Quelle: Lügen der Kernenergie — Folge 3/6: Kernenergie ist wirtschaftlich (#RestartThinking) Serie: Mario Buchinger — Es gibt keine Renaissance der Kernenergie
Wer spricht?
Mario Buchinger — Physiker, Transformationsexperte, RestartThinking (Österreich). Diese Folge ist Teil des sechsteiligen Seriensformats GesternKleber Fails — Lügen der Kernenergie, in dem Buchinger gängige Argumente von AKW-Befürwortern systematisch zerlegt.
Kernaussagen
Die Lüge: „Kernenergie ist wirtschaftlich”
Buchinger widerlegt die Behauptung auf drei Ebenen: Stromgestehungskosten, konkrete Neubauprojekte und Subventionsvergleich.
1. Stromgestehungskosten — Kernenergie ist am teuersten
Die Stromgestehungskosten (Installations- und Betriebskosten, umgerechnet auf die erzeugte Energiemenge) zeigen ein eindeutiges Bild. Eine aktuelle Studie des Fraunhofer Instituts beziffert die Gestehungskosten für Kernenergie auf:
- Untergrenze: ~15 Cent/kWh
- Obergrenze: bis zu 50 Cent/kWh
Kernenergie hat dabei die höchste Schwankungsbreite aller Energieformen — bedingt durch Herkunft des Urans, Reaktorkonzept, Region und die weitgehend unbekannten Entsorgungskosten. Alle anderen Energieformen, insbesondere Wind und Photovoltaik, liegen deutlich darunter.
Ein konkretes Beispiel für unterschätzte Entsorgungskosten: Der Rückbau des AKW Lubmin (Greifswald, letztes DDR-Kraftwerk) wurde ursprünglich auf 6,6 Milliarden Euro veranschlagt — der aktuelle Schätzwert liegt bei 10 Milliarden Euro, mit weiter steigender Tendenz.
2. Neubauprojekte — Jedes AKW ist ein Milliardendesaster
Buchinger listet die aktuellen Baufiaskos:
| Projekt | Ursprüngliche Kosten | Aktuelle Kosten | Verzögerung |
|---|---|---|---|
| Flamanville 3 (Frankreich) | €3,2–3,3 Mrd. | €23,7 Mrd. | 12 Jahre (statt 5) |
| Olkiluoto 3 (Finnland) | Projektiert ~€3 Mrd. | 4–5× teurer | 18 Jahre Bauzeit |
| Hinkley Point C (Großbritannien) | €18–23 Mrd. | bis zu €40 Mrd. (nicht final) | Fertigstellung 2031 statt früher |
| Sizewell C (Großbritannien) | in Planung | Staat bildet €17 Mrd. Rücklage | noch in Bau |
Zu Hinkley Point C: Die Kostensteigerung war so extrem, dass der chinesische Coinvestor auf Basis einer Sonderklausel ausstieg — bei einer bestimmten Kostenschwelle hatte er das Recht, sich zurückzuziehen, und nutzte es. EDF, der französische Staatskonzern (der selbst nur durch staatliche Stützung überlebt), muss die Anlage nun alleine stemmen. Auch der französische Rechnungshof forderte inzwischen einen Stopp und eine vollständige Überprüfung der AKW-Strategie.
Zu Olkiluoto 3 (Finnland): Der Reaktor ging nach 18 Jahren Bauzeit in Betrieb — und musste kurz darauf immer wieder heruntergefahren werden, weil der Betrieb schlicht unwirtschaftlich ist. Erneuerbare waren schlicht zu günstig.
Das Argument, die hohen Kosten lägen an unnötiger Bürokratie oder Überregulierung, weist Buchinger zurück: Die Sicherheitsanforderungen seien die direkte Konsequenz der inhärenten Unsicherheit — wer Reaktoren sicherer machen will, macht sie teurer. Das ist keine externe Bürde, sondern eine technologische Realität.
Kosten von Kernenergie sind über die Jahrzehnte immer nur gestiegen. Kosten für Erneuerbare sind über die Jahrzehnte immer nur gesunken. Das ist kein Zufall — es ist der Unterschied zwischen einer ausgelernten Industrietechnologie und einer lernenden.
3. Subventionen — Kernenergie schlägt alles
Das Argument, Erneuerbare seien „massiv subventioniert” und Kernenergie komme ohne aus, ist laut Buchinger faktisch umgekehrt:
- Eine Studie des Deutschen Bundestags (Stand 2016) zeigt, dass der im EEG-Block für Erneuerbare ausgewiesene Subventionsanteil zu einem wesentlichen Teil auf Entlastungen für energieintensive Betriebe entfällt — nicht auf die Förderung der Erneuerbaren selbst.
- Für aktuelle Neuinstallationen von Erneuerbaren gibt es in Deutschland weitgehend keine Subventionen mehr — viele Projekte rechnen sich vollständig privatwirtschaftlich. Buchinger nennt ein konkretes Beispiel: ein Logistikgebäude eines deutschen Kunden, das mit Erneuerbarer Energie ausgestattet wurde, ohne Förderung — und sich binnen weniger Jahre amortisiert.
- Das Bundesministerium für Umwelt und Reaktorsicherheit muss jedes Jahr über eine Milliarde Euro allein für die Zwischenlagerung des radioaktiven Abfalls aus deutschen AKW budgetieren. Hinzu kommen die noch vollständig offenen Kosten für Endlagerung und Rückbau.
Kernenergie hat sich noch nie ohne staatliche Förderung gerechnet und wird es nie tun. Die Entscheidung für Kernenergie war und ist ausschließlich eine politische, keine wirtschaftliche.
Faktencheck
Bestätigt: Fraunhofer-Studie — Kernenergie teuerste Stromgestehungskosten
Das Fraunhofer Institut für Solare Energiesysteme (ISE) veröffentlicht regelmäßig Vergleiche der Stromgestehungskosten (Levelized Cost of Energy, LCOE). Kernenergie liegt dort konsistent am oberen Ende, Wind und PV deutlich darunter. Die von Buchinger genannten Bandbreiten (~15–50 Cent/kWh für Kernenergie) sind plausibel und decken sich mit öffentlich zugänglichen ISE-Studien.
Bestätigt: Kostenexplosionen bei Flamanville, Olkiluoto, Hinkley Point C
Alle drei Projekte sind durch Rechnungshofberichte, Betreiberangaben und journalistische Dokumentation vielfach belegt. Flamanville 3: von ursprünglich ~€3,3 Mrd. auf €23,7 Mrd. bei 17 Jahren Bauzeit (Inbetriebnahme 2024). Olkiluoto 3 (Finnland): ~4–5× Kostenüberschreitung, 18 Jahre Bauzeit. Hinkley Point C: Kostenrahmen laufend nach oben revidiert, aktuell in Richtung £30–46 Mrd. (je nach Quelle ~€35–54 Mrd.). Zahlen decken sich mit Buchangers Angaben.
Bestätigt: Chinesischer Ausstieg aus Hinkley Point C
CGN (China General Nuclear Power Group) hat sich tatsächlich aus Hinkley Point C zurückgezogen. Hintergrund waren neben den Kostenrisiken auch geopolitische Überlegungen der britischen Regierung. Der Ausstieg ist dokumentiert.
Bestätigt: Französischer Rechnungshof kritisiert AKW-Strategie
Die Cour des Comptes (französischer Rechnungshof) hat mehrfach kritische Berichte zur Wirtschaftlichkeit und Steuerung des EDF-Programms vorgelegt. Der Aufruf zu einem Moratorium bzw. einer Überprüfung der Neubau-Pläne ist belegt.
Bestätigt: Olkiluoto 3 musste nach Inbetriebnahme wiederholt heruntergefahren werden
Der Reaktor ging 2023 ans Netz (nach ursprünglich geplantem Betriebsbeginn 2009). Berichte über reduzierte Auslastung wegen der günstigen Marktpreise durch Erneuerbare im nordischen Strommarkt sind dokumentiert.
Bestätigt: Kernenergie war nie ohne staatliche Förderung rentabel
Es gibt weltweit keinen dokumentierten Fall, in dem ein Kernkraftwerk rein privatwirtschaftlich, ohne staatliche Garantien, Haftungsübernahme oder Subventionen gebaut und betrieben wurde. Diesen Punkt bestätigen auch kritische Analysen aus dem OECD- und IEA-Raum.
Vereinfacht: Rückbau AKW Lubmin — 6,6 auf 10 Milliarden
Die Kostensteigerung beim Rückbau des Kernkraftwerks Lubmin (Nord) ist real und dokumentiert. Die genauen Zahlen variieren je nach Quelle und Berechnungszeitpunkt. Die Größenordnung (mehrere Milliarden, deutlich über den ursprünglichen Schätzungen) ist plausibel. Buchinger nennt keine Quellenbelege im Video selbst, verweist aber auf ein begleitendes Quellenverzeichnis.
Vereinfacht: „Erneuerbare bekommen fast keine Subvention mehr"
Für Neuanlagen ist es korrekt, dass die EEG-Einspeisevergütung für große PV- und Windprojekte weitgehend entfallen ist — Auktionsmodelle sind marktbasierter. Allerdings profitieren Erneuerbare weiterhin von verschiedenen Formen indirekter Förderung (Netzausbau, Speichersubventionen, Marktprämien). Buchangers Kernpunkt — Erneuerbare sind günstiger als Kernenergie — ist trotzdem korrekt.
Verbindungen
→ Mario Buchinger — Es gibt keine Renaissance der Kernenergie
Die Hauptnote zur Serie fasst alle drei Falschaussagen zusammen. Die Wirtschaftlichkeitsfrage wird dort auf Basis derselben Fraunhofer-Daten angerissen; diese Note vertieft sie erheblich mit den konkreten Projektbeispielen und Subventionszahlen.
→ Rainer Mausfeld — Warum schweigen die Lämmer
Die anhaltende öffentliche Wahrnehmung, Kernenergie sei wirtschaftlich, obwohl jedes Neubauprojekt das Gegenteil demonstriert, ist ein Paradefall für das von Mausfeld beschriebene Agenda-Setting: Narrative überdauern Fakten, wenn die institutionellen Strukturen sie stützen.
→ Carlo Cipolla — Die fünf Gesetze der Dummheit
Buchangers wiederkehrende Frustration über das Ignorieren klarer ökonomischer Daten durch AKW-Befürworter entspricht Cipollas Diagnose: Handeln, das den Anderen (Steuerzahlern) schadet, ohne dem Handelnden zu nützen — außer ideologisch.
→ Heiner Flassbeck — Krise und Rechtsruck
Fehlinvestitionen in Kernenergie binden staatliche Ressourcen, die für den Ausbau Erneuerbarer fehlen. Flassbeck argumentiert, dass wirtschaftliche Fehlsteuerung in der Energiepolitik direkte gesellschaftliche Kosten erzeugt — Buchinger liefert die konkreten Zahlen dazu.
→ Mario Buchinger — Lügen der Kernenergie (Kommentarspalte)
Antwort-Video zur Serie: Mehrere Kommentare greifen direkt die Wirtschaftlichkeitsfrage auf (Gösgen-Gewinn, „3 Cent nach Abschreibung”, Fraunhofer-Systemkosten, Netzentgelt-Debatte), die hier in Folge 3 vertieft behandelt werden.
→ Energiesubventionen Deutschland — Atomkraft vs. Erneuerbare Energien
Vertieft den Subventionsvergleich aus dieser Note mit historischen Gesamtzahlen (FÖS 2020, Bundestag WD 5/2021): Atom 287 Mrd. € real / 4,3 Ct/kWh vs. EEG 275 Mrd. € / 2,0 Ct/kWh — und analysiert, warum die Atomsubvention auf Stromrechnungen nie sichtbar war.
→ Claudia Kemfert — Ist die Abhängigkeit vom Öl unser Untergang? (Der Standard)
Kemfert ergänzt Buchangers Kostenanalyse mit aktuellen Zahlen: 80–90 Mrd. fossile Subventionen in Deutschland; Erneuerbare sind schon heute billiger als neue Atomkraft
→ MONITOR — Energiewende rückwärts? Katharina Reiche und der E.ON-Lobbyismus
Buchinger beschreibt, wie Energiekonzerne ihre Kosten externalisieren; Reiche setzt das als Ministerin fort — Risiken der dezentralen Erzeuger erhöhen, Risiken der zentralen Netzbetreiber senken.
→ MONITOR — Atomkraft-Comeback und die Mini-Reaktoren
MONITOR untermauert Buchingers Wirtschaftlichkeits-These mit konkreten Zahlen: Fraunhofer-Stromgestehungskosten (Atom 14–49 ct vs. Solar/Wind 4–9 ct) und die Kostenexplosionen von Olkiluoto, Flamanville und Hinkley Point. Wimmers (TU Berlin): Atomkraft bleibt eine der teuersten Erzeugungsformen.











