Quelle: „Brauchen wir eine Boomer-Soziologie?” — Vortrag an der Humboldt-Universität Berlin
Wer spricht?
Heinz Bude (1954, Wuppertal) — Soziologe, emeritierter Professor für Makrosoziologie an der Universität Kassel, Gründungsdirektor des documenta-Instituts. Selbst Boomer und Bildungsaufsteiger aus einer Arbeiterfamilie.
Bude ist einer der profiliertesten öffentlichen Soziologen Deutschlands — ausgezeichnet 2016 mit dem DGS-Preis für öffentliche Wirksamkeit der Soziologie. Seine Arbeit kreist seit der Dissertation über die Flakhelfer-Generation (1987) um die Frage, wie Generationen die deutsche Gesellschaft formen. Er promovierte und habilitierte an der FU Berlin, leitete bis 2014 den Arbeitsbereich „Die Gesellschaft der Bundesrepublik” am Hamburger Institut für Sozialforschung.
Wichtigste Werke: Deutsche Karrieren (1987), Generation Berlin (2001), Gesellschaft der Angst (2014), Abschied von den Boomern (2024) Kernkonzepte: Generationssoziologie, kommunikatives Beschweigen, Boomer-Experimentalismus
Kinder der Weltkriegsteilnehmer — die Prägung der Boomer
▶ 7:44 — Bude beginnt autobiographisch und soziologisch zugleich. Die Boomer — die geburtenstarken Jahrgänge zwischen 1955 und 1968 — wuchsen im „Nachbeben des Weltkriegs” auf. Ihre Eltern, geboren zwischen 1920 und 1936, waren junge Wehrmachtsoldaten und „junge Mädchen mit Luftschutzkellerkompetenz”. Diese Generation hatte bei HJ und BDM etwas gelernt, was Hans-Ulrich Wehler „Leistungsfanatismus” nannte — und diesen Fanatismus in den Wiederaufbau beider deutscher Staaten eingebracht.
„Die Boomer haben als kindliche Zeugen dieser Affektverwandlung von Weltkriegern in Wiederaufbauerinnen mitbekommen, wie Größe klein gearbeitet wird und wie aus Träumen Schäume werden.” ▶ 9:16
Die Boomer erinnern sich an den Friseur mit Beinprothese, an den Nachbarn ohne Arm, an Flüchtlingsfamilien und Suchdienst-Sendungen im Radio. Sie wussten, welche Lehrer Nazis waren. Diese Alltäglichkeit der Kriegsfolgen — kein abstraktes Geschichtswissen, sondern körperlich präsente Erinnerung — ist ein Schlüssel zum Boomer-Habitus: ein Pragmatismus, der aus dem Bewusstsein erwächst, dass die Welt bereits einmal zusammengebrochen ist.
Eigene Einschätzung
Das Bild der „Affektverwandlung” ist brillant: Es beschreibt nicht nur einen historischen Prozess, sondern eine psychosoziale Dynamik, die sich in den Boomern als permanente Skepsis gegenüber Pathos niedergeschlagen hat. Wer gesehen hat, wie aus Soldaten Schreinern wurden, traut keiner Erzählung vom Großen und Ganzen mehr.
Kommunikatives Beschweigen und die ausgebliebene Katastrophe
▶ 23:52 — Bude identifiziert zwei Grundprinzipien, die den Boomern „in Fleisch und Blut übergegangen sind”. Beide stammen von eher konservativen Denkern:
Hermann Lübbes „kommunikatives Beschweigen”: Man wusste, was man voneinander zu halten hatte — aber man sagte es nicht. Bude illustriert das mit einer persönlichen Anekdote: Eine Nachbarin zeigte ihm als Siebenjährigem einen Mann auf der Straße und sagte: „Siehst du den mit den Stiefeln da? Das ist ein Nazi.” Und dann: „Sagst aber nichts.”
„Kommunikatives Beschweigen heißt: wir wissen, was wir voneinander zu halten haben, aber wir sagen es nicht.” ▶ 24:37
Hans Peter Schwarz’ „ausgebliebene Katastrophe”: Das Grundgefühl der Bundesrepublik war, dass trotz aller Bedrohungen — Kubakrise, Kalter Krieg, Ermordung Kennedys — die befürchtete nächste Katastrophe ausblieb. Der legale Machtwechsel zur sozialliberalen Koalition 1969 funktionierte ohne Revolution. Dieses doppelte Fundament — das Wissen um die Abgründe bei gleichzeitigem Funktionieren der Ordnung — formte eine Generation, die mit Vorderbühne und Hinterbühne zu arbeiten gelernt hat.
Eigene Einschätzung
Diese Doppelstruktur erklärt erstaunlich viel: warum Boomer gleichzeitig skeptisch und funktionsfähig sind, warum sie sowohl Systemvertrauen als auch Systemwissen haben. Das „Beschweigen” ist keine Verdrängung — es ist eine soziale Technik, die Koexistenz ermöglicht. Die Frage ist, ob diese Technik in Zeiten radikaler Transparenz (Social Media, Identitätspolitik) noch tragfähig ist.
Die Inversion des Zukunftsglaubens
▶ 16:55 — Für Bude ist eine der zentralen Boomer-Erfahrungen die „Inversion des Zukunftsglaubens”. Die Elterngeneration — die den Krieg und den Völkermord erlebt hatte — musste nicht optimistisch sein: Alles, was kein Krieg und kein Völkermord war, war bereits besser. Der Optimismus der Nachkriegszeit war kein naiver Fortschrittsglaube, sondern ein Erleichterungs-Optimismus.
„Die Boomer sind die erste Generation, die die Inversion des Zukunftsglaubens realisiert hat. Sie glauben daran, dass es etwas Schlimmes in der Vergangenheit gibt — und auch etwas Schlimmes in der Zukunft.” ▶ 18:28
Die Boomer starteten als Kinder des Wirtschaftswunders — Knorr-Reklame, Beckenbauer, gebratene Hühnchen — und landeten in den 70er Jahren in einer Periode der „Grenzen des Wachstums”: autofreie Sonntage, Smogalarm, Sockelarbeitslosigkeit. Eric Hobsbawm nannte es die Zeit der „langfristigen Schwierigkeiten”. Diese Generation steht als erste ohne direkte Kriegserfahrung in einer Aufholphase — aber für eine Zukunft, die ihren Glanz verloren hat.
1977, Holocaust, AIDS, Tschernobyl — die Zäsuren
▶ 28:36 — Bude zeichnet vier Ereignisse als generationsprägende Einschnitte nach:
Der Deutsche Herbst 1977: Vom Hungertod Holger Meins’ über den Freitod Ulrike Meinhofs bis zu Stammheim — die RAF forderte jeden Heranwachsenden auf, „innerlich Stellung zu nehmen”. Es war das Ende einer politischen Mobilisierung und der Anfang von etwas Neuem.
Die Holocaust-Fernsehserie (Januar 1979): Vier Folgen im Dritten Programm, 40% Einschaltquote — mit Meryl Streep und James Woods. Die Parallelgeschichte einer Opfer- und einer Täterfamilie machte für junge Boomer erstmals nachvollziehbar, „wie aus fahrlässiger Aversion gegen Juden mörderischer Judenhass wird”. ▶ 30:09 In den Diskussionsrunden sprachen Alexander Mitscherlich, Eugen Kogon und Hermann Langbein — die Boomer fragten sich: Beruhte das Wirtschaftswunder auf der „Unfähigkeit, über den Verlust des geliebten Führers zu trauern”?
AIDS (Mitte der 80er): Für junge Menschen, die „einigermaßen normal ihre Sexualität auslebten”, war AIDS keine abstrakte Gefahr. Viele Berliner Boomer kannten Betroffene persönlich. Das Entscheidende: AIDS war nur durch Verhaltensänderung in den Griff zu bekommen — es gibt bis heute keinen Impfstoff.
Tschernobyl (1986): Nach Sellafield (1957) und Harrisburg (1979) war der „Supergau, der einmal in 1000 Jahren vorkommen sollte”, da. Ulrich Beck — selbst kein Boomer — gründete darauf seinen Erfolg: Risikogesellschaft erschien zeitgleich mit Tschernobyl.
Eigene Einschätzung
Die Verdichtung dieser vier Zäsuren innerhalb eines knappen Jahrzehnts (1977–1986) erklärt den Boomer-Habitus besser als jede abstrakte Theorie: Eine Generation, die gelernt hat, dass Katastrophen real eintreten — nicht als Abstraktum, sondern körperlich und konkret —, entwickelt notwendig einen anderen Zukunftsbegriff als eine, die davon nur gelesen hat.
No Future als intellektuelle Haltung — der Tunix-Kongress und die Hausbesetzer
▶ 31:45 — Nach dem Ende der RAF-Mobilisierung formiert sich etwas Neues. Der Tunix-Kongress im Juni 1978 an der TU Berlin — Michel Foucault sitzt in der zweiten Reihe, Deleuze und Guattari sind da, David Cooper macht Antipsychiatrie — markiert den Übergang von der Protestpolitik der 68er zu einem neuen Politikbegriff: nicht-repräsentativ, nicht-exemplarisch, eine Politik, die sich „gerade nicht gegen das Ganze stellt”.
1981 sind in Berlin 165 Häuser besetzt. Die Losung des Augenblicks heißt: No Future. Bude insistiert darauf, dass dies nicht negativ gemeint war:
„No Future hieß: wir lassen uns weder von der Vergangenheit noch von der Zukunft terrorisieren. Was ist es jetzt — und wir machen es.” ▶ 33:18
Die kulturellen Ausdrucksformen: Rainald Goetz’ Irre (1983), Martin Kippenbergers Bilder, Fehlfarben mit „Keine Atempause, Geschichte wird gemacht, es geht voran”. Die 68er kamen und wollten Flugblätter schreiben — die Boomer sagten: „Wir wollen keine Flugblätter schreiben, wir müssen die Häuser richten.” Jean-François Lyotards Das postmoderne Wissen wurde zur Bibel: nicht definieren, sondern in Gang bringen.
Die Boomer-Formel für dieses Lebensgefühl: Im Zweifel zieht man die „Pflege des Selbst” vor — zwischen Identitätszwang und Formschwäche. Man muss irgendetwas machen, ohne sich dafür eine letzte Begründung zu suchen.
Die Boomer-Soziologie — auf den Decks statt auf der Brücke
▶ 43:23 — In der zweiten Hälfte des Vortrags wendet Bude seinen Generationsbegriff auf die deutsche Soziologie selbst an. Die Boomer-Soziologen — Dirk Baecker (1955), Armin Nassehi (1960), Ronald Hitzler, Hubert Knoblauch (1959), Jens Beckert, Uwe Schimank — teilen ein intellektuelles Profil:
- Dirk Baecker: „Postheroisches Management” (1994) — eine Organisationsform, bei der es nicht um Beherrschung von Personen geht, sondern um „Variation von Kontext und Relation”. Steuerung von unten.
- Armin Nassehi: Gesellschaft der Gegenwarten — wie Synchronie hergestellt wird, der „Vibrationszustand” einer Gesellschaft.
- Ronald Hitzler: Posttraditionale Gemeinschaften, Szenen statt Klassen.
- Jens Beckert: Imaginierte Zukünfte statt realer Prognosen.
- Uwe Schimank: Entscheidungsgesellschaft — wie man mit Nicht-Entscheidung umgeht.
„Die Boomer-Soziologie schaut lieber auf das Murmeln der Leute auf den verschiedenen Decks des Schiffes als auf die Brücke.” ▶ 48:04
Auffällig: Die intellektuellen Bezugsfiguren der Boomer-Soziologen sind nicht die Klassiker (Weber, Durkheim, Simmel), sondern die Flakhelfer-Generation: Niklas Luhmann (für Baecker), Thomas Luckmann (1927, für Hitzler/Knoblauch), Renate Mayntz (1929, für Schimank). Auffällig fehlen Habermas und Dahrendorf — „wahrscheinlich, weil beide zu klar an ihren normativen Bezugspunkten keine Zweifel lassen”.
„Es gibt keine Transzendentalität in der Gesellschaft, es gibt nur immer ein immanentes Verhältnis zur Gesellschaft. Man kommt nur rein und ist drin — aber man kann nicht irgendwie raustreten und sagen: das Ganze.” ▶ 60:24
Die blinden Flecken — zu voll mit deutscher Geschichte
▶ 48:51 — Bude benennt auch die Grenzen des Boomer-Denkens. Die Boomer seien „mit ihrem Vorstellungsvermögen und ihren Lebensauffassungen zu voll mit deutscher Geschichte” — eingezwängt zwischen Nachkriegsgenerationen, zurückverwiesen auf eine Gegenwart, die nicht vergeht. Im Vergleich zu den Millennials, die „immer schon überall auf der Welt gewesen sind”, hinken die Boomer mit ihrem Weltwissen hinterher: Sie kennen Frankreich, Dänemark, die USA — aber Vietnam, Nigeria, Borneo höchstens „aus antiimperialistischen Broschüren”.
Auch die intellektuelle Architektur hat Schwächen: Was passiert, wenn es plötzlich „um das Ganze geht” — wenn ein Krieg in der Nähe ausbricht und ein Hegemoniekonflikt sichtbar wird? Reicht dann ein Denken der „Entdramatisierung, der Dekomponierung, der Dezentrierung”? Die Boomer, die sich lange als „Zaungäste der Geschichte selbstmissverstanden haben”, sehen sich mit Mitte 60 vor das Problem gestellt, „Farbe bekennen zu müssen”.
Boomer vs. Millennials — frische gegen drohende Kontingenz
▶ 71:58 — Im Diskussionsteil formuliert Bude eine bemerkenswerte Gegenüberstellung: Die Boomer haben die Erfahrung, „dass alles schiefgehen kann”. Die Millennials haben die Erfahrung, „dass nichts zu Ende geht” — Mark Fishers kapitalistischer Realismus: Strukturen, die Zukunft zur Disposition stellen, ohne dass man ihnen entkommen kann.
„Die Boomer haben einen frischen Begriff der Kontingenz — und nicht diesen drohenden Begriff der Kontingenz. Das ist der große Unterschied.” ▶ 73:30
Die Bewährungsprobe der Millennials sei die Pandemie gewesen — als Eltern, mit zwei Kindern, am Rand des Nervenzusammenbruchs. Bude findet das „wahnsinnig eindrucksvoll” und sieht darin eine mögliche „Brückenkonstruktion” zwischen den Generationen.
Die Formel, die Bude am Ende für die Boomer findet, ist knapp und prägnant:
„Wirkungswille ohne Letztbegründung.” ▶ 53:29
Skeptisch gegenüber letzten Begründungen aller Art — aber deshalb nicht die Hände in den Schoß legen. Handeln, ohne zu wissen, ob es richtig ist. Das „lebendige Experiment” als Praktik: Repair, Rebuild, Reuse — nicht als Nachhaltigkeitsslogan, sondern als existentielle Notwendigkeit.
Faktencheck
Bestätigt — Kuhlenkampf 90% Einschaltquote
Bude nennt für die letzte Sendung von Hans-Joachim Kulenkampff am 21. November 1987 eine Einschaltquote von 90% mit 25 Millionen Zuschauern. Die letzte reguläre Ausgabe von „Einer wird gewinnen” (EWG) lief tatsächlich am 24. Oktober 1987 mit Rekordeinschaltquoten. Die 90%-Angabe bezieht sich auf den Marktanteil, nicht die absolute Einschaltquote — eine gängige, aber leicht irreführende Darstellungsweise. Quelle: Fernsehserien.de — EWG (Datum leicht abweichend)
Bestätigt — Bundestagswahl 1972 Wahlbeteiligung
Bude nennt eine Wahlbeteiligung von 91,1% bei der Bundestagswahl 1972 und 45,8% für die SPD. Tatsächlich lag die Wahlbeteiligung bei 91,1% — die höchste in der Geschichte der Bundesrepublik. Die SPD erhielt 45,8% der Zweitstimmen. Quelle: Bundeswahlleiter — Ergebnisse Bundestagswahl 1972
Bestätigt — Babyboom-Höhepunkt 1964
Bude nennt 1964 als Höhepunkt des deutschen Babybooms. Korrekt: 1964 wurden in Deutschland (Ost und West zusammen) die meisten Kinder geboren — rund 1,36 Millionen in der BRD allein. Quelle: Statistisches Bundesamt — Geburtenentwicklung
Vereinfacht — Holocaust-Serie Besetzung
Bude nennt Meryl Streep und James Woods als Hauptdarsteller der Holocaust-Serie (1978). Tatsächlich spielte Meryl Streep die Rolle der Inga Helms-Weiss, und James Woods spielte Karl Weiss. Allerdings waren die zentrale Besetzung Fritz Weaver und Rosemary Harris (als Eltern Weiss) sowie Michael Moriarty als Erik Dorf. Die Nennung von Streep und Woods ist korrekt, aber sie als „Hauptrollen” zu bezeichnen, ist etwas vereinfachend — Streep hatte eine Nebenrolle. Keine unabhängige Quelle gefunden für die 40%-Einschaltquote im Dritten Programm; die Serie lief im Ersten (ARD), nicht im Dritten, mit ca. 33% Einschaltquote laut Medienberichten.
Vereinfacht — 11 bis 18 Millionen Flüchtlinge
Die Spanne von 11–18 Millionen Flüchtlingen und Vertriebenen ist eine gängige, aber unscharfe Angabe. Die meisten Historiker sprechen von ca. 12–14 Millionen deutschen Vertriebenen und Flüchtlingen (davon ca. 8 Millionen in die Westzonen/BRD, ca. 4 Millionen in die SBZ/DDR). Die obere Grenze von 18 Millionen scheint Durchgangsflüchtlinge und temporäre Fluchtbewegungen einzuschließen. Quelle: Bundeszentrale für politische Bildung — Flucht und Vertreibung
Weiterführende Quellen
Im Vortrag zitierte Werke und Referenzen:
- Hermann Lübbe: Kommunikatives Beschweigen — Konzept des stillschweigenden Wissens als soziale Technik der Nachkriegsgesellschaft
- Hans Peter Schwarz: Die ausgebliebene Katastrophe — Das Grundgefühl der alten Bundesrepublik
- Ulrich Beck: Risikogesellschaft (1986) — zeitgleich mit Tschernobyl erschienen
- Alexander und Margarete Mitscherlich: Die Unfähigkeit zu trauern (1967) — die These vom Verlust des „geliebten Führers”
- Peter Weiss: Die Ermittlung (1965) — Dokumentarstück über die Frankfurter Auschwitzprozesse
- Jean-François Lyotard: Das postmoderne Wissen (1979) — „Bibel” der Boomer
- Walter Kempowski: Haben Sie Hitler gesehen? — Befragungen als Methode
- Rainald Goetz: Irre (1983) — Schlüsselroman der Boomer-Literatur
- Mark Fisher: Kapitalistischer Realismus (2009) — Beschreibung des Millennials-Lebensgefühls
- Heinz Bude: Abschied von den Boomern (Hanser, 2024) — das Buch zum Vortrag
- Dirk Baecker: Postheroisches Management (1994)
- Armin Nassehi: Gesellschaft der Gegenwarten (2011)
- Uwe Schimank: Die Entscheidungsgesellschaft (2005)
Verbindungen
→ scobel — Luhmann Abklaerung der Aufklaerung
Luhmann ist die intellektuelle Bezugsfigur der Boomer-Soziologie — Bude zeigt das exemplarisch an Dirk Baeckers Niklas-Luhmann-Referenz. Die „Abklärung der Aufklärung” ist die systemtheoretische Formulierung des Boomer-Grundgefühls: kein naiver Fortschrittsglaube, keine Kritische Theorie als Gegenposition, sondern kühle Beobachtung zweiter Ordnung. Luhmanns Absage an ein „Ganzes” findet sich bei Bude als: „Es gibt keine Transzendentalität in der Gesellschaft.”
→ Demirovic und Lorey — Foucaults Gouvernementalitaet
Foucault saß bei der Geburtsstunde der Boomer-Kultur in der zweiten Reihe — buchstäblich, am Tunix-Kongress 1978 in Berlin. Sein Denken der Immanenz, der Mikropolitik und der Selbsttechnologien wurde zum intellektuellen Grundwasser der Boomer-Generation. Budes Beschreibung einer „nichtrepräsentativen, nichtexemplarischen Politik” ist ein direktes Echo der Gouvernementalitätsvorlesung.
→ Steffen Mau — Triggerpunkte Konsens und Konflikt
Maus „demobilisierte Klassengesellschaft” ist das empirische Gegenstück zu Budes generationssoziologischer Diagnose: Die Boomer haben den kollektiven Bildungsaufstieg erlebt und dabei den Klassenbegriff neutralisiert — Bude sagt explizit: „Klassismus spielte keine Rolle” in der Hausbesetzerszene. Maus Triggerpunkte-Modell könnte erklären, warum gerade die „kommunikativ beschwiegenen” Themen der Boomer heute als Generationenkonflikt aufbrechen.
→ Erich Fromm — Psychoanalyse des Faschismus
Die Boomer wuchsen mit den Mitscherlichs auf — die These von der „Unfähigkeit zu trauern” war ihr Zugang zur NS-Vergangenheit. Fromms Analyse des autoritären Charakters beschreibt die psychische Struktur, gegen die sich die Boomer abgrenzten: der Gehorsam ihrer Elterngeneration, der Leistungsfanatismus, die Affektverwandlung. Wo Fromm die Pathologie diagnostiziert, beschreibt Bude die Generation, die sich davon zu befreien versuchte — durch Ironie, Experimentalismus und die Weigerung, Renegaten zu verurteilen.
→ Hartmut Rosa — Resonanz und Unverfügbarkeit
Rosas Beschleunigungskritik und die Boomer-Formel „No Future” klingen gegensätzlich, sind verwandt: Beide diagnostizieren den Verlust eines authentischen Zukunftsbezugs. Rosa antwortet mit Resonanz — dem Wunsch nach echter Weltbeziehung. Die Boomer antworteten mit Gegenwartsorientierung: das Hier und Jetzt als Experimentierfeld begreifen. Der „frische Kontingenzbegriff” der Boomer ist das Gegenstück zu Rosas „Unverfügbarkeit”.
→ Hartwin Maas — Bildung NEU DENKEN
Bude beschreibt den kollektiven Bildungsaufstieg als die prägende Boomer-Erfahrung: Massenuniversität, reformierte Oberstufe, „wir waren immer zu viele”. Maas analysiert die aktuelle Bildungskrise aus der Perspektive der nachfolgenden Generationen. Die Generationendifferenz, die Bude am Ende anspricht — Work-Life-Balance, „ihr werdet ja mit Kusshand genommen” —, ist genau das Spannungsfeld, das Maas als „Cognitive Offloading” und veränderte Bildungskultur beschreibt.












