Quelle: phoenixRunde — Trumps Iran-Krieg - Chaos oder Strategie? (25. März 2026)
Wer spricht?
Moderation: Lena Mosel (phoenix)
Dr. Ali Fathollah-Nejad — deutsch-iranischer Politikwissenschaftler & Autor Gründer und Direktor des Center for Middle East and Global Order (CMEG); promoviert an der SOAS London; ehem. Iran-Experte bei Brookings Doha und der DGAP. Einer der profiliertesten deutschsprachigen Iran-Kenner.
Andreas Reinicke — Direktor Deutsches Orient-Institut Ehemaliger deutscher Botschafter in Syrien und Tunesien; tiefe Erfahrung in arabischer Regionalpolitik und Konfliktdiplomatie.
Prof. Dr. Thomas Jäger — Politikwissenschaftler, Universität zu Köln Inhaber des Lehrstuhls für Internationale Politik und Außenpolitik seit 1999; Mitglied der NRW-Akademie der Wissenschaften; schreibt regelmäßig für Cicero.
Marina Kormbaki — stellv. Ressortleiterin, Hauptstadtbüro Der Spiegel Seit 2022 Schwerpunkte Außen- und Sicherheitspolitik, Verteidigung, Grüne.
Inhalt
Ultimatum, Verschiebung und die Frage der Verhandlungen
Trump stellte dem Iran ein Ultimatum — verschob es dann, weil es angeblich „gute Gespräche” gebe. Teheran dementiert. Fathollah-Nejad: Man befindet sich noch nicht in echten Verhandlungen, sondern tauscht öffentlich Maximalpositionen aus. Der 15-Punkte-Plan der USA (über Pakistan übermittelt) fordert mehr als die Genfer Vorverhandlungen vor dem Krieg: Waffenstillstand, Ende des ballistischen Raketenprogramms, Öffnung der Straße von Hormuz. Die iranische Gegenseite fordert Waffenstillstand, Sicherheitsgarantien, Reparationen und Souveränität über die Straße von Hormuz.
Reinicke: Direkte Verhandlungen bleiben unausweichlich — Vermittlerdiplomatie kann nur der Einstieg sein. Er glaubt nicht, dass es sich bereits um echte Gespräche handelt.
Straße von Hormuz als strategischer Hebel
Die Blockade der Straße von Hormuz ist das zentrale Druckmittel Irans. Fathollah-Nejad:
„Die arabischen Golfstaaten sind im Schwitzkasten, auch die Weltwirtschaft.”
Die Iraner sehen sich als strategische Sieger — militärisch haben USA/Israel die iranischen Kapazitäten degradiert, aber politisch ist das nicht übersetzbar in einen Sieg. Iran wird diesen Hebel nicht aufgeben, bevor es Gegenleistungen erhält.
Jäger: „Paradox, aber so ist es leider — der Hebel der jetzigen iranischen Regierung ist stärker als vor dem Krieg.”
Reinicke zieht den Vergleich zu Gaza und Hisbollah: „Wir haben eine absolute militärische Dominanz Israels — aber die Frage ist, was macht man mit diesen militärischen Siegen?”
Trumps strategische Ahnungslosigkeit
Jäger, zusammenfassend:
„Was wir bislang besprochen haben, ist alles ein Ausweis großer Ahnungslosigkeit — nicht unsererseits, sondern Ahnungslosigkeit dieses Präsidenten und seiner Regierung.”
Trump unterschätzte:
- Die Gegenwehr (hoffte auf ein Venezuela-Szenario — schneller Kollaps)
- Die Regenerationsfähigkeit des Regimes (ein Chamenei ersetzt einen anderen)
- Das strategische Kalkül Irans, den Krieg auf die gesamte Region auszuweiten
- Dass die Benzinpreise an US-Zapfsäulen politisch gefährlich werden (Trump versprach bezahlbares Leben)
Grundproblem: Die USA wissen, was sie im Krieg erreichen wollen (Marine zerstört, Luftwaffe zerstört) — aber nicht, was sie mit dem Krieg erreichen wollen.
Bodentruppen-Szenario
2.000–3.000 Fallschirmjäger wurden in die Region verlegt. Jäger: Sicherung der Straße von Hormuz durch Besetzung der Nordküste würde 50.000–100.000 Soldaten erfordern — Afghanistan- und Irak-Erfahrung lässt das US-Militär zögern. Das Regime denkt symmetrisch, während Iran vom ersten Tag an asymmetrisch kämpft.
Fathollah-Nejad: Eine großangelegte Bodeninvasion im Irak-Stil sei innenpolitisch für Trump nicht verkaufbar. Wahrscheinlicher: Bewaffnung bestimmter Gruppen (Kurden u.a.).
Die Frage des Regimewechsels
Fathollah-Nejad: 80% der iranischen Bevölkerung lehnt das Regime ab — aber ein US-israelischer Krieg ist kein geeignetes Mittel für echten Regimewechsel. Allein durch Luftschläge kein Regime zu beseitigen. Gefahr eines größeren Massakers an der Zivilbevölkerung.
Jäger: Regimewechsel als Ziel wurde erst spät formuliert. Alles Improvisieren seitdem. Ohne Besetzung des Landes ist kein nachhaltiger Regimewechsel möglich.
Nachfolge und Verhandlungspartner im Iran
Ali Chamenei wurde in den ersten Kriegsminuten eliminiert. Sein Sohn Mojtaba Chamenei wurde zum neuen Obersten Führer ernannt — ist aber offenbar verletzt oder in medizinischer Behandlung in Moskau, nicht öffentlich präsent. Ali Larijani (jahrelanger Atomunterhändler, ehemalige rechte Hand Chameneis zu Moskau und Peking) ebenfalls eliminiert.
Ghalibaf (Revolutionsgardist, mehrfach Präsidentschaftskandidat) rückt als mögliche Verhandlungsperson in den Vordergrund. Fathollah-Nejad: Er vertrat intern die Position, dass Interessen des Regimes besser durch Verhandlungen als durch Krieg gesichert werden können. Reinicke: Die entscheidende Frage ist nicht ob er geeignet erscheint, sondern ob er ein Entscheider ist.
Europa und die Golfstaaten: Akteur oder Zuschauer?
Europa steht abseits. Frankreich und Großbritannien planen eine Sicherheitskonferenz zur Straße von Hormuz — Reinicke: „Der Name verspricht mehr, als sie halten wird.” Die Bundesregierung (Merz) hat sich klar positioniert: keine Kriegsschiffe, keine militärische Beteiligung solange noch Bomben fallen. Angebot: Absicherung des Seewegs bei Waffenstillstand.
Golfstaaten: Zurückhaltend aus rationalen Gründen — Iran liegt nach dem Krieg immer noch dort, wo er heute liegt. Selbst wenn geschwächt, bleibt die Fähigkeit zu destabilisieren. Saudi-Arabien: Bodentruppen in den Iran — nein. Mittelbare Unterstützung der Degradierungsaktion — möglicherweise.
MAGA-Basis bröckelt
Einflussreiche Podcaster und Influencer der MAGA-Bewegung äußern sich zunehmend kritisch — der Iran-Krieg widerspricht Trumps Wahlkampfversprechen (kein Krieg, bezahlbares Leben). Benzinpreise in den USA so stark gestiegen wie seit Jahrzehnten nicht. Ob das zu echten politischen Absatzbewegungen führt, ist noch offen.
Die drei Beteiligten und ihre Strategie
Fathollah-Nejad bringt es auf den Punkt:
„Netanjahu sagt selbst, seit 40 Jahren träumt er davon, den Iran anzugreifen. Die Iraner bereiten sich seit 45 Jahren darauf vor. Nur Trump hat keine Strategie.”
Israel und Iran haben je eine klare, langfristige Strategie. Trump und die USA improvisieren.
Faktencheck
Bestätigt — Straße von Hormuz als Druckmittel
Iran kontrolliert de facto die Straße von Hormuz und setzt sie als zentrales Druckmittel ein. Ca. 20–21% des weltweit gehandelten Öls und 25–30% des globalen Flüssiggases passieren die Straße. Jede Blockade trifft Golfstaaten, Asien und Europa direkt.
Bestätigt — Trump unterbreitete 15-Punkte-Plan über Pakistan
Mehrere Medien (Reuters, NYT) bestätigten, dass ein US-Verhandlungsvorschlag über Pakistan an Iran übermittelt wurde. Kernforderungen: Waffenstillstand, Ende des Raketenprogramms, Öffnung Hormuz.
Bestätigt — Iran dementiert Gespräche routinemäßig
Historisches Muster: Das iranische Außenministerium dementierte auch bei den Atomdeal-Verhandlungen regelmäßig laufende Gesprächsrunden, auch wenn diese stattfanden.
Vereinfacht — Venezuela-Vergleich
Der Vergleich mit Venezuela (schneller Regimewechsel durch Druck) ist als gescheitertes Szenario korrekt dargestellt — Venezuela hat Maduro trotz enormem US-Druck nicht fallen lassen. Allerdings unterscheiden sich die Machtstrukturen erheblich: Iran verfügt über weit komplexere Sicherheitsapparate (IRGC) und regionale Proxies.
Vereinfacht — „80% der Iraner lehnen das Regime ab"
Basiert auf Diaspora-Umfragen und indirekten Erhebungen; Messungen aus dem autoritären Iran selbst sind methodisch schwierig. Die Tendenz (breite Ablehnung besonders nach den Protesten 2022/2023 und 2026) ist plausibel, die genaue Zahl kaum verifizierbar.
Vereinfacht — Mojtaba Chamenei „in medizinischer Behandlung in Moskau"
Dies sind unbestätigte Berichte, die in westlichen und Exilmedien zirkulieren. Verifizierte Informationen über seinen Aufenthaltsort und Gesundheitszustand fehlen öffentlich.
Bestätigt — Ghalibaf als Revolutionsgardist mit Verhandlungsambitionen
Mohammad Bagher Ghalibaf ist langjähriger IRGC-Offizier und mehrfacher Präsidentschaftskandidat. Seine Positionierung als pragmatisch-verhandlungsbereit wurde in Analysen des CMEG und Brookings mehrfach dokumentiert.
Verbindungen
→ auslandsjournal — Trump allein zu Haus
Das Paradox, dass Irans Hebel nach dem Krieg stärker ist als davor, spiegelt die auslandsjournal-These der strategischen Selbstzerstörung: Die Show of Force produziert das Gegenteil ihrer Absicht — die Stärke-Doktrin als Bumerang.
→ Nico Lange — Hat Trump die Kontrolle über den Iran-Krieg verloren
Nico Langes Analyse deckt sich mit Jägers These: USA wissen was sie im Krieg wollen, nicht was sie mit dem Krieg wollen
→ MONITOR — Irankrieg und das Ende des Völkerrechts
Strukturell verwandte Frage: Was bedeutet dieser Krieg für internationale Normen und das Völkerrecht?
→ Diba Mirzaei — Irankrieg & Geschichte (Jung & Naiv 815)
Historische Tiefe zum Iran: Warum das Regime resilienter ist als westliche Einschätzungen annehmen
→ Sternstunde Philosophie — Der Iran-Krieg und die Geopolitik der Gegenwart
Breiterer geopolitischer Rahmen: Verschiebung der Weltordnung durch den Krieg
→ Gilda con Arne 20 — Humanitäre Intervention im Iran & Boris Palmer
Frühere Diskussion zur humanitären Frage: Wann ist Eingreifen legitim?
→ Gilda con Arne 23 — AfD vorerst nicht gesichert rechtsextrem & Iran-Krieg Update
Iran-Krieg Update aus ähnlichem Zeitraum
→ Herfried Münkler — Muss es Kriege geben
Münklers Kriegstheorie: Was legitimiert Kriege, wann sind sie beendbar?
→ Reinhard Heinisch — Verliert Trump den Iran-Krieg in Amerika
Innenpolitische Dimension: MAGA-Basis und Trumps wachsende Probleme zu Hause
→ Volker Quaschning — Sprit-Abzocke und Ölabhängigkeit
Strukturelle Abhängigkeit von fossilen Energien als geopolitische Verwundbarkeit
→ Claudia Kemfert — Ist die Abhängigkeit vom Öl unser Untergang? (Der Standard)
Kemfert analysiert die energiepolitischen Folgen des Iran-Kriegs direkt: Hormuz-Blockade, Ölpreisschock, fossile Abhängigkeit als zivilisatorisches Risiko — Erneuerbare als Ausweg
→ KoshiPolitik — Das perfide Spiel: Schuldzuweisungen in Trumps Amerika
Trumps innenpolitische Kommunikationsstrategie: Schuld externalisieren statt Verantwortung übernehmen
→ Max Blumenthal & Chris Hedges — Wie Israel Trump in den Krieg trieb
Blumenthal/Hedges liefern die parteiische Gegenperspektive zur PhoenixRunde: Lobby-Netzwerke und Netanyahu-Einfluss als Kriegsursache. Starke Quellenkritik notwendig.
→ Staiy — News Machtmissbrauch CDU CSU (25.03.2026)
STAIY liefert aktuelles Lagebild (25.03.2026): iranischer Spott, 15-Punkte-Plan, Bodentruppen-Pläne. Bestätigt die Eskalationsdynamik der PhoenixRunde.
→ taz Reingehen — Wer das Öl hat, hat das Sagen
Herrmann ergänzt die geopolitische PhoenixRunde um die ökonomische Innenperspektive: Warum Trump den Iran-Sanktionen aufheben musste und wie der Ölpreis zur innenpolitischen Waffe wird
→ Konstantin Flemig — US-Seeblockade gegen Iran
Flemig liefert das militärische Lagebild zur US-Seeblockade (13.04.2026): konkrete Blockade-Mechanik, Seeminen, Waffenstillstandsbruch — die Eskalation, die in der PhoenixRunde als Szenario diskutiert wurde
→ Bundestalk — Iran USA und die Strasse von Hormus
Bundestalk bestätigt Chaos-Diagnose: unbefristeter Waffenstillstand ohne Verhandlungsziel = strategische Leere
→ Markus Reisner — Strasse von Hormus fragil
Reisners Afghanistan-Vergleich beantwortet die Leitfrage: Es ist strukturelles Chaos, kein strategischer Plan
→ Natalie Amiri — Hoelle auf Erden im Iran
Amiri beantwortet die Titelfrage implizit: weder Chaos noch Strategie, sondern ein Akteur der raus will, aber von Israel festgehalten wird. Plus: Qalibafs „Good Cop/Bad Cop”-Strategie.











