Quelle: Investieren NEU DENKEN mit Silke Stremlau
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Wer spricht?
Silke Stremlau — Geschäftsführerin von Finance for Transition (F4T), Pionierin der ESG-Bewegung im deutschsprachigen Raum. Über 30 Jahre Erfahrung an der Schnittstelle von Finanzmarkt und Nachhaltigkeit: von imug Consulting (ESG-Bewertungsinfrastruktur, 2000–2015) über die Hannoversche Kassen (Vorstand, 2018–2023) bis zur Vorsitzenden des Sustainable Finance-Beirats der Bundesregierung (2019–2025). Kernthese: Geld ist niemals neutral — Kapitalallokation ist die entscheidende gesellschaftliche Gestaltungsmacht.
Maja Göpel als Gastgeberin — Politikwissenschaftlerin, Transformationsforscherin und Autorin von Unsere Welt neu denken. Beide sind hier gleichwertige Gesprächspartnerinnen — kein klassisches Interview-Gefälle, sondern ein Dialog auf Augenhöhe zweier Denkerinnen mit sehr ähnlichen Systemdiagnosen.
”Geld ist niemals neutral” — die Grundthese
Stremlau hat diesen Satz groß markiert: Geld ist niemals neutral, sondern es wirkt je nachdem, wofür wir es einsetzen. Der Satz klingt simpel, ist aber ein radikaler Bruch mit der herrschenden Finanzmarktlogik, die Kapital als abstrakte Größe behandelt — beweglich, gesichtslos, wertfrei.
Was Stremlau meint, ist präziser: Jede Investitionsentscheidung ist eine gesellschaftliche Entscheidung. Welche Technologien entstehen, welche Unternehmen wachsen, welche Geschäftsmodelle überleben — das ist keine Marktresultante, sondern eine Folge von Kapitalflüssen. Wer diese Flüsse kontrolliert oder beeinflusst, formt die Zukunft — oft ohne dass es so explizit benannt wird.
„Geld hat eine Wirkung. Welche Wirkung hat dieses Geld? Und dann bemühe ich mich zu sagen: nachhaltig.”
Das ist für sie keine moralische Überhöhung, sondern analytische Klarheit: Kapital ist ein Werkzeug. Die Frage ist nicht ob es wirkt, sondern wie — und wer das gestaltet. Göpel ergänzt aus systemtheoretischer Perspektive: Genau dieser Suchprozess, wie wir die Stellschrauben von Gesellschaft neu justieren, sei der Kern von Transformation — und die Finanzwirtschaft sei dabei keine neutrale Infrastruktur, sondern eine der wirkungsvollsten Stellschrauben überhaupt.
Weitergedacht
Wenn Kapital niemals neutral ist — wer hat dann das Recht, die Wirkungsrichtung zu bestimmen? Demokratisch legitimierte Politik, Marktakteure, oder gibt es eine neue Form institutioneller Rechenschaftspflicht, die wir noch nicht haben?
Drei Phasen nachhaltigen Investments: von Ethik zu Risiko zu Strategie
Stremlau beschreibt eine faszinierende Ideengeschichte, die zeigt, wie sich Nachhaltigkeit im Finanzmarkt von einer religiösen Randerscheinung zu einem strategischen Mainstream-Konzept transformiert hat.
Phase 1 (2000–2010): Ethisches Investment Ursprünglich von Kirchen und Quäkern getrieben — man wollte keine Rendite mit Waffen, Tabak, Alkohol oder Kinderarbeit erzielen. Die sogenannten „Sin Stocks” (Sündenaktien) wurden einfach ausgeschlossen. Kein systematischer Bezug zu Rendite oder Risiko, sondern moralische Haltung.
Phase 2 (2010–2015): ESG als Risikomanagement Der Durchbruch kam mit konkreten Unternehmensskandalen: BP Deepwater Horizon, die VW-Dieselaffäre. Plötzlich wurde sichtbar: Unternehmen, die Umwelt- und Sozialfragen ignorieren, haben höhere finanzielle Risiken — Reputationsverluste, Rechtskosten, verpasste regulatorische Veränderungen. ESG wurde zur Risikominimierungsstrategie. Das war der Eintrittspunkt in den klassischen Finanzmarkt.
„Das war der Einfall, rauszukommen aus dieser kleinen Nischenecke ‘ethisches Investment, das ist was für Kirchen und für die ganz Heiligen’ — reinzugehen in den klassischen Finanzmarkt, weil da hat man ihre Kategorien bekommen.”
Phase 3 (ab 2018): Strategische Transformationsfinanzierung Mit dem EU Sustainable Finance Action Plan von 2018 verstand die EU-Kommission: Wenn wir eine dekarbonisierte Wirtschaft wollen, muss der Finanzmarkt die Schlüsselrolle spielen. Entweder investiert er in Zukunftsbranchen oder in fossile Weiterbetreiber. Diese Erkenntnis eröffnete die dritte Phase — ESG nicht nur als Risikoschutz, sondern als aktive Gestaltung von Kapitalflüssen in Richtung Transformation.
Weitergedacht
Die drei Phasen folgen einer inneren Logik: Erst Werte, dann Risiken, dann Strategie. Aber ist das wirklich Fortschritt — oder wurde nachhaltiges Investieren einfach in die Renditelogik übersetzt, statt diese Logik zu hinterfragen?
EU-Taxonomie: Goldstandard mit politischen Rissen
Die EU-Taxonomie ist eines der ambitioniertesten Regulierungsprojekte in der Geschichte des europäischen Finanzmarkts — und gleichzeitig ein Lehrstück darüber, wie politische Kompromisse ein gutes Instrument beschädigen können.
Der ursprüngliche Ansatz war klug: statt zu definieren, was nicht nachhaltig ist (eine Brown List, die politischen Mut erfordert hätte), wählte man den scheinbar einfacheren Weg: den Goldstandard definieren. Was ist eine nachhaltige Wirtschaftsaktivität? Für jeden Sektor mit hohem CO2-Einfluss wurden detaillierte Kriterien entwickelt — sehr detailliert, wie Stremlau einräumt: manchmal auf Seiten. Die Immobilienbranche fand das nützlich, weil sie plötzlich einen klaren Referenzrahmen hatte. Aber: Nur 0,5% des deutschen Gebäudebestands erfüllt diese Kriterien. Das erzeugt keine Steuerungsrelevanz.
Das eigentliche Scheitern aber war politisch: Eine Brown List hätte erfordert, klar zu benennen — Atomkraft ist nicht nachhaltig. Kernkraft versus Gas: Frankreich und Deutschland gerieten in einen Grundsatzstreit, der die Taxonomie mit Kompromissen füllte, die ihr Steuerungspotenzial aushöhlten.
„Ich hätte eher gesagt, wir sagen das, was nicht nachhaltig ist. Aber dafür hätte es politischen Mut gebraucht — und alle hätten sagen müssen: Atomenergie ist nicht nachhaltig, Investitionen in Landminen sind nicht nachhaltig.”
Das Ergebnis ist eine Taxonomie, die Banken weiterhin zu Datenerhebungen zwingt, deren Ergebnisse Stremlau — selbst Aufsichtsrätin bei der Nordelb — als „Zahlenfriedhöfe” bezeichnet. Und dann kommt der entscheidende Schritt in der Ideenentwicklung: aus dem gescheiterten Goldstandard lernen und den Begriff Transition Finance entwickeln — nicht die perfekten Vorreiter fördern, sondern alle, die den Umbau ernsthaft betreiben.
Rüstungsindustrie: notwendig, aber nicht nachhaltig
Eine der schärfsten und klarsten Aussagen des Gesprächs: Investitionen in die Rüstungsindustrie können in der aktuellen geopolitischen Lage gesellschaftlich notwendig sein — aber sie sind nicht nachhaltig. Diese Unterscheidung, die im Sustainable Finance-Beirat mit den großen deutschen Banken gemeinsam erarbeitet wurde, ist keine Feigheit vor der Zeitenwende, sondern begriffliche Integrität.
Stremlau schildert, wie die Rüstungslobby bereits vor dem Ukrainekrieg versucht hatte, in die Taxonomie zu gelangen — mit dem Satz: „Die Mutter der Nachhaltigkeit ist die Sicherheit.” Das sei reinste Lobbypolitik gewesen, die aber aufzeigte, wie ernst die Branche das Taxonomie-Instrument nimmt: Wer drin ist, hat besseren Kapitalmarktzugang.
„Investitionen in die Rüstungsindustrie sind gerade notwendig gesellschaftlich, aber sie sind nicht nachhaltig. Ganz klar: lasst das da raus. Waffen zerstören Menschen, zerstören Umwelt. Sie zerstören Land auch oft für Jahrzehnte.”
Der ökonomische Begriff, den Göpel einführt, ist präzise: regrettable necessities — bedauernswerte Notwendigkeiten. Das BIP zählt sie als Wachstum, aber aus einer Versorgungssicherheitsperspektive sind sie das Gegenteil von Fortschritt: Güter, die man herzustellen hofft, nie benutzen zu müssen, und deren Nutzung im Ernstfall zerstörerisch ist.
Bemerkenswert: Im Beirat sitzen Unicredit, Deutsche Bank, Commerzbank, DZBank, kirchliche Investoren — und sind sich einig. Das wird auch von der Politik weitgehend nicht gehört, was beide als symptomatisch für ein tiefer liegendes Problem beschreiben: Die Lobbyorganisationen der Rüstungsindustrie sind lauter als der Beirat.
Weitergedacht
Wenn „notwendig aber nicht nachhaltig” als Kategorie existiert — wie viele andere gesellschaftliche Ausgaben fallen darunter, die wir unreflektiert als Wohlstand zählen? Und wer entscheidet, wann eine Notwendigkeit aufhört, notwendig zu sein?
Der ESG-Backlash: Lobby, Populismus und strategische Desinformation
Stremlau analysiert den ESG-Backlash der letzten Jahre mit kühlem Blick — und ist bereit, dabei Ross und Reiter zu nennen. Das Muster: Unternehmen, die den Strukturwandel nicht ernstnehmen oder aktiv verhindern wollen, haben zwei Kanäle.
Der erste Kanal ist klassisches Lobbying bei Verbänden, die dann die Mitglieder-Minderheit mit dem lautesten Interesse vertreten. Das Ergebnis sind Verbandspositionen, die den Fortschrittlichsten unter ihren Mitgliedern in den Rücken fallen — weil die Verweigerer lauter schreien.
Der zweite Kanal ist strategische Desinformation: Fake News über die Wirkung der Sustainable Finance-Regulierung. Stremlau nennt das explizit beim Namen. Ein Beispiel: Es wurde politisch verbreitet, Nachhaltigkeitskriterien verhinderten die Kreditvergabe an die Rüstungsindustrie und an den Automittelstand. Beides falsch.
„Das war Fake News. Ganz klar: die Automobilindustrie bekommt keine Kredite, weil ihre Geschäftsmodelle am Verbrenner hängen und man sieht seit Jahren, dass es in die andere Richtung geht.”
Der dritte Faktor: Amerika. Der Backlash ist nicht nur europäisch, sondern konzertiert und mit US-amerikanischen Geldinteressen und politischem Populismus verbunden. Unter dem Sammelbegriff „Bürokratieabbau” verbinden sich sehr unterschiedliche Akteure — viele davon in guter Absicht, einige mit klaren Verhinderungsinteressen.
Das Bemerkenswerte aber: Die Finanzmarktregulatorik hat standgehalten. Während der politische Backlash Verbrennerregelungen erschüttert hat, haben EZB, Bankenaufsicht und Bundesbank das Thema verteidigt — weil sie die systemischen Finanzrisiken eines ausbleibenden Klimawandels schlicht besser modellieren können als politische Akteure unter Quartalsdruck.
Eigene Einschätzung
Der ESG-Backlash illustriert ein Grundproblem von Transformation: Wer sich erfolgreich anpasst, muss nichts sagen. Wer verweigert, hat maximalen Lärmpegel-Anreiz. Das erzeugt eine systematische Verzerrung im politischen Diskurs — und macht Kommunikationsstrategien für Transformation wichtiger als die inhaltliche Arbeit. Stremlau nennt das nirgends explizit, aber es steckt in allen ihren Beispielen.
Sustainable Finance-Beirat: Lernen jenseits der Lobbyisten
Stremlau war Vorsitzende des zweiten Sustainable Finance-Beirats unter der Ampel-Koalition — 34 Menschen aus Finanzwirtschaft, Realwirtschaft, Wissenschaft und Zivilgesellschaft. Was sie als dessen wichtigsten Beitrag beschreibt, ist nicht das offizielle Papier mit 13 Empfehlungen, sondern ein Lernprozess für die Ministerien.
Ministerien arbeiten primär mit Lobbyvertretern — und Lobbyvertreter sind oft Verhinderungsvertreter. Sie kommen mit einer langen Liste dessen, was nicht geht. Im Beirat saßen dagegen Menschen aus der Praxis, die Unternehmen leiteten und Verantwortung trugen. Das Ergebnis: Ministerien konnten zum ersten Mal hören, wie eine CSRD-Regulierung tatsächlich wirkt, welche Lieferkettenprobleme mit ihr verbunden sind, wo Unternehmen auf dem Weg zur Nachhaltigkeit wirklich stecken.
„Ministerien haben oft nur mit Lobbyvertretern zu tun, und Lobbyvertreter sind oft Verhinderungsvertreter. Wir waren Menschen aus der Praxis — und dann konnten sie verstehen: Ah, welche Zwänge habt ihr gerade mit euren Lieferanten? Und welche Probleme würdet ihr gerne lösen?”
Stremlau führte 24-Stunden-Klausuren und Zukunftswerkstätten ein. Die Kommunikationsdichte zwischen Beirat und Ministerien war ungewöhnlich hoch. Sie beschreibt es als „wahnsinnigen Vertrauensaufbau” — Menschen in Ministerien konnten plötzlich direkt bei einem DZBank-Vertreter anrufen oder Rewe fragen, wie sie den True-Cost-Ansatz operationalisieren. Das ist ein unterschätzter Infrastrukturerfolg.
Transformationsfinanzierung: Das Kapital ist da — die Struktur fehlt
Hier liegt vielleicht der härteste analytische Beitrag des Gesprächs: Das Problem der deutschen Transformationsfinanzierung ist kein Kapitalmangelproblem. Es gibt Billionen in Pensionskassen, Versicherungen, berufständischen Versorgungswerken — rund 125 Pensionskassen allein in Deutschland (Stremlau nennt 134 — die Zahl war ca. 2019/2020 korrekt, der Sektor konsolidiert seitdem), dazu die großen Fondgesellschaften.
Das Problem ist strukturell: Diese Kapitalsammelstellen wollen langfristig und stabil investieren — aber es fehlt die Pipeline an bankfähigen Projekten, die diesen Anforderungen entsprechen. Gleichzeitig haben Kommunen und Stadtwerke dringenden Investitionsbedarf in Wärmeplanung, Fernwärmenetze, Energieeffizienz — aber keine Finanzierungsstrukturen, die zu den Renditeerwartungen langfristiger Investoren passen.
„In Deutschland haben wir 90% der Transformationsinvestitionen, die ohnehin aus dem Privatsektor kommen. Maschinenbauer, die ihre Produktion erneuern — das sind ohnehin Investitionen. Die Frage ist: Wie leiten wir die in die richtige Richtung?”
Das beleuchtet auch eine gefährliche Dynamik: Ausländische Infrastrukturinvestoren kommen mit Renditeerwartungen von 9–12% für kommunale Infrastrukturprojekte. Das ist volkswirtschaftlich nicht tragbar — es würde schlicht zu höheren Nutzungsentgelten für Bürgerinnen führen. Inländische Pensionskassen hingegen erwarten 4–6%, haben eine Reputation im deutschen Markt zu verlieren und ein langfristiges Eigeninteresse an stabilem Funktionieren.
Eigene Einschätzung
Das klingt nach einem Governance-Problem, nicht nach einem Marktversagen. Die Lösung wäre keine Subvention, sondern bessere Koordinationsstrukturen: Plattformen, die langfristiges Kapital und lokale Transformationsprojekte zusammenbringen. Stremlau beschreibt genau das als Aufgabe von Finance for Transition. Interessant ist, dass diese Koordinationsaufgabe weder rein staatlich noch rein privat ist — sie erfordert eine neue institutionelle Form.
Planungssicherheit als Investitionsvoraussetzung
Ein konkretes Fallbeispiel aus dem Gespräch macht abstrakte Transformationshemmnisse greifbar: Stadtwerke, die mitten in ihrer kommunalen Wärmeleitplanung sind — Fernwärmenetzplanung, Wärmepumpenabwägungen, Eigenkapitalfragen — berichten, dass sie gerade pausieren. Nicht wegen Geldmangel, nicht wegen technischer Unfähigkeit, sondern wegen politischer Unberechenbarkeit.
Der Mechanismus: Das Gebäudeenergiegesetz wurde erst als Heizungsgesetz (das „Chaos”) politisch zerfetzt, dann in einer abgewandelten Form beschlossen — und jetzt kommt die nächste Attacke. Wer als Stadtwerk gerade dabei war, seine gesamte Strategie auf Wärmeleitplanung auszurichten, und nun schon wieder ein fundamentales Signal bekommt, macht Pause.
„Die Kommunen sagen: Ich war dabei, alles auf Wärmeleitplanung auszurichten. Ich habe angefangen zu überlegen, wie kriege ich das Eigenkapital, welche Finanzierungsinstrumente gibt es. Und jetzt sage ich erstmal stopp.”
Das ist kein irrationaler Risikoabwehr-Reflex. Es ist rationale Reaktion auf politische Unzuverlässigkeit. Und es zeigt, dass Transformationsfinanzierung nicht nur eine Frage des Kapitalmarkts ist, sondern eine Frage der politischen Glaubwürdigkeit. Investitionssicherheit entsteht nicht durch Garantien, sondern durch Leitplanken, die nicht aus parteipolitischem Kalkül zerschreddert werden.
Weitergedacht
Wenn Planungssicherheit die Voraussetzung für private Transformationsinvestments ist — was bedeutet das für Demokratien mit kurzen Legislaturperioden? Brauchen wir neue institutionelle Formen (ähnlich der Unabhängigkeit von Zentralbanken), die Transformationskorridore absichern?
Faktencheck
Bestätigt — EU Sustainable Finance Action Plan 2018
Die EU-Kommission hat den Action Plan on Financing Sustainable Growth im März 2018 verabschiedet, der Taxonomie, CSRD und MiFID-Anpassungen anstoß. Quelle: EU-Kommission — Renewed Sustainable Finance Strategy
Bestätigt — VW Dieselgate und BP Horizon als ESG-Wendepunkte
Dieselgate (September 2015) führte unmittelbar zu MSCI-Rating-Absenkung auf CCC und Ausschluss aus dem DJSI — dokumentierter Wendepunkt für ESG als Risikomanagement. BP Deepwater Horizon (2010) ist als Vorläufer in der Fachliteratur ebenfalls etabliert. Quelle: ESG in der Praxis: Volkswagen AG
Bestätigt — Frankreich Atom / Deutschland Gas in EU-Taxonomie
Frankreich bestand auf Aufnahme von Atomkraft, Deutschland setzte sich parallel für Gas als Übergangstechnologie ein. Beide wurden 2022 als „Übergangstätigkeiten” aufgenommen. Quelle: EU-Taxonomie: Das Ökolabel für Gas und Atomkraft
Vereinfacht — Kullmann forderte ETS-Abschaffung 2024
Die Forderung stammt aus Ende November 2024 und ist korrekt zitiert — aber: Kullmann revidierte sie wenige Tage später in einem Handelsblatt-Gastbeitrag und sprach sich für „pragmatische Kompromisse” aus. Die Note trifft den Kern, aber die unmittelbare Kehrtwende fehlt als Kontext. Quelle: Evonik-Chef will Emissionshandel nicht mehr abschaffen
Falsch — 134 Pensionskassen in Deutschland
Laut BaFin gab es Ende 2023 exakt 125 Pensionskassen unter Bundesaufsicht (Ende 2024: 124). Die Zahl 134 war ca. 2019/2020 korrekt — der Sektor konsolidiert seitdem. Im Text oben bereits korrigiert. Quelle: BaFin — Statistik Pensionskassen 2023
Bestätigt — Finance for Transition von Stiftung Mercator
Finance for Transition (F4T) ist eine 100%-Tochter der Stiftung Mercator, gegründet Dezember 2025, Stremlau als GF seit 2026. Finanzierung: 7,1 Mio. Euro über 5 Jahre. Quelle: Stiftung Mercator gründet Thinktank
Bestätigt — 34 Mitglieder im Sustainable Finance-Beirat
Das BMF bestätigt: „In der 20. Legislaturperiode setzt sich der Beirat aus 34 hochrangigen Mitgliedern zusammen.” Quelle: BMF — Abschlussbericht Sustainable Finance-Beirat 20. Legislaturperiode
Vereinfacht — 90% der Transformationsinvestitionen aus dem Privatsektor
Stremlau zitiert KfW-Rahmung: 90% der notwendigen Investitionen kämen ohnehin aus dem Privatsektor. Das bezieht sich auf ohnehin-Investitionen (Reinvestitionszyklen, die umgelenkt werden könnten) — plausibel, aber sektorabhängig. Keine unabhängige Quelle für die exakte Zahl gefunden.
Weiterführende Quellen
Aus der Video-Beschreibung:
Im Gespräch erwähnte Quellen:
- Finance for Transition (F4T) — Stiftung Mercator
- EU Sustainable Finance-Taxonomie
- EZB-Studien zu Klimarisiken und Finanzstabilität
- KfW-Investitionsmonitor — Transformationslücke
- Initiative Deutsche Infrastruktur (IDI)
- Planetary Boundaries — Stockholm Resilience Centre
- Finance for Transition — Cleanthinking-Interview mit Silke Stremlau
- Showdown EU-Taxonomie: alle Fakten — Michael Bloss MEP
- BaFin — Pensionskassen Statistik 2023
- Sustainable Finance-Beirat — Mitgliederliste 20. Legislaturperiode
Verbindungen
→ Maja Goepel — Unsere Welt neu denken
Göpel entwickelt im Gespräch weiter, was sie in ihrem Buch skizziert hat: Transformation als systemischer Suchprozess, nicht als linearer Masterplan. Stremlau bestätigt das aus der Praxis — die Finanzmarktregulierung ist kein Wissens-, sondern ein Koordinationsproblem.
→ Gehring & Gießmann — Digitale Unabhängigkeit und monetäre Souveränität
Stremlaus These “Geld ist niemals neutral” findet in Gehring & Gießmann ihre konkrete Infrastrukturversion: Zahlungsdaten produzieren “Verhaltensüberschuss” (Zuboff). Beide Notes verhandeln Gestaltungsmacht über Kapitalflüsse — Stremlau auf der Investitionsebene (ESG als demokratische Steuerung), Gehring/Gießmann auf der Infrastrukturebene (EZB-Architektur vs. Bankenlobby). Gemeinsam: Die Kontrolle über Finanzinfrastrukturen ist politische Macht.
→ Silke Stremlau
Tieferes Profil zu Stremlaus Biografie, Karriereweg und Kernthesen.
→ Maja Goepel
Tieferes Profil zu Göpels Denken über Wirtschaftstransformation und planetare Grenzen.
→ Follow This — Die grüne Horzel in Big Oil
Follow This und Stremlau verfolgen denselben Grundgedanken — Kapital ist Gestaltungsmacht — aber mit entgegengesetzten Instrumenten: Follow This von der Aktionärsseite (Stimmrechte auf Hauptversammlungen), Stremlau von der Regulierungsseite (EU-Taxonomie, Beirat). Beide demonstrieren, dass systemische Wirkung nicht Staatsmacht erfordert, sondern Kapitallogik gegen sich selbst.
→ Doerre - Klassen Kapitalismus und Demokratie
Dörre erklärt das, was Stremlau als ESG-Backlash beschreibt, struktursoziologisch: Kapital handelt nicht kurzsichtig aus Dummheit, sondern gemäß Klasseninteresse. Stremlaus Beobachtung — „Wer sich erfolgreich anpasst, sagt nichts; wer verweigert, schreit” — ist die empirische Oberfläche von Dörres These, dass Transformationswiderstand System ist, nicht Versehen.
→ Maja Goepel und Achim Truger — Wachstum NEU DENKEN
Zwei Seiten derselben Transformationslücke: Truger benennt das fiskalpolitische Problem (Schuldenbremse verhindert öffentliche Investitionen), Stremlau das kapitalmarktliche (Pensionskassenmilliarden finden keine bankfähigen Projekte). Beide stellen fest: Das Kapital ist da — die Strukturen fehlen, um es in die richtige Richtung zu lenken.
→ Demokratische Wertschoepfung
Das Panorama diskutiert Unternehmensformen jenseits des Shareholder Value (Genossenschaften, 1P=1 Stimme). Stremlaus “Geld ist niemals neutral” ist die komplementäre Kapitalmarktperspektive: Nicht nur die Unternehmensform, sondern auch die Kapitalallokationsentscheidung selbst ist eine gesellschaftliche Gestaltungshandlung.
→ Konstantin Flemig — Deutschland als Ruestungs-Grossmacht
Flemig beschreibt Rheinmetalls Expansion als neue industrielle Jobmaschine. Stremlau/Göpel liefern die analytische Gegenkategorie: “notwendig aber nicht nachhaltig” — regrettable necessities. Beide Notes beleuchten dieselbe gesellschaftliche Wette: Wir bauen Kapazitäten auf, die wir hoffentlich nie vollständig nutzen müssen.
→ Andreas Loeschel — Strom NEU DENKEN
Löschels Tankrabatt-Analyse ist die verhaltensökonomische Unterseite von Stremlaus Kapitalfluss-Argument: Erwartungen entscheiden, ob Kapital ins Fossile oder Erneuerbare fließt — wer antizipiert, dass Politik fossile Preise nicht durchhält, investiert nicht um.
→ Nicole Bendsen — Zirkulärer Wert statt lineares Risiko
Bendsens Circular-Value-Ansatz (re:publica 26) ist die Kreislaufwirtschafts-Fassung von Stremlaus „Geld ist niemals neutral“: Beide beschreiben den Reifungspfad von der ethischen Nische zur harten Risikorechnung — Zirkularität als klassischer Risikofaktor, nicht als grünes Extra.
→ Heizungshammer — wie ein erfundenes Wort ein Gesetz kippte
Die mediale Vorgeschichte der Planungsunsicherheit: Die „Heizungshammer“-Kampagne der BILD zerfetzte das GEG, das die Stadtwerke hier zum Pausieren zwingt — Framing als Ursache, ausgebremste Investition als Wirkung.
Weiterdenken
Was Sokrates vielleicht gefragt hätte
- Wenn Kapital niemals neutral ist — ist dann die Entscheidung, wie man Kapital einsetzt, nicht auch eine ethische Handlung? Und wer trägt dafür die moralische Verantwortung — der Investor, die Fondmanagerin, der Regulierer, oder alle gleichzeitig?
- Stremlau sagt, der Backlash kam, als Unternehmen merkten, dass die Regulierung wirklich greift — bedeutet das, dass jede erfolgreiche Transformation immer zuerst Widerstand erzeugt? Und wie verhindert man, dass dieser Widerstand erfolgreich ist?
- Die Taxonomie scheiterte am Goldstandard-Ansatz — wäre eine Brown List wirklich besser gewesen, oder hätte sie denselben politischen Kompromiss-Schicksal erlebt, nur mit anderen Akteuren?
- Pensionskassen wollen langfristig investieren, Kommunen brauchen langfristig Kapital — warum konnte diese offensichtliche Kompatibilität bisher nicht einfach verbunden werden? Welche unsichtbaren institutionellen Schranken verhindern das?











