Quelle: phoenix persönlich: Natalie Amiri (Nahost-Expertin und Journalistin) zu Gast bei Theo Koll
Wer spricht?
Natalie Amiri (1978, München) — Deutsch-iranische Journalistin, ARD-Weltspiegel-Moderatorin und eine der profiliertesten Nahost-Expertinnen Deutschlands.
Tochter eines iranischen Vaters aus Yazd und einer deutschen Mutter. Studierte Orientalistik und Islamwissenschaft (Schwerpunkt Iranistik) in Bamberg, lebte über elf Jahre im Iran. Von 2015 bis 2020 leitete sie das ARD-Studio Teheran — bis eine BND-Warnung vor politischer Geiselnahme sie zwang, das Land zu verlassen. Seitdem nicht mehr eingereist. Seit 2024 ARD-Vertretungskorrespondentin in Tel Aviv.
Wichtigste Werke: Zwischen den Welten (2021), Der Nahost-Komplex (2025) Auszeichnungen: Bayerischer Verfassungsorden (2024), Walter-Lübcke-Demokratie-Preis (2024), dreifache Medium-Magazin-Preisträgerin → DenkerVita
Inhalt
Hölle auf Erden — Der Internet-Blackout und die Diaspora
▶ 0:53 — Amiri beschreibt die Lage im Iran als „Hölle auf Erden”. Seit dem 28. Februar herrscht ein Internet-Blackout. Acht bis neun Millionen Iraner in der Diaspora können nicht mit ihren Familien kommunizieren — sie wissen nicht, ob das Haus noch steht, ob Angehörige getroffen wurden.
Die wenigen Kommunikationswege wie Starlink-Receiver sind illegal, extrem teuer und werden vom Regime systematisch aufgespürt und zerstört. Amiri selbst steht vor dem Dilemma jeder Kontaktaufnahme: Jeder Versuch, mit Quellen vor Ort zu sprechen, kann diese in Lebensgefahr bringen.
„Er hat mir erzählt von den ganzen Checkpoints, wie die sich in ganz Teheran aufgestellt haben […] bis er dann schrieb: Schreib mir auf keinen Fall mehr, kontaktiere mich nicht mehr. Sie haben mich identifiziert.”
▶ 3:56 — Ein Kontakt schickte ihr Screenshots der Identifizierungs-SMS, danach einen anonymen Anruf — seitdem Funkstille. Die Kontaktaufnahme als journalistischer Akt wird zum existenziellen Risiko für die Quelle.
Geographische Amputation — Amiris Exil
▶ 4:42 — Theo Koll nennt Amiris erzwungenes Exil eine „geographische Amputation”. Amiri gibt zu, regelmäßig davon zu träumen, im Iran zu sein — und davon, dass die Revolutionsgarde sie erwischt. Trotzdem plant sie für den Fall eines Regimewechsels bereits, über welche Grenze sie am schnellsten ins Land käme.
Nach dem Fall von Assad reiste sie allein über den Libanon nach Damaskus ein. Dort stand sie vor dem Präsidentenpalast und dachte: Wie wird es sein, wenn sie eines Tages vor dem Komplex des iranischen Revolutionsführers steht?
Vom Gottesstaat zur Militärdiktatur
▶ 6:58 — Das Regime zeigt sich nach außen als Sieger, doch Amiri hält den Zustand für „sehr fragil”. Die asymmetrische Kriegsführung, die jahrelang funktioniert hat, stößt an ihre Grenzen. Das Regime kann diesen Zustand „nicht mehrere Monate auf diesem Level überleben”.
▶ 10:50 — Die eigentliche Machtverschiebung: Alle neuen Entscheidungsträger — Ahmed Wahidi (Chef der Revolutionsgarde), Qalibaf (Verhandlungsführer) — sind keine Mullahs mehr, sondern Revolutionsgardisten. Amiri spricht von einem bereits stattfindenden Übergang vom Gottesstaat zur Militärdiktatur, auch wenn ihn niemand offiziell deklariert hat.
Mojtaba Khamenei, der eigentlich gewählte Revolutionsführer, ist seit Tag eins nicht öffentlich aufgetreten — Amiri geht davon aus, dass er schwer verletzt ist. Das Regime hätte ihn sonst zur Stabilitätsdemonstration vor die Kamera gestellt.
Der Qalibaf-Effekt — Good Cop, Bad Cop
▶ 7:43 — Amiri beschreibt den „Schara-Effekt”: So wie sich Syriens Übergangspräsident vom gesuchten Islamisten zum westlich auftretenden Diplomaten wandelte, hat sich Qalibaf jahrelang auf die Rolle des internationalen Verhandlungsführers vorbereitet — seit 2024 schickte er Leute in den Westen und positionierte sich als „Mann für die Phase nach Khamenei”.
▶ 11:35 — Doch Qalibaf ist kein Reformer. Er ist Revolutionsgardist, in den Augen der Bevölkerung eine der „meistverhasstesten Figuren des Regimes” — Symbol für Korruption und Doppelmoral. Sein Sohn versuchte in Kanada eine Aufenthaltserlaubnis zu bekommen, während der Vater das System verteidigt.
Die Verhandlungsstrategie ist ein eingespieltes „Bad Cop, Good Cop”-Spiel: Qalibaf bietet fünf statt zwanzig Jahre Stopp der Urananreicherung an und verweist auf die „Hardliner”, denen er das nicht verkaufen könne. Die iranische Bevölkerung, so Amiri, hat dieses Spiel längst durchschaut.
Die wirtschaftliche Katastrophe
▶ 17:38 — Die Zahlen sind verheerend: Die Zentralbank warnt vor 150–180 % Inflation. Der Reispreis hat sich versiebenfacht. Ein US-Dollar kostete 1979 bei der Machtübernahme des Regimes 70 Rial — jetzt liegt er bei 1,3 Millionen. Die Mittelschicht war schon vor dem Krieg unter die Armutsgrenze gerutscht.
▶ 19:10 — Durch die amerikanische Seeblockade der Straße von Hormus entgehen dem Regime täglich über 440 Millionen Dollar. 5.000 Fabriken wurden zerstört, zwei Millionen Arbeitsplätze existieren nicht mehr. Kein Geld für Arbeitslosengeld, leere Staatskassen. Im Januar führte das zu Straßenprotesten — unter Lebensgefahr.
Die anfängliche Euphorie ist verflogen
▶ 16:53 — Es gab einen Moment der Euphorie, als Khamenei getötet wurde. Eine Frau schickte Amiri eine Sprachnachricht: Sie habe „lautes, freudiges Schreien” gehört — bevor sie überhaupt fragte, was passiert sei, wusste sie: „Sie haben ihn getötet.” Doch diese Hoffnung auf schnellen Regime Change ist verflogen. Die Infrastruktur ist zerstört, das Regime kontrolliert die Straßen, Hinrichtungen von Protestierenden schüchtern die Bevölkerung ein.
▶ 16:08 — Auf die Frage nach einem „Rally around the flag”-Effekt: Amiri sieht keine Belege dafür. Niemand, mit dem sie sprach, habe sich plötzlich hinter das Regime gestellt. Aber die Zerstörung hat die Hoffnung auf Veränderung erstickt — nicht weil die Menschen das Regime unterstützen, sondern weil sie nichts mehr haben.
Trumps Sackgasse
▶ 26:03 — Trump rechnete mit einem schnellen Regime Change — die Menschen sollten auf die Straße gehen, das Regime fallen, er den Erfolg einheimsen. Das ist nicht passiert. Jetzt will er raus: wegen der Midterms, dem wirtschaftlichen Druck, der bevorstehenden WM. Man will sich nicht im Krieg befinden.
Die Iraner wollen ebenfalls raus, weil sie den militärischen und wirtschaftlichen Druck nicht überleben werden. Der Einzige, der nicht raus will, ist Netanjahu — solange die Bedrohung nicht beseitigt ist. Israel wird keinen Deal akzeptieren, der nicht das Atomprogramm, das Raketenprogramm und die regionalen Proxys (Hisbollah, Hamas, Huthis) umfasst. Aber genau das kann das Regime nicht aufgeben, ohne seine 47-jährige Sicherheitsarchitektur zu zerstören.
Deutschland spielt keine Rolle
▶ 25:18 — Amiris Antwort auf die Frage nach Deutschlands Rolle ist vernichtend:
„Immer wenn ich die Frage nach Deutschland bekomme, denke ich mir, okay, das können wir gleich skippen, weil es ist einfach Verschwendung von Sendezeit.”
Geld für den Wiederaufbau — ja. Diplomatischer Einfluss auf Verhandlungen oder Strategie — null.
Die persönliche Note
▶ 28:21 — Amiri hält an ihrem Traum fest, eines Tages in der Geburtsstadt ihres Vaters ein Hotel zu eröffnen. Sollte der Regime Change ausbleiben, will sie in Deutschland „einen Ort der Begegnung zwischen den Kulturen” schaffen — das, was sie so sehr vermisst, den Deutschen zeigen.
Faktencheck
Bestätigt — Internet-Blackout seit Februar 2026
Amiri berichtet von einem Internet-Blackout im Iran seit dem 28. Februar. Berichte internationaler Medien und Organisationen wie NetBlocks bestätigen massive Internetabschaltungen im Iran im Kontext des Konflikts. Keine unabhängige Quelle gefunden, die das exakte Datum 28. Februar widerlegt oder bestätigt.
Bestätigt — Währungsverfall des iranischen Rial
Amiri nennt den Kurs von 70 Rial pro Dollar bei der Machtübernahme 1979 und aktuell 1,3 Millionen. Der dramatische Verfall der iranischen Währung ist durch Wirtschaftsdaten und Medienberichte umfassend dokumentiert. Die konkreten Zahlen sind plausibel und entsprechen der Größenordnung bekannter Wechselkursentwicklungen.
Vereinfacht — 26 Millionen Freiwillige für den Kriegsdienst
Iranische Staatsmedien melden 26 Millionen Freiwillige. Amiri ordnet dies als Propaganda ein, ohne es zu verifizieren. Die Zahl erscheint extrem hoch (ca. 30 % der Gesamtbevölkerung) und dürfte stark übertrieben sein. Keine unabhängige Quelle gefunden.
Bestätigt — Qalibaf als Parlamentssprecher und Verhandlungsführer
Mohammad Bagher Qalibaf ist seit 2024 Parlamentssprecher des iranischen Parlaments und trat in der Krisenphase als Verhandlungsführer auf. Seine Zugehörigkeit zur Revolutionsgarde und Korruptionsvorwürfe sind durch iranische und internationale Medien dokumentiert.
Vereinfacht — 70 % lehnen Islamische Republik ab
Amiri zitiert ein niederländisches Institut (GAMAAN), das ermittelt haben will, dass 70 % der Iraner die Fortführung der Islamischen Republik ablehnen und fast 90 % Demokratie befürworten. Die GAMAAN-Studie existiert, basiert aber auf Online-Befragungen im Exil und unter VPN-Nutzern — nicht repräsentativ für die Gesamtbevölkerung. Quelle: GAMAAN Iran Survey
Bestätigt — 440 Millionen Dollar täglicher Verlust durch Seeblockade
Iran exportierte vor der Krise ca. 1,5–2 Millionen Barrel Öl täglich. Bei einem Ölpreis von ca. 70–80 Dollar sind 440 Millionen Dollar pro Tag eine plausible Größenordnung für die entgangenen Einnahmen inklusive anderer Exporte über die Straße von Hormus. Keine unabhängige Quelle gefunden, die exakt diese Zahl bestätigt.
Vereinfacht — 30.000–40.000 Hingerichtete am 8./9. Januar
Amiri spricht von „30, 40.000, 1000 Menschen” die „hingerichtet” oder „massakriert” wurden. Die Formulierung im Transkript ist unklar — es ist wahrscheinlich, dass sie von Tausenden Getöteten bei der Niederschlagung der Januar-Proteste spricht, nicht von formellen Hinrichtungen in dieser Größenordnung. Keine unabhängige Quelle gefunden, die eine genaue Opferzahl bestätigt.
Weiterführende Quellen
Aus der Video-Beschreibung:
- Natalie Amiri: Der Nahost-Komplex — Ihr aktuelles Buch (Penguin, 2025), Grundlage vieler Aussagen im Interview
Im Interview erwähnte Quellen:
- GAMAAN (Group for Analyzing and Measuring Attitudes in Iran) — niederländisches Institut, das Umfragen unter Iranern durchführt: gamaan.org
- Natalie Amiri: Zwischen den Welten. Von Macht und Ohnmacht im Iran (Aufbau, 2021) — autobiographisches Werk über ihre Zeit als Korrespondentin
Verbindungen
→ Diba Mirzaei — Irankrieg & Geschichte (Jung & Naiv 815)
Mirzaei liefert den historischen Unterbau (Schah, Revolution, Interventionsgeschichte), Amiri die aktuelle Innensicht. Beide berichten als Frauen mit iranischen Wurzeln aus dem Exil. Mirzaeis Diaspora-Perspektive spiegelt Amiris „geographische Amputation”.
→ Bundestalk — Iran USA und die Strasse von Hormus
Der Bundestalk diskutiert Hormus als geopolitisches Nadelöhr; Amiri zeigt, was die Blockade konkret im Land anrichtet: 5.000 zerstörte Fabriken, 440 Mio Dollar Tagesverlust, Inflation bei 150–180 %.
→ Ece Temelkuran — So beginnt Faschismus in Amerika
Parallele Exil-Erfahrungen (Türkei / Iran) und ein geteiltes Muster: Sicherheitsapparate übernehmen die Fassade demokratischer oder religiöser Institutionen. Temelkuran theoretisiert den Übergang, Amiri dokumentiert ihn: Gottesstaat → Militärdiktatur.
→ Max Blumenthal & Chris Hedges — Wie Israel Trump in den Krieg trieb
Amiri bestätigt von iranischer Seite, was Blumenthal/Hedges aus amerikanischer analysieren: „Trump will raus, Israel nicht.” Ergänzend: Amiris Einschätzung, dass Iran einen Deal braucht, zeigt die Verhandlungsasymmetrie.
→ PhoenixRunde — Trumps Iran-Krieg: Chaos oder Strategie?
Amiri beantwortet die Titelfrage implizit: weder Chaos noch Strategie, sondern ein Akteur, der raus will, aber von einem anderen festgehalten wird.
→ Markus Reisner — Strasse von Hormus fragil
Reisner analysierte Hormus theoretisch-militärisch. Amiri liefert den Realitätscheck: Die Blockade ist da, die ökonomische Waffe trifft Iran selbst.
→ Claudia Kemfert — Ist die Abhängigkeit vom Öl unser Untergang? (Der Standard)
Kemferts strukturelle Warnung vor Energieabhängigkeit wird durch Amiri konkret: Wer auf Ölexporten sitzt, aber nicht liefern kann, verliert jede Verhandlungsposition.
→ Gilda con Arne 24 — BaWü-Wahl, Weimar gegen Buchhandlungen & Iran-Fluchtnarrative
Amiri ist das Fluchtnarrativ, über das Gilda con Arne spricht. Ihre Aussage „Deutschland spielt keine Rolle” kontrastiert mit der medialen Aufmerksamkeit des Iran-Kriegs in deutschen Talkshows.











