Mario Buchinger — Lügen der Kernenergie (2/6): Kernenergie ergänzt sich gut mit erneuerbaren Energien
Quelle: Lügen der Kernenergie — Folge 2/6 (#RestartThinking) Serie: Mario Buchinger — Es gibt keine Renaissance der Kernenergie
Wer spricht?
Mario Buchinger — Physiker, Transformationsexperte, RestartThinking (Österreich). Format: GesternKleber Fails — Widerlegung verbreiteter Desinformation zur Energiepolitik mit konkreten Zahlen und Primärquellen.
Die Lüge
„Kernenergie ergänzt sich gut mit erneuerbaren Energien.”
Diese Behauptung ist laut Buchinger nicht nur physikalisch falsch — sie wird von den Betreibern selbst widerlegt.
Kernaussagen
Das Betreiber-Zitat: RWE gegen Kernenergie
Markus Krebber, Vorstandsvorsitzender von RWE (einem der größten europäischen Energiekonzerne, ehemals selbst AKW-Betreiber), sagte explizit:
„Basedelad Kernkraft passt nicht zu erneuerbaren. Die Erneuerbaren machen die Ökonomie des Kernkraftwerks kaputt.”
Dieser Satz kommt nicht von einem „linksgrünen” Kritiker, sondern vom Chef eines Konzerns, der Jahrzehnte von der Kernenergie profitiert hat — und nun für den Rückbau aufkommen sollte. (Buchinger merkt an: Das werden sie durch strategische Ausgründungen und Insolvenzen zum Teil vermeiden.)
Warum Kernenergie und Erneuerbare strukturell unvereinbar sind
Das Grundproblem: Trägheit vs. Volatilität
- Kernkraftwerke sind nur in einem schmalen Rahmen und sehr langsam regelbar — sie sind für Grundlast konzipiert: konstante, hohe Einspeisung rund um die Uhr.
- Erneuerbare Energien (Wind, Solar) unterliegen natürlichen Tages- und Saisonschwankungen.
- Wenn beides im Netz ist, entsteht regelmäßig ein Überangebot — insbesondere im Sommer und bei hoher Windproduktion.
Beweis aus Frankreich (Fraunhofer Energy Charts)
Ein LinkedIn-„Energieexperte” zeigte einen selektiven Ausschnitt der Fraunhofer Energy Charts für Frankreich: Der rote Balken (Kernenergie) variiert leicht zwischen Sommer und Winter — und er schloss daraus, Frankreich beweise den erfolgreichen Lastfolgebetrieb.
Buchinger zieht das vollständige Bild heran: Wenn man alle Energiequellen (Wasser, Solar, Wind) und die tatsächliche Lastkurve einblendet, zeigt sich:
- Die Lastlinie liegt im Sommer regelmäßig unterhalb der Gesamterzeugung — also wird mehr produziert als verbraucht.
- Frankreich ist gezwungen, diesen Überschussstrom zu exportieren — zu Ramschpreisen, teils mit negativen Preisen.
Der iberische Blackout als Beispiel für Kernenergie-Trägheit
Beim Stromausfall auf der iberischen Halbinsel wurde oft behauptet, Erneuerbare seien das Problem. Buchinger widerlegt:
- Erneuerbare waren zum Zeitpunkt des Ausfalls nicht überdimensional vorhanden, sondern im normalen unteren Bereich.
- Die eigentliche Ursache: schlechte Synchronisation zwischen Bedarf und Verfügbarkeit im Netz.
- Als das System wieder hochgefahren wurde, brauchte die Kernenergie über 30 Stunden, bis sie wieder verfügbar war — während PV und Wind bereits konstant einspeisten.
Das Preisproblem: Frankreich verliert systematisch Geld
| Größe | Wert |
|---|---|
| Marktpreise (Normalbereich) | 0–100 €/MWh (0–10 ct/kWh) |
| Staatlich gedeckelter Kernenergie-Preis in FR | 42 €/MWh (4,2 ct/kWh) |
| Geplante Erhöhung 2026/27 | 70 €/MWh |
| Reale Gestehungskosten Kernenergie FR | ~140–150 €/MWh |
Jedes Mal wenn der Marktpreis unter den garantierten Einkaufspreis fällt — was bei Erneuerbare-Überschuss regelmäßig passiert — macht Frankreich Verlust. Und dieser Verlust bezieht sich auf einen bereits stark subventionierten Preis, der die realen Kosten von ~140–150 €/MWh noch nicht einmal abbildet.
- Deutschland importierte 2023 ca. 5 % seines Stroms — nicht wegen Kapazitätsmangels, sondern weil Atomstrom aus Frankreich zeitweise so billig war, dass Eigenproduktion teurer gewesen wäre.
- Diese Billigexporte decken Frankreichs reale Produktionskosten bei weitem nicht.
Das Ende des Grundlastdenkens
„Grundlast brauchen wir nicht mehr. Grundlast ist die alte Welt.”
Das Konzept der Grundlast — konstante Dauererzeugung als Fundament des Netzes — stammt aus den 1950er–60er Jahren und ist auf eine Welt mit zentralisierten Großkraftwerken zugeschnitten.
Modernes Energiemarktdesign braucht stattdessen:
- Synchronität zwischen Bedarf und Angebot
- Dezentrale Speicher (kurzfristig)
- Saisonale Speicher (langfristig)
- Umgerüstete Netzinfrastruktur
Ein hoher Anteil exportierter Energie — oft als Stärke Frankreichs präsentiert — ist nach Buchinger ein eindeutiges Zeichen für eine instabile Energieversorgung, nicht für Stärke.
Faktencheck
Bestätigt: RWE-Chef Krebber sagte, Kernenergie passt nicht zu Erneuerbaren
Das Zitat ist dokumentiert und entstammt einem öffentlichen Statement von Markus Krebber. Es ist bemerkenswert, weil RWE als ehemaliger AKW-Betreiber kein strukturelles Interesse hätte, Kernenergie schlecht zu reden — die wirtschaftliche Logik zwingt ihn zu dieser Aussage.
Bestätigt: Frankreich exportiert Strom zu negativen/sehr niedrigen Preisen
Die Fraunhofer Energy Charts (öffentlich zugänglich) zeigen für Frankreich regelmäßige Überschusssituationen mit Strompreisen nahe null oder negativ. Der exportierte Überschuss entsteht strukturell durch die Unflexibilität der Kernkraftwerke in Kombination mit Erneuerbaren-Einspeisung.
Bestätigt: Frankreichs Kernenergie-Gestehungskosten weit über dem staatlichen Deckungspreis
EDF-Bilanzen und Analysen des französischen Rechnungshofs bestätigen, dass der regulierte Endverbraucherpreis die Vollkosten (inkl. Rückbau, Endlagerung, Schuldenstand von EDF) nicht abdeckt. Die Größenordnung von ~140–150 €/MWh als Vollkostenrechnung ist plausibel, aber je nach Berechnungsmethode variabel.
Bestätigt: Kernenergie benötigt nach Ausfall viele Stunden bis zum Wiederhochfahren
Die physikalische Trägheit von Druckwasser- und Siedewasserreaktoren ist dokumentiert. Das 30-Stunden-Beispiel nach dem iberischen Blackout ist konkret und in Fachberichten belegt.
Vereinfacht: Erneuerbare waren beim iberischen Blackout nicht das Problem
Buchinger sagt, Erneuerbare seien „zu dem Zeitpunkt gar nicht überdimensional vorhanden” gewesen. Der Blackout auf der iberischen Halbinsel (April 2025) hatte eine komplexe Ursachenkette, die noch vollständig untersucht wird. Dass die Trägheit der Kernenergie beim Wiederanlauf ein Problem war, ist korrekt. Ob Erneuerbare-Volatilität gar keine Rolle spielte, ist zum Zeitpunkt dieser Note noch nicht abschließend geklärt. (Faktencheck: vereinfacht)
Vereinfacht: Exportüberschuss als rein negatives Zeichen
Ein hoher Exportanteil kann auch auf Produktionskostenvorteile hinweisen und Nachbarländern preiswerte Energie liefern. Buchinger hat recht, dass strukturelle Überproduktion ein Effizienzproblem darstellt — aber der Schluss, es sei immer ein Zeichen für Instabilität, ist zu absolut. (Faktencheck: vereinfacht)
Verbindungen
→ Mario Buchinger — Es gibt keine Renaissance der Kernenergie
Hauptnote zur Serie. Die dort behandelten Falschaussagen zu Wirtschaftlichkeit und Versorgungssicherheit ergänzen direkt diese Folge: Das Grundlastproblem ist in der Hauptnote unter „Falschaussage 2” bereits angesprochen, hier wird es mit Zahlen vertieft.
→ Dietrich Bonhoeffer — Theorie der Dummheit
Der LinkedIn-„Energieexperte”, der manipulierte Grafiken verbreitet und Schlussfolgerungen in Quellen hineinliest, die dort nicht stehen, ist ein Paradebeispiel für die Bonhoeffer’sche Dummheit: Fakten verfangen nicht, wenn man sie schlicht nicht zur Kenntnis nehmen will.
→ Carlo Cipolla — Die fünf Gesetze der Dummheit
Wer bewusst irreführende Grafiken verbreitet, um eine Position zu stützen, die selbst die eigene Industrie längst aufgegeben hat, schadet anderen (durch schlechte Energiepolitik) und letztlich auch sich selbst — Cipollas Definition des Dummen trifft hier präzise.
→ Rainer Mausfeld — Warum schweigen die Lämmer
Die Technik des selektiven Ausschnitts (nur den roten Balken zeigen, Rest weglassen) ist ein klassisches Werkzeug der Desinformation. Mausfeld beschreibt, wie solche Techniken systematisch eingesetzt werden, um Meinungen unterhalb der Bewusstseinsschwelle zu formen.
→ Adam Tooze — Pentagon vs. Anthropic
Tooze thematisiert, wie technologische Entscheidungen von Machtinteressen geleitet werden, nicht von technischer Rationalität. Das gilt auch hier: Die Kernenergie-Lobby setzt auf Narrative, nicht auf Zahlen.
→ Mario Buchinger — Lügen der Kernenergie (Kommentarspalte)
Antwort-Video zur Serie: Buchinger widerlegt typische Pro-AKW-Kommentare aus der Kommentarspalte, darunter das SMR-Sicherheits-/Kostenargument und das Infraschall-Windrad-Mythos, der hier in Folge 2 bereits implizit mitschwingt.
→ Claudia Kemfert — Ist die Abhängigkeit vom Öl unser Untergang? (Der Standard)
Kemfert bestätigt aus ökonomischer Perspektive: Atomkraft und Erneuerbare sind systemisch inkompatibel (Grundlast vs. Flexibilität); Erneuerbare sind bereits heute die günstigere Option
→ MONITOR — Energiewende rückwärts? Katharina Reiche und der E.ON-Lobbyismus
Reiches Gesetzentwurf könnte als politisches Werkzeug gelesen werden, die Inkompatibilität von Kernenergie und Erneuerbaren durch Netzrestriktionen künstlich herzustellen.
→ Good News - Positive Nachrichten März 2026
2025-Daten: Wind & Solar 30% des EU-Stroms vs. 29% fossile, Kohle unter 10% — empirische Validierung von Buchangers Hauptthese: Erneuerbare haben ohne Kernkraft-Renaissance die fossile Energie überholt
→ Akkudoktor — Lanz und die Energiewende
Umgekehrte Stoßrichtung, gleiche Methodik: Akkudoktor entlarvt statistische Manipulation contra Erneuerbare, Buchinger pro Kernenergie











