den geputzten Gläsern, in der Flucht in die Zeichnungen, in der Pore, die immer gleich groß ist. Gerade weil er sich der Heilsgeschichte verweigert, glaubt man ihm die Freude, mit der er den Wasserfilm anschaut. Nur bei den Zahlen zu seinen eigenen Geräten spricht der Forscher mit der Zuversicht dessen, der sie verkaufen will — und dort sollte man mit dem Zweifel des Doktorvaters zuhören.


Nachbesprechung

Die Sendung ist nach 56 Minuten zu Ende, zwei ihrer Fragen noch nicht: was an Yaghis Wasserversprechen heute tatsächlich greifbar ist, und was man über die Linie weiß, die er zwischen Labor und Gesellschaft zieht.

Wasser aus der Luft — was es an Zahlen gibt

„Bis Ende dieses Jahres marktreif“, sagte Yaghi, die Produktionszentren stünden. Wer daraufhin nach Zahlen sucht, findet welche, nur die entscheidenden fehlen. Atoco nennt Kapazitäten: einen 20-Fuß-Container, der mit Strom 2.000 bis 4.000 Liter am Tag liefern soll, einen passiven, der mit einem Temperaturunterschied von sieben Grad oder Abwärme ab 50 °C bis zu 1.000 Liter schafft, und kleinere Einheiten mit 150 Litern (AgNavigator, Januar 2026; AIChE ChEnected). Zu keiner dieser Zahlen stehen Luftfeuchte und Temperatur dabei, es gibt keinen Energiebedarf pro Liter, keinen Gerätepreis, keinen namentlich genannten Kunden und keine unabhängige Messung. Im Mai nahm die Firma laut Bloomberg noch keine Bestellungen an; für 2027 plant sie den Bau von 200 Geräten, gefertigt in Irvine, Kalifornien (Bloomberg via mining.com, Mai 2026). „Marktreif“ heißt demnach: eine Vorserie und die ersten Pilotkunden.

Die einzige Preisangabe stammt von Atoco selbst: Das Wasser solle „ein paar Cent pro Liter“ kosten, grob 20 bis 50 Dollar je Kubikmeter. Daneben gelegt ergibt das eine ernüchternde Reihe:

Wasser aus …Kosten je m³
Meerwasserentsalzung am Golf (Rekord Hassyan, Dubai)0,31 $
Jordaniens neuer Nationaler Wasserträger, inkl. 450 km Leitungca. 2,7 $
Tankwagen im Flüchtlingslager (Itang, Äthiopien, 2014)11,38 $ (doi:10.2166/washdev.2024.150)
Atocos Zielpreisca. 20–50 $

Die Physik erklärt den Abstand. Wer Wasser mit Wärme aus einem Sorbens treibt, muss mindestens die Verdampfungswärme aufbringen, gut 0,6 Kilowattstunden je Liter; eine Entsalzungsanlage braucht drei bis vier Wattstunden. Das thermodynamische Minimum für Wasser aus sehr trockener Luft liegt über dem 250-Fachen dessen, was Entsalzung mindestens kostet (Rao, Warsinger et al. 2022, doi:10.1039/d2ee01071b). Darum setzt Atoco auf Abwärme, und darum sieht ein aktueller Übersichtsartikel den Wert der Technik vor allem beim Reinstwasser für Halbleiterwerke und Rechenzentren; das ehrgeizige Kostenziel der DARPA von rund zwei Dollar je Kubikmeter ist noch weit entfernt (Fu, Elimelech et al. 2026, doi:10.1002/wat2.70086, Review). Dass der Schritt vom eindrucksvollen Prototyp zum haltbaren Feldgerät teuer werden kann, zeigt SOURCE Global: Rund 270 Millionen Dollar Kapital, Solarpaneele mit zwei bis fünf Litern am Tag, in Allensworth, Kalifornien, nach zwei Jahren viele defekt, seit 2025 ist die Firma faktisch am Ende (SJV Water 2024; dww.show).

Die Technik hat trotzdem ihren Platz, und der Yin-Yang-Blick gehört dazu. Wo keine Leitung hinführt, auf Inseln, nach Katastrophen, in Krisen, zählt kein Kubikmeterpreis; seit am Golf Entsalzungsanlagen zu militärischen Zielen geworden sind, ist das Interesse gewachsen. Eine Modellstudie hält solargetriebene Geräte grundsätzlich für geeignet, eine Milliarde Menschen mit fünf Litern Trinkwasser am Tag zu versorgen (Lord et al. 2021, doi:10.1038/s41586-021-03900-w; finanziert von Alphabets X, mehrere Autoren halten Patente auf solche Geräte).

Und der Junge mit den Kanistern? In Amman wird seit 1987 rationiert; viele Haushalte bekommen ihr Leitungswasser bis heute einmal die Woche, wie in Yaghis Kindheit. Jordanien, eines der wasserärmsten Länder der Erde mit weniger als 60 Kubikmetern je Kopf und Jahr, hat im April 2026 seine Antwort unterschrieben: eine Entsalzungsanlage in Aqaba und eine Leitung über 450 Kilometer und 1.100 Höhenmeter nach Amman, 4,3 Milliarden Dollar, Betrieb ab etwa 2030, danach Wasser an bis zu drei Tagen pro Woche (Smart Water Magazine, April 2026). Das Land seiner Kindheit setzt auf das Meer.

→ Weiter im Panorama: Wer bezahlt die Forschung — und wofür muss sie gut sein?, mit Flexners Essay, den Daten zum Ertrag der Grundlagenforschung und dem, was Geldgeber mitkaufen.

Nicht mein Bereich — was man über die Verantwortung der Forschung weiß

Yaghi beruft sich, ohne ihn zu nennen, auf Max Weber. Weber ist allerdings strenger mit ihm, als es klingt. Die Wissenschaft, schreibt er 1919, könne die Frage „Was sollen wir tun?“ nicht beantworten, wohl aber „Klarheit“ schaffen: über den Zweck, die „unvermeidlichen Mittel“ und die Folgen, damit sich jeder „Rechenschaft“ geben könne (Wissenschaft als Beruf, Deutsches Textarchiv). Die Rechenschaft über die Folgen gehört also zum Beruf. Die Wissenschaftsphilosophin Heather Douglas geht weiter: Weil jeder Befund ein Irrtumsrisiko trägt, entscheiden Forschende ständig mit, welcher Irrtum schlimmer wäre, und damit sind Werte schon im Labor am Werk (Douglas 2000, doi:10.1086/392855).

Die Geschichte kennt beide Haltungen. Fritz Haber erfand die Ammoniaksynthese und leitete 1915 bei Ypern den ersten Chlorgasangriff. 1945 baten James Franck, Leo Szilard und andere, die Bombe vor Zeugen auf einer unbewohnten Insel vorzuführen, statt sie auf eine Stadt zu werfen, vergeblich; Joseph Rotblat verließ als einziger das Manhattan-Projekt aus Gewissensgründen und bekam 1995 den Friedensnobelpreis für die Pugwash-Bewegung. 1975 legten Molekularbiologen in Asilomar ihrer eigenen Gentechnik ein Moratorium auf. Sie alle wussten etwas, das die Gesellschaft noch nicht wissen konnte. Genau das ist das Dilemma, das David Collingridge 1980 beschrieb: Solange eine Technik jung ist, kennt man ihre Folgen nicht; wenn man sie kennt, lässt sie sich kaum noch steuern. In der frühen Phase weiß der Erfinder am meisten.

Und was erwartet die Öffentlichkeit? In einer Befragung in 68 Ländern wollen 83 Prozent, dass Forschende mit der Öffentlichkeit sprechen, 52 Prozent, dass sie sich aktiv an der Politik beteiligen; nur 23 Prozent lehnen politische Empfehlungen ab (Cologna et al. 2025, doi:10.1038/s41562-024-02090-5). In Deutschland wünschen sich 70 Prozent, dass Forschende sich einmischen, wenn Fakten verzerrt werden (Wissenschaftsbarometer 2025). Das kostet ihre Glaubwürdigkeit meist wenig (Kotcher et al. 2017, doi:10.1080/17524032.2016.1275736); eine Wahlempfehlung der Zeitschrift Nature dagegen senkte bei den Anhängern der Gegenseite das Vertrauen in die Wissenschaft insgesamt (Zhang 2023, doi:10.1038/s41562-023-01537-5). Einordnen wird gewünscht, Parteinahme wird bestraft.

Yaghis eigene Lage bildet diese Forschung kaum ab. Er ist Wissenschaftler und Gründer in einer Person, und genau diese Doppelrolle ist empirisch kaum untersucht. Was die Leute von ihr halten, zeigt eine andere Zahl: Der häufigste Grund, Forschenden zu misstrauen, ist in Deutschland ihre Abhängigkeit von Geldgebern, 54 Prozent nennen ihn (Wissenschaftsbarometer 2023).

→ Weiter im Panorama: Wofür ist Forschung verantwortlich?, mit Weber, Haber, Rotblat und den Stimmen des Bestands, die zwischen Labor und Gesellschaft verschieden ziehen.


Faktencheck

Nicht belegt, Firmenangabe — Wasserernter mit 150 und 1.000 Litern am Tag

Yaghi nennt Prototypen, die mit Strom 150 L am Tag liefern, passive Abwärme-Geräte mit 1.000 L, 6–7 Jahre Lebensdauer, Marktreife bis Jahresende, abfallfreien Rückbau und „keine CO₂-Emissionen“. Für keine dieser Zahlen gibt es begutachtete Daten. Sie stammen aus dem Guardian-Interview vom 21.02.2026, aus Pressetexten von Atoco und einem Interview mit deren Vertriebschef, und die Angaben widersprechen sich untereinander: Dort ist von 2.000–4.000 L am Tag für Netzgeräte die Rede, im Gespräch von 150 L. Atocos Angabe „eine Tonne Material, bis zu 20 Tonnen Wasser am Tag“ entspräche rund 20 L pro kg MOF und Tag, dem 15- bis 30-Fachen des besten begutachteten Werts seiner eigenen Gruppe (siehe unten). Die passiven 1.000-L-Geräte stehen im Transkript im Futur 19:05, sie sind noch kein Prototyp. „Keine CO₂-Emissionen“ gilt höchstens für den Abwärme-Betrieb; die Stromvariante braucht nach einer Modellstudie realistisch 0,2–2,5 L pro kWh, bei 150 L also grob 60–750 kWh am Tag. Yaghi spricht hier als Gründer und wissenschaftlicher Leiter von Atoco. Quelle: Atoco zum Guardian-Interview · AIChE ChEnected, Dez. 2025 · AgNavigator, Jan. 2026 · Energiebedarf: Lord et al., Nature 2021 (doi:10.1038/s41586-021-03900-w, Modellstudie, begutachtet)

Bestätigt — Wasser aus Wüstenluft mit MOFs, begutachtet in Labor und Feld

Das Prinzip funktioniert und wurde in der Wüste getestet, die begutachteten Ausbeuten liegen aber um Größenordnungen unter den Firmenzahlen. Science 2017 (MOF-801) meldete 2,8 L pro kg und Tag bei 20 % Luftfeuchte, ein hochgerechneter Wert (gemessen: rund 0,24 L/kg pro Zyklus), den ein Kommentar in Science anfocht. Science Advances 2018 kam in Arizona auf 0,1 L pro kg und Tag-Nacht-Zyklus, allein mit Sonne. ACS Central Science 2019 (MOF-303, schnelles Zyklieren mit Energiezufuhr) erreichte 1,3 L/kg/Tag im Labor und 0,7 L/kg/Tag in der Mojave-Wüste. Ein Gerät mit 150 L am Tag bräuchte danach 115–215 kg MOF: machbar, aber unabhängig ungeprüft. Quelle: Hanikel et al., ACS Cent. Sci. 2019 (Primärstudie) · Fathieh et al., Sci. Adv. 2018 (Primärstudie) · Kim et al., Science 2017 (Primärstudie, strittig) · Meunier, Science 2017 (Kommentar)

Vereinfacht — „Hunderte Tonnen MOF für Zementwerke in Kanada“

Gemeint ist fast sicher CALF-20, entwickelt an der University of Calgary (George Shimizu), nicht in Yaghis Labor. BASF stellt es im Maßstab von mehreren hundert Tonnen pro Jahr in Seneca, South Carolina, für die kanadische Firma Svante her; im Zementwerk Lafarge Richmond (British Columbia) läuft damit eine Pilotanlage mit rund einer Tonne CO₂ am Tag, kein Industriebetrieb. Dazu ein rhetorischer Wechsel: Yaghi spricht von COFs, die CO₂ aus der Luft holen, und belegt die Skalierbarkeit mit einem fremden MOF, das CO₂ aus Abgas fängt, wo die Konzentration 300- bis 500-mal höher ist. Richtig bleibt: MOFs werden heute im Tonnenmaßstab produziert. Die Darstellung erweckt aber den Eindruck eines laufenden Großeinsatzes und stützt so sein Skalierungsargument. Quelle: BASF, Okt. 2023 · Svante/BASF-Liefervertrag · NETL zum Pilot in Richmond · Lin et al., Science 2021 (doi:10.1126/science.abi7281, Primärstudie CALF-20)

Vereinfacht — „Grundlagenforschung außerhalb jedes Einflusses gesellschaftlicher Probleme“

Für die Entdeckung der MOFs 1995 trifft Yaghis Selbstbild zu 29:48. Seine Wasserernte-Forschung seit 2017 ist dagegen ausdrücklich anwendungsorientiert: Das Paper von 2018 heißt „Practical water production from desert air“, der Balzan-Preis 2024 würdigte „Nanoporous Materials for Environmental Applications“, 2020 folgte die Firma Atoco, dazu kommt eine langjährige Forschungsallianz mit BASF. Das ist kein Vorwurf, aber ein Widerspruch in der Selbstdarstellung — und das Bild des zweckfreien Forschers hält die Frage nach dem Geschäftsinteresse von seinen Zahlen fern. Quelle: Fathieh et al. 2018 · Balzan-Preis 2024 · BASF, Dez. 2025

Bestätigt — 2,2 Milliarden Menschen ohne sicheres Trinkwasser

Die Zahl, die Bleisch nennt, stammt aus dem WHO/UNICEF-Monitoring (JMP 2023, Datenstand 2022). Der neueste Bericht (August 2025, Datenstand 2024) nennt 2,1 Milliarden Menschen ohne sicher verwaltetes Trinkwasser, 106 Millionen trinken Oberflächenwasser. Quelle: UNICEF/WHO: 1 in 4 people lack safe drinking water (2025) · JMP-Bericht 2025

Vereinfacht — UN-Prognose „fast 2 Milliarden in 20 Jahren“, London und Brüssel wegen Grundwasser

Eine UN-Prognose in genau dieser Form ist nicht auffindbar. Am nächsten kommt der UN-Weltwasserbericht 2023: Die städtische Bevölkerung mit Wasserknappheit wächst von 930 Millionen (2016) auf 1,7–2,4 Milliarden bis 2050, also in eher 25 Jahren und nur für Städte. Die Größenordnung stimmt. Die Begründung für London trägt nicht: Die englische Umweltbehörde erwartet bis 2055 ein Defizit von 5 Milliarden Litern am Tag, nennt als Ursachen aber Klima, Bevölkerungswachstum und Lecks; Londons Wasser kommt überwiegend aus Flüssen. Mit „auch London und Brüssel“ reicht der Markt für Wasser aus der Luft bis in die reichen Städte. Quelle: UN-Weltwasserbericht 2023 · Environment Agency, National Framework 2025

Bestätigt — Jedes CO₂-Molekül muss aus rund 2.500 anderen herausgefischt werden

Bei 420–425 ppm CO₂ kommt ein CO₂-Molekül auf etwa 2.350–2.400 andere; „rund 2.500“ ist eine faire Rundung. Yaghis Gruppe hat die CO₂-Abscheidung aus Umgebungsluft mit COFs begutachtet publiziert (COF-999, über 100 Zyklen). Quelle: NOAA GML: CO₂-Trends · Zhou et al., Nature 2024 (doi:10.1038/s41586-024-08080-x, Primärstudie)

Bestätigt — Ein paar Gramm MOF, die Fläche von Fußballfeldern

Rekord-MOFs erreichen über 7.000 m² innere Oberfläche pro Gramm (NU-110), ein Fußballfeld hat rund 7.140 m². Wasser-MOFs wie MOF-303 liegen bei grob 1.000–1.500 m²/g; das Bild hält trotzdem. Quelle: Farha et al., JACS 2012 (doi:10.1021/ja3055639, Primärstudie)

Bestätigt — 118 Elemente, 94 natürlich, Periodensystem 1869, die schwersten kurzlebig

118 Elemente sind seit der IUPAC-Benennung von 2016 vollständig, 94 kommen natürlich vor (Neptunium und Plutonium nur in Spuren), Mendelejews Tabelle stammt von 1869. Oganesson-294 hat eine Halbwertszeit von etwa 0,7 Millisekunden. Quelle: IUPAC 2016 · Oganesson (Wikipedia, mit Primärquellen)

Bestätigt — Biografie: 1995, Preise, Community College, Tsinghua

Die ersten MOF-Arbeiten erschienen 1995 in JACS (doi:10.1021/ja00146a033) und Nature (doi:10.1038/378703a0). Wolf-Preis 2018, Balzan-Preis 2024, Nobelpreis 2025 mit Kitagawa und Robson. Associate-Abschluss am Hudson Valley Community College 1983; „ohne Highschool-Abschluss“ ist seine eigene Angabe und passt zum Zeitablauf. Im Juli 2026 wechselte er von Berkeley an die Tsinghua-Universität. Quelle: Omar M. Yaghi (Wikipedia) · Nature News, 2026 · SCMP


Weiterführende Quellen

Aus der Video-Beschreibung:

Im Gespräch berührt:

  • Abraham Flexner: The Usefulness of Useless Knowledge (Harper's, 1939) — der klassische Essay über den Nutzen zweckfreier Forschung, den Yaghis Plädoyer wiederholt
  • Max Weber: Wissenschaft als Beruf (1917/1919) — die Arbeitsteilung zwischen Mitteln (Wissenschaft) und Zwecken (Politik), auf die sich „das ist nicht mein Bereich" berufen kann

Aus dem Faktencheck (Sherlock):


Verbindungen

→ Forschung

Das Panorama, in das die Nachbesprechung dieser Note führt. Dort steht Yaghis „nicht mein Bereich“ neben Weber, Haber und Rotblat und neben den Stimmen des Bestands, zu vier Fragen: Verantwortung, Geld, Vertrauen und die KI im Labor.

→ Ken Ono — Wenn das Wissen billig wird

Zwei Forscher erleben dieselbe Wende von zwei Seiten. Bei Ono wird das Wissen billig, bei Yaghi das Herstellen, und beide landen beim selben Schluss: Der Wert des Menschen liegt jetzt im Auswählen und Fragen. Ono sucht die „unentdeckten Ramanujans“, die ohne Privilegien aufwachsen. Yaghi ist einer, den jemand gefunden hat — ohne Highschool-Abschluss über ein Community College in die Forschung, mit großer Dankbarkeit für seine Mentoren.

→ Ulrike Herrmann — Technisch möglich, ökonomisch unbezahlbar

Herrmanns Kernsatz passt genau auf Yaghis CO₂-Fänger: Entscheidend ist, was die Technik kostet, und das Verfahren allein sagt darüber nichts. Ihre Rechnung zum synthetischen Kerosin enthält genau den Schritt, den Yaghis COFs erledigen sollen — CO₂ aus der Luft fischen. Sein „die Gesellschaft möge entscheiden“ trifft bei ihr auf die Thermodynamik: Jede Umwandlungsstufe kostet Energie, und diesen Preis schafft keine Politik aus der Welt.

→ Lukas Bärfuss — Die Fesseln der eigenen Herkunft

Beide Gespräche führt Barbara Bleisch, und beide Männer lassen sich ihre Herkunft nicht als Heldenreise erzählen. Danach trennen sie sich: Bärfuss schreibt seinen Aufstieg Gesundheit, Zufall und Glück zu, Yaghi fasst seinen als Lehre zusammen, harte Arbeit zahle sich aus. In beider Erzählung treten erstaunlich viele Helfer auf, und bei beiden war der Mangel der Ausgangspunkt — bei Bärfuss die Leerstelle, die er erfindend füllt, bei Yaghi das Gedränge, aus dem er in die Ordnung der Moleküle floh.

→ ARTE — Forschung, Fake und faule Tricks

Beim Heidelberger Aufruf lieh sich die Asbestindustrie die Autorität von 52 Nobelpreisträgern, und niemand fragte, wer bezahlt hatte. Vor diesem Hintergrund bekommen Bleischs Frage „Wer bezahlt?“ und der Beipackzettel zu Atoco ihr Gewicht. Nennt ein Nobelpreisträger als Firmengründer Zahlen, ist das kein Betrug; die Frage nach dem Interesse stellt sich trotzdem. Der Abschnitt „Der Markt als neue Kirche“ stützt zugleich Yaghis Plädoyer: Wo Forschung nur über Drittmittel läuft, bleiben Felder liegen, die niemanden bereichern — dagegen fordert er eine Grundfinanzierung wie im Gesundheitswesen.

→ Torsten Wilholt — Wahrheit und Wissen

Klemperers Regel, eine Beobachtung erst nach strengem Wiederholen einen Fakt zu nennen, ist praktische Erkenntnistheorie: Wissen ist wahre Überzeugung, die nicht vom Zufall lebt. Wilholts Satz „Jeder Skeptiker ist ein Anfänger“ passt zu Yaghis Balance aus warum? und warum nicht? — der Zweifel ist nötig, führt aber nicht in die Skepsis, weil Wissen keine Gewissheit braucht. Und Wilholts Forschungsfeld, was Auftraggeber und Interessen mit der Verlässlichkeit von Forschung machen, gehört genau an den Beipackzettel zu den Atoco-Zahlen.

→ Maren Urner — Radikal hoffnungsvoll

Yaghi nennt Wissenschaft „eine Übung in Optimismus“. Nach Urners Unterscheidung beschreibt er Hoffnung: Optimismus ist bei ihr die passive Erwartung, dass es gut wird, Hoffnung besteht aus Willenskraft und Wegkraft — der Fähigkeit, nach dem zehnten Rückschlag noch einen Weg zu sehen. Genau das meint Holms „warum nicht?“. Urner liefert den Begriff für das, was Yaghi im Labor übt.

→ Andreas Reckwitz — Fortschritt NEU DENKEN

Yaghis Reihe der Materialepochen, von der Steinzeit bis zur Kontrolle einzelner Atome, ist der Fortschrittsglaube in der Form, deren Keimzelle Reckwitz im Labor der frühen Neuzeit verortet. Sein Befund, die Moderne habe keine Sprache für Verlust, passt zu den Schatten, die die Note am Epochenbild markiert: Waffen, Abraum, Rechenzentren. Und Yaghis „Ich sehe keine Grenze“ ist die positive Zukunftserwartung aus dem Mund eines Mannes, bei dem sie sich tatsächlich eingelöst hat.

→ Das Glück des Schmieds

Yaghis Satz „Man kriegt nichts geschenkt, aber harte Arbeit zahlt sich aus“ ist genau das Sprichwort, das dieses Panorama prüft. Die Mobilitätsdaten dort (Chetty 2017: vom US-Jahrgang 1940 verdiente die große Mehrheit mehr als die Eltern, von den in den Achtzigern Geborenen nur noch die Hälfte) ergänzen, was die Note unter dem Stichwort der Überlebenden andeutet. Das Community College bleibt dabei der Teil des Systems, der tatsächlich offen ist.


Weiterdenken

Was Sokrates vielleicht gefragt hätte
  • Yaghi will sein Werk nicht aus seiner Kindheit erklärt haben. Wie viel darf man in eine Biografie hineinlesen, wenn der Mensch selbst die Deutung zurückweist — und wann wird die schöne Geschichte zur Aneignung?
  • Eine Technik, die Wasser aus Wüstenluft zieht, landet zuerst bei Rechenzentren und Industrie, weil dort Abwärme und Kaufkraft sind. Ist das der normale Weg jeder Erfindung zu den Armen — oder ein Umweg, von dem sie nie zurückkommt?
  • „Die Gesellschaft entscheidet" setzt voraus, dass es eine Gesellschaft gibt, die entscheiden kann. Was, wenn die Entscheidung in Wahrheit von Investoren, Förderprogrammen und dem Standort des Labors getroffen wird — Berkeley oder Peking?
  • Wenn Maschinen Materialien in Millionen erzeugen und der Mensch nur noch auswählt: Nach welchen Kriterien sollte man auswählen, und wer sollte sie festlegen? (→ Ken Ono — Wenn das Wissen billig wird)
  • Zweifel und Optimismus im Gleichgewicht — in welchem Bereich deines eigenen Lebens überwiegt gerade das eine so stark, dass das andere fehlt?

Von hier einen Faden gehen7 Stationen, rückwärts durch den Bestand

Im Bestand

Omar M. YaghiDenkerVitaForschungKen OnoWenn das Wissen billig wirdUlrike HerrmannTechnisch möglich, ökonomisch…Lukas BärfussDie Fesseln der eigenen HerkunftARTEForschung, Fake und faule TricksTorsten WilholtWahrheit und WissenMaren UrnerRadikal hoffnungsvoll: Denn…Andreas ReckwitzFortschritt NEU DENKENDas Glück des SchmiedsBarbara BleischDenkerVitaMark BeneckeDie neuen Umwelt-Messungen für…

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