Quelle: YouTube — SRF Kultur Moderation: Yves Bossart | Ausgestrahlt: 13./14. März 2026

Wer spricht?

Cyrus Schayegh — Historiker und Professor für internationale Geschichte am Geneva Graduate Institute (IHEID), Genf, seit 2017. Zuvor Princeton University (2008–2017) und American University of Beirut (2005–2008). PhD Columbia University 2004. Forschungsschwerpunkte: transimperiale Geschichte, Naher Osten im 20. Jahrhundert, Dekolonisierung, Globalgeschichte. Buch: The Middle East and the Making of the Modern World (Harvard University Press, 2017). Schreibt wöchentliche Kolumne “L’historien itinérant” in der Tribune de Genève. Sein Vater stammt aus einer jüdisch-bahaischen Familie im Iran — eine verfolgte Minderheit. Lebte selbst zeitweise im Iran (u.a. für seine Dissertation), wurde dort einmal festgenommen. Ist als Doppelbürger seit ca. 2010 nicht mehr im Iran.

Kamran Safiarian — Deutsch-iranischer Journalist und Politikwissenschaftler, geb. 1969 in Teheran (deutsche Mutter, persischer Vater). Studium: Politik, Kommunikationswissenschaften, Sozialpsychologie (München, Paris). Seit 1995 beim ZDF, seit 2013 festes Mitglied des heute-Journal-Teams. Buch: Pulverfass Iran — Wohin treibt der Gottesstaat?. Ausgezeichnet mit dem Deutschen Fernsehpreis 1999. Gilt als einer der profiliertesten deutschsprachigen Iran-Kenner. Kann seit einigen Jahren wegen kritischer Berichterstattung nicht mehr einreisen — zuletzt 2016 im Iran. Seine gesamte Familie lebt noch dort.


Das ethisch-moralische Dilemma

Das Gespräch beginnt mit einer fundamentalen Frage: Wie beurteilt man diesen Krieg moralisch? Ein grausamer Diktator wurde getötet, ein Regime, das sein eigenes Volk unterdrückt und im Januar Zehntausende Menschen ermordete. Und gleichzeitig: ein Angriff ohne UN-Mandat, ohne nachweisbare unmittelbare Bedrohung — ein klarer Völkerrechtsbruch.

Safiarian sieht ein echtes Dilemma: Der humanitäre Anspruch ist real, doch er glaubt nicht, dass Trump oder Netanyahu humanitäre Motive haben — es dominieren strategische Interessen.

Schayegh widerspricht: Kein Dilemma. Die Grausamkeit des iranischen Regimes und die Völkerrechtswidrigkeit des Angriffs existieren beide gleichzeitig — man darf sie nicht gegeneinander ausspielen. Ein Unrecht rechtfertigt kein anderes.

Kernbefund Schayegh: Trump kündigt 2018 unilateral den funktionierenden Atomvertrag — ohne das wäre dieser Krieg nicht passiert. Das ist die eigentliche Wurzel.


Die Spirale: Von 2003 bis heute

Das Sicherheitsdilemma (Schayegh)

▶ 21:20

2003 besetzte Amerika den Irak und bedrohte den Iran als nächstes. Teherans defensive Reaktion:

  • Ausbau schiitischer Proxis in der Region (Libanon, Irak)
  • Beschleunigung des Atomprogramms als Abschreckung

Aus israelischer Sicht: offensiv. Die Israelis liquidierten iranische Atomwissenschaftler und bauten ihre Golfstaaten-Beziehungen aus. Die Spirale drehte sich — mit einer Art Balance des Schreckens, die direkten Angriff verhinderte.

Wendepunkte:

  • 2023: Hamas-Massaker drückt Israel in die Defensive. Israel reagiert “genozidär in Gaza”
  • 2024: Hisbollah militärisch entscheidend geschwächt. Assad-Regime stürzt (Iran verliert Partner)
  • 2025: Erste israelische Angriffe auf Iran. Januar: Massaker an der Zivilbevölkerung (30.000+ Tote)
  • 2026: Eskalation zum offenen Krieg

Israel glaubte danach, den gesamten Mittleren Osten militärisch-politisch umstrukturieren zu können. Selbst arabische Golfstaaten — die Israel einst als Gegengewicht zum Iran begrüßten — sehen dieses Verhalten inzwischen als destabilisierend.

Die israelische “Leekazadesche”-Strategie (Rasenmähen)

Eine informelle, aber allgemein bekannte israelische Doktrin: Wenn die Bedrohung eine kritische Schwelle erreicht, geht man militärisch rein — und wartet auf die nächste Runde. Politische Probleme werden mit militärischer Gewalt gemanagt, statt mit Diplomatie gelöst. Schayegh: “Unakzeptabel — sowohl für die Palästinenser als jetzt auch für die Region und die Welt.”


Das Atomprogramm — historische Linien

Das iranische Atomprogramm begann in den 1960er/70er Jahren mit US-Unterstützung. Nach der islamischen Revolution 1979 wendete sich das Blatt. 2003 deckten Whistleblower geheime Atomanlagen auf.

2015: Obama-Atomdeal — der Iran hält sich an die 3,67%-Anreicherungsgrenze und viele andere Auflagen.

2018: Trump kündigt den Vertrag unilateral auf. Iran hält sich danach immer weniger an die Verpflichtungen. Israel nutzt genau diese Gefahr als Begründung für den Angriff.

Schayegh: “Wenn das nicht passiert wäre, gäbe es heute keinen Krieg.”


Die humanitäre Lage

  • Keine Bunker: Iran investierte Milliarden in die “Achse des Widerstands” und Atomanlagen — für die einfache Bevölkerung wurden keine Schutzräume gebaut
  • Zivile Opfer: Eine Mädchenschule wurde durch eine amerikanische Bombe getroffen (mutmaßlich wegen veralteter Karten)
  • Weltkulturerbe: Der Golestan-Palast im Zentrum Teherans wurde beschädigt
  • Gemischte Reaktionen der Bevölkerung: Teils Genugtuung über Treffer auf Revolutionsgarden — teils Entsetzen, wenn das alte persische Erbe getroffen wird

Safiarian beobachtet täglich Handyvideos aus dem Iran: Menschen stehen am Fenster und sehen Bomben fallen, wissen oft sogar, welche Öllager oder Stützpunkte getroffen werden.


Menschen vs. Regime

▶ 29:46

Safiarian betont: Israelis und Iraner hatten auf menschlicher Ebene nie ein Problem miteinander. Im Iran gibt es die größte jüdische Gemeinde außerhalb Israels im Nahen Osten — zu Schahzeiten 200.000 Menschen, heute noch 20.000. Mehrere Synagogen in Teheran, ein jüdisches Krankenhaus, koschere Restaurants, einen jüdischen Vertreter im Parlament. Vor der islamischen Revolution war die israelisch-iranische Beziehung sogar exzellent — israelische Waffenfabrik im Iran, Militärberater.

“Das alles ist ein Problem der Regime miteinander. Nicht der Menschen.”


Historische Traumata — die “Erbsünde”

1953: CIA und MI6 stürzen den demokratisch gewählten Ministerpräsidenten Mohammad Mossadegh (der das iranische Öl verstaatlichen wollte) — Operation Ajax. Der Schah wird wieder eingesetzt. Viele Iraner fragen sich bis heute: Wäre ohne 1953 eine Demokratie möglich gewesen?

1979: Besetzung der amerikanischen Botschaft, 52 Diplomaten als Geiseln für 444 Tage. Trauma für Amerika.

Diese Vorbelastungen prägen das gegenseitige Misstrauen bis heute.


Szenarien: Wie geht es weiter?

Szenario 1 — Israelischer Regime-Change

Israelische Drohnen mit KI liquidieren systematisch nicht nur Offiziere und Politiker, sondern auch Fußsoldaten der Revolutionsgarden. Zermürbung führt zu Regimewechsel. Schayegh hält das für weniger wahrscheinlich.

Szenario 2 — Iran zwingt Trump zum Rückzug

Der Iran globalisiert und regionalisiert den Konflikt: Ölpreis (Straße von Hormuz), Raketenangriffe auf Golfstaaten. Trump muss den Krieg aus innenpolitischen und wirtschaftlichen Gründen beenden. Das Regime überlebt — möglicherweise gestärkt und noch radikaler.

Was danach?

Selbst wenn das Regime fällt: Kein Post-War-Plan. Weder die USA noch Israel haben eine Antwort auf die Frage, was nach dem Regime kommen soll. Die Zivilgesellschaft ist zerschlagen, die Opposition zerstritten.


Die Oppositionslandschaft

▶ 33:33

  • ~80% der Bevölkerung sind laut Safiarian Regimegegner
  • Strukturen fehlen: Das Regime hat zivilgesellschaftliche Netzwerke im Keim erstickt
  • Shirin Ebadi (Friedensnobelpreis, Exil London)
  • Narges Mohammadi (Friedensnobelpreis, derzeit im Gefängnis; ihre Kinder haben sie seit Jahren nicht gesehen)
  • Reza Pahlavi (Schah-Sohn): Symbolfigur für viele im Inland, umstritten; hat ein Konzept, aber Trump signalisierte Skepsis (“jemanden aus dem Innern”)
  • Masih Alinejad (Frauenrechtlerin, USA): Bekannt im Iran, aber ebenfalls umstritten

Schayegh: “Man kann eine Demokratie nicht herbeibomben. Man muss Strukturen schaffen.”


Die Revolutionsgarden — Machtzentrum mit Eigeninteressen

▶ 35:05

Laut Journalistin Natalie Amiri die mächtigste Institution der islamischen Republik:

  • Eigenes Heer, Marine, Luftstreitkräfte, Geheimdienst
  • Kontrollieren 40–50% der iranischen Wirtschaft
  • Nicht nur ideologische, sondern tiefste materielle Interessen am Machterhalt

Das “Betchberie”-System (Büro des obersten Führers) hat Fühler in unzähligen Gremien. Der Sohn des verstorbenen Khamenei führt das Regime mit zunehmender Härte.


Faktencheck

Bestätigt — Trump kündigte 2018 unilateral den Atomvertrag (JCPOA)

Der Joint Comprehensive Plan of Action (JCPOA) wurde 2015 unter Obama geschlossen. Trump zog die USA am 8. Mai 2018 einseitig heraus. Der Iran hielt sich bis dahin an die Anreicherungsgrenzen (verifiziert durch die IAEA).

Bestätigt — Operation Ajax 1953

Der CIA-geführte Putsch zum Sturz Mossadeghs ist historisch dokumentiert. Die CIA räumte ihre Beteiligung 2013 offiziell ein.

Bestätigt — Jüdische Gemeinde im Iran

Die jüdische Gemeinde in Iran ist die größte im Nahen Osten außerhalb Israels. Zahlen von ca. 20.000–25.000 werden konsistent berichtet. Synagogen, koschere Restaurants und ein parlamentarischer Vertreter sind dokumentiert.

Vereinfacht — "Über 30.000 Menschen im Januar getötet"

Zahlen aus dem Kontext des Januar 2026 im Iran sind nach aktuellem Kenntnisstand nicht unabhängig verifizierten Quellen zugänglich — diese Angabe beruht auf Safiarians Einschätzung und iranischen Oppositionsberichten.

Vereinfacht — "80% Regimegegner"

Diese Zahl ist eine oft zitierte Schätzung auf Basis von Diaspora-Umfragen und indirekten Indikatoren. Eine verlässliche Umfrage im Iran ist aufgrund der Repression methodisch kaum möglich.

Vereinfacht — "Iran hielt Atomanreicherung bei 3,67%"

Korrekt für die JCPOA-Phase (2015–2018). Allerdings gab es bereits vor Trumps Ausstieg Berichte über nicht deklarierte Aktivitäten und Inspektionsprobleme mit der IAEA.


Verbindungen

WDR Europaforum — Out of order Voelkerrecht

Das Panel fordert die rechtliche Bewertung des Irankriegs ein, die Sternstunde liefert die machtpolitische Erklärung, warum sie ausbleibt — Recht und Geopolitik als zwei Lesarten desselben Testfalls.

Spur: Iran — hat der Krieg das Regime gestärkt?

Die lebende Fortschreibung: Diese Note analysiert den Krieg im Moment, die Spur verfolgt seine Wirkung über die Zeit — ob der Schlag das Regime gestürzt oder paradox gefestigt hat.

MONITOR — Irankrieg und das Ende des Völkerrechts

Völkerrechtsfrage und israelisch-amerikanischer Angriff ohne UN-Mandat

Nico Lange — Hat Trump die Kontrolle über den Iran-Krieg verloren

Trumps schwindender Handlungsspielraum

Reinhard Heinisch — Verliert Trump den Iran-Krieg in Amerika

Innenpolitische Risse in den USA

Herfried Münkler — Muss es Kriege geben

Philosophische Grundlage von Krieg als Instrument der Politik (Clausewitz)

Gilda con Arne 20 — Humanitäre Intervention im Iran & Boris Palmer

Humanitäre Intervention: Legitimitätsfrage

Gilda con Arne 23 — AfD vorerst nicht gesichert rechtsextrem & Iran-Krieg Update

Iran-Krieg im deutschen politischen Diskurs

Gilda con Arne 24 — BaWü-Wahl, Weimar gegen Buchhandlungen & Iran-Fluchtnarrative

Iran-Flucht und westliche Reaktionen

Diba Mirzaei — Irankrieg & Geschichte (Jung & Naiv 815)

Iran-Forscherin mit historischer Tiefe; Perspektive auf Revolutionsgeschichte, IRGC, Golfstaaten-Dilemma und westliche Doppelstandards

Volker Quaschning — Sprit-Abzocke und Ölabhängigkeit

Quaschning ergänzt die geopolitische Analyse um die ökonomische Dimension: Der Iran-Krieg macht Europas fossile Abhängigkeit schmerzhaft sichtbar. Das Sicherheitsdilemma (Sternstunde) und die Energiepolitik (Quaschning) sind zwei Seiten derselben Verwundbarkeit.

PhoenixRunde — Trumps Iran-Krieg: Chaos oder Strategie?

Vier Experten (Fathollah-Nejad, Reinicke, Jäger, Kormbaki) debattieren Chaos vs. Strategie. Komplementär zur Sternstunde: wo Schyek/Safiarian den historisch-philosophischen Rahmen liefern, analysiert die PhoenixRunde konkrete Verhandlungsoptionen, Bodentruppen-Szenarien und die Hormuz-Blockade als aktuellen Druckhebel.

Staiy — News Machtmissbrauch CDU CSU (25.03.2026)

STAIY zum aktuellen Stand (25.03.2026): Iran verspottet Trump, 82. Luftlandedivision, Bodentruppen-Eskalation. Bestätigt die Sicherheitsdilemma-Spirale der Sternstunde.

ARTE Mit offenen Karten — Die Sojabohne als geopolitische Waffe

Beide kartieren dieselbe Weltordnung: wirtschaftliche Abhängigkeiten (Energie, Nahrung) werden zu militärisch-politischen Waffen, multilaterale Institutionen versagen dabei.

taz Reingehen — Wer das Öl hat, hat das Sagen

Ulrike Herrmann liefert die ökonomische Detailanalyse zur geopolitischen Diagnose der Sternstunde: warum die Straße von Hormus Trump machtlos macht und der Iran strategisch gewinnt — Zahlen und Mechanismen hinter der Machtverschiebung

Helen Keller — Voelkerrecht zahnloser Tiger

Keller (SRF, 19.04.2026) führt die Sternstunde-Reihe zum Iran-Kontext weiter: Wo Schyek/Safiarian geopolitisch analysieren, liefert Keller die völkerrechtliche Tiefenanalyse — R2P, Haftbefehle, Verhältnismäßigkeit.

Die Neuen Zwanziger — Salon Lektueren Februar 2026

Schmitt/Schulz zum Iran-Kontext: Herrmanns Passivitäts-Narrativ des Westens ignoriert, dass die JCPOA-Kündigung die Eskalation verursachte

Bundestalk — Iran USA und die Strasse von Hormus

taz-Runde konkretisiert das Sicherheitsdilemma: Trump muss besseres Abkommen als den zerrissenen JCPOA vorlegen

Torsten Heinrich — Was die Tagesschau verschweigt

Heinrich ergänzt die Sternstunde-Geopolitik um die Ukraine-Dimension: identisches analytisches Werkzeug (Völkerrecht, geographische Logik, Medienkritik), angewandt auf den europäischen Konflikt statt den nahöstlichen

Abdolkarim Soroush — Reformation des Glaubens von innen

Soroushs intellektuelle Biografie ist der persönliche Unterbau zur geopolitischen Analyse: Was Schayegh und Safiarian strukturell über das Regime beschreiben, hat Soroush am eigenen Leib erfahren — Lehrverbot, Exil, Verfolgung. Die Islamische Republik als Feind jeder innerislamischen Reform.