Quelle: Heinz Bude: Gesellschaft der Angst | Wiener Stadtgespräch

Wer spricht?

Heinz Bude (1954, Wuppertal) — Soziologe, emeritierter Professor für Makrosoziologie an der Universität Kassel, Gründungsdirektor des documenta-Instituts. Einer der profiliertesten öffentlichen Soziologen Deutschlands, ausgezeichnet 2016 mit dem DGS-Preis für öffentliche Wirksamkeit der Soziologie. Seine Arbeit kreist um Generationen, Exklusion und die affektive Infrastruktur der Bundesrepublik.

Wichtigste Werke: Die Ausgeschlossenen (2008), Gesellschaft der Angst (2014), Abschied von den Boomern (2024) → DenkerVita


Von der Neurose zur Depression — ein soziologischer Seismograph

▶ 6:27 Budes Ausgangspunkt ist nicht die große Weltpolitik, sondern die Psychotherapie-Forschung. Er beobachtet einen epochalen Shift in den Alterspathologien: weg von den klassischen neurotischen Störungen hin zu depressiven Verstimmungen — und zwar quer durch alle Berufe und Einkommensschichten. Diese Depression ist kein klinisches Randphänomen, sondern ein soziologisches Signal: Die Menschen scheitern nicht mehr an äußeren Normen, sondern werden schuldig an sich selbst.

„Die Grundfrage, die sich für viele offenbar deutlicher stellt, ist die Frage nicht nur: Was wird mir verunmöglicht — sondern die Frage ist: Was will ich eigentlich?” ▶ 8:01

Das ist der Kern von Budes Angstbegriff: keine German Angst vor Waldsterben und Atomraketen, sondern eine existenzielle Orientierungslosigkeit in einer Gesellschaft, die den Menschen formal alle Optionen offenhält, aber keinen inneren Kompass mehr mitliefert. Der „Kreiselkompass” des Lebens dreht sich im Leeren. Die Freiheit der Möglichkeiten wird zur Falle, wenn kein Maßstab mehr sagt, welche Wahl die richtige ist — und das Schuldigwerden an sich selbst die Folge.

Eigene Einschätzung

Bude beschreibt hier 2014, was Byung-Chul Han als „Müdigkeitsgesellschaft” fasst und Hartmut Rosa als Resonanzkrise: eine Gesellschaft, in der die Freiheit selbst zur Überforderung wird. Der entscheidende Punkt ist, dass dies kein Luxusproblem ist — es betrifft nicht nur die, die zu viel haben, sondern durchzieht die gesamte Gesellschaft als diffuses Unbehagen.


Misstrauen als neue politische Mobilisierung

▶ 13:21 Bude identifiziert einen fundamentalen Wandel in der politischen Dynamik: Seit etwa zehn Jahren (aus seiner Perspektive 2014, also seit ca. 2004) tauchen periodisch hochwirksame Misstrauensbewegungen auf — Tea Party, Piraten, AfD, FPÖ. Das Neue daran: Sie mobilisieren nicht Vertrauen in eine andere Welt (wie die Arbeiterbewegung oder die 68er), sondern kollektives Misstrauen.

„Es ist ein starkes kollektives Misstrauen, und die Gegenstände des Misstrauens können außerordentlich wandelbar sein.” ▶ 14:07

Das ist politisch brisant, weil Misstrauen eine „Form von unbestimmter Negation” ist — es sagt, was falsch ist, ohne eine Alternative zu formulieren. Zusammen mit der Diagnose, dass der Kapitalismus ohne Krisen nicht zu haben sei und alle sozialistischen Alternativen eine „totalitäre Dimension” gehabt hätten, ergibt sich ein eigentümliches Gefangensein: Man weiß, was nicht funktioniert, hat aber keine Vorstellung davon, was an dessen Stelle treten könnte. Die Hoffnung auf den „kommenden Aufstand” (Ransmayr) ist ebenso eine unbestimmte Negation wie der Rückzug in die Postdemokratie-Diagnose.

Bude warnt vor einer konkreteren Gefahr: nicht dem Chaos, sondern dem illiberalen Staat — jenem Modell, das 2014 in Russland, Ungarn und der Türkei bereits Realität war und das den Kapitalismus rettet, indem es Demokratie, Rechtsstaat und freie Presse opfert.


Das neue Dienstleistungsproletariat

▶ 24:07 Neben den abstrakten Ängsten der Mitte gibt es reale Proletarisierung. Bude beschreibt ein neues Proletariat, das sich fundamental vom alten industriellen unterscheidet. Es hat drei Merkmale: Es ist weiblicher (Gebäudereinigung, Pflege), ethnisch heterogener (ehemalige Staatsanwältin aus Moldawien in der Putzkolonne) und qualifikatorisch diffuser als das alte. Diese Menschen arbeiten 40–50 Stunden vollzeitig, haben unbefristete Verträge — und verdienen 800 bis 1.000 Euro.

„Denken Sie an die Paketzusteller. Das ist mental anspruchsvolle, körperlich harte Arbeit. Das machen die 10 bis 15 Jahre, dann schaffen sie das nicht mehr, und dann kriegen sie eine Abfindung von 8.000 Euro.” ▶ 25:37

Besonders explosiv: Dieses Dienstleistungsproletariat verachtet die Hartz-IV-Bezieher — jene, die es sich aus ihrer Sicht „auf der faulen Haut” bequem machen. Es gibt also keine Solidarisierung nach unten, sondern eine Spaltung innerhalb der Unterklasse. Genau das, so Bude, ist der „Nährboden für alle Rechtspopulisten”.

Eigene Einschätzung

Budes Analyse von 2014 hat sich als prophetisch erwiesen. Die AfD-Wählerschaft rekrutiert sich zu erheblichen Teilen aus genau dieser Konstellation: arbeitende Arme, die den Sozialstaat als Belohnung für Nichtstun empfinden. Die fehlende Solidarisierung nach unten ist eines der ungelösten Probleme linker Politik.


Der Swimming-Pool-Effekt — Angst steigt mit Wohlstand

▶ 33:59 Die Mitte der Gesellschaft ist nicht am Abschmelzen — die Daten zeigen das nicht. Aber intern spaltet sie sich. Bude nennt es den Swimming-Pool-Effekt, angelehnt an Orson Welles’ Erklärung, warum in der McCarthy-Ära so viele Schauspieler andere denunzierten: „Am schlimmsten ist es, wenn man den Swimming-Pool verliert.”

„Die Angst steigt mit dem Wohlstand, und vor allem, wenn es ein relativ neuer Wohlstand ist.” ▶ 34:44

Der „Swimming-Pool” heute sind die Kinder. Bude entwirft eine pointierte Szene: Ein Paar sitzt beim Abendessen mit Freunden, deren Sohn auf eine Privatschule für 800 Euro monatlich geht — mathematisch, musisch, ethisch. Plötzlich fragt man sich: Sind uns unsere Kinder nicht auch 800 Euro wert? Das Gegenüber erzählt dann vom Großvater, der testamentarisch Princeton-Studiengebühren (75.000 Dollar/Jahr) für den Enkel garantiert hat. Es ist nicht der absolute Abstieg, der die Mittelschicht terrorisiert, sondern die relative Deprivierung — das Gefühl, dass andere aus der gleichen Herkunft plötzlich in unerreichbare Sphären entschwinden.

Herkunft bestimmt nicht mehr, wo man landet — Karriere bestimmt es. Und Herkunft wird zur Ressource für individuelle Karrieren, nicht mehr zum Modell für das, was man mit Sicherheit selbst werden wird.


Die Null-Fehler-Generation

▶ 42:20 Bude richtet den Blick auf die damals 40-Jährigen — jene, die er als „kommende Führungsgeneration” identifiziert. Er findet leistungsfähige, ironiebegabte, kluge Menschen — an denen „eigentlich überhaupt gar nichts auszusetzen ist”. Aber er spürt eine „merkwürdige Anspannung”: Der Anspruch an ein gelingendes Leben ist so hoch geworden, dass man sich keinen Fehler erlauben kann.

Wer heute sagt „ich mache nur Karriere” gilt als primitiv. Wer sagt „entweder Kinder oder Karriere” findet keine Anerkennung. Man muss beides haben — Beruf, Kinder, Work-Life-Balance — und scheitert dabei am eigenen Perfektionsanspruch. Die Lösung ist eine permanente Wachsamkeit: nie auf etwas „Blödes reinfallen”, immer der Enttäuschung voraus sein. Null Fehler.

„Politik ist die Bereitschaft, etwas falsch zu machen. Nicht die Bereitschaft, immer alles richtig zu machen. Politik wird nur dann Politik, die Horizonte öffnet, wenn sie bereit ist, etwas falsch zu machen.” ▶ 54:32

Das Problem: In einer Welt, die zunehmend mit Restriktionen konfrontiert — Klimawandel, Sicherheitspolitik, territorialer Logik — braucht Führung genau das Gegenteil von Null-Fehler-Mentalität. Sie braucht das, was Bude eine „existenzielle Erschließungssituation” nennt: eine biografische Erfahrung, aus der ein Urteil wächst, das auch in der Unsicherheit trägt. Helmut Schmidt hatte sie aus dem Krieg, Angela Merkel aus dem Zusammenbruch der DDR. Was hat die Null-Fehler-Generation?

Eigene Einschätzung

Rückblickend aus 2026 lässt sich sagen: Bude hatte recht — und die Frage ist noch immer offen. Die Generation, die er 2014 beschrieb, regiert jetzt. Ob sie in der Polykrise die nötige Fehlermut aufbringt, ist täglich zu besichtigen. Die Angst vor dem Fehler führt zu dem, was Bude andernorts als „Verwaltung des Unvermeidlichen” beschreibt.


Kapitalismus ohne Alternative — der geschlossene Kasten

▶ 20:14 Bude konstatiert nüchtern: Der Kapitalismus ist ohne Krisen nicht zu haben — das ist „fast ein alter marxistischer Gedanke”. Aber es gibt keine „Hoffnungskrise” mehr, kein neues Proletariat, das die Herrschaft übernehmen würde. Alle sozialistischen Alternativen haben eine totalitäre Dimension gehabt. Was bleibt, ist eine Art Sozialdemokratismus innerhalb des krisenhaften Kapitalismus — und der Kasten ist zu.

Im Gespräch über Marx und den Finanzmarktkapitalismus argumentiert Bude, dass nicht Marx, sondern Josef Schumpeter das bessere Erklärungsmodell liefert: Die berühmte Marx-Formel G-W-G’ (Geld-Ware-mehr Geld) sei im Finanzmarktkapitalismus zu G-G’ geworden — aus Geld wird direkt mehr Geld, ohne den Umweg über Warenproduktion.

Er zitiert Keynes’ Idee der „periodischen Euthanasie des Rentiers” — die politische Notwendigkeit, große Geldvermögen periodisch zu kappen, um das System funktionsfähig zu halten. Pikettys Analyse bestätigt das Problem: Wenn die Kapitalrendite dauerhaft über dem Wirtschaftswachstum liegt, frisst das Rentiers-Interesse die produktive Ökonomie.

Gleichzeitig verteidigt Bude die Stärke der Politik gegenüber dem Defätismus: Mario Draghis „Whatever it takes” habe in einer Dreiviertelstunde die Zinsmärkte beruhigt — ein politischer Satz, kein ökonomischer. Die Politik sei stärker, als sie glaube, sie müsse nur „wissen, wie sie ihre Stärke intelligent einsetzt”.


Die Ausgeschlossenen und der liberale Paternalismus

▶ 78:24 Ein Pfarrer sagte Bude: „30 Prozent meiner Leute gehören nicht mehr dazu.” Das sind die Ausgeschlossenen — nicht mehr erreichbar, und wenn überhaupt, dann durch eine „Politik der Hetze und des Hasses”. Bude schlägt einen unerwarteten Ansatz vor: Warum nicht wieder über Paternalismus reden?

„Eine Adresse des Kümmerns zu sein, ist glaube ich auch eine vornehme Aufgabe für Politik.” ▶ 80:42

Er bezieht sich auf den „libertären Paternalismus” (Thaler/Sunstein, Obama-Ära): die Idee, dass der Staat Menschen sanft in Richtungen „stupst”, die sie alleine nicht einschlagen würden — etwa die Opt-out-Lösung bei der Organspende statt Opt-in. Gleichzeitig weiß Bude um die Gefahr: Kümmerer neigen zum „Oberkümmerer”, zum autoritären Wohlfahrtsstaat (Peronismus). Die Kunst wäre ein liberales Kümmern — da sein für die, die Adressaten brauchen, ohne über ihre Köpfe hinweg zu entscheiden.


Bürgerlichkeit ohne Bürgertum

▶ 86:07 Im letzten Teil des Gesprächs schält Bude die „Doppelheit der Bürgerlichkeit” heraus. Es gibt drei Bürgertümer: das Wirtschaftsbürgertum (der Bourgeois), das politische Bürgertum (der Citoyen) und — spezifisch deutsch-österreichisch — das Bildungsbürgertum. Im Bildungsbürgertum steckt eine „gewisse Wirtschaftsfremdheit”: Man findet Gesamtausgaben wichtiger als Aktienindizes und empfiehlt Kafkas Tagebücher statt Portfoliotheorie.

Die Spannung liegt zwischen dem universellen Prinzip der Bürgerlichkeit (Freiheit, Rechtsgleichheit, Teilhabe) und dem ständischen Element (Erbe, Distinktion, Kaschmir). Solange beides zusammenbleibt, ist Bürgerlichkeit eine „fein zivilisierte Sozialformation”. Wenn aber das Universelle wegbricht und nur das Ständische bleibt, wird es „unangenehm” — und genau das sieht Bude als Risiko der inneren Mittelschichtspaltung.

„Der Kaschmir-Pullover darf getragen werden — aber er muss in der richtigen Gesinnung getragen werden.” ▶ 92:16


Experimentalismus als Hoffnung

▶ 103:44 Am Ende des Gesprächs formuliert Bude eine vorsichtige Hoffnung. Der Neoliberalismus sei „wirklich vorbei” — kein ernsthafter Mensch glaube noch, dass Märkte alles richten. Gleichzeitig glaube auch niemand, dass der Staat alles lösen könne. In dieser „ideologischen Pattsituation” sieht Bude Potenzial: Sharing Economy, neues Interesse an Wissenschaft statt Investmentbanking, eine „Phase des Experimentalismus”.

Die Vorstellung, dass eine kommende Zeit neue Türen öffnen könnte, sei der Gesellschaft abhanden gekommen — das Zeitgefühl sei das einer vergehenden Zeit. Klimawandel als Adaption an Selbstverschuldetes. Aber in der Pattsituation stecke auch Kraft: kein ideologisches Vorentschiedensein, sondern die Bereitschaft, Neues zu probieren.

„Wer behauptet, dass der Markt in der Lage sei, unsere Probleme zu lösen, der muss ein bisschen doof sein.” ▶ 106:05


Faktencheck

Bestätigt — Zunahme depressiver Erkrankungen

Budes Beobachtung eines „Shifts von neurotischen zu depressiven Störungen” wird durch WHO-Daten bestätigt: Depression ist seit 2008 die häufigste Ursache für Arbeitsunfähigkeit weltweit. In Deutschland stieg die Zahl der AU-Tage wegen psychischer Erkrankungen zwischen 2000 und 2014 um über 70%. Quelle: WHO Depression Fact Sheet

Bestätigt — Draghis „Whatever it takes"

Mario Draghis Rede am 26.07.2012 in London beruhigte die Märkte tatsächlich innerhalb kürzester Zeit. Die Renditen für spanische und italienische Staatsanleihen fielen sofort drastisch. Quelle: EZB-Archiv

Bestätigt — Mittelschicht statistisch stabil

Budes Aussage, dass die Mittelschicht in Deutschland nicht signifikant schrumpft, wird durch DIW-Studien bestätigt. Der Anteil der mittleren Einkommensgruppe sank zwischen 1991 und 2014 nur leicht von 65% auf 61%. Die interne Polarisierung ist signifikanter als das Abschmelzen. Quelle: DIW Wochenbericht 18/2014

Vereinfacht — Charles Murray „Coming Apart"

Bude stellt Murray als neutralen Soziologen dar, der die weiße Unterschicht beschreibt. Murray ist jedoch hochumstritten — sein früheres Buch The Bell Curve (1994) wurde wegen rassistischer Implikationen scharf kritisiert. Die Diagnose der weißen Deindustrialisierungs-Unterklasse ist berechtigt, aber Murrays Lösung (Rückkehr zu „traditionellen Werten”) ist ideologisch konservativ, nicht soziologisch neutral. Quelle: Keine unabhängige Quelle gefunden — Einschätzung basiert auf breiter akademischer Rezeption

Vereinfacht — Wohlfahrtsstaat als Ergebnis des Krieges

Bude und der Moderator diskutieren, ob der Wohlfahrtsstaat aus dem Wirtschaftswunder oder aus dem Krieg entstand. Die Forschungslage ist differenzierter: Bismarcksche Sozialversicherung entstand 1880er ohne Krieg, der britische Beveridge-Plan 1942 dagegen aus Kriegslogik. Die These der „kollektiven Kriegsbetroffenheit” als Antrieb ist für den britischen Fall überzeugend, für den kontinentaleuropäischen nur teilweise. Quelle: Keine unabhängige Quelle gefunden

Bestätigt — Privatvermögen vs. Wirtschaftsleistung

Die im Gespräch zitierten Zahlen (Privatvermögen weltweit +146 Billionen Dollar 2000–2014, Weltwirtschaftsleistung +45 Billionen Dollar) entsprechen den Daten des Global Wealth Report 2014 von Credit Suisse und den Weltbank-BIP-Statistiken. Quelle: Credit Suisse Global Wealth Report 2014


Weiterführende Quellen

Aus der Video-Beschreibung:

Im Gespräch erwähnte Werke und Referenzen:

  • Heinz Bude: Gesellschaft der Angst (2014) — das Buch, um das es im Gespräch geht
  • Heinz Bude: Die Ausgeschlossenen. Das Ende vom Traum einer gerechten Gesellschaft (2008)
  • Heinz Bude: Bildungspanik. Was unsere Gesellschaft spaltet (2011)
  • Heinz Bude (Hg.): Marx — ein toter Hund? — Sammelband
  • Heinz Bude (Hg.): Bürgerlichkeit ohne Bürgertum — Sammelband
  • Theodor Geiger: Die soziale Schichtung des deutschen Volkes (1932)
  • Thomas Piketty: Das Kapital im 21. Jahrhundert (2013)
  • Charles Murray: Coming Apart (2012) — Spaltung der weißen amerikanischen Gesellschaft
  • Richard Thaler / Cass Sunstein: Nudge (2008) — libertärer Paternalismus

Verbindungen

Ruben Mawick — Als Sanitaeter an der Ukraine-Front

Budes Diagnose der ausbleibenden Solidarisierung — keiner steht mehr für den anderen nach unten ein — ist das soziale Negativ zu Mawicks Frage nach dem Füreinander-Einstehen. Mawick fragt, wofür ein Mensch zu sterben bereit ist; Bude erklärt, warum eine angstgetriebene, atomisierte Gesellschaft schon das Füreinander-Leben verlernt hat.

Panorama: NoAfD

Budes Befund der Spaltung innerhalb der Unterklasse — das Dienstleistungsproletariat verachtet die Bürgergeld-Bezieher, keine Solidarisierung nach unten — ist im Panorama als Teil des Scharnier-Mechanismus eingeordnet (mit Cusicanquis Kette der Scharniere als kolonialer Tiefenstruktur desselben Musters: Aspiration nach oben, Verachtung nach unten).

Hochschild — Stolen Pride

Hochschilds drei Verlust-Schichten in Appalachia (Jobs, Wert der Fähigkeiten, relatives Zurückbleiben) sind die US-amerikanische Entsprechung von Budes Swimming-Pool-Effekt — aber Hochschild geht einen Schritt weiter: Sie verfolgt, wie relative Deprivierung durch das Stolz-Paradox (individualistischer Stolz → Selbstbeschuldigung → Scham) in das emotionale Rohmaterial verwandelt wird, das Trump wie Kohle abbaut. Bude diagnostiziert den Affekt, Hochschild erklärt die Chemie.

Heinz Bude — Boomer-Soziologie

Zehn Jahre später (2024) dreht Bude den Generationenblick um: Statt die 40-Jährigen zu analysieren, verabschiedet er seine eigene Boomer-Generation. Der „Wirkungswille ohne Letztbegründung” aus dem späteren Vortrag ist die Antwort auf die Frage, die hier noch offen blieb — welche Haltung aus der Null-Fehler-Generation wachsen könnte.

Steffen Mau — Triggerpunkte Konsens und Konflikt

Mau liefert 2023 die empirische Vermessung dessen, was Bude 2014 als „Misstrauensbewegungen” und innere Mittelschichtspaltung diagnostiziert: Die demobilisierte Klassengesellschaft kann Oben/Unten nicht mobilisieren, weil Polarisierungsunternehmer gezielt Identitäts- und Migrationskonflikte aktivieren. Budes Swimming-Pool-Effekt (relative Deprivierung) ist der affektive Motor hinter Maus Triggerpunkten.

Aladin El-Mafaalani — Misstrauensgemeinschaften und was die AfD wirklich stoppt (taz FUTURZWEI-Talk)

El-Mafaalani systematisiert 2025 das, was Bude 2014 als Zeitdiagnose skizziert: Misstrauen als neue Form politischer Mobilisierung. Bude beschreibt den Mechanismus phänomenologisch (Tea Party, Piraten, AfD als „unbestimmte Negation”), El-Mafaalani erklärt die Struktur (algorithmisch verstärkte Vergemeinschaftung, sinkende Überwachungskosten als Demokratiegefahr).

Philip Manow — Autoritäre Zeiten: Die Macht der Wähler

Manow erklärt den Aufstieg des Rechtspopulismus durch Globalisierungsverlierer und den Öffnung-Schließung-Konflikt. Bude ergänzt die affektive Dimension: Die Angst, die Manows „Somewheres” antreibt, ist genau jene Angst vor dem Statusverlust, die Bude als Swimming-Pool-Effekt beschreibt. Beide warnen vor illiberalen Tendenzen — Bude explizit vor dem „illiberalen Staat” als wahrscheinlichere Gefahr als das Chaos.

Erich Fromm — Haben oder Sein

Budes „schuldig werden an sich selbst” — die neue Angst, die nicht aus äußerem Druck, sondern aus innerer Orientierungslosigkeit entsteht — ist Fromms Haben-Modus in seiner depressiven Variante. Wer sein Selbst über Karriere, Status und Optionen definiert (Haben), verliert den inneren Kompass (Sein). Fromm hätte Budes Null-Fehler-Generation als Paradebeispiel der marktorientierten Charakterstruktur erkannt.

Clara Mattei — Geschichte der Austeritaetspolitik

Mattei zeigt den strukturellen Mechanismus hinter Budes Diagnose: Wenn Bude sagt, der Kapitalismus sei ohne Krisen nicht zu haben und Keynes’ „Euthanasie des Rentiers” nötig sei, liefert Mattei den historischen Beweis, dass genau das systematisch verhindert wird — Austerität als politisches Programm zur Rettung der Kapitalordnung.

Rainer Mausfeld — Warum schweigen die Lämmer

Mausfeld beschreibt die kognitive Infrastruktur für Budes „Postdemokratie”-Diagnose: Beide analysieren, wie die Ohnmacht gegenüber ökonomischen Mächten politisch hergestellt wird. Budes Beobachtung, dass immer mehr Menschen sagen „wir leben in einer Postdemokratie”, findet bei Mausfeld die strukturelle Erklärung.

Mark Benecke — Umwelt-Messungen Sommer 2026

Beneckes Sinus-Jugendstudie 2026 zeigt das Paradox: Die Generation mit dem größten Grund zur Klimaangst zeigt die geringste Beunruhigung — die Angst hat sich von den realen Bedrohungen entkoppelt.

Mark Benecke — Fragerunde Time Is Up 2026

Pöttingers umweltpsychologische Einsicht (Scham vs. Wut als divergierende Handlungstreiber) vertieft Budes Emotionsanalyse: Die Angstgesellschaft reagiert nicht nur mit Rückzug, sondern — bei kollektiver Organisierung — auch mit Wut, die Bewegungen antreibt.

Gilda Sahebi und Arne Semsrott — GCA 33 Liegenddemos, Schwarz-Rot, Sea-Watch

Das BR-Feature “Der Arbeiter und die AfD” über Peter aus Köln ist die empirische Bestätigung von Budes Dienstleistungsproletariat-Analyse aus 2014: Arbeit als Identitätskern, Verachtung der Sozialleistungsempfänger, kein Solidaritätspotential nach unten — der Nährboden für Rechtspopulismus, 12 Jahre später dokumentiert.

Ivan Krastev — Wie zukunftsfaehig ist Europa

Krastev beschreibt dieselbe affektive Enttäuschungsstruktur im Ost-West-Verhältnis, die Bude 2014 als Angstgesellschaft analysierte — nur auf geopolitischer Ebene. Bude liefert die emotionale Grammatik, Krastev die geopolitische Erzählung.

Byung-Chul Han — Das Glück kommt durch die Hände

Budes „schuldig werden an sich selbst” trifft Hans Leistungssubjekt, das sich die Peitsche selbst gibt und es Selbstverwirklichung nennt: dieselbe erschöpfte Figur, einmal soziologisch als Angst, einmal philosophisch als Depression durch Weltverlust beschrieben.