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Gedankenraum
Zeitgeist·3. Oktober 2026·1:06 h·36 Belegstellen

Philip Schlaffer — Kann man sich ändern?

Zwanzig Jahre Täter, ein abgehängter Spiegel in der Zelle, ein Sportverein, der heimlich abstimmt — und eine Zuhörerin, die sagt: Vergeben dürfen nur die Opfer.

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Vilhelm Hammershøi — graue, stille Innenräume, Menschen von hinten, Licht durch ein Fenster. Eine kahle Zelle, ein Handtuch hängt über dem Spiegel, ein schwerer Mann sitzt auf dem Hocker vor dem Bett und schaut zum vergitterten Fenster, auf dem Tisch ein Buch und ein Becher. Hammershøi malte Räume, in denen nichts geschieht und alles still wird — das Jahr, in dem Schlaffer sich nicht im Spiegel ertrug.

Prompt: Painting in the style of Vilhelm Hammershøi, wide 1200x500 banner, quiet muted interior, soft grey light, stillness. A bare narrow cell-like room with pale grey walls: on the left a small mirror on the wall completely covered by a hanging white towel; in the center a heavily built man with a shaved head, seen from behind, sitting on the edge of a simple bed, his tattooed forearms resting on his knees, looking toward a high barred window through which soft daylight falls onto the floor; on a small table a closed book and a tin cup. Desaturated greys, pale ochre light, contemplative silence. No faces visible, no text, no symbols.

Worum es geht

Zwanzig Jahre Täter, ein abgehängter Spiegel in der Zelle, ein Sportverein, der heimlich abstimmt — und eine Zuhörerin, die sagt: Vergeben dürfen nur die Opfer. Philip Schlaffer war Neonazi, gründete in Wismar eine Kameradschaft, führte einen Rockerclub und landete im Gefängnis. Vor Publikum erzählt er, warum es keinen Moment der Erleuchtung gab, warum ihn kein Flyer erreicht hätte und warum er sich selbst vergeben hat. Ein Abend über Enttäuschung als Ausstiegsgrund, über die Hand, die einem jemand reicht, und über die Frage, wer über die zweite Chance entscheidet.

Quelle: Kann man sich ändern? Mit Ex-Nazi Philip Schlaffer — Spielfeld Gesellschaft (Veranstaltung mit Publikum, YouTube 11.10.2023, 67 Min.)

Wer spricht?

Philip Schlaffer (1978, Lübeck) — rund zwanzig Jahre in der Szene: ab 1994 Neonazi, NPD-Mitglied, Rechtsrock-Händler und Gründer der Kameradschaft „Werwolf Wismar“; ab 2008 Präsident des Rockerclubs „Schwarze Schar MC“, den Mecklenburg-Vorpommern im Januar 2014 verbot. Im Dezember 2014 verurteilte ihn das Landgericht Schwerin wegen der Finanzierung einer Cannabisplantage zu zwei Jahren und zehn Monaten, die er in der JVA Stralsund absaß. Heute Anti-Gewalt- und Deradikalisierungstrainer, Geschäftsführer von Extremislos e.V., YouTube-Kanal „EX – Rechte Rotlicht Rocker“, Autobiografie Hass. Macht. Gewalt. (2020).

→ DenkerVita

Die Veranstaltung: DENKRAUM von Spielfeld Gesellschaft, einer Initiative der Niedersächsischen Lotto-Sport-Stiftung, am 21. September 2023 im TAK in Hannover-Linden, moderiert von einer Mitarbeiterin der Initiative.


„Da lag keine braune Bananenschale“

3:58 — Schlaffer beginnt mit einer Bemerkung, die er gleich wieder beiseiteschiebt: Sein Hund sei krank. Dann: „20 Jahre lang in meinem Leben war ich Täter.“ Die erste Frage, die er seinem Gefängnispsychologen stellte, war nicht die nach seinen Opfern. Über die, sagt er, rede er heute nicht, er habe sich damit „sehr intensiv beschäftigt“. Es war die Frage nach sich: „Wird Gesellschaft mir wieder eine Chance geben? … Bin ich noch mal liebenswert, kann ich noch mal geliebt werden?“

6:15 — Wie er hineinkam, beschreibt er ohne Ausrede. „Ich bin auch nicht in den Rechtsextremismus reingerutscht. Da lag nicht eine braune Bananenschale, bin ich ausgerutscht.“ Es seien Weichen gestellt worden. Die Schule lief schlecht, zum Vater gab es eine „hasserfüllte Verbindung“, also suchte er väterliche Figuren und eine „hypermännliche Szene“. Er bekam sie. „Rechtsextremismus funktioniert — das ist leider so, aber mit dem Zusatz: Er funktioniert kurzzeitig.“ Er wurde gesehen, er war plötzlich elitär, sie zogen durch die Stadt. Politik und Hass kamen dazu, „mitgebracht“.

7:00 — Das Werkzeug nennt er beim Namen: Die Szene macht Jugendsozialarbeit. „Mensch, du weißt nicht, wo du hin kannst — komm am Wochenende grillen, … wenn du kein Euro hast, wir haben eine Kiste Bier, hier gibt's Bratwurst, und im Keller machen wir sogar Boxtraining.“ „Ich habe kurzzeitig eine Heimat bekommen.“

Das Wort kurzzeitig trägt den ganzen Abend. Es gesteht der Szene zu, was sie gibt, und hält zugleich fest, dass sie es nicht halten kann. Schlaffers Bild ist bescheidener und genauer als das vom Rutschen: Ein Boden wurde bereitet, und dann fiel etwas darauf, das auf genau diesem Boden wuchs. Wer Prävention will, muss sich weniger fragen, welche Parolen ein Junge hört, als wer ihm am Wochenende eine Bratwurst und einen Platz anbietet.

Kein Erweckungserlebnis

7:47 — Ob er gezweifelt habe? „Nein, das habe ich nicht.“ Und die Frage, die er am häufigsten hört — was war der Bruch, wo ist dieser eine Tag — beantwortet er mit einer doppelten Absage: kein Flyer eines Ausstiegsprogramms, „geiler Flyer, gut gedruckt, toll Demokratie“, und auch kein Spiegel, vor dem er stehen blieb und sich fragte, was aus dem Kind geworden ist, das gern Lego spielte. „Rechtsextremismus enttäuscht irgendwann auf jeden Fall. Ich habe keinen kennengelernt“, bei dem es anders war.

9:18 — Die Enttäuschung ist menschlich, nicht ideologisch. Doppelmoral, ständiges Lügen. „Wir haben nach außen gedacht, wir könnten ein Land, Europa oder die Welt regieren — wir hätten hier nicht mal in dem Stadtteil die Müllabfuhr organisieren können.“ Dabei zeigt er auf sich, nicht auf die Kameraden: „Ich war vorneweg der Oberbastard.“

10:05 — Und dann der Satz, der erklärt, warum so viele bleiben, obwohl sie enttäuscht sind. Andere im Publikum hätten Familie, Arbeit, Vereine, Freunde, Impulse aus vielen Richtungen; wenn ein System wegbricht, bleibt ein anderes. „Rechtsextremisten haben meistens nur das eine.“ Das aufzugeben heißt: „Wenn ich das aufgebe, was bleibt dann? Dann bin ich gar nichts mehr.“ Was er mit zwanzig verkraften konnte, konnte er mit fünfundzwanzig, dreißig nicht mehr.

Später fügt er die Zutaten hinzu, als die Moderatorin ihn bittet, einen „Zweifelkuchen“ zu backen 28:23: die Lügen, der Morgen, an dem man schon mit Wut aufsteht, ein Mord im eigenen Umfeld, Gewalt unter Kameraden, „der Druck der Polizei, die ständigen Hausdurchsuchungen“. „Man brennt förmlich auch aus vom Extremismus.“ Mit zwanzig fühlten sie sich zu fünft auf der Straße wie „Hengste“, mit dreißig sitzt er im Clubhaus, die Clubkasse ist wieder geklaut, „die können nicht mal acht Bier bezahlen“. „Wenn du ein bisschen Hirn noch hast, denkst du dir: Das soll mein Leben sein?“ 29:53

Weitergedacht

Schlaffer sagt, der Ausstieg sei schwer, weil Rechtsextremisten „meistens nur das eine“ haben. Wenn das stimmt, ist die wirksamste Prävention dann keine Aufklärung über Ideologie — sondern das zweite, dritte, vierte Netz, das ein Jugendlicher hat, wenn das erste reißt?

Der Flyer gehört ins Walt Disneyland

32:09 — Ob ihm damals jemand hätte heraushelfen können? Schlaffer lacht. „Ja, was für ein schöner Gedanke. Den packen wir jetzt auch mal ins Walt Disneyland.“ Wer in einer geschlossenen Gruppe ist, lernt schnell, dass jeder, der für den Staat arbeitet, Gegner ist, ein „bezahlter Systemling, USA, Israel“. Mit fünfzehn, sechzehn, siebzehn hatte er seine erste eigene Gruppe, und er wusste: Jeder von Polizei oder Sozialarbeit „will mit mir labern und will mir diese Gruppe wegnehmen“.

33:41 — Seine Schlussfolgerung ist hart, und er unterscheidet sorgfältig. Bei jungen Leuten: „Immer dranbleiben, bitte, … kein Zurücklassen.“ Bei einem gefestigten Fünfundzwanzigjährigen wie ihm damals: „Geht lieber los und sabbelt mit eurem Hund.“ Es müsse erst ein „Riss“ da sein, ein Impuls, überhaupt reden zu wollen. „Aktiv auf einen massiv indoktrinierten Neonazi loszugehen … halte ich für völlig utopisch und für Zeitverschwendung.“

Das ist Wichmanns Teflon aus dem Mund eines, der selbst die Pfanne war. Es ist zugleich eine Warnung an alle, die das Gespräch für die Lösung halten: Es wirkt vor dem Riss kaum und nach dem Riss sehr. Die Kunst liegt darin, den Riss zu erkennen — und da zu sein, wenn er kommt. Schlaffer selbst bekommt heute „fast täglich“ Nachrichten, von Eltern, von Aussteigern, von Leuten, die achtzehn Seiten schreiben, um ihr Herz auszuschütten. Einer, früher Hooligan, schrieb ihm, er habe seinen Nachbarn am Gartenzaun nicht geschlagen, und Frau, Mutter und Kind seien stolz gewesen. „Das sind tolle Momente für mich.“ 37:27

Ein Handtuch über dem Spiegel

50:23 — Erst in der Fragerunde rückt Schlaffer eine Chronologie gerade, die in seiner Geschichte oft untergeht: Er gab seinen Ausstieg im Januar 2014 bekannt und wurde erst im Juli verhaftet, wegen alter Straftaten. Ein halbes Jahr trieb er den Ausstieg allein voran, „ohne mein Weltbild zu überarbeiten … Hauptsache raus“. Das Gefängnis hat ihn nicht deradikalisiert. „Das halte ich für fehlerhaft“, sagt er über die Vorstellung, man stecke Leute ins Gefängnis und sie kämen geläutert heraus 11:35. Der Impuls müsse aus einem selbst kommen. Aber die Zelle trennte ihn von der Gruppe, und sie „professionalisierte“ den Ausstieg.

12:22 — Er wurde dort Buddhist, „Cherry-Picker-Buddhist“, und nutzte die Zelle wie einen Rückzug. Das erste Jahr hängte er den Spiegel mit einem Handtuch ab, „weil ich mich nicht im Spiegel ertragen habe“. Er verlor die Lust am Leben. Und er merkte, dass er es allein nicht schafft, und bat um Hilfe, beim Anstaltspsychologen und bei der evangelischen Pastorin der JVA Stralsund. Das war nicht vorgesehen. „In meinem Vollzugsplan stand drin: Einer Person wie mir kann man nicht helfen, wegschließen und wieder entlassen.“ Er schrieb Briefe ans Justizministerium, um überhaupt Behandlung zu bekommen 13:07.

13:53 — Dann der Satz, der ihn, wie er sagt, bis heute emotional macht. Seine Eltern besuchten ihn, die Mutter weinte, draußen trafen sie die Pastorin, und die sagte: „Um Ihren Jungen zu kämpfen lohnt sich.“ „Das macht mich bis heute ganz emotional, weil … da hat jemand gesagt: Ich sehe jetzt nicht nur diese raue, tätowierte Naziglatze, sondern da ist ein Mensch drin.“ Ein Mann, der sein Leben lang darauf geachtet hatte, welchen Vorteil er aus Menschen ziehen kann, traf welche, die ihm helfen wollten, ohne einen zu haben.

Es ist die stillste Szene des Abends und die wichtigste. Der Staat hatte ihn aufgegeben, schriftlich. Zwei Menschen in diesem Staat taten es nicht. Und die Deradikalisierung, sagt er, dauere „mindestens die Zeit, … die ich auch in der Radikalisierung verbracht habe“ 16:58. Zehn Jahre später geht er noch freiwillig in Supervision und zu Retreats 43:31.

Achtzig Millionen Kaffee

21:33 — Nach der Haft wollte er überzeugen, alle. Ein taz-Artikel von 2017 hieß tatsächlich „Ausstieg als Inszenierung“, und er traf ihn; er erinnert vor allem den Vorwurf, er fotografiere sich immer noch hypermännlich beim Sport. Leute schrieben ihm, seine Tattoos und sein Scheitel seien „immer noch ein bisschen hitlerisch“, aber wenn sie ihn träfen, würden sie ihm glauben. Also traf er sie. „Philip, Alter, willst du dich mit irgendwie 82 Millionen Deutschen treffen? … 150 Millionen Kaffee, die ich auch noch bezahle.“ So, sagt er, sei sein YouTube-Kanal entstanden.

23:04 — Irgendwann der Entschluss: „Ich habe diese Veränderung für mich gemacht. Wenn die anderen das nicht glauben, ist mir das eigentlich scheißegal.“ Urteilen sollen die, die ihn länger begleiten, Familie, Freunde, Kollegen. Die Moderatorin gibt zu, dass sie selbst abgewogen hat, wie viel Bühne man einem Täter geben darf, und sich für ihn entschied, „weil ich das Gefühl hatte, du bist ehrlich an Stellen, wo es dich in schlechtem Licht darstellen lässt“ 24:37.

25:23 — Wie die Öffentlichkeit begann, erzählt er selbst: Ehemalige Kameraden verbreiteten, er bereue den Ausstieg. Er lag gerade am Strand, mit Buch und Bier, und dachte: Nein. Seine Mutter hat sein Buch nicht gelesen, seine Frau schaut seine Videos nicht; sie wollen nicht wissen, was er im „ersten Leben“ getan hat. Für dreißig Minuten Aufnahme über sich selbst braucht er einen ganzen Tag. Und er setzt den Vorbehalt selbst: „Das ist meine Erinnerung. Ich habe Alkohol getrunken, ich habe Kokain konsumiert, mein Gehirn ist natürlich auch kaputt.“ 26:53

Was der Artikel wirklich einwandte, erzählt Schlaffer an diesem Abend nicht. Die Ausstiegsforscherin Johanna Sigl sah darin einen Ausstieg, der als Abkehr von der Kriminalität erzählt wird, ohne auf die Ideologie einzugehen, und einen Erzähler, der „im Mittelpunkt“ bleibe, in der Rolle, die er schon als Kameradschaftskopf und Rockerboss gespielt habe. Die taz zitierte ein Buch-Exposé von 2014, in dem stand: „Ich bin kein Aussteiger.“ Und sie wies auf ein Datum hin: Im Januar 2014, dem Monat, in dem Schlaffer seinen Ausstieg verkündete, verbot das Innenministerium von Mecklenburg-Vorpommern seinen Rockerclub (taz, 18.02.2017). Laut taz wollte Schlaffer sich damals nicht äußern; er selbst sagt, der Reporter habe ihn nicht treffen wollen.

Man muss das nebeneinanderstellen, ohne es gegeneinander auszuspielen. Schlaffer sagt an diesem Abend selbst, sein erster Ausstieg sei „Hauptsache raus“ gewesen, ohne das Weltbild zu überarbeiten, und das Weltbild habe erst die zweite Rolle gespielt. Die Kritik und seine Selbstauskunft beschreiben insofern denselben Anfang. Der Unterschied liegt darin, was danach kam — Therapie, Opferbriefe, zehn Jahre Supervision nach seinen Worten — und ob man ihm das glaubt. Dass er heute auch als Keynote-Redner für Unternehmen über „Gangster-Burnout“ auftritt (philip-schlaffer.de), gibt Sigls Einwand gegen das Geldverdienen mit der eigenen Vergangenheit neues Material.

Neben Eichis milder werdenden Fassungen ist bemerkenswert, wie Schlaffer erzählt. Er weiß, dass die Öffentlichkeit misstraut, und baut den Zweifel an seiner eigenen Erinnerung in die Erzählung ein. Das macht ihn nicht unfehlbar. Es macht ihn prüfbar.


Publikumsfragen

Die Moderatorin gibt nach etwa vierzig Minuten das Mikrofon in den vollen Saal, mit der Bitte um eine Minute pro Frage; es melden sich weit mehr, als drankommen.

Ideologische Reflexion und die „Mitte“ 40:28 — Ein Zuhörer verweist auf die am selben Tag erschienene Mitte-Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung: Acht Prozent hätten ein geschlossenes rechtsextremes Weltbild und hielten sich für die Mitte; Rechtsextremismus sei ein Phänomen der breiten Gesellschaft. Schlaffer kennt die Studie nicht und unterscheidet: rechts, rechtsradikal, rechtsextrem, Neonazi. Wer ein rechtsextremes Weltbild habe, gehöre „nicht zur demokratischen Mitte“, egal wie er sich nennt. Auf die Nachfrage nach seiner eigenen Reflexion: erst professionell mit dem Psychologen, dann „in den neuen Begegnungen“; ein Prozess, der seit zehn Jahren läuft, mit Supervision bis heute.

War er der Klügere? 43:31 — Ob er seine Intelligenz habe verstecken müssen oder schnell aufgestiegen sei. „Ich bin so bauernschlau vielleicht.“ In seinem Milieu sei Bildung keine Priorität gewesen; wer ein bisschen pfiffig ist, kann führen und manipulieren. Dann eine Warnung: Die neuen rechtsextremen Strömungen seien „keine Idioten“, sondern hasserfüllte Ideologen mit langen Strategien.

Aiwanger 45:47 — Eine Frage zum Flugblatt-Fall des bayerischen Vizeministerpräsidenten. Schlaffer findet erschreckend, dass Aiwanger danach Aufwind bekam; Veränderung würde er ihm zugestehen, ob sie passiert ist, könne er nicht beurteilen. Die Moderatorin lenkt zurück.

Zwei Personen? 47:19 — Ob er sich als altes und neues Ich sehe. Im Gefängnis sprach er über sich in der dritten Person, bis der Psychologe sagte, er solle seine Persönlichkeit bitte nicht spalten. Heute akzeptiere er, dass das sein Leben und seine Taten waren. Wie andere ihn sehen? „Das ist mir scheißegal.“ Am liebsten säße er mit ein paar Leuten beim Italiener und wäre „einfach wieder nur mal Philip“.

Hat das Gefängnis doch geholfen? Wächst die Szene? 48:49 — Hier die Chronologie: Ausstieg im Januar 2014 erklärt, Verhaftung im Juli, das Gefängnis als Beschleuniger. Zur Szene: Die klassische, optisch erkennbare Neonazi-Musikszene sei rückläufig, aber rechtsextreme Sprüche und Haltungen wanderten in die Mitte; in Ostdeutschland poste er nicht mehr, wo er ist.

Was ist passiert, dass du zur Gesellschaft gehören wolltest? 51:53 — „Ich wollte ja leben.“ Neue Leute, ein Sportverein, mit normalen Leuten grillen, Gin Tonic, Konzerte. Den 39. Geburtstag feierte er nach der Haft „mit null Freunden“, den davor mit 500 Leuten im Clubhaus. Und wenn er beim Tischtennis jemanden zur Pizza einlädt und der nach den Tattoos fragt: „Philip Schlaffer, google mal.“

Angst vor Rache? 53:24 — Ja. Er geht mit offenen Augen durch Hannover, es gab Drohungen und „zweieinhalb Angriffsversuche“; seine Frau schreibt ihm, wenn er das Auto wegparkt. Der Preis sei „relativ gering“.

Die Lehrerin und der Dreißigjährige 54:09 — Eine Berufsschullehrerin erzählt von einem Schüler, dreißig, der sich zur rechtsextremen Gesinnung bekannte und von der Schule flog; sie fühlte sich machtlos und hat ihn nie wiedergesehen. Schlaffer rät, sich an professionelle Stellen zu wenden — das sei kein Anschwärzen, dort gebe es Beratung —, und: „Lass es nicht so nah an dich ran. … Manchmal wollen Leute einfach auch lost gehen.“

Ausstieg für sich — oder für die anderen? 56:26 — Ein Zuhörer fasst zusammen: Er sei ausgestiegen wegen persönlicher Probleme, nicht wegen Moral. Schlaffer bestätigt ohne Umschweife. „Das Weltbild spielt meistens die zweite Rolle.“ Kein Ausstiegsprogramm frage in der ersten Sitzung nach dem Weltbild, zuerst komme Beziehungsarbeit.

Die Frage, die knallen soll 60:16 — Die Moderatorin will zum Schluss eine richtig kritische Frage. Eine Zuhörerin: „Sie haben gesagt, Sie haben sich selber vergeben, und ich finde, das steht Ihnen nicht zu. Ich finde, der Einzige, der vergeben kann, ist das Opfer, und nicht Sie. Ich finde das anmaßend.“ Schlaffer antwortet lang. Er habe sich mit seinen Opfern getroffen, für alle sei es „sehr versöhnlich“ gewesen, zwei von ihnen hätten mit ihm ein Video gemacht. Den Gedanken, sich selbst zu vergeben, habe er nicht gehabt; der Psychologe habe ihn gegeben: „Wie soll dein Leben aussehen, wenn du jeden Morgen aufstehst und in den Spiegel guckst und anfängst, dich wieder zu hassen?“ Es gebe die Zeit für Reue und Schuld, aber irgendwann müsse man nach vorne gehen 61:47. „Ich bleibe dabei.“ Die Moderatorin verweist danach auf die Mobile Beratung für Betroffene rechter Gewalt.

Was die Gesellschaft tun kann 64:03 — (eigene Frage der Moderatorin) Die Hand reichen, sagt Schlaffer, kritisch, aber reichen. Er hatte Angst, dass ihn kein Sportverein nimmt. Der Verein, in dem er Tischtennis und Fußball spielen wollte, traf sich heimlich, rund 300 Mitglieder, um zu beraten, ob man so jemanden aufnehmen könne. Der Präsident sagte: Wenn wir als Verein Menschen keine Chance geben können, die sich verändern wollen, „dann sind wir als Verein überflüssig“. Seine älteste Freundin im neuen Leben hat er dort kennengelernt. Und eine Warnung zum Schluss: Wer jeden ausgrenzt, der einmal etwas Antidemokratisches sagt, treibt ihn zu denen, die ihn mit offenen Armen empfangen. „Man kann eine Stoppkarte setzen.“ 64:48


Nachbesprechung

Die letzte Frage des Abends war die schärfste, und sie trägt über ihn hinaus: Darf ein Täter sich selbst vergeben?

Darf sich ein Täter selbst vergeben?

Die Zuhörerin sagt: Vergeben kann nur das Opfer. Schlaffer sagt: Der Psychologe habe ihm gezeigt, dass man nicht leben kann, wenn man jeden Morgen mit Selbsthass in den Spiegel schaut 61:47. Beide meinen, wie sich zeigt, verschiedene Dinge mit demselben Wort.

Die Psychologie trennt hier genauer als die Alltagssprache. Sie unterscheidet echte Selbstvergebung von Pseudo-Selbstvergebung, und der Unterschied liegt in der Verantwortung. Wer sich „vergibt“, indem er die eigene Schuld kleinredet, verzeiht sich nichts, er entschuldigt sich. Echte Selbstvergebung setzt voraus, dass jemand die Tat anerkennt und die Werte bekräftigt, die er verletzt hat, idealerweise dem Opfer gegenüber (Wenzel, Woodyatt & Hedrick 2012, doi:10.1002/ejsp.1873, zwei Einzelstudien). Sie geht dann mit mehr Empathie für das Opfer einher, während Selbstbestrafung und Pseudo-Selbstvergebung weder Täter noch Opfer nützen (Woodyatt & Wenzel 2013, doi:10.1521/jscp.2013.32.2.225). Was der Gefängnispsychologe Schlaffer riet, hat einen harten Befund im Rücken: Bei 476 Häftlingen sagte Schuld — ich habe etwas Falsches getan — weniger Rückfall nach der Entlassung voraus, Scham — ich bin falsch — mehr, vor allem wenn sie in Schuldzuweisung an andere kippte (Tangney, Stuewig & Martinez 2014, doi:10.1177/0956797613508790, Längsschnitt). Ein Handtuch über dem Spiegel ist Scham. Was dort hilft, ist der Schritt von „ich bin ein Monster“ zu „ich habe das getan, und ich stehe dafür ein“. Eine Studie, die Selbstvergebung direkt mit Rückfall verknüpft, gibt es bislang nicht.

Die Zuhörerin steht trotzdem nicht allein. „Man sollte Rehabilitation der Aussteiger:innen nicht mit Vergebung verwechseln. Vergeben können nur die Opfer und Betroffenen der rechten Betätigung“, schrieben Monty Ott und Ruben Gerczikow 2023 über die Vermarktung prominenter Aussteiger (Volksverpetzer). Die Philosophie gibt ihr eine lange Ahnenreihe. Simon Wiesenthal ging schweigend aus dem Zimmer, als ein sterbender SS-Mann ihn „als Juden“ um Vergebung bat; er hätte nur für sich vergeben können, nicht für die Ermordeten (Die Sonnenblume). Hannah Arendt nannte Verzeihen das Heilmittel gegen die Unwiderruflichkeit des Handelns und hielt in ihrem Denktagebuch die Versöhnung dagegen, das freiwillige Mittragen einer Last, die der andere ohnehin trägt (Vita activa). Schlaffer nennt seine Opfertreffen „versöhnlich“, nicht „vergebend“. Das Wort ist genauer, als er vielleicht meint.

Was bei diesen Treffen passiert ist, kann man sehen. 2019 stellte Schlaffer eine fünfteilige Reihe online, „Der Gewalttäter trifft & interviewt Gewaltopfer“. Das Opfer ist ein früherer Mitschüler, den er in der Realschule grundlos zusammengeschlagen hatte; der Mann hatte in der Zeitung von Schlaffers Wandel gelesen und ihn vor einem Supermarkt angesprochen. Im vierten Teil sagt Schlaffer, wie stark eine Tat das Leben eines Opfers prägen kann, „das vergessen Täter“, und gesteht, „dass diese Tat gar nicht in meinem Gehirn aktiv drin ist“ 9:21. Für ihn war es eine von vielen; für den anderen ein Einschnitt. In diesem Satz liegt das ganze Problem der Selbstvergebung. Der Täter kann sich die Tat verzeihen, an die er sich erinnert. Das Opfer trägt die, die geschehen ist.

Die Forschung zu moderierten Täter-Opfer-Gesprächen ist ermutigend, mit einer Bedingung. In zehn randomisierten Studien senkten solche Konferenzen die Rückfälle leicht, und die Opfer waren zufriedener, bekamen öfter eine als aufrichtig erlebte Entschuldigung und litten weniger an posttraumatischen Symptomen (Strang et al. 2013, Campbell-Review, doi:10.4073/csr.2013.12). Bei Hasskriminalität fand der Kriminologe Mark Walters ähnliche Effekte, warnte aber vor kurzen, schlecht vorbereiteten Begegnungen, in denen Opfer sich gedrängt fühlen; die Hälfte der Opfer wählte lieber den indirekten Weg über einen Vermittler (Walters 2019). Schlaffers Treffen waren private Begegnungen, die zugleich Inhalt seines Kanals wurden. Das spricht nicht gegen ihre Aufrichtigkeit. Es zeigt nur, wie dünn die Linie zwischen Wiedergutmachung und Erzählung ist, wenn der Täter auch der Sender ist. Ausstiegsträger fordern deshalb, dass bei Auftritten von Aussteigern die Perspektive der Betroffenen mitkommt (BAG Ausstieg zum Einstieg 2025) — wie an diesem Abend, als die Moderatorin nach der Frage auf die Opferberatung hinwies.

Am Ende haben beide recht, über verschiedene Dinge. Ein Täter kann aufhören, sich zu hassen, wenn er die Verantwortung trägt; das braucht er, um nicht rückfällig zu werden. Vergeben, im vollen Sinn, kann ihm nur, wem er etwas angetan hat. Und manchmal tut es dieser, wie der Mitschüler vor dem Supermarkt.

→ Weiter im Panorama: Was hält einen draußen?, mit Bernhardt, Eichi, Kazim und Friedman und Lina Mitschke.


Faktencheck

Bestätigt — Biografie: Kameradschaft, Rockerclub, Haft in Stralsund

Schlaffer, 1978 in Lübeck geboren, ging 1994 mit fünfzehn in die Lübecker Skinhead-Szene, wurde NPD-Mitglied und Rechtsrock-Händler mit Läden in Berlin, Hamburg und Wismar, gründete in Wismar die Kameradschaft „Werwolf“ und 2008 den Rockerclub Schwarze Schar MC, den er als Präsident führte; der Club war in Wohnungsprostitution und Drogenhandel aktiv. Am 17.12.2014 verurteilte ihn das Landgericht Schwerin zu zwei Jahren und zehn Monaten wegen unerlaubten Drogenhandels, weil er eine Cannabisplantage bei Wismar mit 30.000 € finanziert hatte; den Vorwurf des bandenmäßigen Handels ließ das Gericht fallen. Die Haft saß er in der JVA Stralsund ab und kam 2016 vorzeitig frei. Seine Selbstbeschreibung als „20 Jahre Täter“ verharmlost nichts: Mit neunzehn erhielt er eine Bewährungsstrafe wegen gefährlicher Körperverletzung, 2006 wurde er mit Baseballschläger vor dem „Werwolf-Shop“ gefilmt. Quelle: NDR, 17.12.2014 (Archiv) · taz, 18.02.2017 · Wikipedia

Vereinfacht — „Ausstieg im Januar 2014 bekannt gegeben“

Die Abfolge stimmt: im Januar der Bruch, im Juli die Verhaftung, im Dezember das Urteil; die Straftaten reichen bis zum Verbot des Clubs. Ungesagt bleibt vor diesem Publikum, was im Januar 2014 geschah: Am 8. Januar verbot Innenminister Caffier die Schwarze Schar und beschlagnahmte das Clubhaus. In seinem Buch-Exposé von 2014, das die taz zitiert, steht: „bis im Januar 2014 das Verbot der Schwarzen Schar ausgesprochen wurde. An diesem Tag beschloss ich, mein Leben zu ändern“ — und: „Ich bin kein Aussteiger.“ Dem Nordkurier sagte er 2019 offen, das Verbot sei eine „Erlösung“ gewesen; er versteckt es also nicht grundsätzlich. Früher erzählte er zudem eine zweite Chronologie, nach der er die rechte Szene schon nach einem Mord 2007 verlassen habe und dann zu den Rockern gegangen sei. Der Club war aber nicht unpolitisch — er nahm nur „Deutsche“ auf und rekrutierte ehemalige „Werwölfe“. Die heutige Fassung mit „20 Jahren“ ist darum die ehrlichere. Quelle: NDR, 16.12.2014 (Archiv) · Nordkurier 2019 · Endstation Rechts

Bestätigt — „Ein Mord im Umfeld“

Gemeint ist die Neujahrsnacht 2007 in Wismar: Der 30-jährige Andreas F., Vater eines kleinen Sohnes und selbst aus der Szene, wurde nach einer Feier im „Werwolfklub“ erstochen; unter den Tätern waren zwei frühere Angestellte von Schlaffers Laden. Das Landgericht Schwerin verurteilte den Haupttäter 2008 wegen Mordes. Schlaffer war nicht beteiligt. Die Amadeu Antonio Stiftung führt Andreas F. als Todesopfer rechter Gewalt; ein rechtsextremes Motiv sah das Gericht nicht. Quelle: Amadeu Antonio Stiftung — Andreas F. · Belltower.News

Nicht verifizierbar — „Im Vollzugsplan stand: Einer Person wie mir kann man nicht helfen“

Das Dokument ist nicht öffentlich. Im Kern ist die Aussage stabil; in seinem Buch steht sie laut einer Rezension als Satz des Landgerichts („Laut Landgericht ist einer Person wie Ihnen nicht zu helfen“), nicht des Vollzugsplans. Die kleine Abweichung bringt ihm keinen erkennbaren Vorteil. Pastorin und psychologischer Dienst der JVA Stralsund kommen in mehreren Berichten vor. Quelle: NachDenkSeiten, Rezension 23.05.2020 · Scheffold-Gymnasium

Vereinfacht — Der „unfaire taz-Artikel“

Der Artikel existiert: „Ausstieg als Inszenierung“ von Hannes Stepputat und Andreas Speit, taz nord, 18.02.2017. Die Fitness-Selfies kommen darin vor, der Kern der Kritik stammt aber von der Ausstiegsforscherin Johanna Sigl: Er stelle den Ausstieg als Ausstieg aus der Kriminalität dar, „ohne auf die einst von ihm vertretene Ideologie einzugehen“, und setze sich weiter in den Mittelpunkt. Seine Erinnerung, der Reporter habe ihn nicht treffen wollen, steht gegen die taz: „Weder Schlaffer selbst noch [der Vereinschef] wollten sich dazu äußern.“ Beides kann stimmen, falls er ein Treffen statt einer Stellungnahme wollte. Quelle: taz, 18.02.2017

Vereinfacht — „So ist YouTube entstanden“

Den Kanal erklärt er als Ersatz für 82 Millionen Kaffeetreffen. Dass er auch Einkommen ist, sagt er nicht: In den Beschreibungen stehen Rabattcodes von Sponsoren, ein Merch-Shop und bezahlte Mitgliedschaften; über die Rockerzeit gibt es Serien mit mehr als siebzig Folgen. Die Journalistin Andrea Röpke nennt das einen „medialen Egotrip“, Geld verdient „mit Beichten, Schockelementen und eingeblendeten Werbeblocks“. Dagegen stehen seine Ausbildung zum Deradikalisierungstrainer beim Violence Prevention Network und Urteile wie das von t-online 2025: „Kaum jemand hat den Ausstieg so glaubhaft geschafft wie er.“ Geld zu verdienen widerlegt den Ausstieg nicht; es gehört zum Bild. Quelle: bpb — Andrea Röpke, 19.03.2024 · t-online, 27.12.2025

Bestätigt — Video mit seinen Opfern

Auf seinem Kanal steht eine fünfteilige Reihe vom Februar 2019, „Der Gewalttäter trifft & interviewt Gewaltopfer“, mit einem früheren Mitschüler, den er in der Schulzeit angegriffen hatte; die Initiative zum Treffen ging nach dessen Schilderung vom Opfer aus. Ein zweiter eigener Betroffener im Kanal ließ sich nicht belegen. Ob „alle“ Treffen versöhnlich waren, ist von außen nicht prüfbar. Quelle: Teil IV, 07.02.2019 · Teil V / Q&A

Bestätigt — Mitte-Studie: 8 % mit geschlossen rechtsextremem Weltbild (Zuhörer)

Die FES-Mitte-Studie „Die distanzierte Mitte“ wurde am 21.09.2023 vorgestellt, am Abend der Veranstaltung. Sie fand 8 % mit klar rechtsextremer Orientierung, gegenüber 2 bis 3 % in den Vorjahren; dass sich alle diese 8 % als Mitte bezeichnen, behauptet sie nicht. In der Folgestudie 2024/25 („Die angespannte Mitte“) fiel der Wert wieder auf 3 % — ein Ausschlag, kein Dauerzustand. Quelle: Uni Bielefeld, 21.09.2023 · FES, Mitte-Studie 2024/25 (PDF)

Bestätigt — Aiwanger bekam nach der Flugblatt-Affäre Aufwind

Ende Juli 2023 lagen die Freien Wähler bei rund 11 %, nach der Affäre um das antisemitische Flugblatt aus Aiwangers Schulzeit bei 15 bis 16 %; bei der Landtagswahl am 08.10.2023 holten sie 15,8 %, ein Rekord. Quelle: Tagesspiegel

Vereinfacht — „Die klassische NS-Musikszene ist rückläufig“

Für die sichtbare Szene stimmt das: Seit 2019 gibt es keine großen Rechtsrock-Festivals mehr, die Besucherzahl pro Konzert ging stark zurück. Die Gesamtzahl rechtsextremer Musikveranstaltungen erreichte 2023 aber einen Höchststand, durch kleine, abgeschottete Liederabende. Die Szene ist unauffälliger geworden, nicht kleiner. Das rechtsextremistische Personenpotenzial stieg 2023 auf 40.600. Quelle: BMI — Verfassungsschutzbericht 2023, Kurzfassung (PDF)

Vereinfacht — „In der DDR wäre ich in Bautzen 20 Jahre eingesperrt worden“

Eine rhetorische Zuspitzung im Dienst seines Arguments für die Demokratie. Die DDR verfolgte Neonazis selten als solche, meist als „Rowdytum“; nach dem Überfall auf die Ostberliner Zionskirche 1987 erhielten die Täter zunächst ein bis zwei Jahre, erst auf politischen Druck bis zu vier. „Bautzen“ steht als Chiffre für politische Haft. Dass ihm dort keine Therapie geblieben wäre, ist plausibel, die zwanzig Jahre sind es nicht. Quelle: Wikipedia — Überfall auf die Zionskirche

Bestätigt — „Das Weltbild spielt meistens die zweite Rolle“

Die Forschung trennt das Lösen von der Gruppe (disengagement) vom Ablegen des Weltbilds (deradicalization); oft kommt das erste zuerst, angetrieben von Enttäuschung, Gewalt in der Gruppe, Repressionsdruck und Ausbrennen (Silke et al. 2021, systematischer Review, doi:10.1515/mks-2021-0128; Horgan et al. 2017, doi:10.1080/19434472.2016.1156722). Belegt ist das vor allem qualitativ. Seine Faustregel, Deradikalisierung dauere mindestens so lange wie die Radikalisierung, ist nicht belegt. Quelle: Silke et al. 2021

Nicht verifizierbar — Der Sportverein mit rund 300 Mitgliedern

Für die heimliche Beratung und den Satz des Präsidenten gibt es keine unabhängige Quelle. Ein biografisches Echo erklärt die Angst vor Ablehnung: Als Jugendlicher kam er aus England nach Lübeck zurück, und sein alter Fußballverein nahm ihn nicht wieder auf. Keine unabhängige Quelle gefunden.

Bestätigt — Bedrohung durch die alte Szene

Drohungen sind dokumentiert, etwa bei einem Vortrag in Radolfzell 2020; laut t-online geht er teilweise unter Polizeischutz in Schulen. Die „zweieinhalb Angriffsversuche“ sind nicht unabhängig belegt. Quelle: Südkurier, 16.10.2020 · t-online, 27.12.2025


Weiterführende Quellen

Aus der Video-Beschreibung: Ergänzend kündigte Spielfeld Gesellschaft Podcastfolgen mit Aktion Neustart, dem staatlichen Ausstiegsprogramm des niedersächsischen Verfassungsschutzes, und der Mobilen Beratung gegen Rechtsextremismus Niedersachsen an — viele Ausstiegsberaterinnen und -berater dürfen aus Sicherheitsgründen nicht vor die Kamera.

Weitere Quellen:


Verbindungen

→ Panorama: Wie kommt man aus der rechten Szene wieder heraus?

Schlaffer liefert, was dort bei der Frage nach dem Auslöser noch dünn war: Ausbrennen statt Kind oder Partnerin — Lügen, Hausdurchsuchungen, eine geklaute Clubkasse. Sein halbes Jahr „Hauptsache raus“ vor jeder Arbeit am Weltbild ist der Lehrbuchfall für Lösen vor Umdenken. Und auf die Reibung der letzten Frage, wer über die zweite Chance entscheidet, antwortet im Saal eine Zuhörerin: nur die Opfer.

→ Marcant und Eichi — Ausstieg aus der Neonazi-Szene

Eichi lässt seine Mannschaft offen entscheiden, über Schlaffer berät ein Sportverein mit 300 Mitgliedern heimlich. Beide holen sich die zweite Chance bei Menschen, die nicht ihre Opfer waren. Eichis Geschichte wird beim Erzählen milder; Schlaffer baut den Zweifel an der eigenen Erinnerung selbst ein.

→ Benneckenstein und Wichmann — Zwischen Hass und Ausstieg

Was Wichmann Teflon nennt, ist bei Schlaffer der Flyer fürs Walt Disneyland. Beide setzen zuerst auf Beziehungsarbeit, das Weltbild „spielt meistens die zweite Rolle“. Beide Aussteiger saßen in Haft, und bei beiden trennte das Gefängnis von der Gruppe, ohne den Ausstieg auszulösen.

→ Marcant — Ausstieg aus der rechten Szene

Felix ist der Siebzehnjährige, bei dem Schlaffer verlangt: „immer dranbleiben, kein Zurücklassen“. Beim gefestigten Fünfundzwanzigjährigen hält er das Gespräch dagegen für Zeitverschwendung — eine Altersgrenze, die er über Marcants Methode legt.

→ Fabian Bernhardt — Ist die Rache der Ursprung der Moral?

Die Zuhörerin vertritt Bernhardts Vergeben als Gabe, die nur der Verletzte geben kann. Schlaffers Selbstvergebung kommt in dessen Dreiteilung nicht vor; am nächsten liegt sie dem Verzeihen als Verzicht — hier auf die tägliche Selbstbestrafung.

→ Dietrich Bonhoeffer — Theorie der Dummheit

„Befreiung, nicht Belehrung“, und zuerst muss sich die Gruppe lösen — bei Schlaffer tat das die Zelle. Bonhoeffer liefert auch den schärfsten Einwand gegen die Selbstvergebung: „Billige Gnade ist die Gnade, die wir mit uns selbst haben.“ Die Wende kam ausgerechnet von einer Pastorin.

→ Christine Brähler — Selbstmitgefühl, Scham und reife Liebe

Ein Jahr lang ein Handtuch über dem Spiegel: Brählers Scham, sich selbst als verabscheuenswert zu erleben. Selbstmitgefühl löscht Scham nicht, es macht sie anschaubar — und ihre Unterscheidung von Selbstmitgefühl und Selbstmitleid ist ein Maßstab für den Einwand der Zuhörerin.

→ Können wir uns ändern? — Persönlichkeit zwischen Anlage und Umwelt

Dieselbe Titelfrage, einmal aus der Persönlichkeitsforschung, einmal als Täterbiografie. Deradikalisierung dauert so lange wie die Radikalisierung, und es tragen Beziehungen und ein Sportverein, kein Vorsatz — das Gummiband unter langer Spannung.

→ Stephan Marks und Aladin El-Mafaalani — Unter der Wut die Scham?

Ein Junge, der gestohlen hat, schämt sich vor dem Spiegel, und Marks würde ihm gratulieren: Du bist ein Mensch. Gegen Tangneys Befund gelesen, ist das die Scham über verratene Werte, die dicht bei der Schuld liegt. Gefährlich wird die andere, die auf andere abgeladen wird.

→ Susanne Boshammer — Was heißt verzeihen?

Boshammer gibt der Zuhörerin begrifflich recht — verzeihen kann nur das Opfer, darum spricht sie nicht von „Selbstverzeihen“ — und beschreibt doch, was hier geraten wird: die Person nicht verdammen, mit der Tat unversöhnt bleiben.


Weiterdenken

Was Sokrates vielleicht gefragt hätte
  • Schlaffer stieg aus, weil er enttäuscht und ausgebrannt war, nicht weil er sein Weltbild durchschaute. Ist ein Ausstieg aus Eigennutz weniger wert — oder ist er gerade deshalb so stabil?
  • Im Vollzugsplan stand, einem wie ihm könne man nicht helfen. Zwei Menschen widersprachen. Was sagt es über eine Institution, wenn der Wendepunkt von denen kommt, die sich über ihre Vorgaben hinwegsetzen?
  • Die Zuhörerin sagt: Vergeben dürfen nur die Opfer. Der Psychologe sagt: Wer sich nie vergibt, kann nicht leben. Können beide recht haben — und was folgt daraus für die Opfer, die nicht vergeben wollen?
  • Ein Sportverein stimmte heimlich ab, ob er ihn aufnimmt. Wie hätte mein Verein, meine Firma, meine Nachbarschaft entschieden — und wie ich?
  • Schlaffer rät, bei gefestigten Neonazis lieber mit dem Hund zu reden. Wer erkennt den „Riss“, wenn er kommt — und wer ist dann da?

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Im Bestand

Wie kommt man aus der…Philip SchlafferDenkerVitaSusanne BoshammerWas heißt verzeihen?Benneckenstein und WichmannZwischen Hass und AusstiegMarcant und EichiAusstieg aus der Neonazi-SzeneMarcantAusstieg aus der rechten SzeneFabian BernhardtIst die Rache der Ursprung der…Dietrich BonhoefferTheorie der DummheitChristine BrählerSelbstmitgefühl, Scham und reife…Können wir uns ändern?Persönlichkeit zwischen Anlage…Stephan Marks und Aladin…Unter der Wut die Scham?

elf gedachte Verweise

verlinktdieselbe Quelle, nie verlinkt
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