Quelle: Jung & Naiv, Folge 811 (ca. März 2026, 2:39h) Gesprächspartner: Tilo Jung

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Begleitnote: Eva von Redecker — Dieser Drang nach Härte

Wer spricht?

Eva von Redecker — Philosophin, freie Autorin. Ihr Buch Dieser Drang nach Härte. Über den neuen Faschismus (S. Fischer, 2026) erscheint in dieser Woche. Dritter Besuch bei Tilo Jung (Jung & Naiv). Fast 3 Stunden Gespräch — deutlich tiefer und breiter als der taz Talk.

Kerndefinition

„Faschismus ist verschobener Eigentumsrausch. Es ist eine liquidierende Phantombesitzverteidigung.”


Stimmung: die Welt brennt

Das Interview beginnt mit dem laufenden Iran-Krieg. Redecker ist erschrocken — nicht über die Richtung, wohl aber über die Geschwindigkeit der Eskalation. Aber sie ist nicht performativ niedergeschlagen:

„Es ist ideologisch falsch, so zu tun, als ginge es einem schon schlecht, wenn man nicht wirklich betroffen ist. Man kann entsetzt sein über die Weltpolitik und sich trotzdem dankbar sein, dass es einen noch nicht getroffen hat.”


Geopolitik als Phantombesitz-Labor

Der Iran-Krieg ist für Redecker kein Sonderfall — er ist die Logik des Buchs auf der Weltbühne.

Die Neokonservativen der Bush-Ära haben sich noch um Rechtfertigungen bemüht: Saddam hat Nuklearwaffen, wir bringen Demokratie. Das war heuchlerisch, aber es war noch Rechtfertigungspflicht. Was jetzt passiert, ist anders:

  • Venezuela: „Wir wollen das Öl.” Keine Rechtfertigung mehr nötig.
  • Grönland: Trumps Argument war: ihr könnt es nicht verteidigen. Der Angreifer war er selbst.
  • Gaza-Rivera-Pläne: Offensive Zurschaustellung der Macht des Stärkeren.

„Die Machtpolitik muss nicht mehr gerechtfertigt werden. You know, because you can.”

Rücknahme der Nachkriegsordnung: Die Zivilisierung der internationalen Politik über Völkerrecht — das war das liberale Projekt. Es stößt jetzt an eine Grenze, an der alle sich gegenseitig mit der Rückabwicklung überbieten.

Arendts Unterscheidung: Macht vs. Gewalt

  • Macht = zusammen handeln können, Zustimmung haben, kollektive Handlungsmacht
  • Gewalt = wie viel kann man erzwingen?

Trump ist an dem Punkt, wo er nur noch erzwingen kann — ihm bröckelt die Zustimmung, sogar bei MAGA. Deshalb wird die Destruktionsmacht hochgefahren. Das ist der kleine Hoffnungsschimmer: Minnesota dagegen — Bürger, die zusammenarbeiten, Nachbarn versorgen — das ist echte Macht.


Der Vordenker: Curtis Yarvin

Hinter Trump stehen düsterere Figuren als die Neokonservativen. Curtis Yarvin (alias Mencius Moldbug, 2007) hat eine Theorie entwickelt, die Trump und Musk jetzt direkt umsetzen:

„Was ist das Problem mit Amerika? Man weiß nicht, wem es gehört. Man müsste mal rausfinden, wer da eigentlich der Besitzer ist — und der könnte dann was anfangen mit diesem Land.”

Städte, Länder, der Staat selbst: alles als Eigentum. Wer die meiste Zerstörungsmacht hat, dem gehört es — weil er es verteidigen kann. Trump hat mit Grönland exakt so argumentiert. DOGE ist die Implementierung: den administrativen Staat abwickeln, die Leute entlassen, rausfinden wer “Eigentümer” ist.

Das ist Eigentum im völlig entfesselten Sinn: nicht der zivilisierte Souverän, der darauf achtet, dass jeder behält, was ihm rechtmäßig zukommt — sondern alle gegen alle, wer die meisten Waffen hat, besetzt die Dinge.


Die Definition: Faschismus als verschobener Eigentumsrausch

Warum überhaupt eine neue Definition statt Analogien?

Das Analogie-Spiel ist in der Sackgasse: Die einen verwenden Nazi für alles (Corona, Pegida, die anderen Seite), sodass der Begriff bedeutungslos wird. Die anderen polizieren Analogien so streng, dass man immer nur über den Grad der Vergleichbarkeit mit den 30ern redet — und nie über das, was gerade passiert.

„Ich will warnen können, dass eine Entwicklung problematisch ist, auch wenn sie nicht diese Drastik hat. Sonst ist ja eh schon zu spät.”

Formale Definition:

  • Faschismus = verschobener Eigentumsrausch
  • Es ist eine liquidierende Phantombesitzverteidigung
  • Das Fantasma wird ausgelöscht; das Phantomobjekt wird geschützt

Faschismus ≠ Totalitarismus: Der NS ab 1941 ist für Redecker (mit Arendt) Totalitarismus — etwas Schlimmeres als Faschismus. Die Konzentrationslager sind eine andere Kategorie. Für den Begriff Faschismus braucht man noch keine imperiale Kriegsführung oder einen Völkermord.

„Nicht jeder Nazi ist ein Faschist — manche waren Teil einer noch anderen Maschinerie.”

Was Faschismus kennzeichnet:

  1. Die Ausnahmezustandslogik — immer eine Fiktion: alles steht auf dem Spiel, jetzt ist alles erlaubt
  2. Ein fingierter Plündererwer plündert, wird erschossen ist die ständige Fantasie
  3. Liquidierung — nicht stoppen, nicht fragen, sondern auslöschen
  4. Die Aufkündigung des liberalen Gesellschaftsvertrags — Gleichheit der Eigentümer wird gekappt, manche dürfen schrankenlos Willkür walten lassen

Der Große Austausch — anatomiert

Redecker zerlegt den Verschwörungsmythos:

Das Grundfigur: Das biodeutsche, weiße Volk hat einen Geburtenrückgang (Frauen kriegen nicht genug Kinder) → wird durch Muslime ersetzt → Feministinnen reden Frauen das aus → oder: jüdische Globalisten steuern das.

Der Attentäter von Halle hat das wörtlich so formuliert: In der Synagoge töten ist effizienter, weil jeder jüdische Mensch 100 Migranten ins Land holt. Wenn du die Agenten tötest, legst du das System.

Diese Logik zeigt: Gegen das Fantasma der Strippenzieher gibt es ein eiskaltes, direkt eliminatives Aggressionspotenzial. Das Phantombesitz-Narrativ schafft die Legitimation; das Fantasma liefert das Ziel.

Elon Musk glaubt exakt diese Theorie (Civilizational Erasure). Sie ist der Klebstoff, der Erztkatholiken, heidnische Nazis und russische Trolle zusammenbringt.


Der gekaperte Freiheitsbegriff

Eine der wichtigsten Analysen des Interviews:

Der liberale Freiheitsbegriff hat zwei Seiten:

  1. Willkürfreiheit — ich kann machen, was ich will (Eigentumslogik)
  2. Gleichheitsverpflichtung — nur insofern, als ich nicht in die Ansprüche der anderen eingreife

Die Rechten haben die erste Seite herausgezogen und die zweite gekappt. Freiheit heißt jetzt: ich spüre meine Freiheit erst, wenn ich etwas kaputt machen darf.

Fossil verbrennen, anti-Einwanderungsgeräde, aggressive Meinungsäußerung — alles ist dieser Furor: jetzt, in diesem Moment, so viel wie möglich besetzen und zerstören dürfen. Kein Zeithorizont, kein Projekt.

Aber: Es steckt ein Körnchen Wahrheit in dem rechten Irsinn. Wenn man den alten liberalen Freiheitsbegriff ernst nimmt und all die Einschränkungen mitbedenkt, die er heute impliziert (Klimafolgen, Sprachregeln, globale Verstrickungen) — dann bleibt von dieser Freiheit wirklich nicht viel übrig. Das ist die legitime Kritik. Die progressive Antwort darauf wäre nicht weniger Freiheit, sondern eine bessere:

„Bleibefreiheit — die Freiheit, die auch in die Zukunft reicht. Nicht nur räumliche Willkür, sondern Genuss erfüllter, mir zur Verfügung stehender Zeit.”


Gender/Woke als Fantasma — Kontinuität

Das Vokabular gegen Woke, Trans, Gender, Cancel Culture ist keine Neuerfindung. Es ist die Neuauflage des NS-Diskurses gegen entartete Kunst und Juden:

  • Unnatürlich ✓
  • Vaterlandszersetzend ✓
  • Familienzerstörend ✓

Und: wird meistens von jüdischen Wissenschaftlerinnen in die Welt gesetzt — das passt wunderbar. Man kann den anderen Antisemitismus vorwerfen und sich gleichzeitig vollständig immunisieren, dass man das gleiche Fantasma spielt wie Putin (Gay Ropa), Trump (Woke Military), und tatsächlich Bücher zensiert.

„Die deutsche Erinnerungskultur ist auch zu einer Art progressiven Phantombesitz geworden.”

Die Rechten missbrauchen den Kampf gegen Antisemitismus, um das eigene faschistische Projekt zu schützen.


Tech-Faschismus: Phantombesitz an Intelligenz

Peter Thiel, Elon Musk, Curtis Yarvin — was ist das Eigentliche ihres Projekts?

Redecker widerspricht dem altfeministischen Blick (die wollen von Frauenkörpern unabhängig werden, die haben Gebäreid). Die bessere Analyse:

„Die versuchen Phantombesitz an Intelligenz herzustellen.”

Die Grundlogik des Longtermismus (Musk, Nick Bostrom): Intelligenz ist das zentrale Merkmal der Menschheit. Eine Intelligenzexplosion (Singularität) ist das Ziel. Daher: IQ-Hierarchien reaktivieren, historisch diskreditierte Rassenforschung reintimieren, große globale Unterklasse für abkömmlich erklären.

Curtis Yarvin wortwörtlich: „Wie begehen wir einen ethischen Genozid an den unproduktiven Menschen?” — indem man ihre Gehirne an Simulationsmaschinen anschließt und sie kalt stellt. Das Bizarre: Die Fantasie der Tech-Eliten für das gute Leben — Brain-Upload, Singularität, Kopf in der Cloud — ist gar nicht so weit davon entfernt.


Männerbünde und Doppelstaat

Rita Segato (brasilianisch-argentinische Feministin, dekoloniale Tradition): Es gibt immer einen ersten Staat (demokratisch legitimiert, öffentlich rechtfertigungspflichtig) und dahinter einen zweiten Staat — brutal gewalttätige Männerbünde mit einem Fuß in der Halbwelt.

Segato greift damit ein Motiv aus Franz Neumanns Behemoth auf, der für den NS den Begriff Doppelstaat verwendet: eine Ebene des Rechtsstaats und eine Ebene des Maßnahmenstaats (Executive Orders, Standrecht).

Beide Hälften verzahnen sich: Wahlkampfspenden, Geldwäsche, gemeinsame Bordelle, Schweigegeld. Die offizielle Macht ist nie vollständig unabhängig vom zweiten Staat.

Die neue Form des Männerbunds: Die Playboy-Verbrüderung (Musk/Thiel/Andrew) ist keine Offizierskasino-Verbrüderung wie in den 30ern — aber die Logik ist dieselbe: Zugriff auf Frauen- und Kinderkörper als Machtdekor, gegenseitige Deckung als Solidarität, gemeinsame Schuld als Disziplinierungsmittel.


Revolutionäre Perspektive

Die entscheidende Frage am Ende: Was sollen Linke tun?

Redecker unterscheidet zwei Aufgaben:

  1. Nicht: Den Massen sagen, wohin sie gehen sollen
  2. Schon: Intellektuellen Nährboden bereiten — Ideen und Beispiele liefern, wofür man auf die Straße geht, nicht nur wogegen

Die Massen werden auf die Straße gehen — weil Trump sie auf den Sack geht, weil die Städte abbrennen. Die Frage ist: Wessen Narrativ steht bereit? Die Faschisten haben Leute bei der Polizei, bei der Armee, eine fertige Ideologie. Linke müssen den intellektuellen Nährboden rechtzeitig bereiten.

Minnesota als Modell: Nicht spektakuläre Revolution, sondern Nachbarschaften, die sich gegenseitig versorgen und schützen. Das ist Macht im Arendtschen Sinn. Das rechte Projekt kann das nicht auslöschen — man kann Schulbücher verbieten, aber Leute gehen trotzdem in Drag auf die Straße.

Epochenbruch: Wir sind objektiv im Anthropozän. Das ist eine neue Erdgeschichte, nicht nur eine politische Krise.

„Wir brauchen schon einen Wandel, der weitreichend ist, aber den werden wir nur in kleinen Schritten und im Aufbauen auf die kleinen Errungenschaften erreichen.”

Demokratie zu Ende denken: Parlamentarismus war eine historisch kontingente Antwort auf logistische Grenzen (60 Mio. Menschen konnten nicht wöchentlich über Gesetze abstimmen). Diese Voraussetzung hat sich geändert. Mehr demokratische Kontrolle — über die Wirtschaft, lokal, direkt — wäre keine Anarchie, sondern Demokratie in der Tiefe.


Zuschauerfragen — wo Begriffsarbeit auf den Lackmustest trifft

Im zweiten Teil übernimmt Hans Jessen die Fragen aus dem Chat. Bei einer dichten Theorie wie Redeckers Phantombesitz-These wird besonders sichtbar, ob die Begriffe tragen — die Fragen testen sie an Adorno, Arendt, am Taliban-Modell, an der Otto-Normalbürger-Frage und am eigenen Hoffnungsbegriff.

Der Drang nach Härte — eine Sehnsucht nach Weichheit?

▶ 136:30 — Die erste Chat-Frage zielt direkt auf den Titel: Ist die faschistische Sehnsucht nach Härte umgekehrt eine Sehnsucht nach den eigenen weichen Anteilen, die man sich nicht zugestehen darf?

Redeckers Antwort: „Du hast Adorno gelesen.” Genau diese psychoanalytische Sicht trägt die frühe Faschismustheorie — bei Adorno die Ich-Schwäche: innen ist gewissermaßen nur Brei, deshalb braucht es „ganz viel Stützen von außen”. Wichtig ist nicht Härte an sich, sondern der Drang nach immer größerer Härte — und ihre Zuspitzung in „der ultimativen Härte des gekränkten Eigentümers, der sich rechen darf und die Feinde massakrieren”.

War die Neuzeit eigentlich schon immer protofaschistisch?

▶ 138:05 — Die These im Chat: In der unausgesprochenen Annahme, es gäbe bessere Menschen als andere, sei die Neuzeit von Anfang an protofaschistisch.

Redecker präzisiert: Die Idee an sich ist viel älter (jedes Feudalsystem). Das Verrückte an der Neuzeit sei: Sie behauptet Gleichheit und zieht trotzdem ständig neue Hierarchien ein — vor allem über die Eigentumsform. „Manchen Leuten gehört ihr Land gar nicht, manche Leute gehören sich nicht mal selber — die darf man versklaven. Manche Menschen sind zumindest zur Hälfte aneigenbar — Frauen.”

Ja, in diesem Sinn protofaschistisch — „ein Potenzial, das sich dann entfesseln lässt”. Aber: „Es wurde eine Tür gebaut und geöffnet, durch die man nicht zwangsläufig durchgehen muss.” Tendenz, kein Automatismus.

Befinden wir uns in zivilisatorisch regressiven Zeiten?

▶ 140:22 — Redecker ist skeptisch gegenüber zivilisatorischen Fortschrittsnarrativen. Sie zieht aber den Regressionsbegriff von Rahel Jaeggi heran — wichtig: nicht als „Zurückgehen”, sondern als „Sich-Rauskatapultieren aus einer Geschichte des Lernens”. Eine Bastion-Bildung, eine Schrumpfform von Gesellschaft als entfesselte Eigentumslogik. Auf Tilos Nachfrage, ob Regress nicht selbst eine Reaktion auf enttäuschte Hoffnung sei, ergänzt sie:

„Ja, aber eine, die sich als solche nicht erkennt. Die glaubt, das wird sowieso nie was — und dann hasse ich die Leute, die ihre kleine separate Befreiung als was auch immer Queers oder Ökos feiern, weil es wird sowieso nie so gut, dass es auch für mich gut wird. Und deswegen darf diese Hoffnung gar nicht im Raum stehen.”

Regress als Rückzug aufs Recht des Stärkeren — weil die Hoffnung auf gemeinsame Befreiung enttäuscht wurde.

„Hoffnung ist ein Fehler”

▶ 141:54 — Ein Vier-Wort-Post aus dem Chat. Redeckers Antwort ist überraschend zustimmend:

„Ich komme ganz gut aus ohne den Hoffnungsbegriff. Aber das müssen vielleicht manche für sich selber entscheiden. Ich finde Sinn viel wichtiger.”

Eine kleine, aber programmatisch wichtige Differenzierung: Nicht Hoffnung trägt die Kritik, sondern Sinn — also die Frage, was man tut, weil es sich richtig anfühlt, unabhängig davon, ob es funktioniert.

Ist der Ruf nach Autoritarismus eine Reaktion auf parlamentarische Handlungsunfähigkeit?

▶ 142:39 — Redeckers Antwort hält die Frage offen: Wer die Konstellation nur mit „Parlament kommt nicht zur Potte” beschreibt, hat strukturelle Zwänge ausgeblendet. Aber teilweise stimmt sie zu: Wenn Politik nicht einmal mehr versucht, der realen Probleme Herr zu werden, befeuert das eine Politik, die „offensiv die Probleme einfach für inexistent erklärt” — Trumps „Green New Scam”, „beautiful clean coal”. Verabschiedung als Entlastung.

Die Antwort liegt für Redecker in außerparlamentarischer Macht — Organisierung, Politik haftbar machen.

Macht — Willen durchsetzen oder geteilte Handlungsfähigkeit?

▶ 144:12 — Eine frühe Chat-Kritik, hier nachgereicht: Redeckers Macht-Definition sei falsch — Macht sei doch, seinen Willen gegen den Wunsch anderer durchsetzen zu können.

Redecker korrigiert sanft: Das ist die Weber’sche Definition (Macht-über), nicht ihre — sie folgt Hannah Arendt: Macht als geteilte Handlungsfähigkeit. Mit der Weber-Definition allein wäre die Energiewende „völlig machtlos”, weil sie niemanden zwingt — sie ist aber kollektive Handlungsmacht. Tilo Jung ergänzt schön: Ermächtigung, Selbstermächtigung — in beiden Begriffen steckt diese andere Macht-Idee.

Kann ein Otto Normalbürger ohne Faschisierung leben?

▶ 145:42 — Die Chat-Frage ist konkret: ETFs, Vermieten, Verbrenner fahren, CDU wählen, fliegen — gibt es eine Möglichkeit, nicht zur Faschisierung beizutragen?

Redeckers Differenzierung ist wichtig: Es gibt keine Möglichkeit zu leben ohne irgendeinen Schadenaber: Es gibt einen großen Unterschied zwischen passiv etwas mittragen (schlimm genug, dagegen muss man agitieren) und offen und affirmativ bejahen. Nur das Zweite würde Redecker „Faschismus” nennen. „Diesel jetzt erst recht” — das ist was anderes als auf dem Land mangels Nahverkehr Auto fahren zu müssen.

Sie zitiert Adornos berühmten Satz „Es gibt kein richtiges Leben im falschen” — und korrigiert die Rezeption: Bezogen war er nicht auf Politik, sondern auf bürgerliche Wohnungseinrichtung. Eine kleine philologische Pointe.

Entwickelt sich Faschismus zwangsläufig zum Totalitarismus?

▶ 147:14 — Redecker antwortet mit historischem Beispiel: Der italienische Faschismus war ein anderer als der deutsche — u.a. weil es Reste organisierter Arbeiterschaft und Linkskatholizismus gab. Sie nennt das ein äußeres Begrenzungspotenzial. Ihr aktuelles Szenario ist nicht Nordkorea, sondern Lateinamerika — „wo sich linkspopulistische mit faschistisch-autoritären Regimen ziemlich schnell abwechseln, mal durch Wahl, mal durch Putsch”. Schlimm genug — aber nicht zwangsläufig totalitärer Kipppunkt.

Ist der Islamismus / sind die Taliban Klerikalfaschismus?

▶ 149:33 — Redecker bestätigt zögernd: „Kann man gut so bezeichnen.” Aber sie verteidigt die Begriffsschärfe: Faschismus ist nicht das einzige Wort, um etwas furchtbar zu finden.

Das Taliban-Modell sei nicht so sehr eines der Phantombesitz-Verteidigung, sondern brachialer Sachherrschaft„wo wirklich quasi Versklavung von Frauen gefordert wird.” Eine andere Abstraktionsstufe von Gewalt als die ambivalente westliche Logik („Frauen haben Rechte — aber wenn sie nicht kuschen, darf ich auch zuschlagen”). Querverbindungen gibt es — aber die Begriffe sollten unterscheidbar bleiben.

„Frage an die Feministin”: Kapitalismus ohne Patriarchat? Matriarchat besser?

▶ 150:18 — Redecker antwortet differenziert: Realistisch hält sie ein patriarchatsfreien Kapitalismus nicht — aber möglich. Der Kapitalismus brauche „irgendwelche Formen von Differenzausbeutung”, aber nicht zwangsläufig die vergeschlechtete.

Zum Matriarchat eine schöne anthropologische Pointe: Es wäre nicht, weil Frauen besser sind, sondern weil patrilineare Erbfolge historisch Gewalt braucht (die Frau muss eingehegt werden, damit die Vaterschaft sicher ist). In einer matrilinearen Ordnung „kannst du viel mehr Freiheit und Promiskuität walten lassen”. Im Zeitalter des DNA-Tests obsolet — aber strukturell aufschlussreich.

Wann fiel Phantombesitz dir eigentlich ein?

▶ 151:48 — Hans Jessens eigene Frage zur Begriffsgenese. 2017, bei einer Konferenz in Brighton — Redecker hält erstmals öffentlich einen Vortrag über Phantombesitz. Aus dem Publikum meldet sich Judith Butler:

„Alright, so that’s your thing with Phantom Possession, but Eva — what do you do about the fantasm?”

Das war der Impuls. Butler veröffentlichte später selbst ein Buch zum Antigenderismus, in dem nur das Fantasma vorkommt, kein Phantombesitz. Redeckers Ergänzung: Mit beiden zusammen erhält man ein kompletteres Bild des Patriarchats.

Weiterer Einfluss: Elisabeth Young-Bruehl, Psychoanalytikerin, deren Analyse Redecker sehr schätzt — „dass unterschiedliche Charaktertypen unterschiedliche Gewaltmuster pflegen und dass diese auslöschende Gewalt, was ich Liquidierung oder Fantasma nenne, eine bestimmte obsessive Form ist.”

Die 11. Feuerbach-These — und nun?

▶ 154:07 — Hans’ allerletzte Frage: Marx’ These — die Philosophen haben die Welt nur interpretiert; es kommt darauf an, sie zu verändern. Redecker schreibt, für sie sei Begriffsfindung das Entscheidende. Was folgt daraus für Leser, die sagen: Schön, und jetzt?

Redecker antwortet:

„Marx hat nicht gesagt, es kommt darauf an zu… sondern es kommt darauf an, sie zu verändern. Eine andere Beschreibung ist schon ein Teil der Veränderung. Oft würde ich meine Arbeit sogar so verstehen, dass ich gucke, wie Veränderung schon durchzubrechen versucht — und dann Beschreibungen anbiete, die das in noch verständlicher artikulieren oder zeigen, was da passiert.”

Sie versteht sich nicht als Vorgabe-Geberin, sondern als Diagnostikerin von Bewegung — Erkennen von dem, was man schon selber macht.

Weitergedacht

Wenn Redecker sagt „Sinn ist wichtiger als Hoffnung”trägt das in Zeiten, in denen kollektive Sinngebung selbst erodiert? Oder ist Sinn nur eine privatisierte Variante von Hoffnung, die sich gegen die eigene Ohnmacht abdichtet?


Faktencheck

Bestätigt — Curtis Yarvin / Mencius Moldbug

Curtis Yarvin ist real; er bloggte seit ca. 2007 unter dem Pseudonym Mencius Moldbug neoreaktionäre Staatstheorie. Die Verbindungen zu Peter Thiel und dem Trump-Umfeld sind dokumentiert. Die Idee, Städte und Länder als Eigentum zu behandeln (neocameralism), ist zentral in seinem Werk. Zitat über “ethischen Genozid” müsste am Original verifiziert werden — Yarvin hat solche Überlegungen in frühen Beiträgen thematisiert, aber die genaue Formulierung ist nicht direkt verifiziert.

Bestätigt — Arendts Macht/Gewalt-Unterscheidung

In Macht und Gewalt (1970) macht Arendt genau diese Unterscheidung: Macht entsteht nur, wenn Menschen zusammenhandeln; Gewalt ist instrumentell und zerstört Macht. Die Anwendung auf Trump ist Redeckers Extrapolation, aber der Bezug ist korrekt.

Bestätigt — Fraenkel / Doppelstaat

Ernst Fraenkel hat in The Dual State (1941) die Unterscheidung zwischen Normenstaat und Maßnahmenstaat für den NS entwickelt. Redecker nennt ihn “Frenkel” — gemeint ist Fraenkel.

Vereinfacht — Rita Segato und der Doppelstaat

Segato arbeitet mit ähnlichen Konzepten (zweiter Staat, Männerbunde, Patriarchat als Grundstruktur aller Herrschaft), aber ihre Analyse ist spezifisch für lateinamerikanische Verhältnisse entwickelt. Die direkte Übertragung auf westeuropäische und US-amerikanische Strukturen ist Redeckers Extrapolation — plausibel, aber nicht wörtlich bei Segato belegt.

Vereinfacht — IQ-Forschung als "komplett diskreditiert"

Die Aussage ist vereinfachend. IQ-Tests haben empirische Aussagekraft für bestimmte kognitive Fähigkeiten; diskreditiert sind die Rassen- und Geschlechtshierarchien, die auf ihre Basis projiziert wurden. Die Techies reaktivieren tatsächlich diskreditierte Elemente — aber zu sagen, das gesamte Feld sei komplett diskreditiert, ist eine Zuspitzung.


Verwandte Notes

Yanis Varoufakis — Trump Has Lost Everything

Beide analysieren denselben neuen Faschismus: Redecker philosophisch über Eigentum und Gewalt (Phantombesitz, autoritäre Härte), Varoufakis ökonomisch über die zehn Stufen der Machtergreifung. Redeckers Phantombesitz erklärt, warum Tech-Oligarchen sich als Eigentümer des Gemeinwesens verstehen — Varoufakis zeigt, wie sie als moderne Pendants der Industriellen in den 1920ern die Faschisten finanzieren.

  • Wendy Brown - Wie Neoliberalismus die Demokratie bedroht — Brown liefert die strukturelle Ursache für das, was Redecker als neuen Faschismus beschreibt: Die neoliberale Zersetzung des demokratischen Imaginären (demos → Konsument) schafft das Vakuum, in das Phantombesitz-Ressentiment fließt. Redeckers Diagnose ist ohne Browns Vorarbeit unvollständig — und Browns Theorie bleibt abstrakt ohne Redeckers Analyse der politischen Konsequenz.
  • Elmar Thevessen - Die neue Weltunordnung — Redeckers „Phantombesitz“ und die „Rücknahme der Nachkriegsordnung“ sind die Denkfigur hinter Theveßens Reportage vom McKinley/Monroe-Revisionismus (Grönland „ist unser Territorium“, die Hemisphäre als wieder durchgesetzte Einflusssphäre). Dieselbe imperiale Besitzlogik, einmal begrifflich freigelegt, einmal auf der Landkarte beobachtet.
  • Sternstunde Philosophie — Droht ein neuer Faschismus? — dieselbe Kerndefinition, aber im Streitgespräch: Skenderovic hält Redeckers Trump-Benennung den Prozessbegriff der Faschisierung entgegen; die Sternstunde zeigt, wie die These sich unter Widerspruch schärft.